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DVD-Rezension: „Als Hitler den Krieg überlebte“

Von , 26. August 2020 20:42

Hitler (Fritz Diez) ist es gelungen alle zu täuschen. Sein Selbstmord war nur vorgetäuscht, und nun wartet er auf Schloss Lilienburg in der Schweiz ab, dass seine Zeit wieder kommen wird. Dieses private Sanatorium gehört Professor Doktor Rolf Harting (Jirí Vrstála), der Hitler bei seiner Flucht half. Doch Harting und seine Männer haben ihre ganz eigene Pläne mit dem selbsternannten „Führer“. Er soll für seine unzähligen Verbrechen und die Millionen Tote grausam büßen. Für ihren Plan benötigen sie allerdings den Prager Doktor Josef Herman (Karel Höger), der einem verstorbenen Leibarzt Hitlers namens namens Wollmann ähnelt. Dieser wird kurzerhand von Hartings Gruppe entführt. Und da gibt es um das Schloss herum noch Partisanengruppen ehemaliger Nazis, die ihren Diktator zurück haben wollen.

Kann man bei Zbynek Brynych eigentlich noch immer von einem „Geheimtipp“ sprechen? Seit vielen Jahren schon ist „dieser wundersam fröhliche tschechische Herr“ (so der Titel eines wunderbaren Featurettes auf der Bildstörung-Blu-ray von „Die Weibchen“) in den Kreisen der Filmliebhaber ein Begriff. Umso mehr verwundert es, dass es außer „Die Weibchen“ bisher kaum weitere Auswertungen seiner Filme auf DVD oder gar Blu-ray gibt. Zwar kann man seine legendären Inszenierungen früher „Der Kommissar“- oder „Derrick“-Folgen in entsprechenden Serien-Boxen finden, doch gerade seine in Deutschland gedrehten Spielfilme „O Happy Day“ und vor allem „Engel, die ihre Flügel verbrennen“ fehlen schmerzlich. Immerhin, mit etwas Suchen findet man bei nicht ganz umstritteneren Anbietern noch die DVDs „KZ Theresienstadt – Transport aus dem Paradies“ und „Höllentor Sahara 1943“, aber das war es bis jetzt schon. Umso schöner ist es, dass Brynychs grandioser „Als Hitler den Krieg überlebte“ nun in einer anständigen DVD-Veröffentlichung bei Ostalgica erschienen ist.

„Als Hitler den Krieg überlebte“ ist eine eigenwillige politische Parabel, bei der man sich unwillkürlich fragt, wie solch ein Film 1967 in der Tschechoslowakei entstehen konnte. Die Umkehrung mit der Brynych arbeitet (die ehemaligen Gegner der Nazis sind die Faschisten von heute, während die alten Nazis plötzlich die Gestalt idealistischen Widerstandskämpfer einnehmen) ist leicht als Gleichnis auf die Machtverhältnisse in den sogenannten Ostblock-Staaten der Nachkriegszeit zu dechiffrieren. Hier wie dort bedienen sich diejenigen, die eigentlich mit den alten Gegnern abrechnen wollen und für eine „bessere Welt“ stehen, der Methoden der Faschisten. Strenge Hierarchien, kein Widerspruch duldend, Überwachung, Gewalt, Folter, Weltherrschaftsanspruch. Das Leben eines Menschen zählt nichts, überall lauern Feinde. Auch in den SS-Uniformen scheinen sich Harting und seine Männer sehr wohlzufühlen. Es geht also immer weiter mit dem Totalitärismus – egal welches Gesicht er sich gibt. So offensichtlich die Gruppe um Harting für die Machthaber des Ostblocks stehen, so interessant ist die Frage, wenn die faschistische Gruppe um Inge repräsentiert. Jung, gut aussehend und voller fanatischem Idealismus mag man an radikalisierte Gruppen der Studentenbewegung denken, die ja tatsächlich in den 70ern in den Terrorismus drifteten. Die Aussage des Filmes ist daher recht eindeutig: Faschismus verbirgt sich hinter vielen unterschiedlichen Gesichtern.

Als Stimme der Vernunft dient in dieser Parabel ein Wissenschaftler: Der Arzt Dr. Herman. Diese Stimme wird aber zwischen den verschiedenen Fraktionen zerrieben und letztendlich mundtot gemacht. Es ist kein optimistisches Bild, welches Brynych hier zeichnet. Im Gegenteil. Die Welt ist schlecht und wer die Chance hat, die Macht zu ergreifen, wird dies ohne zu zögern tun, dabei über Leichen gehen und eine totalitäres Schreckenssystem etablieren. Wirkliche Alternativen gibt es nicht. Diejenigen, die an Werte wie Demokratie, Menschlichkeit, Mitleid und Gerechtigkeit glauben, werden zu Spielbällen derjenigen, die eben jene Werte mit Füßen treten oder gleich ganz pervertieren. Der Originaltitel (und deutsche Alternativtitel) bedeutet „Ich, die Gerechtigkeit“ – ein Anspruch, den Harting erhebt und gleichzeitig so dreht, dass eben nur er – der „Führer“ der Bewegung – die einzige Deutungshoheit über den Begriff „Gerechtigkeit“ besitzt, der ihn gleichzeitig dazu befugt, sein System der Unterdrückung, Unterwerfung und Folter zu etablieren.

