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Blu-ray-Rezension: „Der Berserker“

Von , 23. August 2017 17:00

Der kleine Gangster Giulio Sacchi (Tomas Milian) ist ein Soziopath wie er im Buche steht.Als er bei einem Bankraub vor Nervosität einen Polizisten erschiesst, wird er von seinen Komplizen zusammengeschlagen und vom Hof gejagt. Kurze Zeit später muss wieder ein Staatsdiener daran glauben, als er Sacchi dabei erwischt, wie er einen Zigarettenautomaten knacken will. Auf sich allein gestellt, versucht Sacchi einen großen Coup zu landen. Er überredet die Kleinkriminellen Vittorio (Gino Santercole) und Carmine (Ray Lovelock) mit ihm zusammen Marilù Porrino (Laura Belli), die Tochter eines Industriellen (Guido Alberti) zu entführen. Doch damit soll der blutige Weg des immer gewissenloser agierenden Gulio Sacchi erst seinen Anfang nehmen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Mit „Der Berserker“ haben Umberto Lenzi und sein kongenialer Hauptdarsteller Tomas Milian ein richtiges Brett abgeliefert, welches – wie sein Protagonist – keine Gnade kennt und einem permanent die verschwitzte Faust in den Magen rammt. „Der Berserker“ sah ich erstmals Mitte der 90er Jahre auf einer ranzigen VHS-Kopie des alten Verleihtapes. Eigentlich die perfekte Präsentationsform für diesen – neben vielleicht Deodatos „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ – unangenehmsten Poliziotteschi. Natürlich hat man gut 20 Jahre später vieles gesehen, was der Niedertracht dieses Filmes gleich kommt, und so war ich gespannt, ob „Der Berserker“ heute noch jene schmerzhafte Sprengkraft entwickeln kann wie damals. Um es kurz zu machen: Ja, er kann. Und wie. Zu verdanken ist dies in erster Linie einem brillanten Tomas Milian, der bei seiner Darstellung des Soziopathen Gulio Sacchi die richtige Balance zwischen vollkommen überzogenen Schauspiel und einer unglaublichen Lebendigkeit findet. Sacchi ist laut, vulgär, in seiner extremen Körperlichkeit (wie bei Milians „Strickmützen“-Cop Nico Giraldi und dem seelenverwandten Kleingauner Monnezza aus „Das Schlitzohr und der Bulle“ (ebenfalls von Lenzi und mit Silva als Milians Gegenspieler) verrenkt sich bei Milian jeder Teil des Körpers, wenn er jemanden von etwas überzeugen will­. Er schwitzt, schreit, grimassiert, zuckt – seine körperlichen Reaktionen sind ebenso unberechenbar wie er selber. Sacchi ist eine tickende Zeitbombe, bei der man nie weiß, wann sie das nächste Mal explodiert und wie groß der Schaden sein wird, den sie anrichtet. Man sollte aber darauf gefasst sein, dass er sehr groß sein wird. Da der Film aus Sacchis Perspektive erzählt wird und er derjenige ist, dem der Zuschauer durch die Handlung folgt, ihm also eine gewisse Identifikation aufgezwungen wird, macht dies den Film umso unangenehmer.

