Bericht vom 29. Internationalen Filmfest Oldenburg – Tag 1

So lange hatte ich mich auf die 29. Ausgabe des Internationalen Filmfest Oldenburg gefreut – und dann war sie plötzlich da. Für mich wieder ein Höhepunkt des Jahres. Und nach zwei harten Pandemie-Jahren strömten die Menschen dann wieder überraschend zahlreich in die Filmvorstellungen. Zwar waren bei meiner Ankunft am Freitagnachmittag noch Karten für alle Filme zu haben (das war in den Jahren vor der Pandemie eigentlich nie der Fall), doch im Vergleich zu den beiden Vorjahren waren die Vorstellungen gut besucht und auch in den jeweiligen Foyers der Kinos tummelte sich das Leben. Zwei Dinge waren für mich allerdings anders als sonst: Einmal war da das Wetter. Ein so schlechtes Wetter und solch einen heftigen Regen hatte ich meiner Erinnerung nach in Oldenburg zu Filmfest-Zeiten noch nie erlebt. Zum anderen war ich – mit Ausnahme des schlimmen Pandemiejahres 2020 – das erste Mal seit langem wieder ganz alleine auf dem Festival unterwegs. Das war ich zum Anfang meiner „Filmfest-Karriere“ zwar auch, doch in den letzten Jahren hatte ich das Gemeinsame und den Austausch mit netten Menschen, schlicht die Geselligkeit und das Quatschen über Gesehenes und Nichtgesehenes doch sehr, sehr lieb gewonnen. Da war es diesmal doch ein etwas merkwürdiges Gefühl, zumal sich meine Hoffnung in Oldenburg bekannte Gesichter zu treffen auch nicht erfüllte. Andererseits war das Programm wieder so eng getaktet, dass es zwischen dem Eilen von einem Kino ins nächste kaum Zeit zum Verschnaufen gab.

Nachdem ich mich durch den üblichen Freitagnachmittagstau auf der B75 und dichten Verkehr in der Oldenburger Innenstadt gequält hatte und dann auch endlich den diesjährigen Sitz des Festivalbüros gefunden hatte, ging es in den schönen und gemütlichen Saal 2 des Casablanca-Kinos. Dort begann mein Festival mit einem Film aus Kenia.

Chaguo
Inhalt: „Wendo und Mugeni sind Mitglieder historisch verfeindeter Stämme eines afrikanischen Landes, welche die Macht nach der Unabhängigkeit untereinander aufgeteilt haben. Das Paar versucht sich aufgrund von vergangenen Geschehnissen von der Politik ihrer Familien zu distanzieren und arbeitet unabhängig von ihren Familien. Doch der Druck des aktuellen Wahlkampfes zieht die beiden immer tiefer in ein erbarmungsloses Machtspiel voller Intrigen. Die Landesbevölkerung blickt rastlos und unzufrieden einer scheinbar unfairen demokratischen Wahl entgegen. Währenddessen steht Wendos und Mugenis Beziehung vor den riesigen Hürden ihres politischen Erbes.“ (zitiert aus dem Programm des Internationalen Filmfest Oldenburg)

Die Geschichte hinter diesem Film ist eigentlich aufregender als der Film selber. Wie in der Q&A vom Filmemacher Ravi Karmalker (der den Film zusammen mit dem Kenianer Vincent Mbaya drehte) und Dr. Annette Schwandner von der Konrad-Adenauer-Stiftung (die das Projekt initiiert und unterstützt hat) ausgeführt wurde, gibt es in Kenia keine funktionierende Infrastruktur für eine professionelle Filmindustrie. Was dort produziert wird, liegt angeblich auf dem Niveau von Handyvideos. Nun hatte die Konrad-Adenauer-Stiftung die Idee, dem auf die Sprünge zu helfen und zusammen mit lokalen Filmschaffenden und Filmtechnikern einerseits einen Film zu schaffen der (Zitat von der Homepage des Filmprojekts): „The overall objective of the film is to edutain the Kenyan youth and society in general on the importance of participating in politics and more so elections. It is our hope that the film will provoke some positive thoughts and attitude change towards participating in political processes. Elections are regarded as the ultimate democratic exercise, the youth being the majority making about 75% of the population in Kenya, their vote would ultimately contribute to the desired political change“. Und andererseits bei der Ausbildung einer professionellen kenianischen Filmproduktion zu helfen. Dies war scheinbar ein Erfolg, da der Film von über 5 Millionen Kenianer gesehen wurde, im Gespräch als kenianischer Oscar-Kandidat ist und an Netflix verkauft wurde. Demnächst läuft er hierzulande aber wohl auf Arte.

