Nachrichten getagged: Martin Schmitz Verlag

Filmbuch-Rezension: Markus Stiglegger “Grenzkontakte“

Von , 3. Februar 2017 15:55

Stiglegger, Stiglegger, Stiglegger… In den letzten paar Jahren ist dieser Name omnipräsent geworden, wenn man sich für die Welt des „unterschlagenen Films“ (Copyright by Splatting Image) interessiert. Man hat beinah das Gefühl, es gäbe in diesem Bereich keine einzige Veröffentlichung mehr, die ohne einen Audiokommentar, ein Booklet und/oder Videoessay von dem Professor für Fernsehen und Film an der Dekra Hochschule für Medien in Berlin auskommt. Was – wenn man mal die einschlägigen Foren querliest – bei einer bestimmten Klientel schon zu Überdruss und einer gewissen genervten Müdigkeit führt, die sich nicht selten in unsachliche und persönlich angreifende Kommentare niederschlägt. In dieser Phase höchster Produktivität ist nun das Buch „Grenzkontakte“, eine „Liebeserklärung an das Kino und die Filmkunst“ erschienen.

Im Gegensatz zu Stiggleggers sonstigen Veröffentlichungen, die zumeist im wissenschaftlichen Feld angesiedelt sind, kann man hierbei fast schon von „Stiglegger for the masses“ sprechen. Was in keinerlei weise despektierlich gemeint ist. Im Gegenteil, Stiglegger gelingt es ausgezeichnet, den aufgeschlossenen Filmfreund, der keine kulturwissenschaftliche Ausbildung genossen hat, an die Hand zu nehmen und in sehr gut lesbaren und trotzdem anspruchsvollen Texten an die Grenzen der filmischen Erfahrung, und darüber hinaus zu führen. Dabei hilft es sicherlich, dass einige Texte von vornherein als Booklet-Essays konzipiert waren. Zumindest sind die Schriften über Michael Manns „Thief“ und Abel Ferraras „Blackout“ identisch mit denen, die man in den entsprechenden Veröffentlichungen von OFDb Filmworks bzw. filmArt findet. Man kann wohl davon ausgehen, dass auch andere Texte in diesem Buch ein zweites Leben erhalten haben. Schließlich hat Stiglegger für die deutschsprachige Heimkino-Veröffentlichungen vieler in „Grenzkontakte“ vorgestellten Filme ebenfalls das Booklet geschrieben.

Was aber auch nicht schlimm ist, da nur die Allerwenigsten all diese Veröffentlichungen Zuhause im Regal stehen haben dürften. So ist „Grenzkontakte“ auch ein wunderbarer Querschnitt durch Stigleggers populäres Schaffen der letzten Jahre. Der Natur der Sache ist es da geschuldet, dass die einzelnen Kapitel unterschiedlich lang und von unterschiedlicher analytischer Tiefe sind. Der Auftakt, ein ausführliches Portrait des italienischen Maestros Mario Bava, verschafft dem Leser einen großartigen Überblick über dessen Schaffen und seine filmgeschichtliche Bedeutung. Wer sich bereits eingehend mit Bava beschäftigt hat, wird allerdings nicht allzu viel Neues entdecken. Ganz anders Stigleggers wundervoller Text über „Der Nachtportier“, der den Film von ganz unterschiedlichen Seiten eingehend beleuchtet, um ihn hochspannend und nachvollziehbar zu analysieren. Sehr berührt hat mich der fast schon zärtliche Text über einen meiner großen Helden, Andrzej Zulawski, der den Abschluss der Filmtexte bildet und einen würdigen Nachruf (auch wenn dies zur Zeit des Verfassen noch nicht absehbar ist) auf einen der ganz großen Meister der Filmkunst darstellt. Unbedingt lesenswert sind auch seine Anmerkungen zum existenzialistischem Kino eines Bruno Dumont, seine Annährungen an Roland Topors „Marquis“ oder seine Überlegungen zu Ryu Murakamis „Tokyo Decadence“, um nur einige herauszugreifen.