Milians Kunst ist es dabei, den „Berserker“ Sacchi, den der englische Titel als „Almost Human“ bezeichnet, trotzdem nicht als unrealistisches Schreckgespenst, sondern als Wesen aus Fleisch und Blut zu zeichnen. So unmöglich es ist, Sacchis Handlungen zu akzeptieren, so bleiben sie aber in Rahmen der Handlung jederzeit nachvollziehbar. Milians Sacchi ist ein Mensch. Kein angenehmer, aber ein Mensch mit all seinen Komplexen. Ein großkotzigen Wichtigtuer, der seine Ängste und die Sehnsucht nach Anerkennung und Respekt mit prolliger Angeberei kaschieren will. Der sich mit Alkohol und Pillen aufputscht und irgendwann alle Grenzen und jegliche Moral vergisst. Letzteres erlebt man auch physisch, wenn Milians Blick immer glasiger und die Haut immer grauer wird. Die Haare von Schweiß verklebt und und die Ringe unter den geröteten Augen immer tiefer. Sacchi tötet wahllos, aber nie mit Freude. Er entledigt sich anderer Menschen, wie man normalerweise Müll entsorgt. Als er dem Entführungsopfer seine Macht über ihr Leben demonstrieren will, fordert er seinen Komplizin auf, die junge Frau zu vergewaltigen. Ihm geht es hier nicht um etwas sexuelles, er will sie nur demütigen. Nur einmal meint man so etwas wie eine moralische Irritierung bei ihm festzustellen. Wenn er realisiert, dass er ein kleines Kind erschossen hat. Doch dies führt bei Sacchi nicht zum Einhalten. Er wischt diese Tat nach einem kurzen stutzen beiseite und brüstet sich später noch damit, was den Zuschauer in einen Gewissenskonflikt stürzt. Denn spätestens nach dieser Tat und seine Reaktion darauf ist Sacchi nicht für ihn nicht mehr tragbar. Doch Lenzi inszeniert ihn weiterhin als Identifikationsfigur, denn Sacchi ist mit weitem Abstand die interessanteste und lebendigste Figur in diesen Film, gegen die alle anderen verblassen müssen. In der Regel ist der Schurke ja auch die faszinierendste Gestalt in einem Film.Jemand, den man aufgrund seiner Skrupellosigkeit und oftmals auch Coolness heimlich bewundert. An Sacchi gibt es aber nichts zu bewundern. Ein Dilemma.

Die einzigen beiden Figuren, die positiv besetzt sein können, sind sein Komplize Carmine und Kommissar Brandi. Der von Ray Lovelock gespielte Carmine ist aber ein weicher, manipulierbarer Schlappschwanz, der sich Sacchi unterordnet. Nicht etwa, weil er für Sacchi irgendwelche Sympathien hegt oder vor ihm Angst hätte. Man hat das Gefühl, Carmine wüsste einfach nicht, was er sonst tun sollte. Willenlos tut er das, was ihm befohlen wird. Zu dumm, zu naiv um einen eigenen Willen zu entwickeln. Auch seine ungelenken Versuche das Entführungsopfer zu schützen wirken halbherzig und schwach. Nein, zur Identifikation lädt Carmine nun wirklich nicht ein. Bleibt die starke Hand des Gesetzes, die von dem ewigen Gangster-Darsteller Henry Silva gegeben wird. Silva ist eine grandioses Steingesicht. Und die perfekte Besetzung für die Killer in Fernando di Leos Meisterwerken „Der Mafiaboss“ und vor allem „Der Teufel führt Regie“. Doch als Kommissar Walter Grandi bleibt er leider ungewöhnlich blass. Was daran liegen kann, dass er mehr reagiert als agiert und in den Actionszenen außen vor bleibt. Bis auf seine Wut auf seine Vorgesetzten bleibt er auch ohne besondere Eigenschaften. Erst ganz am Schluss tritt er in Aktion, um äußerst fragwürdig zur Selbstjustiz zu greifen. Gerade dieses Ende hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, zeigt es doch, dass es auf der Welt nichts Gutes mehr gibt, sondern die Grenzen zwischen schießwütigen Gangstern und schießwütigen Polizisten, die sich ebenso nicht an Gesetze gebunden wähnen, verschwimmen.

Die einzige Figur, die tatsächlich so etwas wie Hoffnung gibt, dass die Welt nicht gänzlich verkommen ist, wird von Laura Belli gespielt. Das Entführungsopfer Marilù ist eine starke Frau, die weiß was sie will und sich keine falsche Illusionen macht. Die ihren Entführern jederzeit überlegen ist und gerade deshalb bei Sacchi diesen unbändigen Wunsch hervorruft, sie zu demütigen, erniedrigen und letztendlich zerstören. Und natürlich hat so jemand in der verkommen Welt des „Berserkers“ keine Chance. Sie wird vernichtet wie alles andere, was gut und schön ist.

Umberto Lenzi hat mit „Der Berserker“ einen hammerharten Tritt in die Weichteile inszeniert, der ganz von einem grandios asozialen Tomas Milian getragen wird, dem es gelingt seinen Soziopathen Gulio Sacchi nie zu einer comichaften Karikatur verkommen, sondern ihn bei aller Grausamkeit doch noch als Menschen erscheinen zu lassen. Und gerade das macht Lenzis Film so wahnsinnig unangenehm.

