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DVD-Rezension: “Blade of the Immortal”

Von , 27. Januar 2018 14:51

Einst erhielt der Ronin Manji (Takuya Kimura) nach einem gewaltigen Blutbad von der 800 Jahre alten Nonne Yaobikuni „Blutwürmer“, die ihm unsterblich machen und dafür sorgen, dass selbst abgetrennt Gliedmaßen wieder anwachsen. Nach 52 Jahren unsterblichen Daseins ist Manji des Lebens müde. Da bittet ihn die junge Rin Asano (Hana Sugisaki) um Hilfe. Ihr Vater wurde ermordet und ihre Mutter entführt. Nun will sie Rache. Rin ist Manjis kleinen Schwester, die einst durch seine Schuld ums Leben kam, wie aus dem Gesicht geschnitten. So lässt sich Manji widerwillig auf den Auftrag ein. Die Mörder von Rins Vater sind die Mitglieder der Ittō-ryū-Schule unter ihrem Anführer Kagehisa Anotsu (Sōta Fukushi). Bald schon kommt es zur ersten blutigen Konfrontation…

Blade of the Immortal“ ist der 100. Film der großen Wundertüte Takashi Miike. Dieser Jubiläumsfilm gehört sicherlich nicht so zu einen Besten, gibt aber ein gutes Beispiel dafür ab, was man von Miike in seiner gerade mal 25-jährigen Karriere (das ergibt einen Durchschnitt von unglaublichen vier Filmen pro Jahr) erwarten kann. Wie sein ganzes Werk, welches von ernsthaften Dramen zu cartoonhaften Yakuza-Filmen voller überzogener Gewalt, von Kinderfilmen bis zu quietschbunten Computerspiel-Verfilmungen reicht, ist „Blade of the Immortal“ voller Wendungen, was Ton und Erwartung angeht. Das beginnt schon mit seinem Helden, dem unsterblichen Samurai Manji, der in der furiosen, in schwarz-weiß gehaltenen Eröffnungssequenz wie ein Mähdrescher durch die schier endlosen Reihen seiner Gegner pflügt. Später scheint Manji nicht mehr die Notwenigkeit in seiner Kunstfertigkeit zu sehen. Seine Gegner sind ihm allesamt haushoch überlegen und werden von ihm nur besiegt – ja weil er eben unsterblich ist. Eine große Müdigkeit und Egal-Stimmung durchzieht diese Kämpfe. Manji weiß ja, dass er gewinnen wird. Wozu also noch anstrengen? Vielleicht sieht „100-Filme-Mann“ Miike in dem „100-Mann-Mörder“ ja so etwas wie ein Alter-Ego, denn auch Miike kann heutzutage im Schlaf einen typischen „Miike“ inszenieren. Was er, wenn man einen genaueren Blick auf seinen riesigen Output wirf, manchmal vielleicht auch tut. Doch solange immer noch solche Meisterwerke wie beispielsweise „Audition“, „Gozu“, „Big Bang Love, Juvenile A“ oder auch „Hara-Kiri“ (die alle vier nicht unterschiedlicher sein könnten) dabei herauskommen, weiß man, dass die Flamme der Leidenschaft in Miike noch immer lodert und er mit der richtigen Motivation immer wieder Großes zu leisten im Stande ist.

