Bericht vom 4. Bremer Filmfest

Von , 27. September 2018 15:20

Nach vier Jahren ist das Filmfest Bremen zwar größer und länger geworden, gefunden hat es sich aber noch nicht. Wie ich bereits im Februar schrieb, erschließt sich mir das Konzept (sofern es eines gibt) nicht so recht. Anderen geht es da ganz ähnlich. Als ich mich in meinem cinephilen und durchaus festivalaffinen Umfeld umhörte, ob noch jemand mit zum Filmfest kommen würde, waren die Reaktionen unisono: „Nee, weiß auch gar nicht was das sein soll, und was da so läuft“. Eine kleine Stichprobe, gewiss. Aber wenn selbst Leute, welche zur potentiellen Zielgruppe eines Bremer Filmfests gehören, so reagieren, wie sieht das dann vor Ort aus? Ich war jetzt sehr gespannt, was mich dort erwartet.

Gestartet als „Leistungsschau“ der Bremer Filmszene mit der strengen Vorgabe, dass alle Filme irgendwie mit Bremen verbunden sein müssen (was vielleicht maximal zwei Tage trägt, aber dort auch nicht unbedingt das „normale“ Publikum zieht), ist der Aspekt „Bremen“ noch immer wichtig. Was ich auch sehr gut finde, denn diese Regionalität ist schon ein Alleinstellungsmerkmal und Bremer Filmemacher können, ebenso wie der Produktions- und Drehort Bremen, einmal ins Rampenlicht treten.

Doch ein echtes Filmfest ist das so noch nicht. Das haben wohl auch die Macher erkannt und das Ganze erst auf drei und nun vier Tage und weit mehr Spielstätten ausgedehnt. Das ist löblich und zeigt, dass der Wille da ist, hier etwas Großes zu schaffen. Leider wirkt das Programm noch arg beliebig. Der lokale Schwerpunkt ist geblieben, was absolut zu begrüßen ist. Um sich das Prädikat „International“ umhängen zu können, wurden zwei neue Schienen eingeführt, wo auch internationale Filme ohne Bremen-bezug gezeigt werden. Einmal „Humor/Satire“, was zeigen soll, dass die als humorlos verschrienen Hanseaten auch anders können. Das wirkt auf mich aber eher wie „crowd pleasing“, um damit die „normalen“ Kinogänger und die – wie ich sie nenne – Arthaus-Weinschwenker-Fraktion abzuholen. Dagegen ist ja auch nichts zu sagen, aber ein eigenständiges Profil erhält das Filmfest dadurch nicht.

Zumal neben der leichten Muse, der zweiter Strang dann gleich für eher experimentelles („Innovation“) Kino eingerichtet wurde. Was ich ebenfalls sehr gut finde, aber im Gesamtkontext denkbar inhomogen wirkt. So als ob man mal hier, mal dort nach Zuschauern fischen möchte, ohne ein eigenes, unverwechselbares Profil zu schaffen. Oder soll gerade diese disparate, zerfaserte Programmgestaltung das „Unverwechselbare“ sein? Wenn dann noch „Der Mann, der vom Himmel fiel“, David Bowie im Musikladen und eine wunderbar restaurierte „2001“-Kopie angeflanscht werden, weiß ich gar nicht mehr, wofür das Filmfest Bremen stehen soll.

Da ich in der Vorwoche drei Tage in Oldenburg war und die Familie nicht schon wieder das ganze Wochenende allein lassen wollte, hatte ich mich lediglich für einen Besuch am Samstag entschieden. Und der hat sich auch von der filmischen Seite absolut gelohnt.

Mein Tag auf dem Filmfest Bremen begann im Atlantis.

Der weiße Elefant – 20-minütiger Kurz-Doku-Kunstfilm des Bremer Filmemachers Jan van Hasselt. Der Film handelt von Rio de Janeiro kurz vor der WM 2014. In kurzen Vignetten wird Amüsantes, Nachdenkliches und Beängstigendes gezeigt und auf der Tonspur kommentiert. Eine Stadt voller unterschiedlicher Facetten und kurz vor dem Abgrund, voll von ebenso skurrilen wie interessanten Gestalten, aber auch voller Wut und Gewalt. Die Geschichten. Bilder und Töne ziehen so schnell, dass man nach sehr kurzweiligen 20 Minuten das Gefühl hat, es wären erst die Hälfte vergangen. Sehr empfehlenswert.

