DVD-Rezension: „[rec]³: Genesis“

Koldo und Clara feiern ihre Hochzeit auf einem großen Anwesen, etwas außerhalb der Stadt. Die Stimmung ist gut, die Gäste zahlreich und das Brautpaar glücklich. Nur Onkel Victor geht es nicht so gut. Er wurde am Vortag von einem Hund gebissen, der eigentlich schon tot sein sollte. Im Laufe des Abends verhält sich Onkel Victor immer merkwürdiger, und als er plötzlich anfängt, um sich zu beißen, bricht die Hölle los. Koldo und Clara werden in dem Chaos getrennt und ihre Gäste  verwandeln sich in rasende Bestien. Werden die beiden Liebenden wieder zueinander finden?

Als der Markt noch nicht mit einfallslosen „Found Footage“-Filmen – also Filme, die vorgeben, dass das Material, welches man sieht, echt wäre und irgendwo „gefunden“ wurde – überschwemmt war, stellte der Film „[rec]“ des spanischen Regie-Duos Jaume Balagueró und Paco Plaza noch ein Novum dar. Zudem war er dermaßen erfolgreich, dass er gleich ein US-amerikanisches Remake (unter dem Titel „Quarantäne“) spendiert bekam. Mittlerweile scheint fast jede Woche ein neuer „Found Footage“-Film herauszukommen und dieses Untergenre steht mittlerweile nur noch für Einfallslosigkeit statt Innovation. Es gibt nicht nur Big-Budget-“Found Footage“ – wie „Cloverfield“ oder „Chronicle“ -, sondern auch vier Teile „Paranormal Activity“. Und auf dem letzten Fantasy Filmfest liefen gleich drei (!) Filme, die diesen abgestandenen Kniff bemühten, darunter wieder ein Zombiefilm („Portrait of a Zombie“). Auch die Macher von „[rec]“ hatten sich an die Welle gehängt und recht schnell ein Sequel nachgeschoben, das allerdings von der Fangemeinde sehr zwiespältig aufgenommen wurde.

Nun gibt also auch „[rec]³: Genesis“. Von dem klaustrophobischen Wohnhaus der beiden ersten Teile, geht es nun auf ein feudales Anwesen auf dem Lande, in dem eine große Hochzeit gefeiert wird. Trotz der neuen Umgebung macht der Film da weiter, wo die ersten beiden aufgehört haben: Es wird eine Menge „Found Footage“ gezeigt. Man erlebt die Hochzeit durch– bei diesem Ereignis natürlich in großer Zahl vorhandene – Videokameras, Handycams und – ein erstes Novum – eine hollywoodreife Profikamera, die die im Genre übliche Wackelästhetik vermeidet. Das macht alles Sinn, und tatsächlich ist die ganze Hochzeit so realistisch gespielt und gefilmt, dass man hier in der Tat das Gefühl hat, Aufnahmen einer echten Hochzeit zu sehen. 20 Minuten lang wird das Fest gefilmt, und dabei immer wieder kleine Merkwürdigkeiten am Rande eingefangen. Dann plötzlich bricht die Hölle los, und die Infizierten fallen über die Lebenden her.

Natürlich kommt es so, wie es in diesen Filmen immer kommt. Jemand kann seine Kamera nicht aus der Hand legen und filmt alles. Aber dann schlägt der Film seinen ersten Haken und unterläuft die Erwartung des Zuschauers. Hat sich nicht schon jeder gefragt, warum bei diesen Filmen der Kameramann immer weiter filmen muss, egal, ob er auf der Flucht ist oder gerade attackiert wird? In „[rec]³: Genesis“ wird diese Frage auch gestellt und zwar direkt im Film. Die Folge: Die Pseudo-Realität des „Found Footage“ explodiert und macht den Weg frei für echtes Kino. Widescreen, elegante Kamerafahrten, ausgetüftelte Beleuchtung und stimmungsvolle Filmmusik. „[rec]³: Genesis“ tritt sein ganzes ausgelutschtes Konzept in die Tonne und geht dahin, wo alles angefangen hat. Back to the roots. Wir sind wieder im Kino.

Ab diesem Zeitpunkt ändert sich alles. Zwar bleibt das Unheimliche auf der Strecke, dafür schöpft Regisseur Paco Plaza – der hier erstmals ohne seinen Partner Jaume Balagueró (welcher gerade am vierten Teil arbeitet) einen Film der Reihe realisiert – aus dem Fundus der Zombie-Film-Geschichte. Erinnerungen an „Return of the Living Dead“ und „28 Days later“ werden wach. Rasant verwandelt sich der Film erst in eine Komödie à la „Shaun of the Dead“, dann in Funsplatter wie „From Dusk Till Dawn“, bis er bei der bitteren Tragik eines „Return of the Living Dead 3“ ankommt. Für „[rec]“-Fans könnte dies ein Schock sein, erwartet man von einem Film dieser Serie doch etwas völlig Anderes.

Doch wer sich darauf einlässt, wird mit einem schwer unterhaltsamen und extrem filmischen Werk belohnt, das auch von seinen sympathischen Hauptdarstellern lebt. Zunächst nur Randfiguren, spielen sich Diego Martín als Koldo und Leticia Dolera als Clara rasch in den Vordergrund.  Dabei baut Paco Plaza seinen Film beinahe wie einen Episodenfilm auf, der alle Seiten des Horror-Genres beleuchtet.

In der einleitenden Sequenz mit der Hochzeitsfeier sind es noch die beiden Kameramänner, Koldos Neffe und ein professioneller Hochzeitsfilmer, die als Hauptfiguren eingeführt werden. Koldo ist dann der Held des zweiten Viertels, welches eher in Richtung schwarzer Comedy schielt. Im dritten Viertel tritt die hochattraktive Leticia Dolera als „Blood-splattered Bride“ in Aktion und ist für den „coolen“ Action-Part zuständig. Am Ende sind Koldo und Clara endlich wieder vereint, doch da schlägt der Film seine letzte Volte und dreht sich nochmal um 180 Grad. Es scheint also durchaus das Konzept des Regisseurs Paco Plaza zu sein, dem Publikum vier unterschiedliche Ansätze zu geben, wie man einen Zombiefilm in Szene setzten kann: Realistisch, komisch, heldenhaft oder tragisch. Interessanterweise wendet der Regisseur auch in allen Teilen die Gore-Effekte unterschiedlich an. Während diese in den ersten beiden Hälften eher dezent, aber durchaus effektiv, eingesetzt werden, geht er in den beiden letzten Hälften dann in die Vollen und steigert die Exzesse ins Groteske.

„[rec]3: Genesis“ schlägt immer wieder lustvoll Haken und hoppelt der Erwartungshaltung der Zuschauer davon. Dabei profitiert er von seinen sympathischen Hauptdarstellern. Wer allerdings ein lupenreines [rec]-Sequel – also mehr vom Altbekannten – erwartet, der ist hier falsch. „[rec]³: Genesis“ macht einfach Spaß. Nur unheimlich und verstörend, wie noch Teil 1, ist er nicht.

Die DVD aus dem Hause Universum gibt keinen Grund zur Klage. Das Bild ist sehr gut, der Ton vernünftig abgemischt. Als Extra erhält man ein 22-minütiges „Making Of“, welches zwar keinen allzu großen Erkenntnisgewinn bringt, aber nett anzuschauen ist.

„[rec]3: Genesis“ erscheint am 12. Oktober  2012 auf DVD, BluRay und Video on Demand.

© Universum Film GmbH

Dieser Beitrag wurde unter DVD, Film, Filmtagebuch abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

 

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.