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Nachruf: Ennio Morricone (1928-2020)

Von , 6. Juli 2020 17:20

Ennio Morricone ist tot. Seine Musik lebt weiter. 91 Jahre ist er geworden. Vor einigen Jahren wollte ich zu einem seiner Konzerte nach Hamburg. Habe dann aber zurückgezogen. Zu teuer. Niemanden gehabt, der mitgekommen wäre. Schon damals wusste ich, dass ich das einmal bereuen werde. Und so ist es jetzt auch.

Ennio Morricone. Der erste Filmkomponist, den ich beim Namen kannte. Der erste, von dem ich mir später eine LP geholt habe. Damals, als der Saturn noch in der Faulenstr. war. Dort wo heute Allnatura ist. Das war „The Untouchables“. Und ich weiß noch genau, wo das Fach war. Und wie oft ich den Soundtrack gehört habe, damals noch Zuhause im Jugendzimmer. Geliebt habe ich Ennio und seine Musik aber schon vorher.

Ennio Morricone. Das erste Mal habe ich ihn gehört, als ich 1980 oder 1981 bei Onkel und Tante übernachtet habe. Meine Cousine (fünf Jahre älter) hatte eine LP mit Morricone-Stücken. Warum weiß ich gar nicht, war doch eigentlich nicht so ihres. Das war so ein typischer Sampler. Ich weiß gar nicht mehr wie der hieß, ich meine aber da war der berühmte Monument Valley Felsen drauf gezeichnet. Die Platte habe ich mir ausgeliehen, auf Tape gezogen und dann rund um die Uhr gehört. Da war, wenn ich mich recht erinnere, seine Western-Scores drauf, aber auch „The Ballad of Sacco & Vanzetti“, die mich schon damals ergriffen hat.

Ennio Morricone. „Here’s to you..“ Die Kassette im Walkman habe ich mich dann immer weggeräumt und im Gedanken Szenarien entworfen, wie ich gerne mit meinen Freunden als Film umgesetzt hätte. Alles irgendwie „Zwei glorreiche Halunken“-Rip-Offs, die ich gerne auf den Wiesen im Blockland umgesetzt hätte. Ist natürlich nie etwas draus geworden, weil ich für so etwas nicht meinen Hintern hochbekommen habe. Wie später beim Morricone-Konzert. Auch eine Lektion fürs Leben. Wenn Du etwas willst – tue es! Meinen Film habe ich dann später gedreht, das war allerdings nicht so ein romantisches Erlebnis wie das, was ich mir mit Ennios Score auf den Ohren als 10- oder 12-jähriger ausgemalt habe.

Ennio Morricone. Im Internetzeitalter habe ich mir dann alles mögliche Morricone-Zeugs bestellt. Da gab es plötzlich wundervolle Zusammenstellungen von Cherry Red oder DRG. Die Platte meiner Cousine habe ich allerdings nie wiedergefunden.

Heute hat Ennio Morricone diese Welt verlassen. Noch so ein „Unsterblicher“ von dem man glaubte, er sei einfach immer da. Das macht mich traurig. Und erinnert mich daran, dass ich mir noch seinen Soundtrack zu „The Hateful 8“ zulegen wollte. Ich glaube, dass mache ich gleich mal. Ich habe ja mittlerweile gelernt, dass man nichts aufschieben soll. Man weiß nie, ob es noch einmal eine zweite Gelegenheit gibt. Auch bei Unsterblichen nicht.

Nachruf: Umberto Lenzi (1931-2017)

Von , 20. Oktober 2017 23:37

Vor einigen Wochen hatte ich eine Idee. Ich lasse mir beim Copy Shop um die Ecke ein T-Shirt mit einem Filmplakat-Motiv machen. Meine Wahl fiel auf „Die Viper“, die ich sogar als VHS-Kassette bei mir herumstehen hatte und deren Cover ich leicht scannen und aufhübschen konnte. Die Idee dazu hatte ich, als wir von Weird Xperience im Juni auf dem Schlachthof Open-Air „Die Gewalt bin ich“ gezeigt haben, und ich mir da schon ähnliches als Gag für unsere Einführung gewünscht hätte. „Die Viper“ und „Die Gewalt bin ich“ haben zwei Gemeinsamkeiten: Die Regie führt Umberto Lenzi und die Rolle des Antagonisten hat der Anfang des Jahres verstorbene Tomas Milian übernommen. Als ich mir das T-Shirt dann das erste Mal überstreifte, wusste ich nicht, dass es recht bald ein Gedenken an zwei meiner Helden werden sollte. Nur sieben Monate nach Milian ist gestern, am 19.10.2017 auch Umberto Lenzi gestorben.

Lenzi, der ewig Unterschätzte. Lenzi, dessen Name vor allem für die Filme bekannt ist, die er selber am meisten verabscheute: Seine beiden Kannibalen-Schocker „Lebendig gefressen“ und „Die Rückkehr der Kannibalen“. Ich freue mich sehr, dass Lenzi in den vielen, teils sehr persönlichen, Nachrufen im sozialen Netz nicht auf diese beiden Filme reduziert wird. Sondern, dass vor allem auf seine actionbetonten, mitreißende Polizeifilme hingewiesen wird. Oder seine eleganten Gialli, die immer etwas mehr Bodenhaftung hatten, als die bahnbrechenden Werke von Bava, Argento oder Martino. Am meisten Stolz war Lenzi selber – wie ich einmal aus sehr gut informierter Quelle hörte – auf seine Kriegsfilme, die er Ende der 60er mit großer, internationalen Starbesetzung inszenierte.

Lenzi war ein großartiger Handwerker, der für den Film brannte, wie man nun immer wieder von Leuten ließt, die ihn persönlich kennenlernen durften. Jemand, der in allen Genres daheim war und historische Abenteuerfilme, ebenso wie Eurospy-Filme und Italowestern drehte. Jemand, der in seinen Filmen auch mal etwas wagte – wie bei der 1970 entstanden „Der Mann, den sie Pferd nannten“-Variante „Mondo Cannibale“, dem bitterbösen und tabu-brechenden „Der Berserker“ oder dem in seiner Überdrehtheit schon ins Parodistische gleitende „Labyrinth des Schreckens“. Und jemand, der ein verdammt gutes Auge für rasante Actionsequenzen, vor allem Autoverfolgungsjagden hatte, wie in seinem Polizeifilmen immer wieder eindrucksvoll bewiesen wird.