Ähnlich wie bei Manji. Erst der Auftrag eines kleinen Mädchens, welches ihn an seine Schwester erinnert und an ein Trauma, dem er nicht entkommen kann, sorgen dafür, dass er sich wieder in den Kampf schleppt. Seine Unsterblichkeit hat ihn müde werden lassen. Sein unendliches Leben sorgt bei ihm vor allem für Zynismus.Natürlich ist das junge Mädchen seiner vor 50 Jahren ermordeten Schwester wie aus dem Gesicht geschnitten. Anders wäre es wohl kaum möglich gewesen, Manji noch einmal zu motivieren, einen Auftrag zu übernehmen. Doch so wird er noch einmal in einen epischen Konflikt geworfen und bekommt es mit allerlei skurrilen Gegnern zu tun. Während die Geschichte um Manji, trotz des Unsterblichkeits-Kniffs relativ klassisch daherkommt, so atmen die Bösewichter doch durch und durch den Atem einer Comic-Vorlage. Der erste Gegner führt die Köpfe seiner Opfer auf den Schultern spazieren und versteckt sein missgestaltetes Gesicht hinter einer Samurai-Maske. Der Zweite trägt eben jene „Stachel“-Frisur, die so vielen Manga-Figuren zu eigen ist – was einmal mit dem Spitznamen „Igel“ quittiert wird. Und auch die weiteren Antagonisten scheinen direkt aus den Seiten des zugrundeliegenden Mangas gefallen sein. Was Miike die Gelegenheit gibt, in „Blade of the Immortal“ seinen – wenn hier auch eher gedämpften – irrwitzigen Exzessen zu frönen und weniger einen klassischen Samuari-Film ala Kurosawa zu inszenieren.

Eine besondere Figur ist die des Gegenspielers Kagehisa Anotsu. Eine leicht androgyne Figur mit zu schönen Gesichtszügen, um wahr zu sein. Anotsu ist beseelt von einer Mission. Jener nämlich, alle Kampfschulen zu vereinigen. Dummerweise lässt er ein „Nein“ nicht gelten und wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn und damit dem Tode geweiht. Dabei wird Anotsu aber nicht komplett negativ gezeichnet. Er ist kein Irrer, der laut krakeelend und augenrollend seine Feinde kurz und klein macht. Auch kein düsterer Grübler. Im Grunde ist Anotsu die Antithese zu seinen Untergebenen, mit denen es Manji zunächst zu tun bekommt. Wenn er argumentiert wirkt er zunächst einmal ganz vernünftig, und er besitzt auch ein großes, sanftes Charisma, welches die Menschen für ihn einnehmen könnte. Aber gerade dadurch ist er so gefährlich. Denn er ist ein Dogmatiker. Jemand, der sich zum Führer berufen fühlt und keine zweite Meinung gelten lässt. Der ohne Skrupel über Leichen geht, um sein „heiliges“ und damit für ihn gerechtes Ziel zu erreichen. Aber auch jemand, der von einer besseren Welt träumt. Wobei für ihn kein Zweifel daran besteht, was die „bessere“ Welt ist. Wer denkt da nicht an gewisse religiöse Führer, die unter dem Vorwand der „gerechten Sache“ Terror verbreiten. „Kamen Rider“-Star Sōta Fukushi spielt diesen Kagehisa Anotsu mit minimalen Aufwand, aber größter Effektivität. Und er bildet einen Gegenpol zu Manji, der schon lange nicht mehr träumt und dessen einzige Vision darin besteht, endlich seinen Frieden zu finden. Manji will kein Führer sein. Weder für eine Idee, noch für einen anderen Menschen kämpfen. Dass er sich am Ende von der jungen Rin Asano anheuern lässt, hat dann auch mehr mit einem schlechten Gewissen und der Hoffnung zu tun, dass er so den Tod seiner Schwester irgendwie sühnen kann – und vielleicht am Ende endlich Erlösung findet.

Takashi Miikes 100. Film mag nicht sein Bester sein, aber ein hübsche Zusammenfassung seiner bisherigen Karriere. Der mit 136 Minuten und seinem epischen Finale vielleicht etwas zu lang geratener Film, wartet mit eben jenen Überraschungen und – wenn auch hier etwas dezenter als sonst – irrwitzigen Überzeichnungen auf, die für einen Miike-Film typisch sind.

Die Ascot Elite DVD hat ein durchschnittlich gutes Bild. Vordergrunde sind scharf, aber Hintergründe oder Totale wirken ganz leicht pixelig und dadurch ein wenig unscharf. Der Ton ist ausgezeichnet, wobei der japanische Ton realistischer wirkt. In der nicht vollständig überzeugenden deutschen Synchronisation erscheinen die Dialoge etwas zu sehr in den Vordergrund gemischt. Zudem wirken in der Synchronisation einige Figuren stimmlich zu alt, andere zu jung. Bonusmaterial gibt es auf dieser DVD – bis auf den Trailer – leider keins. Hier müsste man auf die deutlich teurre Blu-ray im Steelbook zurückgreifen, die ein fast zwei-stündiges „Making Of“ enthalten soll. Im Menü wird man mit dem extrem nervigen Pop-Rock-Song aus dem Abspann gequält.

