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Blu-ray-Rezension: „Der Falke und der Schneemann“

Von , 23. Dezember 2018 12:35

Der junge Christopher Boyce (Timothy Hutton) erhält aufgrund von Kontakten, die sein Vater – ein ehemaliger FBI-Beamter – besitzt, einen Job bei einer Firma, die für die Regierung arbeitet. Bald schon steigt er auf und ist in der sogenannten „Black Vault“ für die Weiterleitung streng geheimer Fernschreiben zuständig. Immer wieder kommen ihm dabei auch Irrläufer der CIA in die Finger. Dadurch erfährt er über geheimen Aktivitäten, bei denen die Regierungen befreundeter Staaten destabilisiert werden sollen. Boyce ist entsetzt und beschließt, diese Informationen an die Sowjets zu verkaufen. Er kontaktiert seinen Jugendfreund Daulton Lee (Sean Penn), einen Drogendealer, der beste Kontakte zu Drogenschmugglern in Mexiko pflegt. Lee reist nach Mexiko-Stadt, wo er sich als Mittelsmann an die sowjetische Botschaft wendet, um die von Boyce gestohlen Informationen über CIA-Aktivitäten an die Russen zu verkaufen…

Der Falke und der Schneemann“ basiert auf einer wahren Geschichte. Und Regisseur John Schlesinger zollt diesem Umstand Tribut, indem er keine künstlichen Überhöhungen, rasante Action oder Thrillerelemente einbaut, sondern nüchtern und etwas distanziert seine beiden Protagonisten Christopher Boyce und Daulton Lee dabei beobachtet, wie sie sich langsam aber sicher immer tiefer in einen Sumpf versinken, aus dem es am Ende kein Hinaus mehr gibt. Denn am Ende sind Boyce und Lee keine Opfer widriger Umstände, sondern allein ihrer Naivität. Sie haben ganz bewusst entschieden, sich in eine Welt zu begeben, deren Spielregeln sie nicht kennen und in der sie die Folgen ihres Tuns nicht überblicken können. Was sich in Timothy Huttons überraschten Gesicht widerspiegelt, wenn er plötzlich merkt, dass er nicht einfach sagen kann: Ich habe jetzt keine Lust mehr weiterzuspielen und gehe nach Hause. Dass das nicht mehr möglich ist, hat er nie in Betracht gezogen. Dabei ist schon bei seinem ersten Kontakt mit den Russen klar, dass es kein Weg zurück gibt.

Die Russen werden im Gegensatz zu anderen Filmen aus den Reagan-Jahren nicht als bedrohliche Monster dargestellt, sondern als Geschäftsmänner, denen sich völlig überraschend eine gute Gelegenheit ergibt. Und die natürlich für sich ein Maximum an „Profit“ aus dieser für sie unerwarteten Situation herausschlagen wollen. Die regelrecht entsetzt davon sind, hier mit Amateuren zu tun zu haben, die keine Ahnung von den Spielregeln haben und sich nicht nur als unzuverlässig, sondern auch als regelrechte Windbeutel herausstellen, die lange nicht die Informationen liefern können, die sie sich erhoffen. Am Ende sind sie von Boyce und Lee einfach nur noch genervt. Dass sie sie nicht einfach verschwinden lassen, liegt offensichtlich daran, dass sie sie für viel zu unbedeutend halten, als sich wegen dem Verschwinden zweier US-Staatsbürger irgendwelchen Ärger einzuhandeln. Sie kennen das Spiel und wissen, dass die Beiden eh keine Chance haben, irgendwie aus der Sache wieder herauszukommen. Dass sie verbrannt sind und nicht wert, dass man sich an ihnen die Finger schmutzig macht. Als kleine Rache überlassen sie das dann den mexikanischen Behörden. Wobei das kluge Drehbuch es offen hält, wer der Drahtzieher an dieser Bestrafungsaktion ist oder ob es überhaupt einen gibt und das alles nicht nur ein dummer Zufall ist.