Mit der Nummer 9 ihrer Polizieschi Edition hat filmArt nach dem grandiosen „Milano Kaliber 9“ nun einen zweiten Klassiker nicht nur des italienischen Polizeifilm-Genres, sondern des italienischen Films überhaupt veröffentlicht. Wie erwartet ist auch das technische Niveau dieser Veröffentlichung wieder sehr gut. Die Blu-ray hat ein sehr gutes Bild, welches auch nicht durch diverse Filter „getötet“ wurde, sondern einen authentischen Kinolook besitzt, ohne dabei irgendetwas an Schärfe einzubüßen. Der deutsche Ton wird auf gleich zwei Spuren angeboten, von der sich eine „Videotonhöhe“ nennt. Der Unterschied zwischen beiden Spuren ist – soweit ich meinen Ohren trauen darf – dass die eine etwas mehr Wums hat, dafür aber auch dumpfer klingt, die andere dafür in der Sprache etwas klarer ist, dafür aber etwas dünner klingt. Das Highlight der Edition ist das einstündige Interview „The Journey of Tomas Milian – From Cuba to America“, mit einem sichtlich gealterten, kaum wiederzuerkennenden Tomas Milian, der sehr interessant und spannend aus seinem aufregenden Leben erzählt. Bei der Schilderung seiner Kindheit in einem lieblos-strengen Haushalt können einem fast die Tränen kommen und dies erklärt wohl auch seine arrogante Haltung, die er in Interviews in den 70ern – auf der Höhe seines Ruhmes – an den Tag legte. Milian hat auch einen kurzen Gruß als Intro zum Film eingesprochen. Weitere Extras sind der italienische und englische sowie ein US-Grindhouse Trailer. Es gibt zwei Audiokommentare. Den ersten mit dem Traum-Team Pelle Felsch und Christian Keßler, der andere mit Bennet Togler und Tillmann Beilfuß. Nicht zu vergessen ist auch das sehr lesenswerte Booklet von Oliver Nöding. Also eine rundum gelungene Veröffentlichung.

DVD-Rezension: „Die Gewalt bin ich“

Von , 28. März 2015 15:03

gewaltbinichKaum ist „der Chinese“ (Tomas Milian) aus dem Gefängnis geflohen, lässt er umgehend den Mann exekutieren, der ihn einst hinter Gitter brachte: Den Ex-Kommissar Tanzi (Maurizio Merli). Doch Tanzi überlebt den Mordanschlag. Offiziell für Tod erklärt, macht sich Tanzi auf eigene Faust daran, dem „Chinesen“ das Handwerk zu legen. Währenddessen hat dieser mit dem mächtigen Gangsterboss Di Maggio (John Saxon) einen Pakt geschlossen. Doch die Zusammenarbeiten zwischen den beiden läuft nicht reibungslos, und Tanzi gelingt es immer wieder, neuen Sand ins Getriebe zu streuen. Bald schon steuert Rom auf einen blutigen Bandenkrieg zu…

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Nach dem Erfolg von „Die Viper“ drehte Umberto Lenzi 1977 diese Quasi-Fortsetzung namens „Die Gewalt bin ich“. Maurizio Merli darf dabei wieder in die Rolle des Kommissar Tanzi schlüpfen, der hier allerdings den Dienst quittiert hat und nunmehr als Privatmann die Unterwelt aufmischt. Dabei ist er sich jedoch der Unterstützung seines alten, von Renzo Palmer gespielten, Kollegen Astalli sicher. Die Beiden liefern sich dabei Dialoge, als wäre Tanzi noch immer bei der Polizei. Astalli drückt auch schon mal beide Augen zu, wenn der wilde Ex-Cop durch die Reihen der Gangster pflügt. Merli ist für seine Stammrolle als zuschlagender und, trotz akkuratem Seitenscheitel und korrekt gestutzten Schnauzer, immer ziemlich prollig wirkender Verbrechensbekämpfer geboren. Auch hier lässt er gerne mal das üppige Brusthaar aus dem zu weit aufgeknöpften Hemd wallen und einen bedenklichen Faible für Goldkettchen zu Schau stellen. In den 80ern hätte er wohl auch einen Vokuhila getragen. In Interviews wird Merli von seinen Zeitgenossen häufig als sehr schüchtern und freundlich beschrieben. Da ist war eine Figur wie der Tanzi, der auch gerne mal saftige Backpfeifen an herumstehende Frauen verteilt, für ihn möglicherweise eine größere schauspielerische Herausforderung gewesen, als man bei der hier eher eindimensionalen mimischen Leistung denkt.