DVD-Rezension: „Yakuza Apocalypse“

Von , 17. März 2016 17:10

yakuza-apocalypseKamiura (Lily Frankie) ist das Oberhaupt einer Yakuza-Bande, die in ihrer Stadt nicht nur das Verbrechen kontrolliert, sondern auch dafür sorgt, dass Recht und Ordnung unter den Bewohnern herrschen. Doch Kamiura hat ein finsteres Geheimnis: Er ist ein Yakuza-Vampir. Als Kamiura von dem Martial-Arts-Killer Mad Dog (Yayan Ruhian) enthauptet wird, kann Kamiuras körperloser Kopf noch seinen treuen Gefolgsmann Kagayama (Hayato Ichihara) beißen und ihn ebenfalls in einen Yakuza-Vampir verwandeln. Für Kagayama heißt es nun Rache an den Hintermännern der ruchlosen Tat zu nehmen…

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Der häufigste Vorwurf, der „Yakuza Apocalypse“ gemacht wird, ist jener, dass sein Regisseur Takashi Miike in seiner Unvorhersehbarkeit vorhersehbar geworden sei. Zwar klingt dies wie ein schwarzer Schimmel, aber muss zugeben, dass hierin auch ein Körnchen Wahrheit stecht. Aber man muss die „vorhersehbare Unvorhersehbarkeit“ auch differenziert sehen. Natürlich macht Miike noch immer die Filme, die ihn berühmt gemacht haben. Bunte Spektakel, mal blutig, mal spaßig, bei denen sich der Wahnsinn übereinander türmt und die skurrilen Einfälle Programm sind. Daher ist die eigentliche „Unvorhersehbarkeit“ eher seine leisen, ernsten Filme, die ganz ohne die als typisch geltenden Miike-Zutaten auskommen. Wie beispielsweise sein schönes Remake „Harakiri“. Zwischendrin streut Miike auch immer mal wieder Kinderfilme oder Videospielverfilmungen ein.

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Mittlerweile ist Miike – dieser unvorstellbar produktive Filmemacher mit den 1.000 Gesichtern – im Mainstream angekommen, wo er sich mit den ganz großen Verrücktheiten etwas zurückhält, aber auch nicht vollständig drauf verzichtet. Man könnte seine Entwicklung mit der von John Waters vergleichen, der ja nach seinen wilden Underground-Anfängen irgendwann auch bei „Serial Mom“ gelandet ist – und trotz des großen Studios im Rücken und dem Verzicht auf die ganz großen Geschmacklosigkeiten – noch immer seinen ganz eigenen Stil pflegt. Und so wie Waters 2004 mit „A Dirty Shame“ zu seinen Ursprüngen zurück gekehrt ist, ohne das Mainstream-Publikum zu sehr vor den Kopf zu schlagen, so sieht auch Miike sein „Yakuza Apocalypse“ als eine Reise in die Zeit, in der er mit geringem Budget durchgeknallte Direct-to-video-Produktionen inszenierte. Und wie im Falle „A Dirty Shame“ ist es natürlich keine „echte“ Rückkehr. Dazu hat sich Miike in den Jahren viel zu sehr weiter entwickelt und der Film sieht im Vergleich zum dreckigen Beginn auch viel zu gut aus.

