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Blu-ray-Rezension: „Das Grauen schleicht durch Tokio“

Von , 16. April 2017 12:45

Während eines heftigen Regenfalls gerät der Drogenschmuggler Misaki in Panik und schießt wild um sich, dann wird er von einem Taxi erfasst – und verschwindet. Nur seine Kleidung bleibt von ihm übrig. Die Polizei unter der Führung des Inspektors Tominaga (Akihiko Hirata) steht vor einem Rätsel. Tominaga vermutet, dass Misaki einem Bandenkrieg zum Opfer fiel und konzentriert seine Ermittlungen auf die Freundin Misakis, die Nachtclubsängerin Chikako Arai (Yumi Shirakawa). Diese wird auch von der Tokioter Unterwelt bedrängt, die ebenfalls auf der Suche nach Misaki ist. Bald schon verschwinden immer mehr Personen. Da schaltet sich der junge Wissenschaftler Dr. Masada (Kenji Sahara) ein, der glaubt, die seltsamen Vorgänge hingen mit einer hohen Strahlungsdosis zusammen. Doch die Polizei glaubt ihm nicht. Erst als die Polizisten selber einer grünen, schleimartigen Masse gegenüberstehen, schenken sie Masada Gehör…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Für viele ist der Name Ishirō Honda lediglich mit seiner bekanntesten Kreatur „Godzilla“ verknüpft, die er 1954 auf die Leinwand hievte und damit einen Film schuf, der es ins kollektive Pop-Bewusstsein der Menschheit geschafft hat. Auch durch die mittlerweile insgesamt 28 Nachfolgefilme, einer Zeichentrickserie, Gastauftritt in TV-Serien, zwei US-Remakes (okay, wenn man streng ist, dann nur einem), Comics, Werbespots und, und, und. Dabei war Honda zwar an vielen, aber längst nicht allen Godzilla-Filmen beteiligt. Schon bei der Fortsetzung „Godzilla kehrt zurück“ übernahm Motoyoshi Oda den Regiestuhl. Danach gab es erst einmal eine lange Pause und Honda hatte erst 1962 bei „Die Rückkehr des King Kong“ wieder mit dem großen Grünen zu tun. Zwischenzeitlich erschuf er auch andere, legendäre Monsterfilme, deren Hauptfiguren wie Mothra oder Rodan sich später auch in der Godzilla-Serie wiederfinden sollten. Und er inszenierte einige SF-Horrorfilme, von denen „Das Grauen schleicht durch Tokio“ einer der Bekanntesten ist.

Im Grunde gehört „Das Grauen schleicht durch Tokio“ zu dem kleinen, aber feinen Subgenre des Body-Melt-Films, der seine Anfänge u.a. in dem britischen Hammer-Film „Schock“ hatte und dann in den 80ern mit Werken „Street Trash“ oder „Body Melt“ einen drastischen Höhepunkt feierte. Und natürlich spielt „Das Grauen schleicht durch Tokio“ auch auf den großen amerikanischen Kassenerfolg „Der Blob“ an. Er verbindet damit Elemente von „Der Blob“ mit „Schock“ und vermischt dies mit einer großen Prise Yakuza-Film. Tatsächlich drängt sich der Yakuza-Anteil gerade in der ersten Hälfte so stark in den Vordergrund, dass man die „Flüssigen Menschen“ (der Originaltitel des Filmes lautet recht treffend „Die Schönheit und der flüssige Mann“) fast schon vergisst. Zumal sie zunächst auch nicht direkt gezeigt werden. Panische Gesichter, Schüsse und dann zurückgelassene Kleidung ohne menschlichen Inhalt – das ist alles, was man zu sehen bekommt. Die Polizei mag keine andere Möglichkeit als einen Gangsterkrieg in Betracht ziehen, so dass die Staatsmacht lange im Dunkeln tappt, während der Zuschauer schon lange weiß, wer hier durch Tokio schleicht. Oder auch nicht. Denn die Geschichte um die schleimig-grüne Flüssigkeit ist trotz ewig langer Erklärungen des erst spät in die Handlung eingreifenden jungen Helden Masada etwas konfus. Was ist diese grün-schleimige Flüssigkeit? Ein Wesen, welches fremde Leben assimiliert? Die kollektive Existenz der Opfer? Oder verwandelt es jedes einzelne Opfer in einen Geist? Letztere tauchen ja dann auch öfter mal auf. Und warum scheint „das Grauen“ einen Rachefeldzug für das erste Opfer, den Drogenschmuggler Misaki, zu führen?