Dass Lenzi nie denselben Status wie seine seine Kollegen Fulci oder Martino (die je ebenfalls in unterschiedlichen Genres Zuhause waren) erreichte mag einerseits daran liegen, dass seine bekanntesten (weil berüchtigtsten) Filme eben seine späten Kannibalen-Filme (ein Genre, welches selbst unter Horrorfans umstritten ist) und der seltsame Actionfilm-Zombie-Hybrid „Großangriff der Zombies“ war. Letzterer irritiert durch seine sehr eigenwillige Interpretation des Zombie-Mythos (bzw. der „Infizierten“), die allerdings bereits 1980 einen Film wie „28 Days Later“ vorweg nimmt. Aber auch daran, dass Lenzi in der Regel auf viel Schnickschnack und Zierrat verzichtete und seine Geschichten lieber rau und mit Tempo vorantrieb. Er selbst sah sich dabei in der Tradition eines Sam Fuller oder Raoul Walsh.

In den späten 80ern war er ebenso wie sein Kollegen vom Niedergang der italienischen Filmindustrie betroffen. Da reichte es dann nur noch zu einigen niedrig budgetierten TV- und DTV-Produktionen, in denen nut selten das Feuer loderte, welches Lenzis‘ besten Filme ausmachten. Trotzdem gelangen ihm noch einige solide Werke, die sich durchaus sehen lassen konnten, wie „Return of the Hitcher“ oder „Black Zombies“. 1992 drehte er mit „Mean Tricks“ seinen letzten Film, zog sich aus dem Filmgeschäft zurück und begann Kriminalromane zu schreiben, die im Cinecitta der 30er und 40er Jahre spielen. Leider hat es von diesen Büchern bisher keines nach Deutschland geschafft hat. Ein leidenschaftlicher Filmliebhaber ist er aber dem vernehmen nach bis ins hohe Alter geblieben. So schrieb er eine regelmäßige Kolumne in der italienischen Filmzeitschrift „Notturno“, wie Wikipedia weiß. Nun ist er mit 86 Jahren in Rom verstorben.

Nachruf: Tobe Hooper (1943-2017)

Von , 29. August 2017 20:33

Am vergangenen Sonntag verstarb Tobe Hooper mit nur 74 Jahren. Damit ist innerhalb weniger Monate nun schon der zweite enorm einflussreiche Genre-Regisseur von uns gegangen, dessen Erstlingswerk den modernen Horrorfilm stark geprägt, ja beinahe schon neu erfunden hat. Mit dem am 16. Juli verstorbenen George A. Romero verband ihn dann auch, dass er immer wieder auf das eine, revolutionäre Werk reduziert wird. Gelang es Romero aber noch, dieses fortzuführen und dadurch in seinen späten Jahren noch einmal die Gelegenheit bekam, seine Visionen umzusetzen, so war dies Hooper nicht vergönnt. Zwar konnte er selber 1985 noch „Texas Chainsaw Massacre 2“ realisieren, doch bei den weiteren Folgen dieses Franchise war er dann außen vor.  Stattdessen musst er sich in den letzten beiden Jahrzehnten mit billigem direct-to-video-Stoff herumschlagen, dem er nur selten seinen Stempel aufdrücken konnte.

Dabei hatte alles doch so gut angefangen. Nach dem Paukenschlag „The Texas Chain Saw Massacre“ drehte er den kleinen, aber unterhaltsamen „Blutrausch“  und den zwar relativ zahmen, aber trotzdem wunderschönen „Das Kabinett des Schreckens“. Mit „Das Kabinett des Schreckens“ zog der das Ticket nach Hollywood, wo er für Steven Spielberg „Poltergeist“ inszenierte. Sein scheinbar größter Triumph wurde aber auch zu einem Wendepunkt in seiner Karriere. Bis heute ist nicht klar, inwieweit er an „Poltergeist“ tatsächlich beteiligt war und wie viel Spielberg selber drehte. Heute gilt „Poltergeist“ vor allem als Spielberg-, und nicht als Hooper-Film. Wie auch der 1979 entstanden TV-Zweiteiler „Brennen muss Salem“ eher als Stephen-King-Verfilmung, denn als Werk von Tobe Hooper bekannt ist.

Die legendäre Filmproduktion Cannon gab ihm dann noch einmal – das letzte Mal in seiner Karriere – richtig Geld in die Hand. Aber trotz einer großen Fangemeinde heute, floppten sowohl der wundervolle „Lifeforce“, als auch das schöne „Invasion vom Mars“-Remake damals an der Kinokasse. Sein zweiter „Chainsaw“ – „The Texas Chainsaw Massacre 2“ – war da war etwas erfolgreicher, aber bei weitem nicht das, was Cannon sich vorgestellt hatte. Probleme mit den Zensurbehörden verschärften den Konflikt nur. Erst vier Jahre später drehte Hooper mit „Fire Syndrome“ seinen nächsten Film, den aber niemand sehen wollte.

Ab da war er im B-Video-Land gefangen. Den Tiefpunkt erreichtet er 1993 mit seinem nächsten Film: Dem grauenvoll schnarchigen „Tobe Hooper’s Living Nightmare“. Danach habe ich seine Karriere nicht mehr wirklich verfolgt. 2004 sah ich noch seine Remake „Toolbox Murders“, den ich recht schön fand – auch wegen der wunderbaren Angela Bettis.  Viel durfte Tobe Hooper dann leider nicht mehr drehen. Zwischen seinem, von den Vereinigten Arabischen Emiraten finanzierten und auch dort gedrehten, letzten Film „Djinn“ von 2013 und dem überall von der Kritik (aber auch den Fans) zerrissenen „Mortuary“ lagen ganze 7 Jahre.

Für mich ist Tobe Hooper einer der Großen, die nie wirklich die Anerkennung erfahren haben, die ihnen zusteht. Denn Hooper war mitnichten das „One Hit Wonder“ zu dem er auch jetzt in den Nachrufen immer gemacht wird. Den Vogel schießt hier die dpa ab, die anlässlich seines Todes mit Bezug auf seinen Klassiker „The Texas Chain Saw Massacre“ schrieb: „Hooper verhalf damit dem Genre des günstig produzierten Splatter-Horrors mit knapp bekleideten Frauen und kreischenden Teenies zum Durchbruch“. Ich bezweifle mal, dass der verantwortliche Autor den Film gesehen hat. Und ich bedauere, dass so viele Zeitungen diesen Wortlaut einfach nachgedruckt haben, denn darin kommen mal wieder alle Vorurteile gegen den Film und seinen Regisseur hoch.

