Das Bloggen der Anderen (18-04-16)

bartonfink_type2– Nicht nur aus familiären Gründen interessiere ich mich sehr für das polnische Kino. Daher wäre ich gerne auf filmPOLSKA-Festival, welches am Mittwoch in Berlin startet und auf dem innerhalb von nur einer Woche 45 Filme gezeigt werden, wie auf film-rezensionen.de berichtet wird. Mit „Anatomie des Bösen“ und „Sirenengesang“ hat Oliver Armknecht auch schon zwei interessante Produktionen besprochen, die nun auf meiner Kaufliste für den nächsten Warschau-Besuch schon ganz oben stehen.

– Gerade zu ende gegangen sind die Fantasy Filmfest Nights. Sebastian war da und hat für Nischenkino die J.G.Ballard-Verfilmung „High-Rise“, Yorgos Lanthimos Hollywood-Debüt „Lobster“, sowie den südkoreanischen „Veteran“ und die Enttäuschung „Pandemic“.

– Vom 7. bis 10. Januar fand in Nürnberg wieder einmal der Hofbauer-Kongress statt. Nach drei Monaten hat nun Silvia Szymanski die Zeit gefunden, noch einmal in ihrer ganz unnachahmlichen und wundervollen Art auf alle gesehen Filme und das Drumherum einzugehen. Nachzulesen auf Hard Sensations. Ebenfalls dort zu lesen: Sebastian Seligs leidenschaftliche Hymne auf Nicolette Krebitz‘ „Wild“. Katrin Krause setzt sich sehr intensiv mit einem Film auseinander, den ich für eine der besten deutschsprachigen Produktionen der letzten Jahre halte: Benjamin Heisenbergs großartige „Der Räuber“.

– Sonja Hartl setzt auf B-Roll ihre Reise durch den amerikanischen Film Noir fort und berichtet von dessen Anfangszeit. Joachim Kurz äußert sich besorgt um Gegenwart und Zukunft des Films. Lucas Barwenczik hat einen sehr spannenden und diskussionswürdigen Artikel über die gerade hippe Faszination mit dem Kino der 80er Jahr verfasst. Prädikat: Sehr lesenswert. Und Patrick Holzapfel widmet sich Christian Petzolds filmischen Werk und erklärt, warum ihm im Ausland soviel mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als hier.

– Auch Film im Dialog widmet sich diesmal ausgiebig dem Regisseur Christian Petzold.

– Schlombie von Schlombies Filmbesprechungen schaut weiter Gialli. Über seine Einschätzung von Fulcis meiner Meinung nach brillanten „Nackt über Leichen“ können wir noch einmal sprechen, bei „The Child – Eine Stadt wird zum Alptraum“ bin ich wieder ganz bei ihm. Ebenso bei meinem „guilty pleasure“ „Die Nacht der blanken Messer“, wobei ich eins korrigieren möchte: „Ein angedeuteter Analsex auf Zwang wird zu einer lustig gemeinten Täuschung, über die beide Sexualpartner nach der Aufdeckung dass er nur als Scherz gemeint war, herzlich lachen können.“ Die Szene geht noch einige Sekunden weiter und… na, schaut selber.

– Für Italophile und solche, die es werden wollen lief ja vom vom 01.-03.April die Terza Visione 3 in Nürnberg. Udo Rotenberg war da und schreibt auf L’amore in città über den dort gezeigten Italo-Western „Drei Pistolen gegen Cesare“.

– Weiter in Italien. Totalschaden von Splattertrash hat sich Dario Argentos zumeist von den Fans in der Luft zerrissenen „Phantom der Oper“ angeschaut, und seine sehr wohlwollende Besprechung macht – mir zumindest – noch einmal Lust, dem Film eine dritte oder vierte Chance zu geben.

– Oliver Nöding dringt auf Remember It For Later weiterhin tief in die seltsame Filmwelt ein, die Joe D’Amato in seinen Spät-80er Erotikfilmen schuf. Hier am Beispiel von „Dirty Love“ und „11 Days, 11 Nights 2“.  „Seriöser“ wird es dann mit einem der Großmeister und Olivers Kniefall vor John Fords „The Lost Patrol“.

– Bianca Mewes von „Duoscope“ geht fremd – und war bei Die Nacht der lebenden Texte, wo sie im vierten Teil der Billy-Wilder-Retrospektive über „Das verlorene Wochenende“ schreibt.

– Gabelinger hat für Hauptsache (Stumm)Film einen Film wiederentdeckt, von dem er schreibt: „The Human Comedy soll Louis B. Mayers absoluter Lieblingsfilm gewesen sein. Heute ist er, jedenfalls hierzulande, völlig vergessen, obwohl er damals auch in den deutschen Kinos lief. Interessant ist vor allem seine Entstehungsgeschichte – der Film selbst ist kaum der Rede wert.“ /

– Ich kann mich noch gut daran erinnern, als David Leans letztes Werk „Reise nach Indien“ in die deutschen Kinos kam und generell eher verhalten aufgenommen wurde. Für MacReady von Die drei Cineasten ist er allerdings „bisher der beste Film von David Lean, da er meisterlich den Spagat zwischen Leinwandmagie und kritischem Gerechtigkeitsdrama schafft.“

– Flo Lieb vergleicht auf symparanekronemoi anhand von „Stand By Me“ die Buchvorlage mit den Film.

– Sascha auf Die seltsamen Filme des Herrn Nolte über Alfred Vohrers „Sieben Tage Frist“, der mir schon häufig ans Herz gelegt worden ist und der jetzt so langsam ins Haus muss.

Der Kinogänger hat Neues aus Hollywood und Alex Matzkeit auf real virtuality wieder Real Virtualinks.

Veröffentlicht unter Allgemein, Internet | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

„Sigi Götz Entertainment“ braucht Hilfe!

sgeIch weiß nicht, ob ich auf diesen Seiten schon einmal von dem wundervollen Druckerzeugnis „Sigi Götz Entertainment“ (kurz SGE) geschwärmt habe. Eine kleine, aber sehr feine Zeitschrift, die mich vier Mal im Jahr mit – wie ich es gerne nenne – „Nachrichten aus einer besseren Parallelwelt“ versorgt. Entstanden im Dunstkreis der Münchener Filmfreunde um das legendäre Werkstattkino, berichtet SGE auf fabulöse Weise über eine vergangene deutsche Filmwelt und Menschen, die in einer besseren Welt heute Allgemeinwissen wären. Die aber ihr Dasein in einem Schattenreich führen, welches nur einigen Eingeweihten bekannt ist. Und diese zerren dieses Wissen aber mit viel Liebe und Herz an die wärmende Sonne. Klar, dass sich damit zwar Respekt und Gegenliebe verdienen lassen, aber kein Geld. SGE ist und bleibt eine Herzensangelegenheit. Und dieses Herz droht nun von skrupellosen Geldgeiern herausgerissen zu werden. Stichwort: Abmahnmafia.

Vor einigen Tagen erreichte mich folgende Email:

Liebe SGE-Leser, Freunde und Förderer,

im vergangenen Monat mußte SigiGötz-Entertainment auf schmerzliche Weise Lehrgeld bezahlen: Eine Anwaltskanzlei hat uns darauf aufmerksam gemacht, daß wir mit einem Foto auf der SGE-Webseite das Urheberrecht eines ihrer Mandanten verletzt haben. Wir wurden genötigt, das Foto zu entfernen, eine Unterlassungserklärung abzugeben und anhand einer Aufstellung der Lizenz- und Rechtskosten aufgefordert, 1025 Euro zu zahlen, die wir schließlich auf 800 Euro runterhandeln konnten

Da wir mit SigiGötz-Entertainment leider immer noch kein gewinnbringendes Unternehmen geworden sind (man darf sich da von den bisweilen hochstaplerischen Äußerungen unseres Mitarbeiters Erich Lusmann nicht in die Irre führen lassen) und wir uns vor allem keine Kriegskasse angelegt haben, bringt uns dieser Rechtsstreit ganz schön in Schwierigkeiten, so daß wir in diesem Jahr voraussichtlich nur eine SGE-Ausgabe finanzieren können.