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Ebenfalls aus „Die Viper“ wurde Tomas Milian übernommen, der hier wie dort den Part des Bösewichts übernimmt. Zwar ist sein „Chinese“ nicht mit dem buckligen Vincenzo Moretto – der dann aber in Lenzis „Die Kröte“ wieder auftauchen sollte – identisch, doch die Ähnlichkeiten zwischen beiden Figuren sind unübersehbar. Beide stammen aus dem Proletariat, sind Charaktere, die sich von ganz unten hochgearbeitet haben, aber nicht in der Lage sind, sich in der gehobeneren Schicht wirklich anzupassen. Beide sind durchtrieben, skrupellos und mit einer großen Bauernschläue gesegnet. Den Respekt ihres Gegenüber gewinnen sie nie und das wissen sie. Also gleichen sie diesen Mangel mit einer gehörigen Portion Gefährlichkeit aus. Wenn man Milian dabei zusieht, wie er beim Besuch des über ihn stehenden Gangsterbosses herum lümmelt, blöde Sprüche reist und mit falscher Freundlichkeit agiert, vergisst man trotzdem zu keiner Sekunde, dass er eine entsicherte Waffe ist, die jeden Augenblick losgehen kann. Auch wenn die „Viper“ im Vorgängerfilm lediglich eine Erfindung der deutschen Titelschmiede ist und sich auf Merlis Tanzi bezieht, hier wäre dieser Spitzname für Luigi Maietto mehr als angebracht. Zumindest weitaus mehr als „der Chinese“, was im Film mit der Ähnlichkeit von Maiettos Hartnäckigkeit und der chinesischen Wasserfolter begründet wird.

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Neben Merli und Milian, ist Genre-Vertan John Saxon der Star des Filmes. Dieser heißt im italienischen Original übersetzt „Der Zyniker, die Ratte und die Faust“ – in Anlehnung an „Der Gute, der Schlechte und der Hässliche“, wieder der Originaltitel des Sergio-Leone-Klassikers „Zwei glorreiche Halunken“ lautet. Welcher Part dabei Saxon zukommt, ist nicht so ganz klar. Denn er ist sowohl zynisch, als auch eine fiese Ratte. Saxon konnte schon 1977 auf eine lange und ereignisreiche Karriere zurückblicken. So war er nicht nur im „ersten“ Giallo mit von der Partie, Mario Bavas „The Girl Who Knew Too Much“, sondern spielte auch den Hauptcharakter in „Der Mann mit der Todeskralle“. In den 70er Jahren tauchte er vermehrt in italienischen Polizeifilmen auf. 1980 war er bei Antonio Margheritis „Asphalt-Kannibalen“ dabei und ab 1984 in dem Horrorklassiker „A Nightmare on Elm Street“ nebst zwei der Sequels. In „Die Gewalt bin ich“ spielt er einen eleganten Gangsterboss, der auch schon mal selbst Hand anlegt, wenn er einen Verräter mit Golfschläge aus kurzer Distanz foltert. In einigen Szenen meint man, dass er sich einen Spaß daraus macht, Marlon Brandos „Paten“ zu parodieren.

