Nachrichten getagged: Mario Adorf

Bericht vom 33. Braunschweig International Film Festival – Tag 2

Von , 22. Dezember 2019 15:23

Der nächste Tag begann für mich viel zu früh, denn der erste Film sollte bereits um 11:00 Uhr beginnen und vorher hieß es noch, sich fertig zu machen, zu frühstücken und aus dem sehr bequemen und komfortablen Foursides-Hotel auszuchecken. Irgendwann erreichte mich eine SMS von Holger, der mich scheinbar mit dem Hinweis, dass Mario Adorf (Ehrengast des Braunschweig International Filmfestival) ebenfalls gerade im Frühstücksraum verweilen würde, zur Eile treiben wollte. „Netter Versuch“, dachte ich noch, um dann später erstaunt feststellen zu müssen, dass das kein Trick war, sondern Herr Adorf tatsächlich neben uns saß. Dies freute mich umso mehr, als unser erster Film an diesem Tag „Deadlock“ war, und ich hoffte, dass Mario Adorf dazu eine Einführung halten und interessante Geschichten über den Dreh erzählen würde. Leider kam es nicht dazu, weil der 93-jährige Herr Adorf nach dem Frühstück bereits nach Hamburg aufgebrochen war, um dort den Dokumentarfilm über ihn vorzustellen. Schade. Immerhin befand sich aber seine Tochter unter den Zuschauern im überraschend gut gefüllten Astor-Kino.

Overlook-Feeling im Foursides-Hotel

Ebenso wie zu meiner großen Freude der Kollege und ehemalige „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ -Mit-Redakteur Christian Genzel, dessen Blog Wilsons Dachboden ich hier schon öfter mal empfohlen habe und der gerade einen Dokumentarfilm über Porno-Pionier Howard Ziem dreht. Christian hatte ich nur kurz am Vortag sprechen können, als wir gemeinsam in der Schlange zum Universum-Kino standen. Viel mehr konnten wir uns an diesem Tag auch nicht unterhalten, was ich sehr schade fand. Auch Christoph Seelinger war mit dabei, so dass Holger und ich uns wirklich in guter und anregender Gesellschaft befanden.

Deadlock – Roland Klicks „Deadlock“ endlich einmal auf der großen Leinwand zu sehen, war eine Offenbarung. Kaum ein Film ist so sehr für das Kino gemacht worden, wie dieser. Zwar hatte er mich auch schon auf DVD beeindruckt, aber hier war er nun atemberaubend. Diese Weiter lesen 'Bericht vom 33. Braunschweig International Film Festival – Tag 2'»