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Aber dies muss ja kein Nachteil sein. Für „Yakuza Apocalypse“ greift Miike wieder tief in die Wundertüte und präsentiert dem staunenden Zuschauer nicht nur Yakuza-Vampire, einen waschechten Kappa (ein japanisches Fabelwesen, welches sich von Gurken ernährt und einer Schildkröte ähnelt – sieht hierzu auch „Underwater Love“), sondern auch einen Kung-Fu-kämpfenden Killerfrosch im Kermit-Kostüm. Wenn man aufgrund dieser Zutaten glauben sollte „Yakuza Apocalypse“ sei eine durchgeknallte Klamotte, so kennt man Miike schlecht. Dieser zieht seine Story sehr ernsthaft und ohne allzu offenkundigen Klamauk durch. Dies ergibt einen wunderbaren Verfremdungseffekt, denn so lächerlich der Killer-Kermit auch auf den Zuschauer wirkt, seine Taten sind es nicht. Dieser Frosch versteht keinen Spaß und wäre in der Tat ein angsteinflößender Gegner, wenn nicht das blöde Kostüm wäre, welches aber auch von keinem der Handelnden thematisiert wird. Aber in einer Welt, in der es vor Yakuza-Vampiren wimmelt und bösartige Kappa-Gangster existieren, ist auch ein riesiger Frottee-Frosch nun einmal nichts Außergewöhnliches. So hat Miike einen relativ straighten Yakuza-Film inszeniert, bei dem seine wahnwitzigen Zutaten das Genre aber durchaus kritisch kommentieren.

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So werden die Yakuza wie Nachfahren von Robin Hood und seinen lustigen Gesellen dargestellt. Gesetzeslose, die in ihrem Distrikt für Ruhe und Gerechtigkeit sorgen. Doch die Fassade täuscht natürlich, denn hinter dem freundlichen Lächeln des guten Onkel stecken Reißzähne und die normale Bevölkerung wird wortwörtlich bis aufs Blut ausgesaugt. Der merkwürdige Strickzirkel im Keller einer Bar ist zunächst putzig und skurril anzusehen, doch tatsächlich werden hier nur die Widerspenstigen ruhiggestellt und solange domestiziert, bis sie mit einem seligen Lächeln in den Tod gehen. Und der Frosch macht vor allem eines deutlich: Nicht alles was putzig aussieht, ist auch harmlos. Don’t judge a book by it’s cover. Dies gilt für Wesen in riesigen Kermit-Kostümen ebenso, wie für väterliche Yakuza oder freundlich winkende Politiker. Und dass das Gleichgewicht des eigenen ökologischen Systems empfindlich gestört wird, wenn man zu viele Zivilisten beißt und in Yakuza-Vampire verwandelt, wird auch noch einmal deutlich gemacht.

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Neben den Yakuza-Vampiren und dem Frosch-Monster fährt Miike noch eine ganze Wagenladung merkwürdiger Gestalten auf. So einen (schlecht) englisch-sprechenden Priester im Puritanerkostüm mit auf dem Rücken geschnallten Minisarg oder einen als IT-Nerd/Touristen getarnten Martial-Arts-Kämpfer. Dieser wird von Yayan Ruhian geben, der als fieser Antagonist „Mad Dog“ (hier hat er denselben Rollennamen) in Gareth Evans‘ Actionkracher „The Raid“ bekannt wurde. In „Yakuza Apocalypse“ wird sein Talent leider verschwendet, da er nur wenig von seiner akrobatischen Kunst zeigen darf. Wahrscheinlich wurde der Martial-Arts-Star Miike nur untergejubelt, um den Film etwas kommerzieller zu gestalten. Miike selber ist aber herzlich wenig an Kampfkunst interessiert, und so ist der Film dann konsequenterweise kein Martial-Arts-Spektakel. Außerdem treten auf: Junge Damen in Schulmädchenuniformen, ein kleiner Junge der zum Hulk-mäßigen Rächer mutiert, eine weibliche Yakuza-Chefin, die merkwürdigen Schleim aus ihrem Ohr holt und dann aus jenem ständig Wasserfontänen verschießt, sowie eine wundervoll Kaijun-Hommage. Manchmal wird einem die Ansammlung von verqueren Elementen allerdings fast schon zu viel. Man hat dann den Verdacht, Miike wollte sich ein wenig zu angestrengt seinen Anfängen näheren. Andererseits entdeckt man zwischen all dem Irrsinn aber auch das Augenzwinkern, mit dem sich Miike seiner alten „Markenzeichen“ bedient.

