Das Filmtagebuch – Folge V – Marx und die Drachen

Da sich im Bremer Kinoumfeld momentan nicht viel tut (der kommende Sommer und die WM sind daran wohl nicht ganz schuldlos), wollte ich diese – von mir in letzter Zeit etwas vernachlässigte – Kolumne wieder mit etwas Leben füllen.

Natürlich habe ich in den letzten Wochen wieder viel angeschaut, auch wenn es nur vom Sofa aus war. D.h., am Samstag hat es mich ganz spontan ins Kino gezogen. Und zwar war ich nach 5 Jahren Pause mal wieder im Cinestar. Ich muss es schon sagen: Ein sehr schönes, sehr sauberes Kino. Für Mainstream-Filme mit deutscher Synchronisation werde ich es mal im Auge behalten, auch wenn meine Vorlieben generell ja woanders liegen.

Nach einem kurzen Einkaufsbummel durch die Waterfront hatte ich die Idee, dass man sich doch noch gut den Film „Drachenzähmen leicht gemacht“ anschauen könne.

Gesagt, getan. 12 Euro pro Nase (und das Samstag nachmittags, wo das Kino eh leer ist) ist natürlich richtig happig. Eine unangenehme Begleiterscheinung, die ich an dem momentanen 3D-Hype überhaupt nicht mag. Ob dies der Grund dafür war, dass der Kinosaal so leer war? Oder lag es doch eher an der frühen Uhrzeit (15:15 Uhr)? Mit uns zusammen im Kino waren zwei größere Kindergruppen (hätte ich dran denken können), die vor dem Film die Treppen als Rennstrecke benutzten und in den Toiletten für einiges Chaos sorgten. Aber – dank der Magie des Kinos – als das Licht ausging und der Film begann, verhielten sie sich ruhig und waren ganz vom Geschehen auf der Leinwand auf ihre Sitze gebannt.

Auf „Drachenzähmen leicht gemacht“ war ich sehr gespannt. Einerseits mag ich den dämlichen deutschen Titel gar nicht, aber dafür kann der Film (der im Original „How To Train Your Dragon“ heißt) ja nichts. Schwieriger war da schon der Trailer, den ich langweilig und nichtssagend fand. Warum war ich nun also so neugierig? Einerseits mag ich Animationsfilme, auch wenn die Dreamworks-Produkte da eher in die mittlere Güte-Klasse gehören. Andererseits ist der Film überall derartig mit Lob überschüttet worden, dass ich sehen wollte, wie sich das mit dem lahmen Trailer verträgt.

Die Antwort ist: Sehr gut! Der Film ist wirklich hervorragend und die Tatsache, dass der Trailer eher abschreckend wirkt, mag darauf beruhen, dass „Drachenzähmen..“ eine wirklich starke Geschichte hat und somit nicht einzelne Szenen als Kabinettstückchen herausgegriffen werden können. Zusammenhanglos nebeneinander gestellt, wirken sie nicht so stark, wie sie es im Zuge der Handlung tun. Und da bin ich auch schon beim größten Pluspunkt des Filmes: Die Geschichte ist wirklich überzeugend und hebt auch nicht allzu sehr den moralischen Zeigefinder. Dabei ist der Film nicht zwingend lustig. Die komischen Szenen entwickeln sich aus der Handlung heraus und laden zum Lächeln, aber gewiss nicht zum Schenkelklopfen ein. Die Charaktere sind lebendig und vor allem „realistisch“ angelegt. Auch wenn man die Stereotype natürlich kennt, fiebert man mit ihnen mit. Sehr positiv ist mir auch aufgefallen, dass die Drachen hier keineswegs vermenschlicht werden. Sie sind vom Charakter her an Tiere (der „Hauptdrache“ Ohnezahn ist eindeutig als Kreuzung aus Hauskatze und Jaguar zu erkennen) angelehnt und nicht über Gebühr verniedlicht. Sehr dankbar war ich dementsprechend auch dafür, dass die Drachen nicht plötzlich zu plappern anfingen, sondern sich bis zum Schluss das „tierische“ bewahrten.

Auch vom technischen Aspekt her war der Film ausgesprochen gelungen und schön anzusehen. Wobei die 3D-Effekte wirklich nur schmückendes Beiwerk sind und nicht essentiell für den Film, der in 2D sicherlich genauso prächtig funktioniert. Synchronisation (bei der die älteren Wikinger mit sehr norddeutschem Zungenschlag sprachen) und Musik war ebenfalls gelungen. Alles in allem: Ein höchst unterhaltsamer Kinobesuch.