Blu-ray-Rezension: „Milano Kaliber 9“

Von , 29. März 2017 19:38

Ein dilettantischer durchgeführter Raubüberfall hat Ugo Piazza (Gastone Moschin) hinter Gitter gebracht. Wegen guter Führung wird er nach drei Jahren entlassen und umgehend von seinen alten Kumpanen in Empfang genommen. Kurz vor Ugos Verhaftung verschwanden nämlich 300.000 US-Dollar und der Mailander Gangsterboss „der Amerikaner“ (Lionel Stander) hat Ugo in Verdacht, diese beiseite geschafft zu haben. Nun wird Ugo Schritt auf Tritt von dem Schläger Rocco (Mario Adorf) und seinen Leuten verfolgt, die versuchen ihn unter Druck zu setzen. Doch Ugo scheint sich nur nach einem ruhigen Leben mit der wunderschönen Nelly (Barbara Bouchet) zu sehnen. Doch der Druck auf Ugo wächst und schon bald sieht er sich gezwungen, wieder für den „Amerikaner“ zu arbeiten. Doch gleich der erste Job geht schief, und die Leichen fangen sich an zu türmen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Milano Kaliber 9“ ist für mich ein besonderer Film. Es war damals der Film, der mich in das Genre des Poliziottesco, des italienischen Polizeifilms, einführte. Der mich von der ersten Sekunde lang mitgerissen hat. Mich nicht wieder losließ und noch lange nach dem Schlussbild beschäftigte. Der zu meiner Messlatte für alle weiteren Poliziotteschi wurde und welche vielleicht in wenigen glücklichen Fällen erreicht, nie jedoch überboten wurde. Dabei hatte es der Film bei mir zunächst nicht leicht. Angefixt durch das Buch „Der Terror führt Regie“ von Karsten Thurau und Michael Cholewa, welches ich irgendwann um 1999 herum auf einer Filmbörse mitgenommen hatte (wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz trügt), waren meine Erwartungen an den Film schon extrem hoch. „Der Terror führt Regie“ damals das erste Buch in Deutschland, welches sich überhaupt mit dem Poliziottesco beschäftigte und von daher für mich ein sehr wichtiges Werk, denn es eröffnete mir ein Genre, mit welchem ich mich bisher noch nicht beschäftigt hatte. Das war noch in einer Zeit, in der das Internet zwar schon Einzug in das allgemeine Leben hielt, aber Filmfreunde tatsächlich noch ihr Wissen noch vor allem aus den – spärlichen – Publikationen zum Thema europäisches Genrekino speisten. Der Säulenheiliger des Autoren-Duos war Fernando di Leo, sein zentrale Meisterwerk „Milano Kaliber 9“.

Dann hatte ich endlich „Milano Kaliber 9“ im Videorekorder. Eine Kopie des alten deutschen VHS-Tapes. Vielleicht die zweite oder dritte. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich die her hatte, das Bild war jedenfalls noch erstaunlich gut. Da war man zu den wilden, prä-DVD-Zeiten auch anderes gewohnt – was man aber ohne viel Murren schluckte, nur um endlich mal den begehrten Titel, über den man zuvor nur mal irgendwas gelesen hatte, sehen zu können. Egal wie. Und, holla, allein der Anfang von „Milano Kaliber 9“ hatte es dermaßen in sich, dass ich den Film auch dann als Meisterwerk tituliert hätte, würde der Rest aus Schwarzbild bestanden haben. Diese furiose Montage, in der in nur fünf Minuten zu der kongenialen Musik von Luis Bacalov die Geschichte eines fehlgeschlagenen Geldschmuggels und den brutalen Konsequenzen erzählt wird, gehört bis heute für mich zu den großartigsten Filmanfängen aller Zeit. Gleich ganz oben dort mit jenem von Orson Welles‘ „Im Zeichen des Bösen“ oder Leones „Spiel mit das Lied vom Tod“. Vor einigen Jahren gab es im Bremer Kommunalkino mal kurzzeitig ein kleine Gruppe, die sich in regelmäßigen Abständen traf, um Filme anhand von Filmausschnitten vorzustellen und zu diskutieren. Leider habe ich es nur einmal geschafft, an dieser kurzlebigen Veranstaltung teilzunehmen. Das Thema war „Filmanfänge“. Ich hatte natürlich „Milano Kaliber 9“ im Gepäck und danach war es sehr ruhig im Raum und man sah viele heruntergeklappte Kinnladen. Bildungsauftrag erfüllt.

Nun ist „Milano Kaliber 9“ bei filmArt erstmals in Deutschland in HD erschienen. Zeit Mailand mal wieder einen Besuch abzustatten, nachdem ich den Film nun schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Und was war das für ein Wiedersehen. Wie beim ersten Mal traf mich die Rasanz und Gewalt der ersten Minuten wie ein Hammer. Mario Adorf liefert in seiner Darstellung des Rocco eine der besten Leistungen seiner an überragenden Darstellungen nicht gerade armen Karriere ab. Er spielt nicht, er ist. Dieses schleimig-einschmeichelnde, dass in der nächsten Sekunde in erschreckend rohe Brutalität umschlägt. Hier der narzisstische Clown mit den viel zu großen Gesten, dort der hitzköpfige, aber in der Wahl seiner Mittel erschreckend kontrollierte Gewaltmensch. Und am Ende die einzig ehrliche Figur in diesem Film Noir voller Intrigen, Masken und Machtspielchen. Rocco mag ein extrem gefährlicher, stets gewaltbereiter Schläger sein, dem ein Menschenleben nichts bedeutet. Der ohne mit der Wimper zu zucken wortwörtlich über Leichen geht. Aber er gibt niemals vor, jemand anderer zu sein als der, der er ist. Rocco ist immer Rocco, womit er sich von den anderen Figuren in dieser Geschichte unterscheidet.

