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Blu-ray-Rezension: „Der Berserker“

Von , 23. August 2017 17:00

Der kleine Gangster Giulio Sacchi (Tomas Milian) ist ein Soziopath wie er im Buche steht.Als er bei einem Bankraub vor Nervosität einen Polizisten erschiesst, wird er von seinen Komplizen zusammengeschlagen und vom Hof gejagt. Kurze Zeit später muss wieder ein Staatsdiener daran glauben, als er Sacchi dabei erwischt, wie er einen Zigarettenautomaten knacken will. Auf sich allein gestellt, versucht Sacchi einen großen Coup zu landen. Er überredet die Kleinkriminellen Vittorio (Gino Santercole) und Carmine (Ray Lovelock) mit ihm zusammen Marilù Porrino (Laura Belli), die Tochter eines Industriellen (Guido Alberti) zu entführen. Doch damit soll der blutige Weg des immer gewissenloser agierenden Gulio Sacchi erst seinen Anfang nehmen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Mit „Der Berserker“ haben Umberto Lenzi und sein kongenialer Hauptdarsteller Tomas Milian ein richtiges Brett abgeliefert, welches – wie sein Protagonist – keine Gnade kennt und einem permanent die verschwitzte Faust in den Magen rammt. „Der Berserker“ sah ich erstmals Mitte der 90er Jahre auf einer ranzigen VHS-Kopie des alten Verleihtapes. Eigentlich die perfekte Präsentationsform für diesen – neben vielleicht Deodatos „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ – unangenehmsten Poliziotteschi. Natürlich hat man gut 20 Jahre später vieles gesehen, was der Niedertracht dieses Filmes gleich kommt, und so war ich gespannt, ob „Der Berserker“ heute noch jene schmerzhafte Sprengkraft entwickeln kann wie damals. Um es kurz zu machen: Ja, er kann. Und wie. Zu verdanken ist dies in erster Linie einem brillanten Tomas Milian, der bei seiner Darstellung des Soziopathen Gulio Sacchi die richtige Balance zwischen vollkommen überzogenen Schauspiel und einer unglaublichen Lebendigkeit findet. Sacchi ist laut, vulgär, in seiner extremen Körperlichkeit (wie bei Milians „Strickmützen“-Cop Nico Giraldi und dem seelenverwandten Kleingauner Monnezza aus „Das Schlitzohr und der Bulle“ (ebenfalls von Lenzi und mit Silva als Milians Gegenspieler) verrenkt sich bei Milian jeder Teil des Körpers, wenn er jemanden von etwas überzeugen will­. Er schwitzt, schreit, grimassiert, zuckt – seine körperlichen Reaktionen sind ebenso unberechenbar wie er selber. Sacchi ist eine tickende Zeitbombe, bei der man nie weiß, wann sie das nächste Mal explodiert und wie groß der Schaden sein wird, den sie anrichtet. Man sollte aber darauf gefasst sein, dass er sehr groß sein wird. Da der Film aus Sacchis Perspektive erzählt wird und er derjenige ist, dem der Zuschauer durch die Handlung folgt, ihm also eine gewisse Identifikation aufgezwungen wird, macht dies den Film umso unangenehmer.

Milians Kunst ist es dabei, den „Berserker“ Sacchi, den der englische Titel als „Almost Human“ bezeichnet, trotzdem nicht als unrealistisches Schreckgespenst, sondern als Wesen aus Fleisch und Blut zu zeichnen. So unmöglich es ist, Sacchis Handlungen zu akzeptieren, so bleiben sie aber in Rahmen der Handlung jederzeit nachvollziehbar. Milians Sacchi ist ein Mensch. Kein angenehmer, aber ein Mensch mit all seinen Komplexen. Ein großkotzigen Wichtigtuer, der seine Ängste und die Sehnsucht nach Anerkennung und Respekt mit prolliger Angeberei kaschieren will. Der sich mit Alkohol und Pillen aufputscht und irgendwann alle Grenzen und jegliche Moral vergisst. Letzteres erlebt man auch physisch, wenn Milians Blick immer glasiger und die Haut immer grauer wird. Die Haare von Schweiß verklebt und und die Ringe unter den geröteten Augen immer tiefer. Sacchi tötet wahllos, aber nie mit Freude. Er entledigt sich anderer Menschen, wie man normalerweise Müll entsorgt. Als er dem Entführungsopfer seine Macht über ihr Leben demonstrieren will, fordert er seinen Komplizin auf, die junge Frau zu vergewaltigen. Ihm geht es hier nicht um etwas sexuelles, er will sie nur demütigen. Nur einmal meint man so etwas wie eine moralische Irritierung bei ihm festzustellen. Wenn er realisiert, dass er ein kleines Kind erschossen hat. Doch dies führt bei Sacchi nicht zum Einhalten. Er wischt diese Tat nach einem kurzen stutzen beiseite und brüstet sich später noch damit, was den Zuschauer in einen Gewissenskonflikt stürzt. Denn spätestens nach dieser Tat und seine Reaktion darauf ist Sacchi nicht für ihn nicht mehr tragbar. Doch Lenzi inszeniert ihn weiterhin als Identifikationsfigur, denn Sacchi ist mit weitem Abstand die interessanteste und lebendigste Figur in diesen Film, gegen die alle anderen verblassen müssen. In der Regel ist der Schurke ja auch die faszinierendste Gestalt in einem Film.Jemand, den man aufgrund seiner Skrupellosigkeit und oftmals auch Coolness heimlich bewundert. An Sacchi gibt es aber nichts zu bewundern. Ein Dilemma.

Die einzigen beiden Figuren, die positiv besetzt sein können, sind sein Komplize Carmine und Kommissar Brandi. Der von Ray Lovelock gespielte Carmine ist aber ein weicher, manipulierbarer Schlappschwanz, der sich Sacchi unterordnet. Nicht etwa, weil er für Sacchi irgendwelche Sympathien hegt oder vor ihm Angst hätte. Man hat das Gefühl, Carmine wüsste einfach nicht, was er sonst tun sollte. Willenlos tut er das, was ihm befohlen wird. Zu dumm, zu naiv um einen eigenen Willen zu entwickeln. Auch seine ungelenken Versuche das Entführungsopfer zu schützen wirken halbherzig und schwach. Nein, zur Identifikation lädt Carmine nun wirklich nicht ein. Bleibt die starke Hand des Gesetzes, die von dem ewigen Gangster-Darsteller Henry Silva gegeben wird. Silva ist eine grandioses Steingesicht. Und die perfekte Besetzung für die Killer in Fernando di Leos Meisterwerken „Der Mafiaboss“ und vor allem „Der Teufel führt Regie“. Doch als Kommissar Walter Grandi bleibt er leider ungewöhnlich blass. Was daran liegen kann, dass er mehr reagiert als agiert und in den Actionszenen außen vor bleibt. Bis auf seine Wut auf seine Vorgesetzten bleibt er auch ohne besondere Eigenschaften. Erst ganz am Schluss tritt er in Aktion, um äußerst fragwürdig zur Selbstjustiz zu greifen. Gerade dieses Ende hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, zeigt es doch, dass es auf der Welt nichts Gutes mehr gibt, sondern die Grenzen zwischen schießwütigen Gangstern und schießwütigen Polizisten, die sich ebenso nicht an Gesetze gebunden wähnen, verschwimmen.

Die einzige Figur, die tatsächlich so etwas wie Hoffnung gibt, dass die Welt nicht gänzlich verkommen ist, wird von Laura Belli gespielt. Das Entführungsopfer Marilù ist eine starke Frau, die weiß was sie will und sich keine falsche Illusionen macht. Die ihren Entführern jederzeit überlegen ist und gerade deshalb bei Sacchi diesen unbändigen Wunsch hervorruft, sie zu demütigen, erniedrigen und letztendlich zerstören. Und natürlich hat so jemand in der verkommen Welt des „Berserkers“ keine Chance. Sie wird vernichtet wie alles andere, was gut und schön ist.

Umberto Lenzi hat mit „Der Berserker“ einen hammerharten Tritt in die Weichteile inszeniert, der ganz von einem grandios asozialen Tomas Milian getragen wird, dem es gelingt seinen Soziopathen Gulio Sacchi nie zu einer comichaften Karikatur verkommen, sondern ihn bei aller Grausamkeit doch noch als Menschen erscheinen zu lassen. Und gerade das macht Lenzis Film so wahnsinnig unangenehm.

Mit der Nummer 9 ihrer Polizieschi Edition hat filmArt nach dem grandiosen „Milano Kaliber 9“ nun einen zweiten Klassiker nicht nur des italienischen Polizeifilm-Genres, sondern des italienischen Films überhaupt veröffentlicht. Wie erwartet ist auch das technische Niveau dieser Veröffentlichung wieder sehr gut. Die Blu-ray hat ein sehr gutes Bild, welches auch nicht durch diverse Filter „getötet“ wurde, sondern einen authentischen Kinolook besitzt, ohne dabei irgendetwas an Schärfe einzubüßen. Der deutsche Ton wird auf gleich zwei Spuren angeboten, von der sich eine „Videotonhöhe“ nennt. Der Unterschied zwischen beiden Spuren ist – soweit ich meinen Ohren trauen darf – dass die eine etwas mehr Wums hat, dafür aber auch dumpfer klingt, die andere dafür in der Sprache etwas klarer ist, dafür aber etwas dünner klingt. Das Highlight der Edition ist das einstündige Interview „The Journey of Tomas Milian – From Cuba to America“, mit einem sichtlich gealterten, kaum wiederzuerkennenden Tomas Milian, der sehr interessant und spannend aus seinem aufregenden Leben erzählt. Bei der Schilderung seiner Kindheit in einem lieblos-strengen Haushalt können einem fast die Tränen kommen und dies erklärt wohl auch seine arrogante Haltung, die er in Interviews in den 70ern – auf der Höhe seines Ruhmes – an den Tag legte. Milian hat auch einen kurzen Gruß als Intro zum Film eingesprochen. Weitere Extras sind der italienische und englische sowie ein US-Grindhouse Trailer. Es gibt zwei Audiokommentare. Den ersten mit dem Traum-Team Pelle Felsch und Christian Keßler, der andere mit Bennet Togler und Tillmann Beilfuß. Nicht zu vergessen ist auch das sehr lesenswerte Booklet von Oliver Nöding. Also eine rundum gelungene Veröffentlichung.

Am Mittwoch: WEIRD XPERIENCE mit Action-Double-Feature beim Schlachthof Open-Air-Kino

Von , 23. Juni 2017 12:47

Schlag auf Schlag geht es für die Reihe Weird Xperience, die ich zusammen mit Stefan kuratiere und moderiere. Am nächsten Sonntag, den 25. Juni ab 20:00 Uhr  ACHTUNG: Wegen Regen auf Mittwoch, den 28. Juni nochmals verschoben auf Sonntag, den 2.Juli um 15:00 Uhr! heißt es beim Open-Air-Kino am Schlachthof ACTION!

