DVD-Rezension: „Jin-Roh“

jin-roh10 Jahre nach dem 2. Weltkrieg hat Japan einen unglaublichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Doch dies hat auch seinen Preis: Immer mehr Menschen ziehen in die Städte und in den Elendsvierteln ist die normale Polizei bald nicht mehr Herr der Lage. In dieser Situation wird eine Spezial-Einheit gegründet: Die „Wolfsbrigade“. Sie räumt in den Elendsviertel mit harter Hand und umfassenden Befugnissen ausgestattet auf. Es kommt zu immer brutaler werdenden Schlachten zwischen „Wolfsbrigade“ – die sich auch innenpolitisch viele Feinde macht – und Aufständischen, die sich „Die Sekte“ nennen. Bei einem dieser Zusammenstöße, wird der Elite-Polizist Fuse Zeuge, wie sich ein junges Mädchen, die als sogenanntes „Rotkäppchen“ die Sekte mit Bomben versorgt, sich vor ihm in die Luft sprengt. Fuse überlebt leicht verletzt, doch das Ereignis scheint etwas in ihm ausgelöst zu haben…

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Als die Anime-Welle Mitte der 90er zunächst zaghaft nach Deutschland schwappte, war ich fasziniert von den japanischen Zeichentrickfilmen, die so ganz anders waren, als das, was ich aus meiner Disney-beeinflussten Kindheit kannte. Ich kaufte mir die damals für teures Geld die in schmalen Bändchen erschienene „Crying Freeman“-Reihe und und besorgte mir aus England importierte Videos, wie den „berüchtigten“ „Legend of the Overfiend„. Bald schon entdeckte ich eine Videothek in der Neustadt, die massenhaft Animes im Keller hortete und zog mir die ganzen – damals dort erhältlichen – Klassiker wie „Appleseed„, „Ninja Scroll„, „Wicked City“ uvm. rein. Als dann der Markt mit Mangas und Animes überschwemmt wurde und sich plötzlich jeder für die japanischen Comics interessierte, erlahmte mein Interesse so plötzlich, wie es gekommen war. Ob ich einfach übersättigt oder ein wenig snobistisch war, möchte ich jetzt nicht näher ergründen. Ab und zu lief mir noch einmal ein Anime über den Weg, letztmalig beim Japanischen Filmfest in Hamburg 2006, wo ich „Paprika“ von Satoshi Kon (an dem übrigens auch „Jin-Roh“-Regisseur Hiroyuki Okiura als Animator mitarbeitete) sah, der mir zwar sehr gut gefiel, mich aber nicht wieder mit dem Anime-Virus infizierte. Selbst bei unserem „Phantastival„, welches zum Abschluss immer Animes zeigte, nutzte ich diesen Programmpunkt, um mich vorzeitig zu verabschieden, und mich nach langen Festivaltagen wieder um meine Familie zu kümmern. Nun habe ich also mal wieder einen Anime gesehen und mir dazu einen echten Klassiker ausgesucht :“Ji-Roh“ von Hiroyuki Okiura, nach einem Drehbuch von Mamoru Oshii. Und dieser hat es geschafft, mich wieder für das Genre zu begeistern.

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Mamoru Oshii ist eine legendäre Gestalt im Anime-Bereich. Sein bekanntester Film dürfte der immens einflussreiche „Ghost in the Shell“ sein. Dabei lernte er Hiroyuki Okiura kennen, der dort als als Animator, Character Designer und Key Animation Supervisor arbeitete. Oshii war so begeistert von der Arbeit, des scheinbar nicht gerade einfachen und dickköpfigen Okiura, dass er ihm die Regie für sein nächsten Projekt, eben „Jin-Roh“, übertrug. Dieser beruht auf zwei Realfilmen, die Oshii Ende der 80er und Anfang der 90er gedreht hatte: „The Red Specticals“ und „Stray Dog„. Beide handeln von einer schwer gepanzerten Eliteeinheit der Polizei, die aber wegen ihrer Brutalität aufgelöst wird und deren Mitglieder eingesperrt oder aus dem Land gejagt werden. Okiura nahm an, aber nur unter der Bedingung, dass auf Basis der beiden Realfilme eine völlig neue Geschichte erzählt wird. So entstand „Jin-Roh“ und aus der Kerberos-Einheit der beiden Vorgänger wurde die „Wolfs-Brigade“, die sich ebenfalls nicht gerade durch Zimperlichkeit hervortut. Zudem wurden „Rotkäppchen“- und „Wolf in Menschengestalt“-Metaphern eingebaut. Die zentrale Frage lautet nun: Was macht einen Mensch zum Menschen?