Obwohl Brynych in diesem Film noch nicht jenes exzentrisches und delirierendes Feuerwerk abbrennt, wie z.B. in „Die Weibchen“ oder späteren „Derrick“-Folgen, zeigt dieser Film bereits seine hohe Kunst. Die Kamera ist immer dicht dran an den Gesichtern, jede Einstellung ist so komponiert, dass sie beispielsweise in Dialogszenen nicht im harten Schuß-Gegenschuß sondern filmisch-bewegt umsetzt. Brynych forscht die Möglichkeiten aus, die ihm das Bild bietet, erfindet immer wieder neue, spannende Tableaus und haucht ihnen eine faszinierende Dynamik ein. Die harten schwarz-weiß Kontraste erinnern an die frühen „Kommissar“-Folgen, wie z.B. die Episode „Die Schrecklichen“, welche eine ähnlich bedrohlich-traumgleiche Atmosphäre versprüht, wie „Als Hitler den Krieg überlebte“. Man spürt deutlich, dass Brynych große Freude daran hatte, mit Bildern zu experimentieren und in jeder Einstellung das Besondere zu suchen.

Unterstützt wird er dabei von großartigen Schauspielern. Besonders Angelica Domröse sticht hervor, als Mischung aus geheimnisvoller Femme Fatale und leidenschaftlicher Rebellin. Die Domröse hat ein wunderbares, abgründiges Gesicht, welches die Kamera einfach liebt. Vergleichbar einer spröden Romy Schneider. Wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, in den 60ern nach Frankreich zu gehen und dort die richtigen Regisseure zu treffen, sie hätte ein ähnlich großer Star werden können. So wurde sie immerhin mit „Die Legende von Paul und Paula“ in der DDR zum Star. An ihrer Seite spielt ihr damaliger Ehemann Jirí Vrstála mit viel dunklem und furchteinflößendem Charisma den Harting. Sein Landsmann Karel Höger verkörpert mit väterlichem Gestus und einer skeptischen Distanziertheit die einzige positive Figur des Filmes, den moralisch standhaften, aber letztendlich erfolglosen Dr. Herman. Eine besondere Erwähnung verdient der aus Thüringen stammende Fritz Diez, der nicht nur eine unfassbare Ähnlichkeit mit Hitler hat, sondern auch dessen Habitus perfekt imitiert. Fast glaubt man sich tatsächlich eines Wiedergängers dieses Verbrechers gegenüber. Diez spezialisierte sich offenbar auf Hitler-Porträts und verkörperte Hitler in mehreren Filmen der DEFA, als auch in ausländischen- und Fernsehproduktionen. Wenn man der IMDb Glauben schenkt ganze 14 Mal.

Endlich liegt ein weiterer Film des großartigen Tschechen Zbynek Brynych in einer soliden DVD-Veröffentlichung vor. Brynych politische Parabel über die Verhältnisse im sogenannten Ostblock der 60er Jahre ist ebenso intelligentes, wie kurzweiliges Kino mit überzeugenden Darstellern und bereits allen Zutaten, die in den letzten Jahr(zehnt)en zu einer Wiederentdeckung Brynychs führten.

Leider liegt der Film von Ostalgica lediglich auf DVD vor. Diese ist aber durchaus empfehlenswert. Das Bild ist scharf, die Kontraste sehr gut. Es gibt einige kleine Filmschäden, welche manche fanatische Pixelzähler vielleicht bemängeln würden, für mich aber durchaus zur Atmosphäre und Kino-Look des Filmes beitragen. Der Ton ist gut verständlich und liegt in Deutscher Synchronfassung und der tschechischen Originalfassung vor. Bei letzterer wurde aber leider bei den Untertiteln gespart, sodass diese Originalfassung für nicht tschechisch sprechende Menschen mehr oder weniger für die Katz ist, auch wenn der Anteil an deutschen Dialogen recht hoch ist. Sehr schade. Da tröstet die sehr gute DDR-Synchro nur ein wenig, da hier jetzt plötzlich alle akzentfreies Deutsch sprechen, während in der Originalfassung eben eine Mischung aus Deutsch und Tschechisch gesprochen wird, was auch mehr Sinn macht. Vor dem Film gibt es ein Intro von 3:12 Minuten, welches anhand einer Kompilation alter Wochenschauen (?) eine zeitliche Einordnung gibt. Leider ist das Bildmaterial hier nicht optimal und recht verschwommen. Ansonsten gibt es außer Trailern für das Ostalgica-Programm keinerlei weitere Extras.

Blu-ray Rezension: „Der wilde Planet“

Von , 28. September 2018 13:40

Auf dem Planeten Ygam leben die riesigen, blauen Draags. Einst brachten sie vom Planeten Terra die im Vergleich zu ihnen winzigen Menschen mit. Diese nennen sie Oms und nutzen sie als Haustiere. Nach dem Tod seiner Mutter wird der Om-Junge Terr von dem Draag-Mädchen Tiwa mitgenommen und dient ihr als Spielzeug, das sie hegt und pflegt. Terr nimmt dabei auch an den Schulstunden Tiwas teil und erlernt so das Wissen der Draags. Eines Tages flieht Terr und trifft auf „wilde“ Oms, die von den Draags wie Ungeziefer behandelt und beseitigt werden. Ausgerüstet mit dem Wissen der Draags führt Terr die wilden Om in eine Rebellion…

Der wilde Planet“ ist ein Kultfilm. Zusammen mit den Werken von Ralph Bakshi gehört er zu einer fast vergessenen Kunst: Einem Animationsfilm für Erwachsene, der weit entfernt von dem ist, was Disney einst in die Kinos pumpte. Nicht auf Perfektion und sauberes Entertainment für die Kleinen getrimmt, sondern rau, subversiv und durchaus brutal. Verankert im Underground und subversiver Kunst. Wenn in „Der Wilde Planet“ ein seltsames Wesen erst sein Junges liebkost und dann auffrisst, oder gleich zu Beginn eine Om-Mutter durch übermütiges Spiel junger Draags vor den Augen seines Kindes getötet wird, dann ist das sicher nichts, was die lieben Kleinen im Nachmittagsprogramm erwarten würden. Aber genau dort wurde „Der wilde Planet“ in den 80er Jahren gezeigt, denn damals galt bei den Rundfunk-Verantwortlichen scheinbar noch die Gleichung Trickfilm = Kinderkram.

