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Gastbeitrag: DVD-Rezension „Insel der verlorenen Seelen“

Von , 29. Januar 2020 17:49

DVD-Rezension: „Insel der verlorenen Seelen“

Von Ansgar Skulme

Der Schiffbrüchige Edward Parker (Richard Arlen) entgeht durch glückliche Umstände knapp dem Tod. Unter Schock stehend wird er an Bord eines von dem sadistischen Captain Davies (Stanley Fields) befehligten Frachters von einem gewissen Montgomery (Arthur Hohl) behandelt, der von sich selbst behauptet, die Eigenschaft, ein Arzt zu sein, mittlerweile wahrscheinlich verloren zu haben. Montgomery befindet sich auf dem Weg zu einer Insel – dort lebt Dr. Moreau (Charles Laughton), und der erwartet reichhaltige Fracht, die sich gemeinsam mit Parker und Montgomery auf Captain Davies’ Schiff befindet. Viele Tiere, die offenbar dem Zweck wissenschaftlicher Experimente dienen sollen. Tierversuche der ganz besonderen Art. Und der sie begleitende M’ling (Tetsu Komai) – eine Art Mensch mit Tierohren, tierähnlichen Gesichtszügen und den Impulsen eines Hundes – lässt erahnen, in welche Richtung diese Experimente wohl gehen könnten. Eigentlich aber nicht Parkers Problem, gäbe es da nicht unterschiedliche Ansichten darüber, was genau der nächste Hafen ist, bis zu dem ein Schiffbrüchiger befördert werden muss. Das Wohlwollen des rabiaten Kapitäns Davies erweist sich schnell als ziemlich überschaubar.

Nachdem Universal mit „Dracula“ und „Frankenstein“ einen neuen Horror-Boom entfacht hatte, wollte Paramount Pictures auf den Zug aufspringen. So wurde „Insel der verlorenen Seelen“ 1932 für Paramount in etwa das, was „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ im selben Jahr für RKO und „Das Zeichen des Vampirs“ 1935 dann für MGM war – der Teil vom Kuchen für die großen Studios, zu deren Kreis der „Big Five“ Universal eigentlich gar nicht gehörte. Kurioserweise ging „Insel der verlorenen Seelen“ in den 50er-Jahren durch einen Rechte-Deal tatsächlich in die Obhut von Universal über, woran sich bis heute nichts geändert hat, dennoch bleibt es aber eine Paramount-Produktion. Zufall oder nicht – in drei der benannten Filme bei drei verschiedenen Studios mit dabei: Bela Lugosi.

Erle C. Kentons „Island of Lost Souls“ stieß beim Autor der Buchvorlage „The Island of Doctor Moreau“, H. G. Wells, auf eher wenig Gegenliebe, denn ihm kamen die philosophischen Aspekte seiner Geschichte in dieser hier nun zur Rezension vorliegenden Adaption, „Insel der verlorenen Seelen“, zu kurz. Das mag seine Richtigkeit haben, aber das Ergebnis ist ein als solcher wirklich hervorragender, deftiger Horrorfilm, wie er nur in der kurzen, gut fünf Jahre langen Phase vom Beginn des Tonfilms bis zu dem Zeitpunkt entstehen konnte, als 1934 die Zensurbedingungen in Hollywood durch den sogenannten Hays Code verpflichtend verschärft wurden. Das merkt man spätestens, wenn die ersten böse ins Ohr gehenden verzweifelten Schmerzensschreie zu hören sind und man auch solch einen operativen Eingriff sowie zahlreiche Ergebnisse dieser Experimente in finsteren Bildern zum Erschaudern vorgesetzt bekommt. Der Film hat etwas Morbides, Verstörendes, Abgründiges an sich, das ich als sehr zeitlos und eine Art fleischgewordenen Geisterbahn-Albtraum bezeichnen würde. Und Albträume gehorchen ohnehin keinen Kriterien des Schlages von beispielsweise „moderne Bildsprache“ – so gesehen ist dieser Film eigentlich automatisch kaum fähig zu veralten.