Überhaupt diese Schauspieler, die Regisseur und Autor Fernando di Leo für sein Poliziottesco-Debüt zusammengetrommelt hat. Allen vorweg der unglaubliche Gastone Moschin, der ein wenig an eine primitivere Version von Jason Statham erinnert. Er versprüht pure Körperlichkeit, wenn er seinen massiven Leib, dieses unbewegte, wie festgemeißelte, grobschlächtige Gesicht durch Mailand schiebt. In jeder Szene nimmt er sich einfach den Raum, den er braucht – ohne dass er sich groß anstrengen müsste. Es ist fast nicht zu glauben, dass dieser aus grobem Fels gehauene Mann auch in der leichten Muse daheim war. Zwei Jahre zuvor hatte er so wunderbar einen spleenigen, britischen Landpolizisten in Michele Lupos schönen „Konzert für eine Pistole“ gespielt und im selben Jahr wie „Milano Kaliber 9“ gab er als Nachfolger von Fernandel (der während der Dreharbeiten verstarb) den Don Camillo! Übrigens mit „Kaliber 9“-Gegenspieler Lionel Stander als Peppone. Um gegen diese Naturgewalt anzuspielen, braucht es ganz besondere Schauspieler, und die Leo hat sie. Neben dem fantastischen Mario Adorf quasi als Gegenentwurf zu Moschins Ugo Piazza, ist da der alt gewordene Philippe Leroy als Killer im Ruhestand. Ruhig, überlegt und von einer schweren Melancholie durchzogen. Frank Wolff, als wütender Kommissar mit althergebrachten, faschistischen Ansichten. Urgestein Lionel Stander als Gangsterboss „Amerikaner“ – irgendwo zwischen Güte und knallharter Skrupellosigkeit. Und letztendlich auch die göttliche Barbara Bouchet in der Rolle ihres Lebens. Von ihrem ersten Auftritt als Erotik-Tänzerin – der niemanden auf dem Sitz halten dürfte – bis hin zum großen Finale, als sich plötzlich ihr schönes Gesicht in eine gierige Hexenfratze verwandelt.

Aber was wären diese tollen Schauspieler und die souveräne Regie Fernando di Leos ohne seine anderen Mitstreiter, die aus „Milano Kaliber 9“ solch einen kraftvollen, unvergesslichen Film gemacht haben. Ohne Kameramann Franco Villa (dessen Lied man nicht laut genug singen kann, wie ich es bereits anlässlich des Western „Mörder des Klans“ tat, wo dieser viel zu unbekannte Meister hinter der Kamera bereits sein großes Können zeigte. Schade, dass er später im Bodensatz des italienischen Exploitationkinos versank), der genau weiß, wie man mit den Schatten spielt. Wie man den Eindruck einer Szene noch verstärken kann, indem die Kamera leicht in die Untersicht gebracht wird bringt. Der im richtigen Moment ganz nah dran an den Gesichtern und Figuren ist. Der Mailand diese raue, triste Antlitz verleiht. Ohne Amedeo Giomini, der mit seinem Schnitt den Actionszenen diese unerhörte Dynamik gibt. Und natürlich – die Musik. Was Luis Bacalov zusammen mit der Prog-Rock-Gruppe Osanna hier zum Film beisteuert, hebt diesen noch einmal auf ein ganz anderes Level. Ein Soundtrack für die Ewigkeit. Wie bei der eingangs beschrieben Geldübergabe mit jedem Wechsel der Träger die Musik von neuem anschwillt und aus den Boxen birst – das geht unter die Haut. Oder jene Musik, welche Barbara Bouchets erotischen Auftritt begleitet. Melodien für die Ewigkeit. Schade, dass der tollen Veröffentlichung nicht auch noch der Soundtrack beiliegt. Aber das ist schon ein sehr hehrer Wunsch. Man muss filmArt dankbar sein, dass „Milano Kaliber 9“ nun in einem hervorragenden HD-Bild vorliegt, welches all die großen Qualitäten dieses Meisterwerkes noch einmal deutlich hervorhebt.

