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Bericht vom 27. Internationalen Filmfest Oldenburg – Tag 2

Von , 8. Oktober 2020 17:10

Am zweiten Tag war ich komplett im CineK Studio. Das CineK hat immer eine schöne Atmosphäre und normalerweise tummeln sich hier zu Filmfest-Zeiten unzählige Leute. Man trifft bekannte Gesichter und auch die Filmemacher, die beim Filmfest zu Gast sind, laufen hier herum. Durch Corona war es diesmal anders. So wenig los ist hier sonst immer nur am Festivals-Sonntag, wenn der letzte Film läuft. Da ich nur zwei Filme auf dem Plan hatte und der letzte vor 20:00 Uhr zu Ende war, hatte ich mich entschlossen, das erste Mals seit März wieder mit dem Zug zu fahren. Das war dann schön stressfrei, und ich konnte auch mal zum leckeren OL-Bier greifen.

Shorta – Action aus Dänemark. Und was für welche. „Shorta“ (arabisch für „Polizei“) muss sich nicht vor anderen Vertretern seiner Art, z.B. aus Frankreich oder den USA verstecken. Im Gegenteil. Natürlich erfindet auch „Shorta“ das Rad nicht neu, so mixen die beiden Regisseure Frederik Louis Hviid und Anders Ølholm Elemente, die man aus Filmen wie „Training Day“, „End of Watch“, „La Haine“ und erst kürzlich „Les Misarables“ kennt. Doch wie er es macht, ist schon beeindruckend.

Der Film fängt an, wie man es schon häufig gesehen hat. Zwei unterschiedliche Cops werden zusammen auf Streife geschickt. Der eine Jens (Simon Sears), ruhig und reflektiert, bemüht Verständnis für die Gegenseite aufzubringen. Der andere, Mike (Jacob Lohmann), latent gewalttätig mit starkem Hang zur Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Ein Musterbeispiel für Polizeigewalt. Zwischen ihnen steht neben ihren unterschiedlichen Temperamenten und Einstellungen noch eine ganz handfeste Sache. Jens war dabei, als zwei Kollegen einen 19-jährigen Migranten Talib Ben Hassi in Polizeigewahrsam fast zu Tode geprügelt haben. Er zwar noch nicht vor der internen Untersuchungskommission ausgesagt, will es aber tun. Mike hat dafür kein Verständnis. Bei ihm steht der Corps-Geist über allem und Jens ist für ihn ein potentieller Verräter. Klar, dass diese Spannungen sich langsam aufschaukeln, bis sie bald eskalieren.

Bis dahin fahren die beiden Polizisten Streife durch Svalegården, einem Ghetto in der Nähe von Kopenhagen. Hier lernen wie die Menschen kennen, die dort wohnen. Kleinkriminelle, frustrierte Jugendliche, Gangster, die versuchen letztere von der Straße weg zu rekrutieren. Aber auch einige wenige, die sich gegen die Banden-Kriminalität stellen, versuchen den Jugendlichen Anstand und eine Perspektive zu vermitteln – und dann doch an Leuten wie Mike zu scheitern drohen. Als Talib Ben Hassi im Krankenhaus stirbt, explodiert das Ghetto förmlich. Gewaltbereite Banden machen Jagd auf Polizisten, es gibt Plünderungen, Brandstiftungen, Explosionen. Es fallen überall Schüsse und ein Schritt vor die Tür wird lebensgefährlich. Und mittendrin stecken Jens und Mike zusammen mit dem jungen Amos, den Mike auf dem Kieker hat und seit dieser nach einer fiesen Schikane Mikes ihren Polizeiwagen mit einem Michshake beworfen hat. Mike will Amos unbedingt auf die Wache zerren. Zu dritt geht es durch die Hölle von Svalegården, verfolgt von motorisierten Jugendlichen, vermummenden und bewaffneten Gestalten und unsichtbaren Scharfschützen in den seelenlosen Wohnsilos.

Dieses Katz-und-Maus-Szenario kennt man natürlich und man denkt unweigerlich an Filme wie Die Klapperschlange, Die Warriors, Riffs – Die Gewalt sind wir oder Judgement Day. Da die Hetzjagd aber ausgesprochen dynamisch, nah dran an den Figuren und realistisch umgesetzt wird, fiebert man mit den Protagonisten mit schweißnassen Händen mit. Eine sehr interessante Wendung, die den Film weit über das Mittelmaß hebt, stellt sich im letzten Drittel ein, wenn sich die Wege von Jens und Mike trennen, ,„Shorta“ den bisherigen Sympathieträger und Hauptfigur Jens verlässt und sich auf Mike konzentriert. Der dann wiederum einige Erlebnisse hat, die ihn zum Überdenken seiner eigenen Position veranlassen könnten. Oder auch nicht. Dies lässt der Film angenehm ambivalent. Ebenso wie Jens, der ebenfalls mit Ereignissen konfrontiert wird, die sein Selbstbild bis ins Mark erschüttern. Das ist sehr spannend und das konsequente, wie auch nicht alle Fragen beantwortende Ende, lässt einen noch lange über darüber nachgrübeln, was eigentlich das eigene Denken und die eigenen Vorurteile prägt. Und wie man selber sich in ähnlichen Situationen verhält. Starkes Kino aus Dänemark.