Am Ende des Buches steht dann noch ein Interview, welches Kai Naumann per Email mit Markus Stiglegger führte. Da beide gut befreundet ist, ist dies eine nette Plauderei, bei der Kai Naumann mehr oder weniger die Stichwörter liefert, die Markus Stiglegger Raum geben, um von seinen ersten Filmerfahrungen in der Kindheit, seinen vielzähligen Unternehmungen und seinen (durchaus beeindruckenden) Leistungen zu berichten. Alles in allem ist „Grenzkontakte“ genau das, was der Untertitel verspricht. Eine Exkursion ins Abseits der Filmgeschichte. Mit einem überaus kompetenten Reiseleiter, von dem man sich nur allzu gerne in das Unbekannte da draußen hinaus ziehen lässt.

Markus Stigelegger “Grenzkontakte – Exkursionen ins Abseits der Filmgeschichte, Martin Schmitz Verlag, 240 Seiten, € 17,80

Filmbuch-Rezension: Christian Keßler “Das versteckte Kino“

Von , 19. Dezember 2016 13:26

verstecktekinoEr hat es wieder getan. Nachdem er seinen Leser zweimal in kurzer Folge „Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“ geliefert hat, hat Christian Keßler nun „Das versteckte Kino“ ins grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit geholt. Der Aufbau des Buches gleicht seinen beiden Vorgängern, der Ton ist aber ein anderer. Während in „Wurmparade auf dem Zombiehof“ und „Der Schmelzmann in der Knochenmühle“ viel Liebe über die Filme aus dem unteren Videothekenregal ausgeschüttet wurde, ist es hier vor allem Respekt, der bei den Vorstellungen der Film überwiegt. Und während bei „Wurmparade“ und „Schmelzmann“ eigentlich klar ist, warum die dort vorgestellten Filme keinen Platz in der „normalen“ Filmgeschichte gefunden haben, so ist es bei den Filmen, über die Christian Keßler in „Das versteckte Kino“ schreibt, doch höchst verwunderlich, dass das Gros bis heute nicht im goldenen Rahmen in der Hall of Fame der Cinephilie hängen.

Ausnahmen bestätigen hier die Regel. Filme wie „Heathers“, „Die Frau mit der 45er Magnum“ oder „Johnny zieht in den Krieg“ dürften jedem Filmfreund, der etwas weiter über den Tellerrand schaut, durchaus geläufig sein. Hier nimmt sich Christian Keßler einfach das Recht des Hausherren heraus, auch über Filme zu schreiben, auf die die selbstgewählte Kategorie „verstecktes Kino“ nicht zu 100% zutrifft. Der Großteil der Filme sind allerdings wirklich weit weniger bekannt. Manche erzeugen irgendwo weit hinten in der Erinnerung einen Wiederhall, wie „Die Chorknaben“, „Joe“ oder „Wo is‘ Papa?“. Andere sind ganz aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden wie „Marjoe“, „The Groove Tube“ oder „Alabama’s Ghost“.

Hier darf man Christian Keßler sehr dankbar dafür sein, dass er sie aus dem dunklen-feuchten Schatten der Filmgeschichte an die Sonne zerrt. Oder man verflucht ihn, weil es mitunter recht schwer ist, einer (legalen) Kopie dieser Werke Herr zu werden, um sich in den heimischen vier Wänden selbst von ihren Vorzügen zu überzeugen. Was bei diesem Buch verwundert ist ein neuer Ton bei Christian Keßler. Wurde es in den vorherigen Veröffentlichungen peinlichst vermieden, Filme zu erwähnen, die der Autor nicht mag, so nimmt er hier kein Blatt vor den Mund. Etwas, was insbesondere „The Breakfast Club“ zu spüren bekommt. Ferner haben sich zwei kleine, wenn auch belanglose Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen, auf die ich hier aber nicht eingehen will, da sie für den Kontext vollkommen unwichtig sind. Ich erwähne es hier auch nur, weil sie mich in dem Moment doch sehr irritiert haben.

