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Blu-ray Rezension: „Rock ’n‘ Roll High School“

Von , 10. Oktober 2018 16:43

Als der Direktor der Vince Lombardi High School aufgrund der rebellischen und Rock’n’Roll-süchtigen Schüler einen Nervenzusammenbruch erleidet und als Wrack in die Psychiatrie muss, übernimmt die strenge und autoritäre Miss Evelyn Togar (Mary Woronov) die Schule und zieht andere Saiten auf. Unterstützt von ihren Schergen Fritz Hansel (Loren Lester) und Fritz Gretel (Daniel Davies) führt sie ein Schreckensregime, um den Schülern wieder Disziplin beizubringen. Doch sie hat die Rechnung ohne Riff Randell (P. J. Soles), dem größten Ramones-Fan der Welt, gemacht…

Es ist durchaus verwunderlich, weshalb um „Rock ’n‘ Roll High School“ solcher frenetischer Kult wie um „The Rocky Horror Picture Show“ entstanden ist. Zwar ist die „Rock ’n‘ Roll High School“ unter Ramones-, wie auch Roger-Corman- und Joe-Dante-Fans durchaus bekannt und beliebt, doch solch ein flächendeckenden Wahnsinn wie um das britische Grusel-Musical gab es leider nie. Dabei ist die unbändige Energie, die gute Laune und die mitreisende Musik eigentlich prädestiniert für jährliche Screenings vor Hunderten von Leuten. Aber in einer nicht so gerechten Welt, rangiert „Rock ’n‘ Roll High School“ leider nur unter den (immerhin umso mehr geliebten) Geheimtipps. Vielleicht ist der verrückte Charme des Filmes und die energiereiche Punkmusik der göttlichen Ramones dann doch nichts für Otto und Ottilie Normalkinogänger.

Aus heutiger Sicht ist allein schon der Soundtrack spektakulär. Gleich zu beginnt schallen einem Paul McCartney & The Wings entgegen. Später folgen Fleetwood Mac, Devo, Alice Cooper, Lou Reed und diverse Brain Eno-Stücke, die als Score genutzt werden. Wie es eine Billigproduktion geschafft hat, all diese Musiker auf dem Soundtrack zu vereinen und damit kein Millionenbudget verbraten zu haben, gehört zu den Firmengeheimnissen der Corman-Schmiede (nein, nicht wirklich. Es wird in einem der Extras ausgeplaudert – man hatte einfach sehr gute Kontakte). Und dann sind da natürlich die Ramones. Ich war immer davon ausgegangen, das Joey, Dee Dee, Johnny und Marky einen Kurzauftritt am Ende des Filmes hätten. Weit gefehlt. Der Film dreht sich nicht nur um einen verrückten Ramones-Fan, sondern auch um die Band selber, die tatsächlich ein weiterer Hauptdarsteller in „Rock ’n‘ Roll High School“ ist. Der Höhepunkt ist dann ein Konzert, welches die Ramones im The Roxy geben und bei dem sie nicht nur ihre größten Hits spielen, sondern auch zeigen, was für eine großartige und mitreißende Bühnenband sie waren.

Aber es ist nicht nur die tolle Musik, die den Film zu dem machen, was er ist. Wenn dem so wäre, könnte man ja auch ein Musikvideo ans andere reihen. Neben der zeitlosen Geschichte von den typischen High-School-Problemen, der ersten Liebe, dem Boy-Wants-(wrong)-Girl, (Right)Girl-Gets-Boy und Jugend-Rebellion, sind es vor allem die frischen und quirligen Schauspieler, die ihren Figuren echtes, sprühendes Leben verleihen. Allen voran die fabelhafte P.J. Soles als Riff Randell (was für ein Name!). Ein Mädel mit dem man gerne tausend Pferde stehlen möchte. Aber auch Dey Young (die später in zwei deutschen Produktionen – „Zärtliche Chaoten“ und „Starke Zeiten“ mitspielen sollte) ist perfekt in der Rolle der „grauen Maus“, die allerdings gar nicht so grau ist, sondern im Gegenteil immer für einen guten Scherz und eine tolle Party zu haben ist. Und bei der immer die Lust an der Subversivität durch das „Braves Mädchen“-Äußere durchscheint. Vor allem stimmte die Chemie zwischen Soles und Young was sich auch eindrücklich auf ihre Figuren überträgt. Zu keiner Zeit denkt man, die Beiden würden nicht zusammen durch Dick und Dünn gehen. An der Lehrerfront ist Paul Bartels als Beethoven-cum-Punkrock-Fan einfach zum Knuddeln. Den Vogel schießt aber die unvergleichliche Mary Woronov als Miss Togar ab. Hochgeschossen, in engem Kostüm und strenger Frisur, dominant, autoritär und dabei auch unglaublich sexy. Auch Clint Howard als „Fonzie“-Verschnitt Eaglebauer macht Spaß.