Ich las einmal das Urteil, dass gerade dieser Horrorklassiker unter den größten Würfen des Genres aus den frühen 30ern relativ viel Staub angesetzt habe; dem schließe ich mich ganz und gar nicht an. Im Gegenteil! Schnell genug sind die schockierenden Figuren – abschreckend aussehend und recht apathisch agierend – etabliert, dass man unweigerlich von der Spannung gepackt wird, denn so etwas hat man wahrscheinlich noch nie gesehen. Während ein Film wie „Dracula“ (1931) für ein Publikum, das nur modernes Kino gewohnt ist, zweifelsohne viel zu sehr dahinplätschert und selbst „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ (1932) trotz visionärer, menschenverachtender Thematik und phasenweise innovativer Bildsprache zumindest hinsichtlich seines Helden-Pärchens dicken Staub angesetzt hat, verschwendet „Insel der verlorenen Seelen“ weder viel Zeit an Geplänkel noch an gutbürgerliche Liebeleien. Dass vereinzelte Tiermenschen mit eher putzigen Masken ausgestattet sind, war, aus meiner Sicht unstrittig, auch schon zum damaligen Zeitpunkt so intendiert und kann nicht einer mutmaßlich veralteten Machart zugeschrieben werden.

Moreau hat große Pläne für die Welt

Niemand wird ernsthaft glauben wollen, dass beispielsweise eine Figur mit einer dem Schweinchen Dick ähnlichen Maske und einer fiepsenden Stimme nicht auch schon 1932 zur Auflockerung gedacht war, sondern damals womöglich gruseln sollte. Nein – soweit, dass man das Schweinchen Dick, nur weil es mit einem menschlichen Wesen kombiniert worden ist, Anfang der 30er für furchteinflößend gehalten haben könnte und der Film nicht mehr zeitgemäß ist, weil er so eine Figur anbietet, sollten die „In alten Filmen war dies und jenes langweilig“-Klischees in keinem Fall gehen. Das Wenige, das in diesem Film komisch ist, das soll aller Wahrscheinlichkeit nach so sein und ist nicht unfreiwillig so geraten. Und was in diesem Film gruselig bis erschreckend ist, das funktioniert so konsequent, dass es selbst ein paar ganz große Genre-Klassiker aus demselben Zeitfenster unter dem Strich aussticht, wenn auch nicht alle und manche nur knapp. Wenn man sich zudem vor Augen führt, dass sämtlicher im Film sichtbarer Nebel angeblich echt war, kann man davon ausgehen, dass schon allein der Dreh teilweise gruselig gewesen sein dürfte.

Und der Film hat das, was jeder heute legendäre US-Horrorfilm aus den 30er-Jahren vorweisen kann: eine denkwürdige Darbietung des furchteinflößenden Hauptdarstellers mehr als nur kultverdächtigen Ausmaßes. Hier ist es der damals gerade erst in Hollywood gestartete Charles Laughton, der – nie um einen frechen Witz verlegen – behauptete, das Auftreten Moreaus an seinem eigenen Zahnarzt orientiert zu haben. Die wesentliche Besonderheit an diesem Dr. Moreau ist, dass es damals tendenziell eher die Verkörperung übernatürlicher Horrorgestalten war, die Genre-Stars erschuf, Dr. Moreau allerdings ein Mensch ist. Ob es sich um einen „normalen“ Menschen handelt, darüber mag man sich natürlich trefflich streiten – aber das ist dann eben seinen Überzeugungen und Handlungen geschuldet. Somit bewegt sich Charles Laughton hier in genau derselben Liga, in die damals auch Leslie Banks als „Graf Zaroff“ vorstieß und die bis in die 40er-Jahre hinein ansonsten vor allem von Lionel Atwill dominiert wurde: Teufel in Menschengestalt, mal verrückte Wissenschaftler, mal blanke Sadisten. Auch Bela Lugosi und Boris Karloff haben sich natürlich an derartigen Rollen versucht – ihre Berühmtheit resultiert jedoch nicht daraus und sie werden kaum noch damit assoziiert, teils sicherlich zu Unrecht. Geprägt wurde dieser Typus im Hollywood der 30er & 40er aber wohl von niemandem so entscheidend wie von genau jenem Trio: Charles Laughton, Leslie Banks und Lionel Atwill. Auffälligerweise allesamt Briten mit zudem starker Affinität zur Theaterbühne. Später trat dann insbesondere Vincent Price in ihre Fußstapfen – kein Brite, aber in seiner Spielweise ziemlich britisch, könnte man meinen.