Aus diesem Grund starten wir mit dieser Rundmail die Initiative „Notopfer SGE“: Jeder Spender, der uns mit einem Beitrag aus dieser Bredouille hilft, wird auf der extra zu diesem Zweck eingerichteten SGE-Wall-Of-Compassion gewürdigt (die wir in der nächsten Ausgabe vorstellen). Kleinstspenden sind ausdrücklich willkommen.

Den Teil mit dem beanstandeten Foto und dem Namen des Klägers habe ich mal raus gekürzt, um nicht auch noch Scherereien zu bekommen. Kann man aber hier finden, ebenso wie den Kontakt für den SGE-Notgroschen.

Ohne SGE wäre die Welt noch ein Stückchen dunkler. Darum helft mit!

Veröffentlicht unter Allgemein, Bücher | Verschlagwortet mit | Schreib einen Kommentar

Blu-ray-Rezension: „Thief“

thiefDer Ex-Sträfling Frank (James Caan) ist offiziell als Autohändler und Barbesitzer tätig, doch in Wirklichkeit verdient er sein Geld als professioneller Juwelendieb. Und als solcher gehört er zu den Besten seiner Zunft. Als nach einem erfolgreichen Beutezug sein Anteil in die Hände von Gangstern fällt, versucht er alles, um sein Geld zurückzubekommen. Dabei lernt er Leo (Robert Prosky) kennen, der Kopf der Gangsterbande. Leo will, dass Frank exklusiv für ihn arbeitet und macht ihm ein lukratives Angebot. Frank zögert zunächst, da ihm seine Unabhängigkeit über alles geht. Als Frank und seine Freundin Jessie (Tuesday Weld) ein Kind adoptieren wollen, und dies von den Behörden abgelehnt wird, verschafft Leo ihnen ein Kind vom Schwarzmarkt. Frank willigt ein, einen letzten großen Coup für Leo durchzuziehen, nicht ahnend, worauf er sich dabei einlässt.

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

vlcsnap-00768vlcsnap-00771

Michael Manns Kinofilmdebüt „Thief“ als Vorstudie zu seinem epochalem „Heat“ oder seinem Nachtstück „Collateral“ zu bezeichnen, greift viel zu kurz. Mit „Thief“ gelang Mann aus dem Stand ein frühes Meisterwerk, dessen Echo sich zwar in den eben genannten, aber auch generell Manns bisherigem Schaffen wiederfindet, welches aber nicht in deren Schatten steht. Es ist erstaunlich welche Kunstfertigkeit der bis dahin lediglich als Drehbuchautor für TV-Serien aufgefallene Mann an den Tag legt, wenn es gilt wunderbare Bilder und packende Charakterzeichnungen miteinander zu verheiraten. Während viele seiner Kollegen einen „Style over substance“-Ansatz pflegen, benutzt Mann seine vollendet komponierten Bilder, um seinen Figuren einen Raum zu schaffen, in welchem sie existieren können. Und wie kaum ein anderer versteht es Mann, die urbane Nacht zu inszenieren. Ein natürliches Biotop gestrandeter Seelen, das nach Sonnenuntergang zu seinem Neon-Leben erwacht.

vlcsnap-00776vlcsnap-00783

Wenn man sich gewundert hat, woher viele der ästhetischen Entscheidungen stammen, die Nicolas Winding Refn für seinen Neo-Noir-Klassiker „Drive“ getroffen hat, der möge sich „Thief“ ansehen, um die Antwort zu erhalten. Beide Film versprühen gerade in den Fahrten durch den Großstadt-Dschungel das selbe ausserweltliche Gefühl, welches hier wie dort auch durch den nüchternen, gleichzeitig aber auch traumhaft-schwebenden Soundtrack hervorgerufen wird. Für den „Thief“-Soundtrack konnte Michael Mann die deutschen Elektro-Pioniere „Tangerine Dream“ gewinnen, für die dies nach Friedkins „Sorcerer“ der zweite große Soundtrack-Auftrag in den USA war. Dass nun ausgerechnet dieser wunderbare und atmosphärische Soundtrack in jenem Jahr bei dem Anti-Oscar, dem Razzie Award, als schlechtester Filmscore des Jahres nominiert war, spricht nicht unbedingt gegen ihn, sondern sagt viel mehr etwas über die Güte des Razzie aus, der oftmals noch engstirniger und trendverliebter ist, als sein großer Bruder, der Oscar genannte Academy Award.

vlcsnap-00787vlcsnap-00794

Die großartige Konversation zwischen James Caan und Tuesday Weld in einem nächtlichen Diner ist nicht nur eine der wundervollsten Dialogszenen der Filmgeschichte, sondern erinnert selbstverständlich auch frappierend an das mittlerweile legendäre Zusammentreffen von Al Pacino und Robert de Niro (bevor beide in seelenlosen und immer alberneren Fließbandproduktionen ihren guten guten Ruf verspielten), welches an selber Stelle in Michael Manns 14 Jahre später entstandenen „Heat“. Tatsächlich fühlt sich „Thief“ oftmals wie ein Prequel zum späteren Film an, indem der von DeNiro gespielte Neil McCauley davon spricht, dass einen nichts binden sollte und man innerhalb von 30 Sekunden alles zurücklassen können muss, if you feel the heat around the corner. Frank scheint ein junger McCauley zu sein, welcher diese Lektion erst noch schmerzhaft lernen muss. Der noch daran glaubt, diesem Leben, welches er führt, entfliehen zu können. Der sich wortwörtlich eine Traumwelt gebastelt hat, die er auf einer Postkarte geklebt immer mit sich führt. Das Ideal eines normalen, bürgerlichen Lebens, welches irgendwann zerknüllt auf einem dreckigen Parkplatz landet.

vlcsnap-00797vlcsnap-00810

Dies ist die große Traurigkeit des Filmes. Am Ende ist Frank all seiner Illusionen und Träume beraubt. Er hat erkannt, dass er in der Lage sein muss, alle Verbindungen innerhalb von wenigen Minuten zu kappen. Die Menschen, die er liebt zu verlassen, ohne ein Gefühl von Reue und Trauer zu empfinden. Zu verschwinden, wenn es nötig ist, und niemals wiederzukehren. Keine Verbindungen, keine Liebe, keine Gefühle. Ein Wolf unter Wölfen. Er muss zu McCauley werden, um in der Großstadt-Steppe zu überleben. Das Einzige, was man dem Film vorwerfen kann, ist dass er die von Tuesday Weld beeindruckend gespielte Jessie im letzten Drittel etwas vernachlässigt und der interessante Subplot mit der von Willie Nelson gespielten Vaterfigur Okla etwas unterentwickelt bleibt. Aber das sind nur kleine Kritikpunkte, die in keinster Weise an der Krone dieses großartigen Filmes kratzen können.

vlcsnap-00820vlcsnap-00827

Gleich mit seinem Kino-Debüt „Thief“ erreichte Michael Mann ein erstaunlich hohes Niveau und schuf einen Klassiker des modernen Film Noir, welcher bereits die großen Themen seiner späteren Filme behandelt. Manns grandiose Symbiose aus packender Charakterzeichnung und einer berauschenden Optik macht, im Zusammenspiel mit dem wundervollen Tangerine-Dream-Score und den furiosen Schauspielern, aus „Thief“ einen der großartigsten Filme der frühen 80er Jahre.