Im Puschenkino habe ich mich dem Marxismus verschrieben. Und zwar der Variante nach Groucho, Chico und Harpo. An zwei Abenden hintereinander habe ich mir ihre beiden unbekanntesten Filme der Brüder angesehen: „Room Service“ und „Love Happy“. Dabei gewinnt „Room Service“ klar nach Punkten.

Room Service“ ist der einzige Film, der nicht speziell für die Mary Brothers geschrieben wurde, sondern auf einem (Marx-freien) erfolgreichen Theaterstück basierte. Das merkt man auch, denn einerseits fehlt ein wenig der typisch hysterisch-anarchistische Marx-Humor, andererseits spielt der Film die meiste Zeit in einem Hotelzimmer. Trotzdem hat er Spaß gemacht und das Theaterstück wurde recht gut für die „Marxens“ adaptiert. Besonders Harpo darf dem Affen wieder Zucker geben. Groucho und Chico halten sich demgegenüber etwas zurück und ordnen sich der Handlung unter. Wie in den folgenden Filmen, wurde weder eine Liebesgeschichte zwischen einem jungen Pärchen eingebaut. Im Gegensatz zu den späteren Filmen (ganz übel „At the Circus„) funktioniert diese aber sehr gut und ist auch recht witzig (was sicherlich an der Theaterstückvorlage liegt). Vor allem wird dabei nicht gesungen, was ein gewaltiger Pluspunkt ist.

Love Happy“ ist eine zwiespältige Sache. Eigentlich ist „A Night in Casablanca“ der letzte Marx Brothers Film. Dieser hier war ursprünglich als Solo-Nummer für Harpo konzipiert. Da der sich allein aber nicht so gut verkaufte, holte er erst noch den sichtlich gealterten Chico mit an Bord und dann auch, noch für eine Rahmenhandlung, den großen Groucho (mit echtem Schnauzbart!). Ich denke, als reiner Harpo-Film hätte er besser funktioniert. Chico wird zu einem nicht sehr komischen Stichwortgeber degradiert und hat, bis auf die obligatorische Piano-Szene, eigentlich nichts zu tun. Auch seine Dialoge sind schwach und er selber hat offensichtlich keine große Lust auf den Film. Schlimmer noch ist aber Groucho, dessen Lustlosigkeit noch frappierender ist. Zusammen mit seinem ungewöhnlichen Äußeren (der Bart, die wenigen Haare) sind es insbesondere die unkomischen Monologe, welche noch nicht einmal auf Schussweite an seine brillantes und zynisches Geplapper der früheren Filme (oder seiner TV-Sendung) herankommen. Am Ende wird er noch irgendwie mit in die Haupthandlung eingebaut und darf für einige Sekunden neben seinen Brüdern stehen. Aber auch das wirkt gezwungen und wenig witzig. Warum sollte man den Film also gucken? Wegen Harpo, der es sichtlich genießt, hier im Mittelpunkt zu stehen, und um den herum einige ausgesprochen komische Szenen gebaut wurden. Ach ja: Im Vorspann steht „introducing Marilyn Monroe“ (was so nicht ganz stimmt) und sie darf nach fast einer Stunde kurz Grouchos Detektiv-Büro betreten, lasziv einige Sätze hauchen und dann gleich wieder aus der Handlung verschwinden. Wirklich komisch ist das nicht, aber man(n) weiß das zu schätzen.

Jetzt muss ich nur noch Grouchos Solo-Film „A Girl in Every Port“ gucken und dann bin ich mit dem Thema „der Marxismus und ich“ erst einmal durch.

Noch ein Surf-Tipp am Ende. Wer mich kennt weiß, dass ich alte Kinos sehr gerne mag. Daher ist der folgende Link für mich Himmel und Hölle zugleich. Hier haben die beiden französischen Fotografen Yves Marchand and Romain Meffre in den USA gewaltige, alte Kino-Paläste aufgesucht und im Bild festgehalten, welche schon lange den Betrieb aufgeben haben und nun zum Teil umfunktioniert, zum Teil abgerissen wurden. Schöne, grausame Bilder: HIER.

Dieser Beitrag wurde unter Filmtagebuch abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

 

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.