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Bericht vom 27. Internationalen Filmfest Oldenburg – Tag 1

Von , 7. Oktober 2020 20:11

Nach Oldenburg fahren oder nicht? Die Frage quälte mich lange Zeit. Der Gedanke dabei war: Wenn nur drei Kinos bespielt und diese noch durch die Corona-Schutzmaßnahmen einen Bruchteil an Publikum aufnehmen können, dann müsste die Tickets im Pressekontingent des Festivals doch in Windeseile weg sein. Meine Befürchtung: Wenn ich erst am Freitag in Oldenburg aufschlage und darauf spekuliere, dass es noch Karten für die Presse gibt, dann könnte ich in die Röhre gucken und dann noch normale Publikumskarten zu bekommen, dürfte ein Ding der Unmöglichkeit sein. Aber ein sehr netter und hilfsbereiter Kontakt mit der Presseabteilung des Festivals (Danke an dieser Stelle an Fabio) zerstreute dann meine Zweifel und am Freitag setzte ich mich ins Auto und fuhr mit vor Vorfreude klopfenden Herzen nach Oldenburg. Dort lief auch alles gut und bald schon hatte ich Tickets für sechs Filme in der Tasche. Eine etwas merkwürdige Begegnung hatte ich nur als ich im Festivalbüro die Örtlichkeiten aufsuchte mit mich plötzlich neben Daniel Araoz wiederfand, den ich ja am Vortag in „The Longest Night“ als fiesen Serienvergewaltiger erlebt hatte. Hmmm.

Da ich mir genug Zeitpuffer gegönnt hatte, nutzte ich die Zeit, um durch Oldenburg zu schlendern. Was irgendwie eine seltsame Stimmung in mir auslöste. Oldenburg war immer ein Ort, den ich gerne besucht habe, und der mit einer tollen Innenstadt punkten konnte. Aber jetzt fielen mir die vielen Leerstände auf und die Einkaufsstraßen wirkten irgendwie „unaufgeräumt“ und ramschig. Wie immer schaute ich mal im Müller vorbei, wo ich mir gerne mal Andenken in Form von Blu-rays mitgenommen habe. Die Media-Abteilung wurde aber drastisch reduziert und ist ebenso langweilig wie trist geworden. Dafür fand ich mitten in der Innenstadt einen versteckten Second-Hand-Platten-Laden. Ein wenig versteckt in der 1. Etage eines Eckhauses und nur über eine schmales Treppenhaus zu erreichen. Der Laden selber ist riesig und in der Mitte steht eine echte Bühne. Da ich aber ganz allein hier auf weiter Flur war und irgendwann auch noch der Mann an der Kasse verschwand, hatte das eine ganz eigentümliche Atmosphäre. Ich kann es nicht richtig beschreiben, aber Oldenburg wirkte irgendwie leer und ein wenig runtergekommen. So ein wenig wie Galeria Kaufhof hier in Bremen kurz vor der Schließung. Seltsam und irgendwie auch traurig. Ich hoffe nach Corona gerappelt sich die Stadt wieder etwas.

Ähnliches erlebte ich dann auch im Casablanca, meinem Kino für den heutigen Tag. Brummt hier während des Filmfests das Leben und liegt eine beinahe greifbare, aufgeregte Elektrizität in der Luft, so war davon nichts, aber auch gar nichts zu spüren. Keine Schlangen vor den Kinos. Keine Atmosphäre. Da ich allein auf weiter Flur war, dachte ich, der erste Film beginnt um 19:30. Erst als ich mich draußen hingesetzt und noch einmal durch das Programmheft geblättert hatte, fiel mir auf, dass der Film schon lief. Nun, normalerweise heißt beim Filmfest 19:00 Beginn, dass man um die Uhrzeit eventuell daran denkt, die Leute reinzulassen – und dann kommt noch die Ansage und vielleicht die Vorstellung eines Gasts. Hier schlüpfte ich noch schnell rein und der Film lief schon. Und das um 19:05! Unvorstellbar. Leider hatte ich bei dieser Vorstellung den „Rasiersitz“ in der ersten Reihe erwischt. Normalerweise im Casablanca kein Problem, aber das Filmfestprogramm lief ausschließlich im Kino 1 (wo ich seltsamerweise noch nie gewesen bin) und dort ist das schon extrem nah an der Leinwand. Aber egal, auch so wurde ich schnell in den Film gezogen.