Damals hieß der Film bei uns noch „Der phantastische Planet“. Und der Planet Ygam auf dem der Film spielt ist fürwahr phantastisch. Voller seltsamer, bizarrer Wesen, welche der überbordenden Fantasie des französischen Autors Roland Topor entspringen. Voller Farben und Töne. Gefahren und Gewalt. Aber auch Fürsorge und Spiritualität. Der Originaltitel „La Planète sauvage“ bezieht sich jedoch nicht auf Ygam, den Heimatplanet der Draag, sondern auf den Mond des Planeten. Ein geheimnisvoller Sehnsuchtsort der Oms, die dorthin flüchten wollen, um dem von den Draag geplanten Genozid an ihnen zu entkommen. „Der wilde Planet“ birgt allerdings Geheimnisse, die am Ende für die Zukunft sowohl der Oms, als auch der Draags von größter Wichtigkeit werden.

„Der wilde Planet“ wurde vom Rolling Stone zu einem der besten Animationsfilmen aller Zeiten gewählt (Platz 36) und erhielt 1973 den Spezial-Preis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Entsprungen ist der Film (basierend auf dem 1957 erschienen Roman „Oms en Série“ von Pierre Pairault aka „Stefan Wul“) dem Geist zweier höchst interessanter Menschen. Einmal dem des großen Roland Topor, der hier für das Design des Filmes zuständig war,und der zusammen mit Fernando Arabal und Alejandro Jodorowsky der surrealistischen „Panic Movement“ angehörte. Seine Wurzeln in diesem Umfeld merkt man den eigenartigen Lebewesen an, welche die Parks der Draags bevölkern. Diese erinnern an die bizarren Animation des jungen Terry Gilliam aus seinen frühen Monty-Pythons-Tagen. Dazu trägt aber auch der Stil des zweiten Geistes – dem des Regisseurs René Laloux – bei, welcher eher statisch angelegt ist und oftmals den Eindruck erweckt, hier würden lediglich ausgeschnittene Papierfiguren hin und her bewegt werden. Was zur allgemeinen Seltsamkeit und Verfremdung des Filmes beiträgt. Regisseur René Laloux arbeite ursprünglich in einer psychiatrischen Klinik, wo er auch zusammen mit den Patienten seine ersten Animationsfilme realisierte. Mit Topor bildet er hier ein kongeniales, sich gegenseitig befruchtendes Team, welches eine uns ebenso fremde, wie aber auch irgendwie vertraute Welt schaffen. Denn wenn man den ersten Schock darüber, dass die Mutter des kleinen Terr zu Beginn des Filmes von einer Gruppe Draag-Kinder beim Spiel und aus Versehen getötet wurde, muss man nicht lange nachdenken, um in den Draag-Kindern unschuldig-grausamen Menschenkinder zu erkennen, die aus Neugierde den Fliegen die Flügel ausreißen oder Ameisen mit der Lupe verbrennen.

Jetzt könnte man „Der wilde Planet“ recht einseitig als überdeutlichen Aufruf zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit Tier und Natur verstehen, bei dem zur besseren Anschauung die Tiere einfach durch Oms und die Menschen mit Draags ausgetauscht wurden. Doch dies würde zu kurz greifen, denn der metaphernreiche Film arbeitet auch auf anderen Ebenen. Der gedankenlose Genozid der Draags an den Oms, der plakativ als „Säuberung“ verstanden wird, weckt düstere Erinnerungen an den Holocaust, der Unterschied zwischen „Haus-Oms“ und „wilden Oms“ an die Zeit der Sklaverei oder den Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern. Themen wie Freiheit, Rebellion – aber auch die große Macht der Bildung werden angesprochen.

Interessant ist in dieser Hinsicht auch, dass die Draags nicht per se als Bösewichte verteufelt werden, sondern ihr grausames Handeln lediglich einem Nicht-Bewusstsein dafür entspringt, dass andere Lebewesen ebenfalls Gefühle, ja eine Seele haben. Erst als die Oms es schaffen, diesen Gedanken durch Gewalt in die Köpfe der Draags zu pflanzen, begreifen diese, dass es schon ein Unterschied ist, sich einen kleinen Om als Spielzeug zu halten oder beispielsweise eine Blume zu pflücken und in eine Vase zu stecken. Die Aussage des Films, dass einem friedlichen Zusammenleben erst ein Akt der Gewalt voran gehen muss, kann man dabei gewiss kontrovers diskutieren.

Einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des Filmes und seiner seltsamen, außerweltlichen Atmosphäre trägt der großartige Soundtrack bei, den der französische Jazzpianist und Chanson-Komponist Alain Goraguer komponierte. Diese langsamen, irgendwie unheimlichen, aber zugleich faszinierend-hypnotischen elektrischen Töne unterstützen bestens diese nicht ganz greifbare, einzigartige Stimmung des Filmes, welche noch lange nach dem Abspann im Zuschauer widerhallt. Insbesondere das Stück „Déshominisation (I)“ wird man so schnell nicht wieder los.