Ich kann mich noch gut an meine erste Begegnung mit dem berüchtigten „Kettensägenmassaker“ erinnern. Ja, ich war sehr enttäuscht. Das vom Titel versprochene Blutbad fand nicht statt. Mir gefiel da Hoopers zweiter Teil sehr viel besser. Dieser zeigte ja nämlich all das, was Menschen, die den ersten Film nie gesehen haben, sich unter genau ebendiesen vorstellten. Aus diesem Stoff formte Hooper dann eine rasante, absurde und rabenschwarze Komödie. Das Gegenteil seines Erstlings. Dieser wuchs bei mir aber immer mehr. Mit jeder neuen Sichtung packte er mich aufs Neue, schüttelte mich durch und seine krank-morbide Stimmung der permanenten Bedrohung machte mir mit jedem Male mehr Angst. Ich habe es (leider) nur selten erlebt, dass ein Film wirklich von Sichtung zu Sichtung besser und übermächtiger wird. „The Texas Chain Saw Massacre“ gehört auf jeden Fall dazu. Das letzte Mal sah ich den Film bei Open-Air-Kino am Schlachthof (welch passender Platz), wo wir ihn innerhalb unserer Bremer Filmreihe „Weird Xperience“ zeigten. An einem warmen Sommerabend und freiem Himmel. Es war großartig und für mich ein wirklich Highlight in unserer Reihe.

Anlässlich von Tobe Hoopers Tod habe ich auch nochmal „Das Kabinett des Schreckens“ geschaut, den ich bei der ersten Sichtung vor mehr als 20 Jahren auch nur so la-la fand. Und tatsächlich braucht der fast eine Stunde, bevor er so richtig in Gang kommt. Für jemanden, der ungeduldig auf Blut und Innerereien wartet eine Qual. Und auch wenn es dann rund geht, hält sich Hooper sehr zurück. Weiß man dies alles und ist mittlerweile in einem Alter, in der die Sturm-und-Drangphase schon viele Monde zurückliegt, kann man sich wunderbar in den Film fallen lassen und seine Qualitäten genießen. Im Grunde ist „Das Kabinett des Schreckens“ ja eine „Texas Chain Saw“–Variation. Vollständig mit überschaubaren Personenkreis und einer merkwürdigen Familie. Stilistisch trennen beide Film aber Welten. Hooper hat hier eine wunderbar morbide Rummelplatz-Atmosphäre geschaffen, ein Auge für kleine Details und wenn es dann in der Geisterbahn (das titelgebende „Funhouse“) zur Sache geht, schwelgt der Film in rot-grün-blauen Farben, die an Meister wie Bava und Argento denken lassen. Dazu kommt die erlesene Scope-Fotografie. Und worin Hooper nun wirklich brillant ist: Diese kranke, bedrohliche Stimmung zu kreieren, die hier nicht so unbehauen wie in „The Texas Chain Saw Massacre“ wirkt, aber immer noch da ist.

Vielleicht erhält Tobe Hooper ja nach seinem Tod noch die große Anerkennung, die ihm gebührt – auch jenseits von „The Texas Chain Saw Massacre“. Ich würde es ihm von Herzen gönnen.

Nachruf: George A. Romero (1940-2017)

Von , 18. Juli 2017 20:47

Einem Feuersturm gleich rauschte am Sonntagabend die Nachricht durch meine sozialen Netzwerke, dass George A. Romero gestorben ist. Dass diese traurige Nachricht in Windeseile meine Timeline auf Facebook füllte, zeigte mir einerseits, dass ich dort mit den richtigen Leuten verbunden bin, und andererseits, wie viel George A. Romero so vielen Menschen bedeutet hat.

In den Feuilletons war gestern immer wieder die Rede vom „Vater des modernen Horrorfilms“. Das mag stimmen, engt aber die Wahrnehmung etwas zu stark ein. Ja, natürlich ist Romero in erster Linie für seine Zombiefilme bekannt. Für „Night of the Living Dead“, der in der Tat der Anfang einer neuen Geschichtsschreibung im Horrorfilm war. Für den vielgeliebten „Dawn of the Dead“, der erst recht seinen Kultstatus untermauerte – auch wenn viele Leute hierzulande nur die von Mit-Produzent Dario Argento angefertigte, sehr viel rasanteren Schnittfassung kennen – und nicht die längere, langsamere – aber auch böserer und mit hintersinnigem, schwarzen Humor angereicherte US-Schnittfassung (von dem später entstandenen Director’s Cut mal ganz zu schweigen). „Day of the Dead“ war schließlich lange Zeit der etwas unbeliebtere Nachzügler (ein Kompromiss-Produkt, da Romero seine ursprünglich sehr viel größere Vision finanziell nicht realisieren konnte), dessen Qualitäten erst mit den Jahren entdeckt wurden.

Dabei fallen seine Versuche aus dem Ghetto des „Zombie-Opas“ auszubrechen leider allzu häufig unter den Tisch. Wie sein vielleicht reifster Film „Martin“, der den Vampirmythos dekonstruiert und offen lässt, ob sein durch die heruntergekommene Stahlstadt Pittsburgh wandernder Protagonist nun wirklich ein Vampir ist oder nicht. „The Crazies“ und die Horror-Comic-Verfilmung „Creepshow“, die er mit seinem guten Freund Stephen King realisierte, sind noch sehr beliebt, aber wer kennt „Season of the Witch“ – den er trotz des eines okkulten Themas selber nicht als Horrorfilm bezeichnete – und seine romantische Komödie „There Is Always Vanilla“ (die er zugegebenermaßen selber nicht mochte)? Tatsächlich hat sich Romero vor allem mit seinen Zombiefilmen ein Denkmal gesetzt – und ein Gefängnis gebaut. Denn in den späteren Jahren und nach dem immensen Flop seines Filmes „Bruiser“ dauerte es ein halbes Jahrzehnt bis er wieder einen Film finanziert bekam. Und dies auch nur, da nach dem extrem erfolgreichen Remake seines eigenen „Dawn of the Dead“ durch Zack Snyder (an dem er nicht beteiligt war) Zombiefilme wieder schwer en vogue waren.

So konnte Romero noch einmal mit „Land of..“, „Diary of…“ und „Survival of the Dead“ eine Folgetrilogie realisieren, die nicht überall auf Applaus stieß. Gerade „Diary“, der zudem das preisgünstige, aber auch 2007 schon inflationären Found-Footage-Genre zugeordnet werden kann, musste viel Kritik einstecken. Auch „Survival“ wurde nicht von jedem positiv aufgenommen. Ein häufiger Vorwurf war, dass sich Romero wiederholen und seine sozialkritische Botschaft zu dick auftragen würde. Dabei war es gerade dieser doppelte Boden, der ihn von anderen Filmemachern, die sich im Horrorgenre versuchten, abhob.

In Romeros Filmen gab es immer diese zweite Ebene, die der Gesellschaft mit viel schwarzem Humor einen Spiegel vorhielt. In Romeros Filmen scheitert der Mensch nie an den Untoten oder den übernatürlichen Feinden – sondern immer an sich selbst. Dem Egoismus, der grenzenlosen Gedankenlosigkeit, den Vorurteilen und der Unfähigkeit auch unter Druck zusammenzuarbeiten. So war beispielsweise die Stephen-King-Verfilmung „Stark – The Dark Half“ ein perfekter Romero-Film. Am Ende muss der Held gegen seine eigene, dunkle Seiten kämpfen. Kein übernatürlicher Killer der irgendwo aus dem Nichts gekommen ist, sondern ein Teil seiner selbst. Gerade dieser Subtext sprach vielen seiner Fans aus der Seele.