Das Problem mit „Chaguo“ als Film und „political Thriller“ ist, dass er arg konventionell geraten ist. Er sieht mehr aus wie ein TV-Film und hält sich auch an Vorabendkonventionen. Während in der Q&A berichtet wurde, dass es bei den echten Wahlen in Kenia vor einigen Jahren Übergriffe gegeben hat, bei denen über 1000 Menschen ums Leben kamen, erschöpfen sich diese Attacken der politischen Gegner hier in Rempeleien und einer Kopfverletzung. Das schockt dann niemanden. Auch die einfach gehaltene Romeo und Julia-Geschichte um die Liebe zweier Menschen, die eigentlich durch ihre unterschiedliche Stammes-zugehörig getrennt sind, ist weder überraschend, noch weicht sie von bekannten Mustern ab. Viele Handlungswendungen kündigen sich schon weit im Voraus an (wie die verräterische Praktikantin) und so etwas wie Spannung kommt kaum auf. Dafür ist alles zu nett und harmlos. Da passt das märchenhafte Happy-Ed dann auch wie die Faust aufs Auge. Positiv hervorzuheben sind die schauspielerischen Leistungen, vor allem von Nyokabi Macharia, von der man in Zukunft noch gerne mehr sehen möchte. Zudem bekommt man einen Einblick in das Land Kenia, welchen man in der Regel nicht hat. Zum Beispiel, wie modern und zeitgemäß die jungen Menschen in der Hauptstadt leben. Und die Problematik mit der Stammeszugehörigkeit und dem „Tribalism“ wird einem näher gebracht. Ein hochinteressanter Aspekt, und vielleicht ein Schlüssel dafür, viele der Probleme des Kontinents zu verstehen. „Chaguo“ kann ein Startpunkt sein, um sich damit zu beschäftigen. Auf rein filmischer Ebene ist er mehr gut gemeint (was man anerkennen kann) als wirklich rundum gelungen. Aber das war vielleicht auch nicht das Ziel.

Moderator, Ravi Karmalker, Dr. Annette Schwandner

Produzent, Ravi Karmalker

Ravi Karmalker, Dr. Annette Schwandner

 

 

 

 

 

Nach der langen und interessanten Q&A blieb nicht viel Zeit bis zum nächsten Film. Da dieser aber auch im Casablanca 2 lief, musste ich nur einmal aus der Tür heraus und konnte mich gleich wieder in Schlange stellen, die nach 10 Minuten in den Saal gelassen wurde. Nun führte die filmische Reise in die USA.

Linoleum
Inhalt: „Als kleiner Junge wollte Cameron Astronaut werden. Jetzt hat er sich längst auf das ruhige Vorstadtleben eines Familienvaters eingelassen, der eine Wissenschaftsshow für Kinder im Regional-TV präsentiert. Bis eines Tages Dinge passieren, die man nicht leicht erklären kann. Ein Sportwagen fällt vom Himmel, dessen Passagier sich dummerweise als ehemaliger NASA-Mitarbeiter herausstellt, der ihn als Moderator seiner Show ablösen soll. Aber der Himmel hat noch mehr Überraschungen parat. Eines Morgens liegen die Überreste einer abgestürzten Raumkapsel in Camerons Garten. Für Cameron ist klar, er wird sich seinen Kindheitstraum doch noch erfüllen und nach den Sternen greifen. Aus den Resten der Kapsel will er eine flugfähige Rakete bauen und ins All fliegen.“ (zitiert aus dem Programm des Internationalen Filmfest Oldenburg)