Hätte man eine Soundtrack-CD mit ins vorbildliche Mediabook gelegt, wäre dies das Sahnehäubchen auf einer tollen Veröffentlichung gewesen. Aber auch so kann man Camera Obscura nur loben. Besser geht es (fast) nicht. Das Bild der Blu-ray ist hervorragend. Zudem hat Camera Obscura dem Film noch eine neue Farbkorrektur gegönnt. Neben der eher bläulich angehauchten Criterion-Collection-Version von 2016, kann man jetzt noch eine aktuelle Version von 2018 wählen, die die Farben etwas natürlicher zum Strahlen bringt. Welche man bevorzugt, liegt dann ganz in der Hand des Zuschauers. Man kann auch die Versionen während des Filmes wechseln. Der Ton ist auch kristallklar, was vor allem der oben angesprochen Musik von Alain Goraguer zugute kommt. Auch an Extras mangelt es nicht. Neben einem sehr informativen und interessant zu lesenden 12-seitigen Booklet von Prof. Dr. Stiglegger, befindet sich im Mediabook noch eine Bonus-DVD mit vier Kurzfilme von René Laloux: „Les Escargots“ (1965, mit Topor), „Les Temps Morts“ (1964, ebenfalls mit Topor), „Les Dents du singe“ (1960) und „Comment Wang-Fô fut sauvé“ (1987). Ferner enthält die Bonus-DVD noch die 26-minütige Dokumentation „Laloux Sauvage“ über Regisseur René Laloux und das knapp einstündige Portrait „Topors Träume“ über Roland Topor. Auf einer dritten DVD ist für alle, die keinen Blu-ray-Player ihr eigen nennen noch einmal der Hauptfilm. Leider konnte ich diese DVD bei mir nicht abspielen, weil bei mir scheinbar vergessen wurde, diese mit Inhalt zu füllen. Das dürfte aber auch nur bei meinem Rezi-Exemplar der Fall sein. Deshalb muss ich leider auch auf Screenshots verzichten. Insgesamt also eine ganz tolle Veröffentlichung eines ganz besonderen Films.

Blu-ray-Rezension: „Der Boxer und der Tod“

Von , 20. Juni 2018 06:38

Durch einen Zufall findet der Hobbyboxer und jetzige KZ-Kommandant Kraft (Manfred Krug) heraus, dass der von ihm zum Tode durch Erschießen verurteilte Häftling Komínek (Štefan Kvietik) ebenfalls einmal Boxer war. Kraft setzt Komíneks Exekution aus, um ihn als Sparringspartner für einen kleinen Übungskampf zu nutzen. Der ausgemergelte und kraftlose Komínek hält allerdings keine Runde durch bevor er auf die Bretter geht. Damit unzufrieden und gelangweilt vom einsamen Training gegen den Sandsack gewährt Kraft Komínek in den nächsten Wochen alle Freiheiten, damit dieser zu Kräften kommt und einen ernsthaften Gegner abgibt. Im Lager sorgt Komíneks privilegierter Status allerdings zunehmend für Spannungen…

Mit „Der Boxer und der Tod“ setzt Bildstörung seine Reihe mit Veröffentlichungen von fast vergessenen Meisterwerken fort, die es verdienen von neuen Generationen entdeckt zu werden. Zudem zeigt Bildstörung auch wieder ein großes Herz für das tschechoslowakische Kino, wo noch zahlreiche Juwelen darauf warten, ausgegraben und auf Hochglanz poliert zu werden. „Der Boxer und der Tod“ ist solch ein Juwel. Der slowakische Film basiert auf einer Kurzgeschichte des polnischen Schriftstellers und Dramaturgen Józef Hen, Der multilinguale Film wurde mit deutschen, slowakischen, tschechischen und polnischen Schauspielern realisiert. Der Autor der Vorlage, Józef Hen, schrieb zusammen mit Drehbuchautor Tibor Vichta und Regisseur Peter Solan das Drehbuch. Gedreht wurde vor Ort in einem 1941 errichteten, ehemaligen jüdischen Arbeitslager nahe der slowakischen Stadt Nováky. Etwas, was man dem Film interessanterweise auch anmerkt. Es liegt ein trister Realismus in der Luft, auch ohne dass man weiß, dass die Kulissen echt sind.

Regisseur Peter Solan ist niemand, an den man als erster denkt, wenn es um das Kino der CSSR geht. Da sind seine tschechischen Kollegen wie Miloš Forman, Juraj Herz oder Jiří Menzel sehr viel präsenter. Umso lobenswerter, dass Bildstörung ihn nun wieder entdeckt hat. In dem spannenden Interview welches in den Extras zu finden ist, schwärmt Filmhistoriker Olaf Möller von Solan und seinem Werk, und er lädt dazu ein, sich näher mit dem Werk dieses außergewöhnlichen Regisseurs zu beschäftigen. In „Der Boxer und der Tod“ nutzt Solan einen ebenso minimalistischen, wie präzisen Stil. Da gibt es kein Zierrat. Keine denkwürdigen, besonders aufwändig komponierten Einstellungen. Nichts, was allein dem Auge schmeichelt. Dafür sind seine Bilder unglaublich exakt. Jedes Bild für den Film unverzichtbar und genau auf den Punkt. Und unter den Bildern schafft Solan eine ganze Welt, die sich im Kopf des Zuschauers zusammensetzt. Wenn Komínek zum Kommandanten gerufen wird, kommt er an einem Zaun vorbei, hinter dem eine Gruppe zivil gekleideter Häftlinge wartet. Frauen, Kinder, Alte. Mit ihren Koffern und dem wenigen, was ihnen an Hab und Gut geblieben ist. Kurze Zeit später kommt Komínek wieder an dem Zaun vorbei und die Menschen sind weg. Nur ihre Habseligkeiten liegen verstreut am Boden. Im Hintergrund quillt dicker schwarzer Rauch aus einem Schornstein. Da muss Solan gar nicht das Schicksal der Opfer ausformulieren. In diesen kargen Bildern ist alles gesagt. Und sie hinterlassen einen dicken Knoten im Magen des Zuschauers.