Obwohl der Film alle Möglichkeiten für ein großes Spektakel mitbringt, kehrt Honda mit schöner Regelmäßigkeit zu unzähligen Dialogszenen zurück. Ständig sitzt das Polizei-Team zusammen, verhört jemanden oder stellt Theorien auf, von denen man weiß, dass sie nicht stimmen. Diese Tendenz zur Geschwätzigkeit bremst den Film immer wieder aus. Dabei versteht sich Honda ja eigentlich auf finstere, ebenso wie auf bunte Bilder. Eine nächtliche Attacke auf die Nachtclub-Sängerin Chikako oder die Seeleute auf dem Geisterschiff sind entsprechend düster oder im letzteren Falle auch tatsächlich unheimlich inszeniert. Die Musikszenen im Nachtclub stören überraschenderweise nicht, sondern sind bunte Farbtupfer in einer eigentlich recht grimmigen Geschichte. Auch davon hätte man gerne etwas mehr gesehen, stattdessen darf man sich dann wieder minutenlang pseudo-wissenschaftliche Vorträge anhören. Wenn „das Grauen“ dann aber zuschlägt, wird man für das lange Warten entschädigt. Zwar klafft die Qualität der Spezialeffekte weit auseinander – von peinlich-lieblos bis beeindruckend-explizit – doch Honda beweist ein gutes Händchen für die, zugegeben rar gesäten, Höhepunkte seines Films. Und bei den eher absurden Momenten (wenn beispielsweise ein Polizist eine Fensterscheibe zerschlägt, obwohl das Fenster direkt neben ihm offen steht und generell alle minutenlang und natürlich ziemlich erfolglos auf die Flüssigkeit schießen) bin ich mir sicher, dass sie von Honda mit einem Augenzwinkern absichtlich so eingebaut wurden.

Auch wenn das große Finale nicht nur etwas enttäuschend, sondern vor allem arg auch unübersichtlich ausfällt, und wenn weitaus mehr geredet als gehandelt wird, kann man „Das Grauen schleicht durch Tokio“ durchaus mögen. In einem der ersten Cinemascope Farbfilme der Toho merkt man noch die Freude, mit der Honda die neuen Möglichkeiten zumindest visuell ausprobiert. Sehr schön auch die hübschen Modelle des Tokioter Hafens, die am – dem Publikum der internationalen Fassung vorenthaltenen – Ende ein Raub der Flammen werden. Diese internationale Fassung ist gut sieben Minuten kürzer als die japanische Fassung. Es fehlen hier vor allem Dialogszenen, die entweder gänzlich getilgt oder stark gekürzt wurden. Was dem Film durchaus gut tut, auch wenn dadurch viele Bezüge zu den Atombombenversuchen der Supermächte verloren gehen. Stark gestrafft wurden auch die Tanz- und Gesangszenen im Nachtclub, sowie das Schicksal einer Tänzerin, die dem grünen Killerschleim zum Opfer fällt. Die Anolis-Scheibe bietet beide Fassungen an. Welche man bevorzugt, dürfte Geschmackssache sein. Beide haben ihre Vor- und Nachteile.

Auch wenn „Das Grauen schleicht durch Tokio“ unter allzu vielen Dialogszenen leidet und das Drehbuch nicht wirklich glänzt, ist der Film doch für Freunde der japanischen Produktionsgesellschaft Toho und ihres bekanntesten Regisseurs Ishirō Honda essenziell. Aber auch alle anderen können mal einen Blick riskieren, selbst wenn die wirklich gelungen Szenen gegenüber den geschwätzigen klar in der Unterzahl sind.

Der neueste Eintrag in „Die Rache der Galerie des Grauens“ reiht sich in die wundervollen Präsentationen dieser Reihe ein. Von der Bildqualität her gibt es bei diesem 60 Jahre alten Film nichts zu kritisieren. Insbesondere in der Blu-ray-Version sind die Farben kräftig und das Bild sehr klar – ohne dabei etwas von seinem „Film-Look“ einzubüßen. Wie bereits oben geschrieben, liegt der Film sowohl in der langen Japanfassung, als auch in der gestrafften Internationalen Fassung (auf der die deutsche Kinofassung beruht) vor. Die Unterschiede werden hier eingehend beschrieben. Aber Vorsicht, Spoiler-Gefahr. Neben der deutschen, japanischen (nur bei der Japanfassung) und englischen (nur bei der Internationalen Fassung) Tonspur, kann man auch wieder zwischen zwei Audiokommentaren wählen. Dr. Rolf Giesen und Jörg M. Jedner konzentrieren sich vor allem auf die Auswertungsgeschichte japanischer Filme in Deutschland, während das bewährte Trio Jörg Buttgereit, Bodo Traber und Alexander Iffländer sich auf ähnlich gelagerte Produktionen der Toho und ihre Bedeutung konzentrieren. Der deutsche Trailer, eine Bildergalerie, Werbematerial und das gut geschriebene, 16-seitiges Booklet von Jörg M. Jedner und Jo Steinbeck runden diese schöne Veröffentlichung ab.