Ein zeitloser Klassiker des italienischen Gangsterfilms. Keine Maurizio-Merli-Haudrauf-Action, sondern ein desillusionierter Film Noir, bei dem alles stimmt. Von den überragenden Schauspielern bis zur aufpeitschenden Musik. Selten was das ausgelutschte Wort vom „Muss see“ so angebracht wie hier.

„Milano Kaliber 9“ ist die Jubiläumsnummer 10 der „Polizieschi Edition“ aus dem Hause filmArt und endlich mal wieder ein echtes Schwergewicht. Die Scheibe kommt als Blu-ray-/DVD-Kombi daher und hat den Film in der ungekürzten Originalfassung (102 Minuten, die Stellen ohne Synchronisation wurden untertitelt) und der deutschen Kinofassung (95 Minuten) daher. Bild und Ton sind sehr gut. Positiv sei vermerkt, dass der Film bei aller Brillanz seinen „Kinolook“ behält und somit lebendig und nicht totgefiltert aussieht. Beim deutschen Ton hat man allerdings das Gefühl, dass hier etwas zu viel Atmo raus gefiltert wurde. Das klingt manchmal etwas flach. Sehr angenehm und informativ ist die 15-minütige Einführung in den Film, in der Prof. Dr. Marcus Stiglegger das am film beteiligte Personal vorstellt. Sehr interessant sind auch die halbstündige Dokumentation „Calibro 9“ – quasi ein Making-Of – und das 39 Minuten lange Featurette „Fernando DiLeo – Die Entstehung des Genres“ in dem Fernando di Leo über seine lange Karriere Auskunft gibt. Beide Features befinden sich auch auf der Raro-Veröffentlichungen (USA und Italien). Leider wurde auf das Feature „Scerbanenco noir“ (über den Autoren der Vorlage), welches in den internationalen Veröffentlichungen auch enthalten war, hierzulande verzichtet. Ferner sind noch Trailer (leider nicht der deutsche), ein Musik-Video der Gruppe Salem’s Pop (welches zu der Tanz-Szene mit Barbara Bouchet das Hauptthema des Filmes remixt, verfremdet und mit vielen Scratch-Effekten versieht – ist nicht so mein Ding) und ein sogenanntes Artbook mit dem kompletten deutschen Kinoaushang.

Bericht vom 20. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2

Von , 24. September 2013 23:07

Der zweite Tag begann mit einer kleinen Enttäuschung. Die hatte aber nichts mit dem Filmfest zu tun, sondern damit, dass ich beim tollen DVD-Laden B-Movie mal wieder vor verschlossenen Türen stand. Die Öffnungszeiten sind irgendwie Filmfest inkompatibel. Schade, aber ein Grund mehr, Oldenburg demnächst mal wieder einen Besuch abzustatten.