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Takashi Miike kehrt mit „Yakuza Apocalypse“ zu den Filmen zurück, die ihn berühmt gemacht haben und türmt Irrsinn und Wahnwitz übereinander. Seine Stärken spielt „Yakuza Apocalypse“ aber vor allem in den ruhigeren Szenen und in der kritischen Sezierung des Genres des Yakuza-Filmes aus. Vor allem macht er aber auch jenseits aller Doppelbödigkeit eine Menge Spaß.

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Die Koch-Media-DVD zeichnet sich durch ein sehr gutes und klares Bild aus. Der japanische Originalton ist kräftig und mit gut lesbaren, zuschaltbaren Untertiteln ausgestattet. Die deutsche Synchronisation ist zweckmäßig, und kann die spezielle Dynamik der japanischen Sprache wieder einmal nicht wiedergeben. Im Bonus-Bereich befindet sich ein höchst interessantes Making-Of welches mit 62 Minuten auch äußerst üppig ausgefallen ist. Hier werden Interviews mit Behind-the-Scenes-Aufnahmen gemischt und Takashi Miike berichtet über seinen Werdegang als Regisseur.

DVD-Rezension: “Phoenix Wright – Ace Attorney”

Von , 12. Juni 2013 17:36

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In der Zukunft werden in Japan Gerichtsverfahren in nur drei Tagen durchgeführt. In dieser Zeit müssen sich Staatsanwalt und Verteidiger im Gerichtsstand duellieren, danach fällt der Richter sein Urteil. Als die Rechtsanwältin Mia Fey (Rei Dan) ermordet wird, übernimmt ihr Junior-Partner Phoenix Wright (Hiroki Narimiya) die Verteidigung ihrer jüngeren Schwester Maya Fey (Mirei Kiritani), die der Tat verdächtigt wird. Dabei kommt es zum Duell mit seinem einstigen Schulkameraden und jetzigen Staatsanwalt Miles Edgeworth (Takumi Saito), der bisher noch nie einen Fall verloren hat. Entgegen aller Erwartungen gelingt es Phoenix, den jungen Staatsanwalt zu besiegen, doch bereits sein nächster Fall entpuppt sich als dicke Überraschung.

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Takashi Miike bleibt eine Wundertüte. Nachdem er mit dem ruhigen und tragisch-ernsthaften „Hara-Kiri – Tod eines Samurai“ im letzten Jahr die Filmfestspiele in Cannes eröffnen durfte, beweist er nun mit einer bunten Videospiel-Verfilmung, dass er sich partout nicht auf ein bestimmtes Genre oder einen bestimmten Stil festlegen lässt. Die Zeiten, in denen er mit einem lächerlichen Budget gewagte Underground-Filme produzierte oder aufgrund expliziter Gewaltdarstellungen Grenzen überschritt, sind allerdings vorbei, denn er ist mittlerweile im hochbudgetierten Mainstream angekommen. Trotzdem gelingt es ihm auch immer wieder, eine gute Portion Wahnwitz in seine Filme zu schmuggeln. Und langweilig wird es bei ihm auch nur sehr selten.

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So unterhält auch sein neustes Werk, „Phoenix Wright, Ace Attorney“, das vergnügungshungrige Publikum bestens. Anspruch und Ernsthaftigkeit, wie sie einen Großteil von Miikes Werk durchaus auszeichnet, sollte man hier allerdings nicht suchen. Miike tut genau das, was bei ihm in Auftrag gegeben wurde: Er verwandelt ein Computerspiel in einen Film und lässt Pixelfiguren in Fleisch und Blut auferstehen. Oder – wenn man boshaft sein möchte – verwandelt seine Darsteller in Pixel. So sind dann auch Make-Up und Kostüme beinahe die Hauptattraktionen dieses Filmes. Zeitweise glaubt man gar, es hier tatsächlich mit animierten Figuren und nicht mit Schauspielern zu tun zu haben. Auch auf die Ausstattung und Kulisse wurde viel Wert gelegt. „Ace Attorney“ spielt zu keiner Zeit in der realen Welt, sondern ist fest im Kosmos der Spiele verwurzelt.

