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DVD-Rezension: „Desierto – Tödliche Hetzjagd“

Von , 1. Dezember 2016 20:56

desiertoDer Mexikaner Moises (Gael García Bernal) versucht heimlich über Grenze in die USA zu gelangen. Doch kurz vor der Grenze, mitten im Niemandsland, gibt der Truck der Schleuserbande plötzlich seinen Geist auf. So muss sich eine Gruppe illegaler Immigranten zu Fuß durch die unwirtliche Wüste schlagen. Doch kaum haben sie die Grenze passiert, werden sie von einem Scharfschützen (Jeffrey Dean Morgan) aufs Korn genommen, der es sich zum Ziel gesetzt hat, keine Mexikaner in „sein Land“ zu lassen…

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Nachdem er gerade noch mit seinem Vater Alfonso das Drehbuch zu dessen Hit „Gravity“ geschrieben, realisierte der Mexikaner Jonás Cuarón nun im Alleingang seinen zweiten Spielfilm. Bei „Desierto“ handelt es sich um eine kleine, unaufwändige Produktion, die der typischen, schnörkellosen Narrative eines klassischen B-Western folgt. Zwei Personen auf der Flucht, ein Jäger, die ebenso beeindruckende, wie feindliche Umwelt. Mehr braucht Cuarón nicht für seinen Film. Dass die Gruppe um Protagonist Moises (get it?) zunächst noch größer ist, dient allein dazu, einerseits die tödliche Entschlossenheit seines Gegners zu bestätigen, und andererseits genug Figuren zu haben, die den Stellvertretertod für den im Zentrum des Filmes stehenden Moises sterben können. Eine größere charakterliche Zeichnung wird der Beute des skrupellosen Jägers nicht zugestanden. Allerdings hält sich Jonás Cuarón auch bei seinen drei Protagonisten diesbezüglich stark zurück, was dem Film durchaus gut tut. Von Moises und Adela erfahren wir nur das allernötigste. Moises war bereits einmal in Amerika gewesen, ist hier aber durch unglückliche Umstände mit dem Gesetz in Konflikt geraten und abgeschoben worden. Nun will er zurück zu seiner Familie, die sich noch immer in Amerika aufhält. Adela wurde von ihren Eltern sanft gezwungen über die Grenze zu gehen, um im gelobten Land USA ein besseres Leben zu haben.

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Mehr muss man auch nicht wissen. Weitere Informationen hätten den sehr kompakten Filme nur zerredet und künstlich in die Länge gezogen. Es tut gut, dass Jonás Cuarón hier ökonomisch vorgegangen ist und alles überschüssige Fett abgeschnitten hat. Von seinem Antagonisten Sam gibt er sogar noch weniger preis. Weder Motivation, noch Hintergründe der Figur werden erklärt. Aus seinen Handlungen kann man ableiten, dass er Ausländer hasst und sein Land vor ihnen „verteidigen“ will. Auch, dass er eine tiefe Abscheu vor Autoritäten hat und für ihn „sein Land“ nicht mehr sein Land ist. Mit diesen Voraussetzungen hätte Sam auch gut als unmenschliche, gefühlskalte Killermaschine inszeniert werden können. Doch Cuarón geht zusammen mit seinem hervorragenden Schauspieler Jeffrey Dean Morgan einen anderen Weg. Trotz seiner verabscheuungswürdigen, unentschuldbaren Grausamkeiten, ist Sam doch nie ein entmenschlichter Bösewicht, der mit der stumpfen Effizienz eines Slashers oder der diabolischen Intelligenz eines (Film)-Serienmörders oder Superschurken vorgeht. Sam bleibt immer Mensch und gerade das macht einen so fassungslos. Das Böse ist keine schier übermenschliche Kraft, sondern ein schwitzender Typ aus Fleisch und Blut, der aus irgendwelchen verqueren Gründen glaubt, das Recht auf seiner Seite zu haben und etwas „Gutes“ zu tun. Das erschreckt gerade in den heutigen Zeiten sehr viel mehr, als ein unheimlicher Butzemann.

