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Blu-ray-Rezension: „Baby Blood“

Von , 16. Januar 2020 06:33

Yanka (Emmanuelle Escourrou), die Assistentin und Geliebte des Raubtier-Dompteurs eines kleinen Zirkus, hat unter der gewalttätigen und aufbrausenden Mann sehr zu leiden, fügt sich aber in ihr Schicksal. Dies ändert sich, als eine neue Wildkatze aus Afrika im Zirkus eintrifft. Diese trägt einen jahrtausendealte Parasiten in sich. Die Wildkatze überlebt dies nicht und der Parasit sucht sich einen neuen Wirt: Yanka. Yanka flüchtet aus dem Zirkus in die große Stadt. Hier macht sie sich auf die Suche nach Futter für den Parasiten, der darauf wartet wiedergeboren zu werden. Und dieser ernährt sich von menschlichem Blut…

Alain Robaks „Baby Blood“ und ich haben eine sehr merkwürdige Beziehung zueinander. Unsere erste Begegnung hatten wir auf VHS. Dort war der Film zwar in Deutschland um einige Gewaltspitzen entschärft, aber immer noch recht blutig. Vor allem hatte es mir damals die Hauptdarstellerin Emmanuelle Escourrou angetan, die in „Baby Blood“ recht freizügig agierte. Und die Mischung aus Sex, Blut und Horror sprach mich auch sehr an. Im Wissen darum, dass ich damals nicht den vollständigen Film sah, sondern nur eine (wenn auch leicht) kastrierte (no pun intented) Fassung, war meine Neugierde natürlich groß, was mir da entgangen war. Als ich den Film dann auf einer Filmbörse als DVD des Labels Dragon fand, wanderte sie augenblicklich in meinen Einkaufsbeutel. Allerdings war dann Zuhause die Enttäuschung groß, denn was ich nun mit einigem zeitlichen Abstand zur Erstsichtung zu sehen bekam, konnte mit der Erinnerung nicht standhalten. Das alles zwar ganz okay, konnte aber bei Weitem nicht mit dem Eindruck konkurrieren, den die Erstsichtung bei meinem zehn Jahre jüngeren Ich hinterlassen hatte. Mehr faszinierte mich da schon der, ebenfalls auf der DVD enthaltende, Kurzfilm „Corridor“. Nun sind nochmal zehn Jahre vergangen und „Baby Blood“ ist als Teil der wunderbaren „Drop-Out“-Reihe des Labels „Bildstörung“ auf Blu-ray veröffentlicht worden. Was mich ob meiner Erinnerung an die letzte Sichtung doch wunderte. Doch da man sich bisher immer auf die Filmauswahl der „Bildstörung“-Leute verlassen konnte, war ich sehr gespannt, wie sich die nunmehr dritte Begegnung mit „Baby Blood“ gestalten sollte.

Die Antwort: Weitaus besser als erwartet, doch für den ganz großen Jubel reicht es wiederum nicht. „Baby Blood“ hat ganz wundervolle Anlagen. Der ganze Beginn ist von einer magischen Poesie mit seinem irgendwie heruntergekommenen Zirkus, der latenten Gewalt, den Raubkatzen, der naiven Erotik von Mademoiselle Escourrou und dem blutigen Highlight in einem verwahrlosten Viertel der Stadt, welches wirkt wie eine andere, verwüsteten Welt. Gerade in der ersten Hälfte erzählt „Baby Blood“ sehr effektiv und verzaubert mit seiner blutigen Geschichte einer Selbstermächtigung. Männer kommen hier nur als gewalttätige Karikaturen vor. Lügner, Schwindler, die nur sich selbst lieben und in Frauen vor allem Objekte sehen, die es gilt sexuell auszunutzen. Durch den Parasiten in ihrem Körper wird Yanka gezwungen ihnen nun nicht mehr als wehrloses Opfer, sondern als starke Täterin gegenüberzutreten. Und sie beginnt in diesen lächerlichen Kreaturen keine Menschen mehr, sondern vor allem Futterlieferanten für ihr „Baby“ zu sehen. Dadurch erhält ihr Blick eine Klarheit, die sich auf den Zuschauer überträgt. Wie konnte man diese dummen Schwätzer, sexistischen Hohlköpfe je für eine echte Bedrohung halten. Wo sie sich doch beim Anblick einer attraktiven Frau in sabbernde Trottel verwandeln und jede Vorsicht fahren lassen? Yanka wird zur fleischgewordenen Kastrationsangst dieser Möchtegern-Casanovas, brutalen Machos und halbgaren Incels.