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Da mir das zugrundeliegende Videospiel nicht bekannt ist, kann ich keine Vergleiche ziehen. Man liest aber allerorten, dass die Umsetzung sehr nahe am Spiel sein soll, welches zwischen 2002 und 2011 erschien, Teil der japanischen Popkultur wurde und auch im Ausland erfolgreich verkauft wurde. Für die internationale Fassung wurden dann auch die Namen der Protagonisten anglisiert. So wurde aus Naruhodō Ryūichi Phoenix Wright, aus Mitsurugi Reiji wurde Miles Edgeworth und Detective Itonokogiri Keisuke heißt dort Dick Gumshoe. Diese Namensgebung behält auch die deutsche Fassung des Filmes bei, was in den Extras zu Verwirrungen führen kann, da hier konsequent nur die japanischen Namen verwendet werden.

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Die spektakulären Duelle vor Gericht, werden von Miike im Stile eines Kung-Fu-Kampfs inszeniert. Da bewerfen sich die Kontrahenten mit überdimensionalen Hologrammen, auf welchen die Indizien zu sehen sind. Und ihre „Einspruch“-Rufe klingen wie Kampfschreie. Und wird einer der Anwälte förmlich von belastenden Beweisen getroffen, geht er in die Knie. Bei einer Länge von 125 Minuten, von denen ein Großteil vor Gericht spielt, tut es dem Tempo des Filmes natürlich gut, dass die Verhandlung zu einem großen „Mortal Combat“ stilisiert wird. Trotz einiger Albernheiten, wie dem hemmungslosen Overacting des Hauptdarstellers oder dem Verhör eines Papageis, hält Miike die Zügel aber recht fest in der Hand und sorgt dafür, dass das absurde Ganze nicht plötzlich in totalen Quatsch kippt.

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Die Schauspieler haben merklich Spaß an der Sache. Und während die meisten ihre Rolle trotz aller Komödien- und wilden Videospielelementen relativ ernsthaft interpretieren, liegt ein Schwachpunkt bei Hauptdarsteller Hiroki Narimiya, der in einigen Schlüsselszenen allzu hemmungslos überzieht und wimmert. Auch Mirei Kiritan wirkt sich in der – in japanischen Unterhaltungs-Filmen leider häufig zu sehenden – „kleines, dummes und leicht hysterisches Mädchen“-Rolle nicht gut auf das Nervenkostüm des Zuschauers aus. Eine echte Zumutung ist allerdings Akiyoshi Nakao als Jugendfreund des Helden. Seine Clownerien und Manierismen stellen für die Nerven des, nicht an japanischer Komödie gestählten, europäischen Zuschauers eine echte Zerreißprobe dar.

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Miike weiß dafür zu sorgen, dass einem der Ausgang nicht völlig egal ist. Trotz aller irrealen und komödiantischen Elemente, vergisst er nicht, dass er im Grunde tatsächlich eine klassische Detektivgeschichte, voller mysteriöser Geschehnisse und unerwarteten Wendungen erzählt. Und so gelingt ihm in den meisten Teilen auch der Spagat zwischen bunt-lustiger Videospielverfilmung und spannendem Gerichts-Thriller. Da ist es beinahe schade, dass auch immer wieder übernatürliche und komödiantische Elemente überbetont werden und die durchaus nicht uninteressante Geschichte in den Hintergrund drücken. Insbesondere die Figur des nervenden Jugendfreundes Larry Butz und die mit ihm verbundenen Nebenstränge, hätte man gut und gerne weglassen können.

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Takashi Miike liefert mit „Ace Attorney“ eine gelungene Videospiel-Verfilmung ab und widersteht der Versuchung, diese mit allzu schrillen Albernheiten zu ersticken. Ausstattung und Kostüme erwecken das zugrundeliegende Spiel eindrucksvoll zum Leben. Doch auch die vertrackte Geschichte weiß recht spannend zu unterhalten, so dass trotz der langen Spielzeit von über zwei Stunden keine große Langeweile aufkommt.

