DVD-Rezension: „Der komische Kintopp“

Von , 24. Juli 2012 12:15

Charlie Chaplin, Buster Keaton, Laurel & Hardy… vielleicht noch Harold Lloyd. Diese Komiker aus der goldenen Stummfilmzeit kennt man noch heute. Wer in den 70ern und frühen 80ern aufgewachsen ist, erinnert sich sicherlich auch an die beliebten ZDF-Reihen „Männer ohne Nerven“ oder „Väter der Klamotte“, in denen die Torten flogen,  Männlein und Weiblein akrobatisch durch die Luft flogen oder sich mit Fußtritten in den Hintern wilde Duelle lieferten. Slapstick wird diese Filmkunst genannt und eigentlich ausschließlich mit US-amerikanischen Kurzfilmen, z.B. der oben genannten Künstler, assoziiert.

Dass es schon sehr früh eine deutsche Slapstick- und Komödienszene gab, dürfte selbst Kennern der Materie eher unbekannt sein. So verwundert es nicht, dass die großen Komödienstars aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg heute – mit Ausnahme des großartigen Karl Valentin – allesamt schon lange in Vergessenheit geraten sind. Dabei war die deutsche Komödien-Produktion durchaus produktiv. Allein ein Gerhard Dammann brachte es zwischen 1913 und 1925 auf sagenhafte 200 Filme. Ganz ähnlich sein Kollege Rudi Bach, der ab 1912 in nur 10 Jahren 78 Komödien fertigstellte.

Wunderbarerweise gibt es aber das Hamburgische Centrum für Filmforschung – Cinegraph -, welches sich aktiv um das Deutsche Filmerbe kümmert. Dort ist auch der Filmhistoriker Hans-Michael Bock beheimatet, der nun seine Schatzkammer mit Raritäten, die er in europäischen Archiven ausfindig gemacht und zum Teil kurz vor dem Zerfall des Filmmaterials gerettet hat, öffnet. Das Resultat sind die auf dieser DVD, „Der komische Kintopp“  – Kintopp ist volkstümlich vom Begriff „Kinematograph“ abgeleitet-, versammelten 16 deutsche Komödien aus den Pioniertagen des Kinos vor 1920.

Die Zusammenstellung wird musikalisch begleitet von der Stummfilmpianistin Marie-Luise Bolte und dem Opium-Salonorchester. Ursprünglich konzepiert ist das Ganze als sechsteilige TV-Serie für Arte. Die Filme sind daher in sechs Gruppen von jeweils 25 Minuten eingeteilt. Vor jedem Film hört man einen, von Ulrich Tukur eingesprochenen, kurzen Text zur historischen Einordnung und zum Verständnis. Ferner gibt es nach den Filmen immer nette, zeitgenössische Einblendungen, die einem z.B. einen guten Nachhauseweg wünschen oder auf Verhaltensregeln im Kino aufmerksam machen.

Als Extra wird eine sehr kurze Einleitung über das Kino in der Kaiserzeit vorangeschickt. Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen möchte, für den hält die DVD im CD-ROM-Teil eine ganz besondere Überraschung bereit. Dort findet man eine PDF-Datei, welche das von Hans-Michael Bock und Wolfgang Jacobsen herausgegebene Heft „FilmMaterialen 10: Der komische Kinotopp“ enthält. Hier kann man, neben vielen zeitgenössischen Texten, auch einen Auszug aus Jan-Christoph Horaks „Schadenfreude: Deutsche Filmkomödien und Karl Valentin“, sowie den umfangreichen Text „Frühe deutsche Filmkomödien 1895-1917“ von Thomas Brandlmeier lesen.

 

Die Filme

Die Macht des Walzers (1908)

Dies ist der älteste Film in dieser Sammlung. Er zeigt nicht nur ein Beispiel für die frühe Zeit des humoristischen Films, sondern liefert auch ein Paradebeispiel dafür, wie das gerade mal 10 Jahre alte Medium Film in seinen Kindertagen aussah. Hier handelt es sich um eine abgefilmte Bühnennummer, in der eine ältere, massive Frau (Lucie Bernardo) zum Tanz auszugehen gedenkt und von ihrem Galan (Martin Martens) umworben wird. Dieser – in einer merkwürdigen, heute eher erschreckend als lustig wirkenden, Maske – zeigt ein paar komische, akrobatische Einlagen. Gernell läßt Martens von seiner ganzen Körpersprache her an den ganz frühen Chaplin denken – der allerdings erst 6 Jahre später mit der Filmerei anfangen sollte (und sich hierfür einiges beim französischen Komiker Max Linder abguckte, der seit 1905 aktiv war und eventuell auch Martens beeinflußte). Somit gibt dieser kurze Film in zwei Bildern (das zweite zeigt das angeheiterte Paar bei seiner Rückkehr ins traute Heim) auch einen Einblick, wie es auf den Varietébühnen jener Zeit aussah. Ein aufschlussreiches Zeitdokument.