Romeros Horrorfilme waren immer etwas mehr. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Menschen und der Gesellschaft, die er erschaffen hat. Und dies ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Romeros letztes vollendetes Projekt war wieder eine Zombie-Geschichte: Die Comic-Reihe „Empire of the Dead“. Obwohl diese aufgrund der schieren Masse der Themen, die hier verarbeitet wurden, gescheitert ist, blieb sich Romero doch auch hier immer treu.

George A. Romero starb am  16. Juli 2017 in Toronto mit nur 77 Jahren nach einem  kurzen, aber intensiven Kampf an Lungenkrebs. Er ist friedlich eingeschlafen, zur Musik seines Lieblingsfilmes: „Der Sieger“ von John Ford. Er wird fehlen.

Nachruf: Michael Ballhaus (1935-2017)

Von , 14. April 2017 15:50

Über Michael Ballhaus muss man nicht viele Worte verlieren. Er war einer der brillantesten, einfallsreichsten und berühmtesten Kameramänner der Welt. Gerade letzteres zeigt seinen großen Stellenwert in der Filmgeschichte. Sind doch die Namen selbst der Großen dieser Zunft oftmals nur einem interessierten Kreis bekannt. Schlechter ergeht es da oftmals nur den Drehbuchautoren. Michael Ballhaus war aber eine Legende. Berühmt geworden als Stammkameramann Faßbinders, dann in die USA gegangen, um dort eine langjährige Kooperation mit Martin Scorsese zu beginnen.

Doch Ballhaus sollte auf keinen Fall auf seine Arbeit für diese beiden Regie-Ikonen reduziert werden. Auch für andere Regisseure fing er grandiose, atemberaubende und vor allem immer als seine zu erkennende Bilder ein. Für Steve Kloves‘ wunderschön anzusehenden „Die fabelhaften Baker Boys“, für Robert Redfords Regiearbeiten, Kollegen Barry Sonnenfeld, Barry Levinson, Wolfgang Petersen, Prince (!) und Francis Ford Coppola bei dessen „Dracula“-Verfilmung.

Letztere scheint Ballhaus besonders am Herz gelegen zu haben. Als er im Herbst 2011 in Bremen zu Gast im City 46 sein sollte, hatte er sich ausdrücklich diesen Film gewünscht. Ich weiß noch, wie ich damals diesem Tag entgegenfieberte und extra Urlaub genommen hatte, um dabei sein zu können. Leider musste Michael Ballhaus kurz vorher aus persönlichen Gründen absagen. Ich war sehr traurig über diese verpasste Gelegenheit und hoffte, dass sich trotzdem irgendwann die Gelegenheit ergeben würde, Michael Ballhaus persönlich zu erleben. Diese ergab sich leider nie.

Nun ist Michael Ballhaus am 12. April im Alter von 81 Jahren in seiner Geburtsstadt Berlin verstorben. Bereits 2014 hatte er in Autobiographie öffentlich gemacht, dass er durch den grünen Star nach und nach seine Sehkraft verlor. Für einen Menschen, der ganz mit und durch die Augen lebte die Höchststrafe. Er selber sagte dazu: „Was mir bleibt, sind die Bilder im Kopf. Sie sind da und kommen immer wieder“. Seine Bilder werden auch uns im Kopf bleiben.

Nachruf: Radley Metzger (1929-2017)

Von , 4. April 2017 16:22

Radley MetzgerUnd wieder muss ich unerwartet einen Nachruf schreiben. Noch dazu einen, der mich besonders traurig stimmt, da ich zumindest einmal die Chance hatte, den Verstorbenen einmal persönlich zu erleben. 2010 war Radley Metzger auf dem 17. Internationalen Filmfest Oldenburg zu Gast, wo ihm eine Retrospektive gewidmet war. Begenet bin ich ihm damals nur durch Zufall. Als „Oldenburg-Novize“, wusste ich noch nicht, wo man, wann sein sollte. Und da ich mich in der „filmlosen Zeit“ vor der ersten Vorstellung des Tages langweilte, warf ich einen Blick in die VIP-Lounge. In der Lounge hatte man einen Beamer aufgebaut und als ich rein kam, lief dort gerade Radley Metzgers „Carmen, Baby“, ein Film der gar nicht zur Retrospektive gehörte. Nach dem Film guckte Radley Metzger auch noch persönlich vorbei und plauderte etwas aus dem Nähkästchen. Was wunderbar war, da der Mann nicht nur unglaublich sympathisch, sondern auch einem verschmitzten Schalk im Nacken ausgestattet war. Dann wurde – begleitet von seinen humorvollen Anmerkungen – noch ein „Making-Of“ seines Filmes „Score“ gezeigt, an dessen Anschluss Metzger noch eine DVD aus der Tasche zauberte, die ein – wie er ankündigte – sehr gelungenes Interview mit ihm enthielt.  Auf seine Frage, ob jemand Interesse hätte dies zu sehen, antworteten die Anwesenden natürlich unisono mit „Ja!!!“. Leider bin ich ja von Natur aus sehr schüchtern und konnte mich nicht überwinden, meinen Helden meiner frühen „Filmausbildung“ und des erotischen Films in den 60er und 70er Jahren generell anzusprechen. Worüber ich mich heute noch ärgere.

Ein  Jahr später sah ich ihn erneut in Oldenburg. Da saß er dann zusammen mit Matthew Modine in der internationale Jury. Leider war der Ort an dem wir uns trafen nicht dafür geeignet, um endlich mal allen Mut zusammenzunehmen und ein paar Worte an Radley Metzger zu richten. Wir begegneten uns nämlich auf der Toilette des Casablanca-Kinos. Damals fiel mir allerdings schon auf, dass er im Vergleich zum Vorjahr sehr gealtert und gebrechlich schien. 2013 war er nochmal in Oldenburg, um seinen Film „The Image“ in einer neuen remasterten Version vorzustellen. Aber da kreuzten sich unsere Wege leider nicht mehr.