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Am Drehbuch strickten die besten und bekanntesten Drehbuchautoren des italienischen Genre-Kinos: Dardano Sacchetti, der an fast jedem der großen Giallo-, Polizieschi- und Zombiefilmen von 1970 bis 1986 als Autor beteiligt war. Von Argentos „Die neunschwänzige Katze“ bis zu seiner Kollaboration mit Lucio Fulci, die 1977 mit „Sieben Noten in Schwarz“ begann und über fünf Jahre alle großen Klassiker hervorbrachte bis sie 1982 mit „New York Ripper“ endete. Ebenfalls beteiligt war Giallo-Spezialist Ernesto Gastaldi, der regelmäßig mit Sergio Martino zusammenarbeitete. Die Story stammt von Sauro Scavolini, der für seine Italo-Western-Drehbücher berühmt wurde und den wunderbaren „Liebe und Tod im Garten der Götter“ inszenierte. Auch Lenzi selber schrieb mit. Bei diesem Triumvirat an hochtalentierten Autoren scheint der Spruch von den vielen Köchen, die den Brei verderben, leider zu stimmen, denn das Drehbuch ist ein ziemliches Durcheinander. Da gibt es unerklärte Lücken in der Handlung, dann wird recht holprig eine lange heist-Sequenz eingebaut und Nebenfiguren eingeführt, die dann entweder schnell wieder beseitigt oder schlichtweg vergessen werden. Vor allem enttäuscht aber das doch recht unspektakulär ausgefallene Finale. In den Einzelteilen ist der Film sehr unterhaltsam, als großes Ganzes passen diese aber nicht richtig zusammen und es knirscht im Getriebe. Immerhin aber wird diese Geknirsche durch großartige Musik übertönt, für welche Franco Micalizzi verantwortlich ist.

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Mit Blick auf die Besetzungsliste und die Verantwortlichen hinter der Kamera, sollte man mindestens einen „Citizen Kane“ des Polizieschi erwarten. Leider bleibt „Die Gewalt bin ich“ durch ein lückenhaftes und episodenhaften Drehbuch hinter den hohen Erwartungen weit zurück. Löst man sich von diesen, so liefert Umberto Lenzi solide Action-Unterhaltung mit tollen Hauptdarstellern und perfekter Musikuntermalung.

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Nachdem „Die Gewalt bin ich“ schon 2012 in einer wunderschönen Edition bei filmArt erschien, wurde nun noch einmal eine preisgünstigere Variante hinterher geschoben. Dabei muss der geneigte Käufer allerdings auf so schöne Extras wie den Audiokommentar mit Christian Kessler und Pelle Felsch, sowie die Featurettes „Saxxon -Die Gewalt bin ich“ und „Franco Micalizzi – A Conversation“ verzichten. Das Design der DVD wurde der Polizieschi-Reihe angepasst und statt der Extras der ursprünglichen Edition, gibt es jetzt lediglich Trailer für eben diese Reihe, sowie zu der ebenfalls bei filmArt erscheinenden Giallo-Serie. Nichts geändert hat sich an der hervorragenden Bildqualität des Filmes und den Tonspuren. Diese liegen wieder auf Deutsch, Italienisch und Englisch vor. Unterstützt von deutschen und englischen Untertiteln. Wer den Film noch nicht in der Sammlung stehen hat und auf die Extras verzichten kann, ist hier also bestens bedient.

DVD-Rezension: “Die Kröte“

Von , 21. November 2013 20:08

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Der buckelige Kleingangster Vincenzo Marazzi (Tomas Milian) kehrt aus seinem Exil auf Korsika zurück. In Rom angekommen, tut sich gleich wieder mit seiner alten Bande zusammen, um einen Geldtransport zu überfallen. Doch seine ehemaligen Partner haben andere Pläne als er, und versuchen Vincenzo während des Überfalls zu erschießen. Doch Vincenzo überlebt und bereitet mit Hilfe seiner Geliebten, der Prostituierten Maria (Isa Daniela), seine Rache vor. Unterstützung erhält er dabei auch von seinem Zwillingsbruder Sergio „Monnezza“ Marazzi (ebenfalls Tomas Milian), der ihm die Polizei in Gestalt des Kommissars Sarti (Pino Colizzi) vom Leib hält.

