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Blu-ray-Rezension: „Der Falke und der Schneemann“

Von , 23. Dezember 2018 12:35

Der junge Christopher Boyce (Timothy Hutton) erhält aufgrund von Kontakten, die sein Vater – ein ehemaliger FBI-Beamter – besitzt, einen Job bei einer Firma, die für die Regierung arbeitet. Bald schon steigt er auf und ist in der sogenannten „Black Vault“ für die Weiterleitung streng geheimer Fernschreiben zuständig. Immer wieder kommen ihm dabei auch Irrläufer der CIA in die Finger. Dadurch erfährt er über geheimen Aktivitäten, bei denen die Regierungen befreundeter Staaten destabilisiert werden sollen. Boyce ist entsetzt und beschließt, diese Informationen an die Sowjets zu verkaufen. Er kontaktiert seinen Jugendfreund Daulton Lee (Sean Penn), einen Drogendealer, der beste Kontakte zu Drogenschmugglern in Mexiko pflegt. Lee reist nach Mexiko-Stadt, wo er sich als Mittelsmann an die sowjetische Botschaft wendet, um die von Boyce gestohlen Informationen über CIA-Aktivitäten an die Russen zu verkaufen…

Der Falke und der Schneemann“ basiert auf einer wahren Geschichte. Und Regisseur John Schlesinger zollt diesem Umstand Tribut, indem er keine künstlichen Überhöhungen, rasante Action oder Thrillerelemente einbaut, sondern nüchtern und etwas distanziert seine beiden Protagonisten Christopher Boyce und Daulton Lee dabei beobachtet, wie sie sich langsam aber sicher immer tiefer in einen Sumpf versinken, aus dem es am Ende kein Hinaus mehr gibt. Denn am Ende sind Boyce und Lee keine Opfer widriger Umstände, sondern allein ihrer Naivität. Sie haben ganz bewusst entschieden, sich in eine Welt zu begeben, deren Spielregeln sie nicht kennen und in der sie die Folgen ihres Tuns nicht überblicken können. Was sich in Timothy Huttons überraschten Gesicht widerspiegelt, wenn er plötzlich merkt, dass er nicht einfach sagen kann: Ich habe jetzt keine Lust mehr weiterzuspielen und gehe nach Hause. Dass das nicht mehr möglich ist, hat er nie in Betracht gezogen. Dabei ist schon bei seinem ersten Kontakt mit den Russen klar, dass es kein Weg zurück gibt.

Die Russen werden im Gegensatz zu anderen Filmen aus den Reagan-Jahren nicht als bedrohliche Monster dargestellt, sondern als Geschäftsmänner, denen sich völlig überraschend eine gute Gelegenheit ergibt. Und die natürlich für sich ein Maximum an „Profit“ aus dieser für sie unerwarteten Situation herausschlagen wollen. Die regelrecht entsetzt davon sind, hier mit Amateuren zu tun zu haben, die keine Ahnung von den Spielregeln haben und sich nicht nur als unzuverlässig, sondern auch als regelrechte Windbeutel herausstellen, die lange nicht die Informationen liefern können, die sie sich erhoffen. Am Ende sind sie von Boyce und Lee einfach nur noch genervt. Dass sie sie nicht einfach verschwinden lassen, liegt offensichtlich daran, dass sie sie für viel zu unbedeutend halten, als sich wegen dem Verschwinden zweier US-Staatsbürger irgendwelchen Ärger einzuhandeln. Sie kennen das Spiel und wissen, dass die Beiden eh keine Chance haben, irgendwie aus der Sache wieder herauszukommen. Dass sie verbrannt sind und nicht wert, dass man sich an ihnen die Finger schmutzig macht. Als kleine Rache überlassen sie das dann den mexikanischen Behörden. Wobei das kluge Drehbuch es offen hält, wer der Drahtzieher an dieser Bestrafungsaktion ist oder ob es überhaupt einen gibt und das alles nicht nur ein dummer Zufall ist.

Boyce und Lee sind einfach tragische Gestalten, die zu keiner Sekunde die Tragweite ihrer Handlungen durchschauen. Besonders Lee wirkt verloren. Ein kleiner Dealer, der glaubt zu Höherem berufen zu sein. Der verzweifelt seinen Platz in seiner Oberschicht-Familie sucht, aber nicht die geistigen Fähigkeiten hat, diesen zu finden. Wunderbar eingefangen in jener Szene, in der Lee seinen Eltern von seinem Drogengeld ein Haus in Costa Rica gekauft hat. Als ihn sein Bruder fragt, was die beiden denn bitteschön in Costa Rica sollen, entgegnet er, sie sollen dort in Ruhe leben und am Strand spazieren gehen. Die Antwort des Bruders: Aber genau das tun sie doch schon hier. Lee denkt, seine kleinen dreckigen Deals würden nach den selben Regeln wie die der großen weiten Welt der Spionage funktionieren. Er macht sich ständig größer als er ist und bleibt am Ende doch für alle deutlich ersichtlich (seine Familie, die Eltern seiner Freunde, seine Komplizen, die Russen, die Polizei, die CIA) ein kleiner Popanz. Da spielt es fast schon keine Rolle mehr, dass er bereits eine fatale Vorliebe für seine eigene weiße Ware entwickelt hat. Im Haifischbecken der Spione wäre er auch so gefressen worden. Hier geht es nur etwas schneller, weil seine „Partner“ schneller von ihm genervt sind, das Koks ihn paranoid macht und er sich in seinen panischen Momenten zu große Fehler leistet.

Sean Penn spielt diese ebenso bemitleidenswerte, wie unangenehme Figur wie gewohnt brillant. Er geht ganz in der Rolle des Daulton Lee auf. Frisur, Fuselbärtchen, Milchbubi-Gesicht und die ständig unruhigen, nervösen Augen sind perfekt, ebenso sein kongeniales Outfit. Sean Penn spielt nicht, er ist. Während der Dreharbeiten soll der schwierigen method actor nicht mehr dem old school Regisseur Schlesinger zurecht gekommen sein. Dem Film merkt man dies nicht an. Oder vielleicht doch, denn Schlesinger setzt Penn genauso ein, wie es die Rolle verlangt. Als kleiner, ständig juckender Pickel, den man nur zu faul ist auszudrücken. Timothy Huttons ist ein effektiver Gegenentwurf zu Penn. Eher impressiv, statt expressiv, minimalistischer in seinem Ausdruck und mit einem überdurchschnittlich gutem Aussehen gesegnet, wirkt er überlegen und cool, doch tief drin bemerkt man seine Unsicherheit. Seine beeindruckendste Szene hat er in einem Dialog mit seinen Vater, ebenfalls brillant besetzt: Pat Hingle, der ihn daran erinnert, dass er früher ein Gedicht auswendig lernen sollte, dieses aber nie wirklich meisterte und bestimmt schon vergessen hat. Erst will es Boyce cool an sich abprallen lassen, doch dann bricht es aus ihm hervor und er rezitiert das Gedicht voller Wut, Trauer und Enttäuschung darüber, dass sein Vater ihm nie etwas zugetraut hat, ihn nie wirklich für voll nahm und nie zu Kenntnis nahm, wie sehr sich sein Sohn bemühte, ihm zu gefallen. Das alles wird nicht erwähnt, aber wenn Buttons dieses Gedicht regelrecht ausspuckt, dann schwingt dies alles mit und erzählt eine Geschichte, die so wichtig für die Figur des Christopher Boyce ist, auch wenn diese nie direkt ausformuliert wird. Wie es überhaupt die Stärke von „Der Falke und der Schneemann“ ist, dass nicht jede Frage beantwortet, jeder Satz ausformuliert, jeden Handlung erklärt und der Zuschauer auf wirklich jedes Detail mit der Nase gestoßen wird. Man folgt Boyce und Lee, beobachtet und zieht selber seine Schlüsse. Ein Stärke, die heute manchmal etwas abhandengekommen wirkt.

John Schlesingers Film „Der Falke und der Schneemann“ ist weniger Spionagethriller, sondern vielmehr das Potrait zweier junger Menschen, die eine Welt betreten, deren Regeln sie nicht verstehen, und die naiverweise glauben, sie könnten jederzeit aussteigen. Im Vordergrund stehen nicht Action und Spannung, sondern die Entwicklung der beiden sehr gegensätzlichen Charaktere.

„Der Falke und der Schneemann“ ist das dritte Mediabook, welches OFDb Filmworks am 08.11. veröffentlicht hat. Das Bild der BluRay ist typisch für Filme aus den späten 80ern. D.h. die Farben sind eher matt und etwas gräulich. Die Schärfe nicht knackig, sondern ein wenig zurückgenommen. Wie gesagt, so sehen viele Hollywood-Filme aus der Zeit einfach aus, und daher gibt es hier für mich auch kein Grund zur Klage. Der Ton ist sehr klar und gut verständlich. Aktuelles Bonusmaterial gibt es keines, dafür wurde einiges aufgefahren, was damals zur Veröffentlichung des Filmes gedreht wurde. Ein zeitgenössisches Making Of (7 Min.), ein EPK Featurette (quasi ein weiteres Making Of, bei dem der Werbecharakter noch mehr im Vordergrund steht, 7 Min.), Interviews mit Schlesinger und Hutton (3 Min.) und „Profiles“ – kleine Vorstellungen und Interviews mit Schlesinger, Hutton und Penn (8 Min.). Also im Grunde alles damalige Werbematerialen. Tiefergehende Infos zum Film gibt es daher vor allem im sehr schön geschriebenen und strukturierten, und mit 24 Seiten hübsch umfangreich ausgefallenen, Booklet von Stefan Jung.