Das Bild der DVD aus dem Hause Koch Media macht an einigen Stellen einen etwas blassen Eindruck. Beim  Ton kann man sich zwischen der japanischen Originaltonspur und der soliden deutschen Synchronisation entscheiden. In den Untertiteln werden die Namen der Charaktere allerdings nicht im japanischen Original belassen, sondern die englische Variante benutzt. Anders ist dies in dem halbstündigen Making-Of, in welchem konsequent die japanischen Namen benutzt werden. Das „Making Of“ selber zeigt Promo-Interviews und einige Szenen vom Dreh. Das ist aber insgesamt alles nicht besonders informativ. Dann gibt es noch ein 22-minütiges Special von diversen Filmausführungen, bei denen die Crew Rede und Antwort stand. Im Großen und Ganzen sind dies aber auch eher Werbeveranstaltungen.

DVD und BluRay kommen am 14. Juni in den Handel.

DVD-Rezension: “Hara-Kiri – Tod eines Samurai”

Von , 19. Juni 2012 22:10

Der Ronin Hanshiro bittet im Palast der mächtigen Fürsten Ii darum, Seppuku, den traditionellen japanischen Selbstmord, auch bekannt als Hara-Kiri, begehen zu dürfen. Der Verwalter des Palastes erzählt ihm daraufhin von einem jungen Samurai, Motome, der vor einiger Zeit mit der gleichen Bitte im Palast erschien. Der Verwalter vermutete, dass es sich dabei lediglich um einen Bettler handelte, denn zu dieser Zeit geschah es oft, dass herrenlose Samurai den Seppuku nur vortäuschen wollten, um im letzten Moment eine milde Gabe zu erlangen. An diesem jungen Ronin wurde daraufhin ein Exempel statuiert und man zwang ihn, sein Vorhaben durchzuführen. Unbeeindruckt von dieser Geschichte, kündigt Hanshiro an, seinen Seppuku auf jeden Fall vollenden zu wollen. Als er aber zur Tat schreiten will, stellt sich heraus, dass die Sache doch nicht so eindeutig ist, wie sie aussieht. Hanshiro verfolgt einen bestimmten Plan…

Takashi Miike ist und bleibt die große Wundertüte des internationalen Kinos. Nie kann man sich sicher sein, was der große Meister des Bizarren und Unerwarteten nun wieder aus dem Ärmel schüttelt. Das kann ultraharte Gore-Action, wie „Ichi – the Killer“, sein oder kunterbunte Kinderunterhaltung, wie „Krieg der Dämonen“. Bizarrer, David-Lynch-ähnlicher Surrealismus wie „Gozu“ oder auch mal reiner Trash wie „Full Metal Yakuza“. Dabei darf man aber nie vergessen, dass Miike auch die leisen Töne perfekt beherrscht. Sein „Birdpeople of China“ ist einer der schönsten asiatischen Spielfilme überhaupt. Und „Audition“ – sein vielleicht bekanntester Film – setzt auf leisen, subtilen und dadurch umso wirkungsvolleren Horror. Nach dem grandiosen „Big Bang Love“ ist mir Miike etwas aus den Augen geraten, trotz seines schier unglaublichen Ausstoß von bis zu 4 Filmen im Jahr. Ich hörte aber, dass sein letzter Film, „13 Assassins“, ihn endgültig auch als großen Mainstream-Regisseur in Japan etabliert hat und ein großer kommerzieller Erfolg war.

Hara-Kiri: Tod eines Samurai“ wird in Deutschland wie eine Art Fortsetzung beworben. Zumindest hat man aufgrund des Covers und der Werbung das Gefühl, es hier mit einem reinrassigen Samurai-Film und vielen stylischen Kämpfen zu tun zu haben. Weiter weg vom tatsächlichen Film kann man da allerdings gar nicht sein. Action wird in „Hara-Kiri“ ganz, ganz klein geschrieben und das ist auch gut so.