Aber das soll nicht davon ablenken, dass Christian Keßler mit „Das versteckte Kino“ ein großer Wurf gelungen ist. Das Buch macht einen noch reiferen Eindruck als die – ebenfalls sehr empfehlenswerten – „Trashfilm“-Bücher. Der unverwechselbare Keßler-Groove ist hier etwas zurückhaltender und der Ernsthaftigkeit vieler der hier vorgestellten Filme angemessen. Aber trotzdem spürt man in jeder Zeile, dass ihm dieses Buch eine Herzensangelegenheit ist und wie sehr es ihn wurmt, dass die hier besprochen Filme bisher nicht den ihnen eigentlich zustehen Platz in der Filmgeschichte einnehmen konnten. Warum auch immer. Umso wichtiger ist diese wundervolle Missionarstätigkeit der Liebe.

Christian Keßler “Das versteckte Kino – Die besten Filme,von denen Sie niemals gehört haben!, Martin Schmitz Verlag, 336 Seiten, € 18,80

Filmbuch-Rezension: Christian Keßler “Der Schmelzmann in der Leichenmühle – Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“

Von , 30. Dezember 2015 18:06

schmelzmannRecht schnell hat Christian Keßler seinem erst vor einem Jahr erscheinen Buch „Wurmparade auf dem Zombiehof“ eine Fortsetzung folgen lassen. Das neue Werk trägt den Titel „Der Schmelzmann in der Leichenmühle“ und bietet dem geneigten Leser wiederum „40 Gründe, den Trashfilm zu lieben“. Dies stellt den Rezensenten vor ein kleines, wenn auch angenehmes Problem. Zum neuen Buch kann man im Grunde nur das wiederholen, was man schon zum ersten Band schrieb. Christian Keßler knüpft nahtlos an den zur Recht erfolgreichen Vorgänger an. Wieder hat er den Schlüssel zu einer ganz wunderbaren Filmwelt in der Tasche. Wieder sind seine Präsentationen manchmal schier unfassbarer Wunderwerke frei von dem galligen Zynismus, mit dem so mancher „Filmexperte“ über den sogenannten Trashfilm herziehen.

Wobei allein ja schon in der Formulierung „Trashfilm“ eine spöttische und herabwürdigende Distanz zu den vorgestellten Filmen steckt. Nicht so bei Keßler, aus denen Zeilen eine aufrichtige Liebe für das Nicht-perfekte, das Buckelige und den riesigen Enthusiasmus der Filmemacher spricht. Dass das Wort „Trash“ trotzdem im Titel auftaucht, hat nur etwas mit einer besseren Vermarktung zu tun. Keßler selber distanziert sich ganz klar davon. Aber wenn es dem Propheten nutzt, mit diesem hässlichen Wort seine Botschaft der Filmliebe unter ein ansonsten vielleicht ignorantes Volk zu streuen – dann bitte.

Liest man die Texte, fühlt man sich gleich gleich wieder in eine andere, vielleicht sogar besser, Welt versetzt. Wem es nicht hinter den Augen juckt, jetzt unbedingt und gleich „Deafula“, den einizgen Vampirfilme von und für Taubstumme, sehen zu wollen, bei dem ist wahrscheinlich sowieso Hopfen und Malz verloren. Der soll ruhig weiter „Transformers“-Materialschlachten ansehen und bei „Sharknado 3“ so richtig volle Kanne ablachen. Alle anderen werden aber vom Zauber einer „Lady Terminator“ oder dem Charme der „2000 Maniacs“ gefangen werden.

Mich freut diesmal besonders, dass sich Keßler auch einiger Lieblingsfilme von mir angenommen hat, die ich bereits im Rahmen unserer Bremer Filmreihe „Weird Xperience“ auf der großen Leinwand zeigen durfte. So den gottgleichen „Die Satansweiber von Titfield“ und dem einzigartigen „Das Stundenhotel von St. Pauli“, das ich sehr in mein Herz geschlossen habe. Aber auch andere, völlig zu unrecht kaum bekannte Filme, werden von Keßler ans Tageslicht gebracht. Wie der schier unglaubliche „Thundercrack!“ und der einfach unfassbare „Terrorgang“. So könnte es jetzt noch seitenweise weitergehen, doch es soll auch nicht unterschlagen werden, dass Christian Keßler in diesem Buch – stärker noch als im Vorgänger – um die Filme kleine Geschichten baut, die einiges über seine Sicht auf die Welt und die Missstände in denen wir leben müssen erzählt. Die Welt ist nicht immer schön und gerecht, auch diese traurige Erkenntnis schmuggelt Keßler in sein Buch. Dass er dabei aber trotzdemimmer einen positiven Grundton beibehält und nie aufsteckt, das verbindet ihn mit vielen der Filmemacher, deren Filme er uns hier ans Herz legt.