Zuerst zeigen wir „Frankensteins Todesrennen“ von 1975 aus der Roger-Corman-Schmiede. In den faschistoiden USA der damaligen Zukunft wird die Masse mit einem gewaltverherrlichenden TV-Programm ruhig gehalten. Höhepunkt ist das „Death Race 2000“ (so auch der Originaltitel). An den Lenkern: David Carradine (bekannt aus der TV-Serie „Kung Fu“ und natürlich „Kill Bill“) und ein junger Sylvester Stallone vor seinem Durchbruch mit „Rocky“. Sly darf hier den bösen Wicht Machine Gun Joe Viterbo spielen, der förmlich über Leichen fährt, denn für das Töten von Passanten gibt es bei diesem Todesrennen schließlich Bonuspunkte, die von Geschlecht und Alter der Opfer abhängig sind. Der gefeierte Fahrer Frankenstein (Carradine) gilt als Mann der Regierung und ahnt nicht, dass seine Copilotin Annie Mitglied einer Widerstandsbewegung ist, die ihm nach dem Leben trachtet. Frankenstein ist jedoch keine Marionette des Systems und verfolgt eigene Pläne.

Trashfilm-Pionier und Kultfigur Paul Bartels (immerhin Jurymitglied der Berlinale im Jahr 1979) führte bei diese actionreichen Polit-Satire Regie. Produziert wurde sie von der Legende Roger Corman, der sich damit an den Erfolg von „Rollerball“ heften wollte. 2008 folgte ein erstes Remake mit Jason Statham in der Carradine-Rolle, welches noch zwei Direct-to-video-Sequels bekam. Eine offizielle Fortsetzung produzierte Roger Corman letztes Jahr unter dem Titel „Death Race 2050“ dann selber. Der Film kam Anfang des Jahres in den USA veröffentlicht. Seine Spuren hinterließ „Frankensteins Todesrennen“ seit Anfang der 80er Jahre auch in zahlreichen Computerspielen, dies ich von dem blutigen Treiben auf der Piste inspirieren ließen.

Danach geht es gleich weiter mit einem Klassiker des Poliziottesco – jener italienischen Spielart des Polizeifilms in der es immer ordentlich kracht und rumst.

Kaum ist „der Chinese“ (Tomas Milian) aus dem Gefängnis geflohen, lässt er umgehend den Mann exekutieren, der ihn einst hinter Gitter brachte: Den Ex-Kommissar Tanzi (Maurizio Merli). Doch Tanzi überlebt den Mordanschlag. Offiziell für Tod erklärt, macht sich Tanzi auf eigene Faust daran, dem „Chinesen“ das Handwerk zu legen. Währenddessen hat dieser mit dem mächtigen Gangsterboss Di Maggio (John Saxon) einen Pakt geschlossen. Doch die Zusammenarbeiten zwischen den beiden läuft nicht reibungslos, und Tanzi gelingt es immer wieder, neuen Sand ins Getriebe zu streuen. Bald schon steuert Rom auf einen blutigen Bandenkrieg zu…

Nach dem Erfolg von „Die Viper“ drehte Umberto Lenzi 1977 diese Quasi-Fortsetzung namens „Die Gewalt bin ich“. Maurizio Merli darf dabei wieder in die Rolle des Kommissar Tanzi schlüpfen, der hier allerdings den Dienst quittiert hat und nunmehr als Privatmann die Unterwelt aufmischt. Und so pflügt der wilde Ex-Cop durch die Reihen der Gangster. Immer mit akkuratem Seitenscheitel und korrekt gestutzten Schnauzer. Das üppige Brusthaar aus dem zu weit aufgeknöpften Hemd wallen lassend und einen bedenklichen Faible für Goldkettchen zu Schau stellend.

Ebenfalls aus „Die Viper“ wurde Tomas Milian übernommen, der hier wie dort den Part des Bösewichts übernimmt. Sein „Chinese“ ist durchtrieben, skrupellos und mit einer großen Bauernschläue gesegnet. Neben Merli und Milian, ist Genre-Vertan John Saxon zu sehen. Saxon konnte schon 1977 auf eine lange und ereignisreiche Karriere zurückblicken. So war er nicht nur im „ersten“ Giallo mit von der Partie, sondern spielte auch den Hauptcharakter in „Der Mann mit der Todeskralle“. In den 70er Jahren tauchte er vermehrt in italienischen Polizeifilmen auf. 1980 war er bei Antonio Margheritis „Asphalt-Kannibalen“ dabei und ab 1984 in dem Horrorklassiker „A Nightmare on Elm Street“ nebst zwei der Sequels. In „Die Gewalt bin ich“ spielt er einen eleganten Gangsterboss, der auch schon mal selbst Hand anlegt, wenn er einen Verräter mit Golfschläge aus kurzer Distanz foltert. In einigen Szenen meint man, dass er sich einen Spaß daraus macht, Marlon Brandos „Paten“ zu parodieren.

„Die Gewalt bin ich“ ist gute alte Action-Unterhaltung aus dem sonnigen Italien mit tollen Hauptdarstellern und perfekter Musikuntermalung durch Franco Micalizzi. Da hoffen wir doch mal auf gutes Wetter, damit das südländische Flair auch so richtig rüberkommt. Der Wetterbericht droht zwar mit bewölktem Himmel, aber es soll nicht regnen. Das wäre doch schon mal was.

Blu-ray-Rezension: „Milano Kaliber 9“

Von , 29. März 2017 19:38

Ein dilettantischer durchgeführter Raubüberfall hat Ugo Piazza (Gastone Moschin) hinter Gitter gebracht. Wegen guter Führung wird er nach drei Jahren entlassen und umgehend von seinen alten Kumpanen in Empfang genommen. Kurz vor Ugos Verhaftung verschwanden nämlich 300.000 US-Dollar und der Mailander Gangsterboss „der Amerikaner“ (Lionel Stander) hat Ugo in Verdacht, diese beiseite geschafft zu haben. Nun wird Ugo Schritt auf Tritt von dem Schläger Rocco (Mario Adorf) und seinen Leuten verfolgt, die versuchen ihn unter Druck zu setzen. Doch Ugo scheint sich nur nach einem ruhigen Leben mit der wunderschönen Nelly (Barbara Bouchet) zu sehnen. Doch der Druck auf Ugo wächst und schon bald sieht er sich gezwungen, wieder für den „Amerikaner“ zu arbeiten. Doch gleich der erste Job geht schief, und die Leichen fangen sich an zu türmen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Milano Kaliber 9“ ist für mich ein besonderer Film. Es war damals der Film, der mich in das Genre des Poliziottesco, des italienischen Polizeifilms, einführte. Der mich von der ersten Sekunde lang mitgerissen hat. Mich nicht wieder losließ und noch lange nach dem Schlussbild beschäftigte. Der zu meiner Messlatte für alle weiteren Poliziotteschi wurde und welche vielleicht in wenigen glücklichen Fällen erreicht, nie jedoch überboten wurde. Dabei hatte es der Film bei mir zunächst nicht leicht. Angefixt durch das Buch „Der Terror führt Regie“ von Karsten Thurau und Michael Cholewa, welches ich irgendwann um 1999 herum auf einer Filmbörse mitgenommen hatte (wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz trügt), waren meine Erwartungen an den Film schon extrem hoch. „Der Terror führt Regie“ damals das erste Buch in Deutschland, welches sich überhaupt mit dem Poliziottesco beschäftigte und von daher für mich ein sehr wichtiges Werk, denn es eröffnete mir ein Genre, mit welchem ich mich bisher noch nicht beschäftigt hatte. Das war noch in einer Zeit, in der das Internet zwar schon Einzug in das allgemeine Leben hielt, aber Filmfreunde tatsächlich noch ihr Wissen noch vor allem aus den – spärlichen – Publikationen zum Thema europäisches Genrekino speisten. Der Säulenheiliger des Autoren-Duos war Fernando di Leo, sein zentrale Meisterwerk „Milano Kaliber 9“.

Dann hatte ich endlich „Milano Kaliber 9“ im Videorekorder. Eine Kopie des alten deutschen VHS-Tapes. Vielleicht die zweite oder dritte. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich die her hatte, das Bild war jedenfalls noch erstaunlich gut. Da war man zu den wilden, prä-DVD-Zeiten auch anderes gewohnt – was man aber ohne viel Murren schluckte, nur um endlich mal den begehrten Titel, über den man zuvor nur mal irgendwas gelesen hatte, sehen zu können. Egal wie. Und, holla, allein der Anfang von „Milano Kaliber 9“ hatte es dermaßen in sich, dass ich den Film auch dann als Meisterwerk tituliert hätte, würde der Rest aus Schwarzbild bestanden haben. Diese furiose Montage, in der in nur fünf Minuten zu der kongenialen Musik von Luis Bacalov die Geschichte eines fehlgeschlagenen Geldschmuggels und den brutalen Konsequenzen erzählt wird, gehört bis heute für mich zu den großartigsten Filmanfängen aller Zeit. Gleich ganz oben dort mit jenem von Orson Welles‘ „Im Zeichen des Bösen“ oder Leones „Spiel mit das Lied vom Tod“. Vor einigen Jahren gab es im Bremer Kommunalkino mal kurzzeitig ein kleine Gruppe, die sich in regelmäßigen Abständen traf, um Filme anhand von Filmausschnitten vorzustellen und zu diskutieren. Leider habe ich es nur einmal geschafft, an dieser kurzlebigen Veranstaltung teilzunehmen. Das Thema war „Filmanfänge“. Ich hatte natürlich „Milano Kaliber 9“ im Gepäck und danach war es sehr ruhig im Raum und man sah viele heruntergeklappte Kinnladen. Bildungsauftrag erfüllt.

Nun ist „Milano Kaliber 9“ bei filmArt erstmals in Deutschland in HD erschienen. Zeit Mailand mal wieder einen Besuch abzustatten, nachdem ich den Film nun schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Und was war das für ein Wiedersehen. Wie beim ersten Mal traf mich die Rasanz und Gewalt der ersten Minuten wie ein Hammer. Mario Adorf liefert in seiner Darstellung des Rocco eine der besten Leistungen seiner an überragenden Darstellungen nicht gerade armen Karriere ab. Er spielt nicht, er ist. Dieses schleimig-einschmeichelnde, dass in der nächsten Sekunde in erschreckend rohe Brutalität umschlägt. Hier der narzisstische Clown mit den viel zu großen Gesten, dort der hitzköpfige, aber in der Wahl seiner Mittel erschreckend kontrollierte Gewaltmensch. Und am Ende die einzig ehrliche Figur in diesem Film Noir voller Intrigen, Masken und Machtspielchen. Rocco mag ein extrem gefährlicher, stets gewaltbereiter Schläger sein, dem ein Menschenleben nichts bedeutet. Der ohne mit der Wimper zu zucken wortwörtlich über Leichen geht. Aber er gibt niemals vor, jemand anderer zu sein als der, der er ist. Rocco ist immer Rocco, womit er sich von den anderen Figuren in dieser Geschichte unterscheidet.

