Blu-ray-Rezension: „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“

Italien 1974. Überall lauert Gewalt und Verbrechen. Auch Carlo Antonelli (Franco Nero) wird zum Opfer, als er in einen Banküberfall verwickelt wird. Er wird von den Tätern misshandelt und als Geisel mitgenommen. Gedemütigt und voller Wut auf die Polizei, der er Versagen vorwirft, beschließt er die Übeltäter selber Dingfest zu machen. Um an die Täter heranzukommen, erpresst er den Kleinkriminellen Tommy (Giancarlo Prete). Doch so einfach, wie Antonelli sich das alles ausgedacht hat, ist es nicht. Und bald schon muss er um sein Leben fürchten…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Es ist schon merkwürdig, dass gerade die Ausflüge des großen italienischen Action-Spezialisten Enzo G. Castellari in den Polizieschi an einer Hand abzuzählen sind. Aber es kommt ja nicht auf die Quantität, sondern die Qualität an. Und Castellaris „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ zählt zu den Höhepunkten des Genres. Wobei sich Castellari stark an Michael Winners gerade mal zwei Monate zuvor in den USA angelaufenen „Ein Mann sieht rot“ orientiert. Schon dieser Film mit Charles Bronson hat heute im einen sehr reaktionären Ruf, welcher sich allerdings eher aus dem Mythos und den Sequels speist. Ähnlich auch wie „Rambo“ heute mehr mit Teil 2 und 3 als dem gesellschaftskritischen ersten Film in Zusammenhang gebracht wird. Die Parallelen zu „Ein Mann sieht rot“ sind so überraschend deutlich, dass man sich fragt, ob die Italiener nach dem Erfolg des Winner-Films im Rekordtempo „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ auf die Strecke gebracht haben oder bereits zuvor darauf gesetzt haben, dass die sich in der Produktion befindliche Winner-/Bronson-Kombo ein solcher Erfolg wird. Gerade die letzte Einstellung ist in ihrer Aussage beinahe identisch.

Wie Bronsons ursprünglicher Paul Kersey ist auch Franco Neros Carlo Antonelli kein harter Kerl oder gar Superbulle (wie es z.B. Maurizio Merli nach ihm sein sollte), sondern eine gutbürgerlicher, gesellschaftlich und finanziell gut gestellte Person, die sich etwas naiv in die Rolle des Vigilanten begibt. Und die dann feststellen muss, dass das mit dem „Aufräumen in der Unterwelt“ nicht ganz so einfach und problemlos ist, wie man sich das vorstellt. Während Kersey sich nach seiner ersten Aktion noch im heimischen Badezimmer übergibt, wird Antonelli gleich zu Beginn seiner „Detektivarbeit“ von den Kleinkriminellen des Viertels durchschaut und muss ordentlich Fersengeld geben, um mit heiler Haut davonzukommen. Nein, in Held ist Antonelli nun gar nicht. Immer wieder macht er schmerzhafte Fehler, bringt sich und andere in Gefahr und kommt keinen Schritt weiter. Interessant, dass sowohl Kersey als auch Antonelli von Schauspielern gespielt werden, bei denen man eigentlich etwas anderes erwartet. Wobei Bronson da die größere Überraschung ist, da er zuvor mit der Darstellung harter, cooler und siegessicherer Typen bekannt geworden ist (obwohl er in der Frühzeit seiner Karriere auch ambivalente, schwache Charaktere gespielt hat). Franco Nero ist demgegenüber zu diesem Zeitpunkt der vielseitigere Schauspieler, der auch häufiger (charakter)-schwache Menschen gegeben hat. Man denke nur an seinen Vanzi in dem brillanten „Das Verfahren ist eingestellt – Vergessen Sie’s!“. Wenn man allerdings einen Filmtitel wie „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ vor den Augen hat, denke man bei Nero automatisch an seinen Django, den Schweden oder Kommissar Belli. So könnte der Film für die Freunde der „Immer feste druff“-Fraktion vielleicht etwas verstörend sein.

Einen wesentlichen Unterschied gibt es allerdings zwischen Kersey und Antonelli. Während das Drehbuch Kersey einen „echten“ Grund zum Amoklauf gibt (seine Frau wurde ermordet, die Tochter durch eine brutale Vergewaltigung in den Wahnsinn getrieben), so ist es bei Antonelli vor allem gekränkte Eitelkeit, die ihn zur Tat schreiten lassen. Als er in den Banküberfall verwickelt wird, lenkt er die Aufmerksamkeit der Täter auf sich, als er nach einem Bündel Geldscheinen greift, welches er kurz zuvor auf sein Konto einzahlen wollte und das immer noch auf dem Banktresen liegt. Es geht ihm also in erster Linie um sein Geld, seinen Besitz. Die Gangster missverstehen seinen Griff zum Geld als Versuch „den Helden zu spielen“, nehmen ihn als Geisel mit, verprügeln ihn – und als schließlich die Polizei eintrifft und den zurückgelassenen Antonelli findet, da wird dieser in seiner misslichen Lage von einer großen Traube Schaulustiger beglotzt. Man sieht, dass es genau dieser Moment ist, der ihn am meisten verletzt und wütend macht. Gekränkte Eitelkeit, ein sich lächerlich gemacht fühlen. Hier entsteht der Gedanke, sich „an der Unterwelt zu rächen“ und wieder als echter Kerl dazustehen. Vor sich und vor allen anderen.