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Die Schwächen des Filmes bestehen in den Klischeefallen, in die er immer wieder tappt. Natürlich ist Hauptdarsteller Gael García Bernal ein guter bis sehr guter Schauspieler. Natürlich verkörpert er den verzweifelten Helden glaubwürdig und man fiebert gerne mit ihm mit. Doch Bernal ist eben auch immer ein netter Junge. Prädestiniert für den freundlichen, sich immer wieder für die Anderen einsetzender Kumpel. Während sein Gegenspieler Sam durchaus ambivalente Gefühle hervorbringt (in einem anderen Film hätte er auch gut und gerne ein cooler, abgeklärter Westernheld sein können), so ist Moises eindeutig als ein Guter ohne große Ecken und Kanten gezeichnet, wodurch seine Figur auch flach und langweilig ist. Und wenn er dann doch einmal überraschend aus seinem engen Rollenbild ausbricht, dann kann man fest davon ausgehen, dass er seinen Egoismus umgehend korrigiert und doch gleich wieder seiner Mit-Flüchtenden hilfreich zur Seite steht. Zudem nervt es, dass dem todsicheren Schützen Sam, der es ohne große Anstrengung schafft aus einem Kilometer Entfernung seinem armen Opfer durch das Auge zu schießen, urplötzlich seine eiskalte Präzision verliert, wenn er auf den Helden anlegt. Da trifft er dann aus zwei Metern Entfernung kein Scheunentor mehr. Natürlich wäre der Film zu ende, wenn Sam nicht immer wieder unter diesem eklatanten Mangel an Zielwasser leiden würde. Doch so spielt der Film derart vehement mit dem „Zufall“, dass es durchaus ärgerlich ist.

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Neben den nominellen Hauptdarstellern spielt in „Desierto“ die beeindruckende Naturkulisse eine wichtige Rolle. Die Wüste, die mächtigen, bizarr geformten Felsen, die Kakteenfelder. Sie lassen das Grenzgebiet zu Mexiko zu einem bedrohlichen, ausserweltlichen Ort werden, in welchem der Mensch nichts zu suchen hat. Eine Hölle, mit welcher der tödliche Jäger förmlich verschmilzt, und die wie ein Teil seiner offensichtlich gestörten und absonderlichen Psyche wirkt. All dies wird von Damia Garcias hervorragender Fotografie eindrucksvoll festgehalten. Sie sorgt zusammen mit der großartigen, immer weiter vorwärtstreibenden Musik von Woodkid (die hätte ich gerne auf CD) für ein spannendes, optisch wie akustisch eindrucksvolles Erlebnis. Nicht nur deshalb ist die Wahl Mexikos, gerade „Desierto“ in das Oscar-Rennen um den besten fremdsprachigen Film zu schicken, nachvollziehbar. Der andere Grund dürfte ein kräftiger Seitenhieb auf die Pläne des frisch gekürten Präsidenten Trumps sein, Mexikaner notfalls mit einer unüberwindbaren Mauer daran zu hindern, in „sein geliebtes Land“ einzudringen.

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Ein spannender, optisch und akustisch eindrucksvoller Film mit einem interessanten, von Jeffrey Dean Morgan sehr physisch gespielten Antagonisten, welcher allerdings unter allzu vielen vermeidbaren Klischees leidet und einen vielschichtigeren Helden hätte gebrauchen können.

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Wie eigentlich immer bei Ascot elite ist das Bild für eine DVD sehr gut. Das Bild so scharf, dass man auch bei dingen die in weiter Entfernung sind Details sieht. Auch der Ton weiß zu überzeugen und gerade das Zusammenspiel zwischen Geräuschen, Dialogen und der tollen Filmmusik überzeugt. Gar nicht berzeugt leider mal wieder die Bonus-Sektion. dann hier gibt es bis auf den Trailer nichts zu sehen.

Blu-ray-Rezension: „Scherzo Diabolico“

Von , 16. November 2016 20:48

scherzo-diabolicoDer Angestellte Aram (Francisco Barreiro) ist wirklich nicht zu beneiden. Sein Vorgesetzter (Jorge Molina) lässt ihn ständig Überstunden machen, doch ohne, dass Aram dafür irgendeine Anerkennung in Form einer Beförderung oder mehr Lohn bekäme. Dafür darf er sich dann Zuhause regelmäßig von seiner unzufriedenen Ehefrau runter putzen lassen. Eines Tages entführt Aram scheinbar ohne weiteren Grund ein junges Mädchen (Daniela Soto Vell) und hält es in einer abgelegenen Lagerhalle gefangen. Während das psychisch labile Mädchen dabei durch die Hölle geht, scheint sich Arams Leben tatsächlich zum Besseren zu wenden…