Allein Miss Togars beiden Schergen Fritz Hansel und Fritz Gretel sind arg drüber, fügen sich aber trotzdem in den generellen Wahnsinn des Filmes ein. Zudem ist Fritz Gretel für eine der schönsten Szenen des Filmes (Stichwort: Papierflieger) zuständig. Dass dann irgendwann noch eine mannsgroße Maus und seine Mutter (!) auftauchen, ist da dann auch schon egal. Wer den Film liebt, der liebt auch den von SFX-Guru Rob Bottin gespielten Mr. Mouse. Was „Rock ’n‘ Roll High School“ zusammenhält und seinen unglaublichen Drive gibt ist der perfekte Schnitt. Man merkt, dass Regisseur Allan Arkush zusammen mit Joe Dante für die Herstellung der spektakulären Trailern der Corman-Produktionen zuständig waren. Da stimmt vom Timing her alles und macht ordentlich Tempo. Besonders gut zu sehen in der Szene in der Riff Randell in der Sporthalle „ihren“ Song „Rock ’n‘ Roll High School“ zum besten gibt und ihre Mitschülerinnen mitreißt. Die Szene wurde wurde von Joe Dante gefilmt, da Arkush erschöpft im Krankenhaus lag. Da gibt es keine großartige Choreographie, aber im Schnitt wirkt das alles authentischer, mitreißender und lebensfroher als… sagen wir mal „Mamma Mia“.

Aber warum schreibe ich hier eigentlich so viel? Man kann das alles auch in drei kurze Sätze zusammenfassen: Die Blu-ray in den Player schieben. Die Lautstärke auf Ramones-Level. Und einfach Spaß haben.

Das Bild der Anolis-Bluray ist dem Alter entsprechend sehr gut und nicht tot gefiltert. Der Ton haut trotz 2.0 Mono mit DTS-HD ordnetlich rein, was bei diesem Film natürlich besonders freut. Ansonsten ist die Bluray randvoll mit spannenden Extras. Das beginnt mit gleich vier (!!!) Audiokommentaren. Es spreche Allan Arkush und Mike Finnell,dann Allan Arkush, P.J. Soles und Clint Howard, gefolgt von Roger Corman und Dey Young, sowie Jörg Buttgereit und Alexander Iffländer. „Back to School“ ist ein 24-minütige Feature in dem sich viele der Beteiligten an die Dreharbeiten zurück erinnern. Es gibt ein 11-minütiges Interview mit Allan Arkush (wo er viele Anekdoten aus „Back to school“ wiederholt). Es gibt einen 4-minütigen Auftritt von Roger Corman bei Leonard Maltin, bei dem Beide über „Rock ‚N‘ Roll High School“ sprechen. „Staying after Class“ ist ein sehr kurzweiliges und sympathische Treffen von P.J. Soles, Dey Young und Vincent van Patten, bei dem sich die Drei gutgelaunt über ihre Erlebnisse am Set austauschen (16 Minuten). Ferner gibt es eine 15-minütige Audioaufnahme, wie die Ramones bei ihrem Roxy-Auftritt wirklich geklungen haben. Eli Roth kommentiert für „Trailers from Hell“ den US-Trailer. Spots, Werberatschläge und eine Bildgalerie runden diese tolle Veröffentlichung ab.