Später wird Solan das Bild der qualmenden Schornsteine noch einmal nutzen. Krafts Ehefrau Helga (Valentina Thielová) lamentiert, wie böse die Menschen doch sein können. Kraft solle das endlich einsehen: „Die Menschen sind so gemein“. Natürlich meint sie damit den Offizier Holder, welcher Intrigen gegen Kraft spinnt und scheinbar dessen Position einnehmen will. Und die Leute Zuhause, die Kraft nicht den Respekt zollen werden, wenn sie von Krafts Verbindung zu Kominek hören. Um Hintergrund verdunkelt sich der Himmel im schwarzen Rauch der armen Seelen, die Kraft in den Tod geschickt hat. Die verbrannten Körper der Kinder, der Frauen, der Schwachen, der Opfer. Vielleicht trägt Solan hier in dieser Szene einmalig etwas dick auf, doch diese grausame Relativierung, dieses Vergessen der Leiden der Opfer und das Bagatellisieren dadurch, dass man seine eigenen, profanen Probleme über das Leben der anderen, der „Fliegen“, wie sie Kraft abwertend nennt, ist ein Thema, welches heute noch aktuell ist. Wenn man sich selber als Opfer stilisiert, weil man keine Arbeit hat und gleichzeitig für den grausamen Tod kleiner Kinder, die hilflos im Mittelmeer ertrinken und deren kleine, leblosen Leiber am Strand angespült werden noch nicht einmal ein Schulterzucken übrig hat. Nein, natürlich hat derjenige, der so reagiert die Kinder nicht eigenhändig ersäuft. Aber auch Krafts Ehefrau hat niemanden in die Gaskammern geschickt. Sie nimmt es aber hin, weil ihr das Leben der anderen nichts wert ist. Weil diese Anderen außerhalb ihrer kleinen Welt, die nur um sich selbst kreist, existieren.

Solans großer Verdienst und die Stärke seines Films ist es, dass er plumpe schwarz-weiß-Malerei vermeidet. Man kann heute nicht mehr nachvollziehen, was die Besetzung des Lagerkommandanten Kraft durch Manfred Krug damals bedeutete. Heute ist Krug natürlich durch seine zahlreichen Rollen im West-TV eine Marke. Schauspieler und Rollen verschwimmen. Daher ist es erst einmal ein kleiner Schock Krug als Nazi zu sehen. Zumal er den Kraft ebenso jovial, kumpelhaft und präsent anlegt, wie später beispielsweise seinen „Liebling Kreuzberg“. Auch diese gewisse Selbstverliebtheit Krafts, ist in Krugs späteren Rollen auch immer präsent. Da Krug heute aber durchweg positiv besetzt ist, strahlt dies auch auf Kraft ab. Der mitnichten wie ein Monster daher kommt, obwohl er ohne mit den Wimpern zu zucken Erschießungen und Folterungen anordnet. Obwohl klar ist, dass er Kominek in erster Linie als privates Spielzeug hält, um sich immer wieder selbst als ach so großer Boxer zu bestätigen. Trotzdem scheint immer wieder der Mensch (oder vielmehr auch der Typ Manfred Krug, wie wir ihn als TV-Figur kennen) unter der Uniform hervor. Einer, der sich unter anderen Umständen vielleicht tatsächlich mit Kominek hätte befreunden können. Der aber jetzt, mit Uniform und Macht versehen, sich in der Rolle des „Übermenschen“ gefällt. Ebenso ambivalent ist der Deutsch-Slowake Willie gezeigt. Der einerseits scheinbar aufrichtige Sympathien für Kominek hegt, freundlich und lustig daher kommt, ihn aber auch gleichzeitig für seine eigenen Zwecke skrupellos ausnutzt und ihn immer wieder in seine „Schranken“ weißt. Allein Gerhard Rachold als Holder, der typischer intriganter Karriere-Nazi und Józef Kondrat als gütig-verschmitzter polnischer Boxlehrer sind eindeutiger den Seiten Gut und Böse zuzuordnen.

Der slowakische Schauspieler Štefan Kvietik ist das heftig pochende Herz des Filmes. Kvietiks ausdrucksstarkes Gesicht, welches tatsächlich einem Boxer gehören könnte, spiegelt gleichzeitig Verzweiflung und Hoffnung, Resignation und Wut, Furcht und Mut. Sein Kominek wird zunächst getrieben von dem bloßen Impuls zu überleben. Später, wenn er zu Kräften kommt, scheint er förmlich zu erwachen. Mit der Kraft kehrt auch der Tatendrang zurück. Doch immer wieder wird er von der Angst niedergedrückt. Er weiß, er könnte Kraft jederzeit besiegen – trotzdem fügt er sich seinem Schicksal und geht klaglos auf die Matte. Gleichzeitig versucht er im Kleinen etwas zu ändern, wohl wissend, dass seine Möglichkeiten sehr begrenzt sind. Immer wieder versucht er schüchtern in gebrochenen Deutsch so etwas wie eine Beziehung zu Kraft aufzubauen, um diesen ebenso zu nutzen, wie Kraft ihn nutzt. Sich als Individuum und nicht nur als „Fliege“ bemerkbar zu machen. Diese Annäherung fängt Solan in seinem Film sensibel ein. Letztendlich weiß Kominek, dass er nur Überleben kann, wenn er es schafft, dass Kraft ihn als seelenverwandten Sportler in seinen von pathetischen Sportsgeist (Fluchtversuche und Widerstand straft Kraft als „Fouls“ mit tödlichen Konsequenzen ab) und verklärter Boxer-Romantik triefenden Weltsicht wahrnimmt. Nie würde Kominek Kraft als „Freund“ bezeichnen und er weiß auch, dass Kraft ihn nie als Freund, wohl aber als „Sportkameraden“ ansehen würde. Und dass jeder Schritt, jedes Wort, jeder Schlag Kraft dazu bringen kann, Kominek fallenzulassen. Wie Kominek vorsichtig versucht Kraft zu manipulieren, und dabei seinen eigenen Stolz, sein eigenes Grauen, sein eigenes Leid herunterschluckt, liest sich eindrucksvoll in Štefan Kvietik subtilere Darstellung.