Überhaupt diese Schauspieler, die Regisseur und Autor Fernando di Leo für sein Poliziottesco-Debüt zusammengetrommelt hat. Allen vorweg der unglaubliche Gastone Moschin, der ein wenig an eine primitivere Version von Jason Statham erinnert. Er versprüht pure Körperlichkeit, wenn er seinen massiven Leib, dieses unbewegte, wie festgemeißelte, grobschlächtige Gesicht durch Mailand schiebt. In jeder Szene nimmt er sich einfach den Raum, den er braucht – ohne dass er sich groß anstrengen müsste. Es ist fast nicht zu glauben, dass dieser aus grobem Fels gehauene Mann auch in der leichten Muse daheim war. Zwei Jahre zuvor hatte er so wunderbar einen spleenigen, britischen Landpolizisten in Michele Lupos schönen „Konzert für eine Pistole“ gespielt und im selben Jahr wie „Milano Kaliber 9“ gab er als Nachfolger von Fernandel (der während der Dreharbeiten verstarb) den Don Camillo! Übrigens mit „Kaliber 9“-Gegenspieler Lionel Stander als Peppone. Um gegen diese Naturgewalt anzuspielen, braucht es ganz besondere Schauspieler, und die Leo hat sie. Neben dem fantastischen Mario Adorf quasi als Gegenentwurf zu Moschins Ugo Piazza, ist da der alt gewordene Philippe Leroy als Killer im Ruhestand. Ruhig, überlegt und von einer schweren Melancholie durchzogen. Frank Wolff, als wütender Kommissar mit althergebrachten, faschistischen Ansichten. Urgestein Lionel Stander als Gangsterboss „Amerikaner“ – irgendwo zwischen Güte und knallharter Skrupellosigkeit. Und letztendlich auch die göttliche Barbara Bouchet in der Rolle ihres Lebens. Von ihrem ersten Auftritt als Erotik-Tänzerin – der niemanden auf dem Sitz halten dürfte – bis hin zum großen Finale, als sich plötzlich ihr schönes Gesicht in eine gierige Hexenfratze verwandelt.

Aber was wären diese tollen Schauspieler und die souveräne Regie Fernando di Leos ohne seine anderen Mitstreiter, die aus „Milano Kaliber 9“ solch einen kraftvollen, unvergesslichen Film gemacht haben. Ohne Kameramann Franco Villa (dessen Lied man nicht laut genug singen kann, wie ich es bereits anlässlich des Western „Mörder des Klans“ tat, wo dieser viel zu unbekannte Meister hinter der Kamera bereits sein großes Können zeigte. Schade, dass er später im Bodensatz des italienischen Exploitationkinos versank), der genau weiß, wie man mit den Schatten spielt. Wie man den Eindruck einer Szene noch verstärken kann, indem die Kamera leicht in die Untersicht gebracht wird bringt. Der im richtigen Moment ganz nah dran an den Gesichtern und Figuren ist. Der Mailand diese raue, triste Antlitz verleiht. Ohne Amedeo Giomini, der mit seinem Schnitt den Actionszenen diese unerhörte Dynamik gibt. Und natürlich – die Musik. Was Luis Bacalov zusammen mit der Prog-Rock-Gruppe Osanna hier zum Film beisteuert, hebt diesen noch einmal auf ein ganz anderes Level. Ein Soundtrack für die Ewigkeit. Wie bei der eingangs beschrieben Geldübergabe mit jedem Wechsel der Träger die Musik von neuem anschwillt und aus den Boxen birst – das geht unter die Haut. Oder jene Musik, welche Barbara Bouchets erotischen Auftritt begleitet. Melodien für die Ewigkeit. Schade, dass der tollen Veröffentlichung nicht auch noch der Soundtrack beiliegt. Aber das ist schon ein sehr hehrer Wunsch. Man muss filmArt dankbar sein, dass „Milano Kaliber 9“ nun in einem hervorragenden HD-Bild vorliegt, welches all die großen Qualitäten dieses Meisterwerkes noch einmal deutlich hervorhebt.

Ein zeitloser Klassiker des italienischen Gangsterfilms. Keine Maurizio-Merli-Haudrauf-Action, sondern ein desillusionierter Film Noir, bei dem alles stimmt. Von den überragenden Schauspielern bis zur aufpeitschenden Musik. Selten was das ausgelutschte Wort vom „Muss see“ so angebracht wie hier.

„Milano Kaliber 9“ ist die Jubiläumsnummer 10 der „Polizieschi Edition“ aus dem Hause filmArt und endlich mal wieder ein echtes Schwergewicht. Die Scheibe kommt als Blu-ray-/DVD-Kombi daher und hat den Film in der ungekürzten Originalfassung (102 Minuten, die Stellen ohne Synchronisation wurden untertitelt) und der deutschen Kinofassung (95 Minuten) daher. Bild und Ton sind sehr gut. Positiv sei vermerkt, dass der Film bei aller Brillanz seinen „Kinolook“ behält und somit lebendig und nicht totgefiltert aussieht. Beim deutschen Ton hat man allerdings das Gefühl, dass hier etwas zu viel Atmo raus gefiltert wurde. Das klingt manchmal etwas flach. Sehr angenehm und informativ ist die 15-minütige Einführung in den Film, in der Prof. Dr. Marcus Stiglegger das am film beteiligte Personal vorstellt. Sehr interessant sind auch die halbstündige Dokumentation „Calibro 9“ – quasi ein Making-Of – und das 39 Minuten lange Featurette „Fernando DiLeo – Die Entstehung des Genres“ in dem Fernando di Leo über seine lange Karriere Auskunft gibt. Beide Features befinden sich auch auf der Raro-Veröffentlichungen (USA und Italien). Leider wurde auf das Feature „Scerbanenco noir“ (über den Autoren der Vorlage), welches in den internationalen Veröffentlichungen auch enthalten war, hierzulande verzichtet. Ferner sind noch Trailer (leider nicht der deutsche), ein Musik-Video der Gruppe Salem’s Pop (welches zu der Tanz-Szene mit Barbara Bouchet das Hauptthema des Filmes remixt, verfremdet und mit vielen Scratch-Effekten versieht – ist nicht so mein Ding) und ein sogenanntes Artbook mit dem kompletten deutschen Kinoaushang.

DVD-Rezension: „Strasse der Angst“

Von , 17. September 2016 11:24

strassederangstDer aufstrebende Jungpolitiker ist Dr. Michele Alemani (Fabio Testi) ist mit Rita (Simonetta Stefanelli) verheiratet, der Tochter des einflussreichen Bauunternehmer und Parteivorsitzenden Vetroni (Ugo Bologna). Für seinen Schwiegervater übernimmt er auch schon mal die Drecksarbeit, wie die Einschüchterung unliebsamer Konkurrenten. Eines Tages wird Alemani Opfer eines Attentats. Gerettet wird er dabei von einer unbekannten jungen Frau (Lara Wendel), die seine Wunden verbindet. Alemani kann die junge Frau nicht vergessen. Als er sie wenig später zufällig in einem Restaurant wieder trifft, verlieben sich beide ineinander. Alemani ist bereit für Viva, so heißt die Schöne, alles aufzugeben. Auch als er entdeckt, dass sie schwer heroinabhängig ist, ändert dies nichts an seinen Plänen…

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Um es gleich vorweg zu schicken: Warum dieser Film in der Reihe „Polizieschi“ erscheint, wird wohl auf immer das Geheimnis des Labels filmArt bleiben. Nein, wer aufgrund des reißerischen Covers eine actionreichen Polizei- oder Mafiafilm erwartet, der wird bitter enttäuscht werden. Und nein, weder trägt Herr Testi in diesem Film einen Trenchcoat, noch nimmt er eine Waffe in die Hand. Immerhin ist das Cover so aber vielfältig einsetzbar und diente auch der VHS-Veröffentlichung des Films „Sieben Stunden der Gewalt“ mit George Hilton als Cover-Motiv, indem der Figur, die offensichtlich Testi darstellen soll, ein Schnauzbart aufgemalt wurde. Dabei beginnt „Strasse der Angst“ für den durch das Label „Polizieschi“ angelockten Zuschauer durchaus vielversprechend. Zu einer schönen Melodie des immer zuverlässigen Stevio Cipriani, dessen Werke zahlreiche Klassiker des Genres zieren, sehen wir Fabio Testi beim nächtlichen Rugby-Spiel, beobachtet von einigen finsteren Gestalten, die sich dann auch gleich an seine Fersen heften. Schnell wird klar, dass der aufstrebende Jungpolitiker für seinen reichen und industriellen Schwiegervater die Drecksarbeit erledigt und mit sanftem Druck unliebsame Konkurrenten aus den Weg räumt. Doch sehr bald bekommt er die Quittung für sein zwielichtiges Treiben präsentiert und wird von einem maskieren Überfallkommando zusammengeschossen. Hier endet dann erst einmal die erwartete Handlung und der Film wendet sich mit Schmackes einem anderen Genre zu.

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Als Alemani nach dem Überfall angeschossen an einem Laternenpfahl hängt, eilt ihm eine unbekannte Schöne zu Hilfe, bindet ihm mit ihrem Schal seine Wunden ab und verhindert somit, dass er verblutet. Ob diese junge Frau nur zufällig in der Nähe war, oder ob sie zusammen mit ihrem kriminellen Freund in die Sache verwickelt ist, wird im weiteren Verlauf nicht geklärt. Beides ist denkbar. Alemani kann die Schöne nicht vergessen, was man durchaus nachvollziehen kann, wird sie doch von der schönen Lara Wendel gespielt. Lara Wendel war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten unglaubliche 15 Jahre jung. Etwas, was man ihr aber zu keiner Zeit ansieht, insbesondere in den zahlreichen, textilfreien Liebesszenen mit Fabio Testi, in denen sie sehr ungezwungen ihren makellosen Körper präsentiert. Die 1965 als Daniela Rachele Barnes in München als Tochter eines amerikanischen Schauspieler-Ehepaars geborene Wendel hat zu diesem Zeitpunkt schon einige Erfahrung im Filmgeschäft und mit Nacktszenen. Spielte sie doch 1977 die Hauptrolle in dem Skandalfilm „Maladolescenza – Spielen wir Liebe“. In „Strasse der Angst“ zeigt sie neben ihren körperlichen Reizen auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten. Schließlich spielt sie ihre Figur – welche einige Jahre älter als sie selbst zu sein scheint – sehr souverän und glaubwürdig. Auch in den dramatischen Szenen verfällt sie nicht in eine übertriebene Darstellung, sondern verkörpert Schmerz und Zerrissenheit auf realistische Art und Weise. Demgegenüber wirkt Fabio Testi häufig etwas steif und verkrampft.

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Sobald sich Alemani in die geheimnisvolle Viva verliebt, und beide sehr schnell ein ungleiches Paar werden, verlässt der Film konsequent den Gangsterfilm-Pfad und begibt sich gänzlich ins Reich des Liebes-Drama. Dann erzählt „Strasse der Angst“ nur noch von dem Karrieremenschen, der für seine große Liebe alles aufgibt und sich im stetigen Kampf mit deren Vergangenheit befindet. Der mit ihrer Drogenabhängigkeit konfrontiert wird und trotzdem um sein großes Glück kämpft. Der seine Geliebte aber auch akzeptiert und gegen alle gesellschaftlichen Widerstände alles tut, um mit ihr an seiner Seite ein neues Leben zu beginnen. Das nimmt dann durchaus Züge einer Groschenroman-Romanze an. Mit der Optik von kitschigen 80er-Jahren-Pärchen-Postern, wie sie damals in zahlreichen Backfisch-Stuben hingen. Alemani und Viva lieben sich inbrünstig (was Frau Wendel zu einigen unverhüllte Szene verhilft, was ja durchaus seinen Reiz hat) und sind bereit, sich gegenseitig füreinander zu opfern. Aber erst am Ende schlägt das Schicksal, bzw. die Umstände wieder mit unerbittlicher Härte zu und verschafft Danilo Mattei zu einem wunderbar schmierigen Auftritt als ehemaliger Freund/Dealer/Zuhälter (?) der armen Viva. Fabrizio Lori gelingt es bei seinem Regie-Debüt dann zu guter Letzt doch noch, zusammen mit seiner Hauptdarstellerin ein optisch reizvolles und schön melancholisches Finale zu inszenieren, welches dem Publikum länger im Gedächtnis haften bleiben dürfte, als der kitschige Mittelteil des Filmes.