Blu-ray-Rezension: „52 Pick-Up“

Von , 19. Dezember 2018 09:13

Harry Mitchell (Roy Scheider) kann sich nicht beschweren. Seine Firma wirft genug ab, dass er und seine Frau Barbara (Ann-Margret) sich ein gutes Leben mit Villa, Swimming-Pool und einem teuren Jaguar leisten können. Doch Harry hat auch ein Geheimnis. Seit einiger Zeit hat er eine heiße Affäre mit einer 22-jährigen Blondine (Kelly Preston). Als seine Frau ein politisches Amt anstrebt, will er die Affäre beenden.Doch statt seiner Geliebten findet er drei maskierte Männer vor, die ihn mit einem kompromittierenden Videotape erpressen wollen. Doch Harry denkt gar nicht daran, der Forderung nachzukommen. Das setzt jedoch Ereignisse in Gang, die Harry bald schon überrollen und ein erstes Menschenleben fordern…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Die Namen der Beteiligten kann man sich ruhig einmal auf der Zunge zergehen lassen: Regie John Frankenheimer, Drehbuch und Vorlage Elmore Leonard, Kamera Jost Vacano, Hauptrollen Roy Scheider und Ann-Margret. Warum besitzt „52 Pick-Up“ keinen Kultstatus, wie beispielsweise „Blood Simple“? Vielleicht war er seiner Zeit einfach voraus. Vielleicht wurde er in eine falsche Schublade gesteckt, weil er von den Action-Spezialisten von Cannon produziert wurde? Verdient hat der Film seine relative Unbekanntheit zumindest nicht. Tatsächlich gehört er zu den besten und elegantesten Thrillern der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Zu verdanken ist dies nicht nur den gemeinsamen Anstrengungen aller Beteiligten, sondern vor allem auch dem unfassbaren John Glover, der hier in seiner ersten großen Rolle als Bösewicht ein wahres Feuerwerk abbrennt. Sein Alan Raimy ist ebenso schleimig, wie verführerisch, ebenso brutal, wie gebildet; abstoßend und charmant. Sein gewinnbringendes Lächeln zeigt zu viele Zähne, seine mitfühlenden Augen können sich in einem Wimpernschlag in die eines Psychopathen verwanden. Alan Raimy ist seinen Mitmenschen gegenüber vollkommen gefühllos, eiskalt, skrupellos, verlogen und dabei süchtig nach Anerkennung, Selbstverliebt und ganz auf sich selbst fokussiert. Dass so jemand 30 Jahre später es im realen Leben bis an die Hebel der Macht schafft, hat 1986 wohl niemand erwartet. Aber anders als sein real-life-Nachfolger im Weißen Haus ist John Glovers Raimy charismatisch, intelligent und gutaussehend.

Nachdem Cannon Leonards Roman zwei Jahre zuvor schon einmal – zumindest in groben Zügen – als „The Ambassador“ verfilmt hatte (ein Film in dem Leonard seinen Roman nicht im Geringsten wiederfand), durfte Leonard für die 86er Fassung selber am Drehbuch mitschreiben. „52 Pick-Up“ nimmt sich Zeit, seine Figuren vorzustellen und in Stellung zu bringen. Der Beginn ist dabei zwar recht spannend, aber auch eher unspektakulär ausgefallen. Roy Scheiders Mitchell findet sehr schnell die richtige Antwort auf den Erpressungsversuch: Er beichtet seiner Frau den Seitensprung, nimmt den Entführung damit das Druckmittel und schiebt ihnen noch ein dickes „Fuck You!“ hinterher. Bis dahin konnte es sich der Zuschauer in Mitchells Leben bequem machen, ihn kennenlernen, seine Hintergründe verstehen, dem Drama zwischen ihm und seiner zutiefst verletzten Frau beiwohnen, welches Frankenheimer gefühlvoll und mit der nötigen emotionalen Härte zeichnet. Doch dann zieht das Drehbuch das Stahlband immer enger um seinen Protagonisten. Manövriert ihn in immer ausweglosere, gefährlichere Situationen. Zeigt mit wem er sich da eingelassen hat und verbaut ihm nach und nach jeden Ausweg. Mitchell reagiert auf die Drohungen immer nachvollziehbar und logisch. Doch er glaubt glaubt dabei immer, eine rationale Reaktion zu erhalten. Was bei seinen drei Peinigern – dem eiskalten Raimy, den skrupellosen Billy und dem völlig überforderten Leo – aber nicht der Fall ist. Erst als sich Mitchell selber auf das Niveau der drei Erpresser und Mörder begibt, findet er einen Weg, seine Gegner zu schlagen. Doch dabei riskiert er beinahe fahrlässig alles, was er noch hat.

Neben den lebendigen und individuellen Haupt und Nebenfiguren, denen jederzeit genügend Raum gegeben wird, um sich zu entfalten, und der sich langsam aufbauenden und dann immer weiter eskalierenden Geschichte, ist es vor allem die grandiose Kamera des Osnabrückers Jost Vacano, die diesen brillanten Neo-Noir weit über das Mittelfeld hebt. Vacano war in dieser Zeit Stamm-Kameramann von Paul Verhoeven (weshalb die Stimmung des Filmes zeitweise an den großen niederländischen Hollywood-Provokateur erinnert) und in Deutschland für Meisterwerke wie „Das Boot“ oder Roland Klicks „Supermarkt“ verantwortlich. Auch der – zugeben sehr in den 80ern verhaftete – Synthie-Score von Gary Chang passt ganz hervorragend zu dem Film. Gerade in der heutigen Zeit, in der es mit Serien wie „Stranger Things“ oder Filmen wie „Es“ zu einem lupenreinen 80er-Revival gekommen ist und auch der Stil von Musik wie der von Gary Chang erfolgreich imitiert wird, ist die Zeit reif für the real deal und die Wiederentdeckung von „52 Pick-Up“.

Heute fast schon vergessen, wird es Zeit den brillanten Neo-Noir „52 Pick-Up“ wiederzuentdecken, denn er gehört zu den besten und elegantesten Thrillern der zweiten Hälfte der 80er Jahre.

Das Mediabook von OFDb Filmworks sieht wirklich sehr schick aus. Es beinhaltet den Film auf BluRay und DVD, sowie eine DVD mit Bonusmaterialien (Achtung: Hier wurden die Aufkleber vertauscht und der Film ist auf der Bonus-DVD und das Bonusmaterial auf der Film-DVD). Fangen wir diesmal mit dem Bonus an. Hierfür hat OFDb Filmworks eine weitere Folge der US-TV-Doku-Serie „The Directors“ lizenziert. In knapp 60 Minuten lernen wir John Frankenheimer und sein Werk kenne. Ein hervorragender Einstieg in eine weitere Beschäftigung mit diesem hochinterssanten Regisseur. Dazu gibt es noch ein 23-minütiges, zeitgenössisches Making-Of, welches damals scheinbar als Promo für den Film gedreht wurde. Auf der Film-BluRay befindet sich darüber hinaus noch (man ist schon geneigt zu sagen „natürlich“) ein Audiokommentar von Filmwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger, die isolierte Filmmusik und ein Audio-Interview mit Komponist Gary Chang, sowie die entsprechende „Trailers from Hell“-Episode (2 Minuten), in der mir etwas zu sehr gegen Cannon gehetzt wird. Das Bild ist für das Alter des Filmes und einem Film aus der Mitte der 80er sehr gut. Nur am Anfang schwankt die Qualität etwas, was aber am Ausgangsmaterial liegen kann. Ansonsten gibt es hier nichts zu beanstanden. Der Stereo-Ton klingt besonders auf der englischen Spur sehr klar. Positiv hervorheben möchte ich an dieser stelle, dass die Untertitel nicht nur auf Deutsch, sondern auch Englisch vorliegen. Leider keine Selbstverständlichkeit. Nicht zu vergessen: Das 16-seitiges, informative Booklet mit Text von Thorsten Hanisch.

Blu-ray-Rezension: „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“

Von , 11. Dezember 2018 06:32

New York. Vier schnauzbärtige Männer gekleidet mit Mantel, Hut und Brille besteigen die U-Bahn der Linie 6. Während der Fahrt zücken Mr. Blue (Robert Shaw), Mr. Grey (Hector Elizondo), Mr. Green (Martin Balsam) und Mr. Brown (Earl Hindman) plötzlich ihre Waffen und teilen den geschockten Fahrgästen mit, dass sie die U-Bahn entführt haben. Sie verlangen eine Million Dollar Lösegeld. Wenn dieses nicht innerhalb einer Stunde gezahlt wird, werden sie jede weitere Minute eine der 17 Geiseln erschießen. Lieutenant Garber (Walter Matthau) von der U-Bahn-Polizei versucht alles, um das Leben der Geiseln zu retten. Doch schon bald gibt es den ersten Toten…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Solche Filme werden heute nicht mehr gedreht. Zumindest nicht in Hollywood und mit einer derart hochkarätigen Besetzung. Joseph Sargents „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ ist ein Meisterwerk der Effektivität. Der Film lebt nicht von großen und spektakulären set pieces – die im deutschen Titel angesprochene Todesfahrt einmal ausgenommen, wobei diese auch eher unspektakulär endet – , sondern von seinen Figuren und der realistischen Darstellung wie eine solche Entführung vonstatten gehen und sich jeder einzelne dabei verhalten würde. Von dem großen Räderwerk, welches in Bewegung gesetzt wird und dem Zuschauer kaum Zeit zum Atmen gibt. Dies mit ruhiger und sicherer Hand zu inszenieren ist der große Verdienst des Regisseurs Joseph Sargent, der vor allem im Fernsehen tätig war und seine Karriere leider mit dem völlig an der Zielgruppe vorbei inszenierten Reife-Leute-Liebesdrama „Der weiße Hai 4 – Die Abrechnung“ abschloss.