The Five Rules of Success – „Five Rules of Success“ lief in der Midnight Xpress-Schiene, was etwas verwundert, da diese hauptsächlich Genre-Filmen mit eher fantastischem Inhalt vorbehalten ist. „Five Rules“ ist aber eher ein Sozialdrama, auch wenn Motive des Gangsterfilms gestreift werden und bei einigen Szenen nicht klar ist, was hier Traum und was Wirklichkeit ist. Dies gilt vor allem für den seltsamen Handlungstrang mit der Bewährungshelferin, die sich sehr merkwürdig verhält und auch schon mal um Mitternacht in Xs Wohnung sitzt und ihn sexuell erpresst. Andererseits wird gerade dieser am Ende essenziell für die „in der Realität“ handelnde Haupthandlung. Wie dem auch sei, mit „Five Rules“ ist ein sehr empfehlenswerter Low-Budget-Film gelungen, bei dem gespannt an den Fersen des Protagonisten kleben. Der junge X (die Figur hat keinen Namen) wird nach vielen Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Wie wir später erfahren, sitzt er hier seitdem er ein Jugendlicher war seine Strafe für ein Verbrechen, welches man höchstens als Totschlag im Effekt bezeichnen kann ab. Warum X nun so lange Jahre im Gefängnis war, ist hier nicht wirklich nachvollziehbar.

Wieder draußen, scheint kaum jemand zu glauben, dass er den rechten Weg finden könnte. Aber X ist ehrgeizig und hat sich seine fünf Regeln zum Erfolg aufgestellt, an die er sich streng halten will. Er kommt bei einem väterlichen Restaurantbesitzer mit griechischen Wurzeln unter und arbeitet sich hier vom Boten zum Kellner hoch. Allerdings ist Danny, der Sohn des Restaurantbesitzers ein Kleinkrimineller, der gerne auf den Putz haut und mehr wäre, als er eigentlich ist. Natürlich zieht er X wieder voll rein ins Verbrechen und so sehr sich X auch bemüht, durch Danny drohen all seine guten Vorsätze nach und nach zu zerbröckeln. Ist Xs einzige Chance ein eigenes, selbstbestimmtes Leben zu führen die, sich immer mehr in immer größere Verbrechen zu verstricken? Im Programmheft steht: „(…) prangert die inhärente Ungerechtigkeit eines korrupten US-Justizsystems an, das Resozialisierung faktisch unmöglich macht.“. Das mag sein, allerdings hier nicht der Fall, denn X findet schnell Unterstützung durch den Restaurantbesitzer und alles was ihm dann passiert, liegt an ihm selber, da er sich nicht von Danny fernhält und – zwar zunächst widerwillig, dann aber immer bewusster – jeden Mist mitmacht, den diese leicht psychopathische, dümmliche Person verzapft. Selbst die Repressionen durch die bereits genannte Bewährungshelferin sind nichts, was ihn davon abhalten sollte, seine Bewährungsauflagen einzuhalten und am Ende als freier Mann dazustehen.

Von diesen Ungereimtheiten abgesehen, ist „Five Rules“ ein guter Film, der den Zuschauer mit X mitfiebern lässt. Regisseur Orson Oblowitz inszeniert den Film einerseits rau, andererseits teilweise sehr delirant. Zwar kommt er ohne einige Stereotypen nicht aus, aber lässt man sich darauf ein, dann hat man es mit einem packenden Film zu tun, der ein reinreißt in den Strudel, der Xs Leben darstellt. Dass „Five Rules“ so effektiv ist, liegt auch an seinem Hauptdarsteller. Santiago Seguras spielt den X minimalistisch und ohne große Expressivität. Aber das passt zu der Rolle. Aus X wird man nicht so richtig schlau. Warum er im Gefängnis war wird er spät aufgelöst, Alpträume deuten es aber schon früh an. Aber er wirkt hinter seiner kühlen Fassade zwar undurchschaubar, aber doch spürt man das Brodeln in ihm mit der absoluten Überzeugung und dem Ehrgeiz es schaffen zu können, so dass man interessiert an ihm bleibt. Dabei wirkt er einerseits sympathisch, andererseits spürt man unter der Oberfläche eine gewisse Bedrohlichkeit, die man nicht ganz fassen kann. Gleichzeitig fasziniert einen Xs Ehrgeiz den amerikanischen Traum zu leben, mit den titelgebenden fünf Regeln als Anleitung zum Erfolg. Demgegenüber wirkt Danny eher wie eine Parodie. Jonathan Howard spielt diese Figur genauso, wie man es erwartet und man es von Schauspielern wie Michael Rapaport (mit dem er eine gewisse Ähnlichkeit hat) oder Eric Roberts schon gesehen hat. Dadurch ist Danny etwas eindimensional geraten, gibt aber einen guten Kontrapunkt zum vielschichtigen X und die zurückhaltende Darstellung Santiago Seguras‘ ab. „Five Rules“ ist ein Film, der einem noch lange im Gedächtnis bleibt.

Das war also mein zweiter Tag auf dem 27. Internationalen Filmfest Oldenburg. Diesmal gab es – im Gegensatz zum Vortag im Casablanca –sogar eine kurze Ansage vor dem Film. Aber wie ich belauschen musste, eher improvisiert. Sprich: Jemand vom Tresen-Team wurde ausgeguckt und gesagt: Kannst ja vom Programmheft ablesen, da steht alles drin. Und so war das dann auch. Aber besser als nichts. Ansonsten war das Filmfest selber seltsam abwesend. Bis auf den Kartenkontrolleur im Filmfest-T-Shirt sah man niemanden, der etwas mit dem Filmfest zu tun hatte. Das mag in vergangenen Jahren auch so gewesen sein, aber hier fiel es mir stark auf. Wahrscheinlich lag es auch daran, dass keine Gäste zugegen waren, die ja normalerweise immer einen ganzen Tross an Leuten hinter sich her ziehen.

Die Rückfahrt im Zug gestaltete sich dann passend zum Festival-Besuch. Ich hatte einen ganzen Wagen für mich allein.

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