Aus Mexiko kommen derzeit viele spannende Genrefilme. Gerade erst sorgt „We Are the Flesh“ für Kontroversen zwischen Jubel und Abscheu. Einer der neuen Wilden aus Mexiko ist Adrián García Bogliano, dessen hochinteressanter „Here Comes the Devil“ erst kürzlich auch eine Deutschland-Veröffentlichung erfuhr. Ein an die paranoiden Terrorstreifen der 70er Jahre gemahnender Horrorfilm, der auch als intensive Allegorie auf das Erwachsenwerden der eigenen Kinder funktioniert. Auch sein neuer Film „Scherzo Diabolico“ hat nun den Sprung über den großen Teich geschafft. Hierzulande wird er von seinem Label Donau Film allerdings ziemlich aggressiv als Rape ’n Revenge mit Schulmädchen vermarktet. So darf sich die Darstellerin des entführten Mädchens, Daniela Soto Vell, auf dem Backcover der DVD im Lolita-Look und lasziv mit einem Lollypop im Mund, an der Kette winden. Ob das ein potentielles SM-Klientel anlocken soll? Auf jeden Fall ist diese Bewerbung natürlich mal wieder ziemlicher Quatsch.

Tatsächlich beginnt „Scherzo Diabolico“ zunächst als eher ruhiger Thriller. Aram, vermutlich ein Angestellter in einer großen Kanzlei, hat – aus welchen Gründen auch immer – ein Mädchen entführt. „Rape“ kommt aber Gottseidank nicht vor. Allerdings merkt man schon, dass Aram sich daran aufgeilt, die Arme zu erniedrigen. Auch wenn er sich nach erledigter Aufgabe erst einmal kräftig übergeben muss. Boglianos Stärke zeigt sich darin, dass er nicht alles ausformulieren muss. So bleibt beispielsweise die Frage, was er da eigentlich genau beruflich macht, unbeantwortet. Obwohl man den Eindruck gewinnt, dass er in einer Rechtsanwaltskanzlei arbeitet, könnte es auch eine mafiöse Organisation sein. Oder vielleicht eine staatliche Stelle. Der Interpretation sind Tor und Tür geöffnet, ohne dass dieses Vage die Handlung stören würde. Es sorgt aber dafür, dass der Zuschauer in eine permanente Spannung versetzt wird. Auch wird zunächst jede Information dazu verweigert, was Arams Beweggründe sind, das Mädchen zu entführen und gefangenzuhalten. So kann man sich dann auch bei jeder Begegnung zwischen dem im Grunde sympathischen Aram und dem zunehmend aggressiver und panischer reagierenden Mädchen nicht wirklich sicher sein, was passieren – und wer der Leidtragende sein wird.

Zunächst beschränkt sich Bogliano darauf, das Leben seiner Hautfigur zu zeigen. Dieses spielt sich zwischen seinem immer fordernder auftretenden Chef, seiner keifenden Ehefrau, den routinemäßigen Treffen mit einer Prostituierten und dem Beginn einer Affäre mit der Sekretärin ab. Das alles wird ganz unaufgeregt, in seinem Ton beinahe schon ganz nah an einer schwarzen Komödie dran, gezeigt. Allerdings versäumt es Bogliano bei aller Zurückhaltung nicht, stets auch beunruhigenden Untertönen mitschwingen zu lassen. Was durch den effizienten und tief ins Ohr dringenden Soundtrack von Sealtiel Alatriste noch verstärkt wird. Aber auch die vielen wundervollen Stücke mit klassischer Musik, die mit einem rasiermesserscharfen Gespür für den richtigen Ton ausgesucht wurden, tragen zu dieser dispersiven Wahrnehmung bei.

Im letzten Drittel seines Filmes wartet Bogliano dann mit einem recht gelungenen Plot-Twist auf, den man sich als erfahrener Vielgucker sicherlich schon hat kommen sehen, der aber nicht aufgesetzt und in seinen Konsequenzen durchaus logisch daherkommt. Von hier aus hätte es Bogliano dann viele interessante Wege gegeben, die Handlung fortzuführen. Er entscheidet sich aber für die Blutwurst und bricht damit den Ton des Filmes zugunsten eines recht drastischen Gematsches, welches Gorehounds sicherlich zufrieden und zu Jubelschreien hinreißen wird. Im Gesamtkontext wirkt das große Finale allerdings wie ein Fremdkörper. Ein ähnliches Problem bestand schon bei „Here Comes the Devil“, als Bogliano bei einer Mordszene kurzzeitig alle Gäule durchgingen, die Szene sich dadurch aber nicht schockierend, sondern sich unangenehm selbstzweckhaft anfühlte. In „Scherzo Diabolico“ lässt er nun eine der Hauptfiguren plötzlich – oder zumindest unter einem sehr dünnen Vorwand – in einen mörderischen Racheengel mit fast schon übernatürlichen Fähigkeiten mutiert. Das wirkt dann alles recht erzwungen und will nicht so recht zum restlichen Film passen. Das ist dann halt nur banaler Splatter. Schade. Dafür ist das Ende dann aber hübsch konsequent geworden.