Los ging es dann mit einer Wiederholung des Eröffnungsfilmes, der ja im Vorfeld von den Veranstaltern über den grünen Klee gelobt wurde. Klappern gehört ja bekanntlich zum Handwerk, aber bei Vergleichen mit den großen Meistern wie Hitchcock hätte ich schon stutzig werden sollen. Erwartungsgemäß wurde es hier sehr voll und die Exerzierhalle war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Von den Gästen, die ihren Film noch bei der Eröffnung vorgestellt hatten, war keiner mehr da. Das war schade, aber die sehr gute Einführung machte diesen Umstand schnell vergessen. Gehalten wurde diese nur scheinbar von einem Mitarbeiter des Filmfests, der sich auch nicht vorstellte, mir aber sehr bekannt vorkam. Beim genauen Hinhören, konnte man aber feststellen, dass es sich hier um den Filmemacher RP Kahl („Bedways“) handelte. Da er die verstorbene Hauptdarstellerin des Filmes Maria Kwiatkowsky gut kannte, war die Einführung natürlich dementsprechend emotional.

Vorab gab es noch die letzte vollständige Arbeit bei der Maria Kwiatkowsky mitgewirkt hatte. Einen Kurzfilm mit dem Titel „Preis“, in dem sie eine Obdachlose spielt. Und dies so lebensecht, dass man fast denken könnte, man schaue eine Dokumentation. Toll gespielt, inhaltlich etwas viel Zeigefinger, aber lebensnah und mit einer deutlichen Aussage.

Die Erfindung der Liebe – Leider war der Film dann doch auf dem von mir im Vorfeld befürchteten TV-Niveau. Aber immerhin bot er einer ganzen Reihe arrivierter Schauspieler, wie der ätherischen Sunnyi Melles, der wie immer überzeugenden Irm Hermann und einem sichtbar gut aufgelegtem Mario Adorf viel Platz. Und es gab durchaus auch Entdeckungen, wie Bastian Trost und insbesondere Marie Rosa Tietjen, die ihre eigentlich blasse und undankbare Rolle mit soviel Leben und kleinen, ehrlichen Gesten füllte, dass man hier von einer heimlichen Hauptdarstellerin sprechen kann. Vor allem funktioniert der Film aber als Erinnerung an die plötzlich während der Dreharbeiten, viel zu jung verstorbene Maria Kwiatkowsky und daran, was ist dem Kino (und Theater, da war sie ja auch Zuhause) mit ihrem überraschenden Tod verloren gegangen ist. Welche Energie.

Als sie während der Dreharbeiten zu „Die Erfindung der Liebe“ verstarb, blieb der Film zunächst unfertig in der Schublade liegen. Doch Regisseurin Lola Randl holte die bereits gefilmten Fragmente in einer Art Trauerbewältigungsprozess wieder hervorgeholt und baute einen Film-im-Film darum herum. Dieser handelt nun davon, dass bei den Dreharbeiten zu einem Film die Hauptdarstellerin verstirbt. Doch oftmals werden die Fragmente zu bemüht in die neue Handlung gequetscht, was dann zu inhaltlichen Fehlern führt und die Szenen mit Maria Kwiatkowsky zu Fremdkörpern in werden lässt. Trotz der oben angesprochen darstellerischen Leistungen wirkt das manchmal etwas schlampig zusammengefügt, und die Idee plötzlich den Drehbuchautoren zur allmächtigen Figur zu etablieren, die sich nach belieben in und aus den Film schreibt, ist auch recht holprig ausgeführt. Man hätte aus diesem Film sicherlich weitaus mehr machen können. Wenn man sehen möchte, wie es besser geht, sollte man sich lieber Andrzej Wajdas kleines Meisterwerk „Alles zu verkaufen“ zum gleichen Thema anschauen.

Autumn Blood – Eine Familie (Vater, Mutter, Tochter, Sohn) wohnt abgelegen auf einer Alm in Tirol. Erst wird der Vater erschossen, Jahre später stirbt die Mutter und die Tochter wird von den jungen Männern des Dorfes mehrfach vergewaltigt. Als eine Sozialarbeiterin im Dorf erscheint, um nach den Kindern zu schauen, beschließen die Vergewaltiger ihre Spuren auf radikale Art und Weise auszulöschen. Ein österreichischer Film, der in Tirol spielt, aber auf Englisch mit internationalen Schauspielern gedreht wurde. Dass die Tiroler Dorfbewohner nun plötzlich alle Englisch sprechen, stört zunächst dann doch etwas. Da im Film aber maximal 20 Sätze fallen, lenkt es aber auch nicht allzu sehr ab. Die Entscheidung den Film fast ausschließlich über Bilder zu erzählen, ist durchaus mutig für einen Debütfilm. Allerdings muss man anmerken, dass die Geschichte jetzt nicht so kompliziert ist, dass es hier viele Worte braucht.

