24. Internationales Filmfest Oldenburg: Die ersten Filme und Retrospektive

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus! Es ist ja kein Geheimnis, dass ich ein großer Freund des Internationalen Filmfests in Oldenburg bin, wohin es mich jedes Jahr aufs Neue zieht. Zwar würde ich gerne auch mal die Festivals Norderney/Emden, Braunschweig, Osnabrück oder sehr gerne auch mal wieder Lübeck besuchen, aber als berufstätiger Familienvater muss man sich da leider (noch immer) einschränken, und aufgrund meiner vielen anderen zeitraubenden Aktivitäten ist dann eben derzeit nur ein Filmfest im Jahr drin. Umso größer meine Freude, dass das Oldenburger Filmfest – welches immer einen familiären Charakter hat, bei dem ich mich wohl fühle – jedes Jahr wieder ein sehr vielversprechendes und überraschendes Programm aus dem Hut zaubert. Da braucht es dann auch keinen Superstar wie Nicolas Cage, um mich glücklich zu machen.

Edward R. Pressman

Wie immer war ich gespannt, wem die diesjährige Retrospektive gewidmet sein wird. In der Vergangenheit hat gerade die Retro bei mir zu wunderbaren Entdeckungen geführt (George Armitage! Philippe Mora!!). Dieses Jahr wird erstmals ein Filmproduzent mit einer Retrospektive geehrt. Der Name Edward R. Pressman sagte mir jetzt erstmals nicht, aber ein Blick auf die von ihm produzierten Filme lässt die Augen größer werden und das Herz schneller schlagen: „Badlands“ (1973), „Phantom of the Paradise“ (1974), Wall Street (1987), „Bad Lieutenant“ (1992), „The Crow“ (1994), „American Psycho“ (2000), „Thank you for Smoking“ (2006). Laut der Pressemitteilung blickt „der gebürtige New Yorker auf eine inzwischen 50jährige Karriere zurück, in der er seit 1967 über 80 Kinofilme produzierte und zahlreiche Ehrungen erhielt. Als einer der ganz wenigen Produzenten in den USA, der seine Projekte mit Leidenschaft und Herz begleitet, hat Pressman Filme ermöglicht, die im kommerziellen System Hollywoods ohne ihn kaum entstanden wären. Künstlerisch ebenso ambitionierte wie eigensinnige Filmemacher wie Terence Malick, James Toback Abel Ferrara oder auch Brian de Palma konnten erste Filme umsetzen, die dann künstlerisch nachhaltig das amerikanische Kino berührt haben und ohne Pressman kaum denkbar wären. Ed Pressman wird während des gesamten Festivals in Oldenburg zu Gast sein und 8 seiner Filme im Rahmen der ihm gewidmeten Retrospektive vorstellen“.

Auch die ersten Programmhighlights wurden bekanntgegeben. Und die klingen alle sehr vielversprechend. Insbesondere die beiden Filme des mir bisher unbekannten Simon Rumley habe ich schon mal auf meine persönliche „Guck-ich“-Liste gesetzt. Aber auch „Junk Head“, „Touched“ und „A Violent Man“ haben bereits mein Interesse geweckt.

A Violent Man, USA 2017, von Matthew Berkowitz

Als der noch unbekannte MMA-Fighter Ty Matthews als Sparringspartner den bis dato unbesiegten Champion zu Boden bringt, bringt ein heimlich gefilmtes Video sein Leben auf einen Schlag durcheinander. Das Video geht viral und es dauert nicht lange, bis Ty zum heimlichen Star der Branche wird und ihm ein Meisterschaftskampf winkt. Als die Reporterin, die seine Geschichte
groß rausbringen will, tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, gerät er unter Verdacht. Ihm bleibt nichts über als zu kämpfen – um die Liebe seines Lebens, seine Unschuld, seine Freiheit. Regisseur
Matthew Berkowitz hat eine mutige und ungewöhnliche Besetzung vor die Kamera geholt. Ex-Football-Spieler Thomas Q. Jones (bekannt aus „Straight Outta Compton“), UFC Hall of Fame-Legende Chuck Liddell sind ebenso wie Denise Richards neben Charakterdarstellern wie Bruce Davison und Isaac de Bankolé zu sehen. WELTPREMIERE

Bernard & Huey, USA 2017, von Dan Mirvish

Zwei alte Freunde, wieder vereint. Die Comicfiguren vom Pulitzerpreisträger Jules Feiffer erwachen in der Komödie vom preisgekrönten Regisseur und Slamdance Mitbegründer Dan Mirvish zum Leben. Oscargewinner Jim Rash verkörpert Bernhard, der als erfolgreicher New Yorker Junggeselle den Frauen die Köpfe verdreht bis sein alter Freund Huey, Saturday Night Live Komiker David Koechner, wieder in sein Leben tritt. Die beiden Männer fallen zurück in alte Muster, Frauen aus dem Leben des jeweils anderen aufzureißen. Eine Komödie über zwei Männer, die sich selbst finden, während sie sich gegenseitig um den Verstand bringen. WELTPREMIERE

