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Blu-ray-Rezension: „Bewaffnet & Gefährlich“

Von , 30. Oktober 2019 08:55

Mario, genannt Blondie (Stefano Patrizi), Giovanni genannt Joe (Benjamin Lev) und Luigi (Max Delys) stammen aus den gehobeneren Kreisen Mailands. Als sie eines Tages die Idee haben, eine Tankstelle zu überfallen, geht Luigis Freundin Lea (Eleonora Giorgi) zur Polizei, um ihren Luigi vor Dummheiten zu retten. Der diensthabende Kommissar (Tomas Milian) geht von einem Routinefall aus, da Lea ihm verrät, dass die Jungs nur Spielzeugpistolen dabei hätten. Wie sicher herausstellt, ein tödlicher Irrtum. Vor der Tankstelle kommt es zu einem Blutbad. Ohne große Gewissensbisse machen sich die drei Freunde auf die Flucht und legen alle noch vorhandenen Skrupel ab. Eine Spur nackter Gewalt zieht sich durch Mailand…

Eine Unterart des italienischen Polizeifilms ist jene, in der Kriminelle Amok laufen. Man denke nur an Tomas Milian im unfassbaren „Der Berserker“, Helmut Berger als „Der Tollwütige“ oder Joe Dallesandro in „Die grausamen Drei“. Aber auch Jugendliche ohne Liebe und Perspektive sind immer wieder die Antagonisten in diesen Filmen. Im meisterhaften „San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen“ von Carlo Lizzani oder diesem spannenden Thriller hier.

Bewaffnet & Gefährlich“ trifft auf die drei jugendlichen Männer zu, die hier – scheinbar aus Langeweile – zunächst eine Tankstelle überfallen. Und eigentlich ist schon alles geregelt, um den drei Tunichtgut die Leviten zu lesen. Die Polizei ist alarmiert und drückt sich undercover vor dem Zielobjekt herum. Der Tankwart ist instruiert – da können die drei Flegel ruhig kommen. Leider fehlt der Polizei eine wichtige Information: Statt der durch die Informantin angekündigten Spielzeugpistolen, haben die drei echte Schießeisen am Start und machen davon auch Gebrauch. Die Folge ist ein Blutbad, wie es unnötiger nicht sein kann.

Was sind die Motive der drei Jungs? Darauf gibt der Film keine Antwort. Alle drei kommen aus gutem Hause. Geld oder das Milieu kann es also nicht sein. Sind es die Eltern, die ihre Kinder eher als lästig-notwendige Anhängsel sehen, sie alleine lassen und nicht die richtige Liebe angedeihen lassen können? Der (namenlose) Kommissar scheint dies zu glauben und zieht in einer eindringlichen diese zur Rechenschaft. Dies ist aber das einzige Mal, dass der Film offensiv irgendwelche Erklärungsansätze bietet. Der Rest läuft eher subtil ab. Wenn bei einem Überfall ein Bekannter der Drei aus einer befreundeten Gang dem schönen Mario gegenüber andeutet, dieser könne sich mehr für Jungs als für Mädchen interessieren, beantwortet dieser dessen anzügliche Geste mit einer Salve Blei in den Bauch, woraufhin endgültig alles aus dem Ruder läuft. Steckt also Marios verdrängte und von ihm selber als Makel empfundene Sexualität hinter seinen zunehmende skrupelloseren und eiskalten Gewaltausbrüchen? Das kann durchaus sein, doch warum machen Luigi und Giovanni da mit?

Zwischen Mario und Luigi scheint eine sexuell konnotierte Spannung zu herrschen. Mario ist sicherlich an Luigi interessiert. Luigi bewundert Mario sucht dessen Zuneigung und lässt sich und seine Freundin von Mario widerstandslos erniedrigen, Hauptsache er verliert nicht Marios Gunst. Luigi ist einerseits der scheinbar einzige Charakter hier, der so etwas wie ein Gewissen hat, aber auch so schwach, dass er Mario hinterher hechelt und bis auf einige halbherzige Einwürfe nichts dagegen unternimmt, seine beiden Freunde von ihrem skrupellosen Tun abzuhalten. Er schwankt zwischen Angst und dem geilen Gefühl, am Drücker zu sein und mit den Verfolgern Katz und Maus zu spielen. Er weiß, dass das alles falsch ist, aber man fragt sich unwillkürlich, ob es sich für ihn auch falsch anfühlt. Zwischen Mario und Luigi steht Lea. Mario hat ein Auge auf sie geworfen, wahrscheinlich aber, um über sie quasi als Proxy mit dem eigentlich begehrten Luigi Sex zu haben. Lea wiederum scheint von dem gut aussehenden und willensstarken Mario fasziniert, obwohl sie weiß, dass das nicht richtig ist.