 

Der Herzenknicker (Don Juan heiratet) (1909)

Ein Jahr nach „Die Macht des Walzers“ entstand dieser kurze Film. Aber welch Unterscheid. Weg ist die Varieté-Bühne. Es geht hinaus ins Freie, mit großem Ensemble und vielen unterschiedlichen Schauplätzen. Auch die Kamera erlaubt sich einige Bewegungen, was das Ergebnis bereits sehr filmisch wirken läßt. Ein Frauenheld (Joseph Giampietro) will heiraten, was unter seinen zahlreichen Geliebten für große Betroffenheit sorgt. Sie alle machen sich auf zum Standesamt, um den Galan zu entführen (interessanterweise scheint es für sie die größere Katastrophe zu sein, dass er heiratet. Nicht, dass sie ihn sich mit vielen anderen teilen müssen). Der Don Juan kann sich durch einen Trick befreien, doch seine frischgebackene Ehefrau gerät durch einen misslungenen Befreiungsversuch selber in Schwierigkeiten. Interessant, dass der „Herzenknicker“ nicht nur durch mangelnde Attraktivität, sondern auch durch einen ausgesprochen unsympathischen Charakter auffällt. Der Humor dieses Stücks wirkt dadurch heute etwas befremdlich. Trotzdem zeigt „Der Herzenknicker“ schon die Richtung an, in die sich Film entwickeln sollte und stellt im technischen Sinne einen Quantensprung zu „Die Macht des Walzers“ dar.

 

Der Hausstreik (1919)

Gerhard Dammann war ein ungeheuer produktiver Filmemacher, der in seiner aktiven Zeit zwischen 1913 und 1925 für mehr als 200 Filme verantwortlich zeichnete. Als Produzent, Autor, Regisseur und Hauptdarsteller war er eine Ein-Mann-Filmfabrik, ist aber heute leider vollkommen vergessen. Die DVD versammelt drei seiner Filme. „Der Hausstreik“ zeigt ihn als reicher Hausherr, dessen Personal mit der Forderung nach mehr Lohn in den Streik tritt. Daraufhin versucht der Hausherr, mehr schlecht als Recht, die Hausarbeit selber zu bewältigen. Schade, der Film hat großes Potential an Slapsticknummern und komischen Situationen, bleibt letztendlich aber sehr brav. Der satirische Aspekt liegt weniger auf dem pragmatischen Hausherren, als in der überzeichneten Dienerschar. Was die Vermutung nahelegt, dass Dammann ein recht konservativer Mensch war, der der Arbeiterbewegung ausgesprochen skeptisch gegenüber stand.

 

Ein moderner Brutkasten (1912)

Eine kleine volkstümliche Witzgeschichte, die darauf hinausläuft, dass der faule Bauer als menschlicher Brutkasten missbraucht wird. Die Schauspieler ergehen sich in leidenschaftlichem Übertreiben und Grimassieren. Die Pointe ist vorhersehbar, aber der Film ausreichend kurz, nicht zu langweilen. Interessant hierbei, dass scheinbar direkt vor Ort, also in einer bäuerlichen Gegend, gedreht wurde. Es wäre interessant zu wissen, ob die Darsteller Laien waren, was den Bauerntheater-Charakter dieses kurzen Stücks unterstreichen würde.

 

Eri Schupaste (1919)

Ein humoriger Werbespot für Eri Schupaste, indem es (ähnlich wie im „Herzenknicker“) um einen begehrten Frauenschwarm geht. Eine weitere Parallele zum „Herzenknicker“ ist, dass auch hier das Objekt der Begierde weder attraktiv, noch in irgendeiner Form sympathisch ist. Im Gegenteil. In diesem Werbespot werden dann auch einige, dezente Trickeffekte eingesetzt. Interessant, dass zu dieser Zeit Werbung in Form von Kurzfilmen daher kam, die von den „echten“ Kurzfilmen nur durch die marktschreierischen Anpreisungen des Produktes zu unterscheiden waren.

