Blu-ray-Rezension: „Love Exposure“

Von , 20. Oktober 2015 20:38

loveexposureAls Yus (Takahiro Nishijima) geliebte und tiefgläubige Mutter stirbt, gibt sie dem Jungen eine Marienfigur und prophezeit ihm, dass er irgendwann seine eigene Maria finden wird. In seiner Trauer wird Yus Vater Tetsu (Atsuro Watabe) katholischer Pfarrer. Doch eines Tages kommt die durchgeknallte Kaori (Makiko Watanabe) in seine Kirche und Tetsu beginnt eine heimliche Affäre mit ihr. Als sie ihn verlässt, nimmt Tetsu fanatische Züge an, und er zwingt Yu täglich, seine Sünden zu beichten. Da Yu aber ein sehr braver und gutmütiger Junge ist, hat er keine Sünden zu beichten. Um seinen Vater trotzdem zu gefallen, denkt er sich Sünden aus, was dem Vater aber sofort auffällt. Also beginnt Yu echte Sünden zu begehen, damit sein Vater ihm die Beichte abnehmen kann. Er wird ein Unterhöschen-Fotograf und bald schon Star der Pornoproduktion Bukkake-Productions. Als er eines Tages gegen seine Kollegen und Freunde eine Wette verliert, muss er als Manga/Filmheldin „Sasori“ verkleidet durch die Straßen laufen. Dabei begegnet er Yoko (Hikari Mitsushima), von der er sofort überzeugt ist, dass sie seine Maria ist. Dummerweise ist diese gerade in einen Straßenkampf verwickelt, hasst Männer und stellt sich zu allem Überfluss noch als Kaoris Pflegetochter heraus. Außerdem ist noch eine geheimnisvolle Sekte hinter ihm her, Yoko verliebt sich in „Sasori“ und glaubt sie wäre lesbisch, und dann mischt sich noch eine diabolische Abgesandte der Sekte (Sakura Ando) permanent in sein Leben ein und macht Yoko schöne Augen…

Willkommen in der wilden Welt des Sion Sono. Neben Takeshi Miike und – mit Abstrichen – Takashi Kintano, zählt der 1961 geborene Sono nicht nur zu den bekanntesten, sondern auch unberechenbarsten Filmemachern Japans. Gerade mit Miike verbindet ihn auf den ersten Blick viel. So sind auch Sonos Filme ein Konglomerat an Themen, Stilen und Genres, die wild durcheinander geworfen und gerne auch auf die Spitze oder gar darüber getrieben werden. Doch im Gegensatz zu Miike, der auch gerne mal einen höchst kommerziellen Auftrag annimmt und dabei, wenn es sein muss, seine Exzesse auch einmal unter Kontrolle halten kann, scheint Sono in seinen Werken keinerlei Maß zu kennen. Insbesondere gilt dies für sein Mammutwerk „Love Exposure“, welches einem geschlagene vier Stunden die wildesten Bilder, Wendungen und Fantasien um die Ohren schlägt, ohne dabei auch nur einmal langweilig zu werden. Was insbesondere daran liegt, dass Sono trotz all des Wahnsinns seine Figuren ernst nimmt und man seine Liebe zu ihnen spürt. Diese Liebe, aber auch die Liebe an sich, bildet den roten Faden, an dem man sich durch den scheinbaren Irrsinn der Geschichte hangelt. Sonos Geschichte spiegelt zwar vor, in unserer Welt zu spielen, doch in Wirklichkeit bildet sie bizarres Parallel-Universum, in welchem man sich aber trotz der merkwürdigen Dinge, die hier geschehen, durchaus heimisch fühlt.

Alles an „Love Exposure“ ist Exzess. Sono lässt auch gerne mal 30 Minuten lang Ravels Bolereo im Hintergrund laufen und trotz dieser Dauerbeschallung fängt das Herz an zu klopfen, wenn der der Bolero dann plötzlich anschwillt, lauter und immer schneller wird, um orgiastisch aus den Bildern heraus zu brechen. Oder nimmt minutenlang nur das Gesicht seiner Hauptdarstellerin Hikari Mitsushima auf, die voller Leidenschaft und Verzweiflung ersten Brief an die Korinther rezitiert und am Ende unter Tränen förmlich aus sicher heraus schreit. Darunter lässt er den 2. Satz aus Beethovens 7. Symphonie laufen, was die ganze Szene noch einmal auf ganz eigene, aufwühlende Ebene hebt. Da spritzt das Blut in meterhohen Fontänen, nimmt der Held Yu, gespielt vom androgynen Takahiro Nashijima, unzähligen Perversen die Beichte ab. Und es wird die Kunst des „Unterhöschen-Fotografierens“ im Stile eines asiatischen Martial-Arts-Film inszeniert, was einem mit halsbrecherischer Eleganz den Atmen stocken lässt. Doch trotz all der zahlreichen und absurden Handlungssträngen, dem Wahnsinn, den postmodernen Spielereien und den immer wieder auftauchenden infantilen Albernheiten hat „Love Exposure“ einen starken roten Faden, der dieses Kaleidoskop zusammenhält: Die Liebe.

Yu und Yoko sind füreinander bestimmt, doch es dauert lange, bis sie zueinander finden. Die ganze erste Stunde des Films steuert auf dem Ereignis ihres ersten Treffens zu. Immer wieder wird diese durch Hinweise, dass etwas Großes bald bevor steht, unterbrochen. Und wenn dann endlich Yu auf Yoko trifft, erscheint auch nach einer geschlagenen Stunde der Titel des Filmes aus der Leinwand. Sono inszeniert dieses Urknall der Liebe in einem aufsehenerregenden Straßenkampf. In Zeitlupe und unter den finalen Schlägen des Boleros treffen sich Yus und Yokos Blicke. Das ist dann ganz großes Kino. Danach lässt Sono den Film urplötzlich in eine romantische Liebeskomödie kippen, nur um sich dann wieder der Lustfeindlichkeit katholischen Kirche, sexuellen Perversionen und bösartigem Sektenwahnsinn zu widmen. Niemals steht man bei Sono auf sicherem Boden. Immer wieder einem dieser mit Karacho unter den Füssen weggezogen. Das einzige, dem man sich sicher sein kann, ist Yus Liebe zu Yoko. Wenn dann nach 237 Minuten das letzte Bild dieses Mammutwerkes erscheint, hätte man sich gerne noch weiter in Sonos zügellosen Welt der „Perversen“, des Tabubruchs, der popkulturellen Zitate, des Pathos und der wahren Liebe gesuhlt.

Das Bild der bei REM erschienen Blu-ray ist gut. Der Film selber wurde auf HD-Video gefilmt und anschließend so bearbeitet, dass es etwas mehr nach „echtem“ Film aussieht. Mit all seinen Vor- und Nachteilen. Der Ton liegt lediglich im O-Ton mit deutschen Untertiteln vor, was aber zu verschmerzen ist, da gerade japanische Filme in den zumeist eher steril wirkenden Synchronisationen sehr viel von ihrer Identität. Neben einem sehr schönen, wie eine Zeitung aufgemachen Booklet, gibt es auf der Blu-ray noch 22 Minuten „Deleted Scenes“ zu schauen, sowie eine informatives fast halbstündiges Making-Of, in dem noch mehr im Film nicht verwendete Szenen zu sehen sind, so dass man insgesamt auch einen guten Eindruck davon bekommt, wie die ursprüngliche, noch weitaus längere Fassung ausgesehen hat, sowie warum und wie die auf 4 Stunden „verkürzte“ Version entstand.

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