Blu-ray-Rezension: „Im Sumpf des Grauens“

Von , 28. Januar 2017 10:19

Die Krankenschwester Jane Marvin (Beverly Garland) hat die Erinnerung an ihr altes Leben verloren. Unter Hypnose offenbart sie aber zwei Psychiatern eine schier unglaubliche Geschichte. In Wirklichkeit heißt sie Joyce Webster und war mit Paul Webster (Richard Crane) verheiratet. Dieser verschwand jedoch auf der Hochzeitsreise, nachdem er ein geheimnisvolles Telegramm erhalten hatte. Joyce macht sich daraufhin auf die Suche nach ihm. Diese führte sie in die kleine Stadt Bayou Landing, mitten im Sumpfgebiet von Louisiana. Hier kommt sie bald hinter die unheimliche Tragödie, welche Paul dazu zwang, unterzutauchen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Mit fast 60 Jahren Verspätung haben es die „Alligator People“ (so der Originaltitel von „Im Sumpf des Grauens“) endlich nach Deutschland geschafft. Im Rahmen der Anolis-Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“ wurde dem Film extra eine deutsche Synchronisation spendiert, die sich durchaus hören lassen kann und weit entfernt ist von diversen Schnellschüssen anderer Labels. Für Qualität spricht hier schon der Name des für die Synchronisation zuständigen Autors. Bodo Traber ist nicht nur durch zahlreiche Texte zum Film (wie beispielsweise in der legendären „Splatting Image“), Booklets und Audiokommentare aufgefallen, sondern auch Autor vieler absolut hörenswerter Hörspiele für den WDR. Wer sich beeilt, kann sich noch immer kostenlos seine Co-Produktion mit Jörg Buttgereit, „Fungus – Pilz des Grauens“ legal aus dem WDR-Hörspielspeicher laden. Soviel Liebe und Mühe seitens des veröffentlichenden Labels kann gar nicht genug gelobt werden. Rechtfertigt es aber auch der Film?

Bei „Im Sumpf des Grauens“ handelt es sich um ein klassisches B-Movie, welches bei der Erstaufführung mit „Die Rückkehr der Fliege“ zusammengekoppelt wurde. Ungewöhnlich ist hierbei das Bildformat. „Im Sumpf des Grauens“ wurde in wundervollem Cinemascope gefilmt und erweckt so einen sehr viel „wertigeren“ (schlimmes Marketing-Wort, welches hier aber durchaus passt) Anschein, als ähnlich gelagerte Produktionen. Von der Handlung her orientiert sich „Im Sumpf des Grauens“ dann auch weniger an den preisgünstigen Horrorschockern, sondern ist mehr im Melodram beheimatet. Wenn auch dieses kräftig mit Science Fiction und dem generell zur Schwermut neigenden Monsterfilm durchmischt wird. So ist der nominelle Bösewicht hier auch mitnichten der zum „Alligator Menschen“ mutierende Paul Webster, sondern vielmehr der halb irre Manon, der an einen Sumpf-Ahab erinnert, einen unbändige Hass auf Alligatoren aller Art hegt, seitdem diese ihn seiner Hand beraubten. Doch nicht nur mit Alligatoren hat Manon so seine Probleme, auch sein überschäumendes Libido lässt ihn schon mal die Kontrolle über die guten Manieren verlieren. Demgegenüber ist der Mad Scientist – in reißerischen Filmen vielleicht ein Irrer mit Gottkomplex – hier ein herzensguter Kerl, der seinen Fehler wieder gut machen möchte.