vlcsnap-00832vlcsnap-00834

Für diese „Ultimate Edition“ fällt mir wirklich nur noch das war „ultimativ“ ein. Hier hat sich OFDb filmworks selber übertroffen. Auf fünf Scheiben verteilt finden sich neben zahlreichen Extras gleich drei Versionen des Filmes. Wobei das Prunkstück natürlich der neue Director’s Cut ist, der nicht nur einen brandneuen 4K-Transfer spendiert bekommen hat, sondern auch von Regisseur Michael Mann noch einmal farblich überarbeitet wurde. Wer aber den Film sehen möchte, wie er einst im Kino lief, für den ist selbstverständlich noch die Original-Kinofassung dabei. Und als besonderen Bonus enthält die edel aufgemachte Edition noch einen „Special Director’s Cut“, welcher 1995 erstellt wurde. Letzterer liegt nur auf DVD vor, da die Qualität des Masters nicht für eine Bluray reichte. Die anderen beiden Fassungen sind jeweils als Bluray und DVD enthalten. Einziger Kritikpunkt: Die wunderbaren Extras sind über alle Discs verteilt, so dass man sie sich erst zusammen suchen muss, da keine Übersicht enthalten ist, wo welche Extras zu finden sind. Aber das ist Meckern auf ganz, ganz hohem Niveau.   Der neue Director’s Cut kommt mit zwei Audiokommentaren daher. Einmal von Regisseur und Drehbuchautor Michael Mann und Hauptdarsteller James Caan, der zweite von Prof. Dr. Marcus Stiglegger. Dazu kommt noch unter dem Titel „Stolen Dreams“ ein neues, viertelstündiges Interview mit James Caan. Auf der Kinofassungs-Disc gibt es eine isolierte Musik- und Effektspur, so die über eine stunde gehende Doku „The Art of the Heist – Ausführliche Analyse des Films mit Schriftsteller und Kritiker F.X. Feeney“.  Der „’special Director’s Cut von ’95 wird abgerundet von einer einstündigen Folge aus der TV-Reihe „The Directors“, die sich mit Michael Mann und seinen Filmen beschäftigt, sowie einer 23-minütigen-Episode der französischen TV-Serie „Ciné regards“ über den Schauspieler James Caan, die kurz nach Abschluss der Dreharbeiten des Films entstand. Ferner enthält die Ultimate Edition noch ein 14-seitiges Booklet mit dem Essay „Kool Killers and Violent Streets“ von Prof. Dr. Marcus Stiglegger und ein gefaltetes A4-Filmposter. Wow! Die Bildqualität ist ebenfalls umwerfend, insbesondere was den neuen Director’s Cut angeht. Aber auch die Kinofassung kann sich mehr als sehen lassen. Demgegenüber fällt der „Special Director’s Cut“ von 1995 stark ab, aber das ist mehr als zu verschmerzen. Der Originalton ist einwandfrei und liegt im Original 2.0, sowie einer 5.1. Abmischung vor. Bei der deutschen Synchronisation soll es zu einem Fehler gekommen sein, der mir aber nicht auffiel (ich habe den Film aber auch im Original geschaut und nur kurz mal die die deutsche Sprachfassung gehört). Hier sind die Tonhöhen zu tief. Ein Statement von OFDb filmworks liegt hierzu aber bereits vor.

Veröffentlicht unter DVD, Film, Filmtagebuch | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Das Bloggen der Anderen (11-04-16)

bartonfink_type2– So langsam sollte ich der Wahrheit ins Gesicht schauen, auch wenn sie noch so bitter ist. Solange die Kinder noch klein sind, werde ich es nie zum Terza Visione nach Nürnberg schaffen, auch wenn das Herz noch so brennt. Immerhin kann ich mich an den ausführlichen Berichten derer laben, die auch beim dritten Mal dabei waren. Mauritia Mayer von Schattenlichter, Alex Klotz von hypnosemaschinen und natürlich wieder besonders ausführlich Oliver Nöding von Remember It For Later. Der nicht nur die Filme „Fango Bollente“, „Cristiana Monaca Indemoniata“, „Acid – Delirio dei Sensi“ und „Danza Macabra“ vorstellt, sondern in seiner Besprechung zu „New York Ripper“ auch noch den Machern ein kleines Denkmal setzt. Da ich selber weiß, wieviel Mühe allein die Organisation eines solchen Events kostet, ist deren Einsatz, der auch die Restauration der 35mm-Rollen mit einschließt, gar nicht genug zu würdigen und es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass dies unter dem Punkt „Ehrenamt“ läuft. Und noch was – wenn mal wieder eine 35mm-Kopie des „“Rippers“ gesucht wird… einfach mal eine PN. Ich wüsste zumindest, wo hier in Bremen eine liegt.

– Udo Rotenberg schreibt auf seinem Blog Grün ist die Heide über den mir bisher völlig unbekannten, aber sich interessant anhörenden Gerne-Mix „Banditen der Autobahn“ von Géza von Cziffra.

– Patrick Holzapfel hat für sich die Filme entdeckt, bei denen der Schauspieler Gérard Blain Regie führte. Seine Eindrücke schildert er in einem englischsprachigen Text auf Jugend ohne Film.

– Stand bei Duoscope letzte Woche noch John Goodman im Mittelpunkt, wird sich in dieser Woche sehr ausführlich mit Gregory Peck auseinander gesetzt.

– Unter dem etwas sperrigen Titel „Der Zuschauer als Patient – Der zukünftige Einfluss von Biometrie und Neurologie auf das Kino“ hat Lucas Barwenczik auf B-Roll einen hochspannenden Artikel darüber veröffentlicht, wie Hollywood mithelfe von Biometrie und Neurologie seine Filme optimiert. Andreas Köhnemann fragt sich anlässlich des 40. Jahrestages von Lumets „Hundstage“, wo im zeitgenössischem Kino die wahren Maniacs geblieben sind. Christopher Diekhaus meint, dass das Nazi-Kino nicht totzukriegen ist und belegt dies anhand einiger aktueller Beispiele. Sonja Hartl wiederum beginnt eine sehr lesenswerte Serie über den Film Noir und beschäftigt sich zunächst mit dessen Ursprüngen und Vorläufern.

– Mit dem Film Noir beschäftigt sich auch Ansgar Skulme auf Die Nacht der lebenden Texte, wo er eine Serie über Robert Sidomak begonnen hat, in deren zweiten Teil er kritisch auf dessen Thriller „Gewagtes Alibi“ eingeht.

– In Deutschland gibt es nur einen Häuptling der Apachen: Pierre Brice als Winnetou. Und nur einen Old Shatterhand: Lex Barker. Weniger wissen, dass Lex Barker selber mal den Häuptling der Apachen gespielt hat, nämlich in Reginald le Borgs gleichnamigen Film. Sebastian hat den Film gesehen und auf Nischenkino besprochen.

Funxton schaut zurzeit einige Kriegsfilme. Zwei haben seine ganz besondere Aufmerksamkeit bekommen: Edward Dmytryks italienische Produktion „Schlacht um Anzio“ und Don Siegels „Die ins Gras beißen“ mit dem jungen Steve McQueen.

– Double Feature auch bei Schlombie von Schlombies Filmbesprechungen, der sich sowohl Tourneurs „Katzenmenschen“ als auch Paul Schraders Remake von 1982 mit der Kinski angesehen hat. Zwar geht Schlombie mit der Schrader Version härter ins Gericht (hier würde ich an vielen Stellen widersprechen wollen. Ganz besonders was die Bewertung von Bowies „Putting Out the Fire With Gasoline“ als einen der schwächsten Songs des Meisters angeht!), beide Versionen bekommen von ihm aber ein „sehenswert“. Tolles neues Design der Seite übrigens. Gefällt mir sehr gut!