Wieder einmal hat Bildstörung eine absolute Referenzveröffentlichung vorgelegt. Das schwarz-weiße Bild ist gestochen scharf und klar. Der Ton sauber und sehr klar. Im Film wird Deutsch, Slowakisch und Polnisch gesprochen, wobei die slowakischen und polnischen Dialoge deutsch untertitelt werden. Neben der Blu-Ray mit dem Film ist noch eine DVD beigegeben, die randvoll mit fast zwei Stunden an Extras steckt. Den Hauptanteil macht hier ein einstündiges Interview mit Regisseur Peter Solan aus, welches kurz vor seinem Tod im Jahr 2013 aufgenommen wurde. „Die Woche im Film“ ist ein zeitgenössisches Werbe-Featurette. Solans unter die Haut gehender achtminütiger Kurzfilm „Deutschdorf“ aus dem Jahr 1974 zeigt Handkamera-Aufnahmen von Wiesen an einer Autobahn, unterlegt mit Schilderungen der hier stattgefundenen von Tötungen Unschuldiger aus der Perspektive der Täter. In einem 10-minütigen Feature doziert der aus Bratislava stammende Filmwissenschaftler Martin Kaňuch darüber, wie „Der Boxer und der Tod“ den slowakischen Film in den 60er Jahren verändert hat. Sehr gut hat mir ein weiteres, 24-minütiges filmhistorisches Feature gefallen, in dem Olaf Möller (dem ich sowieso stundenlang zuhören könnte) „Der Boxer und der Tod“ und dessen Wirkung analysiert seine und dabei noch einmal die Qualitäten seines Regisseurs herausstellt. Sehr schön fand ich ferner, dass das umfangreiche, 20-seitige Booklet nicht die Inhalte der beiden Features variiert, sondern einen ganz anderen Weg geht. Hier widmet sich der Sportjournalist Martin Krauss dem heute kaum bekannten Themas „Sport in Konzentrationslagern“. Dieses ist mitnichten eine Erfindung solcher Filme wie „Flucht oder Sieg“ oder eben „Der Boxer und der Tod“, sondern ein ganz reales Kapitel der grauenvollen Geschichte der KZs. Er schreibt hier auch nicht nur über Tadeusz Pietrzykowski, auf dessen Leben „Der Boxer und der Tod“ basiert, sondern auch viele andere Boxer, die ein ganz ähnliches Schicksal erlitten. Für uns Bremer dabei besonders interessant das Schicksal von Rukeli „Gipsy“ Trollmanns, dessen Leidensgeschichte der Bremer Filmemacher Eike Besuden als Doku-Drama verfilmt hat.

Blu-ray-Rezension: „Marketa Lazarova“

Von , 22. April 2017 13:49

Vater Kozlík (Josef Kemr) sendet seine Söhne Mikolás (František Velecký) und den einarmigen Adam (Ivan Palúch) aus, um Reisende auszurauben. Eines Tages stoßen sie dabei auf eine Gruppe Deutscher. Sie töten fast alle, aber ein Mann kann entkommen. Mikolás nimmt dessen Sohn (Vlastimil Harapes) und einen Diener als Geisel. Es stellt sich aber heraus, dass der Geflüchtete ein sächsischer Adeliger war, der zum Bischof von Hennau gemacht werden sollte und ein sehr enger Verbündeter des Königs ist. Dieser bestellt Kozlík an seinen Hof, wo Kozlík gefangengenommen werden soll. Es gelingt ihm allerdings – verfolgt von den Soldaten des Königs unter Hauptmann Pivo (Zdenek Kryzánek)- zu fliehen. Um sich gegen Pivos Truppe wehren zu können, schickt Kozlík seinen Sohn Mikolás zu seinem Nachbarn Lazar (Michal Kozuch), um diesen zu zwingen, gemeinsam mit ihm gegen Pivo zu kämpfen. Als Lazar sich weigert, entführt und vergewaltigt Mikolás dessen Lazars Tochter Marketa (Magda Vásáryová), die gerade einem Kloster beitreten wollte…