Apropos Großbritannien: Dort war „Insel der verlorenen Seelen“ lange Zeit verboten – womit es nicht das einzige Land gewesen ist. Diese Form der scharfen Zensur überdauerte offenbar rund 25 Jahre. Maßgeblich dafür war neben einer besonders brutalen OP-Szene auch die Tatsache, dass sich Moreau verbal mit Gott verglich – dieser Grund für den Bann immerhin ist aus heutiger Sicht tatsächlich recht angestaubt. Es hieß, der Film sei wider die Natur. Dieser Umstand wurde allerdings von Charles Laughtons Ehefrau Elsa Lanchester – die wenig später in „Frankensteins Braut“ von 1935 die Titelfigur verkörperte – als Binsenweisheit entlarvt, indem sie betonte, auch Mickey Maus sei nicht mit der Natur vereinbar.

Wie lange wird den Tiermenschen das Töten verboten bleiben?

Zwei spannende Casting-Besonderheiten auf der „Insel der verlorenen Seelen“ finden sich in sehr prägnanten Nebenrollen. Zum einen ist es ein Glücksfall, dass man „Dracula“-Star Bela Lugosi für eine relativ kleine Rolle gewinnen konnte, in der das gesprochene Wort allerdings sehr zentral für das Gelingen ist. Lugosis einmalige Stimme, mitsamt seines berühmten Akzents, erfüllt diesen Zweck schier optimal. Angeblich übernahm er den überraschend kleinen Part nur, weil er damals kurz vor dem finanziellen Bankrott stand, in letzter Minute – aber sein Auftritt hier ist schlussendlich einer der besten und filmhistorisch wichtigsten seiner gesamten Karriere, überragt auch einige seiner Hauptrollen deutlich. Klasse an seiner Darbietung ist nicht zuletzt, dass die Rolle sogar seine Neigung zu großen Gesten wunderbar trägt und dadurch eine besonders tragische Note bekommt. Zu Lugosis Bezahlung hält sich das Gerücht, er habe sich in der Not finanziell enorm unter Wert verkauft. Dem steht allerdings eine Untersuchung gegenüber, wonach Bela Lugosi pro Stunde letzten Endes wahrscheinlich fast so gut wie die Hauptdarsteller bezahlt wurde, nur hatte er eben wesentlich weniger Drehzeit und erhielt dementsprechend auch wesentlich weniger Geld. Die Wahrheit haben alle, die es genau hätten sagen können, wahrscheinlich mit ins Grab genommen.