Während sich Adrián García Bogliano sich zunächst die Zeit nimmt, seinen Film und die Figur des Aram ruhig und unaufgeregt aufzubauen, haut er im letzten Dritten vielleicht etwas zu kräftig auf den Putz. Da kippt dann sein cleverer und von einer gewissen Leichtigkeit geprägter Thriller in eine deftige Schlachtplatte, welche vielleicht die einen jubeln und die anderen sich die Hand vor die Stirn schlagen lassen.

Die Blu-ray besitzt ein sehr ordentliches Bild. Nur am Anfang stört ein leichtes Ruckeln, was aber auch am Ausgangsmaterial (einen Drohnenflug) liegen kann. Ansonsten beseht kein Grund zum Meckern. Der Ton ist sehr effektiv eingesetzt und nutzt alle Lautsprecher. Besonders schön ist dies bei den klassischen Klavierstücken, welche sehr voll und voluminös klingen. Die deutsche Synchro ist eher „na ja“, hier ist der O-Ton definitiv zu bevorzugen. Auf einer weiteren Tonspur befindet sich der (englische) Audiokommentar, allerdings ohne Untertitel. Neben einem Musikvideo, gibt es noch drei Featurettes. In „A Diabolical Joke“(25 Minuten) erzählt der Kameramann sehr interessant und detailreich von seiner Arbeit. In „Behind Every Weak Man“ stellen die weiblichen Darstellerinnen den Film und ihre Rollen vor und in „The Mephisto Waltz“ berichtet Sealtiel Alatriste davon, wie es dazu kam, dass er den Soundtrack komponieren durfte.

DVD-Rezenion „Foxtrot – Tödliches Inselparadies“

Von , 31. März 2015 20:58

FoxtrotDer rumänische Graf Liviu (Peter O’Toole) flüchtet zusammen mit seiner Frau Julia (Charlotte Rampling), seinem Diener Eusebio (Jorge Luke) und seinem Freund und ehemaligen Militär-Ausbilder Larsen vor den langsam am Horizont aufziehenden Zweiten Weltkrieg. Liviu hat sich eine unbewohnte Insel in der Südsee gekauft, wo er den gewohnten Status Quo in Ruhe weiterführen will. Dazu wird am Strand ein großes Zelt erreichtet, indem Liviu und seine Frau residieren, während in einigem Abstand in kleineren Zelten Eusebio und Larsen wohnen. Eines Tages erhalten die vier Besuch von einem mit Liviu befreundeten Waffenhändler (Claudio Brook), der mit einer schieß- und feierwütigen Gesellschaft auf der Insel einfällt. Als sie wieder abreisen, schenkt er Liviu ein Gewehr. Bald schon kommt es zu Spannungen zwischen Liviu und seiner Frau auf der einen, und Larsen und Eusebio auf der anderen. Larsen stellt fest, dass nun „alles allen gehört“ . Als Julia Liviu offenbart, dass Larsen sie vergewaltigt hätte, greift dieser zum Gewehr…

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Der mexikanische Regisseur Arturo Ripstein begann seine Karriere als Assistent von Luis Buñuel bei dessen Film „Der Würgeengel“. Ab 1966 drehte er selber Spielfilme, bei denen er häufig mit berühmten lateinamerikanischen Schriftstellern zusammenarbeite. Bei seinem Debüt „Tiempo de morir“ schrieben beispielsweise Carlos Fuentes und Nobelpreisträger Gabriel García Márquez das Drehbuch. Ripstein gilt als kompromissloser Filmemacher, der sich ganz seiner Vision und nicht irgendeinem Publikumsgeschmack verpflichtet fühlt.Vielleicht liegt hier der Grund dafür, dass sein eigenwilliges Werk bis auf ganz wenige Ausnahmen, nie den Weg nach Deutschland fand. Eine dieser Ausnahmen ist „Foxtrot“, der mit Peter O’Toole, Max von Sydow und Charlotte Rampling gleich mit drei hochkarätige Stars in den Hauptrollen aufwarten kann. In den USA wurde der Film von Roger Corman vertrieben, in Deutschland erlebte er seine Premiere auf Video und erhielt dort neben einem martialischen Coverbild noch den Untertitel „Tödliches Inselparadies“. Die Corman-Verbindung verwundert etwas, da der Film nicht das exploitive Material liefert, welches man vom „King of the B’s“ erwartet. Vermutlich wurde er in den USA als harter Revenge-Thriller vermarktet.