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Für Freunde des „Polizieschi“ dürfte „Strasse der Angst“ eine ziemliche Mogelpackung sein. Freunde des italienischen Films dürfen sich aber an der schönen Lara Wendel und Fabio Testi erfreuen. Nach einem vielversprechenden Beginn, gleitet der Film leider schnell in kitschige Bastei-Roman-Gefilde ab, fängt sich am Ende aber wieder und liefert zumindest ein gelungenes, dramatisches Finale.

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Das Bild dieser filmArt-DVD kann man ruhigen Gewissens als solide bezeichnen. Mehr war bei diesem eher unbekannten Film wohl auch nicht drin. Der deutsche und italienische Ton ist okay, die Synchronisation sehr gut. Neben dem deutschen Trailer, wurde noch die deutsche Kinofassung mit auf die Scheibe gepackt. Diese ist von daher sehr interessant, weil sie mit einem alternativen Ende aufwartet. Auffällig ist bei dieser Veröffentlichung, dass es erstmals kein Booklet gibt.

DVD-Rezension: „Im Dutzend zur Hölle“

Von , 25. November 2015 21:02

dutzendzurhoelleAls der „consigliori“ des einflussreichen Mafiaboss Don Antonio Macaluso (Martin Balsam), Anwalt Thomas Accardo (Tomas Milian), aus dem kriminellen Milieu aussteigen will, löst er damit einen Mafiakrieg aus. Da Don Antonio seinen Ziehsohn Thomas unbehelligt ein neues Leben mit der schönen Laura (Dagmar Lassander) beginn lässt, hat Don Antonios rechte Hand Vincent Garofalo (Francisco Rabal) einen Grund gefunden, um sich gegen seinen Don zu wenden und dessen Organisation mit Duldung der anderen Familien zu vernichten. Als Don Antonio beinahe Opfer eines Attentats wird und auch Thomas nur knapp einem Anschlag entgeht, kehrt Thomas an die Seite Don Antoinis zurück, um mit Garofalo abzurechnen…

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Alberto de Martino ist vielleicht der „amerikanischste“ Regisseur des italienischen Genre-Kinos. Seine Filme greifen immer nach Höherem. Er besetzt gerne US-Stars und verlegt die Handlung seiner Streifen immer wieder in die USA. Das tun andere italienische Filme zwar auch, doch die wahren Drehorte strafen sie immer wieder Lüge oder es werden nur wenige Minuten an markanten Stellen wie der Brooklyn Bridge aufgenommen, damit die Illusion der authentischen Drehorte entsteht. De Martino hat den größten Teil seines Mafia-Filmes „Im Dutzend zur Hölle“ aber tatsächlich vor Ort in Kalifornien gedreht. Die Besetzung des Filmes ist zwar überwiegend aus italienischen Produktionen bekannt, aber mit Martin Balsam hat De Martino einen bekannten Charakterdarsteller aus den USA mit der zweiten Hauptrolle betraut, den man u.a. aus Alfred Hitchcocks „Psycho“ kennt und der für seine Rolle in „Tausend Clowns“ einen Oscar gewann. Balsam hatte zwei Jahre zuvor seinen ersten Film in Italien gedreht, Damiano Damianis großartigen „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“, und Gefallen am italienischen Leben gefunden. Es sollten noch zahlreiche Italo-Produktionen folgen und Balsam verlagerte seinen Lebensmittelpunkt immer mehr in sein geliebtes Italien, wo er dann auch 1996 verstarb.

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„Im Dutzend zur Hölle“ ist stark von Francis Ford Coppolas „Der Pate“ inspiriert, was man schon am Originaltitel „Il consigliori“ merkt. Im „Paten“ spielte Robert Duvall den „consigliori“ Tom Hagen, eine Rolle die ganz ähnlich angelegt ist, wie von Tomas Milian in „Im Dutzend zur Hölle“. Jemand, der nicht zur Familie gehört, aber trotzdem für den Mafia-Paten so etwas wie ein eigener Sohn ist. Ein Anwalt und brillanter Stratege, seinem Ziehvater treu ergeben. Zudem mixt das Drehbuch auch noch einiges von der Persönlichkeit des Michael Corleone in die Figur des Thomas Accardo. Beide wollen ein normales Leben führen und der Mafia-Familie den Rücken kehren. Kam Michael Corleone im „Paten“ aus dem Krieg zurück, so ist es bei Thomas Accardo das Gefängnis, wo er über sein Leben nachgedacht hat und beschloss, es in eine neue Richtung zu lenken. Die wunderbare Dagmar Lassander übernimmt dabei die Rolle, die Diane Keaton in „Der Pate“ inne hatte. Nur leider wird die gute Dagmar von de Martino ziemlich verschwendet. Nicht nur, das sie hier etwas mopsig aussieht und kaum etwas von ihrem natürlichen Charisma verbreiten kann, auch ihre Figur der Laura stark unterentwickelt. Dies fällt insbesondere bei der Abschiedsszene mit Milian ins Gewicht, welche überhastet und ohne echte Chemie zwischen den Beiden inszeniert ist.

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Milian selber schlägt sich sehr gut als „consigliori“. Seine zynische, manchmal etwas zu selbstsicher wirkende Art, verleiht ihm Autorität. Auch seine Rückkehr in die Arme der Mafia ist recht überzeugend ausgefallen. Man ihm vorher sowieso nicht so recht abnehmen können, dass er tief im Herzen nicht das Leben an der Seite von Don Antonio weitaus mehr genossen hat, als jenes, welches er nun mit Laura führt. Im Grunde hegt er für seinen Ersatz-Vater Don Antonio doch weitaus tiefere Gefühle als für die, in diesem Film, doch recht fade Dagmar Lassander. So gewinnt der zuvor eher hölzern agierende Milian plötzlich an Charisma und Elan, wenn er seinem bedrohten Paten zur Seite steht, Strategien entwirft und mit der Knarre in der Hand kurzen Prozess macht. Die blutigen Actionszenen sind Alberto de Martino gut gelungen. Hier kommt der gewalttätige Wahnsinn durch, der das Genre des Polizieschi auszeichnet. Es werden keine Gefangenen gemacht und tatsächlich im Dutzend Gangster zur Hölle geschickt. Sie werden niedergemäht, in die Luft gesprengt, verbrannt und erstochen. Zwischendurch werden Autoverfolgungsjagden eingestreut und Leichen auf besonders kreative Weise entsorgt. Eine unglückliche Gestalt wird erst in ein Fass eingeschweißt und dann im Sockel einer Brücke versenkt.

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Wie in „Der Pate“ wird die Mafia als große Familie mit einem strengen Ehrencodex beschrieben. Auch Don Antonios Organisation erinnert mehr an ein komplexes Familienunternehmen mit sonderbaren Geschäftsmethoden als an eine Gangsterbande. Die Gefahr für die Familie entsteht dann auch nicht durch die Polizei – welche hier kaum eine Rolle spielt – sondern durch Figuren, die die alten Methoden nicht respektieren und den Ehrencodex brechen. Waren es im Paten die Drogendealer, so ist es hier der Emporkömmling Garofalo, der sich gegen Don Antonio und den alten Stil stellt. Gerade diese Besinnen auf „alte Werte“ wird in „Im Dutzend zur Hölle“ aber große geschrieben und gerade darum hat Garofalo kein Chance, wenn sich das Kampfgebiet in die Heimat der Mafia, Sizilien, verlagert. Dort, wo der eine Don den anderen noch herzlich empfängt und Abmachungen eingehalten werden. In diesen Sizilien-Szenen gibt es dann auch ein willkommenes Wiedersehen mit so beliebten Gesichtern, wie denen von Edoardo Fajardo und Nello Pazzafini, was den Liebhaber italienischer Genrekost ebenso erfreut, wie der wunderbare Score von Riz Ortolani. Das die Geschichte sehr episodenhaft erzählt wird, kennt man ja aus diversen anderen Polizieschi und gehört fast schon zum guten Ton dieses Genres.

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„Im Dutzend zur Hölle“ orientiert sich am Welterfolg „Der Pate“, ist aber trotz vieler Gemeinsamkeiten ein eigenständiges und actionbetontes Werk. Prominent besetzt weiß der Film trotz eines recht episodenhaften Drehbuchs kurzweilig zu unterhalten.

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Zur DVD aus dem Hause filmArt, der No. 7 der Polizieschi-Edition, muss man leider zunächst sagen, dass Bildqualität nicht wirklich gut ausgefallen ist. Wie man im Internet lesen kann, stand hier lediglich eine Digibeta im originalen 2.35:1 Scope zur Verfügung. Das Negativ scheint verschwunden zu sein. Da es keine besseren Quellen gibt, kann man die Bildqualität akzeptieren, doch es erschreckt zunächst, auch wenn man sich mit zunehmender Spieldauer daran gewöhnt. Neben deutschen Ton ist nur die englische Tonspur mit an Bord. Eine italienische fehlt. Ferner gibt es noch eine Bildergalerie und eine Trailershow, sowie ein zwölfseitiges Booklet mit kompetent geschriebenen Texten von Ulrich Köhler und Gerald Kuklinski zum Film und de Martino.

DVD-Rezension: „Die Gewalt bin ich“

Von , 28. März 2015 15:03

gewaltbinichKaum ist „der Chinese“ (Tomas Milian) aus dem Gefängnis geflohen, lässt er umgehend den Mann exekutieren, der ihn einst hinter Gitter brachte: Den Ex-Kommissar Tanzi (Maurizio Merli). Doch Tanzi überlebt den Mordanschlag. Offiziell für Tod erklärt, macht sich Tanzi auf eigene Faust daran, dem „Chinesen“ das Handwerk zu legen. Währenddessen hat dieser mit dem mächtigen Gangsterboss Di Maggio (John Saxon) einen Pakt geschlossen. Doch die Zusammenarbeiten zwischen den beiden läuft nicht reibungslos, und Tanzi gelingt es immer wieder, neuen Sand ins Getriebe zu streuen. Bald schon steuert Rom auf einen blutigen Bandenkrieg zu…

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Nach dem Erfolg von „Die Viper“ drehte Umberto Lenzi 1977 diese Quasi-Fortsetzung namens „Die Gewalt bin ich“. Maurizio Merli darf dabei wieder in die Rolle des Kommissar Tanzi schlüpfen, der hier allerdings den Dienst quittiert hat und nunmehr als Privatmann die Unterwelt aufmischt. Dabei ist er sich jedoch der Unterstützung seines alten, von Renzo Palmer gespielten, Kollegen Astalli sicher. Die Beiden liefern sich dabei Dialoge, als wäre Tanzi noch immer bei der Polizei. Astalli drückt auch schon mal beide Augen zu, wenn der wilde Ex-Cop durch die Reihen der Gangster pflügt. Merli ist für seine Stammrolle als zuschlagender und, trotz akkuratem Seitenscheitel und korrekt gestutzten Schnauzer, immer ziemlich prollig wirkender Verbrechensbekämpfer geboren. Auch hier lässt er gerne mal das üppige Brusthaar aus dem zu weit aufgeknöpften Hemd wallen und einen bedenklichen Faible für Goldkettchen zu Schau stellen. In den 80ern hätte er wohl auch einen Vokuhila getragen. In Interviews wird Merli von seinen Zeitgenossen häufig als sehr schüchtern und freundlich beschrieben. Da ist war eine Figur wie der Tanzi, der auch gerne mal saftige Backpfeifen an herumstehende Frauen verteilt, für ihn möglicherweise eine größere schauspielerische Herausforderung gewesen, als man bei der hier eher eindimensionalen mimischen Leistung denkt.