So oder so ging es für Lugosi nicht wirklich weiter steil bergab, auch wenn die Qualität der Rollen, die er zwecks Erhalts seiner finanziellen Liquidität und Finanzierung seines Lebensstils sowie seiner Süchte nach Alkohol und Morphium fortan annahm, zuweilen zu wünschen übrigließ. Ich halte es für übertrieben, davon zu sprechen, er habe einen wirklichen Karriereknick erlitten. Lediglich gelang es ihm nicht, so sehr im Vordergrund zu bleiben wie beispielsweise Boris Karloff, was für ihn aber wiederum sicherlich sehr ernüchternd und verletzend war – das soll gar nicht in Abrede gestellt werden. Ob Lugosi wirklich die differenzierten schauspielerischen Qualitäten hatte, um zehn bis zwanzig Jahre lang in der Ersten Liga zu spielen, erachte ich allerdings auch als diskutabel. Eine ungewöhnlich starke Tendenz zum mimischen und gestischen Overacting, die streckenweise wirkt als habe er starke Probleme mit der Umstellung vom Stummfilm auf den Tonfilm gehabt – was aber, wenn es so wirkt, auch immer ein Stück weit Versagen des jeweiligen Regisseurs ist –, ist bei ihm keinesfalls von der Hand zu weisen. Es wäre Lugosi jedoch zu gönnen gewesen, dass er wenigstens die gesamten 30er-Jahre noch in großen Hauptrollen von seinem „Dracula“-Ruhm hätte zehren können. Man kann es jedoch auch so sehen: Zu der Zeit, als der US-Horrorfilm noch so ziemlich frei von Zensur war, spielte Bela Lugosi auch noch weitgehend die erste Geige. Es waren eben ohnehin nur ein paar Jahre, in denen der Horrorfilm damals wirklich auf seinem Höhepunkt war – und das war er streng genommen schon ab 1934 nicht mehr, auch wenn bis in die 40er noch viele interessante Genre-Beiträge auf den Markt kamen, die sich stilistisch trefflich in den Korpus eingliedern, ehe sich die Bildsprache und die Themen des Genres erst in den Hollywood-50ern deutlicher wandelten.

Die zweite bemerkenswerte Casting-Besonderheit hinter „Insel der verlorenen Seelen“ ist die aufwendige Suche nach einer möglichst unbekannten Darstellerin für die Rolle der Pantherfrau. Um ihren wirklichen Namen wurde bis hin zu den Credits ein Geheimnis konstruiert. Nicht nur bei Charles Laughtons Verkörperung des Dr. Moreau, sondern auch hier spielte ein Zahnarzt eine Rolle: Kathleen Burke arbeitete als Zahnarzt-Helferin als sie sich für die Rolle bewarb und schließlich aus Tausenden von Bewerberinnen den Zuschlag erhielt. Anfangs wurde sie darum beneidet, doch bald stellte sich heraus, dass ihr die Assoziierung mit dieser Rolle Probleme bereitete, neue interessante Angebote zu erhalten. Bereits 1938 zog sie sich mit 25 Jahren und fast so vielen Filmen auf dem Konto aus dem Geschäft zurück. Gleich ihr nächster Film nach „Insel der verlorenen Seelen“ war jedoch ein von mir besonders geschätztes, leider relativ unbekanntes Meisterwerk des Horror-Kinos: „Murders in the Zoo“ (1933). Ebenfalls ein im Fahrwasser der damaligen Universal-Erfolge entstandener Paramount-Horrorfilm, der wie „Insel der verlorenen Seelen“ letztlich in der rechtlichen Obhut von Universal landete. Diesmal mit Lionel Atwill als Sadist ohne übernatürliche, dafür aber mit vielen sehr gut ausgeprägten zutiefst unmenschlichen Eigenschaften.

Die Pantherfrau weiß nicht wohin mit ihren Emotionen

Auch in den weiteren Rollen ist „Insel der verlorenen Seelen“ charismatisch besetzt, wobei vor allem die sehr differenziert angelegte, nachdenkliche Verkörperung des Montgomery durch Arthur Hohl hervorgehoben werden sollte. Paul Hurst und Stanley Fields machen mit ihren Figuren als Schiffskapitäne zudem deutlich, warum dem klassischen Hollywood-Kino in Sachen Charakterdarsteller so schnell keiner etwas vormacht, selbst wenn diese wie mit dem Holzhammer ausgewählt scheinen. Der Deutsche Hans Steinke, der hier den besonders grobschlächtigen, brutalen Tiermenschen Ouran darstellte, war in den USA seit den 20ern als professioneller Wrestler bekannt. Muskelbepackte Konkurrenz am Set hatte Steinke indirekt durch Joe Bonomo. Wer nicht glaubt, dass selbst der Gorilla in „Murders in the Rue Morgue“ (1932) ein Double hatte, sollte sich den Namen Bonomo merken, denn im Affen-Kostüm steckte in einigen Aufnahmen statt dem kleinen Charles Gemora tatsächlich der stattliche Joe Bonomo. Dabei ist es bei genauerer Betrachtung eigentlich recht offensichtlich, dass Gemora wohl kaum im Gorilla-Kostüm den Eindruck zu erwecken vermocht hätte, eine Frau athletischen, schnellen Schrittes über die Dächer von Paris tragen zu können. In „Insel der verlorenen Seelen“ hatte Joe Bonomo, der bereits in den 20ern unter anderem als Double des legendären Lon Chaney gearbeitet hatte, auch nur eine recht kleine Rolle, die ihn allerdings fast das Leben gekostet hätte, weil sein Tierwesen-Kostüm bei einem Sturz ins Wasser schnell sehr viel Nass aufsog, wodurch er beinahe ertrunken wäre.