Wenn die Blu-ray von „Marketa Lazarova“ nach 165 Minuten zu Ende ist, fühlt man sich erschlagen, erschöpft, glücklich und zugleich traurig. Traurig, weil man diesen mächtigen Bilderhammer nicht auf der großen Leinwand gesehen hat, wo er sicherlich noch einmal eine ganz andere faszinierende Sogwirkung als auf dem Fernseher Zuhause entwickelt. Selbst wenn die vom tschechischen Filminstitut durchgeführte Restaurierung – welche die Grundlage der Bildstörung-Blu-ray bildet – überaus gelungen ist. Aber ein visuell – und auch auditiv – derartig überwältigender Film gehört nun einmal auf die ganz große Leinwand. 1967 in die Kinos gekommen, nach 548 Drehtage und eine Verdoppelung der veranschlagten Produktionskosten, erscheint „Market Lazarova“ seiner Zeit weit, weit voraus. Nur vergleichbar mit Andrej Tarkowskis nahezu zeitgleich entstanden „Andrej Rubljow“ und dem ebenfalls kürzlich von Bildstörung veröffentlichten „Es ist schwer ein Gott zu sein“ von Aleksey German aus dem Jahre 2013. Der studierte Kunsthistoriker Frantisek Vlácil hat mit „Marketa Lazarova“ ein ebenso brutal-authentisches, wie poetisch-surreales Mittelalter erschaffen, in dem seine Geschichte um zwei verfeindete Clans und die Rache des Königs ebenso zielsicher, aber eben auch schwankend auf einer dünnen Linie zwischen ungeschönten, hässlichen Realismus und traumhafter Magie, Grausamkeit und Zärtlichkeit, Dreck und strahlender Schönheit, heidnischen Ritualen und einem rigiden Christentum balanciert.

Auf ihr Skelett heruntergedampft, ist die Geschichte von „Marketa Lazarova“ relativ simpel zu verstehen. Doch Frantisek Vlácil nutzt sie für eine Meditation über das Erzählen von Geschichten und für die Rekonstruktion einer uns so fremden Zeit, aus der es kaum Überlieferungen gibt. Vlácil erschafft sein ganz eigenes 13. Jahrhundert, in welchem sich der Zuschauer ebenso fremd fühlt, wie auf einem ferneren Planeten – und doch zugleich auch irgendwie vertraut. Im geht es da ähnlich dem Protagonisten aus Aleksey Germans „Es ist schwer ein Gott zu sein“. Gleichzeitig löst Vlácil die Einheit von Raum und Zeit, Realität und Vorstellung auf. Man sieht Szenen, deren Bedeutung erst sehr viel später aufgelöst werden. Von denen man nicht weiß, wann und wo sie stattfinden. Ist es eine Erinnerung? Passiert es jetzt? Oder ist es ein Vorgriff auf das, was noch passieren wird? An einigen Stellen lässt Vlácil wichtige Teile der Geschichte einfach weg und lässt sie erst viel später von einer Figur nacherzählen. Oder er illustriert Gedanke und Geschichten so, als würden sie genau jetzt tatsächlich geschehen. Der alte Lazar spricht zu dem jungen Mikolás über seine Tochter Marketa (die wir bis dahin noch nicht gesehen haben). Davon, wie rein sie ist, und dass er sie den Nonnen versprochen hat. Gleichzeitig bebildert Vlácil dies mit einer Gruppe schwarzgekleideter Nonnen, die sich einen Hügel hinauf schlängeln, jede eine weiße Taube in der Hand – und der jungen Marketa, die eine dieser Tauben vor ihrer halb entblößten Brust hält. Dann ist diese Vision auch wieder vorbei. War sie eine Erinnerung Lazars? Oder sahen wir die Bilder, die dessen Worte in Mikolás Kopf hervorgerufen haben. Immer wieder kommt es zu solchen Szenen. Frantisek Vlácil agiert selber wie der alter Erzähler, dessen Stimme am Anfang verkündet, es sei nun besser, am Feuer zu sitzen und sich an Geschichten von früher zu erinnern. Und so erzählt Vlácil die Ballade (oder Rhapsodie, wie der Vorspann ankündigt) von Marekta Lazarova dann auch. Hier vergisst er etwas, dort holt er etwas vor, was ihm gerade in den Kopf gekommen ist, dort fügt er etwas an, was er zuvor zu erwähnen vergessen hatte. Und immer wieder vermischt sich die Erzählung mit dem, was der Erzähler falsch erinnert, dazu dichtet oder bewusst mythisch auflädt.

Dieses „Erzählen“ wird auch in der Tonspur hervorgehoben. Die Dialoge sind mit einem unnatürlich Hall versehen. Dies erinnert an Dokumentarfilme, die stumm aufgenommen wurden, und dann der omnipräsente, gottgleiche Erzähler die somit unhörbaren Dialoge wiedergibt. Auch hier hat man den Eindruck, die Sätze würde von jemand anderen nachgesprochen, nicht den handelnden Personen deren Bilder man über die Jahrhunderte hinweg sieht. Einmal greift der Erzähler sogar ins Geschehen ein und hält Zwiesprache mit dem Bettelmönch, der wie der Zuschauer mit großen Augen durch diese Welt voller Versehrter, Gewalt und Grausamkeit taumelt. An wen sonst, sollte sich der Allwissende, der dort aus seiner himmlischen Position heraus das Treiben beobachtet, auch sonst wenden?

