Bericht vom 33. Internationalen Filmfest Oldenburg – Tag 2

Trotz eines enormen Verkehrschaos durch einen auf der B6 abgebrannten LKW und dem damit verbundenen Problem aus Bremen rauszukommen, schaffte ich es am Freitag über Schleichwege pünktlich nach Oldenburg im cineK Studio.

Der nordmazedonische Thriller YOU WON‘T BELIEVE WHAT HAPPENED BEFORE zeichnet das Heimatland des Regisseurs Srdjan Janicijevic als einen höllischen Ort voller Korruption und Mächten, die innerhalb weniger Minuten über Leben und Tod der Bürger*innen entscheiden können. Wo homophobe Übergriffe genauso zur Tagesordnung gehören, wie Attentate auf unliebsamen Journalisten*innen und deren Angehörige.

Journalist Bodan kauft dem Kleinkriminellen Deki eine SD-Karte mit einem für den Führer des Landes kompromittierenden und peinlichen Aufnahmen ab. Sein Ziel: Ein Interview mit dem politischen Führer. Auf dem Weg dorthin holt er die Freundin seines transsexuellen Kindes ab und gerät später in eine fingierte Polizeikontrolle.

Das erste Drittel des Filmes spielt fast ausschließlich im Auto, von wo aus Bogdan versucht sowohl seinen beruflichen Plan wie auch sein Privatleben zu organisieren. Dazu nutzt Regisseur Janicijevic immer wieder Handybildschirme, die ins Bild eingeblendet werden. Was als bloßes Gimmick hätte werden können, macht hier erzählerisch viel Sinn. Auch das zweite Drittel spielt fast ausschließlich im Auto. Diesmal allerdings in dem der Journalistin Sophia, die ebenfalls hinter dem Video her ist und dazu Deki mit dabeihat. Als sie erfährt, dass dieser das Video bereits verkauft hat, eskalieren die Dinge. Sophie ist vor allem von Rache getrieben und will die Regierung zu Fall bringen.

Die Handlungen mit Bogdan und Sophia laufen parallel und überschneiden sich zum Teil, wodurch der Zuschauer erst nach und nach alle Informationen bekommt, um die Geschichte zusammenzusetzen. Abgesehen von diesen verschiedenen Zeitebenen spielt Janicijevic auch mit den Bildern. In einer überwältigenden Aufnahme am Anfang schwebt die Kamera über die Stadt, die wie ein Puppenstübchen aussieht. Ein Effekt, der in der Post-Produktion erzielt wurde, aber maximale Wirkung entfaltet.

Die Nachtaufnahmen haben eine teilweise traumartige Qualität, wenn überall riesige, leuchtende Kreuze in der Stadt stehen. Etwas, was laut Janicijevic in Skopje tatsächlich der Fall ist. Getragen wird der Film von seinen beiden sehr starken Protagonisten, gespielt von einem abgeklärten, halbresignierten Nikola Ristanovski und der zornigen, idealistischen Darja Rizova. Ein spannender und bitterer Paranoia-Thriller.

Nach einer interessanten Q&A mit Srdjan Janicijevic fiel ich quasi direkt vom cineK Studio ins kleine cineK Muvi. Zeit, um sich etwas zum Verspeisen zu organisieren oder zumindest ein Kaltgetränk blieb da leider nicht.

Regisseur Zachary Aaron Nichols ist kein gelernter Filmemacher. Er ist bildender Künstler und drehte VARIATIONS ON VIOLENCE nur, weil seine ursprüngliche Kreation zu groß wurde und er das Gefühl hatte, mehr davon zu machen. Es geht um Johny, einen Dronen-Piloten, der unter Posttraumatischer Störung und Depression leidet. Auslöser sind die vielen Menschen, die er anonym vom bequemen Stuhl in einem Schutzraum aus, tausende Kilometer entfernt getötet hat. Wie in einem Computerspiel. Doch die Opfer lassen ihn nicht los. Er kehrt zu seiner Schwester Mary zurück, die ihre ganz eigenen Probleme mit ihrem Leben hat. Mary kümmert sich um Johnny, der sich immer mehr zurückzieht, sich einkapselt und von verstörenden Visionen geplagt wird.

Jene erinnern visuell stark an die dritte Staffel von „Twin Peaks“, insbesondere an die legendäre Episode Nummer 8. Nichols macht es dem Publikum nicht leicht. Zu verschlossen und passiv ist sein Protagonist. Niemand kommt an ihn heran, er existiert teilweise nur. Das frustriert und macht es fast unmöglich mit ihm zu sympathisieren.