Nicht zuletzt sollte unterstrichen werden, dass Richard Arlen seinen stärksten schauspielerischen Moment im Film zwar eigentlich gleich in seiner ersten Szene hat, als er im Wahn aufschreckt und glaubt, immer noch in Gefahr zu sein zu ertrinken, er den Rest des Films über aber neben Charles Laughton zumindest nicht die Stimmung verwässert und solide seinen Part ausfüllt. Das ist insofern wichtig zu betonen, als die mimische, mit einer unerklärlichen Ausgeglichenheit erfüllte Gleichgültigkeit mit der Joel McCrea milde dreinschauend, wenn nicht gar lächelnd durch „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ tapst, tatsächlich einen verharmlosenden Einfluss auf diesen Film hat. Wenn man sich allein anschaut, mit welcher bedeutungsfreien Mimik McCrea in seine letzte Szene mit Leslie Banks geht, die eigentlich den Charakter einer Pointe haben soll, kann es einem angst und bange werden. Aber Angst ist ja zumindest wiederum nicht das Schlechteste für einen Horrorfilm. Nur sollte man die eben eher vor dem Schurken haben und nicht vor der unfreiwilligen Komik, mit der der potenzielle Held eine dicke Staubschicht über dem Film ausstreut.

Erst angesichts dessen oder auch angesichts der Darbietung von David Manners in „Dracula“, neben Bela Lugosi, wird einem so richtig klar, dass tatsächlich Grund zur Dankbarkeit besteht, wenn der Darsteller des „jungen Helden“ in solchen Horrorfilmen ganz einfach nur wenigstens bitte nicht durch unangemessen steifes Auftreten oder Schönwetterschauspiel die Performances seiner Kollegen kaputt macht, die mit Kabinettstücken in zugegebenermaßen auch dankbareren Rollen als dämonische Schurken brillieren. Daher kann man auf eine Art wirklich froh darüber sein, was man in „Insel der verlorenen Seelen“ an Richard Arlen hat. Er ist beileibe nicht der stärkste Schauspieler in diesem Film, aber er ist tatsächlich das Zünglein an der Waage, warum ich „Insel der verlorenen Seelen“ bei einem Filmabend mit Freunden, die mich nach einem klassischen Horrorfilm fragen, immer den Vorzug vor „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ geben würde. Gerade bei einem zu bemühten oder statischen Auftreten von offensichtlich als Sympathieträger gewollten Figuren muss man einfach damit rechnen, dass einem die Zuschauer, die keine ausgemachten Fans des klassischen Hollywoods sind, belächelnd abspringen. Bemerkenswert übrigens in diesem Zusammenhang, dass ausgerechnet Randolph Scott, von dem man aus den 50ern auch nicht unbedingt Darbietungen der stahlharten Gangart, sondern eher der Sorte „Cowboy mit feschem Halstuch“ gewohnt ist, in dem zuvor besagten, verdorben-düsteren „Murders in the Zoo“ tatsächlich funktioniert und den Film glücklicherweise nicht dem Phänomen zum Opfer fallen lässt, dass der Möchtegern-Held mit seinem verklemmten Auftreten die Stimmung ruiniert. Scott war angeblich auch für Richard Arlens Rolle in „Insel der verlorenen Seelen“ im Gespräch – die Chance hätte man ihm durchaus geben können.