Kurzum, wer „Wurmparade auf dem Zombiehof“ verschlungen hat und Christian Keßlers legendären Artikel in der leider eingestellten „Splatting Image“ vermisst, der sollte jetzt sofort und ohne schuldhaftes Zögern den „Schmelzmann“ bestellen. Wer beides nicht kennt, sollte sich zumindest einmal im Leben auf eine wilde und exotische Reise durch die Welt der obskuren Filme einlassen. Vielleicht wird er ja angefixt und schaut dann, wie man an „Incubus“, diesen auf Esperanto gedrehten Film mit William „Cpatain Kirk“ Shatner, heran kommt. Das würde ich mir jedenfalls wünschen. Ebenso, wie einen Auftritt Keßlers in seiner Heimatstadt Bremen. Weihnachten ist ja gerade vorbei, vielleicht klappt es da noch mit den Wünschen.

Christian Keßler “Der Schmelzmann in der Leichenmühle – Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“, Martin Schmitz Verlag, 300 Seiten, € 18,80

Filmbuch-Rezension: Jörg Buttgereit “Besonders wertlos – Filmtexte“

Von , 4. Dezember 2015 19:24

besonders_wertlos_jbEs ist eine wahre Schande, dass Jörg Buttgereit oftmals noch immer auf sein filmisches Frühwerk reduziert wird. Zugegeben, „Nekromantik“ besitzt seinen Kultstatus völlig zurecht, „Nekromantik 2“ ist der bessere Film, „Der Todesking“ eine bedrückende Auseinandersetzung mit dem Tod und „Schramm“ eine böse Reise in die Seele eines gestörten Menschen. Doch man sollte nicht vergessen, dass „Schramm“ bereits 22 Jahre alt ist und sich Buttgereit seitdem – bis auf Ausflüge ins TV-Geschäft (eine Folge der deutsch-kanadischen SF-Serie „Lexx“, sowie drei Folgen der wunderbaren Arte-Sendung „Durch die Nacht mit…“), einem Drittel des „German Angst“-Projekts aus diesem Jahr, sowie einer Doku zum japanischen Monsterfilm – aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hat.

Die andere Seite des „Kult-Regisseurs“ ist heute leider noch viel zu unbekannt. Neben großartigen und wagemutigen Hörspielen für den WDR, in denen er sich frei austobt und seine Filmleidenschaft mit skurrilen, oftmals wahren, Geschichten verknüpft, ist da auch seine erfolgreiche Theaterarbeit, die in Dortmund immer wieder für ein ausverkauftes Haus sorgt. Diese ist häufig – aber nicht nur – eine Verlängerung der Hörspiele in ein anderes Medium, wie sein Stück „Kannibale und Liebe“, welches zuerst als „Ed Gein“ in Hörspielform existierte. Nebenher spricht Jörg Buttgereit zahlreiche Audiokommentare für japanische Monsterfilme ein, hat seinen „Captain Berlin“ in die Welt der Comics überführt und schreibt für einige Filmzeitschriften, wie der österreichischen „ray“.

Eben jene Kolumnen bilden die Basis für sein neues Buch „Besonders wertlos“, welches beim tollen Martin Schmitz Verlag veröffentlicht wurde. In 50 kurzen, oftmals nur 1,5 Seiten langen Kolumnen widmet sich Buttgereit seinen Lieblingsthemen oder empfiehlt zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung gerade aktuelle DVD-Veröffentlichungen. Dabei ist es der Form der Kolumne geschuldet, dass bei diesen kurzen Texten kein Raum besteht, um tiefer in die Materie einzudringen. So reißt Buttgereit zwar einige interessante Themen und Gedanken an, kann sie aber nicht zu Ende bringen. Hier ist es am Leser, neugierig zu sein und selber aktiv zu werden, denn die Kolumnen können in erster Linie Denkanstöße sein, um selber einen umfassenderen Blick in unbekannte Welten zu werfen. Auch wenn die „Liebhaber des unterschlagenen Films“ hier nicht viel Neues entdecken werden, ist es doch schön hier von Jörg Buttgereit noch einmal an die Hand genommen zu werden. Seine Texte sind so unterhaltsam und aus dem Herzen heraus geschrieben, dass man sie gerne liest, auch wenn einem der Inhalt teilweise bekannt ist.