„Hara-Kiri“ ist das Remake eines japanischen Klassikers von 1962, der interessanterweise ebenso für eine Goldene Palme in Cannes nominiert war, wie das Remake ein halbes Jahrhundert später. Hier wäre ein direkter Vergleich zum Original, welches mir leider nicht bekannt ist, interessant. Denn wie ich las, gibt es hier durchaus kleine, aber deutliche Unterschiede, auch wenn die Geschichte im Großen und Ganzen identisch ist. Miike inszeniert seine Version als todtrauriges Drama. Was zunächst wie ein Mystery-Thriller daherkommt (eine geheimnisvolle Figur, deren Handlungen zunächst undurchschaubar bleiben, scheint für das Verschwinden dreier Samurai verantwortlich zu sein), wandelt sich schnell in ein bedrückendes Trauerspiel, in dem die Protagonisten unaufhaltsam ihrem tragischen Schicksal entgegen treiben. Da man von Anfang an weiß, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird, ist es bitter, die kleinen Glücksmomente mit anzuschauen, die die Familie des Ronins nur kurz genießen darf. Dann schlägt das Schicksal gnadenlos zu.

Interessanterweise sind aber auch die nominellen „Bösen“, die den jungen Motome in einen qualvollen Tod treiben, ambivalent gezeichnet. Mehr noch, scheinen sie doch durchaus im Recht zu sein. Das macht es dem Zuschauer schwer, eindeutige Hassgefühle ihnen gegenüber zu entwickeln. Es bleibt nur eine hilflose Ohnmacht gegenüber den Ereignissen.

Was seine – in früheren Jahren beinah schon zum Markenzeichen gewordenen – verrückten Ekeleffekte und überzogenen Brutalitäten angeht, so verzichtet Miike hier ganz darauf, was dem Film sehr gut tut. Scheinbar hat er gelernt, dass manchmal auch weniger mehr sein kann. Denn die Szene, in der der junge Samurai Motome mit einem stumpfen Holzschwert Hara-Kiri begeht, zeigt fast nichts. Aber sie ist von einer solch schmerzhaften Intensität, dass es fast unmöglich ist, sich diese furchtbaren Leiden anzusehen.

Wer aufgrund der vollmundigen Ankündigungen auf einen rasanten, spektakulären und blutspritzenden Endkampf gehofft hat, wir zwangsläufig enttäuscht zurückbleiben. Auch diesen Kampf inszeniert Miike, wie den ganzen Film, ganz klassisch, ritualisiert und in der Tradition alter Samurai-Filme aus den 50er und frühen 60er Jahren.

Miike gelingt ein emotional packendes, melancholisches Drama, das um Fragen wie Verantwortung und Ehre kreist. Wenn letztendlich der Begriff der Ehre hinterfragt wird und sich dieser auf ein hohles Stück Blech reduzieren lässt, wird klar, was Miike über die „edlen“ Samurai denkt. Ihr Begriff von Ehre ist genauso so hohl, wie die Blechrüstung, die im Palast des Fürsten Ii steht und eine vergangene Ära repräsentiert, die in leeren Worten und erstarrten Ritualen versinkt.

Getragen wird der Film durch exzellente schauspielerische Leistungen. Allen voran von Takenaka Naoto, der zwar etwas zu jung für seine Rolle ist, aber durch eine enorm starke Präsenz auffällt. Jetzt bleibt nur noch, gespannt abzuwarten, was Miike als nächstes aus dem Hut zaubert. Laut IMDb hat er bereits wieder vier weitere Filme abgeschlossen: U.a. einen Kinderfilm und eine PC-Game-Verfilmung.

Der Film war ursprünglich in 3D gedreht und gleichzeitig auch der erste 3D-Film, der für eine Goldene Palme in Cannes nominiert wurde. Die DVD von Ascot Elite ist natürlich in 2D, aber das macht gar nichts. Denn wüsste man nichts über seine dreidimensionale Herkunft, es würde auch nicht auffallen. Das Bild ist etwas dunkel, aber sehr scharf. Allerdings gibt es zeitweilig Probleme mit den Schwarztönen. Der Ton ist klar und gut abgemischt, die Untertitel gut lesbar. Als Extras gibt es leider nur Trailer.

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