Wahre Schönheit kommt von innen

Das Label Ostalgica hat „Insel der verlorenen Seelen“ als dritten Teil der mittlerweile schon vier Folgen umfassenden „Classic Chiller Collection“ veröffentlicht, wo er auf den tschechoslowakischen Genre-Beitrag „Hexenhammer“ (1970) und einen US-Klassiker aus der 50er-Ära folgte, in der Science-Fiction eine größere Rolle im US-Horror zu spielen begann: „Rebellion in der Tiefe“ (1956). Teil 4 der Classic-Chiller-Reihe wurde „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“, wobei es sich um den hier im Text bereits erwähnten „Murders in the Rue Morgue“ handelt. Im Unterschied zum vierten Teil der Reihe beinhaltet die Veröffentlichung von „Insel der verlorenen Seelen“ nicht nur die Blu-ray und eine Hörspiel-Zugabe auf CD, sondern auch die DVD-Version des Films, die mir auch als Vorlage für diese Rezension gedient hat. Ich habe der DVD bis heute nicht abgeschworen, da in diesem Format nach wie vor mit großem Abstand die meisten klassischen Hollywood-Filme in einer Bild-Qualität verfügbar sind und gemacht werden, die digitalen Standards entspricht, und sie als Medium daher unumgänglich ist, wenn man auf größtmögliche Qualitätseinheitlichkeit in einer Klassiker-Sammlung Wert legt. Wenn man obendrein wirklich akribisch bis in die Tiefen der Genres sammelt, wird selbst der Rückgriff auf digitalisierte VHS – mangels sonstiger Verfügbarkeit vieler seltener Filme – immer noch häufiger eine Rolle spielen als die Blu-ray, die nur den Zugriff auf einen sehr begrenzten Bruchteil handverlesener Klassiker ermöglicht, die zum Teil auch nicht unbedingt den Ruf rechtfertigen, den sie haben. Wichtig ist mir zudem auch der Aspekt, dass es aufgrund des Ausgangsmaterials häufig genug leider gar nicht möglich ist, interessante Klassiker in Blu-ray-Qualität zu veröffentlichen – ein Grund für mich, all diese Filme nicht mehr anzusehen, wird das allerdings niemals sein und somit ist mir ein Umschwenken auf Blu-ray-Disc sowieso unter keinen Umständen jemals pauschal möglich.

Für die Veröffentlichung via Ostalgica wurde eigens eine neue Synchronfassung zu „Insel der verlorenen Seelen“ erstellt, die ich als ausgesprochen gut bezeichnen möchte und die mir auch ein Stück weit besser gefallen hat als die ebenfalls, offenbar vom selben Team im Hintergrund, neu angefertigte deutsche Fassung zu „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“. Insbesondere der Sprecher von Charles Laughton macht einen grandiosen Job und ist charismatisch sehr nah am Original, was bei Laughtons stets recht extrovertiertem Spiel voller stimmlicher Feinheiten – sehr sinnlich und emotional geprägt – wahrlich nicht einfach ist. Der Film wurde bereits 1971 einmal in München synchronisiert, damals offenbar mit „Mr. Spock“ Herbert Weicker als deutscher Dr. Moreau. Schauspielerisch ist Weicker die Rolle zweifelsohne zuzutrauen, aber man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass der Sprecher in der Ostalgica-Synchronfassung zumindest dem Originalton deutlich näherkommt. Eine noch frühere Aufführung in Deutschland wurde zunächst offenbar von den Nazis verhindert und dann bis in die 70er nicht wieder probiert. Das Bonusmaterial zu „Insel der verlorenen Seelen“ hat von einem Audiokommentar bis hin zu vielen netten Details eine ganze Menge zu bieten – um auf das volle Angebot zugreifen zu können, muss man aber die Blu-ray zur Hand nehmen. Die DVD enthält nur einen Teil der Extras. Abschließend sei noch auf eine andere Rezension von „Insel der verlorenen Seelen“ im Filmblog „Die Nacht der lebenden Texte“ verwiesen – dort gehöre ich zu den Stammautoren.

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Szenenfotos & Packshot: © 2019 Ostalgica

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