Crowhurst, UK 2017, von Simon Rumley

Inspiriert von einer wahren Geschichte erzählt Regisseur Simon Rumley die Geschichte von Donald Crowhurt, einem 35-Jährigen vierfachen Vater, der in See sticht um eine der letzten großen Abenteuer des 20. Jahrhunderts anzutreten – das Sunday Times Golden Race um die Welt. Der Geldpreis verspricht die Lösung aller Probleme des einfaches Elekronikers, und so schlägt der unerfahrene Segler alle Bedenken in den Wind und setzt die Segel. Eine wahre Geschichte, die Simon Rumley mit dem ihm eigenen Sinn für die dunkle und bizarren Abgründe im menschlichen Wesen umsetzt. Eine Reise in absolute Einsamkeit die sich immer weiter vom Kurs der Ratio entfernt. Simon Rumleys Kultstatus der Genre- und Underground Fans wird hier mit einer neuen Facette seiner Erzählkunst bereichert. WELTPREMIERE

Fashionista, USA 2017, von Simon Rumley

Das Leben der Secondhandladen-Besitzerin April zerbricht, als sie herausfindet, dass ihr Ehemann eine Affäre mit ihrer Mitarbeiter hat. Um Vergeltung zu üben, beginnt April ihrerseits daraufhin ein Verhältnis mit einem reichen Playboy, einem narzisstischen Kontroll-Freak mit extremen sexuellen Vorlieben. Sie flieht sich in ihre fast fetischartige Sucht nach „Fashion“ – und das nicht nur auf Kosten ihres Verstandes. Simon Rumley trägt ein grassierendes Phänomen unserer Zeit in das Genrekino und erzählt die Geschichte eines Fashion-Victims als tragische Fetisch Lovestory. Seine Hauptdarstellerin Amanda Fuller ist spätestens seit Rumleys hochgelobtem „Red White & Blue“ ein Darling der Indie-Underground Szene und liefert hier als April eine beängstigend gute Performance ab. DEUTSCHLANDPREMIERE

Junk Head, Japan 2017, von Takahide Hori

“Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt” – Im Fall des japanischen Künstler Takahide Hori begann diese Reise mit einer ersten Einstellung, einem ersten Bild. Nach unzähligen weiteren Einzelbildern, Momenten und selbstgebauten Settings, nach insgesamt 7 Jahren Arbeit, entführt Hori seine Zuschauer mit einem einzigartigen Stop-Motion-Epos in eine
weit entfernte Zukunft und eine zutiefst berührende, menschliche Geschichte. 1200 Jahre nach der Rebellion der Klone schicken die Menschen einen Expeditionstrupp tief hinunter zum Unterreich ihrer Nemesis, um wichtige Informationen zur Rettung der menschlichen Spezies zu sammeln. Der Begriff „Unabhängigkeit“ erfährt mit diesem Film eine neue Definition. Regie, Buch, Schnitt,
Kamera, Bauten und sogar einige der Stimmer der Figuren gehen auf das Konto des obsessiven Filmemachers. EUROPAPREMIERE

Quest, USA 2017, von Santiago Rizzo

Auf der Grundlage seines eigenen Lebens erzählt Santiago Rizzo die inspirierende Geschichte eines verlorenen Teenagers, die von seinem Mentor und Lehrer geschrieben wurde, der sein Leben rettete – Tim Moellering. Im Jahr 1995 geriet der 13-jährige Mills auf die Straße, als er der häuslichen
Gewalt seines Stiefvaters zu entkommen versucht. Er wird von der Polizei aufgegriffen, landet in Jugendstrafe und findet Freunde unter einer Sprayer Gang. Graffiti wird sein Ruf nach Freiheit und Hilfe. Während das System versagt, stellt ein Mann an seine Seite und weigert sich, den Jungen aufzugeben. Dash Mihok spielt diese Rolle des Tim Moellering mit Zurückhaltung und Eindringlichkeit und Hollywood Legende Lou Diamond Phillips glänzt als brutaler, seelisch vernarbter Stiefvater. Santiago Rizzi umschifft alle Gefahren zu großer Nähe zur Story und berührt nachhaltig mit diesem bemerkenswerten Debüt. WELTPREMIERE

Touched, Kanada 2017, von Karl R. Hearne

Nach seinen preisgekrönten Kurzfilmen, die bei so prestigeträchtigen Festivals wie Toronto und SXSW in Austin uraufgeführt wurden, legt Karl R. Hearne mit „Touched“ nun sein Spielfilmdebut vor. Teils Mystery Story, teils Geistergeschichte, verwebt Hearne so elegant wie gekonnt Genres zwischen Drama und Horror in dieser psychologisch ausgefeilten und emotional tiefgehenden Geschichte um zwei einsame Wesen, die ohne Liebe aufgewachsen sind. Hearne zeigt die zerbrechliche Kraft der menschlichen Güte und erzählt dennoch eine Geschichte, die sich dem Genre des Thrillers bedrohlich annähert. Ein außergewöhnliches Debüt. WELTPREMIERE

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