American Thief – Amerika vor den Präsidentschaftswahlen 2016. Ein bereits gespaltenes Land indem die farbige Bevölkerung Schutz vor einer rassistischen Polizei suchen muss. In dem man als Nicht- Weißer ständig in Gefahr schwebt. Wo sich einige gegen die Hoffnungslosigkeit stemmen und etwas ändern wollen. Zu diesen gehören Toncruz und Diop, zwei Hacker. Der eine will einfach nur die Welt zum Besseren ändern, der andere hat zusätzlich noch ein gehöriges Päckchen mit sich herumzuschleppen. Einst brachte ein weißer Polizist vor seinen Augen seinen wehrlosen Vater um. Seitdem sucht er diesen Mann, um sich zu rächen. Und dadurch wird er zum Spielball von manipulativen Mächten, deren Agenda im Film nicht wirklich klar wird. Was aber zur paranoiden Atmosphäre dieser aufgeladenen Tagen im Jahr 2016 beiträgt.

Man sollte gar nicht erst versuchen, genau dechiffrieren zu wollen, was um Toncruz und Diop herum eigentlich vorgeht. Sie werden es selber nicht herausfinden. Ebenso wenig wie „The Man in the Van“, ein weißer Vlogger, der in seinem Bus lebt und seine Sicht auf die Welt, was oftmals den Geruch von Verschwörungstheorien hat, auf YouTube hochlädt. Und der wie Toncruz eines Tages online von einem „Unidentified User“ kontaktiert wird und so zur Spielfigur eines größeren Spieles wird. Regisseur Miguel Silveira mischt perfekt eine semi-dokumentarische Herangehensweise mit dem Paranoia-Thriller der 70er Jahre und kreiert damit eine bedrohliche, verwirrende und angenehme Stimmung, in der sich nicht nur die Protagonisten verlieren. Und die bald schon die ersten Opfer fordert.

Dass einen „American Thief“ nicht kalt lässt, liegt auch an den hervorragenden, sehr sympathischen Darstellern. Allen voran natürlich Xisko Maximo Monroe (in seiner ersten Filmrolle überhaupt) als von Rachegedanken zerfressenen Toncruz, aber auch Khadim Diop als sein Kumpel Diop (optisch zwischen Malcom X und Herbie Hancock) schließt man schnell ins Herz. Demgegenüber ist Ben Becher als Vlogger Paul Hunter ein eher konventioneller, aber nicht weniger positiv besetzter Held. Sie alle müssen Opfer bringen, in diesem unheilvollen Gemisch aus Verschwörung, Manipulation, Überwachung und eiskalten Killern, das irgendwas mit Wahlbetrug, Islamischen Staat, Trump und Geheimdiensten zu tun hat. Ein Cocktail, welcher zunehmend auch die Kehle des Zuschauers zuschnürt und ein ebenso gutes, wie besorgniserregendes Bild vom prekären Stand der Dinge im Home of the Brave and Land of the Free zeichnet.

Nach dem Film machte ich es mir in einem kleinen Durchgangsraum mit Bistro-Tischen bequem. Von hier hatte ich einen guten Blick auf den Eingangsbereich des Kinos. Und es war wirklich nichts los. Ab und zu tröpfelten Gäste in die Vorstellung, und irgendwie vermisste ich das aufgeregte Gewusel und echte Festivalfeeling. Als ich dann ins Kino trottete, stellte ich fest, dass ich jetzt ganz oben in der letzten Reihe platziert war, was mir einen guten Überblick über das Kino gab. Dieses war leider recht leer, was nicht unbedingt nur an den Corona-Maßnahmen lag. Auch so hätte noch locker die doppelte Anzahl an Zuschauern in den Saal gedurft.