Der „Anhang“ des Buches zeigt dann, was man von Jörg Buttgereit erwarten kann, wenn ihm genug Raum gegeben wird, sein Wissen zu entfalten. Diese acht Texte stammen wahrscheinlich aus der epd Film und sind deutlich länger als die „ray“-Kolumnen. Hier schreibt Buttgereit sehr fundiert u.a. über das Grindhouse-Kino, natürlich immer wieder Godzilla und Konsorten, japanische Horrorfilme und führt ein Interview mit George A. Romero. Dabei kann er auch „Fortgeschrittene“ noch überraschen. Insgesamt ist „Besonders wertlos“ ein Sammelsurium an Texten, welche nicht immer Neues erzählen oder bisher unbekannte Hintergründe enthüllen, aber Jörg Buttgereit hat eine unterhaltsame Schreibe und allein um den sympathischen Martin Schmitz Verlag zu unterstützten, sollte an sich das Buch zulegen. Bereuen wird man es nicht.

Jörg Buttgereit “Besonders wertlos – Filmtexte“, Martin Schmitz Verlag, 200 Seiten, € 17,80

Filmbuch-Rezension: Christian Keßler “Wurmparade auf dem Zombiehof – Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“

Von , 25. November 2014 19:39

Cover_TrashChristian Keßler dürfte jedem, der sich für das europäische Exploitation-Kino interessiert, ein Begriff sein. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass er mit seinen enthusiastischen und humorvollen Artikeln in der legendären „Splatting Image“ viele Leser erst dazu gebracht hat, sich mit diesem Sujet zu beschäftigen. So hat er geholfen die Saat für die zahlreichen Blogs und Foren zu legen, in denen sich heute lebhaft über den italienischen oder spanischen Genrefilm der 60er und 70er Jahre ausgetauscht wird.

Ich erinnere mich noch sehr genau an meine erste Begegnung mit einem Christian-Keßler-Text. Es war in der „Splatting Image“ Nummer 29, und es ging um italienische Polizeifilme. Für jemanden wie mich, der mit Filmbüchern von Georg Seesslen und Joe Hembus aufgewachsen war, ist der lockere Plauderton und die zahlreichen Wortspiele zunächst sehr befremdlich gewesen. Nein, ich konnte damit nichts anfangen und fand es erst einmal albern, so „unernst“ über Film zu schreiben. Doch nach einer kurzen Eingewöhnungsphase schlug mich der „Keßler-Slang“ immer mehr in seinen Bann. Bald schon waren seine Artikel immer das Erste, was ich aufschlug, wenn mir die nächste „Splatting Image“ ins Haus flatterte. Man spürte in seinen Texten nur nicht ein Lächeln und eine tiefe Liebe zu seinen Themen, sondern auch eine ungeheure Lust am Spiel mit der Sprache, welches stark an Max Goldt erinnert. Und an der Verschleierung ernster Themen durch einen nur scheinbar harmlos-lustigen Satz.

Gerade Letzteres kennzeichnet auch sein nun im Martin-Schmitz-Verlag erschienenes Buch „Wurmparade auf dem Zombiehof – Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“. Wie viele der nur scheinbar simplen, und auf vordergründiges Spektakel gebürsteten „Trash“-Filme, die er hier vorstellt, schmuggelt Christian Keßler durchaus ernste Themen, die ihm ans Herz legen,mit seinen humorvollen Texten ins Unterbewusstsein seiner Leser. So entpuppt sich manch lockere dahin geworfene Pointe beim näheren Hinsehen, als durchaus manchmal bitterer Kommentar auf die Missstände des Lebens. Aber hier liegt natürlich nicht der Schwerpunkt des Buches. Tatsächlich steht der Spaß und die Freude am sogenannten „Trashfilm“ im Vordergrund. Alles andere liest wahrscheinlich nur diejenigen zwischen den Zeilen, die Christian Keßlers pointierten Einträge auf seinem Facebook-Profil kennen, wo auch manchmal unter der Maske des Hofnarren eine unbequeme Wahrheit ausspricht.