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Das Drehbuch schlägt dabei immer wieder Haken. Zahlreiche Fraktionen treten auf und arbeiten gegeneinander. Intrigen und Täuschungen prägen das Bild. Bald weiß man nicht mehr, wer auf wessen Seite steht, wer für wen arbeitet und welche geheime Agenda die einzelnen Charaktere verfolgen. Vor allem aber ist nicht klar, wer ist Wolf und wer ist Mensch. Beziehungsweise, kann ein Wolf wieder zum Menschen werden? Hier kommt das „Rotkäppchen“ ins Spiel, welches möglicherweise vom Wolf in die Falle gelockt wird und nicht erkennt, dass es nicht die Großmutter, sondern ihren Killer vor Augen hat. Oder kann der Wolf am Ende Mitleid für das Rotkäppchen empfinden und gegen seine Natur angehen? Mit fortschreitender Handlung wird diese Frage immer wichtiger und sorgt für die große Spannung, die „Jin-Roh“ inne wohnt. Wenn dann am Ende alle Masken gefallen sind, kann die Antwort nur eine zutiefst erschütternde sein. Trotz seiner beeindruckenden Action-Sequenzen und dem großen Blutbad, in dem der Film am Ende versinkt, ist „Jin-Roh“ nämlich ein sehr melancholischer und zutiefst trauriger Film, um den bösen Wolf, der nicht aus seiner Haut kann und dem kleinen Mädchen, das trotzdem noch an das Gute in jedem Lebewesen glaubt.

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Die Geschichte wird visuell hervorragend umgesetzt. Andere Produktionen, die damals zeitgleich erschienen sind, mögen technisch brillanter und detailreicher sein, doch „Jin-Ro“ besticht gerade durch eine raue Dynamik seiner Bilder. Die Actionszenen sind von großer Kraft und lassen einen, auch durch die gelungene Montage, teilweise atemlos zurück. Nebenbei streut Okiura wiederholt fantasievolle Traumsequenzen ein, die immer wieder das Thema „Wolf/Mensch“ aufnehmen und die die Geheimnisse der Protagonisten und ihre späteren Schicksale bereits symbolisch vorweg nehmen.

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„Jin-Roh“ zählt zurecht zu den Klassikern des Anime-Genres. Die spannende, wendungsreiche Geschichte wird mit vielen philosophischen Fragen unterfüttert. Die gut umgesetzten Animationen erreichen vielleicht nicht ganz die Perfektion anderer Prestige-Produktionen, gleichen dies aber durch eine hohe Dynamik und Fantasie aus.

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Die DVD von Splendid hat ein gutes, aber nicht brillantes Bild. Die deutsche Synchronisation ist sehr professionell ausgefallen und man hört viele bekannte Sprecher. Zusätzlich ist aber auch die japanische Tonspur und Untertitel an Bord. Die Extras sind auf eine zweite DVD gepackt worden Dabei sind insbesondere die Statements des Autoren und Produzenten Mamoru Oshii und Regisseur Hiroyuki Okiura im 39-minütigen „Making-Of“ sehr interessant und aufschlussreich. Ferner sind enthalten ein 15-minütiges internationales Promo-Featurette, Trailer und TV-Spots, Originalskizzen und Animationsstudien.

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