„Stoppt die Todesfahrt“ atmet zu jedem Moment eine ganze Menge Lokal- und Zeitkolorit. Sei es Walter Matthaus unfassbar psychedelisches Hemd oder die Graffiti-verschmierte U-Bahn. Heute auch undenkbar: Die Dialoge der „kleinen Leute“, die vor Sexismus, Homophopie und latentem Rassismus nur so triefen. Sich dadurch aber tatsächlich real anfühlen. Denn solch ein rauer Ton herrschte damals (man denke nur daran, womit ein Rainer Brandt in seinen Spaß-Synchros in den 70ern durchgekommen ist – und die Leute fanden das tatsächlich einfach nur lustig). Nur rückblickend zuckt man hier und da schon ziemlich zusammen. Schön, dass sich die Zeiten weiterentwickelt haben, wobei ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen würde, dass bei der U-Bahn-Polizei und den Schalthebel-Bedienern nicht immer noch so gesprochen wird. Besonders fällt dies bei Walter Matthau auf, der mit müden Bulldogen-Gesicht den Chef der Bahn-Polizei gibt. Die verräterischste Szene ist jene, in der er eine Gruppe Japaner herumführen soll und sie im Glauben, sie könnten ihn eh nicht verstehen, mit rassistischen Bemerkungen überzieht. Wenn sich am Ende auflöst, dass die Japaner sehr wohl jedes Wort verstanden haben, war das 1974 vielleicht als Gag gemeint, heute ist es vor allem das interesselose Schulterzucken Matthaus, welches seinen Charakter perfekt charakterisiert. Ein Profi, dem egal ist, wie er wahrgenommen wird und der sich nicht um Sympathie oder Karriere kümmert, sondern einfach seinen Job macht. Weil es das ist, was er kann und was er bereits sein Leben lang getan hat. Auch im Dialog mit den Entführern hat man das Gefühl, dass es ihm weniger um die Geiseln geht, als dass er viel mehr genervt ist, dass jemand seinen schönen U-Bahnbetrieb so massiv stört und ihm den Tag vermiest.

Unterstützt wird Matthau von einer ganzen Reihe hervorragender Charakterdarsteller. Neben dem immer zuverlässigen Jerry Stiller, der hier als Matthaus ebenso zynischer, wie zuverlässiger Partner fungiert, sind das Leute wie Dick O’Neill als Verantwortlicher für den U-Bahnbetrieb und Tom Pedi als Stellwerk-Chef. Vor allem auf den Seiten der Bösen schöpft Sargent aus dem Vollen. Allen voran mit dem großartigen Vollblut-Schauspieler und Charakterkopf Robert Shaw, der in seiner leider viel zu kurzen Filmkarriere, die 1978 durch seinen Tod allzu plötzlich beendet wurde, ein ausgesprochen gutes Händchen für seine Rollen besaß. Sein Mr. Blue mit stark britischen Akzent, absoluter Ruhe und Kontrolle, einer unglaublichen Präsenz und Überlegenheit ist eine der ganz starken Gangsterrollen der 70er Jahre. Neben ihn können Martin Balsam als Mr. Green, Hector Elizondo als Mr. Grey und Earl Hindman („Wilson“ aus „Hör mal wer da hämmert“, der ironischerweise auch hier aufgrund seiner Verkleidung mit Schnauzer, Hut und Brille kaum zu erkennen ist) als Mr. Brown allerdings bestehen. Insbesondere Balsam spielt den eher besonnenen, abgeklärten und dabei stets auch ein wenig resigniert wirkenden Mr. Green erinnerungswürdig. Und Hector Elizondo schafft es als stets unberechenbare Gefahr ausstrahlender Mr. Grey nach lange im Gedächtnis zu bleiben.

„Stoppt die Todesfahrt“ hat weniger mit den Cop-Thrillern der 70er zu tun, zeigt keine einsamen, harte Hunde – sondern lediglich Beamte, die ihren Job tun. Sogar die Gangster haben etwas beamten-mäßiges und wirken jederzeit überlegt und eiskalt. Aber eben nicht psychotisch (selbst Hector Elizondo als „der Typ, der bei der Mafia wegen Unberechenbarkeit raus geflogen ist“) verhält sich im Vergleich zu ähnlichen Figuren in anderen Filmen noch halbwegs professionell. Von der ganzen Stimmung, der Nähe zu den Figuren und dem fast schon dokumentarischen Ansatz her, kann man ihn vielleicht am ehesten mit Sidney Lumets Meisterwerk „Hundstage“ vergleichen. Wo ebenfalls sehr konzentriert der Ablauf einer Geiselnahme, die Mechanismen/Automatismen seitens der Staatsgewalt und der psychologische Druck, der auf allen lastet, untersucht werden.

Ein perfekter, mordsmäßig spannender Thriller, der es gar nicht nötig hat, kräftig auf die Kacke zu hauen und übermäßig viel Lärm zu machen. Unterstützt vom kongenialen, funkigen Soundtrack von David Shire läuft der Film unaufhaltsam voran, wie eine immer schneller werdende U-Bahn.

Das Mediabook von OFDb-Filmworks sieht gut aus und präsentiert den Film in Bestform. Das Bild ist tadellos. Scharf und selbst in den dunklen Szenen im U-Bahnschacht ist alles perfekt zu erkennen. Dabei wurde das Bild auch nicht todgefiltert, sondern wirkt körnig-filmisch. Auch der Ton ist sehr klar und gut zu verstehen. Ein besonderes Lob geht an OFDb Filmworks dafür, dass sie für diese Veröffentlichung drei exklusive Features produziert haben. Einmal ein 16-minütiges Interview mit Hector Elizondo mit dem Titel „Shades of Grey“, sowie „Above and Below“ (13 Minuten), indem Kameramann Owen Roizman zu Wort kommt. „Taking the Ride“ (7 Minuten) zeigt einen Vergleich der Drehorte damals und heute. Eine isolierte Musiktonspur mit Interview mit Komponist David Shire, die „Trailers From Hell“-Ausgabe des Filmes und eine große Bildgalerie runden die Extras ab. Dazu kommt noch ein 16seitiges Booklet mit einem Essay von Torsten Hanisch.

Blu-ray-Rezension: „Das Grauen aus der Tiefe“

Von , 11. Januar 2017 20:49

das-grauen-aus-der-tiefeIn dem beschaulichen Fischerdorf Noyo an der Westküste der USA passieren merkwürdige Dinge. Ein Boot fliegt scheinbar ohne Grund in die Luft und unschuldige Hunde werden bestialisch abgeschlachtet. Schließlich verschwinden noch einige junge Menschen. Der Mob der Stadt unter Führung des rassistischen Hank Slattery (Vic Morrow) machen Johnny Eagle (Anthony Pena), einen Indianer, für die Vorfälle verantwortlich. Johnny behauptet jedoch, ein fischähnliches Monster gesehen zu haben. Bald schon macht er sich zusammen mit Dr. Susan Drake (Ann Turkel) und seinem Freund Jim Hill (Doug McClure) auf die Suche, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Schnell werden sie fündig und bekommen heraus, dass die Fischmonster genmanipulierte Lachse gegessen haben und zu menschenähnlichen Wesen mutiert sind, die sich fortpflanzen wollen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

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Die 80er Jahre haben viel hervorgebracht, was in den ach so coolen 90ern verlacht wurde, sich heute aber wieder seinen Platz in den Herzen der Filmfreunde zurückerobert. Insbesondere der B-Film der frühen 80er erfreut sich wieder einer großen Beliebtheit. Und ein hervorragendes Beispiel für eben diese B-Filme ist der unglaubliche „Das Grauen aus der Tiefe“, dessen Originaltitel „Humanoids from the Deep“ wie ein Misfits-Song klingt. Produziert wurde dieser kleine Kultfilm von der Legende Roger Corman für seine damalige Produktionsgesellschaft New World Pictures. Die Regie übernahm überraschenderweise eine Frau – zumindest offiziell, dazu später mehr – und die Darstellerriege wird vom alten Cowboy Doug McClure angeführt, dessen besten Jahre damals auch schon etwas zurücklagen. Und es geht um Fischmonster aus dem Meer, die an Land junge, hübsche Mädchen jagen und vergewaltigen. Also ein Stoff, aus dem Exploitation-Träume sind. Dementsprechend erfolgreich war der Film dann auch. So erfolgreich, dass 1996 sogar ein Remake folgte.

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Zunächst einmal klaut sich „Das Grauen aus der Tiefe“ durch die Filmgeschichte. Gleich der Anfang erinnert mit seinen Kameraeinstellungen und der Musik frappierend an „Der weiße Hai“, die frauenverrückten Fischwesen sind natürlich Verwandte des „Schreckens vom Amazonas“, die Umweltproblematik hat man schon in „Piranhas“ und „Die Prophezeiung“ gehabt, die Hinterwäldler kennt man aus Filmen von „Wer Gewalt säht“ bis „Beim Sterben ist jeder der Erste“ und am Ende guckt noch das „Alien“ vorbei. Aber das stört alles nicht, sondern macht ganz im Gegenteil den Charme dieses kleinen, schmutzigen B-Films aus, der vor allem auf ein setzt: Blut und Titten. Letzteres dürfte aber nicht auf dem Mist seiner Regisseurin Barbara Peeters gewachsen sein. Wenn man den Ausführungen der Beteiligten in den Making-Ofs Glauben schenkt, ist „Das Grauen aus der Tiefe“ ein Fall von Zwei-Filmen-in-Einem. Während Peeters einen sehr straighten und düsteren Monsterfilm mit dem Titel „Beneath the Darkness“ drehte, schickte Corman ein zweites Team unter der Führung von Jimmy T. Murakami los, welchen einen komplett anderen Film dreht, der sehr viel mehr mit hemmungsloser Exploitation zu tun hatte. Als Barbara Peeters das Ergebnis sah, welches Cutter Mark Goldblatt (später Regisseur des Lundgren’schen „Punisher“) aus den beiden Elementen zusammengefrickelt hatte, war sie entsetzt. Neben den extrem blutiger Monster-Angriffen im Schutze der Nacht, gab es jetzt auch plötzlich noch Szenen, in denen die Fischmonster am helllichten Tag ihren knackigen, jungen, weiblichen Opfern den Bikini vom Leib rissen und sich um die Fortpflanzung kümmerten. So wild das Ergebnis dies Mash-Ups auch war, Corman landet damit einen Hit.