 

Purzel als Tennisspieler (1912)

Rudi Bach zählte in den 10er Jahren zu den populärsten deutschen Komikern und ist ebenfalls heute vergessen. Er brachte es auf 78 Lustspiele, in denen er meist den Charakter des „Purzel“ spielte. Einer Figur, die unwissentlich, aber mit viel Leidenschaft, Chaos entfacht. Von Bach befinden sich zwei Filme auf der DVD. Dieser ist der weitaus bessere und funktioniert auch heute noch recht gut. Purzel will Tennis lernen. Als er Zuhause übt, dabei seine Einrichtung demoliert und harmlose Passanten beschießt, wird er von der Polizei abgeführt und zur Wache gebracht. Doch aufgrund eines Purzelschen Drehkollers ist dies nicht so einfach. Es werden einige primitive Kameratricks eingesetzt, die Purzels „Drehkoller“ ins rechte Licht rücken. Auch wenn Bachs körperliche Komik heute eher grob wirkt, muss sie auf das damalige Publikum durchaus Eindruck gemacht haben. Im Vergleich zu den anderen Filmen aus dieser Zeit weist sie ein sehr hohes Tempo und permanente „Action“ auf.

 

Der neue Schreibtisch (1914)

Das Glanzstück der Kollektion sind die Karl-Valentin-Filme. Dieser aus dem Jahre 1914 dürfte einer der bekanntesten sein und besticht noch heute durch seinen trockenen, absurden Humor. Karl Valentin ist an seiner langen, dürren Gestalt zu erkennen, ansonsten noch sehr jung und hinter einer Brille und Schnauzbart versteckt. Charmant sind auch die bajuwarisch angehauchten Zwischentitel.

 

Luny als Chinese (1913)

Wieder ein Werk des Vielfilmers Gerhard Dammann. Diesmal ein Stück aus seiner „Luny“-Reihe, wo er den reichen Schwerenöter gab. Hier verliebt er sich spontan in eine Asiatin, sehr zum Verdruss seiner Freundin und seiner Freunde. Diese schmieden einen Plan und locken Luny unter falschen Voraussetzungen in ein Haus, wo sie ihm, als Chinesen verkleidet, alle nur erdenklichen Vorurteile und Stereotypen gegenüber Asiaten vorspielen. Mit diesem Schauspiel soll er von seinem „Exotik-Wahn“ befreit werden. Wieder einmal neigt der Dammann-Film dazu, gute und spaßige Ansätze nie voll auszuspielen. Und irgendwie hinterlässt die doch arg spießige Moral einen schlechten Nachgeschmack.

 

Purzel als Schornsteinfeger (1912)

Purer Slapstick mit Gerd Bachs Purzel, der hier einen Schornsteinfeger spielt, welcher durch Unbeholfenheit erst einen Schornstein verstopft und dann durch diesen fällt. Das war‘s im Grunde auch schon.

 

Teddy als Ehestifter (1913)

Die Verwechslung von „Bär“ und „Herr“ in einer Kontaktanzeige führt zu Verwirrungen. Heutzutage stößt es unangenehm auf, wenn man den armen Tanzbären sieht, der hier die Hauptrolle spielt. Aber 1913 gehörte Tierschutz noch nicht zu den dringlichen Themen und Tanzbären waren wohl ein exotisches, aber nicht unbedingt ungewöhnliches Straßenbild. Auch hier fällt auf, dass die menschliche Hauptperson (der Bärendresseur) extrem autoritär gezeichnet wird, was aber den Regisseur nicht daran hindert, ihn als eine – zwar gewalttätige, aber – positive Figur zu zeigen.

 

Frau Blechnudel will Kinoschauspielerin werden (1915)

Kleine Komödie um eine voluminöse Matrone, die Filmschauspielerin werden will, dann aber in einer Revue landet. Dort macht sie sich dann vollends lächerlich, wenn sie sich das Geschicht dick mit Puder beschmiert und in einem viel zu engen Kleidchen tanzt. Nett anzuschauen und von einem harmlosen Charme.