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Aber mit Exploitation hat Ripstein nichts am Hut. Sein sehr langsam erzählter, oftmals traumwandlerisch wirkender Film, ist vielmehr als Allegorie auf alte Machtstrukturen gerade in Ripsteins Heimatland Mexiko zu verstehen. Die vier Personen, die sich auf der einsamen Insel einfinden, sind ganz klare Rollen zugeordnet. Der lethargische Adel, der allein aufgrund seines Reichtums die Legitimation erhält, über die anderen zu bestimmen. Der Militär, der sich einschmeichelt, vorgibt jede Seite zu unterstützen, aber im Hintergrund intrigiert, um still und heimlich seine Machtübernahme vorzubereiten. Das Proletariat, welches in seiner Unmündigkeit zum Spielball fremder Interessen wird und sowohl vom Adel als auch vom Militär zu deren Zwecken instrumentalisiert wird. Und zu guter Letzt ist da die Frau. Das fleischgewordene Begehren. Jeder der drei Parteien will sie besitzen. Der Adel zwingt sie in finanzielle Abhängigkeit, das Militär nimmt sie sich mit Gewalt und für das Proletariat bleibt sie der unerreichbare Traum, den es anschmachtet. Um diese Konstellation herum strickt Ripstein seine Geschichte.

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Angereichert wird „Foxtrot“ mit einem guten Schuss Sozialkritik. Nicht umsonst flieht Graf Liviu aus dem vom Krieg bedrohten Europa, in denen die alten Strukturen nicht mehr länger bestand haben werden, nur um auf einer abgelegenen Insel eben jene Strukturen en minatur neu zu etablieren. Allerdings fehlt ihm der Antrieb, um aktiv für den Erhalt seiner Macht zu kämpfen. Er herrscht, weil es sich in seiner Welt so gehört und allein sein Titel ihn dazu legitimiert. Dieser schwache Adel ist ein leichtes Opfer für das Militär, welches diese Schwäche ebenso skrupellos ausnutzt, wie die Unwissenheit und unentschlossene Angst des Proletariats. Larsen wäre es ein leichtes, die Kontrolle über die Insel zu bekommen und sich das zu nehmen, was er begehrt, nämlich die schöne Julia. Allein das Gewehr, welches Liviu von einem seiner dekadenten Freunde überreicht bekam, hindert ihn daran. So wird die Waffe am Ende das einzige Instrument zur Ausübung von Macht, welches Liviu bleibt. Eventueller Respekt ist spätestens bei dem albernen Fang-die Mütze-Spiel zerbrochen, welches seine ganze Ohnmacht offenbart. Doch die Waffe wird nicht nur Livius Status wieder herstellen, sondern auch gleichzeitig seinen Untergang und die der Mini-Gesellschaft auf der Insel einleiten.

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Mit dem kraftlosen O’Toole hat Ripstein die ideale Besetzung gefunden. O’Toole wirkt wie eine lebende Leiche, sitzt oftmals teilnahmslos herum und jede Konfrontation mit Larsen scheint ihm unendlich viel Kraft zu kosten. Das einst so schöne Gesicht ist hier bereits vom Alkohol gezeichnet und gleich in einer der ersten Szenen lässt er gedankenverloren die Asche seiner Zigarre auf eine wichtige Seekarte fallen, was der Kapitän mit einem perplexen Blick quittiert. Hier hat man nicht unbedingt das Gefühl, dass die Szene so geplant war, sondern sich eine Panne bei den Dreharbeiten zum Sinnbild für die Gedankenlosigkeit Livius verselbständigte. Ihm gegenüber steht der virile Max von Sydow als Larsen, der Liviu an Kraft und Größe deutlich überlegen ist, den direkten Kampf allerdings scheut. Stattdessen gibt er Liviu das Gefühl, weiterhin am Schalthebel der Macht zu sitzen. Dabei hat er für sich schon lange beschlossen, den Spieß gründlich umzudrehen. Demgegenüber wirkt der vom mexikanischen Schauspieler Jorge Luke gespielte Eusebio fast schon ängstlich und stets unauffällig bis hin zur Unsichtbarkeit. Er wird von allen nur benutzt und manipuliert, um am Ende dann selbst nicht mehr zu wissen, was er eigentlich will. Am Liebsten würde er da den Status Quo wieder herstellen. Die wunderschöne Charlotte Rampling spielt die Julia in der ihr eigenen heiß-kalten Art und lässt den Zuschauer in den eisigen Gebirgsseen ihrer Augen versinken. Dabei wird nie ganz klar, zu welcher Seite sie hält, warum sie bei Liviu ist und ob sie am Ende tatsächlich von Larsen vergewaltigt wurde oder mit dieser Behauptung ihre eigene Agenda verfolgt. Ein Mysterium, welches Arturo Ripstein auch verweigert aufzuklären.