Auch die anderen Figuren entpuppen sich nach und nach als Menschen, die sich umeinander sorgen und nur das Beste wollen. Frieda Inescorts Auftritt als Mrs. Lavinia Hawthorne wird zwar unheilvoll eingeleitet, aber bald schon stellt man fest, dass hier keine dunkle Seele am Werk ist, sondern ein starkes Mutterherz schlägt. Dementsprechend ist auch das „Monster“ ein lieber, fürsorglicher Ehemann, der seine geliebten Ehefrau den Schrecken der Wahrheit ersparen will. Der „Alligator-Mann“ wird von Richard Crane gespielt. Wirkt er in rein menschlicher Gestalt etwas zu grobschlächtig für seine zarte Mitspielerin Beverly Garland, so ist er doch die ideale Wahl für die Mensch-Alligator-Mutation im mittleren Stadium. Die brillante Maske, für die Dick Smith (der berühmt wurde mit seiner Arbeit für „Der Pate“ und „Taxi Driver“ und später einen Oscar für „Amadeus“ erhielt) verantwortlich zeichnet, passt ausgezeichnet zu seiner kantigen Gesichtsphysiognomie. Es ist nicht ganz klar, ob Richard Crane ein großer Schauspieler war, oder ob ihn seine Maske behindert hat. Aber seine Bewegungen haben etwas unbeholfen-schweres, was seine tragische Verwandlung glaubwürdig wirken lässt. Seine Auftritte sind das Highlight des Filmes, auch weil man sich an dem überzeugenden Aussehen des Alligator-Mannes kaum sattsehen kann. Diese stellen sogar noch Lon Chaney Jr.s euphorische Darstellung des Manon leicht in den Schatten.

In der Rolle der Joyce Webster zeigt Beverly Garland eine solide Darbietung. Sie sticht zwar nicht aus den unzähligen, ähnlich gelagerten Protagonistinnen der 50er-Jahre-B-Film-Heldinnen heraus, aber fällt auch nicht negativ aus. Einzig, dass sie für die Rolle etwas zu viel Hollywood-Charme mitbringt, kann ihr angelastet werden. Regisseur-Veteran Roy Del Ruth begann seine lange Karriere bereits 1920 mit komödiantischen Kurzfilmen mit dem heutzutage vergessenen Jack Cooper. „Im Sumpf des Grauens“ war 39 Jahre später sein vorletzter Kinofilm. Er verstarb zwei Jahre später im Alter von nur 67 Jahren an einem Herzinfarkt. Letzteren muss der Zuschauer bei „Im Sumpf des Grauens“ nicht befürchten. Del Ruth lässt ihn ganz unaufgeregt durch seinen Film gleiten, gibt ihm Zeit die schöne und atmosphärische Kameraarbeit von Karl Struss (auch seit 1920 im Geschäft) zu bewundern, und sich von der traumwandlerischen Stimmung tragen zu lassen. Erst zum Schluss gönnt sich Del Ruth ein dramatisches Feuerwerk und einen echten, fertig mutierten Alligator-Mann, der trotz aller Bizarrerie zu keiner Sekunde glaubhaft wirkt. Dieser sieht dann wirklich aus, wie ein Mann im zu engen Overall, was allerdings auch seinen eigenen, dem Film durchaus angemessenen Charme hat.

„Im Sumpf des Grauens“ ist ein kleines, durchaus charmantes B-Filmchen, welches seinen Fokus weniger auf Horror, als auf Melodram legt. Trotzdem werden auch Monsterfilm-Fans ihre Freude an dem sehr solide erzählten Werk haben, denn neben einem sehr präsenten Lon Chaney Jr., ist es besonders das Make Up des langsam immer mehr mutierenden „Alligator-Mannes“, welches im Gedächtnis bleibt und vollends für das eher lustige Aussehen des fertigen Alligatorenmenschen entschädigt.

Die Nummer 5 der „Rache der Galerie des Grauens“ steht seinen Vorgängern in nichts nach. Wieder merkt man die große Mühe, die sich alle Verantwortlichen gegeben haben. Das fängt mit der eingangs erwähnten, sehr gelungenen Synchronisation an (wobei der ebenfalls sehr klare Originalton etwas weniger steril wirkt), und geht mit dem zweifachen Audiokommentar weiter. Den ersten bestreiten Bodo Traber, Ingo Strecker und Alex Iffländer, die auch noch einmal eingehend auf die Synchronisation eingehen. Der zweite wurde – wie bei der Reihe schon Usus – von den Experten Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, sowie Anolis-Chef Ivo Scheloske eingesprochen. Ferner gibt es noch ein schönes 16-seitiges Booklet mit einem informativen Text von Ingo Strecker. Ansonsten gibt es an Extras noch den amerikanischen Trailer und eine Bildgalerie. Apropos Bild: Das Bild der Blu-ray ist für einen 60 Jahre alten Film schlichtweg atemberaubend. Sehr scharf, mit sehr guten Schwarzwerten, einem tollen Kontrast und dabei kein bisschen künstlich aussehend.

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