Filmbuch-Rezension: “Joe Dante – Spielplatz der Anarchie“

Von , 2. November 2014 12:16

Bertz+Fischer_Joe_DanteDie Marke „Cinestrange“ scheint sich in diesem Jahr fest in allen medialen Bereichen zu etablieren. Da ist einmal das namensgebende Filmfestival, welches im Juli zum nunmehr dritten Mal stattfand und nach zwei Jahren in Dresden – wo scheinbar die Unterstützung für ein ambitionierten Genrefestival fehlte -, nach Braunschweig auswich. Dann hat sich gerade in Wien ein gleichnamiges Filmlabel gegründet, welches laut Homepage einige sehr kontroverse Titel veröffentlichen wird. Und es gibt die neue Buchreihe „Cinestrange“, die nun beim renommierten Verlag Bertz+Fischer erscheint. Deren erster Band widmet sich ganz dem Stargast des letztjährigen „Cinestrange“-Festivals: Joe Dante.

Bereits im Vorjahr war ein Buch über den Ehrengast des ersten „Cinestrange“ erschienen: „Dario Argento – Anatomie der Angst“ (Kritik hier), damals noch in der Reihe „Deep Focus“. Stellte dieses Buch vor allem Argentos Filme in den Vordergrund, welche als ausschließliche Basis für filmtheoretische Thesen genutzt wurden, so geht „Joe Dante – Spielplatz der Anarchie“ einen anderen Weg. Im Argento-Buch kam die Person Argento zu keinem Zeitpunkt vor. Hier wurde der Ansatz verfolgt, dass der Autor keine Deutungshoheit über sein Werk besitzt, und diese ganz allein beim Rezipienten liegt. Im Dante-Buch wird die Person Joe Dante in den Fokus geholt und um sie herum die entsprechenden Essays strukturiert. So enthält der Band u.a. ein langes und höchst informatives Werkstattgespräch mit Joe Dante. Immer wieder wird auf dessen Hintergrund eingegangen und detailliert analysiert, wie dieser auf Dantes filmisches Werk Einfluss nimmt. Dabei erfährt der Leser ganz nebenbei auch eine Menge über amerikanische Film- und Kinogeschichte.

So beschäftigt sich Stefan Jung zunächst eingehend mit Dantes Arbeit als Filmkritiker und wirft dabei gleichzeitig einen interessanten Blick auf das weite Feld der amerikanischen Fanzines, später wiederum folgt vom selben Autoren ein kenntnisreiches Essay über die amerikanischen Drive-In-Kultur, welche im Kino Joe Dantes eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, was mit entsprechenden Beispielen belegt wird. Stefan Borsos wiederum schreibt über das Paranoia-Kino des Joe Dante und geht dabei auch auf die entsprechenden Filme der 50er Jahre an, die den jungen Joe Dante beeinflusst haben. Oliver Nöding stellt Joe Dantes Mentor Roger Corman vor und beschreibt dessen Einfluss auf Dantes Arbeit, während sich Michael Flintrop des anderen großen Förderers Dantes annimmt: Steven Spielberg, als dessen „böser Bruder“ Dante auch gerne bezeichnet wird. Dabei arbeitet Flintrop aber vor allem die Unterschiede des Spielberg’schen und Dante’schen Kinos heraus.

Die 80er Jahren waren das Jahrzehnt in dem Dante seine erfolgreichsten und bekanntesten Filme drehte. Heiko Nemitz stellt in dem Kapitel „Gestörte Ordnungen“ den zeitgeschichtlichen Zusammenhang zwischen der Reagan-Ära und den 50er Jahren her, und beschreibt, wie Dante selber dies in seinen Filmen reflektierte. Sehr kunsttheoretisch kommt zunächst Nils Bothmann daher, der zu Beginn seines Textes den Begriff Intertextualität erklärt und mit einigen Theorien unterfüttert, um diese dann auf die Filme Joe Dantes anzuwenden. Zunächst recht trockener Stoff, wird es dann aber anhand der konkreten Beispiele sehr spannend und aufschlussreich. Das Kernstück des Buches stellt ein 33-seitiges, hochinformatives Werkstattgespräch mit Joe Dante dar, welches auf dem letztjährigen „Cinestrange“ geführt wurde. Wie Joe Dante in seinen Filmen mit großer Lust Genregrenzen sprengt, und wo hierfür seine Vorbilder liegen, untersucht Marco Heiter. Dass Dantes Filme auch immer Coming-of-Age-Geschichten sind und die Protagonisten entweder Jugendliche oder kindlich gebliebene Erwachsene, stellt Wieland Schwanebeck fest.