Neben dieser Dreiecksbeziehung gibt es noch Giovnni. Ein nervtötender Charakter, der alles lustig findet und mit hysterischem Gelächter und dummen Sprüchen Frauen vergewaltigt und Leute erschießt. Während man bei Mario und Luigi noch der Hauch einer Motivation für ihr Handeln erahnen kann, ist Giovanni ein kaputter Soziopath. Sein permanentes Gegacker soll für ihn vielleicht eine Distanz zu zwischen ihm und seine Opfer schaffen, welche er dann gar nicht mehr als Menschen wahr nimmt. Für Mario ist er eine leicht zu manipulierende Waffe, die allerdings auch mal so losgehen kann. Benjamin Lev spielt diesen Giovanni beängstigend gut. Möglicherweise konnte sich Lev besonders gut mit einem Charakter wie Giovanno identifizieren. Wie in Extras zum Film erzählt wird, geriet er mit dem Gesetz in Konflikt, verschwand noch während der Dreharbeiten kurzerhand im Gefängnis und tauchte danach scheinbar nicht wieder auf. Zumindest findet man in der IMDb nach seiner Mitwirkung bei „Bewaffnet & Gefährlich“ keinerlei Einträge mehr, obwohl er vorher mit Nebenrollen ganz gut im Geschäft war und sogar mit Fassbinder drehte.

Auch dem schönen, aber milchgesichtigen Stefano Patrizi war leider keine große Karriere vergönnt, auch wenn er Anfang der 80er noch einige Hauptrollen in kleineren Produktionen inne hatte. Schade, denn Mario spielt er bravourös mit einer kühlen Distanziertheit, undurchschaubar und mit der richtigen Nuance Wahnsinn, die hinter der nett anzuschauenden Fassade immer kurz vor dem Ausbruch steht. Demgegenüber hat Max Delys als willensschwacher Luigi natürlich die undankbarste Rolle im Ensemble, bringt diese aber ebenfalls überzeugend rüber. Eleonora Giorgi als ist weit mehr als nur ein hübscher Blickfang, sondern verlieht ihrer eigentlich rein funktionalen Rolle Tiefe und eine Seele.

Tomas Milian agiert als namenloser Kommissar ungewohnt zurückhaltend und zeigt, dass er ein weitaus vielseitigerer Schauspieler war, als seine sonstigen Krawallrollen auf den ersten Blick vermuten lassen. Man spürt das Gewicht, welches auf den schultern des Kommissars lastet. Wie er immer wieder die falschen Entscheidungen trifft und letztendlich auch für die erste blutige Tat die Verantwortung trägt, weil er die Situation gnadenlos unterschätzt hat. Dadurch mutiert er aber nicht – wie es wohl bei Kollege Merli der Fall wäre und es eines der Cover dieses Mediabooks andeutet – zum schießwütigen „Kommissar Eisen“, sondern versucht verzweifelt das Schlimmste zu verhindern und irgendwie die Jugendlichen vor sich selbst zu schützen. Als er merkt, dass er hier schon lange versagt hat, spürt man die Trauer und den Weltschmerz hinter seiner coolen Sonnenbrille.

Die Regie von Regie-Veteran Romolo Guerrieri (Bruder von Marino Girolami und Onkel von Enzo G. Castellari und Ennio Girolami.) ist routiniert und frei von überflüssigen Kabinettstückchen. Auf den Punkt inszeniert und mit keinerlei Längen. Andere hätten aus dem Stoff sicherlich eine spektakuläre Nummernrevue gemacht. Bei Guerrieri bleibt die Handlung aber kompakt und aus einem Guss. Seine down-to-earth Inszenierung tut dem Film gut und lässt die sich zunehmend steigernden Gewaltexzesse wirklich unangenehm und schockierend erscheinen.

Der Film ist jetzt ungeschnitten (in der alten deutschen VHS-Fassung fehlten einige Handlungsszenen) bei Cineploit erschienen und das hübsche Mediabook ist wieder eine feine Veröffentlichung geworden. Das Bild ist sehr gut und der deutsche Ton geht in Ordnung. Man merkt ihm zwar an, dass er wahrscheinlich aus einer VHS-Quelle stammt, aber er ist viel besser als bei „E Tanta Paura – Magnum 45“. Der italienische und englische Ton klingt etwas klarer und heller. Auch auf der Seite der Extras kann man sich freuen. Neben einem höchst informativen und reich bebilderten 26-seitiger Bookelt mit Texten von Michael Cholewa und Eugenio Ercolani, befindet sich auf der Scheibe noch das viertelstündige Featurette „Young, Violent, Dangerous“ in dem Akteure und der Regisseur zu Worte kommen. Nicht zu vergessen, der komplette Soundtrack von Enrico Pieranunzi und Gianfranco Plenizio, der allerdings nicht separat beiliegt, sondern von der Blu-ray aus abgespielt werden kann. Selbstlaufende Galerien mit Werbematerial und Setfotos runden das positive Bild ab.

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