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Arturo Ripstein inszeniert seinen Film sehr langsam und optisch leider recht unspektakulär. Tatsächlich wirkt der Film eher wie eine preisgünstige TV-Produktion und weniger wie großes Kino. Zwar wird die Schönheit der Insel (in Wirklichkeit die mexikanische Küste) von seinen Kameras eingefangen, doch statt Weite zu suggerieren, wirkt die Insel eng und muffig. Sicherlich ein gewollter Effekt. Dazu trägt auch bei, dass Ripstein seinen Film wie durch eine Gazeschleier gefilmt hat, was teilweise an David Hamiltons schwülen Erotikfilme denken lässt, und eine einlullende, gedämpfte Stimmung hervorruft. Das träge Tempo wird auch im unspektakulären Finale nicht gebrochen, scheinbare Höhepunkte bewusst klein gehalten. Kein vordergründiger Effekt sollen offenbar von der Allegorie ablenken, was auf den Zuschauer eine zunehmend einschläfernde Wirkung hat. Dazu passt das minimalistische Spiel der Darsteller ebenso, wie der weitgehende Verzicht auf Filmmusik und handfeste Aktionen.

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Der mexikanische Regisseur Arturo Ripstein inszeniert seine mit Weltstars besetzte, intelligente Allegorie auf verkrustete Machtstrukturen visuell leider auf TV-Niveau. Die sehr langsame, unspektakuläre Erzählweise fordert zudem den Durchhaltewillen des Zuschauers heraus.

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Die Bildqualität der bei Exclusive Media erschienenen DVD lässt sich schlecht beurteilen, da der Films scheinbar mit sehr starken Weichzeichnern gefilmt wurde, weshalb das Bild nicht nur sehr weich, sondern auch leicht verschwommen und an den Rändern ausfransend erscheint. Da dies aber offenbar eine künstlerische Entscheidung bei den Dreharbeiten war, kann man dies den Machern der DVD nicht vorwerfen. Der Ton liegt in Deutsch und Englisch jeweils in Mono vor. Die deutsche Synchronisation wurde für die Videoveröffentlichung hergestellt und klingt trotz bekannter Synchronsprecher sehr steril. Demgegenüber ist die O-Ton-Spur recht dumpf und schlechter zu verstehen. Extras gibt es überhaupt keine. Nicht einmal ein Trailer wurde dieser Veröffentlichung spendiert.

Rezension: “Here comes the Devil”

Von , 22. Juni 2014 14:52

devilBei einem Familienausflug verschwinden die Kinder von Sol (Laura Caro) und Felix (Francisco Barreiro) in den Bergen. Nach einer verzweifelten Nacht des Wartens, werden die beiden Geschwister am nächsten Tag von der Polizei gefunden und wieder zurück zu ihren Eltern gebracht. Doch Sara (Michele Garcia) und Lucio (David Arturo Cabezud) scheinen verändert zu sein. Irgendetwas muss da oben in den Bergen passiert sein, was die Kinder traumatisiert hat. Als eine ärztliche Untersuchung ergibt, dass Sara keine Jungfrau mehr ist, scheint für Felix und Sol klar zu sein, dass sie einem Vergewaltiger zum Opfer fielen. Sie haben auch schon einen Verdacht, wer für das Unglück der Kinder verantwortlich sein könnte. Doch die Wahrheit ist noch viel grauenhafter…

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Nicht häufig hat man die Gelegenheit, einen Horrorfilm aus Mexiko zu sehen. Dabei hat das Genre hier eine große Tradition, vor allem in den 50er und 60er Jahren. Hier kämpften nicht nur maskierte Ringer, wie der legendäre „Santos“, gegen Vampire, sondern es wurden auch zahlreiche, sehr stimmungsvolle schwarz-weiß Gruseler gedreht. Von diesen fanden aber leider nur sehr wenige, wie z.B. „Vampiro“ (der gerade bei Subkultur erschienen ist), ihren Weg nach Deutschland. Seit dem Ende der goldenen 70ern (in denen vor allem René Cardona Jr. die Fahne hoch hielt) kam nur noch sporadisch eine Genrefilm aus Mexiko über den großen Teich zu uns, auch wenn es gerade in den letzten Jahren doch immer mal wieder ein Film, wie kürzlich beispielsweise „Wir sind was wir sind“, dann doch schaffte. Schön also, dass sich das Label Pierrot le Fou, das sich nun verstärkt um künstlerisch anspruchsvollere oder kontroverse Horrorfilme kümmern will, Adrián García Boglianos Film „Here comes the Devil“ angenommen hat.