Filmemacher Jan van Hasselt und Moderator

My Heart Is an Octopus or My Father on the Shore of the Black Sea – Ein fast zweistündiger Experimentalfilm des Bulgaren Neno Belchev, der sich schwer in Wort fassen lässt. Ich will es aber trotzdem versuchen. Belchevs Vater war ein widerspenstiger Künstler im kommunistischen Bulgarien der 70er und 80er Jahre, wo er sich allerlei Repressionen ausgesetzt sah und auch im Gefängnis landete. Nach seinem Tod wurden seine Werke vernichtet. Sein Sohn, der eher erfolglos in die Fußstapfen seines Vaters trat, macht sich auf Spurensuche und sucht sich dabei selber. Was davon Realität und was Fantasie ist, wird nie richtig klar. Belchev erzählt die Geschichte als Collage aus Found-Footage, Fake-Found-Footage, nachgestellten Szenen in denen mal er, mal ein anderer Schauspieler die Rolle des Vaters übernimmt und Animationen. Das wird alles teils chronologisch, teils als reiner „stream of consciousnesses“ aneinander montiert, immer begleitet von dem stetigen Voice-over-Kommentar des Filmemachers. Leider ist ihm – wie er in der Q&A nach dem Film erzählte, da ein Missgeschick unterlaufen, denn die englischen Untertitel wurden immer ausgefaded, sobald sie erschienen, was das Leben sehr anstrengend, teilweise unmöglich machte. Der Film ist herausfordernd, anstrengend, manchmal surreal, zutiefst sarkastisch, aber niemals langweilig und höchst spannend. Lediglich am Ende hat nach der x-ten Ab- und dann doch noch einmal Aufblende das Gefühl, Belchev konnte sich nicht so recht von seinem Werk trennen und ein Ende finden. Das kommt (nach einer Einblendung, in der uns der Filmemacher gratuliert, dass wir bis dahin durchgehalten haben) dann ein so wundervoller, großartiger Abspann, dass man da dann doch noch länger hätte zugucken können. In einer für den Film ungewöhnlich positiven Note tanzt Belchev ausgelassen zu einem Radiosong. In alter Jogginghose, nur von Knie bis Schulter gefilmt und nach einiger Zeit auch ordentlich prustend, aber nie aufgebend. Toller Film!

Filmemacher Neno Belchev und Moderator

Neno Belchev

Neno Belchev, Moderator, Sylvia Ilona Rieke (Programm)

Eigentlich wollte ich dann gleich die Spielstätte wechseln, doch das war leider nicht möglich, denn die Filme im Atlantis und der Schauburg begannen zeitversetzt und nicht gleichzeitig. So war es unmöglich zwischen zwei Filmen die Kinos zu wechseln, da der eine Film (mit Q&A) um 18:45 zu Ende war und der nächste Film in der Schauburg schon um 18:30 begann. Bei jedem Festival bei dem ich bisher war, ist das durch gemeinsame Zeitschienen besser gelöst.

Also nutzte ich die Zeit für einen netten Plausch mit dem Filmemacher Jan van Hasselt und seiner charmanten Begleitung. Dann fuhr ich hinüber zur Schauburg, wo die brasilianisch-argentinische Komödie „El Revenge“ lief.

El Revenge – Ein brasilianisch-argentinisches Roadmovie von Regisseur Fernando Fraiha , welches mir sehr gut gefallen hat. Zwar ist die Handlung (die Freundin des brasilianischen Hauptdarstellers wird von diesem mit einem argentinischen Starkoch erwischt – gerade als er ihr einen Heiratsantrag machen will. Völlig am Ende, wird er von seinem besten Freund (ein alter Kindskopf, der nicht erwachsen werden will) erst betrunken gemacht und dann ins Auto Richtung Argentinien gesetzt. Der Plan: Wenn die Argentinier uns die Frauen weg nehmen, rächen wir uns und drehen den Spieß einfach um! Wie es weiter geht, kann sich wahrscheinlich jeder denken, der in seinem Leben schon ein humoristisches Road-Buddy-Movie gesehen hat. In dieser Hinsicht ist der Film absolut vorhersehbar und wenig einfallsreich. Allerdings weiß er mit seinen beiden super sympathischen Anti-Helden (Felipe Rocha und Daniel Furlan), pointierten Dialogen, viel Lokalkolorit – vor allem was die Hass-Liebe zwischen Brasilianern und Argentiniern angeht – , sowie einen flotten Soundtrack punkten. Ein im positiven Sinne des Wortes netter Film, bei dem es viel zum Lachen gibt und der ein großes Herz für seine Figuren hat. Das muss einfach auch mal sein.