In den letzten Jahren hat Dante nicht mehr für die große Leinwand arbeiten können, fand aber beim Fernsehen eine neue Heimat. Mit seiner TV-Arbeit und die Art und Weise, wie Dante hier seine Themen einbringt und damit auch sein Werk im engen Rahmen von TV-Serien auf ganz persönliche Weise weiterführen kann, beschäftigt sich Sascha Westphal eingehend. Dazu passt es gut, dass das Fernsehen an sich, in Dantes Filmen immer wieder eine prominente Rolle spielt, wie Sofia Glasl in ihrem Artikel herausarbeitet. Ivo Ritzer wiederum stellt den Film „Dead Heat“ des Cutters Mark Goldblatt vor. Goldblatt hat gerade am Anfang seiner Karriere eng mit Dante zusammengearbeitet und den Film auch seinem Mentor gewidmet. Ritzer findet in „Dead Heat“ zahlreiche Referenzen an Dantes Werk und nähert sich diesem über den Umweg „Dead Heat“. Die letzten beiden Artikel unterscheiden sich durch ihren sehr wissenschaftlichen Duktus von den vorangegangen Kapiteln.

Ingo Knott stellt dann abschließend – vielleicht etwas oberflächlich – die von Dante initierte Website „Trailers From Hell“ vor, die an dieser Stelle auch jedem Leser ans Herz gelegt sei. Dieses Kapitel stellt eine perfekte Überleitung zur ersten Filmbesprechung dar, in der Stefan Jung Joe Dantes erstes, hierzulande nahezu unbekanntes Werk vorstellt: Die mehrstündige Filmkollage „The Movie Orgy“. Es folgen weitere Besprechungen zu allen Kinofilmen Dantes. Auch zu denen an welchen er nur partiell beteiligt war. Nicht nur die Kinofilme werden ausführlich vorgestellt, sondern auch das mittlerweile recht umfangreiche TV-Werk, welches Serien wie „CSI“ oder „Hawaii Five-0“ umfasst. Autoren sind u.a. Leonhard Elias Lemke, Michael Kienzl, Rochus Wolff, Jochen Werner, Patrick Lohmeier, Lukas Foerster und Udo Rotenberg. Wer meine Rubrik „Das Bloggen der Anderen“ regelmäßig verfolgt, der kennt diese Namen. Abgerundet wird dieses unbedingt empfehlenswerte Buch durch einen umfangreichen Filmo- und Bibliographieteil. Die kompetente Einführung in das Buch durch Dr. Marcus Stiglegger, der unter dem Titel „Joe Dante – Genre-Bender“ schon einmal alle im Buch dann weiterführend untersuchten Themen anreißt, soll hier ebenfalls nicht unterschlagen werden. Diese kann hier kostenlos eingesehen werden: http://www.bertz-fischer.de/

Mit „Joe Dante – Spielplatz der Anarchie“ liegt ein umfangreiches Werk vor, welches eine der besten Filmbuchveröffentlichung der letzten Jahre darstellt. Besonders spannend ist es, wie hier in den meisten Fällen die Person Joe Dante in den Mittelpunkt gestellt wird und von dieser ausgehend, weitaus größere Themenfelder aufgespannt werden, welche Dantes Werk in einen filmhistorischen, soziologischen und medientheoretischen Zusammenhang stellt. So lernt man nicht nur Dante und seine Filme näher kennen, sondern erfährt ganz nebenbei auch viel über die amerikanische (B-)Film- und Kinogeschichte. Und darüber, wie es war, in den 50er und 60er Jahren als Filmfan in den USA aufzuwachsen.

In diesem Jahr war John Badham auf dem „Cinestrange“ zu Gast und wie ich von einem der Autoren erfahren habe, ist auch gerade ein Buch über diesen schon fast vergessenen Regisseur in der Vorbereitung. Ich bin sehr gespannt!

Michael Flintrop / Stefan Jung / Heiko Nemitz (Hg.) „Joe DanteSpielplatz der Anarchie, Bertz+Fischer, 356 Seiten, 219 Fotos, € 29,00

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