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Für einen jungen James Horner, der sich später zu einem der größten Filmkomponisten Hollywoods mauserte und für „Titanic“ den Oscar gewann, war „Das Grauen aus der Tiefe“ die erste größere Arbeit. Seine Musik verlieht dem Geschehen eine epische Ernsthaftigkeit, die fast gar nicht zu dem Geschehen auf der Leinwand passen will, dieser aber auch nach weit mehr aussehen lässt. Geschickt verwendet Horner auch Motive aus den Vorbildern bei denen sich „Das Grauen aus der Tiefe“ bedient. Geschäftsmann der er ist, verwendete Corman Teile des edlen Scores dann auch in späteren Produktionen. Was auch für einige Action- und Monsterszenen gilt, die dann teilweise in „Der Vampir aus dem All“ auftauchen. Mit seinen gerade Mal 80 Minuten lässt „Das Grauen aus der Tiefe“ auch keine Langweile aufkommen. Ständig ist was los. Es gibt Schlägereien, fiese Brandanschläge, es wird sich beim Slasherfilm bedient und wenn schließlich die Monster beim großen „Lachsfest“ zuschlagen, sorgt Daniel Lacambres gute Kamera und Mark Goldblatts Talent als Cutter dafür, dass die drei Männer in Gummikostümen aussehen wie eine Armee Fischmenschen.

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„Das Grauen aus der Tiefe“ ist ein 80er-Jahre-B-Film at it’s best. Eine abstruse Handlung, die ordentlich aus anderen Filmen zusammen klaut, viel Sex, deftige, handgemachte Effekte und das alles sauber mit einigen Veteranen in den Hauptrollen inszeniert. Das macht Spaß und weckt nostalgische Gefühle.

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Die Luxus-Ausstattung, die OFDb Filmworks diesem Film angedeihen ließ, ist fast schon zu edel für dieses kleine, aber feine B-Filmchen. Auf drei Scheiben finden sich neben dem Film auf Blu-ray und DVD zahlreiche Extras. Der Film selber hat gleich zwei Audiokommentare spendiert bekommen. Einen vom Cutter Mark Goldblatt und einen vom bewährte Team Kai Naumann & Marcus Stiglegger. Ein sehr informatives „Making Of“ strotzt nur so vor Anekdoten und bringt in seinen nur 23 Minuten ein Maximum an Wissenswertem unter. Ferner gibt es noch zwei Featurettes mit Sound Designer David Lewis Yewdall (15 Min.) und Creature Effects Artist Steve Johnson (22 Min.), die beide auf sehr unterhaltsame Weise nicht nur ihre Spezialbereiche näher beleuchten, sondern auch etwas über ihren Werdegang und die ihre Arbeit an sich erzählen. Wie schon bei „Thief“ hat sich OFDb Filmworks auch hier eine einstündige Episode der Reihe „The Directors“ gesichert. Diesmal handelt sie von Roger Corman. Neben einem sehr kurzem Interview von Leonard Maltin mit Roger Corman (knapp vier Minuten), gibt es noch Trailer, TV-Spots und sonstiges Werbematerial. Des weiteren liegt noch ein 16seitiges Booklet mit einem Text von Thorsten Hanisch bei, der sich allerdings weniger um den Film als vielmehr um die „Beach Party“-Serie aus den 60ern dreht. Auch wenn „Horror of Beach Party“ an einigen Stellen immer wieder als Vorbild für „Das Grauen aus der Tiefe“ genannt wird, halte ich diese Verbindung und vor allem die Beschäftigung mit der Serie für etwas weit hergeholt. Kann man aber machen. Bild und Ton lassen keine Wünsche übrig. Das Bild hat einen sehr hübschen 80er-Look, wie man es von den preisgünstigen Produktionen bis zum Mitte des Jahrzehnts kennt. D.h. das Bild ist etwas dunkel und körnig, hat aber satte, wenn auch etwas dunklere Farben. Der Ton liegt in Deutsch und Englisch vor, ist gut zu verstehen und in orignialen 2.0 Stereo belassen. D.h. er kommt nur von vorne.

Blu-ray-Rezension: „Thief“

Von , 12. April 2016 17:44

thiefDer Ex-Sträfling Frank (James Caan) ist offiziell als Autohändler und Barbesitzer tätig, doch in Wirklichkeit verdient er sein Geld als professioneller Juwelendieb. Und als solcher gehört er zu den Besten seiner Zunft. Als nach einem erfolgreichen Beutezug sein Anteil in die Hände von Gangstern fällt, versucht er alles, um sein Geld zurückzubekommen. Dabei lernt er Leo (Robert Prosky) kennen, der Kopf der Gangsterbande. Leo will, dass Frank exklusiv für ihn arbeitet und macht ihm ein lukratives Angebot. Frank zögert zunächst, da ihm seine Unabhängigkeit über alles geht. Als Frank und seine Freundin Jessie (Tuesday Weld) ein Kind adoptieren wollen, und dies von den Behörden abgelehnt wird, verschafft Leo ihnen ein Kind vom Schwarzmarkt. Frank willigt ein, einen letzten großen Coup für Leo durchzuziehen, nicht ahnend, worauf er sich dabei einlässt.

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

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Michael Manns Kinofilmdebüt „Thief“ als Vorstudie zu seinem epochalem „Heat“ oder seinem Nachtstück „Collateral“ zu bezeichnen, greift viel zu kurz. Mit „Thief“ gelang Mann aus dem Stand ein frühes Meisterwerk, dessen Echo sich zwar in den eben genannten, aber auch generell Manns bisherigem Schaffen wiederfindet, welches aber nicht in deren Schatten steht. Es ist erstaunlich welche Kunstfertigkeit der bis dahin lediglich als Drehbuchautor für TV-Serien aufgefallene Mann an den Tag legt, wenn es gilt wunderbare Bilder und packende Charakterzeichnungen miteinander zu verheiraten. Während viele seiner Kollegen einen „Style over substance“-Ansatz pflegen, benutzt Mann seine vollendet komponierten Bilder, um seinen Figuren einen Raum zu schaffen, in welchem sie existieren können. Und wie kaum ein anderer versteht es Mann, die urbane Nacht zu inszenieren. Ein natürliches Biotop gestrandeter Seelen, das nach Sonnenuntergang zu seinem Neon-Leben erwacht.

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Wenn man sich gewundert hat, woher viele der ästhetischen Entscheidungen stammen, die Nicolas Winding Refn für seinen Neo-Noir-Klassiker „Drive“ getroffen hat, der möge sich „Thief“ ansehen, um die Antwort zu erhalten. Beide Film versprühen gerade in den Fahrten durch den Großstadt-Dschungel das selbe ausserweltliche Gefühl, welches hier wie dort auch durch den nüchternen, gleichzeitig aber auch traumhaft-schwebenden Soundtrack hervorgerufen wird. Für den „Thief“-Soundtrack konnte Michael Mann die deutschen Elektro-Pioniere „Tangerine Dream“ gewinnen, für die dies nach Friedkins „Sorcerer“ der zweite große Soundtrack-Auftrag in den USA war. Dass nun ausgerechnet dieser wunderbare und atmosphärische Soundtrack in jenem Jahr bei dem Anti-Oscar, dem Razzie Award, als schlechtester Filmscore des Jahres nominiert war, spricht nicht unbedingt gegen ihn, sondern sagt viel mehr etwas über die Güte des Razzie aus, der oftmals noch engstirniger und trendverliebter ist, als sein großer Bruder, der Oscar genannte Academy Award.

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Die großartige Konversation zwischen James Caan und Tuesday Weld in einem nächtlichen Diner ist nicht nur eine der wundervollsten Dialogszenen der Filmgeschichte, sondern erinnert selbstverständlich auch frappierend an das mittlerweile legendäre Zusammentreffen von Al Pacino und Robert de Niro (bevor beide in seelenlosen und immer alberneren Fließbandproduktionen ihren guten guten Ruf verspielten), welches an selber Stelle in Michael Manns 14 Jahre später entstandenen „Heat“. Tatsächlich fühlt sich „Thief“ oftmals wie ein Prequel zum späteren Film an, indem der von DeNiro gespielte Neil McCauley davon spricht, dass einen nichts binden sollte und man innerhalb von 30 Sekunden alles zurücklassen können muss, if you feel the heat around the corner. Frank scheint ein junger McCauley zu sein, welcher diese Lektion erst noch schmerzhaft lernen muss. Der noch daran glaubt, diesem Leben, welches er führt, entfliehen zu können. Der sich wortwörtlich eine Traumwelt gebastelt hat, die er auf einer Postkarte geklebt immer mit sich führt. Das Ideal eines normalen, bürgerlichen Lebens, welches irgendwann zerknüllt auf einem dreckigen Parkplatz landet.

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Dies ist die große Traurigkeit des Filmes. Am Ende ist Frank all seiner Illusionen und Träume beraubt. Er hat erkannt, dass er in der Lage sein muss, alle Verbindungen innerhalb von wenigen Minuten zu kappen. Die Menschen, die er liebt zu verlassen, ohne ein Gefühl von Reue und Trauer zu empfinden. Zu verschwinden, wenn es nötig ist, und niemals wiederzukehren. Keine Verbindungen, keine Liebe, keine Gefühle. Ein Wolf unter Wölfen. Er muss zu McCauley werden, um in der Großstadt-Steppe zu überleben. Das Einzige, was man dem Film vorwerfen kann, ist dass er die von Tuesday Weld beeindruckend gespielte Jessie im letzten Drittel etwas vernachlässigt und der interessante Subplot mit der von Willie Nelson gespielten Vaterfigur Okla etwas unterentwickelt bleibt. Aber das sind nur kleine Kritikpunkte, die in keinster Weise an der Krone dieses großartigen Filmes kratzen können.