Die Figur des Mönches nimmt eine Stellvertreterrolle für den Zuschauer ein. In seiner passive Position des Beobachters wird er wie dieser von den Ereignissen überrollt und in eine Welt hineingezogen, die nicht die seine ist. Doch der Mönch ist gleichzeitig eine ebenso fremdartige, ja primitive – sich der Moral der modernen Zeiten verweigernde Figur, wie das restliche Personal dieses Films. Sei es der einarmige Adam, der eine inzestuöse Beziehung mit seiner Schwester hatte. Oder eben jene Schwester, die sich heidnischen Ritualen hingibt. Oder Nebenfiguren wie der Geistliche aus Deutschland, der nur Hass und Vernichtung kennt. Und unser gutherziger, naiver Mönch? Der wiederum pflegt eine intensive Beziehung mit einem Schaf, die weit über das hinausgeht, was gesellschaftlich akzeptabel ist. Auch Marketa selber ist keine gänzlich reine, engelsgleiche Figur. Als sie von Mikolás einführt und vergewaltigt wird, verliebt sie sich in ihren Peiniger und geht freiwillig ein Abhängigkeitsverhältnis mit ihm ein. Gespiegelt wird dies in dem Verhältnis des jungen deutschen Adeligen (der eigentlich zum Bischof gemacht werden sollte). Auch dieser wird vom Clan der Kozlík entführt und verliebt sich seinerseits in die starke, unabhängige Heidin Alexandra. In diesem Film strebt jeder entweder nach Macht über die anderen oder unterwirft sich sexuell und gefühlsmäßig dem Stärkeren. In dieser Welt benehmen sich die Menschen wie die Wölfe, die in „Marketa Lazarova“ allgegenwärtig durch die Landschaft streifen.

Die Ungewöhnlichkeit mit der Frantisek Vlácil seine Geschichte erzählt, schlägt sich auch in der Kameraarbeit und dem Sounddesign nieder. Man mag kaum glauben, dass der Film Mitte der 60er Jahre entstand und er muss teilweise wie ein Schock auf das damalige Kinopublikum gewirkt haben. Mal schwebt die Kamera (geführt von Bedrich Batka) über den Geschehen und fängt die landschaftlichen Panoramen in atemberaubenden Gemälden ein, dann folgt die Handkamera ganz nah den Figuren, klebt förmlich an ihnen und ihren Gesichtern. Ein anderes Mal nimmt sie ganz den Blick eines der Handelnden ein, und der Zuschauer reist in dessen Kopf durch das 13. Jahrhundert. Hier überirdisch schöne Bilder, elegante Kamerafahrten – dort hässlicher Realismus voller Dreck und Blut. Gleichzeitig sorgt die mit Chören und elektronischen Klängen durchsetzter Filmmusik von Zdenek Liska gemeinsam mit dem grandiosen Sounddesign dafür, dass der Zuschauer einerseits mitgerissen, ihm dann aber auch immer wieder der Boden unter den Füssen weggezogen wird. So entsteht eine permanent (alb)traumhafte Atmosphäre. Nicht zu vergessen, die detailreichen, authentischen Kulissen und die Kostüme, auf die Vlácil seine höchste Aufmerksamkeit legte. Intensiv setzte sich Vlácil im Vorfeld mit dem Leben im Mittelalter auseinander, dem Waffengebrauch und dem Alltagsleben. Er ging sogar soweit, mit Cast und Crew für zwei Jahre in den Böhmerwald zu ziehen, und während dieser Zeit selbst zu leben wie im 13. Jahrhundert. Der hohe Aufwand hat sich gelohnt. „Marketa Lazarova“ wurde völlig zurecht zweimal (1994 und 1998) von tschechischen Journalisten und Filmkritikern zum besten tschechoslowakischen Film aller Zeiten gewählt.

Dank des vorzüglichen Filmlabels „Bildstörung“, welches mit Fug und Recht als deutsche Antwort auf das amerikanische Criterion oder das englische Masters of Cinema bezeichnet werden kann, hat Frantisek Vlácils Meisterwerk „Marketa Lazarova“ nicht nur nach 50 Jahren endlich einen deutschen Kinostart verschafft, sondern auch in einer wieder einmal vorbildlichen Blu-ray-Edition veröffentlicht, welche keine Wünsche offen lässt und das cinephile Herz höher schlagen lässt. Das vom tschechischen Filmarchiv brillant restauriert Bild der Blu-ray ist ein Fest für die Augen. Der Ton (tschechisch mit ausblendbaren deutschen Untertiteln) zunächst gewöhnungsbedürftig, aber dies war – wie oben beschrieben – auch die Intention des Filmemachers. Auf einer weiteren Tonspur befindet sich ein filmbegleitendes Gespräch mit Olaf Möller. Der Edition liegt noch eine DVD bei, auf der sich reichhaltiges und interessantes Bonus-Material befindet. „Der schicksalhafte Rausch des František Vlácil“ von 2003 ist ein 50minütiges Portrait über den 1999 verstorbenen Regisseur, welches für das tschechische Fernsehen produziert wurde. Für jenes wurde auch 1995 das viertelstündige „Das Leben des František Vlácil“ und das 20-minütige „Im Netz der Zeit“ produziert. In beiden Featurettes kommt Vlácil selber ausführlich zu Wort. Man lernt in diesen drei Dokumentationen viel über den nicht immer einfachen František Vlácil und die Entstehung seines berühmtesten Werkes „Marketa Lazarova“. Vor allem machen die hier zu sehenden Ausschnitte aus seinen weiteren Filmen eine unbändige Lust drauf, sich weiter mit dem Werk dieses hierzulande viel zu unbekannten Filmemachers zu beschäftigen, und sich auf die Suche nach Filmen wie „Die weiße Taube“ oder „Valley of the Bees“ zu machen. Des weiteren findet man auf der Bonus-DVD noch Interviews mit der Filmjournalistin Zdena Škapová (14 Min.), dem Kunsthistoriker Jan Royt (12 Min.) und dem Restaurationsleiter Ivo Marák (9 Min.). Eine Storyboard-Galerie und das unbedingt lesenswerte 24-seitiges Booklet mit einem Text von Marc Vetter („Marketa Lazarová oder die Zeit der Wölfe“), welcher sich mit der Vorlage, den Produktionsbedingungen und František Vlácil beschäftigt, runden diese schöne Veröffentlichung ab. Bitte noch viel mehr davon!

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