2014 wurde ich von der  geschockt über die Nachricht, dass ausgerechnet dieser Film in Deutschland verboten wurde. Metzgers Meisterwerk „The Image“ – welches bisher nur bei der amerikanischen Firma „Synapse“ auf DVD veröffentlicht wurde – wurde am 30. Januar 2014 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, kurz BpjM, indiziert und auf ihre berüchtigte Liste B gesetzt, auf der nur Filme (Musik, Spiele, Bücher usw.) stehen, bei denen von schwerer Jugendgefährdung und der Annahme einer strafrechtlichen Relevanz ausgegangen wird. Und am 02. April 2014 beschlagnahmt das Amtsgericht Fulda die amerikanische „Synapse“-DVD. Metzgers „The Image“ verstosse angeblich gegen § 131 StGB, woraus folgt, dass er „grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellt.“ Ich kann beim allerbesten Willen keinen der oben genannten Punkte in diesem Film sehen – es sei denn bereits das Zeigen sado-masochistischer Praktiken (die ja unter Einverständnis beider Parteien geschehen) ist bereits eine „grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeit“. Dann müssten aber auch Filme wie der im selben Jahr entstandene „Die Geschichte der O“ oder „9 1/2 Wochen“ auf der Liste B landen. Mir ist auch nicht bekannt, dass 2013 in Oldenburg jemand wegen dieses Filmes in Ohnmacht gefallen oder vor lauter Empörung die Festivalsleitung angezeigt hätte. Richtig ärgerlich wurde die ganze Geschichte, wenn man damals in einer Diskussion auf Facebook aus berufenem Munde hören konnte, dass bereits eine deutsche Veröffentlichung des neu gemasterten Filmes unter Beteiligung von Radley Metzger persönlich in Vorbereitung war. Angesichts der sehr dünnen Verbreitung von Metzgers Filmen in Deutschland (es sind hierzulande bis heute gerade einmal „Das lüsterne Quartet“, „Camille 2000“ und „Die Katze und der Kanarienvogel“ auf DVD erschienen), wäre dies nicht nur großartig gewesen, sondern hätte möglicherweise zu einer kleinen und längst überfälligen „Radley-Metzger-Renaissance“ führen können, die bis heute nicht wirklich stattfand.

Radley Metzger begann seine Karriere in den späten 50er und frühen 60er Jahren, indem er europäische Arthouse-Produktionen von Bergmann oder Rossellini für den amerikanischen Markt aufbereitete, kürzte und den „sensationellen “ (sprich sexuellen) Inhalt in den Vordergrund schob. Diese „europäische“ Ausbildung merkt man dann auch in seinen ersten eigenen Spielfilmen, welche er dann auch konsequenterweise in Europa drehte, an. „Carmen, Baby“ (1967) ist ein wichtiger Meilenstein, weil Metzger sich erstmals dazu entschloss, den Film in Farbe zu drehen. Als „sexiest film with no nudity“ bescherte ihm der Film den größten finanziellen Erfolg seiner Karriere. Um Kosten zu sparen, realisierte Metzger viele seiner Filme in Europa, die er zudem vornehmlich im gutbürgerlichen Milieu ansiedelte. Aus diesem Grund wird er auch gerne als „Aristokrat der Erotik“ bezeichnet. „Therese und Isabelle“ (1968) wird als sein bester Film gehandelt: Basierend auf Violette Leducs autobiographischem Roman schildert er eine aufkeimende Liebe in einem Mädcheninternat. Der Film erschien auch in Deutschland, erhielt hervorragende Kritiken und gilt ebenso wie „Das lüsterne Quartet“ (1970) als ein Meisterwerk des erotischen Films. Metzger arbeitete mehrfach mit dem deutschen Kameramann Hans Jura zusammen, der in den sechziger Jahren zweimal mit dem Bundesfilmpreis für seine herausragenden Fähigkeiten als Kameramann ausgezeichnet wurde.

The Lickerish Quartet (1970)1973 drehte er mit Christiane Krüger und Siegfried Rauch in den Hauptrollen den empfehlenswerten „Evita Peron“-Schlüsselfilm „Sie nannten ihn kleine Mutter„, bevor er ein Jahr später mit „Score“ die Grenzen des erotischen Films schon leicht verschob.

Danach folgten 1974-78 einige Filme, welche dann ganz eindeutig im pornographischen Bereich angesiedelt waren. Aber auch hier leistete Metzger (unter dem Pseudonym Henry Paris) Außerordentliches. Er drehte keine platten Pornos, nein, seine Filme waren hochwertige und sehr stylische Spielfilme mit pornographischem Inhalt. Vor allem „The Opening of Misty Beethoven„, aber auch „The Private Afternoons of Pamela Mann“ und „Barbara Broadcast“ sind Klassiker und absolute (ähem) Höhepunkte des Genres, welche man sich so heute gar nicht mehr vorstellen kann. Großes Kino, dort wo man es normalerweise nicht (mehr) erwartet.

Camille 2000 (1969)In den „Paris“-Jahren drehte er nur einen Film unter eigenem Namen: Den oben schon erwähnten „The Image“ (aka „The Punishment of Anne“). Eine ernsthafte und hocherotische Auseinandersetzung mit dem Thema sexuelle Abhängigkeit und Sadomasochismus. Nach dieser Phase trat Metzger dann eigentlich nur noch mit dem Gruselkrimi-Remake „Die Katze und der Kanarienvogel“ (prominent besetzt mit Edward Fox und Honor Blackmann), sowie 1984 mit „The Princess and the Call-Girl“ (den ich allerdings nicht kenne) in Erscheinung. Seitdem hat sich Radley Metzger aus dem Filmgeschäft zurückgezogen.

Radley Metzger starb bereits am 31. März im stolzen Alter von 88 Jahren in New York.

Nachruf: Tomas Milian (1933-2017)

Von , 24. März 2017 19:43

Nachrufe zu schreiben ist immer eine ebenso traurige, wie ungeliebte Aufgabe. Darum halte ich mich damit zumeist gerne zurück, es sei denn, es betrifft einen jener Leinwand-Heroen oder Menschen hinter der Kamera, die mir etwas ganz Besonderes bedeuten. Vorgestern verstarb Tomas Milian. Wer sich nur im Entferntesten für das italienische Kino der 60er und 70er Jahr interessiert, der kennt dieses Gesicht. Nun, vielleicht sogar nicht nur dieses eine, denn Milan war ein begnadetes Chamäleon, welches vollkommen mit seiner Rolle verschmolz.

Besonders schön ist dies in Umberto Lenzis „Die Kröte“ zu sehen, wo er eine Doppelrolle spielt. Einmal den langhaarigen Buckligen, aus dem ein aus jahrelangem Spott und Unterdrückung geborener Menschenhass herausbricht (unvergesslich die Szene, in der sich zunächst vor der „feinen Gesellschaft“ zum Clown macht, um sich dann langsam als furchterregender Springteufel zu entpuppen, der bereit ist jeden einzelnen von ihnen mit seiner MG zu durchsieben). Und dann spielte er auch noch den bärtigen, mit einem gewaltigen Lockenkopf versehenen „Monnezza“, der ständiger in er blaue Latzhose steckt und sich lautstark über alles und jeden beschwert. Diesen wild gestikulierenden, lauten und immer ziemlich assigen „Monnezza“ , kannte man bereits aus „Das Schlitzohr und der Bulle“ und „Die Gangster-Akademie“.