– Philipp Baumgartner äußert sich auf Daumenkino sehr positiv über Nicolette Krebitz‘ „Wild“.

Der Kinogänger hat „Neues aus Hollywood“.

– Alex hat auf real virtuality wieder Real Virtualinks.

– Und gleich geht es ins Kino! Guy Maddin gehört eh zu meinen Helden, die Nachricht, dass sein neuer Film „The Forbidden Room“ hier in Bremen im Kommunalkino läuft, lässt mein Herz schneller schlagen und Oliver Armknechts Besprechung auf film-rezenionen.de hat mich noch mal kräftig angefixt.

Veröffentlicht unter Allgemein, Internet | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Filmbuch-Rezension: “ Werner Herzog – An den Grenzen“

Bertz+Fischer_Werner_HerzogWährend Werner Herzog in den USA einen fast schon mythischen Status besitzt, wird er in Deutschland leider größtenteils noch immer auf seine legendäre Zusammenarbeit mit Klaus Kinski reduziert. Daher erfreut sich auch aus seinem späteren Werk hierzulande gerade mal der Kinski-Dokumentarfilm „Mein liebster Feind“ einer größeren Popularität. Dabei sind insbesondere Herzogs Dokumentarfilme, die in den letzten beiden Jahrzehnten vornehmlich in den USA entstanden, hochinteressant. Und auch die in Herzogs Heimatland gerade mal auf DVD veröffentlichten Spielfilme müssen sich nicht hinter den Werken aus den 70ern und 80ern verstecken. Stichwort „verstecken“. Herzogs in den Staaten gefeierter Dokumentarfilm „Tod in Texas“ wurde bisher nur einmal in Deutschland gezeigt, versteckt im Nachtprogramm des ZDF. Noch schlechter erging es der daran anschließenden TV-Reihe „Death Row“, die 2014 im ZDFInfo-Kanal lief. Beide Werke stehen im Zentrum des bei Bertz + Fischer erschiene Buches „An den Grenzen“, welches sich mit Herzogs, hier wie gesagt leider unbekannteren, Spätwerk beschäftigt. Eine wichtige, überfällige Veröffentlichung, die hoffentlich hilft, auch in unserem Land das spannende Werk Herzogs jenseits seiner Filme mit Klaus Kinski, endlich in den Fokus zu rücken.

Wie die Herausgeber Kristina Jaspers und Rüdiger Zill im Vorwort ausführen, entstand der Grundstock der Beiträge anlässlich eines Symposiums, welches die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen und das Einstein Forum am 26. Oktober 2012 gemeinsam veranstalteten. Der erste Beitrag „Der Zirkelschluss als einzig mögliche Form der Existenz“ von Chris Wahl befasst sich mit Herzogs Suche nach „unverbrauchten“ und verborgenen Bildern, sowie seinen Strategien, an diese zu gelangen. Die erste Strategie ist laut Wahl das Motiv der Kreisbewegung, die zweite die Einbindung von „Found Footage“ und die Einpassung von diesem in seine eigenen Erzählungen. Kristina Jaspers beschäftigt sich in „Poesie und Pathos“ damit, wie Herzog seine Stimme und Musik in seinen Filmen einsetzt.

In dem spannenden Abschnitt „Razzle Dazzle“ analysiert Esther Buss am Beispiel der Filme „The Bad Lieutenant: Port of Call“ und „My Son, My Son, What Have Ye Done“, wie Herzog Erwartungen unterläuft, den Zuschauer täuscht und damit zwei fremde Drehbücher zu einem Herzog-Film umbiegt. Passend zu den teilweise bizarren Tieraufnahmen in vorgenannten Filmen, folgt darauf „Herzogs Zoo“ von Sabine Nessel, wo es – wie der Name schon sagt – um Tierdarstellungen in den neueren Dokumentarfilmen von Werner Herzog geht.

„To Explore the Procedure of Human Vision“ von Rüdiger Zill befasst sich eingehend mit Herzogs Film „Die Höhe der vergessenen Träume“ und geht unter anderem der Frage nach, ob und wo Herzog etwas fingiert hat und was seine Beweggründe waren. Valérie Carrés sehr interessantes und informatives Kapitel „Jeder Mensch ist ein Abgrund“ beschäftigt sich mit Herzogs Dokumentarfilmen über die Todesstrafe in den USA. Umso bedauerlicher, dass gerade diese aktuellen Werke bislang noch so schwer zugänglich sind (siehe meine einleitenden Worte oben).

„Von einem, der auszog, uns fremd zu bleiben“ von Bernd Kiefer handelt von den neueren Images Herzogs und hat eine recht desillusionierende Wirkung, da Kiefer das Bild, welches man von Herzog hat, als sehr kalkulierte Rolle entlarvt. Dieses Bild ist nach Kiefer nur eine immer wieder wechselnde Maske, die Herzog kunstvoll formt und die er nutzt, um sich selbst als Marke zu etablieren, und einen Mythos um seine Person zu schaffen. Welche er darüber hinaus aber auch nutzt, um den echten Werner Herzog vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Geht man mit Kiefers Argumenten mit, dann dekonstruiert er ziemlich gründlich das Bild, welches man sich von Herzog gemacht hat (bzw. dem man laut Kiefer aufgesessen ist).

Einem ganz anderen Bereich wendet sich „Kunst als Kunstvermittlung“ von Daniel Kothenschulte zu. Hier geht es ausschließlich um eine Video-Installation, die Herzog am 1. März 2012 im Rahmen der Whitney-Biennale im gleichnamigen New Yorker Museum ausstellte. Sie trug den Titel „Hearsay of the Soul“ und verband Gemälde des niederländischen Landschaftsmalers Hercules Segers (1590-1638) mit der Musik von Ernst Reijseger, der einige von Herzogs Filmen vertont hatte.

Klara Hobzas Beitrag „Der Welt aus dem Bild heraus begegnen“ hatte ich zuvor als „Lückenfüller“ abgetan. Handelt es sich hier doch um die Aufzeichnungen der Künstlerin Hobza, die in einem Herzog-ähnlichen Projekt Europa durchtauchen will. Tatsächlich entpuppt sich ihr Beitrag aber als Höhepunkt dieses Bandes, da sie mit sehr viel Elan und Enthusiasmus von ihrer Teilnahme an Werner Herzogs Rouge Film School berichtete. Ein Enthusiasmus, der sich auf den Leser überträgt und somit ein sehr schönes, lebendiges und positives Gegengewicht zu Bernd Kiefers eher düsteres Herzog-Portrait bildet. Ein „Lückenfüller“ ist eher Christoph Hochhäuslers Beitrag „Am eigenen Schopf“, der zwar wunderschön geschrieben ist, aber gerade mal eine einzige Seite umfasst.

Ergiebiger ist da die sehr persönliche Laudatio „Die Grenzen des Menschseins überschreiten“ von Edgar Reitz, die dieser anlässlich der Verleihung des Kulturellen Ehrenpreises der Landeshauptstadt München an Werner Herzog am 20. Januar 2015 hielt. Reitz fasst hier noch einmal Herzogs Werdegang, seine Filme, Methoden und Überzeugungen zusammen und reichert diese durch viele persönliche Anmerkungen und Anekdoten an. Einer der schönsten Texte dieses Buches.