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Der 1980 in Madrid geborene Regisseur hat in der Vergangenheit vor allem in Argentinien, aber auch Costa Rica, einige deftige Splatterfilme gedreht, die allerdings sowohl bei Kritik, als auch Horrorfans, keinen besonders guten Ruf genießen. Umso erstaunlicher, dass er mit „Here comes the Devil“ einen eher ruhigen, sich ganz auf eine irritierend-unangenehme Stimmung verlassenden Film gedreht hat. Offensichtliches Vorbild ist „Picknick am Valentinstag“. Ebenso wie in Peter Weirs verstörendem Klassiker, verschwinden hier Heranwachsende auf einem scheinbar verwunschenen Berg. Wie Irma in Weirs Film kehren beide zwar zurück, doch man erfährt zunächst nicht, was sich dort in den Hügeln zugetragen hat. Diese Unsicherheit und die schleichende Erkenntnis, dass vielleicht etwas Übernatürliches seine Finger im Spiel gehabt haben könnte (oder auch nicht), verbindet „Here comes the Devil“ und „Picknick am Valentinstag“. Bogliano gelingt es sogar, eine ähnlich traumhafte Atmosphäre wie Weir aufzubauen, wobei Bogliano diese schnell zu einer doch konkret albtraumhaften umschlagen lässt. Und im Gegensatz zu Weir, erlaubt Bogliano dem Zuschauer dann schließlich doch keine Zweifel daran, was sich da oben in den Hügel zugetragen hat. Dabei bedient er sich ganz offen bei Elementen anderer Genrefilmen, wie „Rosemary’s Baby“ oder „Gefahr aus dem Weltall“. Leider erinnert sich Bogliano irgendwann wieder an seine vorherige Karriere als Splatterfilm-Regisseur und baut in der Mitte des Filmes einen sehr heftigen Gore-Effekt ein. Dieser wäre nicht unbedingt nötig gewesen und wirft nicht nur das eher subtile Konzept des Filmes über den Haufen, sondern mag auch gar nicht recht zu den Figuren passen. Der Zuschauer wird hier im wahrsten Sinne des Wortes brutal aus dem Film heraus gerissen. Die fragliche Szene wirkt, ebenso wie der sehr exploitive Beginn, der uns gleich mit einer recht intensiven Sexszenen und einem brutalen Überfall konfrontiert, wie aus einem ganz anderen Film hier hinein kopiert. Da wäre weniger wieder einmal mehr gewesen.

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Adrian Garcia Boglianos Vorbilder liegen klar in den 70er Jahren. Nicht nur entdeckt er den mittlerweile „verbotenen“ Zoom wieder, auch die ganz Stimmung und die Darsteller könnten aus einem der paranoiden Horrorthriller der 70er stammen. Bogliano hat keine stromlinienförmigen, geklont wirkende, schöne Menschen besetzt, sondern echte Gesichter mit Charakter. Die Mutter wird von Laura Caro gespielt, einer in Mexiko bekannten R&B Sängerin, die hier ihre erste Filmrolle spielt. Ihr sowieso schon markantes, nicht schönes im klassischen Sinne, und dann doch wieder interessantes Gesicht, wird von Bogliano nicht glattgebügelt, sondern in all seiner Natürlichkeit und mit seiner unreinen Haut gezeigt. Was dem Film dann trotz seines übernatürlichen Themas einen gewissen Realismus gibt. Auch Francisco Barreiro als Vater ist kein klassischer Filmheld und vor allem kein Sympathieträger. Er könnte der Typ sein, der nebenan wohnt und dem man morgens gerne aus dem Weg geht. Obwohl Laura Caro von Bogliano immer mal wieder nackt gezeigt wird, haben diese Szenen keine erotische Wirkung, sondern zeigen sie meistens nur schutzlos und verletzlich. Umso mehr befremdet in diesem Zusammenhang die dampfend inszenierte Softsexszene am Anfang des Filmes, die zwei junge Frauen beim Sex zeigt und – wie bereit erwähnt – sich nicht in den folgenden Film einfügen will. Dieser ist auch eher rau und schroff, oftmals in grauen Farben fotografiert. Aber es gibt auch immer wieder kunstvoll gestaltete Szenen, in denen die Farbe zurückkehrt und förmlich wie ein Hammer zuschlägt. Zum Beispiel in der beängstigenden Rückblende, in der die Babysitterin erzählt, was sie mit den beiden Kindern erlebt hat. Dabei werden die unheimlichsten Augenblicke dem Zuschauer nicht gezeigt, sondern direkt in seinen Kopf gepflanzt. Nicht nur an dieser Stelle werden Erinnerungen an „Rosemary’s Baby“ wach.