Im Programmheft einerseits als „Mischung aus Sergio Leone und Michael Haneke“ (!!!), andererseits als Sozialdrama angekündigt, ist er natürlich nichts von alledem. Eher ein gut gefilmter Rape&Revenge-Streifen, mit nur ganz wenige Revenge, dafür einer spannenden Flucht vor den bösen Buben. Da diese durch eine überwältigen schöne Landschaft führt und die Schauspieler eine überzeugende Leistung zeigen, verzeiht man gerne einige handwerkliche Fehler (so ist z.B. die Mutter ist viel zu jung besetzt und die Tochter eigentlich schon viel zu alt, wenn man dem Prolog als Grundlage nimmt). Insbesondere Gustaf Skarsgård überzeugt als fiesen Charakter, aber auch die junge Sophie Lowe und Maximilian Harnisch als ihr kleiner Bruder, machen ihre Sache mehr als ordentlich. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit Peter Stormare in Räuber-Hotzenplotz-Verkleidung.

In der nachfolgenden Q&A wurde Regie-Debütant Markus Blunder nach einer etwas unnötig erscheinenden Nacktszene mit seiner schönen, jungen Hauptdarstellerin gefragt. Seine niedliche Antwort war, dass es symbolisieren sollte, dass das Mädchen und die Natur eine Einheit sind. Nun ja, das kann man mal so sagen. Man kann aber auch behaupten, dass hier ein willkommenes Exploitation-Motiv mit in den Film genommen wurde. Denn so anspruchsvoll, wie der Film sich gerne geben würde, ist er natürlich nicht. Aber als spannendes Genre-Kino funktioniert er tadellos.

Regisseur Markus Blunder und Schauspieler Gustaf Skarsgård

Regisseur Markus Blunder und Schauspieler Gustaf Skarsgård

Markus Blunder

Markus Blunder

Gustaf Skarsgård

Nach dem Film musste man ran halten, um es pünktlich ins Staatstheater zu schaffen, wo in diesem Jahr erstmals eine Spielstätte eingerichtet worden war. Das Ergebnis erinnert etwas an die Exerzierhalle, nur sehr viel kleiner. Dass der Saal eigentlich für kleine Theaterarbeiten vorgesehen ist, kann nicht unbedingt verheimlicht werden. Auch scheint die Leinwand etwas zu klein für die Größe des Raumes. Immerhin ist es dort aber stimmungsvoller und bequemer als in der Alten Fleiwa.

The Act of Killing – Eine 2,5-stündige Doku, die einen nicht ungeschoren davon kommen lässt. Es geht darin um Angehörige eines Todesschwadron, das Mitte der 60er in Indonesien tausende „Kommunisten“ (um „Kommunist“ zu gelten, reichte es schon chinesischer Staatsangehöriger zu sein, oder dass jemanden die Nase nicht gepasst hat) auf bestialische Art und Weise gefoltert und getötet hat. Der Film handelt vor allem von einem Projekt, in welchem Veteranen der Todeskommandos ihre damaligen Taten heute noch einmal für einen Film nachspielen. Und zwar so, wie die Veteranen es möchten. Dabei entstehen fast schon surreale Szenen, wenn sich die Männer als Cowboys, Film Noir Gangster oder als Dämonen inszenieren. Dabei wird allerdings nicht klar, wer dieses Projekt initiiert hat. War es der Regisseur des Films Joshua Oppenheimer oder – wie es der Film suggeriert – die Veteranen selber, die ihre Taten glorifiziert sehen möchten. Dies tut für die Aussage des Films aber auch nichts zur Sache.