Boyce und Lee sind einfach tragische Gestalten, die zu keiner Sekunde die Tragweite ihrer Handlungen durchschauen. Besonders Lee wirkt verloren. Ein kleiner Dealer, der glaubt zu Höherem berufen zu sein. Der verzweifelt seinen Platz in seiner Oberschicht-Familie sucht, aber nicht die geistigen Fähigkeiten hat, diesen zu finden. Wunderbar eingefangen in jener Szene, in der Lee seinen Eltern von seinem Drogengeld ein Haus in Costa Rica gekauft hat. Als ihn sein Bruder fragt, was die beiden denn bitteschön in Costa Rica sollen, entgegnet er, sie sollen dort in Ruhe leben und am Strand spazieren gehen. Die Antwort des Bruders: Aber genau das tun sie doch schon hier. Lee denkt, seine kleinen dreckigen Deals würden nach den selben Regeln wie die der großen weiten Welt der Spionage funktionieren. Er macht sich ständig größer als er ist und bleibt am Ende doch für alle deutlich ersichtlich (seine Familie, die Eltern seiner Freunde, seine Komplizen, die Russen, die Polizei, die CIA) ein kleiner Popanz. Da spielt es fast schon keine Rolle mehr, dass er bereits eine fatale Vorliebe für seine eigene weiße Ware entwickelt hat. Im Haifischbecken der Spione wäre er auch so gefressen worden. Hier geht es nur etwas schneller, weil seine „Partner“ schneller von ihm genervt sind, das Koks ihn paranoid macht und er sich in seinen panischen Momenten zu große Fehler leistet.

Sean Penn spielt diese ebenso bemitleidenswerte, wie unangenehme Figur wie gewohnt brillant. Er geht ganz in der Rolle des Daulton Lee auf. Frisur, Fuselbärtchen, Milchbubi-Gesicht und die ständig unruhigen, nervösen Augen sind perfekt, ebenso sein kongeniales Outfit. Sean Penn spielt nicht, er ist. Während der Dreharbeiten soll der schwierigen method actor nicht mehr dem old school Regisseur Schlesinger zurecht gekommen sein. Dem Film merkt man dies nicht an. Oder vielleicht doch, denn Schlesinger setzt Penn genauso ein, wie es die Rolle verlangt. Als kleiner, ständig juckender Pickel, den man nur zu faul ist auszudrücken. Timothy Huttons ist ein effektiver Gegenentwurf zu Penn. Eher impressiv, statt expressiv, minimalistischer in seinem Ausdruck und mit einem überdurchschnittlich gutem Aussehen gesegnet, wirkt er überlegen und cool, doch tief drin bemerkt man seine Unsicherheit. Seine beeindruckendste Szene hat er in einem Dialog mit seinen Vater, ebenfalls brillant besetzt: Pat Hingle, der ihn daran erinnert, dass er früher ein Gedicht auswendig lernen sollte, dieses aber nie wirklich meisterte und bestimmt schon vergessen hat. Erst will es Boyce cool an sich abprallen lassen, doch dann bricht es aus ihm hervor und er rezitiert das Gedicht voller Wut, Trauer und Enttäuschung darüber, dass sein Vater ihm nie etwas zugetraut hat, ihn nie wirklich für voll nahm und nie zu Kenntnis nahm, wie sehr sich sein Sohn bemühte, ihm zu gefallen. Das alles wird nicht erwähnt, aber wenn Buttons dieses Gedicht regelrecht ausspuckt, dann schwingt dies alles mit und erzählt eine Geschichte, die so wichtig für die Figur des Christopher Boyce ist, auch wenn diese nie direkt ausformuliert wird. Wie es überhaupt die Stärke von „Der Falke und der Schneemann“ ist, dass nicht jede Frage beantwortet, jeder Satz ausformuliert, jeden Handlung erklärt und der Zuschauer auf wirklich jedes Detail mit der Nase gestoßen wird. Man folgt Boyce und Lee, beobachtet und zieht selber seine Schlüsse. Ein Stärke, die heute manchmal etwas abhandengekommen wirkt.

John Schlesingers Film „Der Falke und der Schneemann“ ist weniger Spionagethriller, sondern vielmehr das Potrait zweier junger Menschen, die eine Welt betreten, deren Regeln sie nicht verstehen, und die naiverweise glauben, sie könnten jederzeit aussteigen. Im Vordergrund stehen nicht Action und Spannung, sondern die Entwicklung der beiden sehr gegensätzlichen Charaktere.