Enzo G. Castellaris sichere Regie wird für eine dynamische Kameraarbeit des Veteranen Carlo Carlini unterstützt, die das Seelenleben des Protagonisten in Bewegung umsetzt. So ist die Kamera gerade am Anfang, wenn Antonelli emotional aufgewühlt ob der ihm widerfahrenen „Schande“ ist, ständig in Bewegung, umkreist aufgeregt die Figuren und spiegelt seine innere Unruhe wider. Auch sonst ist die Kamera in den zahlreichen Actionszenen nah am Geschehen und involviert den Zuschauer, ohne dass dieser dien Überblick verlieren würde. Begleitet wird dies durch die kongeniale Musik von Guido und Maurizio De Angelis, die nicht nur einen ohrwurmerzeugenden Titelsong („Goodbye, My Friend“) zu bieten hat, sondern auch sonst mit einer Mischung aus Prog-Rock, Funk und Blues den Film emotional auflädt. Für die deutschen Zuschauer nett: Franco Nero wird in diesem Film von Bud-Spencers-Stammsprecher Wolfgang Hess synchronisiert. Und in einer Szene mit Nero läuft im Hintergrund der Smash-Hit „Dune Buggy“, den die De-Angelis-Brüder unter ihrem Pseudonym „Oliver Onions“ für den Spencer/Hill-Film „Zwei wie Pech und Schwefel“ komponiert haben.

Die Actionszenen in „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ sind wieder einmal superb. Dass Castellari hier ganz genau bei Sam Peckinpah hingeschaut hat, ist offensichtlich. Aber er kopiert nicht nur stumpf, sondern erschafft sich sein eigenes Markenzeichen. Einen Castellari-Film erkennt man an den Action-Szenen, in denen Bewegung, Zeitlupe, Schnitt und akustische Begleitung ein festes Ganzes ergeben und die Dramatik der Szene auf einen Höhepunkt treiben. Für immer im Gedächtnis bleibt vor allem jene Szene, in der Antonelli vor einem Auto flieht, welches ihn überrollen will. Dabei sieht man nicht nur deutlich, dass Franco Nero hier die gefährlichen und spektakulären Stunts selber übernahm, es stock einem auch mehrmals der Atem und das Zusammenspiel aus Action, Zeitlupe und „Goodbye, My Friend“ bohrt sich tief ins Gedächtnis und lässt einen auch Jahre später nicht los.

Neben einem stark aufspielenden Nero ist es vor allem ein noch sehr junger Giancarlo Prete als Kleinkrimineller Tommy, der den Film trägt. Tommy ist ein sehr amivalenter Charakter. Sympathisch, durchtrieben – und mit einem ganz eigenen Ehrencodex (der in höchster Not ums eigene Leben aber auch gerne mal etwas gedehnt werden darf). Einer, der im Leben keine Chance hatte und fast automatisch ins Verbrechen abrutschte. Der aber auch große Träume hat. Dass diese großen Träume dann „nur“ eine eigene Werkstatt sind, passt sehr gut zu Tommy. Giancarlo Prete hat in seiner Karriere zumeist nur Nebenrollen gespielt. Etwas bekannter wurde er unter dem Name „Timothy Brent“, als er in den 80ern in einigen Endzeitfilmen mitspielte und in dem ebenfalls von Castellari gedrehten „Metropolis 2000“ eine seiner raren Hauptrollen spielen durfte. Die weiteren Darsteller fallen nicht sonderlich auf. Barbara Bach bleibt blass, Renzo Palmer zieht seine bekannte „Gehobener Beamter“-Nummer durch. Allenfalls Romano Puppo markantes Gesicht als Anführer der Bankräuber sticht noch heraus. Das macht aber wenig aus, da Nero und Petre den Film auch ganz alleine tragen können.

Auf der Rückseite des Covers steht „Franco Nero sieht rot! Die italienische Antwort auf den Charles Bronson Klassiker Death Wish“. Das kann man so unterschreiben, auch wenn es den potentiellen Käufer auf die falsche Spur lockt. Der Film und vor allem die von Nero gespielte Hauptfigur sind ausgesprochen ambivalent und wenig „heroisch“. Wie bei einem Castellari-Film aus den 70ern ist „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ daneben aber auch ein perfekt gefilmter und Adrenalin produzierender Actionfilm.

FilmArt hat „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ als 15. Teil ihrer „FilmArt Polizieschi Edition“ veröffentlicht. Die DVD-Version befindet sich normal in der Ameray, die Blu-Ray steckt in einer Papphülle, die an der Stelle klemmt, wo normalerweise ein Booklet zu finden ist. Dieses gibt es leider nicht, dabei wäre gerade über diesen Film viel zu schrieben gewesen. Schade. An Extras gibt es einmal die alt, um fast 20 Minuten gekürzte, deutsche Fassung und vor allem ein Audiokommentar von Marcus Stiglegger. Dazu gibt es noch internationale Vor- und Abspänne, den italienischen Trailer, einen italienischer TV-Spot und eine 2-minütige Bildergalerie. Das Bild der Blu-ray ist sehr gut und vor allem nicht todgefiltert. So muss das aussehen. Die drei Tonspuren sind auf der Blu-ray in DTS-HD Master Mono 1.0 und auf der DVD in Mono 1.0. Die deutsche Tonspur überzeugt mit tollen Sprechern, wobei Hess auf Nero sehr gewöhnungsbedürftig ist. Die Englische Tonspur irritiert damit, dass Neros Figur die einzige ist, die mit einem starken Akzent (soll wohl Italienisch sein) spricht, während alle um sie herum normales Englisch sprechen. Daneben gibt es noch die italienische Tonspur. Insgesamt eine gute Veröffentlichung.

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