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Bericht vom 25. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 3

Von , 4. Oktober 2018 21:00

Seit dem letzten Jahr nehme ich ja auch immer noch den Sonntag beim Internationalen Filmfest in Oldenburg mit. Und wie im Vorjahr erwies sich dieser letzte Tag mal wieder als ausgesprochen entspannt. Die Gäste sind schon fast alle abgereist, das Publikum bereitet sich scheinbar auf den nächsten Arbeitstag vor und das Personal ist so wenige Stunden vor dem Ende des Festivals in einer erschöpften, aber glücklichen Stimmung. So wie bei einer tollen Party, wenn die Letzten morgens noch in der Küche rumhängen und sabbeln. Überall herrscht eine wunderbar lockere Atmosphäre. Und wie 2017 hielt dieser letzte Tag für mich sogar noch mein persönliches Highlight des Festivals bereit.

Blue My Mind – Den Film hatte ich erst gar nicht auf dem Schirm, bis ich gesehen habe, dass er auch auf dem Randfilm in Kassel läuft. Was ja durchaus eine gute Empfehlung ist. „Blue My Mind“ ist ein ganz klassischer Coming-Of-Age-Film, der langsam ins Übernatürliche driftet, um die körperliche und geistige Veränderung der pubertierenden Protagonistin, noch einmal deutlich zu unterstreichen. Ihr Gefühl des „Anderseins“ und nicht dorthin zu gehören, wo sie ist. Das ist jetzt auch nichts wirklich Neues und kennt man bereits gut aus diversen z.B. Werwolf-Filmen. Hier wird die junge Protagonistin aber nicht zum Wolf, sondern entwickelt einen seltsamen Heißhunger auf die Fische in Papis Aquarium, ihre Zehe wachsen zusammen und auf den Beinen erscheinen eklige Flecken. Wie gesagt, das kennt man irgendwie alles schon, trotzdem entfaltete der Film bei mir einen ganz gehörigen Sog.

Meine Mitzuschauer mochten den Film zwar auch, empfanden einige Stellen aber zu lang und repetitiv. Das Gefühl stellt sich bei mir gar nicht ein, denn ich war emotional immer ganz nahe dran an der Hauptfigur. Diese wird von der fantastischen Luna Wedler gegeben, die ihre Mia weniger spielte als vielmehr im besten Sinne des Wortes verkörpert. Völlig zu recht hat sie für ihre Performance den Schweizer Filmpreis als beste Schauspielerin gewonnen (daneben gewann „Blue My Mind“ noch in den Kategorien bester Film und bestes Drehbuch).

Ein Preis hätte aber auch Zoë Pastelle Holthuizen als Gianna mehr als verdient. Erst ist sie die Feindin, dann später die beste Freundin von Mia. Sie spielt dabei die leicht asoziale, dominante Bitch, die ihre Freundinnen aus der Outsider-Girls-Clique fest im Griff hat, ebenso perfekt, wie sie das leichte Aufbrechen des Zicken-Panzers zeigt, hinter der Vernetzbarkeit und die Sehnsucht nach Liebe durchschimmern. Der Weg von Aso-Zicke bis zur sich aufopfernden Freundin ist nicht als plötzlicher Bruch, sondern langsame, glaubhafte Entwicklung angelegt. Dass Gianni unterschwellig auch ein homoerotisches Interesse an Mia hegt, wird nicht dick aufgetragen, sondern schwingt ganz natürlich im Hintergrund mit, ohne sich allzu sehr in der Vordergrund zu drängen.

Die ganze Atmosphäre und der Wechsel von realistisch rauen Bildern und sinnlichen Komposition, von der drogengeschwängerten Partywelt der Mädchen-Clique und ihren coolen Mackern hin zu dem phantastischen Inhalt, erinnern stark an „Der Nachtmahr„, was ja eine gute Referenz ist. Mir hat der Film ausgesprochen gut gefallen, ich war immer bei Mia und von ihrem Schicksal tief bewegt. Und die wunderschönen, märchenhaften Schlussbilder waren dann noch das letzte Tüpfelchen auf dem „i“.

Vultures – Island ist ein kalter Ort. Und in Filmen wie „Vultures“ sinkt die Temperatur gleich noch einmal um ein paar Grad. Eine klassische Gangstergeschichte die, wie ich nach dem Film von einem Bekannten lernte, auch schon mal im „Tatort“ abgehandelt wurde. Eine junge, polnische Frau wird als „Maultier“ genutzt und muss Dutzende mit Rauschgift gefüllt Kondome schlucken, um diese von Schweden nach Reykjavik zu schmuggeln. Dummerweise wird ihr auf dem Flug schlecht, und von da an geht alles den Bach runter.