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Gleich mit seinem Kino-Debüt „Thief“ erreichte Michael Mann ein erstaunlich hohes Niveau und schuf einen Klassiker des modernen Film Noir, welcher bereits die großen Themen seiner späteren Filme behandelt. Manns grandiose Symbiose aus packender Charakterzeichnung und einer berauschenden Optik macht, im Zusammenspiel mit dem wundervollen Tangerine-Dream-Score und den furiosen Schauspielern, aus „Thief“ einen der großartigsten Filme der frühen 80er Jahre.

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Für diese „Ultimate Edition“ fällt mir wirklich nur noch das war „ultimativ“ ein. Hier hat sich OFDb filmworks selber übertroffen. Auf fünf Scheiben verteilt finden sich neben zahlreichen Extras gleich drei Versionen des Filmes. Wobei das Prunkstück natürlich der neue Director’s Cut ist, der nicht nur einen brandneuen 4K-Transfer spendiert bekommen hat, sondern auch von Regisseur Michael Mann noch einmal farblich überarbeitet wurde. Wer aber den Film sehen möchte, wie er einst im Kino lief, für den ist selbstverständlich noch die Original-Kinofassung dabei. Und als besonderen Bonus enthält die edel aufgemachte Edition noch einen „Special Director’s Cut“, welcher 1995 erstellt wurde. Letzterer liegt nur auf DVD vor, da die Qualität des Masters nicht für eine Bluray reichte. Die anderen beiden Fassungen sind jeweils als Bluray und DVD enthalten. Einziger Kritikpunkt: Die wunderbaren Extras sind über alle Discs verteilt, so dass man sie sich erst zusammen suchen muss, da keine Übersicht enthalten ist, wo welche Extras zu finden sind. Aber das ist Meckern auf ganz, ganz hohem Niveau.   Der neue Director’s Cut kommt mit zwei Audiokommentaren daher. Einmal von Regisseur und Drehbuchautor Michael Mann und Hauptdarsteller James Caan, der zweite von Prof. Dr. Marcus Stiglegger. Dazu kommt noch unter dem Titel „Stolen Dreams“ ein neues, viertelstündiges Interview mit James Caan. Auf der Kinofassungs-Disc gibt es eine isolierte Musik- und Effektspur, so die über eine stunde gehende Doku „The Art of the Heist – Ausführliche Analyse des Films mit Schriftsteller und Kritiker F.X. Feeney“.  Der „’special Director’s Cut von ’95 wird abgerundet von einer einstündigen Folge aus der TV-Reihe „The Directors“, die sich mit Michael Mann und seinen Filmen beschäftigt, sowie einer 23-minütigen-Episode der französischen TV-Serie „Ciné regards“ über den Schauspieler James Caan, die kurz nach Abschluss der Dreharbeiten des Films entstand. Ferner enthält die Ultimate Edition noch ein 14-seitiges Booklet mit dem Essay „Kool Killers and Violent Streets“ von Prof. Dr. Marcus Stiglegger und ein gefaltetes A4-Filmposter. Wow! Die Bildqualität ist ebenfalls umwerfend, insbesondere was den neuen Director’s Cut angeht. Aber auch die Kinofassung kann sich mehr als sehen lassen. Demgegenüber fällt der „Special Director’s Cut“ von 1995 stark ab, aber das ist mehr als zu verschmerzen. Der Originalton ist einwandfrei und liegt im Original 2.0, sowie einer 5.1. Abmischung vor. Bei der deutschen Synchronisation soll es zu einem Fehler gekommen sein, der mir aber nicht auffiel (ich habe den Film aber auch im Original geschaut und nur kurz mal die die deutsche Sprachfassung gehört). Hier sind die Tonhöhen zu tief. Ein Statement von OFDb filmworks liegt hierzu aber bereits vor.

Blu-ray-Rezension: „Die Teuflischen von Mykonos“

Von , 13. Dezember 2015 16:59

die_teuflischen_von_mykonos_mb_aDas britische Pärchen Christopher (Robert Behling) und Cecile (Jane Lyle) kommen auf die griechische Insel Mykonos. Angeblich, um hier Ferien zu machen, tatsächlich aber, weil sie in London von der Polizei gesucht werden. Auf Mykonos ist Christopher von den „einfachen und guten“ Menschen der Insel fasziniert und will diese darum radikal von den „perversen Sündern“ säubern. Was das schwer gestörte Pärchen gleich in die Tat umsetzt…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

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Es gibt einen Film der beiden Sleaze-Meister Joe D’Amato und Bruno Mattei, der sich „Alle Perversionen dieser Welt“ nennt. Dies wäre auch ein höchst treffender Titel für „Die Teuflischen von Mykonos“. Als ich diesen griechischen Film vor ungefähr 17 Jahren das erste Mal sah, verfasste ich umgehend eine erste Besprechung, in der ich meiner großen Verstörung Ausdruck verlieh. Diese Besprechung ist mittlerweile aus dem Netz verschwunden, was mich ziemlich erleichtert hat. Ursprünglich sollte diese uralte Besprechung nämlich das Rückgrat der hier nun vorliegenden neuen Rezension sein. Doch als ich sie in den Tiefen meines PCs wiederfand, war ich doch recht beschämt, da ich feststellen musste, dass diese alten Texte sprachlich ungeheuer unausgereift waren. Vor allem fiel mir auf, dass ich damals mehrmals das Unwort „krass“ benutzte. Wobei „krass“ den Inhalt von Nico Mastorakis‘ Film im Grunde recht gut beschreibt.

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Nico Mastorakis gibt an, zu „Die Teuflischen von Mykonos“ durch eine Kinovorstellung des damals gerade frisch angelaufenen „Texas Chain Saw Massacre“ inspiriert worden zu sein. Nun hat „Die Teuflischen von Mykonos“ recht wenig mit Tobe Hoopers Klassiker zu tun, doch es ging Nico Mastorakis auch gar nicht so sehr darum, eine Kopie des Terrorstreifens zu produzieren, sondern vielmehr einen Film, der die in „Texas Chain Saw Massacre“ gezeigten Brutalitäten und Schockmomente noch übertrifft. Aus diesem Grunde dachte er sich eine Story aus, in die er alles packte, was nur irgendwie kontrovers war und Tabus brach. Homosexualität zwischen Männern oder Frauen, Inzest, Drogenkonsum, Voyeurismus, Sodomie, Vergewaltigung (sowohl einer Frau als auch eines Mannes), Blasphemie, Pinkeleinlagen und Sex mit reiferen Frauen. Und natürlich Morde, Morde, Morde. Männer, Frauen und Tiere müssen in mehr oder weniger expliziten Szenen dran glauben. Es verwundert (und erleichtert), dass Nico Mastorakis zumindest Kinder außen vor lässt.

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Nico Mastorakis macht keine Gefangenen und arbeitet mit einer Technik der ständigen Eskalation. Interessanterweise stumpft man durch das Gezeigte nicht irgendwann ab, sondern wird immer wieder aufs Neue von den Aktionen des mörderischen Pärchens überrascht und abgestoßen. Nico Mastorakis inszeniert dies alles auf den größtmöglichen Effekt hin und erschafft eine Welt, in der es keine Hoffnung auf ein normales Leben mehr gibt. Der Knalleffekt mit dem er seinen Film beschließt ist da ebenso konsequent, wie logisch. In einer zynischen Form ist das Ende von „Die Teuflischen von Mykonos“ ein ebenso vergiftetes Happy End, wie beispielsweise das Finale des koreanischen „OldBoy“. Interessant ist es, wie Nico Mastorakis die Opfer des Pärchens Christopher und Celia in Szene setzt. Jeder von ihnen geht einem Laster nach. Sündigt also, wenn man eine erzkonservative Bibelauslegung zugrunde legt. Dafür werden sie von Christopher, der sich als eine Art „Zorn Gottes“ versteht, bestraft. Der Trick, den Nico Mastorakis anwendet, besteht darin, dass sich die „Sünden“ der Opfer im Vergleich zu den Taten des „Bestrafers“ nur als völlig harmlos herauszustellen, ja in einer aufgeklärten Gesellschaft auch nicht als „Sünden“ aufgefasst werden sollten. Christophers erzkonservative, bibelgestärkte Rechtfertigung seines Mordtriebes bei gleichzeitig maximalen Verstoß gegen alle christlichen Gebote macht eine Identifikation mit ihm (hoffentlich) unmöglich, ist aber auch gleichzeitig ein parodistisch überzogener Kommentar auf die abgrundtiefe Heuchelei jener, die immer mal wieder gerne mit dem Finger auf „die da“ zeigen.

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Christophers Geisteskrankheit wird ganz offen zur Schau gestellt. Bei Cecila geht Mastorakis etwas subtiler vor. Sie unterstützt Christopher bei seinem Blutrausch, doch ihr Motiv ist dem Christophers entgegengesetzt. Christopher tötet aus Frustration über sein eigenes sexuelles Unvermögen. Seinen größten Kick erhält er, wenn er Cecila oder jemand anderes beim Sex beobachten kann. Seine durch Voyeurismus kompensierte Impotenz wird durch das Motiv der Kamera, welche er als eine Verlängerung des eigenen Blickes benutzt, symbolisiert. Er selbst kommt entweder gar nicht erst zum Zuge oder wird abgewiesen, was seine Raserei noch mehr entfacht und ihm erst im ultimativen Tabubruch (Inzest, Sodomie, Mord) soweit stimuliert, dass er den Akt vollziehen kann. Er ist der sadistische Teil des Pärchens. Cecila hingegen wird mehrschichtiger gezeichnet. Generell wird sie durch Unterwerfung sexuell stimuliert. Dies kann entweder ihre eigene oder die eines der Opfer sein. Somit gibt es für sie am Ende ein Happy End, wenn der „impotente“ Christopher entsorgt wird und sie jemanden trifft, der einerseits mit seiner Primitivität und Gewalttätigkeit ihre submissiven Bedürfnisse befriedigt, sich gleichzeitig aber auch von ihr manipulieren lässt. So genießt sie es deutlich, sich gegenüber des leicht schwachsinnig wirkenden Schäfers zunächst in die Rolle des Opfers zu begeben, um den einfachen Mann dann dahingehend zu manipulieren, dass er ihre Rollenspiel mitmacht. Daher könnte man „Die Teuflischen von Mykonos“ fast schon als schmierige Ergänzung zu Peter Stricklands aktuellen Film „The Duke of Burgundy“ ansehen.