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Ebenfalls aus „Die Viper“ wurde Tomas Milian übernommen, der hier wie dort den Part des Bösewichts übernimmt. Zwar ist sein „Chinese“ nicht mit dem buckligen Vincenzo Moretto – der dann aber in Lenzis „Die Kröte“ wieder auftauchen sollte – identisch, doch die Ähnlichkeiten zwischen beiden Figuren sind unübersehbar. Beide stammen aus dem Proletariat, sind Charaktere, die sich von ganz unten hochgearbeitet haben, aber nicht in der Lage sind, sich in der gehobeneren Schicht wirklich anzupassen. Beide sind durchtrieben, skrupellos und mit einer großen Bauernschläue gesegnet. Den Respekt ihres Gegenüber gewinnen sie nie und das wissen sie. Also gleichen sie diesen Mangel mit einer gehörigen Portion Gefährlichkeit aus. Wenn man Milian dabei zusieht, wie er beim Besuch des über ihn stehenden Gangsterbosses herum lümmelt, blöde Sprüche reist und mit falscher Freundlichkeit agiert, vergisst man trotzdem zu keiner Sekunde, dass er eine entsicherte Waffe ist, die jeden Augenblick losgehen kann. Auch wenn die „Viper“ im Vorgängerfilm lediglich eine Erfindung der deutschen Titelschmiede ist und sich auf Merlis Tanzi bezieht, hier wäre dieser Spitzname für Luigi Maietto mehr als angebracht. Zumindest weitaus mehr als „der Chinese“, was im Film mit der Ähnlichkeit von Maiettos Hartnäckigkeit und der chinesischen Wasserfolter begründet wird.

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Neben Merli und Milian, ist Genre-Vertan John Saxon der Star des Filmes. Dieser heißt im italienischen Original übersetzt „Der Zyniker, die Ratte und die Faust“ – in Anlehnung an „Der Gute, der Schlechte und der Hässliche“, wieder der Originaltitel des Sergio-Leone-Klassikers „Zwei glorreiche Halunken“ lautet. Welcher Part dabei Saxon zukommt, ist nicht so ganz klar. Denn er ist sowohl zynisch, als auch eine fiese Ratte. Saxon konnte schon 1977 auf eine lange und ereignisreiche Karriere zurückblicken. So war er nicht nur im „ersten“ Giallo mit von der Partie, Mario Bavas „The Girl Who Knew Too Much“, sondern spielte auch den Hauptcharakter in „Der Mann mit der Todeskralle“. In den 70er Jahren tauchte er vermehrt in italienischen Polizeifilmen auf. 1980 war er bei Antonio Margheritis „Asphalt-Kannibalen“ dabei und ab 1984 in dem Horrorklassiker „A Nightmare on Elm Street“ nebst zwei der Sequels. In „Die Gewalt bin ich“ spielt er einen eleganten Gangsterboss, der auch schon mal selbst Hand anlegt, wenn er einen Verräter mit Golfschläge aus kurzer Distanz foltert. In einigen Szenen meint man, dass er sich einen Spaß daraus macht, Marlon Brandos „Paten“ zu parodieren.

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Am Drehbuch strickten die besten und bekanntesten Drehbuchautoren des italienischen Genre-Kinos: Dardano Sacchetti, der an fast jedem der großen Giallo-, Polizieschi- und Zombiefilmen von 1970 bis 1986 als Autor beteiligt war. Von Argentos „Die neunschwänzige Katze“ bis zu seiner Kollaboration mit Lucio Fulci, die 1977 mit „Sieben Noten in Schwarz“ begann und über fünf Jahre alle großen Klassiker hervorbrachte bis sie 1982 mit „New York Ripper“ endete. Ebenfalls beteiligt war Giallo-Spezialist Ernesto Gastaldi, der regelmäßig mit Sergio Martino zusammenarbeitete. Die Story stammt von Sauro Scavolini, der für seine Italo-Western-Drehbücher berühmt wurde und den wunderbaren „Liebe und Tod im Garten der Götter“ inszenierte. Auch Lenzi selber schrieb mit. Bei diesem Triumvirat an hochtalentierten Autoren scheint der Spruch von den vielen Köchen, die den Brei verderben, leider zu stimmen, denn das Drehbuch ist ein ziemliches Durcheinander. Da gibt es unerklärte Lücken in der Handlung, dann wird recht holprig eine lange heist-Sequenz eingebaut und Nebenfiguren eingeführt, die dann entweder schnell wieder beseitigt oder schlichtweg vergessen werden. Vor allem enttäuscht aber das doch recht unspektakulär ausgefallene Finale. In den Einzelteilen ist der Film sehr unterhaltsam, als großes Ganzes passen diese aber nicht richtig zusammen und es knirscht im Getriebe. Immerhin aber wird diese Geknirsche durch großartige Musik übertönt, für welche Franco Micalizzi verantwortlich ist.

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Mit Blick auf die Besetzungsliste und die Verantwortlichen hinter der Kamera, sollte man mindestens einen „Citizen Kane“ des Polizieschi erwarten. Leider bleibt „Die Gewalt bin ich“ durch ein lückenhaftes und episodenhaften Drehbuch hinter den hohen Erwartungen weit zurück. Löst man sich von diesen, so liefert Umberto Lenzi solide Action-Unterhaltung mit tollen Hauptdarstellern und perfekter Musikuntermalung.

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Nachdem „Die Gewalt bin ich“ schon 2012 in einer wunderschönen Edition bei filmArt erschien, wurde nun noch einmal eine preisgünstigere Variante hinterher geschoben. Dabei muss der geneigte Käufer allerdings auf so schöne Extras wie den Audiokommentar mit Christian Kessler und Pelle Felsch, sowie die Featurettes „Saxxon -Die Gewalt bin ich“ und „Franco Micalizzi – A Conversation“ verzichten. Das Design der DVD wurde der Polizieschi-Reihe angepasst und statt der Extras der ursprünglichen Edition, gibt es jetzt lediglich Trailer für eben diese Reihe, sowie zu der ebenfalls bei filmArt erscheinenden Giallo-Serie. Nichts geändert hat sich an der hervorragenden Bildqualität des Filmes und den Tonspuren. Diese liegen wieder auf Deutsch, Italienisch und Englisch vor. Unterstützt von deutschen und englischen Untertiteln. Wer den Film noch nicht in der Sammlung stehen hat und auf die Extras verzichten kann, ist hier also bestens bedient.

Blu-ray-Rezension: “Der Teufel führt Regie”

Von , 17. Januar 2015 21:11

teufelfuehrtregieNick Lanzetta (Henry Silva) wurde vom Mafiosi Don Giuseppe D’Aniello (Claudio Nicastro) wie ein Sohn aufgezogen. In D’Aniellos Auftrag löscht Lanzetta eine rivalisierende Mafia-Familie aus. Doch ein Vertrauter der Familie, Cocchi (Pier Paolo Capponi) kann entkommen. Er ahnt, dass D’Aniello hinter dem Massaker steckt und entführt dessen Tochter Rina (Antonia Santilli). Obwohl vom D’Aniello großen Paten Don Corrasco (Richard Conte) verboten wird, sich einzumischen, nimmt dieser die Sache selber in die Hand und beauftragt Lanzetta seine Tochter aus den Klauen Cocchis zu befreien. Koste es, was es wolle. Damit wird ein blutiger Mafia-Krieg losgetreten und Lanzetta vom Jäger zum Gejagten…

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Der Teufel führt Regie“ ist der Abschluss der sogenannten „Mafia“-Trilogie des italienischen Regisseurs Fernando di Leo. Obwohl alle Filme unabhängig von einander sind und auch nicht aufeinander aufbauen, so besitzen sie doch inhaltliche Schnittpunkte, denn sie erzählen alle drei im Grunde die gleiche Geschichte. Die Geschichte eines Mannes, der sich innerhalb des System der Mafia bewegt, hier jedoch Opfer von Machtspielen und Intrigen wird. War Ugo Piazza aus „Milano Caliber 9“ dabei nur scheinbar ein Opfer, welches aber hinter der Fassade seiner ganz eigene Agenda verfolgte und dabei Freund und Feind betrog, so ist der Kleingangster Luca Canalli, der in „Der Mafiaboss“ von den mächtigen Bossen zum Freiwild erklärt wird, eine bemitleidenswerte Kreatur, die gar nicht weiß wie ihr geschieht, wenn sie zwischen die Mühlsteine der Intrigen und politischen Machtspiele der Bosse gerät. Lanzetta aus „Der Teufel führt Regie“ hingegen ist ein Mann, der durchaus weiß, wie der Hase läuft. Der im System des Verbrechens eiskalt agiert und reagiert. Der die Spielregeln verstanden hat und deshalb seinen Feinden einen Schritt voraus ist.

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Und die Spielregeln lauten: Keine Skrupel – kein Vertrauen. Jederzeit kann der Verbündete zum Feind werden. Zu jedem Zeitpunkt muss man damit rechnen, dass sich der Freund als schlimmster Feind entpuppt. Loyalität wechseln schneller als die Windrichtung. Selbst wenn man jemanden wie seinen eigenen Sohn aufgezogen hat, heißt es nicht, dass dieser einen nicht ohne zu zögern umbringt, wenn es für seine Ziele opportun ist. Traue niemanden. Baue keine emotionalen Bande auf. Sei immer auf der Hut und bereit, jeden zu töten, der dir im Weg steht. Die Welt, die di Leo hier zeichnet ist finster, zynisch und voller Gewalt. Keine seiner Figuren ist ohne emotionale Verkrüppelungen. Das Opfer einer Entführung entpuppt sich als nymphomane Drogensüchtige, die die sexuellen Übergriffe ihrer Entführer genießt, der alte Patriarch lässt seine Weggefährten mit einem Lächeln aus dem Weg räumen und kuscht doch selber vor den noch mächtigeren Bossen aus Rom. Der Polizist ist durch und durch korrupt und Lanzetta selber ein eiskalter Killer, der selbst seine Mutter ohne mit den Augen zu zwinkern über den Haufen schießen würde, wenn es ihm nützt. In seiner Erbarmungslosigkeit und Brutalität erinnert „Der Teufel führt Regie“ stark an die japanische „Battles without Honor und Humanity“-Reihe. Denn Ehre und Humanität sind auch hier völlig abstinent.