Abgerundet wird „An den Grenzen“ durch einige Texte Herzogs, die dem Leser seine Sicht auf das Filmemachen deutlich machen. Dies wären „Die Minnesota Erklärung“ in der Herzog in 10 knappen Punkten formuliert, worum es bei seiner Art des Dokumentarfilms geht. Weiter führt Herzog dies dann in dem längeren Vortrag „Vom Absoluten, dem Erhabenen und ekstatischer Wahrheit“ aus, den er 2009 in Mailand hielt und der für das Verstehen von Herzogs Sicht essentiell ist. In „Schwanger gehen mit ganzen Provinzen“ schrieb Herzog bereits 1983 in der Süddeutschen Zeitung über den über den Landschaftsmaler Hercules Seger, dem er dann 2012 ins Zentrum seiner Video-Installation im Whitney-Museum, New York gestellte. Dem folgt „Hörensagen der Seele“, ein Text aus dem Katalog eben jener Ausstellung. Nach den 12 Regeln seiner „Rouge Film School“, schließt das Buch mit einem ausführlichen Publikumsgespräch ab, welches Herzog anlässlich der Aufführung zweier Folgen seiner TV-Doku-Serie „On Death Row“ im Oktober 1012 im Berliner Arsenal Kino führte.

Insgesamt ist „An den Grenzen“ ein gewohnt gutes Buch aus dem Hause Bertz + Fischer geworden, welches viele unterschiedliche Aspekte aus Herzogs leider noch viel zu unbekannten, neueren Schaffen beleuchtet. Besonders schön sind dabei auch die spannenden Gegenpole, die durch die Artikel von Bernd Kiefer und Klara Hobza vertreten werden. Natürlich kann man bemängeln, dass viele interessante Arbeiten Herzogs hier unerwähnt bleiben. Aber es ist ja auch nicht Anspruch des Buches, jeden noch so kleinen Winkel zu durchstöbern, sondern ein möglichst breites Spektrum abzubilden. Insgesamt eine lohnende Lektüre.

Kristina Jaspers / Rüdiger Zill (Hg.) Werner HerzogAn den Grenzen, Bertz+Fischer, 208 Seiten, € 17,90

Veröffentlicht unter Bücher, Film | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

DVD-Rezension: „The Returned“

returnedOhne Vorwarnung oder Erklärung kehren die Toten plötzlich ins Leben zurück. Sie wollen ihren alten Platz in der Gesellschaft wieder einnehmen, doch die Lebenden wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Manche nehmen ihre Verstorben mit offenen Armen auf, anderen reagieren mit offener Feindseligkeit. Ihnen gemein ist die Verwirrung, diejenigen, um die sie getrauert haben, plötzlich wieder vor sich zu sehen. Unter denjenigen, die zurückkehrten ist die Frau des Bürgermeisters (Catherine Samie), der 6-jährige Sylvain (Saady Delas), der von seinen Eltern Isham (Djemel Barek) and Véronique (Marie Matheron) wieder aufgenommen wird und Mathieu (Jonathan Zaccaï), dessen Frau Rachel (Géraldine Pailhas) damit hadert, ihn wiederzusehen…

vlcsnap-00719vlcsnap-00724

The Returned“ besitzt eine der schönsten, unheimlichsten und lyrischsten Anfänge der letzten Jahre. Durch das Tor des lokalen Friedhofs strömen Hunderte von Menschen. Desorientiert, neugierig, überrascht – aber scheinbar mit einem festen Ziel. Nichts wird erklärt, der Zuschauer wird mitten ins Geschehen hineingeworfen. Doch man ahnt sofort, was diese merkwürdige Szene bedeutet. Die Toten sind auf die Erde zurückgekehrt. Was nun der Auftakt zu einem action- und blutreichen Zombie-Slasher sein könnte, entpuppt sich als exaktes Gegenteil. Obwohl „The Returned“ gerne dem Zombie-Subgenre zugerechnet wird, führt diese engstirnige Kategorisierung doch in die Irre. Ja, „The Returned“ ist ein Wiedergänger-Film, doch mehr dem Geisterfilm, denn dem Zombiefilm nahe. Oder doch wieder nicht? Es ist der große Verdienst des Regisseurs Robin Campillo und seiner Co-Drehbuchautorin Brigitte Tijou sich jeder einfachen Schublade zu entziehen und etwas Neues zu erschaffen. Eine Allegorie, die gerade in Zeiten, in denen sich manche vom „Fremdartigen überschwemmt und bedroht“ fühlen, hochaktuell ist.

vlcsnap-00727vlcsnap-00726
Die spannende Prämisse des Filmes, dass die Toten plötzlich auf die Erde zurückkehren und ganz selbstverständlich ihren alten Platz in der Gesellschaft zurück beanspruchen, führt zu interessanten Gedankenspielen und Szenarien, die weit über die 100 Minuten hinausgehen, die „The Returned“ dauert. Dass aus dem Film in Frankreich ein paar Jahre später eine TV-Serie entstand und diese wiederum in den USA ein Remake erfuhr (wie ich erfuhr – Danke an Paul – , wurde das gleiche Konzept bereits 2007 und und dann noch einmal 2014 für den Pilotfilm einer dann doch nicht realisierten TV-Serie namens „Babylon Fields“ verwendet), zeigt nicht nur wie faszinierend die in „The Returned“ aufgeworfenen Gedanken sind, sondern dass das Thema auch eine universelle Relevanz hat. Das Leben geht weiter und schließt die Lücken, die der Tod eines nahestehenden Menschen, eines Kollegen oder eines Freundes hinterlassen hat. Die Zeit heilt alle Wunden. Doch was, wenn die Grund für die Lücke plötzlich wieder da ist? Dann gibt es zwei Szenarien, die Campillo in ihrem Film auch beide durchspielen. Die Lücke wird schmerzhaft wieder aufgerissen oder es gelingt dem Rückkehrer nicht, seine alte Lücke zu finden, da die Wunde mittlerweile verheilt ist, neue Menschen in das Leben seiner Liebsten getreten sind oder sein Job an einen anderen weitergeben wurde.

vlcsnap-00729vlcsnap-00730
Hier erschüttert gerade das Schicksal einer Familie, die sich unter großen Schmerzen von ihrem tragisch verstorben, acht-jährigen Sohn verabschiedet hat. Der es irgendwie gelungen ist, ein Leben ohne das geliebte Kind zu führen. Nun ist er wieder zurück und weder Vater, noch Mutter können mit dieser Situation umgehen. Während der Vater anfängt, sich an das Kind zu klammern und es nie wieder loszulassen, erkennt die Mutter unter Tränen, dass der Junge, der zurückgekommen ist, nicht mehr der ist, der ihnen einst genommen wurde. Sie entfernt sich wieder von ihm, was den ursprünglichen Verlust nur noch schmerzlicher macht. Der Konflikt dieser Familie und die tragische Konsequenz rührt zu Tränen. Mehr noch als das Schicksal der Hauptdarstellerin, die sich daran gewöhnen muss, dass ihr Ehemann wieder da ist und sie nicht weiß, wie sie damit umgehen soll. All diese verschiedenen Geschichten hat Robin Campillo warm und nachvollziehbar inszeniert, und er konfrontieren den Zuschauer mit der Frage, ob man wirklich jemanden als Person liebt – oder nur die schönen Erinnerungen, die mit ihm assoziiert sind.

vlcsnap-00740vlcsnap-00742
Und natürlich weckt der Strom der Toten, der sich durch die Straßen ergießt, Assoziationen an die aktuelle Flüchtlingskrise. Insbesondere, wenn behelfsmäßige Unterkünfte in Turnhallen eingerichtet werden, stundenlange Debatten geführt werden und das Misstrauen gegenüber den Anderen steigt. Der Staat weiß nicht wie er der Situation Herr werden soll und verlegt sich zunächst auf die Überwachung der Bevölkerung, um am Ende dann zu drastischeren Maßnahmen zu greifen. „The Returned“ bietet auch keine einfache Lösung an, sondern lässt vieles im Vagen und fordert den Zuschauer auf, das Geschehen für sich einzuordnen. „The Returned“ ist der Impuls, der im Kopf seines Publikums eine größere Geschichte ins Rollen bringt und ihn zwingt sich manchmal schmerzhafte Fragen zu stellen. Kein Wunder also, dass man einige Jahre später auf die Idee kam, die Welt von „The Returned“ zum TV-Serien-Format zu erweitern.