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„Die Teuflischen von Mykonos“ ist einer jener völlig unfassbaren Filme, die scheinbar nur in den 70er Jahren entstehen konnten. Ein Film, der nach feuchtem Keller riecht und nach dessen Sichtung man am liebsten eine lange und gründliche Dusche nehmen möchte. Ob man dies nun als Empfehlung oder Warnung (oder beides) verstehen möchte, muss jedem selber überlassen bleiben.

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Die Aufbereitung die OFDb filmworks diesem Film hat zukommen lassen ist sowohl vorbildlich als auch definitiv. Das Mediabook ist vollgepackt mit Extras, die keine weiteren Wünsche mehr offen lassen. So finden sich auf der Blu-ray und der DVD jeweils folgende Features: Ein Vorwort von Nico Mastorakis (1:15 min.), ein Audiokommentar von Marcus Stiglegger und Kai Naumann, das Essay „Return to ‚Island of Death’“ (16:55 min.) in dem Mastorakis nach Mykonos zurückkehrt, die Originalschauplätze zeigt und zu allen ein paar Anekdoten bereit hat, das Feature „Exploring ‚Island of Death’“ (38:24 min.) in dem Exploitation-Filmexperte Stephen Thrower (der Standardwerke über Fulci, Franco und den US-Indie-Horrorfilm schrieb) über den Film referiert. Es gibt den deutschen und englischen Trailer und zwei alternative Vorspänne. Unter „Island Sounds“ findet man fünf Musikstücke aus dem Score mit einer Laufzeit von insgesamt rund 24 Minuten. Weiter geht es auf der Bonus-DVD mit der unglaubliche 152 Minuten laufenden Doku „Die Filme von Nico Mastorakis“, einem Interview mit Nico Mastorakis (22:04 min.) und einem mehr als halbstündigen Mastorakis Trailer Reel. Laut Cover wurde eine „brandneue 2K-Restaurierung, erstellt in Zusammenarbeit mit Regisseur Nico Mastorakis“ verwendet und der Film sieht wirklich fantastisch aus. Fast schon zu gut, denn „Die Teuflischen von Mykonos“ ist einer jeder Filme, die man sich eigentlich nur als verschlissene und nach Essig riechende 35mm-Kopie vorstellen kann, die irgendwann mal hinter das Real gefallen ist und beim Aufräumen zufällig wiedergefunden wurde. Das Bild der OFDb filmworks-Fassung ist aber ,wie gesagt, brillant und mit kräftigen Farben. Nur im letzten Akt gab es scheinbar kein adäquates Filmmaterial mehr. Dort pulsiert das Bild manchmal leicht und scheint an der rechten Ecke etwas entfärbt. Das Bildformat ist ein korrektes 1:1,33. Der Ton liegt auf Deutsch und Englisch in 2.0 Mono vor. Ein fest im Mediabook eingeklebtes Booklet gibt es auch. Dieses enthält einen interessanten Artikel von Thorsten Hanisch, der sich gar nicht so sehr um „Die Teuflischen von Mykonos“ dreht, sondern den Schwerpunkt auf das weniger bekannte griechische Exploitationkino der 70er Jahre legt. Abgerundet wird dies durch eine „Jagdliste“ von Vrasidas Karalis, der neun griechsiche Sexploitation-filme vorstellt, die man seiner Meinung nach gesehen haben sollte.

Nachbarschaftshilfe: Bremer OFDb Filmworks bringt „The Resurrected“

Von , 5. Juli 2015 01:03

Resurrected__aNachdem ich vor Kurzem über die Veröffentlichung des großartigen Italo-Krachers „Wenn Du krepierst – lebe ich“ – ein Pflichtprogramm für jeden Italophilen- berichtet habe (aber bis jetzt irgendwie gar nichts von dessen Veröffentlichung mitbekommen habe), wollte ich nun auf ein Projekt verweisen, welches so lange in der Mache war, wie es die OFDb Filmworks gibt: Dan O’Bannons Lovecraft-Verfilmung „The Resurrected„. An diesen Film habe ich noch lebendige Erinnerungen aus den alten Videotheken-Tagen. Denn dort fiel mir einst ein Tape auf, welches so derartig schamlos vorgaukelte, es würde sich dabei um „Tanz der Teufel“ handeln, dass man vor soviel Dreistigkeit schon den Hut ziehen musste. Beginnend mit dem Titel „Evil Dead – Saat des Bösen“ bis zum vom „Tanz der Teufel 2“-Cover geklauten, grinsenden Totenkopf, schrie alles: TANZ DER TEUFEL. Und es klappte auch irgendwie, denn neugierig wie ich damals war, nahm ich den Film mal mit, um zu gucken, was sich dahinter versteckte. Und was das war, erkannte ich recht schnell: Eine recht vorlagengetreue Umsetzung von H.P. Lovecrafts „Der Fall Charles Dexter Ward“. Mit tanzenden Teufeln hatte das also rein gar nichts zu tun, und mich würde mal interessieren, wie viel Leute die Kassette aufgrund enttäuschter Erwartungen den Videothek an den Kopf geworfen haben. Natürlich zu unrecht, denn O’Bannons Film hat unbestreitbar seine Qualitäten.

Nun wird er nach jahrelanger Vorbereitungszeit weltweit erstmals auf Blu-ray und als erste legale DVD-Veröffentlichung in Deutschland als limitierte Collector’s Edition veröffentlicht. Und das randvoll mit interessanten Extras. Und da ich einige der Leute kenne, die an diesen mitgewerkelt haben, ist es mir eine Freude, die Veröffentlichung hier anzukündigen, auch wenn so etwas auf diesem Blog nicht auf Dauer Einzug halten soll.

Hier der Überblick über besagte Extras:

• Audiokommentar von den Produzenten Mark Borde und Kenneth Raich, Drehbuchautor Brent V. Friedman,
Special Make-Up Effects Creator Todd Masters und Schauspieler Robert Romanus (englisch)
• Audiokommentar von Kai Naumann & Marcus Stiglegger (deutsch)
• Audiokommentar von Jörg Kopetz und Daniel Perée vom Wicked-Vision Magazin (deutsch)
• Adapting Lovecraft – Ein Interview mit Drehbuchautor Brent V. Friedman
• The Man Inside – Ein Interview mit Hauptdarsteller Chris Sarandon
• Human Experiments – Ein Interview Special Make-Up Effects Creator Todd Masters
• Grotesque Melodies – Ein Interview mit Komponist Richard Band
• Lovecraftian Landscapes – Ein Interview mit Produktionsdesigner Brent Thomas
• Deleted & Extended Scenes
• Dan O’Bannon’s Dankesrede bei der Verleihung des „Fangoria Chainsaw Awards for Best Independent/Direct-
To-Video Feature“ im Jahre 1992
• Trailer (US Video Promo & japanischer Trailer)
• Bildergalerie
• H. P. Lovecraft – Der Fall Charles Dexter Ward (Teil 1 und 2) – die komplette Hörspielumsetzung der Lovecraft-
Geschichte in der Reihe Gruselkabinett von Titania Medien (auf der Bonus-DVD übers Menü und zusätzlich im
DVD-ROM-Part als MP3)
• 84-seitiges Booklet: „Lovecraft Resurrected – Die kosmische Katakomben-Kunst des Dan O’Bannon“ von Jörg
Kopetz

Und darum geht’s in „The Ressurected“:

Nachdem der wohlhabende Chemiker Charles Dexter Ward eine Kiste mit alten Familienerbstücken erhalten hat, beginnt er sich zusehends merkwürdig zu verhalten. Dies beunruhigt seine Ehefrau Clare soweit, dass sie sich an den Privatdetektiv John March wendet, um die Ursache der Veränderung ihres Mannes zu ergründen. Die Erkenntnisse, die John im Zuge seiner Ermittlungen gewinnt, sind jedoch alles andere als erfreulich: So läßt sich der immer weiter von der Außenwelt abschottende Charles größere Mengen Blut und Leichenteile in das abgeschiedene Haus seines Vorfahren Joseph Curwen liefern, in das er sich zurückgezogen hat. Es scheint beinahe so, als ob er von dem Geist seines Ahnen besessen sei, der als Alchemist mit Leben und Tod experimentiert hatte…

Als alternatives Cover gibt es übrigens auch noch das von mir oben angesprochene Motiv der alten VHS-Kassette.

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Bremer OFDb Filmworks bringt „Wenn du krepierst – lebe ich“

Von , 21. Mai 2015 22:41

HitchhikeAusgesprochen gute – wenn auch mittlerweile schon etwas ältere – Nachrichten aus der Nachbarschaft. Die OFDb Filmworks veröffentlicht am 05.06.2015 den grandiosen „Hitch Hike – Wenn du krepierst lebe ich“ von Pasquale Festa Campanile. Campanile ist mehr für seine Dramen und Komödien bekannt. Hier zieht er ganz mächtig vom Leder und lässt in seinem misogynen Meisterwerk David Hess („Krug“ aus Wes Cravens Kult-Schocker „Last House on the Left“ und ebenfalls in Ruggereo Deodatos bösen„Der Schlitzer“ zu sehen) Franco Nero und die bezaubernde Corinne Cléry aus „Die Geschichte der O“ zu einem grandiosen Morricone-Soundtrack aufeinander los.