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„Der Teufel führt Regie“ war der erste Polizieschi, den ich einst vor vielen Jahren sah. Und er hat mich schon damals stark beeindruckt. Allein die Eröffnungsszene, in der Lanzetta in ein Kino schleicht, um aus dem Vorführraum heraus seine Sprengstoffgeschosse in den Saal zu feuern, blieb mir im Gedächtnis. Aber auch die rockige Musik, die rockig-treibende Musik von Luis Bacalov und die vielen rau inszenierten Mordszenen faszinierten mich. Das Wiedersehen hat diese frühen Eindrücke bestätigt.Dem in Brooklyn aufgewachsenen Henry Silva ist die Rolle des Lanzetta wie auf den Leib geschrieben. Seine durchdringenden Augen, die in einem nahezu unbewegten, kantigen Gesicht wie glühende Kohle lodern, machen schnell klar, dass hier jemand ist, mit dem man sich keine Späße erlaubt. Der aufrechte, katzenhafte Gang und der Sinn für Stil – Silva sah wahrscheinlich in keinem seiner Filme besser aus – lassen Schauspieler und Figur miteinander verschmelzen. Man braucht nicht viel über Lanzetta zu wissen. Silvas eiskalte, unerbittliche Aura erzählt bereits die ganze Geschichte.

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Neben Silva haben es die anderen Darsteller schwer, schaffen es aber, ihren Rollen einen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Insbesondere Gianni Garko überrascht, spielt er doch gegen sein Typ. Zwar wirkt seine Darstellung zunächst befremdlich und aufgesetzt, wenn er mit den Händen in der Gegend herumfuchtelt, unterstreicht aber auch die Primitivität seines Commissario Torri , der gerne etwas Größeres darstellen möchte, als er ist. Der alte Westernheld Garko untergräbt in jeder seiner Szenen jedweden Respekt, den man vor Commissario Torri haben könnten. Einen aufgeblasenen Popanz, der so gerne ein cooler Bulle wäre. Letztendlich aber seine Karriere nur dem gut geschmierten System verdankt. Altstar Richard Conte bringt genug Ausstrahlung mit, um seinen Mafia-Paten mächtig und väterlich zu gestalten, lässt aber auch durchblicken, dass Don Corrasco ein schwacher Herrscher über das Reich des sizilianischen Verbrechens ist und am Ende dann doch auch an den Fäden anderer hängt. Dies ist eine weitere Gemeinsamkeit der Figuren in „Der Teufel führt Regie“. Alle überschätzen sich und ihre Möglichkeiten. Allein Lanzetta bildet hier eine Ausnahme. Positiv fällt auch Marino Masè – der einst die Hauptrolle in Jean-Luc Goddards „ Die Karabinieri“ spielte – in der Rolle des Pignataro auf. Ein kluger, gewiefter Taktiker und skrupelloser Killer, dem allerdings sein Stolz auf die eigene Cleverness zum Verhängnis wird.

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„Der Teufel führt Regie“ berichtet von einer Welt in der Niedertracht, Verrat und skrupellose Gewalt regieren. Ohne einen einzigen positiven Charakter dreht sich die Spirale der Gewalt immer schneller und reist alles mit sich, nur um am Ende wieder am Anfang anzukommen. Ein zutiefst pessimistisches Werk der Polizieschi-Legende Fernando di Leo mit einem beängstigenden Henry Silva in der Hauptrolle.

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FilmArt hat diesen Film in einem Media-Book, welches den Film sowohl auf Blu-ray als auch auf DVD enthält, veröffentlicht. Das Bild der Blu-ray ist tadellos und verfügt über kräftige Farben und tiefe Schwarztöne. Bezüglich des Tons gab es im Vorfeld ein großes Problem. Der Film war vor der deutschen Kinoauswertung 1974 massiv gekürzt worden. Um diese Kürzungen zu kaschieren, wurde die Dialoge in der deutschen Synchronisation so hin gebogen, dass die fehlenden Teile nicht weiter auffielen. Wenn filmArt nun eine ungekürzte Fassung mit deutschen Ton anbietet, so passen die wieder eingefügten Teile nicht mehr zur deutschen Fassung. So entschied sich filmArt für die einzig sinnvolle Lösung: Die ungekürzte Fassung wird im italienischen Original mit deutschen Untertiteln– die gekürzte, ganz auf die Action fokussierte, deutsche Kinofassung mit Synchronisation angeboten. Vor Beginn des Filmes, wird der Filmfreund aufgefordert, sich für eine der beiden Fassungen zu entscheiden. Der DVD liegt ein umfangreiches und sehr informatives Booklet von Pelle Felsch bei. Einziger Kritikpunkt: Die deutschen Untertitel der italienischen Fassung sind ab und zu von irritierenden Rechtschreibfehlern geplagt. Laut OFDb soll es übrigens ein 83-minütiges Hidden Feature geben. Dieses habe ich allerdings nicht gefunden und glaube, das ist eine Ente. Falls jemand Näheres weiß, bitte in den Kommentaren posten.

Alle Screenshots stammen von der DVD-Version des Filmes.

DVD-Rezension: “Convoy Busters”

Von , 6. November 2014 19:38

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Kommissar Olmi (Maurizio Merli) ermittelt in Rom in der Mordsfall eines jungen Mädchens. Schnell stellt sich heraus, dass diese aus dem Weg geräumt wurde, da sie zu viel über die illegalen Tätigkeiten des Vaters ihres Freundes wusste. Olmi unternimmt alles, um die Übeltäter gefangenzunehmen und gerät dabei selber ins Fadenkreuz. Als er aufgrund der korrupten Justiz einen Fluchtversuch nicht verhindern kann, lässt er sich in eine kleine Stadt am Meer versetzen, wo er schon bald einer Schmugglerbande auf die Schliche kommt…

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Maurizio Merli ist eine Ikone des italienischen Polizeifilms, dem sogenannten Polizieschi. Dabei betrat er relativ spät diese Bühne. Ursprünglich war er nur in der Hauptrolle des Films „Verdammte heilige Stadt“ (auch bekannt als „Gewalt rast durch die Stadt“) besetzt worden, weil er Franco Nero ähnlich sah, der nach dem Erfolg von „Tote Zeugen singen nicht“ den Produzenten einfach zu teuer wurde. So versah Merli seinen ersten Einsatz in als Nero-Lookalike mit ähnlichem Rollennamen (Belli/Betti) und Kostüm. Doch augenblicklich gewann der zupackende Merli das Herz der Fans, und noch heute wird sein Name fast schon synonym für den „Polizieschi“ verwendet. Vor allem allerdings auch für die Stereotypen, die man hier erwartet. Den Supercop, der alles niederknallt, was ihm vor den Lauf kommt. Der sich nicht um Regeln und Gesetzt schert und links wie rechts Backpfeifen verteilt. Ein italienischer „Dirty Harry“ auf Speed.

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Die Hauptaufgabe des Films „Convoy Busters“ scheint es zu sein, eben jene Klischees zu bebildern. Merlis Kommissar Olmi kennt weder Gnade, noch Dienstvorschriften. Legt er einmal los, stapeln sich um ihn herum die Leichen und bei Zeugenbefragungen rutscht ihm regelmäßig die Hand aus. Ganz egal, ob er nun Männlein oder Weiblein befragt: Will jemand nicht redet, dann setzt es erst einmal was. Mit der Dienstwaffe geht er ähnlich sorglos um. Einmal streckt er mal eben so einen unschuldigen Radfahrer nieder, nur weil dieser sich ihm arglos von hinten näherte. Es ist typisch für das konfuse Drehbuch, dass diese Tat keine Konsequenzen nach sich zieht. Ja, noch nicht einmal weiter thematisiert wird. Zwar schaut Olmi später einmal melancholisch seine Waffe an, um sie dann zu entladen und im Schreibtisch verschwinden zu lassen, doch dass die ein Akt der Reue ist, muss der Zuschauer sich schon selber zusammenreimen. Und wenn Olmi einmal eine Zeugin verdrischt, kann man dies im Vergleich zu seiner lockeren Dienstwaffe schon fast als lediglich „unorthodoxe Verhörmethode“ abtun.

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Natürlich spielt „Convoy Busters“ in einer Fantasie-Welt, die (hoffentlich) nichts mit dem Alltag der italienischen Polizei 1978 zu tun hat. Unangenehm stößt diese brutale Polizeiwillkür einem aber trotzdem auf. Auch wenn Merli dabei nicht ganz das Niveau seiner asozialen Kollegen Marc Porel und Ray Lovelock aus Ruggero Deodatos „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ erreicht. Dafür hat ihm die Drehbuchautoren einige schöne Turtel-Szenen mit der schönen Olga Karlatos in das Drehbuch geschrieben, welche Regisseur Stevio Massi angemessen albern-kitschig inszeniert. Wer die recht ähnlich anmutenden Szenen zwischen Leslie Nielsen und Priscilla Presley in „Die nackte Kanone“ kennt, hat eine Idee, wie das hier aussieht. Dazu hat der ansonsten ausgesprochen zuverlässige Stelvio Cipriani eine entsprechend süßliche Musik geschrieben. Generell zählt der Score zu „Convoy Busters“ aber nicht zu Ciprianis besten Arbeiten, auch wenn er über weite Teile Stücke verwendet, die bereits in anderen Filmen vorkamen.

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Das Drehbuch etwas anders einen losen Flickenteppich zu nennen, wäre eine böse Untertreibung. Episodenartig hängt Massi eine Szene an die andere. Eigentlich simple Handlungsstränge werden gedehnt, bis sie kaum noch einen Sinn ergeben. Oftmals aber verlaufen sie nach kurzer Zeit im Nichts, nur damit augenblicklich ein neuer Faden aufgenommen werden kann. Figuren treten auf und verschwinden. Was eben noch wichtig war, ist jetzt schon wieder vergessen. Gerade in der ersten Hälfte scheint jede Sequenz nur dazu da, Olmi in Action zu zeigen, und der Leichenhalle neue Kunden zuzuführen. Ein großer Zusammenhang besteht dabei allerdings nicht. Erst in der zweiten Hälfte entwickelt sich so etwa wie eine stringente Handlung, was das Tempo des Filmes aber auch ausbremst.

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Ein Großteil der Konfusion entsteht durch den, vorsichtig ausgedrückt, eigenwilligen Schnitt. Da werden einige Szenen, die am Ende keine Signifikanz für die Geschichte haben, breit ausgewalzt, während man bei anderen das Gefühl hat, sie wären irgendwie abgehackt und würde gleich komplett fehlen. So scheint ein Teil der Handlung, erst am Schneidetisch in eine halbwegs nachvollziehbare Form gebracht worden zu sein. Beispielsweise wird die von Olga Karlatos gespielte Figur der Anna einmal in einer scheinbar völlig unpassend in den Film montierten Szene mit einer Gruppe Kindern gezeigt, obwohl ihr Beruf – offensichtlich Lehrerin – zuvor nicht erwähnt wurde. Dann ein Schnitt und Olmi erhält die Nachricht, Anna würde mit den Kindern in einem Gebäude gefangengehalten. Das Ganze wirkt im fertigen Films so, als habe man während des Drehs völlig vergessen, warum sich denn bitteschön Anna mit einer Gruppe Kindern in dem Gebäude aufhält, woraufhin man die vorher beschriebene Szene mal eben hastig nachgedreht habe.