Ein Wort zum Begriff „Trashfilm“, den Christian Keßler selber nicht mag, wie er in der Einleitung schreibt. Einen Film als Müll zu bezeichnen, hätte etwas abwertendes, nichtssagendes, was den in seinem Buch vorgestellten Filmen nicht gerecht wird. Man solle doch bitte mit ihnen Lachen und nicht über sie. Mich selber erinnert eben dieses immer an den berühmten Vergleich mit dem Baby, das laufen lernt. Dieser wird zwar in erster Linie immer herangezogen, wenn es um Motivation geht, aber ich finde, er kann auch hier angebracht werden. Wenn ein Baby sich bemüht zu laufen, es dies aber noch nicht kann und darum ständig auf den Hintern plumpst, lacht man es ja auch nicht aus, weil es zu blöde für so eine einfache Sache wie laufen ist, sondern man muntert es auf, lobt die Anstrengungen, und wenn man lacht, dann weil es so niedlich aussieht, wie es immer wieder „bums“ macht. So sollte man es auch mit dem „Trashfilm“ halten, auch wenn einige davon – wie „Mosquito, der Schänder“ – ganz bestimmt nicht „niedlich“ sind.

Christian Keßlers Buch ist in 10 Abschnitte unterteilt. 10 exotische Inseln im Zelluloid-Ozean, zu denen uns ein alter Seebär auf seinem Kahn mitnimmt. So zumindest die anfängliche Idee, die dann am Ende des Buches wieder aufgenommen wird. Zunächst geht es zu den „Eisbrechern“. Jenen Filmen, die Sonnenstrahlen ins verknöcherte Herz der Mainstream-Gucker werfen sollen. Hier begegnen uns Hermann Umgar aus „Die Wurmfresser“, die Ratten von Manhattan aus Bruno Matteis „Riffs 3“, die legendären „Mad Foxes“ und der unfassbare „Türkisch Star Wars“. Wer hier schon abwinkt, der kann die Reise auch gleich abbrechen, denn er ist ein hoffnungsloser Fall.

Weiter geht es mit „Klassiker“, wo man dann auch auf Ed Wood stößt, über „Monsterfilme“, „Männerfilme“ (hauptsächlich Söldnerware, aber auch „Django und die lüsternen Mädchen von Porno Hill“), „Frauenfilme“ u.a. mit Doris Wishman und ihrer Entdeckung Chesty Morgan, „Bauernfilme“ (mit dem titelgebenen „Zombiehof“), „Kirchenfilme“, bei denen selbstverständlich auch Wenzel Storch zugegen ist, „Mutantenfilme“ und hin zu – last but not least – „Penisfilme“. Gerne macht sich Christian Keßler ein Spaß daraus, Filme in den jeweiligen Kategorien vorzustellen, die auf den ersten Blick nicht unbedingt etwas mit dem jeweiligen Abschnitt zu tun haben. Warum zum Beispiel John Waynes ultra-konservativer „The Green Berets“ unter „Mutantenfilme“ zu finden ist, darüber möge sich jeder selber seine Gedanken machen. Schön auch, wie Keßler hier und da alte Freunde mit einem Text bedenkt und deren Filme den verdienten Kontext gibt. Wie „Operation Dance Sensation“ von Thilo Gosejohann oder „Der Glanz dieser Tage“ von Wenzel Storch. Der Hinweis auf seinen Verlags-Kollegen Jörg Buttgereit und dessen Buch „Die Monsterinsel“ fehlt da natürlich auch nicht.