Walter Mancini (Franco Nero) befindet sich mit seiner Frau Eve (Corinne Cléry) auf einer Reise durch den Süden der USA. Die Reise ist aber kein allzu großes Vergnügen, denn das Paar ist zerstritten und die Beziehung alles andere als harmonisch. Als ihnen ein Anhalter begegnet, der offensichtlich eine Autopanne hatte, hält Eve gegen den Willen ihres Mannes an und nimmt ihn mit. Zuerst unterhält sich Walter noch mit Adam Konitz (David Hess), aber als dieser sexistische Bemerkungen gegenüber seiner Frau macht, eskaliert die Situation schnell und Konitz zeigt sein wahres Gesicht: Er ist ein gesuchter Krimineller, der eine Beute von zwei Millionen Dollar bei sich hat, die er mit der Hilfe von Walter und Eve über die mexikanische Grenze schmuggeln will…

Die Veröffentlichung kommt als 3-Disc Limited Edition daher, die eine Blu-ray und zwei DVDs im Digipak enthält. Der Film wurde neu vom Originalnegativ in HD abgetastet und mit drei Tonspuren (Deutsch, Englisch, Italienisch) versehen. Auch die Extras können sich sehen lassen. Enthalten sind u.a. ein Audiokommentar von Marcus Stiglegger und die 85 (!)-minütige Doku „Road to Ruin“.

Da herrscht bei mir große Vorfreude, und meine alte US-DVD dürfte bald ausgedient haben.

Blu-ray-Rezension: “V/H/S – Viral”

Von , 4. April 2015 21:06

vhsviral1. Kevin ist süchtig danach, seine Freundin Iris zu filmen. Als eines Abends direkt vor seinem Haus die Polizei einen geheimnisvollen Eisverkäufer-Wagen verfolgt, sieht er seine Chance gekommen, ein YouTube-Star zu werden. Doch als er auf die Straße tritt, um die Jagd zu filmen, wird Iris von dem Wagen entführt. 2. Dante, ein erfolgloser Zauberer, kommt in den Besitz des Umhangs des Magiers Houdini, welcher über dämonische Kräfte verfügt. 3. Der Erfinder Alfonso hat im Keller seines Hauses ein Tor in eine parallele Dimension errichtet. Als es ihm gelingt dies zu öffnen, steht er seinem Doppelgänger aus der Parallelwelt gegenüber. Beide beschließen für 15 Minuten jeweils die Welt des Anderen zu erkunden. 4. Drei Skateboarder, die ihre gefährlichen Stunts filmen und ins Netz stellen, verschlägt es nach Mexiko, wo sie auf einem abgelegenen Areal durch einen dummen Zufall die Toten zum Leben erwecken.

Mittlerweile gehört das sogenannte „Found-Footage“ zu der ausgelutschtesten und auserzähltesten Filmprämisse überhaupt. Filmemacher, die mit dieser Form der pseudo-realen Filmerei etwas anzufangen wissen und ihr neue Aspekte abgewinnen, sind sehr rar gesät. Zumeist wird sich auf darauf verlassen, dass die scheinbar „echten“ Aufnahmen so stark verwackelt sind, dass filmische Unzulänglichkeiten nicht weiter auffallen. Man kann ja schließlich von einem Filmamateur, der seine neue Videokamera ausprobiert keine Kamerafahrten ala Kubrick erwarten. Oder doch? So inkompetent, wie diese Filme die Leute hinter der Kamera darstellen, führen sich in der Regel noch nicht einmal Vierjährige auf. Dies verärgert in der Regel sogar noch mehr, als der merkwürdige Hang der angeblich realen Kameramänner, das Grauen stets bis zum letzten Augenblick filmen zu wollen, anstatt sich in Sicherheit zu bringen. Doch solange die Ausrede „Found Footage“ es untalentierten Regisseuren ermöglicht, für wenig Geld ihre Machwerke runter zu kurbeln, wird das Genre wohl nicht aussterben. Es gibt aber auch immer wieder Ausnahmen von der Regel. Wenn sich z.B. kompetente Filmemacher darüber Gedanken machen, wie und warum sie „Found Footage“ einsetzen und in wie weit dieser Kniff ihre Geschichte unterstützt.

In der Horror-Anthologie „V/H/S“ (Kritik hier) hatten sich die Stars des Mumblecore – in der Definition von Wikipedia sind dies Filme mit einem kleinem bis sehr kleinem Produktionsbudget, improvisierten Dialogen, der Nutzung von Innenräumen, Auftritten von Laienschauspielern und generell einer Do-it-yourself-Ästhetik – versammelt, um gemeinsam einen kostengünstigen Horrorfilm herzustellen. Das Resultat war nicht an allen Stellen überzeugend (gerade der bekannteste Name – Ti West -lieferte das langweiligste Segment ab), aber der Film wirkte frisch und mit ebenso großen Enthusiasmus, wie Experimentierwillen gemacht. Zudem war er stellenweise kreuzunheimlich. Die Fortsetzung „S-VHS“ konnte ich bisher leider noch nicht sehen. Da sie in Deutschland nur gekürzt gezeigt werden durfte, nehme ich an, dass hier in Punkto Härte noch eine Schippe draufgelegt wurde. Die Kritiken im Netz sind überwiegend wohlgesonnen und bestätigen meine Vermutung. Gerade der zweite Teil konnte mit einigermaßen bekannten Namen aufwarten, wie Eduardo Sánchez, der einst mit „Blair Witch Project“ die ganze Lawine an billigen Nachahmern lostrat und Gareth Evans, der mit seinen ultraharten „The Raid“-Actionfilmen für Furore sorgte. Bei „V/H/S – Viral“ fehlt es an solchen Namen. Allein Nacho Vigalondo kennt man etwas besser, da er den ganz wunderbaren und leider viel zu wenig bekannten „Time Crimes“ gedreht hat und gerade sein Mystery-Thriller „Open Windows“ mit Elijah Woods auf den Markt kam.

„V/H/S – Viral“ dehnt die Vorgaben des „Found Footage“ teilweise so weit, dass man sich fragt, weshalb gerade dieses Format für die Geschichten verwendet wurde. In der Rahmenhandlung wird das Thema „gefundenes Videomaterial“ zwar aufgenommen, doch in keinen unbedingt zwingenden Zusammenhang gebracht. Da wird Videomaterial verwendet, durch das immer wieder alte „Bildreste“ durchscheinen, obwohl die Handlung mit einer Digitalkamera gefilmt wird. Aber auch dies ist nicht konsequent umgesetzt, da immer wieder aus anderen Perspektiven gefilmt wird. Von wem? Und wer hat das Material zusammengetragen und geschnitten? Vielleicht der geheimnisvolle Eisverkäufer-Wagen, der hier von allen möglichen videohungrigen und YouTube-geilen Leuten gejagt wird? Das stark an „Videodrome“ erinnerndes Ende deutet darauf hin, kommt aber nicht einmal auf Steinwurf an Cronenbergs Meisterwerk heran. Überhaupt leidet die von Marcel Sarmiento gedrehte Episode „Vicious Circles“ sehr an seiner hektischen Machart, die es dem Zuschauer über weite Strecken unmöglich macht, nachzuvollziehen, was überhaupt vor sich geht. Dadurch wird einem die Handlung egal und von Grusel oder Shock fehlt hier jede Spur. Man fühlt sich einfach nur genervt. Dass diese Rahmenhandlung weniger in die Geschichten einführt, als vielmehr eine ganz eigenständige, allerdings immer wieder durch die anderen Erzählungen unterbrochene, Geschichte darstellt, hilft auch nicht wirklich weiter.

Die zweite Geschichte, „Dante the Great“ von Gregg Bishop, um einen kleinen Zauberer, der den magischen Umhang Houdinis entdeckt und durch einen darin lebenden Dämon zu echten Zauberkräften kommt, ist nett, aber nicht mehr. Auch hier wird der „klassische“ Found Footage aufgehoben und „Dante the Great“ als Fake-Dokumentation präsentiert. Das wirkt dann alles etwas unbeholfen und gezwungen, ist aber immerhin unterhaltsam und mit Tempo inszeniert. Auch wenn man die Geschichte um den dämonischen Zauberumhang schnell vergisst, zählt sie zu den stärkeren Momenten von „V/H/S – Viral“. Die überzeugendste Arbeit liefert der Spanier Nacho Vigalondo ab, der einerseits das Found-Footage-Motiv konsequent und nachvollziehbar durchzieht, andererseits aber auch eine interessant-merkwürdige und in der Tat unangenehm gruselige Parallelwelt erschafft. Eine weitere Expedition in diese seltsame Welt könnte man sich durchaus auch in Spielfilmlänge vorstellen. Selbst wenn das Ende dann doch eher enttäuschend ausfällt und durch merkwürdig lächerliche Effekte an Wirkung einbüßt. Trotzdem ist „Parallel Monsters“ der einzige Grund, sich „V/H/S – Viral“ zuzulegen. Denn bereits die nächste Geschichte, „Bonestorm“ von Justin Benson und Aaron Moorhead, stellt den absoluten Bodensatz dieser einst so vielversprechenden Serie dar. Drei hochgradig unsympathische, zum Kotzen coole Skater-Boys gegen mexikanische Zombies, die an die „reitenden Leichen“ erinnern. Das alles so billig und ohne jegliches Gefühl für Timing und Horror abgefilmt, dass man zwangsläufig an einschlägige Amateur-Horrorfilme denken muss, deren Protagonisten oftmals ähnlich „realistische Sympathieträger“ sind, und in denen „geiler Splatter“ über einem vernünftigen Drehbuch stehen. Absolut verzichtbar.

Die auffällig kurze Laufzeit von 80 Minuten ist der Tatsache geschuldet, dass ursprünglich noch eine fünfte Episode zum Film gehören sollte: „Gorgeous Vortex“ von Todd Lincoln. In letzter Sekunde wurde diese allerdings aus den fertigen Film geworfen, da sie sich angeblich nicht ins Gesamtkonzept einfügen wollte. Da ich kein Konzept erkennen kann, denke ich aber, dass irgendwelche anderen Gründe den Ausschlag gaben. Da „V/H/S – Viral“ zur allgemeinen Überraschung eine FSK 16 bekommen hat, könnte ich mir vorstellen, dass die Produzenten in den USA die Episode auch aus Freigabe-Gründen gestrichen haben. Da ich „Gorgeous Vortex“ aber nicht kenne, bleibt dies erst einmal Spekulation. Die 2-Disc-Limited Edition, die OFDb Filmworks ebenfalls herausbracht hat, enthält die Episode als Extra und ist nicht FSK geprüft. Ob aber gerade „Gorgeous Vortex“ den Kauf des deutlich teureren Mediabooks zwingend erforderlich macht, kann ich wie gesagt nicht beurteilen.