1976 transformierte Milian diese Figur in „Die Strickmütze“ in den unkonventionellen, an Al Pacinos „Serpico“ orientierten Polizisten Nico Giraldi. Dem „Hippie Nico von der Kripo“, dem „Superbullen“ und „Schlitzohr“ von dem die deutschen Filmtitel der zwischen 1976 und 1984 enstandenen, 11-teiligen „Nico-Geradi-Reihe“ künden. Hierzulande hieß Geraldi bald schon „Tony Marroni“, die Kastanie, und dürfte unter diesem Namen vielen ein Begriff sein, die sich in den 80ern die den Videotheken herumgetrieben oder Anfang der 90er viel frühes Privatfernsehen geschaut haben. Milians bekannteste Figur, zeigte ihn als sehr körperlichen Schauspieler. Überlebensgroß, schon jenseits der Grenze zum comichaften. Leinwandsprengend, mitunter auch etwas nervig.

Aber Milian konnte auch ganz anders. Still, grüblerisch und ernsthaft in Filmen wie „Der Todesengel“ oder „Don’t torture a duckling“. Bedrohlich als vollkommen außer Kontrolle geratener Giulio Sacchi in Lenzis intensivem „Der Berserker“ oder als sadistischer Chako in Lucio Fulcis „Verdammt zu leben – verdammt zu sterben“. Milian war im Arthouse-Kino eines Michelangelo Antonioni („Identifikation einer Frau“) und Luchino Visconti („Boccaccio 70“ ) ebenso Zuhause, wie in herrlichem Blödsinn wie „Stetson – Drei Halunken erster Klasse“, wo er einen verrückten Samurai verkörperte oder in „Bud, der Ganovenschreck“ als schmierige Gigolo an der Seite von Bud Spencer.

Bei mir hinterließ er den ersten großen Eindruck in Sergio Sollimas erstklassiger Italo-Western-Trilogie „Der Gehetzte der Sierra Madre“, „Von Angesicht zu Angesicht“ und „Lauf um Dein Leben“. Meilensteine des Genres, die auch von Milians fiebriger Darstellung leben. Und natürlich als stoischer Fremder in Giulio Questis surrealistischen Albtraum-Western „Töte Django“.

Mitte der 80er ging der auf Kuba geborene Schauspieler in die USA, wo er schon in den 50er Jahren lebte und sich wie James Dean in den legendären Actor’s Studios ausbilden ließ. Dort war er im Fernsehen in den Serien „Miami Vice“ und „Mord ist ihr Hobby“ zu sehen, aber auch in großen Produktionen wie Sydney Pollacks „Havanna“, Oliver Stones „JFK“ oder Steven Spielbergs „Amistad“. Meist in kleiner Nebenrollen. 2000 holte ihn Steven Soderbergh für „Traffic“ vor die Kamera, wo er noch einmal eine größere Rolle spielte. Dann wurde es still um diesen großen Schauspieler. 2014 hatte er nach neun Jahren Pause noch einmal einen Auftritt in der Komödie „Fugly!“ mit John Leguizamo in der Hauptrolle.

Nun ist die Legende am 22. März in Miami mit 84 Jahren gestorben. Uns aber bleiben seine Filme, die diesen Ausnahme-Schauspieler für immer lebendig halten werden.

Nachruf: Bud Spencer (1929-2016)

Von , 28. Juni 2016 22:19

buddy3Es will in diesem Jahr kein Ende nehmen. Noch freudetrunken ob des sensationellen Sieges der Isländer über England und deren Einzug ins Viertelfinale der EM, schaute ich auf Facebook nach, was wohl die Freunde und Bekannten so dazu schreiben. Und augenblicklich war meine gute Laune verflogen. Was sich wie ein Lauffeuer auf Facebook verbreitete waren keine fröhlichen Sprüche über die Isländer (und Seitenhiebe auf die Engländer), sondern die Nachricht, dass Bud Spencer gestorben ist. Heute, am Tag danach, reißt der Strom der Beileidsbekundungen noch immer nicht ab. Fast jeder fühlt diesen tiefen Drang, seine ganz persönliche Erinnerung an Carlo Pedersoli, dem Mann der sich Bud Spencer nannte, zu teilen. Ich habe nur kurz darüber nachdenken müssen, wo Bud Spencer Spuren in meinem Leben hinterlassen hat. Da war einer meiner ersten Kinobesuche – der einzige mit meinem Onkel, wenn ich mich recht erinnere. Wir sahen „Buddy haut den Lukas“. Dann ein Besuch bei meiner Cousine, deren Freund einen Videorekorder hatte, um endlich mal „Vier Fäuste für ein Halleluja“ zu sehen, von dem mein Vater mir immer erzählt hatte. Film und Besuch sind mir lebhaft in Erinnerung geblieben. Sich mit dem Schulkameraden auf dem Sportplatz treffen und ein improvisiertes „Football“-Spiel auszutragen – weil wir alle am Vorabend „Sie nannten ihn Mücke“ gesehen haben.

buddy4Jeder scheint Bud geliebt zu haben (bisher las ich tatsächlich nur einen einzigen äußerst geschmacklosen Kommentar zu seinem Tod). Für alle war Bud Spencer ein Stück Kindheit. Der große Held. Kein Superheld, nein, sondern ein sehr, sehr menschlicher Held. Mit all seinen Fehlern und Makeln. Der sich aber nie unterkriegen und – für Kinder wichtig – sich auch nicht von Autoritätspersonen und Regeln aufhalten ließ. Der einfach das tat, was alle Kinder auch gerne machen würden. Einfach mal nicht auf die Eltern hören. Dass Bud Spencer seinen Figuren seit dem ersten gemeinsamen Film mit Terence Hill („Gott vergibt – Django nie“), spätestens aber nach den großartigen „Die linke und die rechte Hand des Teufels“ (mein Lieblingsfilm der Beiden) mit einem großen, goldenen Herzen ausstattete, machte ihn zu dem geliebten Onkel, mit dem man Pferde stehen wollte (tatsächlich ist er in den ersten Spaß-Western ja auch dann konsequenterweise ein Pferdedieb).

bud4In Deutschland war Bud Spencer immer ein Weltstar gewesen. Angehimmelt von mehr Fans, als so mancher strahlende und schöne Hollywood-Held. Ja, wo gibt es heutzutage noch jemanden, auf den sich Generationen so stark einigen können? Wobei sein riesiger Erfolg hierzulande sicherlich zu einem teil auch auf seine deutsche Synchronstimme Wolfgang Hess (der vor gerade einmal zwei Monaten ebenfalls verstarb) zurückzuführen. Dieses tiefe Grummeln beherrschte keienr so wie er. Nicht einmal Bud Spencer selber. Und dann ist da natürlich auch Rainer Brandt, der dem Duo Spencer-Hill immer die kessen Sprüche und beliebten Kalauer in den Mund legte (und damit auch so manchen ernsthaften Auftritt Bud Spencers oder Terence Hills versaute). Ich glaube, die Figur Bud Spencer war eine Mischung aus Pedersolis mächtiger Präsenz, Hess‘ Stimme und Brandts Sprüchen. Doch damit ist es jetzt für immer vorbei.