„Der Falke und der Schneemann“ ist das dritte Mediabook, welches OFDb Filmworks am 08.11. veröffentlicht hat. Das Bild der BluRay ist typisch für Filme aus den späten 80ern. D.h. die Farben sind eher matt und etwas gräulich. Die Schärfe nicht knackig, sondern ein wenig zurückgenommen. Wie gesagt, so sehen viele Hollywood-Filme aus der Zeit einfach aus, und daher gibt es hier für mich auch kein Grund zur Klage. Der Ton ist sehr klar und gut verständlich. Aktuelles Bonusmaterial gibt es keines, dafür wurde einiges aufgefahren, was damals zur Veröffentlichung des Filmes gedreht wurde. Ein zeitgenössisches Making Of (7 Min.), ein EPK Featurette (quasi ein weiteres Making Of, bei dem der Werbecharakter noch mehr im Vordergrund steht, 7 Min.), Interviews mit Schlesinger und Hutton (3 Min.) und „Profiles“ – kleine Vorstellungen und Interviews mit Schlesinger, Hutton und Penn (8 Min.). Also im Grunde alles damalige Werbematerialen. Tiefergehende Infos zum Film gibt es daher vor allem im sehr schön geschriebenen und strukturierten, und mit 24 Seiten hübsch umfangreich ausgefallenen, Booklet von Stefan Jung.

DVD-Rezension: „Cheyenne – This Must Be The Place“

Von , 2. April 2012 21:46

Der 50-jährige Ex-Goth-Sänger Cheyenne hat sich vor 20 Jahren vollkommen aus dem Musikgeschäft zurückgezogen, als zwei Jungendliche seine Texte zu wörtlich nahmen und sich umbrachten. Seitdem lebt er mit seiner Frau (einer Feuerwehrfrau) ein eintöniges Leben in einer schloßartigen Villa in Dublin. Obwohl schon lange nicht mehr im Geschäft, schminkt er sich noch immer jeden Tag, trägt dunkle Klamotten und hochtoupierte, pechschwarze Haare. Eines Tages erhält er die Nachricht, dass sein Vater (mit dem er 30 Jahre nicht mehr gesprochen hatte) in seiner Heimat, den USA, im Sterben liegt. Cheyenne macht sich gleich auf den Weg, aber bei seiner Ankunft ist der Vater bereits verstorben. Cheyenne erbt die Aufzeichnungen seines Vaters, der scheinbar sein Leben lang einen Mann namens Aloise Lange jagte, der Lagerwärter in Auschwitz war und ihn dort misshandelt haben soll. Cheyenne begibt sich auf eine Reise quer durch die USA, um die Arbeit seines Vaters zu einem Ende zu führen…

Wer, angesichts der großen Ähnlichkeit, die der fabelhafte Sean Penn in der Titelrolle mit The-Cure-Sänger Robert Smith hat, auf einen 80er-Jahre Musikfilm gehofft hat, wird schwer enttäuscht sein. Nicht nur hört man den ganzen Film über keine einzige Note der Band „Cheyenne and the Followers“. Auch ertönt bis auf Iggy Pops „The Passenger“ und David Byrne mit einer Big-Band-Version des Talking Heads-Klassikers „This Must Be the Place“ kein Musikstück aus der Zeit, in der Cheyennes fiktive Band ihren Karrierehöhpunkt hatte. Die 80er sind hier genauso tot, wie das Innere des Protagonisten.

Der Film ist eine ganz klassische Roadmovie-Geschichte, bei der die Reise den Protagonisten letztendlich zu sich selbst führt. Durch seine gedehnte Langsamkeit, die die melancholische Lethargie der Hauptperson widerspiegelt, erinnert der Film stark an Jim Jarmuschs „Broken Flowers“ oder David Lynchs „Straight Story„, die erste in Dublin spielende halbe Stunde wiederum an Sofia Coppolas exzellenten „Somewhere„. Wie dort spürt, man auch hier die große Blase, in der sich der einstmals gefeierte Cheyenne vor sich hin lebt. Zwei Dinge zeichnen „Cheyenne“ aus: Die wunderbare Fotografie von Luca Bigazzi und der schöne Score von Ex-Talking Heads-Chef David Byrne (weit weg von „Talking Heads“ Wahnsinn und mit starken Americana-Einflüssen). Insbesondere in den in den USA spielen Szenen, die Bigazzi in ein goldenes Licht taucht und ikonischen Bildern illustriert, verleihen dem Film im Zusammenspiel mit Byrnes Soundtrack eine magische Atmosphäre, durch die sich der Zuschauer gemeinsam mit Cheyenne treiben lassen kann.