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Trotz des katastrophalen Drehbuchs und der konfusen Montage kann der Film aber trotzdem gut unterhalten, da er in seinen starken Übertreibungen schwelgt und dabei ein hohes Tempo – zumindest in der ersten Hälfte – an den Tag legt. Zudem mag Stevio Massi vielleicht ein mäßiger Erzähler sein, doch als gelernter Kameramann hat er ein sehr gutes Auge für einprägsame und starke Bilder. Allein die Szene, in der Olmi mit seinen Männern im Gegenlicht ein ausgebranntes Auto samt verkohlter Leiche (ein recht überzeugender Spezialeffekt) untersuchen, versöhnt für so manche arg willkürliche Holprigkeit in der Dramaturgie.

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Eine ansprechende Kameraarbeit, reichlich Action und ein gut aufgelegter Maurizio Merli entschädigen etwas für ein katastrophales Drehbuch und einen willkürlichen Schnitt. Positiv ausgedrückt könnte man auch sagen, der Film verweigert sich starrköpfig einer klassischen Erzählstruktur. Das hohe Tempo und die absurden, teils an eine Parodie erinnernden Situationen dürften Merli-Fans aber trotzdem recht gut unterhalten.

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Die Doppel-DVD aus dem Hause filmArt ist üppig ausgestattet. Hier wurden alle Extras der amerikanischen Veröffentlichung von „No Shame“ übernommen. Maurizio Matteo Merli erzält über seinen Vater (20 Minuten), ferner wird auch sein Agent und Freund Eolo Capacci interviewt (16 Minuten). Merli war seit seiner Kinderheit ein guter Freund der Familie Girolami. Besonders Enio Girolami weiß viele Anekdoten aus dieser Zeit zu berichten (16 Minuten). Aber auch sein Bruder Enzo – besser bekannt unter seinem „Künstlernamen“ Enzo G. Castellari – weiß eine Menge über Merlis Jugend und Karriere zu erzählen (22 Minuten). Am Ende wird auch Ruggero Deodato befragt, der ebenfalls eng mit Merli befreundet war (6 Minuten). Dadurch erhält man ein sehr persönliches Bild vom Menschen und Schauspieler Merli, der privat so ganz anders war, als seine ruppige Leinwand-Persönlichkeit vermuten ließ. Auf einer zweiten DVD befindet sich die alte, um 8 Minuten gekürzte Fassung, die teilweise auch anders montiert wurde. Das Bild des Hauptfilmes ist nur recht durchschnittlich, aber trotzdem gut anschaubar. An zwei kurzen Stellen jedoch „hakt“ das Bild und die Personen bewegen sich nur in Zeitlupe. Könnte die erste dieser Stellen noch als Stilmittel durchgehen, wird bei der Zweiten klar, dass hier ein Fehler im Material vorliegt. Dies irritiert kurz, ist aber zu verschmerzen. Der deutsche Ton ist okay, weißt allerdings Zischlaute auf, sobald ein Wort mit „S“ anfängt. Dafür ist er aber lebendiger als die recht sterile englische Fassung. Die beste Tonspur ist hier die italienische. Alle drei Tonspuren sind in Mono. Ferner liegt der DVD ein 8-seitiges Booklet von Michael Cholewa bei, welches zwar im lockeren Plauderton über den Film und Maurizio Merli informiert, allerdings wieder einmal mit den für diese Reihe leider typischen, orthographischen Unzulänglichkeiten zu kämpfen hat.

Blu-ray-Rezension: “Der Tag der Cobra”

Von , 13. Mai 2014 20:26

tag_der_cobraLarry Stanziani (Franco Nero) saß drei Jahre im Knast. Früher räumte er unter dem Spitznamen „die Cobra“ für das FBI in der Unterwelt von San Francisco auf, denn er war das beste Pferd im Stall seines Vorgesetzten Goldsmith (William Berger). Doch dann wurde er aufgrund einer Intrige selber wegen Drogenhandels verhaftet. Nun hat er ein kleines Detektivbüro und kümmert sich um belanglose Fälle. Eines Tages bietet ihm Goldsmith an, einen Job zu übernehmen, der ihn rehabilitiert. Stanziani soll nach Genua reisen und dort den Boss des Drogenhandels, Kandinsky, in Gewahrsam nehmen. Stanziani nimmt an und macht sich in Genua auf die Suche nach Kandinsky. Dabei gerät er in ein Netz aus Verschwörungen und Lügen…

1980 war das Genre des Poliziesco bereits so gut wie tot. Komödien um den Superbullen Tony Marroni bestimmten das Bild und die Zeiten, in denen Maurizio Merli die Straßen (un)sicher machte, waren vorbei. Enzo G. Castellari war im Bereich des Poliziesco nicht ganz so fleißig, wie seine Kollegen Lenzi und Massi, dafür waren seinen Beiträge sofort Klassiker des Genres. Mit Franco Nero drehte er „Straße in Jenseits“ und vor allem „Ein Bürger setzt sich zur Wehr„. Mit Fabio Testi in der Hauptrolle realisierte er „Dealer Connection“ und „Racket„. 1980 fanden Castellari und sein Lieblingsschauspieler Franco Nero wieder zusammen, um mit „Der Tag der Cobra“ noch einmal einen harten Poliziesco zu machen. Doch die 70er waren vorbei, die Zeit hatte sich geändert. Das wird einem unmittelbar klar, wenn die ersten Bilder zu sehen sind, welche in San Francisco und nicht im sonnigen Rom oder Mailand aufgenommen wurden. Zwar verlagert sich die Handlung bald nach Genua, aber der Film versucht trotzdem einen möglichst amerikanischen Look zu präsentieren. Dies gilt insbesondere für Franco Nero als Larry Stanziani, der mit seinem versiften Trenchcoat, dem komischen Hut und dem ständigen Kaugummi im Mund (welches ihn wohl, trotz italienischer Wurzeln, als bestens assimilierten Amerikaner ausweisen soll) irgendwie an Mike Hammer erinnert. Dazu passt auch sein verdrecktes Detektivbüro in San Francisco, welches zwar hübsch schmierig aussieht, aber auch einen Tick zu dick aufgetragen.

Der amerikanische Look überträgt sich auch auf die Action-Sequenzen. Hier hält sich Castellari auffällig zurück. Zelebrierten seine früheren Filme die Zeitlupen-Shoot-Outs und das Peckinpahsche Todesballet bis zum Exzess, so dominieren hier schnelle Faustkämpfe, die zwar schnell und hart, aber visuell eher unspektakulär umgesetzt werden. Zwei Ausnahmen erinnern daran, was für ein hervorragender und vor allem einfallsreicher Action-Spezialist Castellari ist. Zunächst ein Kampf zwischen Stanziani und einem Transvestiten, der sich überraschenderweise als durchtrainierte Kampfmaschine erweist, und die zu flottem Disco-Beat choreographiert wurde. Leider endet diese sehenswerte Sequenz recht unspektakulär. Und dann natürlich das große Finale, welches zwar auch unter der Erwartung des großen Spektakels bleibt (man vergleiche es nur einmal mit dem Wahnsinn, den Castellari kurze Zeit später mit den beiden „Riffs„-Filmen folgen lassen sollte), aber trotzdem ein paar hübsche Geschmacklosigkeiten einstreut, die man so schon gar nicht mehr erwartet hatte.

Zeitweise hat man fast das Gefühl, die ganze Figur des Larry Stanziani wäre als Parodie angelegt. Ständig führt er einen kessen Spruch auf den Lippen und neben seiner Kaugummi-Obsession, wird ihm noch eine Flummi in die Hand geben, mit dem er ständig herumspielt.  Um das Ganze noch mehr mit Stereotypen anzureichern, erhält er dann noch eine tragische Hintergrundgeschichte um Verrat und Gefängnisaufenthalt. Auch ein verlorener Sohn wird mit ins Skript genommen, wobei es sehr durchsichtig ist, dass diese Sub-Plot lediglich dazu dient, Stanzianis späteren Rachefeldzug zu legitimieren, und vielleicht auch Franco Neros leiblichen Sohn, Carlo Gabriel Sparanero, einmal vor die Kamera zu holen. Dieser macht seine Sache weder besonders schlecht und noch besonders gut. Es sollte dann auch sein letzter Auftritt vor der Kamera bleiben. Dem Filmgeschäft blieb er aber treu und ist heute als Regisseur aktiv. Trotzdem hätte man sich die Geschichte um Stanzianis Sohn, die auch nie wirklich ausformuliert wird, sparen können. Sie bringt den Film jedes Mal zum Halt und passt auch nicht wirklich zu Neros Figur, die als einsamer, zynischer Wolf eingeführt wurde. Allerdings nutzt Castellari gerade diese Sequenzen für einige nette filmische Spielereien.

Ein wichtige Rolle in „Der Tag der Cobra“ spielt die Stadt Genua, der Castellari förmlich ein Denkmal errichtet. Er zeigt ihre pittoreske Sonnenseite, ebenso wie die dunklen, heruntergekommenen Viertel. So wie Castellari die Stadt filmt, ist Genua das Spiegelbild der Handlung. Denn jede der vielen Nebenfiguren zeigt zunächst ihre prächtige Fassaden, aber dahinter lauern schon die verfallenen Hinterhöfe und finsteren Gassen. Dass am Ende dann wirklich jeder – mit Ausnahme von Stanzianis väterlichen Freund – irgendwie in die doch recht verworren erzählte Intrige verstrickt ist, versucht der Film nicht großartig zu verschleiern. Tatsächlich ahnt man schon bei seinem ersten Auftritt, wer am Ende hinter all dem steckt. So hält sich die Spannung dann auch im Rahmen. Schade ist es auch, wie die großartige Sybill Danning in ihrer Rolle verschwendet wird. Zwar wird ihr einmal ein starker, ikonischer Auftritt gegönnt, ansonsten bleibt ihre Figur nur Staffage und es gelingt auch nicht, sie als mysteriöse Femme fatale zu inszenieren. Ihre Rolle in der Geschichte ist dafür auch zu durchschaubar. Schade, das Duo Nero/Danning hätte durchaus mehr Potential gehabt, wenn man die Figur der Brenda etwas offensiver in die Handlung und die Action mit einbezogen hätte.

Dass nun die 80er angebrochen sind, hört man auch an der Musik. Paolo Vasile, der ansonsten wenig in Erscheinung getreten ist und nebenbei auch als Production Manager arbeitete, unterlegt den Film mit cool groovenden Synthesizer-Beats, wie sie gerade in USA in Mode gekommen waren, hier aber ein italienisches Flair erhalten. Besonders schön ist der Titelsong mit den hübschen Zeilen „I don’t give a damn‘, I am the cobra“. Das klingt verdächtig nach den De-Angelis-Brüdern, allerdings konnte ich nirgendwo einen Hinweis darauf finden, ob sie hier wirklich die Finger im Spiel hatten. Erfreulich ist auch das Wiedersehen mit vielen beliebten Gesichtern des italienischen Genre-Kinos. Neben dem wie immer wunderbaren Österreicher William Berger und den Amerikaner Mickey Knox, sieht man in kleineren Rollen auch wieder Enzo G. Castellaris Bruder Ennio Girolami und Romano Puppo. Und wer ganz genau hinsieht, erkennt vielleicht auch den späteren Kult-Regisseur Michele Soavi in einer nicht ganz unwichtigen Rolle.