Bud Spencer - etwas näher dran

Bud Spencer – etwas näher dran

Wie populär Bud Spencer hierzulande noch immer war, obwohl er seit dem letzten „typischen“ Bud-Spencer-Film 22 Jahre vergangen waren, konnte man 2011 beobachten. Bud Spencer hatte gerade seine Autobiographie geschrieben (oder vielmehr schreiben lassen) und sein Verlag schickte den damals schon krank wirkenden, aber immer noch voller Energie steckenden Bud Spencer auf große Promo-Tour. Neben TV-Auftritten wurden auch große Autogrammstunden gegeben. Eine davon auch bei Thalia in Bremen. Leider war ich an diesem Tag verhindert und schickte daher meine Frau, um seine Autobiographie zu kaufen und für mich signieren zu lassen. So verpasste ich ein großes Ereignis in meinem Leben, weshalb ich mich heute noch ärgere. Aber meine Frau war erfolgreich, stellte sich tapfer in die schier unendliche Schlange wartender Fans und war erstaunt über die ganze – ja – Hysterie die diesem alten, ihr vollkommen unbekannten Mann entgegengebracht wurde. Und ich halte heute mein Buch mit dem schnell hingeschriebenen „Bud“ in Ehren. Auch wenn diese eher dünne Autobiographie irgendwie flach und unvollständig wirkte. Der Verlag hatte aber Blut geleckt und ließ Bud gleich noch eine Fortsetzung „schreiben“ und dann noch ein Kochbuch. Jedes Mal begleitet von der Ochsentour mit den Signaturen. Ein eher unwürdiges „durch das Dorf treiben“ einer Kuh, die so offensichtlich schnell noch gemolken werden sollte, bevor der Tod zuschlägt. Ich fand das widerlich und habe deshalb den ganzen Zirkus nicht mehr mitgemacht. Bud Spencer hatte etwas anderes verdient, als als kranken, alter Mann wie ein Zirkusbär durch die Manage gezogen zu werden. Auch wenn ihm selber der riesige Zuspruch seiner Fans sicherlich Freude bereitet hat.

Jetzt hat es ein Ende. Und ich vermisse ihn, denn ein Teil des eigenen Lebens, der Kindheit ist gegangen. Ist man erwachsen, wenn die Helden von damals nicht mehr da sind?

Nachruf: Andrzej Żuławski (1940-2016)

Von , 17. Februar 2016 21:44

andrzej-zulawskiHeute morgen begann mein Tag damit, dass ich – wie fast jeden Morgen – beim eiligen Frühstück auf Facebook herum surfte. Dort zitierte Tim Lucas ein Posting, in dem Andrzej Żuławskis Sohn Xawery geschrieben hatte, dass sein Vater im Krankenhaus sei und an unheilbaren Krebs leide. Das traf mich ziemlich unvorbereitet in die Magengrube. Doch wie das Leben so ist. Die Hektik und tiefe Müdigkeit am Morgen vertrieben die Gedanken an Żuławski, der zu meinen großen Helden gehört. Da der ganze Tag dann auch unter die Rubrik: „Wäre ich doch im Bett geblieben“ fiel, und mir der Arbeitsstress die Synapsen klingeln ließ, vergaß ich, was ich da am Morgen gelesen hatte. Überstunden taten dann noch ihr übriges dazu. Wider Erwarten schaffte ich es doch noch irgendwie, meine Jobs zu erledigen, und sass dann, von der den ganzen Tag über anhaltenden Hektik leicht zitternd, in der U-Bahn Richtung Hauptbahnhof. Zur Ablenkung klappte ich mein Smartphone auf (was ich im Grunde hasse) und begab mich heute zum zweiten Mal auf Facebook. Dort sprang mir gleich ein neues Posting ins Auge. Diesmal von Thomas Groh, der mitteilte, dass Żuławski heute morgen gestorben sei. Da kam alles zurück, was ich den ganzen Tag über verdrängt habe. Und in meinem Kopf schwirrt augenblicklich ein Lied herum, welches noch immer, während ich dies schreibe, in meinem Kopf widerhallt: „Blackstar“ von David Bowie.

Dessen Tod am 11. Januar hatte mich ebenfalls ziemlich aus der Kurve getragen. Und wie bei Żuławski frage ich mich, warum der Tod dieses Menschen so einen großen Eindruck bei mir hinterlassen hat. Ja, ich habe Bowie immer bewundert, seine Musik geliebt und ihn als Person – sofern man dies anhand von Dokumentationen und Artikeln beurteilen kann – respektiert und gemocht. Bowie war jemand, der mich lange Zeit mit seiner Musik begleitet hat, der immer irgendwie da war und von dem man glaubte, er würde ewig leben. Aber ich kannte ihn (natürlich) nicht persönlich. Trotzdem war es, als ob ein Verwandter gestorben wäre Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass sein Tod aus dem Nichts kam. Nichts hatte einen darauf vorbereitet. Im Gegenteil. Nach langen Jahren der Stille, war er erst kürzlich mit einem neuen Album zurückgekehrt, welches grandios ausgefallen war. Und dann hört man hier und dort Stückchen von dem, was sein nächstes Album werden sollte. Ungewöhnliche, interessante Musik. Ich habe selten einer Album-Veröffentlichung so entgegen gefiebert, wie der von „Blackstar“. Und vor allem war ich sehr aufgeregt, wenn ich daran dachte, was da noch alles kommen würde. Bowie schien sich mal wieder neu erfunden zu haben, und es war aufregend darüber zu spekulieren, in welche Richtung sich das alles noch entwickeln würde. Und dann die Nachricht: Bowie ist tot. Einfach so. Scheiß Krebs. Das hat mir etwas den Boden unter den Füssen weggezogen, und nachdem ich danach zwei Wochen lang nur noch seine Musik gehört und über ihn und seine letzten Jahre gelesen hatte, war die Trauer umso größer. Beim Video zu „Lazarus“ habe ich geweint.