„Wurmparade auf dem Zombiehof“ ähnelt in vielerlei Hinsicht einem stream of consciousness, als einem lange recherchiertem Werk, an dem der Autor Jahre gesessen hat. Christian Keßler besitzt eine umfangreiches Wissen über die Filme, die er hier beschreibt und so wirken die Texte oftmals wie eine launige Plauderei aus dem Stehgreif, die gerne auch mal hier oder dorthin driften kann. Da wird dann auch schon mal ein Gespräch in einer 80er-Jahre Ruhrpott-Videothek simuliert. Das soll aber nicht den Informationsgehalt des Buches schmähen. Trotz des lockeren Tones und den lustigen Scherzen werden dem Leser auch zahlreiche Anekdoten und Informationen über die Filmemacher mitgegeben. Z.B. was mit dem Huhn aus „Pink Flamingos“ geschah, dem das Buch gewidmet ist.

Wer Christian Keßlers bisherige Arbeiten – vor allem für die Splatting Image“ – kennt, dem wird hier einiges bekannt vorkommen, er wird aber auch viel Neues entdecken können. Denn der Ozean ist weit und niemand kann bereits jede Insel angefahren haben. Und Neuland zu betreten, sei hiermit ausdrücklich jedem alten Skipper, und vor allem den vielen neuen Leichtmatrosen da draußen empfohlen.

Wer Christian Keßler gerne einmal persönlich erleben möchte, der hat am Freitag, den 28. November um 21:00 Uhr im Bremer Lagerhaus die Gelegenheit. Ich werde auf jeden Fall da sein und freue mich auch schon auf die Filmausschnitten, welche die Lesung begleiten sollen.

Christian Keßler “Wurmparade auf dem Zombiehof – Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben, Martin Schmitz Verlag, 288 Seiten, € 18,80

Filmbuch-Rezension: Wenzel Storch „Die Filme“

Von , 14. März 2014 21:10

Storch_Die FilmeDie Lektüre des Buches „Die Filme“ von Wenzel Storch war für mich ein kleines Experiment. Kann man das Buch auch genießen, wenn man mit Storchs Werk bisher nicht vertraut ist? Über seinen Film „Sommer der Liebe“ hatte ich in dem leider nur zwei Ausgaben lang erschienenen, wunderbaren Fanzine „Absurd 3000“ Ende der 90er Jahre das erste Mal gelesen. „Reise ins Glück“ begegnete mir dann später in der „Splatting Image“. Doch zu sehen bekam ich diese Filme bisher nie. Einmal habe ich 10 Minuten von „Sommer der Liebe“ erhaschen können, aber das war’s dann auch.

Um meine Eingangs gestellt Frage gleich zu beantworten: Ja, man kann. „Die Filme“ ist weniger ein klassisches Filmbuch, als vielmehr die Autobiographie des 1961 in Braunschweig geborenen Universalkünstlers. Man erfährt viel über Wenzel Storchs Welt. Sein streng katholisches Elternhaus, das schlechte Verhältnis zum Vater und die Zeit als Ministrant, die sein Leben und seine ersten Filme prägte. Man hört etwas über das legendäre Kassetten-Label „Pissende Kuh Kassetten“ der beiden Brüdern Iko und Diet Schütte, über das auch der Filmgelehrte Christian Keßler schon oft berichtet hat, und bei dem auch Storch aktiv war. Man liest über das Leben in einem sozialen Brennpunkt am Rande von Hildesheim, wo Storch lange Zeit über einem Kiosk wohnte, der zentraler Anlaufpunkt für die Alkoholiker der Gegend war. Man lernt skurrile Typen, wie den Scheißefresser Hardy, den Philosophen oder den Baron von Lallu kennen. Zusammen mit einer repressiven Kirche bildete dieser Umgebung den Boden, auf dem Storchs Werk gedieh. Und ohne diesen wären Filme wie „Der Glanz dieser Tage“ wahrscheinlich gar nicht entstanden.