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Mit „Die Kröte“ legte das Gespann Umberto Lenzi (Regie) und Tomas Milian (Hauptdarsteller) ihre letzte gemeinsame Zusammenarbeit vor. Dabei griffen sie auf die beiden Hauptfiguren aus den zuvor entstanden Filmen „Das Schlitzohr und der Bulle“ und „Die Viper“ zurück. Damit führten sie ihre gemeinsame Kollaboration auf einen Höhepunkt. In „Der Bulle und das Schlitzohr“ hatte Milian die Figur des „Monnezza“ etabliert. Einen lauten, vulgären Typ, der gerne seine scheinbare Naivität in den Vordergrund stellt, es aber faustdick hinter den Ohren hat. Die Figur war so erfolgreich, dass sie in dem vom Stelvio Massi ein Jahr später inszenierten „Die Gangster-Akademie“ wieder auftauchte. Ihr zur Seite gestellt wird der „Bucklige von Rom“ Vincenze Moretti, der hier hier in Vincenzo Marrazi umbenannt wurde und als 10 Minuten älterer Zwillingsbruder von Monnezza vorgestellt wird. Gegenüber seinen ersten Auftritt in „Die Viper“ ist Vincenzo hier kein brutaler, schießwütiger Killer, sondern ein besonnener, wenn auch weiterhin missgelaunter kleiner Gangster. Auch wird sein Hass auf die Welt durch seine Missbildung erklärt und diese nicht als äußeres Zeichen von Bösartigkeit präsentiert. Vincenzo ist ein rüder, aber auch tragischer Charakter, den man im Laufe des Filmes so gut kennenlernt, dass man mit ihm mitzufühlen kann. Insbesondere sein Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder – so widersprüchlich es auch scheinen mag – sorgt am Ende dafür, dass man eine kleine Träne im Augenwinkel hat.

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Während Lenzis anderen Poliziotteschi oftmals episodenhaft wirken und durch perfekt inszenierte Action auffallen, ist „Die Kröte“ ein eher ruhiger Film. Zwar setzt Lenzi auch hier seine Markenzeichen, wie die rasanten, realistisch in Szene gesetzten Autoverfolgungsjagden, ein, doch die Actionszenen sind eher spärlich gesät. Was auch daran liegt, dass der Hauptfigur Vincenzo kein markanter Gegenspieler entgegen gesetzt wird. Einen Maurizio Merli, der sich prügelnd und ballerend durch die Unterwelt walzt, sucht man hier vergebens. Es gibt zwar einen Kommissar, doch dieser ist sehr viel realistischer als der „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“-„Merli gezeichnet. Er legt wert auf korrekte Ermittlungen und gesteht selbst dem schlimmsten Verbrecher ein faires Verfahren zu. Für einen Merli undenkbar. Dies hat auch zur Folge, dass die Polizei in den Hintergrund tritt und Milian sehr viel mehr Raum bekommt, seine Figur des Vincenzo zu entwickeln. Was er auch in vollen Zügen ausnutzt, denn Milian schrieb die Dialoge seiner Figur Vincenzo und Monezza selber und baute darin nicht gerade wenig Sozialkritik ein. Legendär schon Monnezzas Ausspruch: „An dem Tag an dem aus Scheiße Gold wird, wird der erste Arme ohne Arsch geboren“.

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Höhepunkt des Filmes ist der Besuch Vincenzos mit seiner Geliebten Maria (handfest und praktisch veranlagt dargestellt von einer sympathischen Isa Danieli) in einem feinen Nachtclub. Als Maria tanzen möchte, fragt sie Vincenzo zunächst, ob es ihm was ausmacht, wenn sie mit einem seiner Bandenmitglieder tanzen würde. Vincenzo fragt sie, warum sie nicht ihn auffordere und sie sagt ihm ehrlich, sie dächte es wäre ihm aufgrund seiner körperlichen Behinderung unangenehm. Doch Vincenzo entgegnet, dass das Quatsch wäre. Er würde seiner lieben Maria einen tollen Abend bieten wollen und mit ihr gemeinsam Spaß haben. Man ahnt wie es ausgeht. Und tatsächlich: Das Pärchen wird von den Reichen und Schönen begafft und bald schon fängt man an, sich über Vincenzo und seinen Buckel lustig zu machen. Als es ihm zu viel wird, legt Vincenzo selber noch einen drauf und gibt für die gackernde Menge den Hofnarren. Hätte der Vincenzo aus „Die Viper“ nun ein Blutbad angerichtet, so geht diese Inkarnation weitaus subtiler vor. Statt seine Peiniger mit Blei vollzupumpen, wählt er einen anderen Weg: Er macht sie lächerlich und peinlich. Gewalt ist eben nicht immer die Lösung für alles.