andrzej-zulawski2Auch Andrzej Żuławski habe ich nicht persönlich gekannt. Ich hätte ihn vielleicht noch kennenlernen können, wenn er etwas länger gelebt hätte – aber das ist ist eine andere Geschichte und gehört hier nicht her. Ja, ich habe Żuławski immer bewundert, seine Filme geliebt und ihm als Person respektiert und gemocht. Es gibt in einem einstündigen Interview, welches sich auf der polnischen DVD von „Der silberne Planet“ befindet, eine wunderbare Szene, die mich über alle Maße entzückt hat. Da kommt während des Interviews seine damalige Lebensgefährtin Sophie Marceau, herein und fragt ihn, wie lange das denn noch dauern würde. Sie wollten doch mit den Kindern los. Das fand ich irgendwie großartig. Żuławski hat mich nicht so lange Zeit mit seinen Filmen begleitet hat, wie Bowie mit seiner Musik. Aber sie haben einen gewaltigen Eindruck bei mir hinterlassen, den ich kaum beschreiben kann. Seine Filme hatten eine unglaubliche Wucht. Einen Żuławski-Film erkennt man sofort. Die unglaublich energetische Kamera, das leidenschaftlich, beinah expressionistische Agieren seiner Figuren. Die Musik (Andrzej Korzyński!), die sich in den Gehörgang bohrt und sich zusammen mit den Bildern im Hirn verankert. Und was für Bilder fand Żuławski! Ich gebe zu, Filme wie „Der Teufel“ oder „Der silberne Planet“ nicht bis hinter die letzte Nachkommastelle verstanden zu haben. Aber muss man das? Nein, weil man seine Filme im besten Sinne des Wortes ERLEBT. Sie reißen einen mit, wirbeln einen herum und verändern einen. So wie Isabelle Adjani sich in seinem bekanntesten Film „Possession“ verändert. Wie bei Bowie herrschte auch bei Żuławski eine lange Zeit des Schweigens. Nach seinem letzten großen Film mit Sophie Marceau, „Die Treue der Frauen“ im Jahre 2000 kam nichts mehr. Bis zum letzten Jahr, als die Neuigkeit die Runde machte, dass Żuławski nach 15 Jahren wieder an einem neuem Film arbeitet. „Cosmos“ wurde nun in Berlin in der „Woche der Kritik“ (und unverschämterweise nicht auf der Berlinale) gezeigt. Ich habe mich bemüht, so wenig Kritiken wie möglich zu lesen, um mir die Freude des ersten Sehens zu bewahren. Doch was man so hörte klang danach, dass Żuławski wieder zurück gefunden hätte. Nein, dass der Film Żuławski zurückbekommen hätte. Ich malte mir schon aus, was man von Żuławski in der Zukunft noch erwarten könnte. In welche Richtung der neue Abschnitt in seinem filmischen Leben gehen würde. Und dann die Nachricht: Żuławski ist tot. Einfach so. Scheiß Krebs.

Żuławski hat mein Verständnis vom Film tief geprägt. Ich hätte ihn doch gerne kennengelernt.

Nachruf: Christopher Lee (1922-2015)

Von , 11. Juni 2015 22:27

Christopher-LeeeugenieHeute wurde bekannt, dass Christopher Lee bereits am 07. Juni im Alter von stolzen 93 Jahren verstarb. Ein Schock. Denn Christopher Lee begleitet mich schon so lange in meinem Leben, dass ich das Gefühl hatte, der Mann wäre unsterblich. Was natürlich Quatsch ist. Aber gerade Lee, der in den letzten Jahrzehnten noch in Blockbustern wie den „Der Herr der Ringe“/“Der Hobbit“-Trilogie oder sogar „Star Wars“ mitgespielt hatte, war irgendwie immer um einen herum und schien immer so voller Energie und Lebenskraft, von solch einer beeindruckenden Aura, dass überhaupt nicht daran zu denken war, dass er irgendwann nicht mehr da ist. Jetzt ist er tot.

Ich erspare mir seine biographischen Details. Das kann jeder in Wikipedia nachlesen. Oder in einem der zahlreichen Nachrufe überall. Heute war der News-Stream meines Facebook-Accounts fast ausschließlich mit Postings zu seinem Tod gefüllt. Seitenweise haben meine Facebook-Freunde ihrer Bestürzung Ausdruck verliehen. Christopher-Lee007Was mir einerseits zeigt, dass ich die richtigen Facebook-Freunde habe und andererseits, welche große Rolle Christopher Lee in deren Leben gespielt hat. Welche gewaltige Wertschätzung dieser – wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf nicht immer einfache – Mann genossen hat. Nein, noch immer genießt. Lee gehörte zu denjenigen, die die große Gabe besitzen, allein durch ihre Anwesenheit eine Leinwand vollkommen auszufüllen.

Denkt man an Lee, denkt man nicht primär an einen Schauspieler. Man denkt eher an seine ungeheure Präsenz. An seine Autorität, seine dunklen, alles durchdringenden Augen, seine imposante Gestalt, seine zugleich furcht- wie respekteinflößende Aura, seine tiefe Stimme, die man einmal hörte und dann nie wieder vergaß, seine Erotik und – ja auch seinen Humor. Letztes Jahr sah ich ihn auf dem Internationalen Filmfest in Oldenburg in Philippe Moras „The Return of Captain Invincible“. Christopher-Lee_draculaIch wurde gefangengenommen von seiner parodistischen, aber nicht albernen Darstellung des finsteren Schurken Mr. Midnight und – mal wieder – zutiefst beeindruckt von seinem enormen Sangeskünsten. Es gab augenscheinlich nichts, was dieser Mann nicht konnte. Schauspielen, Singen, fünf Sprachen fließend sprechend, vier weitere so, dass es zur Konversation reicht. Unter anderem Mandarin. Er war aristokratischer Abstammung, mit James-Bond-Vater Ian Fleming verwandt – und machte dann auch als Bond-Schurke eine hervorragende Figur. Es war ausgebildeter Opern-Sänger und nahm eine Heavy-Metal-Scheibe auf. Und er war natürlich der ewige Dracula, aber auch Fu-Manchu. Er spielte für Tim Burton und Billy Wilder ebenso, wie für Jess Franco. Und selbst in den schlechtesten Filmen blieb er immer würdevoll und unantastbarChristopher-Lee_Wicker. Eigentlich gab es auch keine schlechten Filme mit ihm, den er veredelte sie alle mit seiner Gegenwart.

Nun ist Christopher Lee nicht mehr da. Man sollte heute Abend „The Wicker Man“ schauen. Einen Film, den er selbst produzierte und sehr mochte. Oder einen anderen seiner über 250 Filme. Und sich dann ein Glas guten Weines einschenken, zum Himmel hoch schauen und diesem großen Mimen noch einmal zuprosten.

 

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