Initiiert wird der Deal von zwei Brüdern. Einer ein respektabler, aber eiskalter Anwalt mit Geldproblemen. Der andere gerade aus dem Knast entlassen und kriminell, aber durchaus mit Herz. Letzterer soll die junge Frau als unsichtbarer Schatten begleiten. Natürlich macht er Fehler, natürlich geht nichts nach Plan. Am Ende muss er sich mit ihr in einem Hotel verstecken, wo sie die Ware auskotzen soll. Aber es kommt nichts raus. Ihr geht es immer schlechter, die Kotz-Prozedur wird immer schmerzhafter, immer quälender. Derweil zieht sich das Netz um Beide zusammen. Weil sie einfach zu viel Fehler gemacht haben, aber auch weil der Zufall es so will. Zum Schluss gibt es nur noch Opfer und ein wahnsinnig zynisches Ende.

„Vultures“ ist hart und ist seinen Figuren gegenüber absolut mitleidlos. Wer einen Fehler macht, wird dafür doppelt und dreifach bestraft. Reykjavik erscheint wie der schrecklichste und trostloseste Platz auf Erden. Hier gibt es keine Hoffnung auf Besserung. Jedes kleine Licht im Dunkeln, wie die Liebe der von Anna Próchniak mehr oder weniger stumm gespielten jungen Polin Sofia zu ihrem Kind, oder das langsam immer stärker werden Verantwortungsgefühl Atils (Baltasar Breki Samper), wird auf brutale Art und Weise ausgeblasen. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass es zumindest eine der Figuren hier irgendwie heraus schafft – aber wie soll das gehen? Wenn selbst die Polizei keine Mittel hat, um Gerechtigkeit walten zu lassen.

Fazit: Der diesjährige Jahrgang des Internationalen Filmfests Oldenburg war sehr stark. Richtige Ausfälle gab es keine und der einzige Film, durch den ich mich kämpfen musste hat auf andere – deren Meinung ich schätze – durchaus Eindruck gemacht. Auffällig war für mich zunächst, dass immerhin ein Drittel der von mir gesehenen, starken Filme von Frauen stammte. Kurz nachgerechnet sind das aber immer noch nur drei. Was aber wohl über dem Durchschnitt im Filmgeschäft liegt. Noch ein Grund mehr, den Machern in Oldenburg für ihren ausgezeichneten Geschmack zu danken. Ich freue mich auf jeden Fall schon wieder auf das nächste Jahr.

DVD-Rezension: “Von Menschen und Pferden”

Von , 14. Juli 2015 21:22

menschenundpferdenIrgendwo in der isländischen Provinz: Als Kolbeinn (Ingvar Eggert Sigurðsson) der jungen Witwe Solveig (Charlotte Bøving) seine Aufwartung macht, wird dies von sämtlichen Nachbarn mit Ferngläsern beobachtet. Auch als Kolbeinns Stute von Solveigs Hengst begattet wird, während Kolbeinn noch auf ihr sitzt, bekommen das alle mit. In seiner Schmach erschießt Kohlbeinn das geliebte Tier. Doch auch die neugierigen Nachbarn haben ihr Päckchen zu tragen. Zwei befinden sich in einem Nachbarschaftsstreit mit tödlichen Konsequenzen, ein Spanier muss sich als Reiter beweisen, ein Trunksüchtiger gerät an den falschen Stoff und vieles mehr…

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Auf den ersten Blick erscheint „Von Menschen und Pferden“ als eine dieser typische nordeuropäischen Arthouse-Komödien mit skurrilen Charme und knorrigen Typen. Diese Art von Film, in die das „bessere“ Publikum geht, um sich bei einem Gläschen Wein gut und bloß nicht unter Niveau zu amüsieren, um dann am nächsten Tag stolz berichten zu können, dass man da einen ganz wunderbar „anderen“ Film gesehen hätte. Doch der Eindruck täuscht. Zwar erweckt der Film durchaus ein Gefühl von Skurrilität, und der Eine oder Andere wird auch über solche Dinge wie die merkwürdige Gangart der Island-Pferde und den stocksteifen Reiter lachen. Weil er eben immer erst einmal lacht, wenn etwas für ihn ungewohnt aussieht. Doch dieses Lachen bleibt bald im Hals stecken. Denn der Humor des Filmes ist derartig tiefschwarz, dass er von tieftraurig kaum noch unterscheiden ist.