vlcsnap-00746vlcsnap-00753
„The Returned“ ist eine intelligente und emotionale Variante des Wiedergänger-Films. Seine Grundidee der Rückkehrer aus dem Grab, die ihren alten Platz in der Gesellschaft einnehmen wollen und die Reaktion eben dieser Gesellschaft, regen zu den unterschiedlichsten philosophischen Gedankenspielen darüber an, was der Sinn von Leben und Tod ist.

vlcsnap-00759vlcsnap-00767
Die DVD von Koch Media punktet mit einem ausgezeichnetem Bild und einem sauberen Ton. Die deutsche Synchronisation klingt leider recht preisgünstig. Hier ist das französische Original mit seiner lebendigeren Sprache definitiv vorzuziehen. Allerdings gibt es für den nicht französischsprachigen Filmfreund hier ein dickes Manko. Die deutschen Untertitel bleiben nach knapp einer Stunde „hängen“. D.h. Bei jedem Dialog wird der immer gleiche deutsche Satz in den Untertiteln eingeblendet. Hier hat jemand nicht aufgepasst und man ist ohne sehr gute Französischkenntnisse gezwungen auf die deutsche Synchronfassung auszuweichen. Sehr ärgerlich. Ärgerlich ist auch das Bonusmaterial, denn bis auf einen Trailer ist hier absolut nichts zu finden.

Veröffentlicht unter DVD, Film, Filmtagebuch | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

“Weird Xperience”: Freitag 08.04. im Lagerhaus/etage3 – TURBO KID

Nach dem sensationell erfolgreichen „Der Bunker“ im letzten Monat, gibt es in der von Stefan und mir seit einigen Jahren betreuten Reihe WEIRD XPERIENCE noch einmal eine Bremen-Premiere. Am Freitag, den 08. April, wie immer um 20:30 Uhr (Einlass: 20:00 Uhr), zeigen wir in der etage3/Lagerhaus die Mad-Max-und-Co-Hommage „Turbo Kid“.

Wir schreiben das Jahr 1997, die Apokalypse fand schon längst statt. „The Kid“ (Munro Chambers) schlägt sich als Plünderer durch, ist Einzelgänger und vor allem Comicfan. Als er ein geheimnisvolles Mädchen trifft, ist es vorbei mit seinem Einzelgängerleben. Er findet ein Superheldenkostüm und kämpft mit ihr an seiner Seite gegen den Wasteland-Diktator, der mit allen Mitteln die Macht über alles Wasser bekommen will.

Kommt einen bekannt vor? Ja, die kanadischen Regisseure François Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell ließen sich für ihr Spielfilm-Debüt vom 80er-Jahre- Endzeit-Film inspirieren. Nicht nur in seiner Deluxe-Ausführung a la MAD MAX, sondern auch und gerade von den Filmen aus der zweiten Reihe, gerne aus Italien, die uns damals meist in Form einer VHS-Kassette erreichten.

„Turbo Kid“ wurde mit Hingabe und Detailreichtum gefilmt und inszeniert. Da wird auf alles geachtet: Inhalt, Musik, Ausstattung, Kamera. Und der Film hat mit Michael Ironside („Scanners“, „Starship Troopers“) auch einen kongenialen oberbösen Wüstenlord.

Wir freuen uns, Euch diese wahnwitzige Splatter-Trash-Komödie zu zeigen.
Oder wie schrieb critic.de: „Wenn Nostalgie aufhört, nur Pastiche zu sein, und in purer Liebe aufgeht.“

Die letzten Worte gehören aber André Becker von Das Manifest: „Ein toller, bombastisch unterhaltsamer Film, der aus jeder Pore das Herzblut aller Beteiligten atmet. Ein waschechter Crowd pleaser der nicht nur dazu einlädt, sondern der es auch zu 100% verdient hat ausgiebig gefeiert zu werden.“

In diesem Sinne: Welcome to the Wasteland!

Marco & Stefan

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=AFlZ6pVtnv0[/youtube]

Veröffentlicht unter Allgemein, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

Das Bloggen der Anderen (04-04-16)

bartonfink_type2– Ich hasse diese Woche im Jahr, wenn alle zum 1. April versuchen witzig zu sein – was nur ausgesprochen selten gelingt. Ich hoffe mal, dass mir bei meiner wöchentlichen Auflistung keine April-Scherze untergekommen sind, obwohl am 1. April viel gepostet wurde. Beispielsweise von Alex Matzkeit, der auf real virtuality anlässlich des Superman/Batman-Films der Frage nachgeht „warum wir Helden gegeneinander antreten lassen“. Real Virtualinks gibt es natürlich auch.

– Nochmal Alexander Matzkeit. Auf B-Roll schreibt er darüber, wie uns das Kino auf Virtual Reality vorbereitet. Rochus Wolff hat einen sehr aufschlussreichen Artikel über Heldinnen und verlorene Mutterfiguren geschrieben. Und Harald Mühlbeyer rezensiert das Buch „Der Filmemacher Christoph Schlingensief“ von Georg Seeßlen.

– Passend zu den verlorenen Mutterfiguren: funxton über die Disney-Klassiker „Bambi“ und „Schneewitchen“.

– Patrick Holzapfel hat auf Jugend ohne Film einen sehr privaten Text darüber veröffentlicht, wie wichtig Bilder in Filmen sind, die wir nie zu sehen bekommen, an die wir uns aber trotzdem erinnern.

– Jamal-Tuschik-Double-Feature auf Hard Sensations. Jamal hat sich die beiden aktuellen Kinofilme “Mein Ein, mein Alles“ und „Eddie The Eagle – Alles ist möglich“ vorgenommen und mit sehr persönlichen Anmerkungen versehen.

– Von „Zimmer mit Aussicht“ war gabelinger einmal sehr begeistert. Wie das Wiedersehen nach vielen Jahren ausfiel, verrät er auf Hauptsache (Stumm)Film.

Douscope hat eine sehr schöne lange Biographie (eigentlich mehr eine Liebeserklärung) von John Goodman veröffentlicht. Lesenenswert!

– Wenn Sebastian auf Nischenkino den Lieblingsfilm meines lieben Vaters bespricht, ist es meine Pflicht, darauf hinzuweisen: „Valdez Is Coming!“.

Sennhausers Filmblog stellt den Schweizer Film „Aloys“ von Tobias Nölle vor, der sehr vielversprechend klingt.

– Ansgar Skulme beginnt auf Die Nacht der lebenden Texte eine Reihe, die sich intensiv mit dem Werk des Film-noir-Spezialisten Robert Sidomak beschäftigt.

– Als Vorgeschmack auf die Terza Visione 3, die letzte Woche in Nürnberg stattfand, bespricht Udo Rotenberg auf L’amore in città den Film „ Eine freie Frau“ von Vittorio Cottafavi.

– Oliver Nöding hat sich auf Remember It For Later filmisch nach Japan begeben. Unter anderem sah er „Branded To Kill“, ein Film, der für mich ganz besondere Bedeutung hat, da ich ihn einmal im Nachtprogramm eines unserer dritten Programme erwischt und er mich so stark beeindruckt hat, dass nach einer Zeit der Desorientierung (Was war das?) Bilderfetzen noch viele, viele Jahre durch mein Hirn spukten. Witzigerweise habe ich mir die tolle REM-Bluray auch erst vorletzte Woche angeschaut und war wieder hin und weg. Desweiteren bespricht Oliver „Horrors of Malformed Men“,Kôji Wakamatsus düsteren „Go Go Scond Time Virgin!“ und den Klassiker “Jigoku”.