Wer an das Gute in der Welt glaubt, geht vielleicht davon aus, dass die alten Männer heute unter ihren Taten leiden oder im Laufe ihres Lebens in irgendeiner Form ihre gerechte Strafe erhalten haben. Doch weit gefehlt. Die Männer leben heute in Saus und Braus, werden als Helden gefeiert und protzen mit ihren Untaten. Einer sagt z.B. dass das, was Kriegsverbrechen sind, immer von den Gewinnern definiert wird. Er sei ein Gewinner und könne deshalb für sich definieren, dass er keine Verbrechen begangen hätte. Und so sieht man ihn glücklich und zufrieden mit seiner Familie durch eine luxuriöses Einkaufscenter schlendern. Überraschenderweise – oder sollte man eher sagen erschreckenderweise? – sind die alten Leute gar nicht so unsympathisch. Und das ist es, was einen erst zu richtig Angst macht. Sie erzählen von ihren grausamen Hinrichtungen so, wie andere in Erinnerungen von tollen Partynächten schwelgen. Tatsächlich scheinen sie ihre unmenschlichen Verbrechen auch als so etwas ganz ähnliches zu begreifen. Sie haben Spaß und Lachen gemeinsam, wenn sie sich erzählen, wie sie jemanden gefoltert und massakriert haben. Dem Zuschauer aber bleibt bei ihren Schilderungen mehr als einmal ein dicker Kloß im Hals stecken. Einmal setzten sich die Männer auf einen Tisch und scherzen und singen gemeinsam. Das hätten sie früher auch so gemacht und dabei das Tischbein einem Delinquenten auf den Kehlkopf gestellt.

Einmal wird ein Massaker an einem Dorf nachgespielt und einer der Rädelsführer prahlt damit, wie toll es war, damals die Frauen zu vergewaltigen und welch ein Glück man doch hatte, wenn eine 14jährige darunter gewesen ist. Es sind Szenen wie diese, die einem den Magen umdrehen. Nun kann man dem Film sicherlich vorwerfen, dass einige Szenen gestellt aussehen (insbesondere die letzte Szene, in der einer der Männer ein zweites Mal an den Ort seiner Morde zurückkehrt und sich bei der Erinnerung an seine Taten vor der Kamera übergibt) und er natürlich seine Geschichte nicht in einen größeren geschichtlichen Kontext stellt. Über die Hintergründe der damaligen Situation erfährt man nur wenig, ebenso darüber, ob die Schilderungen der Männer zur Gänze der Wahrheit entsprechen.

Doch darum geht es auch nicht. Es geht um die absolute Banalität des Bösen. Diese Männer sind eben keine Monster. Es steht ihnen nicht ins Gesicht geschrieben, dass sie eiskalt die grausamsten Tötungen vorgenommen haben. Im Gegenteil. Und im heutigen Indonesien gehören sie sogar zu den geachteten Gesellschaftsmitgliedern und werden für ihre Taten gelobt. Das zeigt auch, wie es vielleicht in Deutschland ausgesehen hätte, wenn Nazi-Deutschland den Krieg gewonnen hätte. Wer eine Bestie ist und wer ein Held, dass ist immer ein Sache derjenigen Definitionssache derjenigen, die am Ende noch da sind, um die Geschichte schreiben. Daher sollte, nein muss man, die Geschichte der Sieger immer auch hinterfragen. Aber der Film hat noch so viele andere interessante und erschütternde Aspekte, die ich jetzt hier gar nicht alle aufführen will. Ich möchte nur jeden einladen, sich diesen Film ebenfalls anzusehen, denn es ist ein wichtiger Film. Purer Horror, der wirklich Angst macht vor der Bestie Mensch, und der mir noch lange im Kopf herum spuken wird. Kein Wunder also, dass Werner Herzog und Errol Morris, nachdem sie ihn gesehen hatten, ihre guten Namen als Executive Producers zur Verfügung stellten, um ihm eine größere Öffentlichkeit zu verschaffen.