Allerdings muss man beim Drehbuch einige Abstriche machen. Der Film wirkt merkwürdig ausgefranst. Es scheint fast so, als ob er aus einer noch sehr viel längeren Fassung zusammengestutzt worden wäre und Regisseur Paolo Sorrentino (Il Divo – Der Göttliche) dabei vergessen hätte, einige durch die Kürzungen redundant gewordene Erzählstränge zu tilgen. Wenn Cheyenne z.B. ein geliehener Pick-Up in Flammen aufgeht, wird eine Szene eingeblendet, die den von dem Wagen besessenen Besitzer zeigt, der Cheyenne ziemlich angsteinflößend damit droht ihn umzubringen, wenn dem Wagen etwas passiert. Nun wartet man den Rest des Filmes darauf, dass der Mann noch einmal auftaucht, aber er verschwindet genauso aus der Handlung, wie eingige andere interessante Nebencharaktere. Überhaupt bleibt es rätselhaft, warum dieser Mann – der keinem professionellen Dienst traut – gerade einer nicht wirklich vertrauenerweckenden Gestalt wie Cheyenne, seinen über alles geliebten, kostbaren Wagen in die Hand gibt. Und warum leiht sich Cheyenne den Wagen, wo doch mehr als einmal erwähnt wird, dass er sich keine finanziellen Sorgen machen muss?

Nicht nur hier schwächelt das Drehbuch. So wird mit der Mutter einer jungen Freundin Cheyennes ein Charakter eingeführt, der nie wirklich erklärt wird. Doch Paolo Sorrentino deutet immer wieder darauf hin, wie wichtig Maries Mutter für die Handlung und vor allem den Schluss des Filmes ist. Nun gehöre ich wahrlich nicht zu den Leuten, die fordern, dass in einem Film alles erklärt werden muss. Ganz im Gegenteil. Aber wenn dem Zuschauer schon suggeriert wird, dass das Verständnis eines Charakters wichtig ist für das Verständnis der Handlung, dann sollte man schon etwas deutlicher werden und den Zuschauer nicht mit vage Andeutungen auf eine eventuell falsche Fährte locken.

Sorrentinos größtes Verbrechen ist es aber, die grandiose Frances McDormand so sträflich zu vernachlässigen. Ihre Figur hat so viel Potential und Frances McDormand platzt nur so vor Spielfreude und Charisma, da ist es mehr als enttäuschend, wenn sie nach einer halben Stunde und nur sehr wenigen Szenen aus dem Film verschwindet. So ist es dann alleine an Sean Penn, den Film zu tragen. Und dies gelingt ihm ganz famos, denn unter der Maske des antriebslos-friedlichen, mit einer stockenden, sanften Stimme redenden und immer leicht abwesend scheinen Cheyenne, lugt bei Penns Darstellung ab und zu auch innere Wut und tiefe Verzweiflung hervor. Zwar sieht Sean Penn, mit seiner Schminke und den gewaltigen Haaren, wie ein Robert-Smith-Double aus, er legt seine Rolle von Gang und Sprechweise aber mehr wie Ozzy Osbourne an, so wie man ihn aus der Doku-Soap „The Osbournes“ kennt. Hier empfiehlt es sich, den Film in der Originalfassung zu schauen, da die deutsche Synchronisation zwar gut ist, aber Penns beeindruckendes Schauspiel nur unzulänglich wiedergeben kann.

Die DVD liefert ein durchschnittliches, anamorphes Bild in 2,35:1, englische und deutsche Tonspur in 5.1., sowie deutsche Untertitel. Als Extras gib es 32 Minuten Interviews mit vielen Beteiligten (allerdings nicht mit Sean Penn, der in allen Interviews immer hoch gelobt wird), die allerdings nicht viel Erhellendes zu Tage fördern, sowie den Trailer.

Die Kauf-DVD erscheint am 5. April.

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