„Der Tag der Cobra“ bleibt zwar meilenweit hinter den Castellari/Nero-Meisterwerken „Straße ins Jenseits“ und „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ zurück, liefert aber immer noch sehr ordentliche Unterhaltung ab. Dabei ist es schade, dass Castellari sich augenscheinlich vor allem von amerikanischen Vorbildern leiten ließ und bei den für ihn zum Markenzeichen gewordenen Action-Szenen spürbar zurückhält. Auch muss man bei der unnötig komplizierten und gleichzeitig doch leicht vorhersagbaren Geschichte Abstriche machen. Und leider wird dieser Schwachpunkt nicht durch den typisch italienischen Irrwitz in der visuellen Gestaltung ausgeglichen. Trotzdem ist „Der Tag der Cobra“ sehr solides Handwerk mit gern gesehenen Gesichtern, einem guten Soundtrack und einigen hübschen Einfällen, die ihn dann doch locker über das Niveau vergleichbarer US-Produktionen drücken.

Erstmals erscheint ein Film in der Polizieschi-Reihe des Hauses filmArt auf Blu-ray. Ungünstigerweise für alle, die noch nicht von DVD auf HD-Technik umgerüstet haben, auch nur auf Blu-ray. Zuvor war „Der Tag der Cobra“ bereits auf suboptimalen DVDs von obskuren Kleinst- und Ramsch-Labeln erhältlich. Hier erstrahlt der Film nun erstmals in vollem Glanz. Grundlage der HD-Abtastung war ganz offensichtlich eine Kinorolle. Hier und dort sieht man einige Filmschäden, was meiner Ansicht nach aber nichts weiter ausmacht. Das Bild hat sehr kräftige Farben und ist in hellen und gut ausgeleuchteten Szenen sehr klar. Nur bei dunkleren Passagen wird es etwas grisselig, was aber am Ausgangsmaterial liegen dürfte. Der deutsche Ton liegt als Lichtton und Magnetton vor. Der Lichtton ist etwas heller, klirrt aber leicht in den Spitzen, während der Magnetton etwas dumpfer klingt. Ferner gibt es noch englischen Ton, allerdings ohne Untertitel. Die Extras sind etwas spärlich. Im Menü läuft der Titel-Song über verfremdete Bilder aus dem deutschen Trailer. Dieser ist auch in ganzer Länge auf der Blu-ray zu finden und amüsiert durch superlative Ankündigungen. Das Booklet besteht aus dem kompletten Aushangsatz des Filmes.

DVD-Rezension: “Hetzjagd ohne Gnade“

Von , 15. April 2014 21:46

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Nachdem der Falschspieler Luc Altieri (Luc Merenda) in einem illegalen Spielcasino abgeräumt hat, nutzt er diesen Coup als Bewerbungsschreiben bei dem Besitzer der Spielcasinos, dem „Präsidenten“ (Enrico Maria Salerno). Luca wird schnell zum Star innerhalb der Organisation des „Präsidenten“, doch das Blatt wendet sich, als er eines Tages die schöne Maria Luisa (Dayle Haddon) erblickt. Trotz der Warnung, diese wäre die Geliebte des jähzornigen Corrado (Corrado Pani), dem Sohn des „Präsidenten“, verführt Luca Maria Lusia und die beiden werden ein Paar. Das will Corrado, der Maria Lusia als sein persönliches Eigentum ansieht, allerdings nicht hinnehmen, und er beginnt Luca mit unerbittlichem Hass zu verfolgen.

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Sergio Martino ist zwar in erster Linie berühmt für seine brillanten Gialli, die er von 1970 bis 1973 auf die Leinwand brachte, war aber in seiner Karriere in fast jedem populären Genre Zuhause. Sei es der Italo-Western, die Sex-Komödie, der Endzeitfilm oder sogar der Kannibalen-Film. Bis auf Zombies waren alle dabei. Natürlich auch der Poliziesco, wo er es auf immerhin vier Filme brachte. War es in seinen Gialli vor allem George Hilton, den er immer wieder einsetzte, so verließ er sich in seinen Polizieschi auf den Franzosen Luc Merenda. Nach „Die Killermafia“ kommt nun dank filmArt ihre zweite Zusammenarbeit in Deutschland auf Silberscheibe heraus.

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Genaugenommen ist „Hetzjagd ohne Gnade“ auch gar kein Poliziesco, denn die Polizei tritt hier nur einmal kurz in Gestalt eines korrupten Kommissars auf. Ansonsten spielen die Gesetzeshüter keine Rolle in der Welt der illegalen Spielhallen. Vielmehr mischt Martino bekannte Spieler-Dramen, wie vor allem „Haie der Großstadt“ oder „Cincinnati Kid“ mit Gangster- und auch Westernelementen. So könnte der, von Corrado Pani großartig als neurotischer Schwächling gespielte, Sohn des „Präsidenten“ auch aus einem Italo-Western stammen, wo es auch oft um mächtige Vaterfiguren und ihre unfähigen, aber nichtsdestotrotz brutalen Söhne geht. Mit Pani und dem leider oftmals vergessenen Enrico Maria Salerno als „Präsident“ hat Martino zwei ausgezeichnete Schauspieler an der Hand, die diesen Konflikt mit genügend sprühenden Funken spielen und denen man ihre Figuren jederzeit abnimmt. Da macht es dann auch nicht viel aus, dass Salerno etwas zu stark auf „alt“ geschminkt wurde. Sein Gangster vom alten Schlag, der eigentlich lieber jemanden wie Luca als sein Nachfolger wünschen würde, dominiert in seine Szene und füllt sie mit großer, der Rolle entsprechenden, Präsenz aus. Pani hat seine größte Szene, wenn er einem Leibwächter befielt, seine Geliebte zu vergewaltigen. Wie er sich schwitzend in seinen Sessel flegelt, seiner eigenen Impotenz nur allzu bewusst, zugleich angeekelt und fasziniert von dem Schauspiel, welches er dort inszeniert, dann ist das ganz großes Kino.

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Der scheinbare Held der Geschichte ist einmal mehr Luc Mereda, der zunächst als schier unbezwingbarer, über den Dingen stehender Strahlemann eingeführt wird. Sein Luca ist vollkommen von sich, seiner Fingerfertigkeit und Unbesiegbarkeit überzeugt. Jeder seiner Auftritte absolviert er mit einem breiten Grinsen, und selbst wenn er – wie einst Paul Newman in „Haie der Großstadt“ – seine Hände zertrümmert bekommt, ist er noch immer so cool und überlegen, dass er eine Pokerpartie, auch ohne einen Finger zu krümmen, gewinnen kann. Doch in der zweiten Hälfte des Filmes demontiert Martino seinen Sunnyboy immer mehr und mehr. Luca wird uns als Getriebener offenbart, welcher süchtig nach dem Kick ist, welchen ihm das Spiel bringt. Und der nicht sehen kann, wie er durch seine Sucht und sein Ego unaufhaltsam auf einen Abgrund zu rast. Das, was er am meiste liebt, mitreißend. Da der Zuschauer der Hauptfigur gegenüber einen Wissensvorsprung besitzt und auch Martinos Inszenierung kaum einen Zweifel daran lässt, dass das alles wahrscheinlich nicht gut ausgeht, ist es beinahe schmerzhaft zu sehen, wie Luca ein möglicherweise glückliches Leben für nichts wegwirft.

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Das Objekt der Begierde für Luca und seinen Gegenspieler Corrado, Maria Luisa, wird von dem kanadischen Top-Modell Dayle Haddon, einer überirdisch schönen Frau, gespielt. Diese hat auch– für das männliche Publikum dankenswerterweise – keine Scheu, sich ausgesprochen freizügig zu präsentieren. Zwar wurde ihr das schauspielerische Talent nicht unbedingt in die Wiege gelegt, aber trotzdem macht sie ihre Sache gut und besitzt eine so große, erotische Ausstrahlung, dass sie nicht negativ auffällt. Man jedenfalls verstehen, warum Luca sein gutes Leben beim „Präsidenten“ für sie aufs Spiel setzt.

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Actionszenen sind hier nur spärlich gesät. Die große „Hetzjagd“ spart sich Martino für das Finale seines Filmes auf. Zwar bringt er diese dann auch mit solidem Handwerk über die Bühne, aber von der Rasanz oder Dramatik, mit der sie wahrscheinlich ein Umberto Lenzi inszeniert hätte, bleibt Martino dann doch deutlich entfernt. Vielmehr punktet er mit dem, was auch seine Gialli zu dieser Zeit auszeichneten. Eine überaus elegante Inszenierung und originelle visuelle Einfälle, die er vor allem in den Pokerszenen einbringt. In wie weit hier Martino oder sein Kameramann Giancarlo Ferrando verantwortlich waren, bleibt Spekulation. Immerhin arbeiteten die Beiden seit 1972 bei fast allen Filmen zusammen. Auch Drehbuchautor Ernesto Gastaldi ist wahrlich kein Unbekannter, sondern hat fast im Alleingang alle großen Gialli geschrieben und war auch für zahlreiche Italo-Western-Klassiker und auch bedeutende Polizieschi verantwortlich. Mit Sergio Martino arbeitete er in den 80ern auch bei dessen beiden Endzeit-Filmen zusammen.

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„Hetzjagd ohne Gnade“ ist ein in der Welt der Gangster stattfindendes Spielerdrama, welches weniger Wert auf handfeste Action legt, sondern sich vielmehr auf den Konflikt zwischen dem leidenschaftlichen Falschspieler Luca und dem von Corrado Pani brillant gespielten, schwächlichen Sohn des „Präsidenten“ konzentriert. Diese von Obsessionen und Eitelkeiten geprägte Geschichte kleidet Martino in elegante Bilder und garniert sie mit hübschen optischen Einfälle, wie man sie auch aus seinen legendären Gialli kennt.

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Optisch ist filmArt hier eine sehr empfehlenswerte DVD gelungen. Das Bild ist klar und die Farben kräftig. Was auch ganz im Sinne der ursprünglichen Bildgestaltung liegen dürfte, die viel mit Farben spielt. Hier und da gibt es einmal kurze, dem Filmmaterial geschuldete Defekte, aber das ist zu verschmerzen. Der Ton liegt in Deutsch einmal ungefiltert und einmal gefiltert vor. Dass ich da keinen riesigen Unterschied gehört aber, mag an meinen geschundenen Ohren liegen. Ferner ist noch der italienische Ton mit deutschen Untertiteln dabei. Auf Bonus muss man, abgesehen vom italienischen Trailer, allerdings verzichten. Dafür liegt ein von Heiko Hartmann geschriebenes 16-seitiges Booklet bei, welches man schon als kleines Heftchen bezeichnen muss und das randvoll mit Informationen zum Film und seinen Beteiligten gepackt wurde. Leider leidet es – wie schon das von ihm verfasste Booklet zu „Die letzte Rechnung schreibt der Tod“ – unter einer etwas angestrengten Flapsigkeit.

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