Doch zwei Dinge stören mich weiterhin an „Baby Blood“. Zum einen fallen Yanka bald auch Personen zum Opfer, die es nicht unbedingt verdient haben, als Parasiten-Futter zu enden. So wie eine ältere Dame, die es mit Yanka nur gut meint. Man könnte argumentieren, dass diese Frau mit ihrer Freude über die vermeintliche Schwangerschaft Yankas Klischees und Modelle bedient, die überkommen und Yanka wieder in ein Rollenkorsett pressen wollen. Andererseits handelt die Dame in echter Fürsorge, und dass sie begeistert eine klassische Mutterrolle propagiert, mag man ihr nicht derartig übel nehmen, dass dies ihr hässliches Ende rechtfertigen würde. Zumal Yanka auch nicht viel anders handelt, als es die Gesellschaft von einer Mutter erwartet. Sie kümmert sich ausschließlich um ihr „Kind“ und ordnet diesem alles unter.

An dieser Stelle bricht „Baby Blood“ seinen Ton, und das Gefühl macht sich breit, dass der Film seine konsequente Linie verlässt, um Richtung „coole“ Gewalt abzuwandern. Dazu passt dann auch eine spätere, völlig übertriebene Splatterszene, bei der es dann u.a. auch einen völlig Unschuldigen trifft. Das fügt sich nicht zum Vorangegangenen und hat den Geschmack von Fan-Service für die Gore-Fraktion. Zum anderen ist es wieder einmal ein männliches Wesen, welches Yanka antreibt, sich an der Männerwelt zu rächen. Und dies nachdem es Yanka sogar quasi vergewaltigt hat. Es braucht also wieder den „starken Mann“, um der Frau zu zeigen, was sie machen soll. Nun kann man argumentieren, dass der Parasit ein uraltes Wesen ist und damit über den Geschlechtergrenzen steht – die männliche Stimme und recht typisch männlichen Sprüche sprechen aber wortwörtlich eine andere Sprache.

Die Idee des äonen-alten Wesens, welches sich am Ende als oktopus-artiges Etwas entpuppt, klingt natürlich nach Lovecraft, und dass sein Plan, die Menschheit zu unterjochen auf mehrere tausend Jahre angelegt ist, ein schöner Gag. Überhaupt kann man „Baby Blood“ einen hohen Unterhaltungswert nicht absprechen. Hervorzuheben ist auch die grandiose Leistung der damals noch blutjungen Emmanuelle Escourrou, die ihre Rolle der Yanka im besten Sinne des Wortes „verkörpert“. Schade, dass da dann bis auf einige wenige kleine Rollen und ein offenbar vollkommen misslungenen „Baby Blood“-Sequel namens „Lady Blood“ von 2008 nicht mehr viel kam. Die Anlagen wären da gewesen aus ihr einen Star wie Béatrice Dalle zu machen. Wie leider auch Regisseur und Drehbuchautor Alain Robak nach diesem Film keine nennenswerte Spuren mehr in der Filmgeschichte hinterließ. Als Grund hierfür führt er in einem der dieser Veröffentlichungen beigegebenen Interviews an, dass dies seltsamerweise am Erfolg von „Baby Blood“ gelegen hatte, der ihn ans Horror-Grenre gefesselt hätte. Und dieses wäre in seiner Heimat Frankreich eben nicht nur nicht gefragt, sondern regelrecht verfemt gewesen. In beiden Fällen kann man diese Entwicklung nur zutiefst bedauern,

In Sachen Veröffentlichung hat Drop-Out wieder Großes geleistet. Die Bildqualität dieser Blu-ray kann man einfach nur als superb beschreiben. Der Ton ist klar wie ein Bergsee. Neben diesen nicht unwichtigen Qualitäten punktet Bildstörung aber wieder mal mit den vielen, ungemein spannenden Extras. Das beginnt mit dem französischen Audiokommentar von Alain Robak und Emmanuelle Escourrou, der mit optionalen deutschen Untertiteln versehen wurde. Auf einer Extra-DVD befinden sich dann zahlreiche interessante Interviews, natürlich mit Robak und Escourrou, aber auch mit Kameramann Dernard Déchet und den beiden Darstellern Jean-François Gallotte und Christian Sinniger. Insgesamt geht dieses Segment eine Stunde. Dann ist neben dem oben erwähnten Kurzfilm „Corridor“ (7:39 min), noch der deutlich längere Kurzfilm „Sado et Maso vont en bateau“ (15:38 min., ursprüngliche eine Episode aus dem Anthology-Film „Parano“ von 1994) enthalten. Ebenfalls mit an Bord: Drei von Robak inszenierte Musikvideos, sowie ein netter Spaziergang mit Robak zu den Drehorten (8:29 min.). Wer dann noch nicht genug hat, kann – neben dem Original- und deutschen Trailer, sich noch das dicke, 28-seitige Booklet mit Texten von Jochen Werner, Ariel Esteban Cayer und Christian Kessler zu Gemüte führen. Danke Bildstörung. Alles richtig gemacht.

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