Black Jade – „Black Jade“ ist so etwas wie der prototypische Oldenburg-Film. Ein amerikanischer Indiefilm. Ein Debütfilm mit hohem visuellem Anspruch. Ein wenig verkopft. Ein wenig persönlich. Fantasiereich, aber durchschaubar. Und vielleicht nicht ganz so clever, wie er selber glaubt. Aber nach der Sichtung ärgert man sich nicht, sondern hat genug positive Dinge gefunden, welche einen gnädig auf das Werk zurückschauen lassen.

Raymond Sykes ist Schriftsteller oder will es vielmehr sein. Während er Zuhause sitzt und versucht seinen großen Roman in die (natürlich altmodische) Schreibmaschine zu hauen und den Haushalt macht, ist seine Frau Dorothy diejenige, die ihre Karriere vorantreibt und das Geld nach Hause bringt. Beide sind mit der Situation unzufrieden. Sie von dem Typen, der große Reden vom Künstler schwingt, aber nichts auf die Reihe bringt und den Tag im Unterhemd verbringt. Er von seiner Situation und seiner Frau, die ohne Handy am Ohr und Business-Kleidern nicht mehr denkbar ist und ihn ständig dran erinnert, wer hier sein Leben im Griff und Erfolg hat – und wer eben nicht. Die Beiden haben sich auseinandergelebt und sind voneinander genervt. Als eines Tages Dorothys Schwester Delilah auftaucht, die eine echte Partymaus ist und eher unkonventionell auftritt, erinnert sich Raymond daran, was er eigentlich für eine Partnerin wollte. Ab hier entwickelt sich ein Verwirrspiel aus Realität und Fantasie, welches Regisseur Guy Longstreet in wunderschöne, schwarz-weiße Bilder mit gelegentlichen roten Farbflecken einfängt. Zeiten und Orte ändern sich immer wieder, aus der wilden Delilah wird die mädchenhafte Adele.

Was sich nur in Raymonds Kopf abspielt und was wirklich passiert, lässt Regisseur Longstreet bewusst offen. Auch wenn man recht schnell weiß, wie der Hase läuft, da der Film nicht wirklich Neues zu bieten hat, was man nicht in ähnlichen Filmen, die beim Internationalen Filmfest Oldenburg liefen gesehen hat. Aber Longstreet bringt das alles in eine schön anzusehende Form, hat mit Gareth Koorzen einen interessant anzusehenden Hauptdarsteller, der irgendwie gleichzeitig an Ray Liotta und Leonardo DiCaprio erinnert, und der in dem attraktiven Schwarz-Weiß tatsächlich auch aus der Zeit gefallen scheint, wie eine Figur aus einem 40er Film Noir. Leider kann da Debütantin Sasha Grant in der Dreifachrolle als Dorothy und Delilah/Adele nicht mithalten. Gerade als Dorothy wirkt sie oftmals aufgesetzt und wenig souverän. Aber die gute Kameraarbeit und der tolle Soundtrack entschädigen für viel. Und ein wirklich schlechter Film ist „Black Jade“ nun auch nicht. Nur nicht so pfiffig und außergewöhnlich, wie er gerne wäre, aber interessant, durchaus unterhaltsam und schön anzusehen.

Auf dem Weg zum Auto überlegte ich noch, warum sich das heute alles so seltsam angefühlt hat. Und erst da fiel mir auf, dass es im Casablanca auch keinerlei Ankündigungen oder kurze Einführungen gegeben hat. Mit Gästen hatte ich eh nicht gerechnet, aber normalerweise kommt mindestens jemand vom Festival, begrüßt das Publikum und erzählt ein paar Worte zum Film. Das fand hier heute nicht statt. Man hatte einfach das Gefühl, ganz normal ins Kino gegangen zu sein. Von einem „Event“ fehlte jede Spur. Schade.

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