Der Film hat mich sehr positiv überrascht und auch auf dem richtige Fuß erwischt. Der Regisseur Colin West meinte in seiner Einführung, dass es ein Film sei, der von der Liebe handelt. Mit dieser Information, kann man die kleinen Hinweise, die West immer wieder einstreut, recht schnell entziffern. Wenn man böswillig wäre, könnte man „Linoleum“ auch als „Donny Darko Light“ aburteilen. Aber das wäre – trotz einiger Parallelen – dann doch sehr ungerecht, da West seinen eigenen Weg geht und seine Geschichte dann doch anders anpackt. Unterstützt von der brillanten schauspielerischen Leistung von Jim Gaffigan (einem in den USA scheinbar extrem populären Stand-Up-Comdian), der tollen Rhea Seehorn und vor allem der jungen Katelyn Nacon als Tochter Erin und Gabriel Rush als Nachbarjunge und Freund von Erin erzählt „Linoleum“ eine Geschichte um Träume, das Altwerden und – ja, der Liebe, sowie den alten Dämonen, die uns immer noch bis ins hohe Alter verfolgen. Hierfür findet West immer wieder ungewöhnliche Bilder, wenn er seine Protagonisten nicht im Zentrum zeigt und auf scheinbar unwichtige Stellen im Bild fokussiert. Oder sich verschiedene Ebenen überlagern. Neben den seltsamen Dingen, die Cameron geschehen, lebt der Film von seinen lebendigen Figuren, die einem schnell ans Herz wachsen. Vor allem seine Tochter Erin hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Zwar ahnt der filmerfahrene Zuschauer relativ bald, was da vor sich geht, man freut sich aber trotzdem, wenn dann am Ende alle Puzzleteilchen ineinander fallen und ein rundes, absolut stimmiges und sehr zu Herzen gehendes Bild abgeben. Letzteres kann ich zumindest für mich in Anspruch nehmen, da mich einige Aspekte der Geschichte so tief berührten, dass anschließend wahrscheinlich mein Sitz mit einem Mopp getrocknet werden musste.

Moderator Buddy Giovinazzo, Colin West

Dann hieß es die Beine in die Hand nehmen und schnell zum Theaterhof rennen. Durch den strömenden Regen und tiefe Pfützen. Als ich schließlich etwas außer Atem dort ankam, war mein Ticket für den japanischen Film „The City“ schon etwas aufgeweicht, aber man ließ mich trotzdem hinein.

The City
Inhalt: „In den dunklen Tiefen des gut geölten kriminellen Untergrunds von Tokios Shibuya Viertel regiert GOD die Straßen. Als einer seiner Killer Mist baut und auf der Flucht ist, nehmen GODs Schergen die Verfolgung auf, um sich zu rächen.“ (zitiert aus dem Programm des Internationalen Filmfest Oldenburg)

Die Inhaltsangabe oben kommt so nicht wirklich hin, aber ich lasse das mal so stehen.

Über sieben Jahre hat Katsuki Kuroyanagi mit einem lächerlichen Budget von USS 6.800,- und Freunden an seinem schwarz-weißes Debüt gedreht. „The City“ ist eine Hommage an den gangsterfilm, an den Film Noir und teilweise einige Klassiker des japanischen Kinos. Dabei verwirren zunächst die schnellen Schnitte, die scheinbar willkürlich eingeblendeten Daten und Uhrzeiten, der rasche Wechsel von Situation zu Situation und Person zu Person. Die ersten zwanzig Minuten versucht man dann irgendwie herauszubekommen, worum es in „The City“ eigentlich geht. Wie die einzelnen Figuren zueinander stehen und was ihre Aufgaben sind. Dann verliert man sich allerdings in den tollen Bildern einer Großstadt bei Nacht, lässt sich von den Figuren durch den Unterleib der Metropole ziehen, in den Orten zwischen Licht und Schatten, Dreck und Gestrandeten, Fastfood und Drogen. Und kann sich an Kuroyanagi durchdachten und stimmungsvollen Bildern, dem Soundtrack/ -design und den Zwischenschnitten berauschen. Irgendwann kommt dann auch Klarheit in die Handlung, und der enigmatische Nachtfilm verwandelt sich in einen veritablen Rachethriller. Da ist es dann fast schon schade, dass Handlung dann doch relativ simpel ist und alles in sich logisch, aber auch in typischen Genre-Konventionen aufgelöst wird. Allerdings behält Kuroyanagi sein Gespür für starke Bilder bei und erliegt auch nicht der Versuchung am Ende doch das eine, eindeutige Bild zu nutzen – sondern blendet früh genug ab, um den Zuschauer in der Schwebe zu lassen. Ein sehr vielversprechendes Debüt.

Katsuki Kuroyanagi, Moderator

So endete mein erster Tag. Clevererweise hatte ich am Nachmittag mein Auto schon direkt vor dem Theaterhof geparkt, sodass mich der noch immer heftige Regen nicht allzu sehr ärgern konnte.

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