„V/H/S – Viral“ kann leider zu keinem Moment an den ersten Teil der Serie anknüpfen. Obwohl Nacho Vigalondo eine sehr interessante Episode abgeliefert hat, von der man gerne mehr gesehen hätte, kann lediglich die Pseudo-Doku „Dante the Great“ für solide Unterhaltung sorgen. Die beiden anderen Episoden, insbesondere „Bonestorm“, können noch nicht einmal als Fingerübungen durchgehen und enttäuschen auf ganzer Linie.

Wie immer bei Filmen, die vorgeben sich aus gefundenen Videomaterial zu speisen, kann man über die Bildqualität keine wirklichen Aussagen machen, da eine nicht optimale Wiedergabe hier zum Konzept gehört. Der Ton ist überzeugend und irritiert hübsch durch einige Effekte. Die Extras sind nicht unbedingt erwähnenswert, aber schön, dass die Scheibe nicht „bare bones“ daherkommt. Es gibt ein 8-minütiges Making of von „Dante the Great“ und ein 5-minütiges der katastrophalen Episode „Bonestorm“.

Blu-ray-Rezension: “Tödliche Umarmung“

Von , 26. Februar 2015 20:37

toedliche_umarmungNachdem seine Ehefrau bei einem seiner Einsätze ums Leben kam, musste Geheimagent Harry Hannan (Roy Scheider) einige Zeit in psychiatrischer Behandlung verbringen. Nun ist er als geheilt entlassen und möchte gleich wieder ins einem alten Job anfangen. Doch man lässt ihn nicht, Hannan gilt als Risiko. Als ein Mordanschlag auf ihn ausgeführt wird, glaubt Hannan, seine ehemaligen Kollegen wollten ihn aus dem Weg räumen. Doch bald schon entdeckt Hannan, das etwas ganz anders hinter der Sache steckt, und er auf der Todesliste, eines geheimnisvollen Killers steht, der bereits des Öfteren zugeschlagen hat…

Nachdem Jonathan Demme die Roger-Corman-Schmiede verlassen hatte, wand er sich seriöseren Produktionen zu. Mit „Tödliche Umarmung“ kehrte er kurz vor seinem Durchbruch mit der preisgekrönten Komödie „Melvin und Howard“ noch einmal zum Thriller-Genre zurück, bevor er dann 1992 mit „Das Schweigen der Lämmer“ das Genre sogar zu Oscar-Weihen führte. Mit letzterem Werk sollte man „Tödliche Umarmung“ allerdings nicht vergleichen. „Tödliche Umarmung“ steigt einerseits tief ins Pulp-Gebiet ein, andererseits versucht sich Demme mit diesem Film auch an einer recht deutlichen Hitchcock-Hommage. Damit steht „Tödliche Umarmung“ in einer Reihe mit Filmen wie „Charade“, „Höhenkoller“ und diversen Brian de Palma-Produktionen. Tatsächlich hat der Film dann auch etwas von „Hitchcock gefiltert durch die Brille diverser B-Filme“. Besonders ernst sollte man Demmes Film nicht nehmen, dazu fährt er einfach zu schwere Geschützte auf. Auch wenn diese sich am Ende zu keinem einheitlichen Ganzen fügen wollen, kann man „Tödliche Umarmung“ einen angenehmen Unterhaltungswert nicht absprechen. Munter mischt Demme Zitate aus „Psycho“, „Der unsichtbare Dritte“, „Familiengrab“ und vor allem und immer wieder „Vertigo“.  Aber auch andere Thriller, wie „Der Marathon-Man“ und „Niagara“ kommen einem während des Filmes immer wieder  in den Sinn.

Die vorgebliche Spionage-Handlung, die gleich am Anfang etabliert wird und Harry Hannans Trauma auslöst, ist – so viel darf verraten werden – eine falsche Spur, die aber immerhin Christopher Walken und den immer wieder gern gesehen Charles Napier einen Auftritt garantiert. Die kurze Szene in der ein noch sehr junger Walken den Chef des alten Hasen Roy Scheider gibt, gehört dann auch zu einem der Höhepunkte des Filmes. Es ist jammerschade, dass Walkens Rolle nicht größer ist. Auch Napiers Charakter dient allein der Verwirrung des Zuschauers und hat keine weitere Funktion, als Scheiders Figur hier und dort in Gefahr, und den Zuschauer auf eine falsche Spur zu bringen. Der dieser letztendlich nur der Ablenkung dienende Geheimdienst-Komplex nimmt in der ersten Hälfte des Films einen nicht gerade kleinen Raum ein. Neben der viel zu kleinen Rolle Walkens und der Verschwendung des großartigen Napiers, muss auch festhalten, dass hier viele kleine und interessante Fäden aufgenommen werden – wie Scheiders verzweifelte Versuche wieder einen Job zu bekommen, und sein „normales“ Leben weiterzuführen oder der Geheimdienst, der seine nicht mehr voll funktionstüchtige Waffe entsorgen will – die dann aber am Ende nie miteinander verknüpft, geschweige denn zu Ende geführt werden. So zerfällt der Film in zwei Hälften, die beide viel zu viele unbefriedigende Löcher aufweisen und den Film obendrein unnötig zerfasern.

Ähnliches gilt auch für die zweite Hälfte, in der Scheider langsam auf die Spur der Bedrohung kommt, und ihm mit Sam Levene  als Sam Urdell ein kauziger Sidekick zur Seite gestellt wird. Auch hier wimmelt es von falschen Fährten und verpassten Gelegenheiten. Letztere betreffen zum Beispiel den von John Glover wunderbar eingebildet und versponnen gespielte Professor Peabody  dessen Figur  viel Potential zeigt, welches aber nie voll entfaltet wird. Nachdem das Drehbuch dem Zuschauer allerlei „rote Heringe“ hingeworfen hat, ist dann der Schnitt auf den wahren Täter so hart und aus dem Nichts kommend, dass man für kurze Zeit vollständig aus dem Film geworfen wird, und dadurch die großartigste Szene des ganzen Films ganz an Durchschlagskraft verliert, da  man noch vollkommen damit beschäftigt ist, sich zu fragen, was das da alles plötzlich soll. Da lohnt es sich dann den Film später noch einmal zurück zu spulen und sich in Ruhe den Mord durch Koitus in der Badewanne anzusehen, in der die Todeszuckungen des Opfers sein Gegenüber zu höchsten Orgasmusfreuden bringt. Das zwar passt nicht zu Motiv und Charakter der Person hinter den Morden, ist aber ein wunderbar schmieriger Griff ins Bahnhofskino, aus dem Demme ja auch stammt. Der Bruch nach der – zugeben vollkommen überraschenden – Enthüllung der Identität und des Motivs des Täters, ist dann auch so hart, dass es dem Film nicht gut tut. Dass das Motiv darüber hinaus auch nur ein sehr schwaches und nicht unbedingt nachvollziehbares ist, macht es auch nicht leichter. Immerhin führt dies dann gleich zum großen Finale vor dem Hintergrund der Niagara-Fälle.

Um den Hitchcock-Effekt noch zu erhöhen wurde Altmeister Miklós Rózsa für den Soundtrack engagiert. Der hat zwar nie für Hitchcock komponiert, soll aber scheinbar ein Bernard-Herrman-Gefühl in den Film einbringen. Was allerdings nicht gelingt, da Rózsas Musik für sich genommen zwar hörenswert ist, aber sich weniger an Herrman Hitchcock-Scores, als vielmehr an seinen Film-Noir-Filmen oder viel mehr noch den Dramen der 40er Jahre orientiert und die dramatischen Orchestermelodien in einem starken Kontrast zum doch sehr 70er-mäßigen Gestaltung von „Tödliche Umarmung“ steht. Demgegenüber muss die sehr dynamische und einfallsreiche Kameraarbeit Tak Fujimotos hervorgehoben werden. Fujimotos arbeitete regelmäßig mit Demme zusammen und fotografierte für ihn auch seine Hits „Das Schweigen der Lämmer“ und „Philadelphia“, später wurde er dann auch Stammkameramann M. Night Shyamalans. Besonders eine Szene ganz am Anfang, in der die Kamera wie wild Scheiders im Grunde ereignislosen Gang zur U-Bahn begleitet und dabei über den Bahnsteig fegt wie ein wilder Derwisch lässt das Herz höher schlagen. Diese Szene endet dann auch in einer lupenreinen Hommage an einen anderen Regisseur, dem in jungen Jahren auch Tendenzen zur Hitchcock-Nachahmung unterstellt wurden: Dario Argento. Vielleicht ist „Tödliche Umarmung“ ja auch weniger eine lupenreine Hitchcock-Hommage, als vielmehr eine Hommage an diejenigen, die in ihrem Werk Hitchcock ihre Ehre erweisen.

Obwohl nicht makellos und an insgesamt ausgefranst und überladen, kann man „Tödliche Umarmung“ einen Unterhaltungswert nicht absprechen. Die souveränen Darsteller, eine schöne Kameraarbeit und der ein oder andere gute Einfall können das schlecht konstruierte, unentschlossene Drehbuch welches sich immer wieder Vorlagen liefert, dies es dann doch nicht verwandelt, dann doch noch ausgleichen.

Die Blu-ray des Hauses OFDb Filmworks präsentiert den Film in einer guten Bildqualität, die allerdings ihr Alter auch nicht leugnen kann. Der Ton liegt in Stereo vor, wahlweise Deutsch oder Englisch, zudem können gute deutsche Untertitel zugeschaltet werden. Bei den Extras herrscht – bis auf den Trailer – leider völlige Ebbe.

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