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Hat man sich eben noch über das, zugeben bizarre, Bild des Hengstes, der erschöpft über der gerade begatteten Stute hängt – welches auch das Filmplakat ziert – amüsiert, da wird schon ein eiskalter Eimer über einem ausgegossen. Denn der auf diese Weise gedemütigte Reiter wird in der nächsten Szene ohne mit der Wimper zu zucken, seine über alle geliebte Stute erschießt. Später muss der Hengst für seine mangelnde Triebkontrolle büßen, indem ihm die Hoden abgeschnitten werden. „Von Menschen und Pferden“ ist voll von solchen Geschichten. Das Leben ist kein Ponyhof. Und das gilt hier auch für Pferde. Auch wenn am Ende eine Texttafel eingeblendet wird, dass kein Pferd zu schaden kam und alle Mitwirkenden Pferdeliebhaber und Pferdebesitzer seien, sollte man jemanden, dem die Vierbeiner besonders am Herzen liegt, durchaus warnen, bevor er sich diesen „Pferdefilm“ ansieht. Einige Stellen werden für ihn schwer zu ertragen sein. Was übrigens auch für den Menschenfreund gilt. Denn das Leben der Menschen scheint auf Island ebenso fragil zu sein, wie das ihrer behuften Mitbewohner. So enden bzw. beginnen zwei der fünf miteinander verwobenen Episoden dann auch mit einer Beerdigung. Und auch bei denjenigen, die am Ende des Filmes noch da sind, werden die Ereignisse physische oder psychische Narben hinterlassen haben.

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Wie eng hier das Leben der Menschen mit dem der Pferde verbunden ist, erkennt man auch an der Symmetrie der Ereignisse. Zwei Menschen sterben, zwei Pferde sterben. Ein Mann, dem die Freiheit über alles geht, erblindet, ein potenter Hengst muss seine Männlichkeit opfern. Zwei Pferde kopulieren zum Beginn und am Ende werden sich ihre Besitzer ineinander verschlungen ihren Trieben hingeben. Der vor allem als Schauspieler bekannte Regisseur Benedikt Erlingsson hat in seiner Kindheit einige Monate in der Isländischen Provinz verbracht, und seiner erster Spielfilm ist seine Liebeserklärung an die Landschaft, die Menschen, die in ihr leben und natürlich auch die Pferde, die an Eigensinn ihren menschlichen Nachbarn in nichts nachstehen. Oder andersherum. Erlingsson gelingt dabei das Kunststück, seine im Grunde tragischen Geschichten von der Härte des Lebens und seiner unvorhersehbaren Wendungen so zu erzählen, dass dabei nie eine bedrückende Stimmung aufkommt. Im Gegenteil, der Ton wirkt selbst dann leicht und humorvoll, wenn sich jemand mit 97%igen Alkohol zu Tode säuft.

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Dies liegt nicht nur an der beeindruckenden Landschaft und den markanten, stoischen Gesichtern seiner wunderbaren Darsteller, sondern auch an der sich in den Gehörgang schmiegende Musik und der unaufgeregten, ja stoischen Weise, in der Benedikt Erlingsson seine Geschichten präsentiert. Hier fühlt man sich oftmals auch an die Meisterwerke eines Roy Andersson erinnert. Erlingsson zeigt aber auch sehr deutlich, dass man für das Leben in dieser Welt geboren sein muss. Ein junger Spanier, der diese Welt neugierig erforscht und in seiner farbenfrohen Kleidung ein Fremdkörper in der Landschaft ist, wird erst dann zu einem „Isländer“, als er im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Leib eines Pferdes heraus neu geboren wird. Am Ende sieht man ihn freudig und ausgelassen zusammen mit den Anderen die von den Bergen herunter getrieben Pferde empfangen. Dabei trägt er einen nüchternen Strickpullover. Nur derjenige, der eine besondere Verbindung zu den Pferden hat, kann hier Teil der Gemeinschaft werden. Dem Rest bleibt nur das Staunen und Wundern über diesen besonderen Menschenschlag, dem Benedikt Erlingsson hier seine aufrichtige Liebe angedeihen lässt.

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Benedikt Erlingsson ist mit seinem Debüt-Spielfilm ein ganz besonderer Film gelungen, der mit leichter Hand im Grunde verzweifelt-tragische Geschichten voller tiefschwarzem Humor erzählt. Eine Liebeserklärung an die menschlichen und tierischen Bewohner der isländischen Provinz, die diese allerdings auch nicht verklärt.

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Das Bild der bei Eurovideo erschienenen DVD ist dem Film angemessen arm an Farben und wirkt dadurch stellenweise etwas milchig. Doch dies ist – angesichts der kargen Landschaft – vermutlich eine künstlerische Entscheidung des Regisseurs. Die Schärfe ist okay. Der Ton ist in der Räumlichkeit nicht spektakulär, aber zweckmäßig. Wo die DVD stark punktet ist im Bonusbereich. Hier gibt es ein Interview mit Benedikt Erlingsson indem er – unterstützt von seinen Mitstreitern – über die Probleme berichtet, den Film überhaupt finanziert zu bekommen und warum er gerade diesen Film drehen musste. Das ist nicht nur sehr interessant, sondern obendrein auch sehr unterhaltsam.

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