 

Willys Streiche (Klebolin klebt alles) (1909)

Curt Bois dürfte der deutsche Schauspieler mit der längsten Filmkarriere überhaupt sein. Als Kinderstar trat er in dieser an „Die kleinen Strolche“ erinnernde Komödienreihe als „Willy“ auf. Auch in den 20er Jahren war er ein vielgefragter Hauptdarsteller, bevor er Ende der 30er Jahren nach Hollywood ging, wo er u.a. in „Casablanca“ eine kleine Rolle hatte. In seinen späten Jahren hatte er dann eine einprägsame Rolle in Wim Wenders „Himmel über Berlin“, wo er als alternder Dichter Homer den Potsdamer Platz nicht wiederfinden kann. In diesem Film hier klebt er als kleiner Junge alle möglichen Dinge und Menschen irgendwo fest und freut sich darüber diebisch.

 

Papa will verduften (1915)

Dadurch, dass es sich nur um ein Fragment handelt, ist diese Komödie höchst verwirrend. Ein Ehemann reißt von Hause aus, da er das Schnarchen seiner Frau nicht ertragen kann. Auf seiner „Flucht“ wird von einem Polizisten festgenommen, der ihn für einen Dieb hält. Dann gibt es noch einen Nebenplot mit einer Nervenklinik, wo allerdings der Zusammenhang nicht richtig klar wird. Leider weiß man nach dem Film, woher der Ausdruck Schmieren-Komödiant kommt. Der Hauptdarsteller übertreibt fürchterlich und versucht seiner jeweiligen Gemütsverfassung durch das Herausstrecken der Zunge Nachdruck zu verleihen. Davon abgesehen passiert hier einiges und das hohe Tempo lässt keine Langeweile aufkommen.

 

Der Perser (1919)

Wiederum ein Film mit Gerhard Dammann und der Beste des Trios, welches auf dieser DVD zu finden ist. Dammann spielt einen Ehemann, der seiner Frau zum Hochzeitstag einen Perserteppich schenken möchte. Durch einen Streik der Taxifahrer muss er das riesige Stück alleine nach Hause schleppen. Dies führt zu einigen komischen Konfrontationen und Unfällen. Wieder einmal hat man das Gefühl, Dammann inszeniert mit angezogener Handbremse. Aus den komischen Situationen hätte man weit mehr heraus holen können. Aber Dammann geht nicht aufs Ganze und hält das Chaos kleiner als er müsste. Nicht auszudenken, was Laurel & Hardy daraus gemacht hätten. Nichtsdestotrotz unterhält der Film sehr gut und ist recht lustig.

 

Monsieur Pyp als Champingonzüchter (1913)

Ein weiteres Highlight der Kollektion. Scheinbar wurden die Monsieur-Pyp-Filme in deutsch-französischer Co-Produktion durchgeführt, da Regisseur Charles Decroix als auch der Hauptcharakter Franzosen sind. Wer den „Monsieur Pyp“ spielt, ist leider unbekannt, es gab aber wohl eine Reihe von „Monsieur Pyp“-Filmen. Vielleicht sind ja Decroix und Pyp identisch? Der Stil dieser Komödie ist auch sehr viel eleganter, als man es z.B. bei Rudi Bach oder Gerhard Dammann gesehen hat. Fast kann man schon von einer Nähe zu Lubitsch sprechen. Monsieur Pyp ist ein Schwerenöter, der auf großem Fuß lebt, aber dies nur auf Pump. Als sich ein reicher Onkel ankündigt, der ihn bei seinen beruflichen Unternehmungen finanziell unterstützen möchte, gaukelt Pyp ihm vor, eine Champignonzucht aufgemacht zu haben. Ein wirklich lustiger kleiner Film mit einem guten Hauptdarsteller, der sich nicht vor irgendwelchen US-Produktionen aus der Zeit zu verstecken braucht.

 

Karl Valentins Hochzeit (1913/14)

Den letzten Film der Kollektion bestreitet noch einmal Karl Valentin. Hier geht es sehr viel derber und körperlicher zur Sache als im hervorragenden „Neuen Schreibtisch“. Das Burleske wird dadurch betont, dass die Braut von dem gewichtigen Schauspieler Georg Rückert verkörpert wird. Nach einem brillanten Anfang, in dem sich Valentin auf Brautschau begibt, ist die zweite Hälfte des Filmes, in der Hochzeit gefeiert wird, nur noch ein einziges Chaos, in welchem Valentins Talent für satirische Überspitzung nur noch am Rande zur Geltung kommt. Nichtsdestotrotz ein würdiger Abschluss für diese wichtige DVD.

 

Mein herzlicher Dank gilt Herrn Molto Menz für die Zusendung der Ansichts-DVD.

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