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Vincenzos Zwillingsbruder Monnezza wird ebenfalls von Tomas Milian gespielt. Im Blaumann und mit einer unglaublichen Afroperücke, so wie er etwas später auch in der populären Komödien-Reihe um den „Superbullen“ Nico Giraldi (in der deutschen Fassung Toni Marroni) aussehen sollte. Eigentlich ist der vorlaute und proletenhafte Monnezza eine ideale Witzfigur, doch so spielt Milian ihn nicht. Trotz seiner unflätigen Ausdrucksweise und seinem gestenreichen Auftreten, ist Monnezza eine Figur aus Fleisch und Blut. Sie wird nicht auf oberflächlichen Witz reduziert, sondern bekommt gerade in den Szenen mit dem geliebten Bruder Vincenzo Tiefe. Auch wird deutlich, dass er seine scheinbaren Naivität und „Verrücktheit“ als Schutzschild gegen diejenigen verwendet, die ihm nicht wohlgesonnen sind oder seine Pläne durchkreuzen wollen.

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Wie Milian diese beiden optisch sehr unterschiedlichen Charaktere spielt, ist sehenswert. Wüsste man es nicht besser, könnte man glauben, es handele sich um zwei Schauspieler, so verschieden sind die Figuren auch in Mimik und Gestik. Das diese Trennung in zwei Charaktere so überzeugend geschieht, ist auch der deutschen Synchronstimme, dem 2007 leider viel zu früh verstorbenen Randolf Kronberg, zu verdanken. Kronenberg war die deutsche Stimme von Edie Murphy und mit dieser „Quietschstimme“ spricht er auch den Monnezza. Vincenzo spricht er sehr viel dunkler und bedrohlicher. Führt man sich vor Augen, dass Kronberg auch Michael Landon in der TV-Serie „Ein Engel auf Erden“, Dr. „Pille“ McCoy in „Raumschiff Enterprise“ oder Bürgermeister Quimby in den „Simpsons“ sprach, wird einem seine großen Stimmkunst erst so richtig bewusst.

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„Die Kröte“ wartet nicht mit den großen Actionszenen und Gewaltausbrüchen, wie Lenzis vorherigen Poliziotteschi, auf. Der Film konzentriert sich vornehmlich auf die Charakterisierung seiner beiden Hauptfiguren Vincenzo und Monnezza, die beide auf großartige Art und Weise von einem gut aufgelegtem Tomas Milian verkörpert werden. „Die Kröte“ ist gleichzeitig ein Höhe-, wie auch würdiger Schlusspunkt aus der Spätphase des Genres. Danach verkam der Poliziottesco – ebenfalls mit Tomas Milian als Protagonisten – immer mehr zu einer Travestie. Aber in „Die Kröte“ zeigen Regisseur Lenzi und Hauptdarsteller Milian noch einmal eindrucksvoll, zu welchen Höchstleistungen sie beide fähig waren.

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Die filmArt-DVD ist empfehlenswert. Auch wenn die Kopie offensichtlich von einer gut erhaltenen Kinorolle gezogen wurde und manchmal leichte Bildschäden aufweist, sind doch Schärfe und Farbe ohne Fehl und Tadel. Auch der Ton ist einwandfrei. Das Bild hat das Format 1:2,35, der Ton liegt in Deutsch, Englisch und Italienisch (mit hinzu schaltbaren Untertiteln) vor. Als Extras gibt es den Trailer, sowie weitere Trailer für Filme aus dem filmArt-Programm. Highlight ist der zweite Teil eines Interviews mit dem Komponisten Franco Micalizzi, der bei dem Film den richtigen Beat sorgte. Dieses geht 25 Minuten und ist sowohl interessant, als auch durch die sympathische Art Micalizzis sehr unterhaltsam. Ferner liegt der DVD ein sehr gut geschriebenes und informatives Booklet von Dr. Markus Stiglegger und Ivo Ritzer bei.

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