„The Act of Killing“ wurde u.a. von arte und ZDF co-finanziert, daher wird der dort wohl irgendwann einmal ausgestrahlt werden. Es gibt allerdings auch eine auf knapp zwei Stunden gekürzte Fassung – und wie ich die Öffentlich-Rechtlichen kenne, werden die dann wohl diese zeigen. Was schade ist, denn von den 156 Minuten fand ich jede einzelne wichtig.

Meine Begleitung und ich sind ziemlich benommen aus dem Film gewankt und haben noch lange drüber gesprochen. Auch dem Rest des Publikums ging es danach nicht wirklich gut. Für mich ein würdiger Abschluss unter zwei Tage Internationales Filmfest in Oldenburg. Ich freue mich schon jetzt auf die 21. Auflage und hoffe, dass die Stadt Oldenburg endlich mal erkennt, welch großartiges Pfund sie mit dem Filmfest hat, und dann 2014 wieder etwas mehr Geld zur Verfügung steht. Aber so oder so ist es wieder einen großen Beifall wert, was die Verantwortlichen auch dieses Jahr, trotz der widrigen Umstände, auf die Beine gestellt haben.

DVD-Rezension: „Die Koch Media Italowestern-Enzyklopädie No. 1“

Von , 16. April 2013 11:08

kochmediaitalowesternenzyklopädie1

Nach etlichen Verschiebungen ist sie nun endlich da: Die seit langem angekündigte „Koch Media Italowestern Enzyklopädie Vol. 1“. Vor kurzem hat Koch Media ja schon mal einen Schwung Italowestern unter dem Label „Western Unchained“ auf den Markt geworfen. Darunter einige Repacks aus der legendären „Italowestern“-Reihe, aber auch einige interessante DVD-Premieren. In der „Italowestern Enzyklopädie“ werden nun ausschließlich Erstveröffentlichungen präsentiert. Zwar wurden „Amigos“ und „Shamango“ in der Vergangenheit auch von anderen Labels veröffentlicht, allerdings nur in gekürzter Form.

Hier liegen alle Filme im richtigen Bildformat und ungekürzt vor. Wie bei der „Giallo“-Box aus demselben Haus, verwundert es etwas, dass die Bildqualität nicht den hohen Standards entspricht, die Koch Media in der Vergangenheit an den Tag gelegt hat. „Schweinehunde beten nicht“ sieht sehr „gebraucht“ aus und stammt scheinbar von einer sichtbar alten 35mm Rolle. Das Bild von „Drei Halunken und ein Halleluja“ ist sehr grobkörnig und wirkt bei Aussenaufnahmen zum Teil etwas milchig. Dies kann aber durchaus auch am bei der Produktion des Filmes verwendeten Filmmaterial liegen. „Shamango“ wirkt nicht unbedingt gestochen scharf und auch etwas milchig. Am besten schneidet „Amigos“ ab. In Sachen Extras befinden sich die Veröffentlichungen aber auf dem gewohnt guten Niveau, für das Koch Media bekannt ist.

 

Schweinehunde beten nicht  (I vigliacchi non pregano, 1969)

Der Ex-Soldat Brian (Gianni Garko) kehrt nach dem Bürgerkrieg heim zu seiner Frau. Doch das Glück währt nicht lang. Ein Trupp Nordstaatler überfällt sein Haus, vergewaltigt und tötet seine Frau und lässt den halbtot geschlagenen Brian in der brennenden Ruine zurück. Der zufällig vorbeikommende Daniel (Ivan Rassimov alias „Sean Todd“) rettet ihn. Gemeinsam Weiter lesen 'DVD-Rezension: „Die Koch Media Italowestern-Enzyklopädie No. 1“'»

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