Auch Mary kommt nicht an ihn heran. Die Visionen scheinen teilweise nicht zum Film zu passen. Sind mysteriös und schwer zu dechiffrieren. Machen aber zusammen mit dem Sounddesign zumindest fühlbar, was in der Figur vor sich geht – auch wenn das von außen, also der Kamera, nicht eingefangen werden kann. Anders bei Mary, deren Frustration und Hilflosigkeit deutlich merkbar ist. So ist dieses im Grunde Zwei-Personen-Stück eine intensive Darstellung, wie Krieg und damit verbundene Täterschaft nicht nur das Leben der direkt Betroffenen, sondern deren Umfeld kaputt macht. Ein interessanter, ambitionierter Film, über den man noch länger nachdenkt.

Nach dem Film hatte ich dann ein wenig Zeit kurz Luft zu holen, das Gesehene gedanklich einzuordnen und etwas zu trinken. Dann ging es aber schon weiter im cineK Studio.

Es kommt nicht oft vor (eigentlich nie), dass ich nach einem Film das Gespräch mit meinem Filmemacher suche, um ihm die Hand auf die Schulter zu legen und mitzuteilen, wie großartig ich seinen Film fand. Aber genau dies passierte nach dem Screening von ASPHALT GUERILLA von Edgar Pera. Dieser Film hat mich 100% abgeholt, sodass ich mit einem beglückten Gefühl im Bauch und tausend Bildern im Kopf aus dem Kino kam.

Endlich, möchte ich sagen, denn ich war damals traurig, dass sich vor drei Jahren bei Peras „The Nothingless Club“ leider keinerlei Zugang zum Film gefunden hatte. Obwohl ich das Thema sehr spannend fand und damals bei der Q&A Edgar Pera als hoch intelligenten und sympathischen Menschen mit dem Herzen am rechten Fleck erlebt habe. Nun hat es endlich gefunkt. Und wie.

Die Handlung von ASPHALT GUERILLA zu beschreiben, fällt schwer. Der Film ist eher ein experimentelles Essay über die portugiesische Vergangenheit, Revolution und Filmemachen. Und wie alles ineinander übergeht. Eingewoben in die Lebensgeschichte Peras. Die Aktionen der linksextremistischen Untergrundorganisation Forcas Populares 25 de Abril, von denen er hier berichtet, erscheinen zu absurd, um real zu sein. Sind sie aber scheinbar.

Dieses für den uneingeweihten undurchsichtige Spiel mit Realität und Fiktion macht einen Teil des Reizes von ASPHALT GUERILLA aus. Aber es geht eben um mehr. Es geht um Pera selbst. Seine langjährigen Versuche die Geschichte in einen Film zu formen. Es geht ums Filmemachen. Materialen liegen auf Super8, 16mm, 35mm, VHS, Digital und, ja, auch AI geniert vor. Letzteres macht in dem Zusammenhang Sinn, weil eines der vielen Themen des Filmes auch ist, wie sich das Filmemachen entwickelt hat.

Dabei lässt Pera aber nie auch die politischen und dahinterstehenden philosophischen Fragen außer Acht. Und dies prasselt in schnellen Szenenabfolgen auf ein an, dass einem kaum Luft bleibt, um seine Gedanken zu ordnen. Punk dröhnt aus den Boxen. Am Anfang gibt es eine hollywoodreifen Autoverfolgungsjagd zu Suicides „Ghost Rider“, später ein satirisches „Making Of“ dazu. Ein wundersamer Overkill, den man bereit sein muss, sich auszuliefern. Wer es kann, der wird mit vielen Eindrücken und Denkanstößen belohnt. Als ich aus dem Kino kam, war ich von der unbändigen Lust erfüllt, selbst einen Punk-DIY-Underground-Film zu drehen. Am besten jetzt. Und sofort!

Wie oben bereits geschrieben, konnte ich danach mit dem supernetten Edgar Pera ein paar Worte wechseln. Dann ging es auf die Autobahn Richtung Bremen. Die Gefahr, dass ich am Steuer einschlief, bestand nicht, denn zu viele Bilder und Gedanken zu ASPHALT GUERILLA schossen mir noch munter kreuz und quer durch den Kopf.

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