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Ansonsten lässt Bogliano seinen Film vor Symbolismus und Allegorien fast platzen. Selbstverständlich ist es kein Zufall, dass die Höhle, in der die Geschwister verschwinden, an eine Vagina denken lässt, aus der die Kinder „neu geboren“ wieder hervor kommen. Und dass Tochter Sara am Tag ihres Verschwindens ihre erste Menstruation hat, ist ein Verweis auf die Veränderung des Körpers in der Pubertät, der Transformation vom Kind zum Erwachsenen. Und so kann man den Film durchaus auch Metapher auf das Erwachsenwerden, das Entfremden der Kinder von den Eltern und die Entdeckung der eigenen Sexualität deuten. Letztere lässt das „Kind“ verschwinden und etwas anderes (den pubertierenden, sich seltsam verhaltenen Teenie) sich an seine Stelle setzten. Es ist die Zeit, in der die Eltern nicht mehr wissen, was ihre Kinder eigentlich treiben, wenn sie nicht dabei sind. Und kann das Ende nicht auch als Emanzipation der Eltern von ihren Kindern, der Einstieg in ein Leben „danach“ – wenn die Kinder aus dem Haus sind – gedeutet werden?

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Mit „Here comes the Devil“ ist Adrian Garcia Bogliano ein unheimlicher und über weite Strecken angenehm subtil inszenierter Film gelungen. Allerdings nehmen ihm ein unpassender, wie aus einem anderen Film stammender, exploitiver Beginn, und vor allem eine deplatzierte, heftige Splatterszene in der Mitte, dann leider doch etwas von seiner Intensität. Dabei funktioniert Boglianos Film nicht nur als ein – an die paranoiden Terrorstreifen der 70er Jahre gemahnender – Horrorfilm, sondern auch eine intensive Allegorie auf das Erwachsenwerden der eigenen Kinder.

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Leider ist es mir wieder nicht möglich, die DVD selber zu rezensieren, da mit von Pierrot Le Fou wiederum nur eine Presse-DVD mit fettem Wasserzeichen (siehe Screenshots) und ohne deutsche Tonspur/Extras zur Verfügung gestellt wurde.  Da macht das Besprechen dann leider wenig Spaß. Laut OFDb soll aber ein fast einstündiges „Making Of“ (welches ich sehr gern gesehen hätte) und der Trailer mit an Bord sein.

Instituto Cervantes/City 46: Lateinamerikanische Filmreihe vom 10.-16.September

Von , 7. August 2012 20:48

Das Instituto Cervantes Bremen präsentiert, zwischen dem 10. und 16. September, im City 46 die Reihe “Kino im Aufbau”. In dieser werden fünf lateinamerikanische Filme im Original mit englischen Untertiteln gezeigt.

Alle Filme beginnen um 20 Uhr.

10.09: Familia tortuga – Mexikanisches Drama von 2006 über den Zerfall der Familie als Institution. Gewinner des Lateinamerikanischen Filmfestivals in Toulouse.

12.09: El telón de azúcar – Kubanisch/französischer Dokumentarfilm von 2005 über die Generation von Kubanern, die in den goldenen Jahren der Revolution geboren und aufgewachsen ist.

13.09: El violín – Vielfach ausgezeichnetes, mexikanisches Drama von 2005. Herr Plutarco, sein Sohn Genaro und sein Enkel Lucio führen ein Doppelleben. Einerseits sind sie bescheidende ländliche Musiker, andererseits unterstützen sie aktiv die bäuerliche Guerrilla-Bewegung gegen die tyrannische Regierung. Als das Militär das Dorf überfällt, müssen die Rebellen fliehen und die Munition zurücklassen. Sein Ansehen als harmloser Geiger nutzend, schmiedet Herr Plutarco einen Plan: Er will die, in seinem Maisfeld versteckte, Munition zurückzuholen.

14.09: Esas no son penas – Drama aus Ecuador (2006). Fünf von Kindheit an befreundete, sehr unterschiedliche, Frauen aus Quito treffen sich nach vierzehn Jahren wieder.

Nach dem Film gibt es ein Gespräch + Diskussion mit der Hauptdarstellerin Paquita Troya, die nach Bremen eingeladen wurde.

16.09: La perrera – Spielfilm aus Uruguay aus dem Jahre 2006.Der 22-jährige David wird von seinem Vater gezwungen, ein Jahr in einem kleinen, abgelegenen Badeort zu verbringen, um dort ein Haus zu bauen. Der Film schildert seine verrückten Erlebnisse während dieses Jahres.

Eintritt kostet pro Film 7 €, ermäßigt 5 €.

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