„Weser Kurier“-Artikel über die „Augen und Blicke“-Filmreihe im Kino 46

Bevor wieder ein guter Weser Kurier-Artikel im Nirwana verschwindet, will ich ihn an dieser Stelle vor dem Vergessen retten und als Zitat einfügen.

In dem Artikel von Astrid Labbert (der Name ist mir beim „Weser Kurier“ bisher noch nicht aufgefallen, aber da der Artikel mir sehr gefallen hat, werde ich jetzt einmal genauer auf die Texte dieser Dame achten) geht es um die Filmreihe „Augen und Blicke„, die vom Kino 46 im März veranstaltet wird und hier insbesondere um den Auftaktfilm „Red Road„.

Ich habe diesen Film bereits vor drei Jahren auf dem Filmfest Hamburg sehen können und kann die Einschätzung von Frau Labbert nur bestättigen.  Der Film ist toll gespielt, hat eine sehr dichte Atmosphäre, fängt überzeugende Bilder ein und ist zum Teil mörderisch spannend. Die finale Auflösung erscheint mir zwar zu banal, wird aber meines Erachtens nach bei Teilen des Publikums durchaus Beifall finden.

Hier der vollständige Artikel:

Filmreihe über Augen und Blicke
Von Astrid Labbert
 

Bremen. Blicke, die mehr als tausend Worte sagen: Was könnte sie besser in Szene setzen als der Film. Diesen Gedanken nimmt das Kino 46 mit der Filmreihe „Augen und Blicke im Kino“ im März auf. Gezeigt werden Beiträge aus verschiedenen Jahrzehnten und Genres. Den Anfang macht jetzt ab 1. März der Spielfilm „Red Road“ (2006), in dessen Mittelpunkt die Mitarbeiterin einer Überwachungsfirma steht.

Grobkörnige Bilder, ein unruhiger Zoom auf einen Passanten mit seinem dicken Hund: Die junge Jackie lächelt, als sie das ungleiche Pärchen beobachtet. Ihr Blick wandert über die Bildschirme vor ihrem Pult – es ist ihr Job, die Straßen von Glasgow per Überwachungskamera zu kontrollieren, die Polizei auf den Plan zu rufen, wenn ein Verbrechen geschieht. Ihre Hand liegt auf dem Bedienungsschalter, mit dem sie die Blickrichtung der Kameras verändern kann. Als stille Beobachterin nimmt Jackie teil am Leben anderer, bis sie eines Tages einen Mann wiedererkennt, den sie noch im Gefängnis wähnte. Ihn zu verfolgen, wird zur Manie, zum Racheakt. Was die junge Frau dazu treibt, verrät Regisseurin Andrea Arnold erst im Laufe des Films. Es ist Arnolds Spielfilmdebüt. 2005 machte sie mit dem Kurzfilm „Wasp“, für den sie einen Oscar erhielt, auf sich aufmerksam.

Die Kamera ruht in den Anfangssequenzen auf ihrem Gesicht, beobachtet die Gefühlsregungen der Überwacherin. Es ist die Stärke des Films und der beeindruckenden Darstellerin Kate Dickie, ohne viel Worte ein Bild davon zu zeichnen – geheimnisvoll und unvorhersehbar nimmt die Handlung so ihren Lauf.

Familienglück zerstört

Hinnehmen muss man allerdings, dass die Ausgangskonstellation – eine Frau trifft per Zufall auf den Mann, der ihr Familienglück zerstörte – sehr konstruiert ist, was sich wiederum mit der Entstehungsgeschichte des Films erklären lässt. „Red Road“ ist Teil einer Trilogie, die auf einer Idee der Dogma-Filmer Lars von Trier, Lone Scherfig („Italienisch für Anfänger“) und Anders Thomas Jensen basiert. Das Konzept nennt sich „Advance Party“, und wie schon beim Dogma-Manifest galten bestimmte Regeln: Drei Filmemacher inszenieren unabhängig voneinander einen Film gleicher Länge (die mit 113 Minuten durchaus kürzer hätte ausfallen dürfen), mit denselben Figuren und Schauspielern, aber anderen Geschichten.

Es ist ein filmisches Experiment – „Red Road“ ist der erste Teil und vermag es, mit relativ einfachen Mitteln eine intensive Charakterzeichnung zu produzieren; im Dogma-Stil ist der Film nah an seiner Protagonistin und an der sozialen Wirklichkeit. Die Kamera zwingt hinzusehen, der Zuschauer wird unweigerlich zum Voyeur – um am Ende ebenso wie Jackie festzustellen, dass nicht alles ist wie es scheint, auf den grobkörnigen Bildern der Überwachungskameras. Die britisch-dänische Koproduktion wurde 2006 mit dem Preis der Jury in Cannes ausgezeichnet.

Weitere Filme der Reihe sind unter anderen Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ (1954) und „Blow up“ (1966) von Michelangelo Antonioni. Augen und Blicke in den Filmen Stanley Kubricks ist auch Thema eines Vortrags am 10. März.

Quelle: Weser Kurier

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