Erst nach 97 Seiten wendet sich das Buch dem Thema seines Titels zu: Den Filmen. Beginnend mit „Der Glanz dieser Tage“, der mit viel Fantasie und Skepsis gegenüber der katholischen Kirche in dem abbruchreifen Haus in Hildesheim entstand. Weiter zu „Sommer der Liebe“, der bereits aufwändiger war und Wenzel Storch einen Skandal bescherte, als eine radikale Lesbengruppe aus einem Göttinger Kino eine Rolle des Filmes entführen, weil sie den Film „rassistisch, sexistisch und faschistisch“ fanden. Abschließend mit dem Albtraum von „Reise ins Glück“. Ein Mammutwerk, welches zwölf Jahre zur Fertigstellung brauchte, Storch mehr als einmal in den Bankrott und tiefste Verzweiflung trieb. Selbst wenn man den Film nicht gesehen hat, so singen doch die zahlreichen Fotos im Buch ein Lied davon, dass sich der ganze Aufwand und Ärger zumindest optisch vollauf gelohnt hat.

Überhaupt muss man auf die Bilder zu sprechen kommen. Storch bebildert seine Lebensgeschichte mit allerlei Fundstücken, die einem selber aus der eigenen Jugend (zumindest, wenn man in den 70ern aufgewachsen ist) einerseits bekannt und doch wie aus einer völlig anderen Welt zu stammen scheinen. Die Art und Weise, wie Storch sie zum Teil ironisch, aber immer treffsicher in den Kontext des Textes einbindet, erinnert an Max Goldt, aber auch an Umberto Ecos „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“, wo ja auch eine Kindheit und Jugend anhand von popkulturellen Fundstücken aus der Vergangenheit rekonstruiert wird. Während die Bebilderung im ersten Teil des Buches noch der Illustration der Lebensgeschichte dienen, findet man in der zweiten Hälfte zahlreiche Fotos vom Set seiner Filme, die von seiner überbordenden Kreativität und der Fähigkeit aus Müll ganz wunderbare exotisch-verrückte Kulissen zu zaubern, zeugen. Spätestens diese Opulenz macht das Buch dann auch zu einem echten visuellen Leckerbissen.

„Die Filme“ ist eine Collage aus anderswo veröffentlichten Interviews, Ausschnitten aus Storchs literarischem Werk, seinen Zeichnungen, persönlicher Fotos und merkwürdigem, irgendwo gefundenen Bildmaterial. Nach der Lektüre des Buches hat man dann das Gefühl, „Deutschlands besten Regisseur“, wie ihn das Satiremagazin Titanic einst nannte, tatsächlich ein wenig zu kennen. Und man ist sehr neugierig auf sein filmisches Werk geworden. Ein erster Schritt in die ziemlich seltsame Welt des Filmemachers Storch kann man machen, indem man sich das Musikvideo „Altes Arschloch Liebe“ ansieht, welches Storch 2009 für Bela B. (einem großen Fan von „Reise ins Glück“) gedreht hat. Leider seine bisher letzte Filmarbeit – die ironischerweise auch von weitaus mehr Leuten gesehen wurde, als all seine Filme zusammen. Storch selber rechnet vor: Während „Der Glanz dieser Tage“ 3.000 Zuschauer hatte, „Sommer der Liebe“ 32.000 und „Reise ins Glück“ 26.000, haben den Videoclip 10x mehr Leute gesehen, als alle drei Filme zusammen.

Zurzeit beschäftigt Wenzel Storch sich, wie im letzten Kapitel des Buches zu lesen ist, mit dem Schreiben von Essays, von denen viele in den Büchern „Der Bulldozer Gottes“ (2009) und „Das ist die Liebe der Prälaten“ (2013) zusammengefasst sind. Wer sich näher mit Wenzel Storch beschäftigen möchte, der findet im Anhang des Buches umfangreiche Listen mit seinen Werken aus Film, Literatur und Musik, Kritiken, Beiträge in anderen Büchern, Artikeln, Lesungen und vieles mehr.

Und wer Wenzel Storch einmal live erleben möchte, der sei an dieser Stelle auf den 24. April hingewiesen. Dann zeigt das Bremer Kommunalkino City 46 in der Reihe „Weird Xperience“ nicht nur den Film „Die Reise ins Glück“, sondern hat Wenzel Storch auch eingeladen, um vorab aus seinem hier besprochenen Buch zu lesen. Hingehen!

Wenzel Storch : „Die Filme“ , Martin-Schmitz-Verlag, 336 Seiten und über 700 farbige Abbildungen, Zeichnungen und Skizzen. Euro 29.80

Panorama Theme by Themocracy