Wie gefiel mir nun das Bremer Filmfest? Fange ich zunächst mit dem Positiven an. Die Filme sind sehr gut ausgesucht. Zwar konnte ich nur zwei Langfilme sehen, aber die haben mich überzeugt. Im Nachhinein habe ich noch von anderen Titeln gehört, die ebenfalls eine sehr gute Resonanz hatten. Die Qualität des Filmprogramms stimmt also. Auch herrschte eine sehr angenehme Atmosphäre. Okay, im Atlantis war es nach dem Film recht wusselig, da viele direkt vor der Kinotür stehengeblieben waren, um zu diskutieren. Das Publikum hier war im Schnitt älter als später in der Schauburg, und ich hatte das Gefühl, dass es mehrheitlich aus Filmemachern und Filmwissenschaftlern bestand.

Aber in der Schauburg war das dann sehr viel entspannter. Wenn man den Saal zum Kleinen Haus betrat, hatte man auch gleich das Gefühl bei einer Studentenparty gelandet zu sein. Alles locker und easy, angenehm „unordentlich“ und das den kleineren Saal gut füllende Publikum war jung, gut drauf und schien den Event-Charakter sehr zu genießen und anzunehmen. Da fühlte man sich sofort sehr wohl und tatsächlich als Teil von etwas, statt nur zufälliger Gast. Darauf kann man ganz solide aufbauen.

Es gibt aber auch – neben den bereits erwähnten Dingen – auch bei Kleinigkeiten einiges an Verbesserungspotential:

– Die Homepage ist recht unübersichtlich und schlecht gepflegt. Ich vermisste einen kompakten Timetable ebenso, wie auch Infos zu den Filmen. Bei einigen Filmen stand selbst nachdem sie gelaufen waren noch „Beschreibung folgt“.

– Dass die Vorfilme ebenfalls für Preise nominiert waren konnte man höchstens wissen, wenn man genau die Homepage studiert hat. Erwähnt wurde es nicht.

– Auf jedem Werbematerial steht dick die Schauburg als Veranstaltungsort. Das Atlantis und das City46 werden nur im Programm selber erwähnt. Von den anderen Spielstätten ganz zu schweigen. Wo das „Noon“ und „Daheim“ beheimatet sind, steht noch nicht einmal im Programmheft. Das musste ich mir dann googeln. Antwort: Das „Noon“ ist das Foyer des kleines Hauses im Bremer Theater und das „Daheim“ eine große Bar im Steintor.

– Überhaupt das Programmheft. Ich mag ja Minimalismus, doch hier fehlten mir zu viele Informationen: Kein Timetable, keine Beschreibung der Filme, keine Erwähnung, wenn Gäste eingeladen waren, keine Adressen für ALLE Spielstätten. Nur die nackten Daten zu Datum, Anfangszeit, Länge und Spielstätte. Ohne aufmerksam ins Internet zu gucken, hätte ich keine Ahnung gehabt, was mich da jeweils erwartet. Aber dort fand man ja auch nicht zu jedem Film eine Information, von einem Hinweis auf Gäste ganz zu schweigen.

Soweit mein Bericht vom Bremer Filmfest, welches meiner Meinung nach ein sehr hohes Potential hat.  Wenn jetzt noch an einigen Schrauben gedreht wird, kann da etwas wirklich tolles für Bremen daraus erwachsen, was auch über die Stadtgrenzen hinaus einen guten ruf erarbeitet. Ich bin jedenfalls schon gespannt auf das nächste Mal. Das Datum steht auch schon fest: Es wird der 19. bis 22. September 2019. Also – und jetzt meckere ich aber wirklich das letzte Mal – sehr wahrscheinlich wieder in unmittelbarer Nähe zum Internationalen Filmfest in Oldenburg. Was es mir auch im nächsten Jahr wieder sehr, sehr schwer machen wird, Zuhause zu argumentieren, weshalb ich wieder an zwei Wochenenden hintereinander unterwegs bin. Aber das dürfte dann wohl mein persönliches Problem sein. 😉

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