– Japan 2: Der fantastische Kiyoshi Kurosawa hat mit „Journey to the Shore“ einen neuen Film am Start und Michael Schleeh von Schneeland hat ihn besprochen.

– Japan 3: Auch enfant terrible Sion Sono ist wieder da und hat mit „The Whispering Star“ ein „elegische Science-Fiction-Gedicht“ an den Start gebracht, wie Frank Schmidke von cinetastic weiß.

– Japan 4: Schlombie von Schlombies Filmbesprechungen hat sich über Ishirô Hondas „Varan – Das Monster aus der Urzeit“ amüsiert.

– Lukas Foerster hat auf Dirty Laundry über den Mary-Pickford-Film „Stella Maris“ von Marshall Neilan und dazu passend das Büchlein“Mary Pickfords Locken“ von Stefan Ripplinger geschrieben.

Veröffentlicht unter Allgemein, Internet | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Das Bloggen der Anderen (29-03-16)

bartonfink_type2– Es gibt immer einige Filmblogs, die einem von Grund auf sympathisch sind, und bei denen man es aufrichtig bedauert, wenn man sie nicht verlinkt, weil die Beiträge gerade nicht ins Konzept passen. Umso mehr freut es mich, diesmal einen Text von Tonight Is Gonna Be a Large One zu empfehlen, der sich zwar nicht direkt mit Film, dafür aber mit dem Bloggen an sich beschäftigt und der immer wiederkehrenden Frage: Lohnt sich das alles noch? Vieles von dem, was bullion da schreibt, könnte ich so unterschreiben.

– Unter dem Titel „Cinema Moralia“ bloggt Rüdiger Suchsland auf Out Takes über alle möglichen Themen. Auch sein aktueller Eintrag ist eine lose Sammlung von Gedanken und kritischen Anmerkungen.

– Udo Rotenberg berichtet auf Grün ist die Heide von einem fast schon „verschwiegenen“ Film, der nach seinem Kinostart 1971 in der Versenkung verschwand und niemals – bis auf Italien – irgendwo auf VHS, geschweige denn DVD veröffentlicht wurde: Das Drama „Die Spalte“ von Gustav Ehmck. Udo schreibt: „Gewalt, Ausbeutung und Prostitution sind in „Die Spalte“ kein Spiel zwischen Männer-Fantasie und moralischer Entrüstung, sondern erbarmungslose Realität.“

– Um Prostitution geht es auch in „Top Girl oder la déformation professionelle“. Oliver Armknecht von film-rezensionen.de kann das nüchterne Portrait des Alltags einer Prostituierten allerdings nicht so recht überzeugen. Weitaus mehr hat ihn „The Tribe“ mitgerissen, eine „in Kombination mit dem zugleich hässlichen und kunstvollen Äußeren (…) neuartige und faszinierende, zugleich auch anstrengende Filmerfahrung, die einen danach nicht wieder loslässt“. Bei seiner Rezension der deutsche Found-Footage (*gähn*) Produktion „Seekers“ merkt man dann deutlich, das er den Film gerne besser gefunden hätte, als er tatsächlich war.

– Volker Schönenberger von Die Nacht der lebenden Texte hat sich ebenfalls eine neue deutsche Genre-Produktion vorgenommen: Den amerikanischen Vorbildern nacheifernden und mit zahlreichen bekannten Synchronsprechern besetzten „Radio Silence“, den er „vergnüglich“ fand.

– Michael Schleeh berichtet auf Schneeland ausführlich und informativ vom 40. Hong Kong International Film Festival.

– Rainer Kienböck kehrt auf Jugend ohne Film nochmals zur Grazer Diagonale zurück und konzentriert sich diesmal auf die experimentellen und avantgardistischen Filme. Und Patrick Holzapfel reflektiert über die Geschwindigkeit in Tony Scotts letztem Film „Unstoppable“.

– Sonja Hartl hat auf B-Roll einige sehr kluge und wahre Worte über das unsägliche Etikett „wie Tarantino“ für alle möglichen „schwarzhumorigen Gangsterkomödien“ geschrieben. Patrick Holzapfel (ja, wieder) reflektiert über „Such- und Traummaschinen: Zum filmischen Motiv der Suche“.

– Die beiden Fußball-Laien Frédéric Jaeger und Nino Klingler haben sich für critic.de zum Fußballfilmfestival 11mm begeben, um von Fans lernen, den Fußball zu verstehen.

– Christian Genzel hat auf Wilsons Dachboden Joe Dantes letzten Kinofilm „Weg mit der Ex“ gesehen, auf den er sich sehr gefreut hat, der ihn aber dann doch enttäuscht zurückgelassen hat.

– PD und YP unterhalten sich auf Film im Dialog über eine 80er-Ikone: „Top Gun“. Schade nur, dass beide den Film nicht besonders mochten. Hier wäre es vielleicht etwas spannender gewesen, wenn sie sich mal mit einem Fan des Filmes unterhalten hätten. Trotzdem interessant, wie zwei Menschen den Film sehen, die ihn in den 80ern nicht „live“ erlebt haben, ihm mit dem Abstand von 30 Jahren begegnen.

– Manchmal macht man Fehler. Eine, den ich noch immer sehr bereue ist es, vor zwei Jahren beim Filmfest in Oldenburg einen anderen Film der Doku „Lost Soul: The Doomed Journey Of Richard Stanley’s Island of Lost Souls“ vorgezogen zu haben und somit nicht nur ein Double-Feature mit eben „Island of Lost Souls“ verpasst zu haben, sondern – wie ich später erfuhr – auch noch Richard Stanley persönlich. Wenn ich lese, was Oliver Nöding auf Remember It For Later über die Doku schreibt, hat mein Hintern jetzt eine riesige Bisswunde. Ferner schreibt er über „Rolling Vengeance“, einem „Monster-Truck“-Film. Und ich erinnere mich noch gut, dass ich den Film eben unter diesem Titel einst im Kino (!) sah, um zwei Wochen überrascht festzustellen, dass der schon in der Videothek meines Vertrauens im Regal stand. Ich fühlte mich leicht veralbert.

– 1965 drehte Elvis-Stammregisseur Norman Taurog das Vincent-Price-Vehikel „Dr. Goldfoot And The Bikini Machine“ als Slapstick-artige Bond-Parodie. Ein Jahr später entstand die Fortsetzung „Dr. Goldfoot And The Girl Bombs“ unter der Regie von… Mario Bava! Mit Franco & Ciccio!! Und Vincent Price!!! Funxton hat beide Filme gesehen und weiß einiges darüber zu erzählen.

yzordderrexxiii ist in Liebe zu Aldo Lados wunderbaren „Malastrana“ entflammt.

– Mauritia Meyer schreibt auf Schattenlichter über einen ihrer Lieblingsfilme: „“Il delitto del diavolo“ ist ein poetischer Film, der uns verführt und zu angenehmen Wachträumen einlädt. Ein Kurzurlaub vom Lärm und der Schnelllebigkeit unseres Alltags in formvollendeter behaglicher Siebziger-Atmosphäre.“

– Der Kinogänger schreibt über den Film „Max und die drei Musketiere“ mit Max Linder, dem großen Vorbild von Charlie Chaplin. Eine bei Linders kurzen Ausflug in die USA entstandene Parodie.

– Endlich mal wieder ein Lebenszeichen von Hauptsache (Stumm)Film! Gabelinger geht ausführlich auf Jules Dassins „Das Gespenster von Canterville“ mit Charles Laughton in der Titelrolle ein.

– Lukas Foerster empfiehlt auf Dirty Laundry Kim Ki-young „komplett psychedelisch enthemmten Film“ „Woman of Fire“.

– Jamal Tuschick rechnet auf Hard Sensations mit „Rock the Kasbah“ (dem Film, nicht dem Song) ab.

– Und zuletzt: Real Virtualinks auf real virtuality.

Veröffentlicht unter Allgemein, Internet | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Mein Tag mit den Film-Kids – Zu Gast beim Kinder-VHS-Kurs „Ich werde Filmkritiker“ in Hamburg

Als mich mein lieber Freund Elmar fragte, ob ich eventuell Lust hätte, ihn bei einem Volkshochschulkurs für 12-18 Jährige als Gast zu unterstützen, dachte er wahrscheinlich nicht, dass ich zusagen würde. Der Termin lag Mitten in der Woche, was für mich bedeutete eine Tag kostbaren Urlaubs zu opfern. Obwohl es mich sehr reizte, einmal mit Jugendlichen zu arbeiten, zögerte daher kurz. Doch ein Blick auf den Kalender zeigte mir, dass der VHS-Kurs genau in die Woche fiel, in der unsere Zwillinge Geburtstag haben und ich eh eine Tag Urlaub nehmen wollte. Warum nicht einen weiteren Tag davor kleben? Durch unglückliche Umstände wurden es dann drei Tage, aber das soll an dieser Stelle jetzt auch egal sein. Am Mittwoch, den 16. März machte ich mich in den Morgenstunden auf nach Hamburg, denn der Kurs begann um 10:00 Uhr.

Elmar hatte mich bereits gewarnt, dass der Seminarraum eher suboptimal für das Unterfangen wäre. Es handele sich dabei nämlich um einen Kellerraum, der von einer Computerfirma als Lagerraum für allen möglichen Elektroschrott genutzt wurde. Der gute Elmar hatte schon den ganz Sonntag damit zugebracht, diesen Raum in einen halbwegs passablen Zustand zu bringen. Nun war er als Seminarraum halbwegs akzeptabel, auch wenn es dort unten recht kalt und muffig war. Ich muss aber sagen, dass Elmar aus den gegebenen Umständen ein Maximum raus geholt hat. Der Kurs selbst bestand aus sechs Jungs und einem Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren, von denen an diesem Tag aber nur die Jungs da waren. Ein weiteres Problem ergab sich dadurch, dass die Volkshochschule zusätzlich noch einen 10-jährigen im Kurs mit unter gebracht hatte. Und man muss leider sagen, auch wenn der 10-jährige immer wieder durch einige tiefgründigen Bemerkungen überraschte, so liegen zwischen dem Entwicklungsstadium eines 10-jährigen und eines 12-jährigen doch Welten. Ich weiß nicht, was sich die VHS dabei gedacht hatte, zumal natürlich auch die Filmauswahl auf 12+ ausgelegt war. Das alles waren organisatorische Probleme, die Elmar natürlich nicht zu verantworten hatte, die er aber trotzdem kurzfristig meistern musste. Was ihm hervorragend gelang.

Der Titel des Kurses war „Ich werde Filmkritiker“ und bestand dementsprechend aus dem Ansehen von Filmen und der Filmanalyse. Außer mir hatte Elmar für seine Schüler auch einige hochinteressante Gäste eingeladen, so dass ich es im Endeffekt bedauere, nicht die ganze Woche dabei gewesen zu sein, denn die hätte ich auch gerne gesehen und gehört. Am Tag vor mir war der Filmemacher Philipp Hartmann da, der seinen Essay-Film „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“ mitgebracht hatte und den Kindern für Fragen zur Verfügung stand. Wie Elmar mir berichtete, kam das auch sehr gut an, und es entwickelte sich eine sehr spannende Diskussion, an der sich alle rege beteiligten. Am Tag nach mir war – passend zu den Filmen „Formicula“ und „Matinee“ – Jens von der mir bis dahin unbekannten, aber empfehlenswerten Seite „Monstermensch“ zu Gast. Den Vogel schoss Elmar aber mit dem Freitags-Gast ab. Hier konnte er den Filmhistoriker Olaf Brill gewinnen, welcher DER Experte zum Thema „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ist und ein Standardwerk zu diesem Film geschrieben hat. Da kann ich nur den Hut ziehen. Und wie ich dann später erfuhr, entwickelte sich auch hier eine lebhafte Diskussion, von der Olaf Brill sehr angetan war.

VHSHHNach „meinem Tag“ musste auch ich mein Vorurteil gründlich revidieren, dass „die Jugend von heute“ mit älteren Filmen nichts anzufangen weiß und sich für nichts interessiert, was über die modernen Blockbuster hinausgeht. Ebenso war ich sehr positiv überrascht, wie toll die Jungs mitgearbeitet haben, kluge Fragen stellten und interessante Beobachtungen machten. Mein Part bestand zunächst einmal darin, von meiner Arbeit als Blogger zu berichten, meinen Blog kurz vorzustellen und zu erklären, wie ich mich einer Filmbesprechung nähere. Dabei musste ich immer wieder aufpassen, nicht ins Schwafeln zu geraten, denn neben dem Thema „Filmkritik“ wollte ich den Jungs unbedingt mitgeben, dass man als Filmfreund auf Scheuklappen und hastige Pauschalurteile verzichten, und sich ganz offen für die ganze wunderbar reiche Welt der Filme zeigen sollte. Da kann es sein, dass mein „missionarischer Eifer“ etwas mit mir durchgegangen ist. Aber das ist auch ein Thema, welches mir sehr am Herzen liegt. Weg vom Schubladendenken, weg von einem „das ist doof, das gucke ich nicht“. Ausprobieren! Sich damit auseinandersetzen! Und dann erst entscheiden, ob man etwas mag oder nicht! Nicht schon vorher, weil es cool/uncool ist. Das wollte ich gerne mitgeben.

Danach schauten wir „Große Freiheit Nr. 7“. Für mich eine Premiere, denn obwohl der Film seit einem Jahrzehnt bei mir Zuhause als TV-Auszeichnung schlummert, bin ich doch nie dazu gekommen, ihn mir anzusehen. Nun konnte mich „Große Freiheit Nr. 7“ im Rahmen dieses Kurses überwältigen. Was für ein großartiger Film! Ein Pflichtprogramm für alle, die das Kino lieben. Nach dem Film gab es eine Mittagspause, in der Elmar und ich uns intensiv über „Große Freiheit Nr. 7“ austauschten und sehr gespannt waren, was „unsere Jungs“ dazu sagen würden. Für den weiteren Ablauf hatte Elmar einiges vorbereitet. Hier ging es dann um die versteckten Hinweise auf das Dritte Reich, sowie die Drehorte und ihre Geschichte. Auch mit zeitgenössischer Kritik wurde sich auseinandergesetzt, und es folgte eine lebendige Frage- und Antwortrunde. Dabei fand ich es interessant, dass keiner der Jungs auch nur mit einer Silbe die wundervolle Ilse Werner und ihre Beziehung zu den beiden Hauptdarstellern Hans Albers und Hans Söhnker erwähnte. Schwerpunktmäßig wurden tatsächlich eher technische Themen, sowie die Entstehungszeit 1943 und die Musik angesprochen. Da man gute Unterhaltungen nicht abwürgen sollte, liefen wir hier zeitlich etwas aus dem Ruder. Die Jungs schrieben dann noch eine Kurzkritik zum Film, die sie dann vor der Runde vorlasen. Die Resultate waren alle gut. Manche konzentrierten sich natürlich auf das, was wir vorher diskutiert hatten. Großartig fand ich die letzte Kritik eines Jungen, der im Kurs eher still war und dann einige Zeilen ablieferte, die durchaus druckreif waren. Ich war insgesamt von dem Niveau, dem Interesse und der Mitarbeit der Klasse sehr begeistert. Müsste ich dafür nicht immer (für Familienväter doppelt und dreifach kostbare) Urlaubstage opfern, würde ich gerne häufiger an solchen Veranstaltungen teilnehmen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar