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Blu-ray-Rezension: „Botschafter der Angst“

Von , 14. Mai 2020 16:44

Im Koreakrieg wird die Einheit von Captain Bennett Marco (Frank Sinatra) und Sergeant Raymond Shaw (Laurence Harvey) in ein Hinterhalt gelockt und in die Mandschurei entführt, wo sie von sowjetischen Wissenschaftlern einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Doch woran sie sich bei ihrer Rückkehr erinnern ist eine ganz andere Geschichte. So konnten sie sich dank des Wagemuts von Shaw aus nordkoreanischer Gefangenschaft befreien, weshalb Shaw die hohe Auszeichnung mit der Medal of Honor verlieren wird. Als der Kriegsheld nach Hause kehrt, wird er dort schon von seiner dominanten Mutter (Angela Lansbury) und ihrem populistischen Ehemann, Senator Iselin (James Gregory), einer jubelnden Menge und der Presse erwartet. Lediglich der von Albträumen geplagte Marco ahnt, dass irgendetwas nicht stimmt und Shaw eine Gefahr darstellt. Tatsächlich stellt sich bald heraus, dass Shaw zu einer willenlosen Mordmaschine der Sowjets umprogrammiert wurde. Wird es Marco gelingen, die Wahrheit aufzudecken und Shaw zu stoppen?

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Dank der OFDb Filmworks wird endlich wird eine schmerzliche Lücke in der deutschen Veröffentlichungsgeschichte von John Frankenheimers Paranoia-Klassiker geschlossen. Zwar gab es „Botschafter der Angst“ bereits auf DVD, hier jedoch nur in minderwertigen Ausgaben. Beide MGM-Veröffentlichungen und die SZ-Edition enthalten alle dieselbe Scheibe, der nicht nur die englische Tonspur, sondern auch die für den Film immens wichtige Traumsequenz fehlen. Das prächtige Mediabook von OFDb Filmworks enthält nicht nur beides, sondern wartet auch mit einer tollen Bildqualität auf. Würdig eines Klassikers, dessen Original-Titel „The Manchurian Candidate“ in den amerikanischen Sprachgebrauch eingegangen ist.

Frankenheimers Thriller fühlt sich auch heute noch hoch modern an. Seine Mischung aus dokumentarischer Beobachtung, Noir-Referenzen und innovativen Kameraeinstellungen wirken noch heute frisch, trotz Kalter-Krieg-Thematik. Dies liegt daran, dass Frankenheimer den Kalten Krieg als Vehikel für seinen Thriller nutzt, aber die persönlichen Konflikte und psychologischen Qualen im Vordergrund stehen. Zudem verkommt „Botschafter der Angst“ nie zu herkömmlichen Kommunisten-Bashing. Im Gegenteil werden die verbohrten Kommunisten-Jäger als Teil des Problems und zudem in einer überraschenden Volte als eiskalte, den Hang der Amerikaner zum Populismus ausnutzende Schurken dargestellt. In Bester Paranoia-Tradition hängt alles miteinander zusammen und das Spiel der Mächtigen hinter den Kulissen nimmt keine Rücksicht auf einzelne Individuen. Alles wird dem einen Ziel untergeordnet: Der eigenen Macht.

Intelligent seziert Frankenheimer die Methoden der Populisten. Als Gesicht fungiert Senator Iselin, ein nicht besonders kluger, einfach denkender Mann, der vor allem eins kann: Gut herumbrüllen. Im Hintergrund zieht seine Frau die Fäden, antizipiert Wählerstimmung und die Reaktion der Medien. In nur zwei Szenen erzählt Frankenheimer alles über die Kunst der „Spin Doctors“ und der Manipulation von Medien und Wählern. In der ersten Szene ereifert sich Senator Iselin und spult geifernd erfundene Vorwürfe gegen das US-Verteidigungsministerium herunter, während man im Vordergrund Mrs. Iselin sieht, wie sie nicht ihrem Mann zusieht, sondern den Blick nicht vom Monitor ablässt, um die mediale Wirkung ihres Mannes zu überprüfen. Dabei wiederholt sie scheinbar unmerklich die Worte, die sie ihm vorher in den Mund gelegt hat. In einer anderen Szene beschwert sich Iselin darüber, dass seine Frau ihm immer wieder andere Zahlen in den Mund legt und er sich ständig selbst widerspricht, wodurch er wie eine Idiot dastehen würde. Ruhig erklärt ihm Mrs. Iselin, dass dies durchaus beabsichtigt ist, denn die Frage, die in den Medien gestellt wird, ist dadurch nicht, OB es Verräter im Ministerium gäbe, sondern nur WIEVIEL. In Zeiten, in denen ein Irrer im Weißen Haus sitzt und genau diese Taktik anwendet, wirkt „Botschafter der Angst“ wahrhaft prophetisch.

Ebenfalls prophetisch, wenn man sich den Verlauf der Geschichte ansieht, wirkt das Thema des von Außen gesteuerten Attentäters. Eine Waffe, die immer und überall effektiv eingesetzt werden kann. Als ein Jahr später John F. Kennedy unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen ermordet wurde, konnte man wenn man wollte durchaus Parallelen zu „Botschafter der Angst“ ziehen, wo es ja auch um eine Verschwörung geht, um einen Präsidentschaftskandidaten zu erschießen. Dass der Film kurze Zeit später von Kennedy-Freund Frank Sinatra aus dem Verkehr gezogen wurde, bestärkte noch den Mythos, dass hier Zusammenhänge zwischen Film und Realität bestehen würden. Doch tatsächlich war es eher ein Streit ums liebe Geld zwischen Produzent Sinatra und dem Verleih, der dazu führte, dass man „Botschafter der Angst“ jahrelang nicht sehen konnte. Natürlich kann man in der Retrospektive Vergleiche mit dem Kennedy-Attentat in „Botschafter der Angst“ hineinlesen und sich daraus eine krude Verschwörungstheorie basteln, dass Attentäter Lee Harvey Oswald ein gehirngewaschenes Werkzeug der bösen Sowjets gewesen sei – aber das ist eher beste Werbung für den Film und weniger ein historisch fundiertes Gedankenspiel. Was dies aber zeigt ist, dass Frankheimer seine – bei näherer Betrachtung doch eher abstruse – Prämisse so packend und intensiv umsetzte, dass sie im Gedächtnis blieb, solche Querverweise triggerte und der Originaltitel „Manchurian Candidate“ noch heute wie folgt verwendet wird: „A Manchurian candidate is a person, especially a politician, being used as a puppet by an enemy power. The term is commonly used to indicate disloyalty or corruption, whether intentional or unintentional.“

Neben Frankheimers exakter, zu jeder Sekunde packender und innovativer Inszenierung, sind es vor allem die Darsteller, die aus „Botschafter der Angst“ ein kleines Meisterwerk machen. Allen voran der großartige Laurence Harvey, auch wenn er als eigentlich durch und durch amerikanischer Soldat seine britischen Schauspielausbildung (geboren in Litauen, wuchs Harvey in Südafrika auf und zog nach dem 2. Weltkrieg nach London) nie ganz verleugnen kann. Als gutaussehender Kriegsheld mit gequälter Seele spielt er erschreckend überzeugend. Sein Raymond stürzt den Zuschauer in höchst widersprüchliche Gefühle. Einerseits ist Raymond ein ziemlich unsympathischer Charakter. Andererseits wissen wir, wie er wurde, was er ist. Dass er von seiner dominanten Mutter seit Kindestagen manipuliert und unter Druck gesetzt wurde. Dass seine zaghaften Ausbruchsversuche von ihr drastisch unterbunden wurden. Dass er sich dafür selbst hasst. Die tragische Figur hat von Anfang an keine Chance, egal wie sehr er sich bemüht ein eigenständiger, unabhängiger Charakter zu werden. Am Ende ist er nur eine traurige Marionette, der es nicht gelingt ihre Fäden zu zerschneiden. Harvey gelingt es all diese Facetten zum Leben zu bringen. Man verachtet ihn, fürchtet sich vor ihm, bemitleidet ihn und am Ende verdrückt man wegen ihm vielleicht auch eine kleine Träne.

Der große Star des Films, Frank Sinatra, nimmt sich angenehm zurück, gibt Harvey die Bühne, die er braucht und wirkt tatsächlich nicht wie ein Star, sondern eine Figur, die mit den eigenen Dämonen kämpfen muss und der alles heroische abgeht. Über Angela Lansbury als Mutter-Monster braucht man keine Worte zu verlieren. Dass sie für ihre unter die Haut gehende Darstellung ihre dritte Oscar-Nominierung erhielt ist ein Selbstgänger. Eine Gewinn der kleinen Goldstatue wäre mehr als berechtigt gewesen. Wobei die Lansbury immer schon etwas unangenehmes, dominant diabolisches an sich hatte. Auch in ihrer heute vielleicht bekanntesten Rolle, Jessica Fletcher in „Mord ist ihr Hobby“, hat sie noch immer diese gewisse, egozentrisch-dunkle Hintergründigkeit. Auch sonst ist der Film bis in die kleinste Nebenrolle perfekt besetzt. Sei es James Gregory als einfältiger Populist, John McGiver als sympathischer Demokrat oder Henry Silva als undurchsichtiger Handlanger des Bösen. Wenn man genau hinschaut erkennt man unter den bösen Sowjets auch den immer wieder gern gesehen Erz-Fiesling Reggie Nalder.

Die schwierigste Rolle hat Janet Leigh als Sinatras love interest Eugenie Rose Chaney. Eine Figur, die man entweder als uninteressanteste und verzichtbarste im ganze Film ansehen kann oder als eine der spannendsten. Offensichtlich wurde sie lediglich ins Drehbuch geschrieben, weil man glaubte, eine Liebesgeschichte mit dem Helden und Star (Sinatra) wäre unabdingbar für den finanziellen Erfolg des Filmes. Eugenie trägt genau nichts zur Handlung des Filmes bei, bleibt Staffage und ist auch noch wahnsinnig schlecht in den Film integriert. Sie trifft einen sichtbar psychotisch agierenden Marco im Zug, bändelt sofort mit ihm an und ehe man sich versieht hat sie ihren Verlobten für ihn verlassen und die beiden sind ein Paar. Das geht mit einer solchen Geschwindigkeit und ohne Grund vor sich, dass die Glaubwürdigkeit komplett auf der Strecke bleibt. Es sei denn, man hinterfragt dies alles und eröffnet einen weiteren Handlungsstrang und eine weitere Verschwörung, die nie offen angesprochen, geschweige denn aufgelöst wird. Und Frankenheimer inszeniert Janet Leigh auch genau so. Sie taucht plötzlich auf, wie aus dem Nichts. Die Kamera konzentriert sich ganz auf Marco, der im Zug verzweifelt versucht, sich mit zitternden Händen eine Zigarette anzuzünden, dann wird das Bild aufgemacht und dort ist auch schon Eugenie, die Marco scheinbar die ganze Zeit über beobachtet hat. Kurz darauf entspinnt sich zwischen beiden ein derartig bizarrer, kryptischer Dialog, in welchem sie ihm immer wieder ihre Telefonnummer regelrecht einhämmert, während Marco schwitzend und fast schon delirierend an die Wand gelehnt ist und Eugenie dominant vor ihm steht. Findet hier eine (Re)Programmierung des ja auch von den Sowjets manipulierten Marco statt? Später in der Polizeiwache erinnert sich Marco sofort an ihre Telefonnummer und sie taucht auch augenblicklich auf, um sich um einen ihr eigentlich völlig fremden Mann zu kümmern, der zu allem Überfluss auch gerade festgenommen wurde, weil er in einer fremden Wohnung randaliert und einen anderen Menschen tätlich angegriffen hat. Eine Szene später wohnen sie schon zusammen. Welches Spiel spielt Eugenie? Auf welcher Seite steht sie? Ist das alles Zufall oder Teil einer weiteren Manipulation? Man weiß es nicht, doch so wie Frankenheimer Eugenie inszeniert und Janet Leigh sie spielt, bleibt alles doppelbödig und verleiht dieser im Grunde faden Figur einen bedrohlichen Hintergrund, der dem Film eine weitere, verstörende Ebene verleiht.

Das 2000 Exemplare limitierte Mediabook der OFDb Filmworks ist wirklich schön geworden. Der Film selber liegt in hervorragender Bildqualität und sauberem Ton vor. Auch optisch macht das Mediabook etwas her. Auf der Blu-ray befindet sich der Film, dann die gekürzte alte deutsche Fassung und die meisten Extras. Auf der ersten DVD nur der Film und auf einer zweiten DVD dann noch die Extras der Blu-ray plus die knapp einstündige TV-Doku „The Directors: John Frankenheimer von 1997. Die Extras wurden für diese Veröffentlichung von der amerikanischen Special Edition von 2015 übernommen: Eine locker Gesprächsrunde mit Frank Sinatra, George Axelrod und John Frankenheimer, welche 1988 aufgenommen wurde und auf fast jeder bisherigen DVD-Veröffentlichung zu finden war. Ein Interview mit Angela Lansbury und eine Würdigung des Filmes von William Friedkin. Die Gesprächsrunde ist nett, beschränkt sich aber eher auf Anekdoten, das Interview mit Lansbury recht aufschlussreich und Friedkin lohnt sich ohnehin immer. Die gekürzte deutsche Fassung hat vielleicht historischen Wert, ist aber entbehrlich. Die Episode der „The Directors“-Serie ist wie immer ein guter Start, sich mit Frankenheimer auseinanderzusetzen, man kennt sie allerdings auch schon von der OFDb Filmworks Veröffentlichung von „52 Pick Up“. Der Film hat ferner noch zwei Audiokommentare. Der erste stammt noch von Frankenheimer und war für die erste DVD-Veröffentlichung 1998 aufgenommen worden. Der zweite stammt von Thorsten Hanisch & Andrea Sczuka. Dies Duo hat es zu einigem „Ruhm“ mit ihrem recht verunglückten Audiokommentar zu „Der schwarze Leib der Tarantel“ von CMV gebracht. Die gute Nachricht: Der hier ist besser geworden, aber richtig überzeugen konnte er mich auch nicht. Hanisch wiederholt was er in seinem – übrigens sehr gelungen! – 16-seitigen Booklet geschrieben hatte. Sczuka wirkt eher wie eine Stichwortgeberin, die ab und zu mal längere Texte vorlesen darf. Viele Versprecher und manche Ungenauigkeiten kommen dazu. Es herrscht kein wirkliches Miteinander, sonder eher ein Nebenher und wirkt teilweise sehr improvisiert. Das kann man jetzt charmant finden oder sich darüber aufregen. Das bleibt jedem selbst überlassen.

Blu-ray-Rezension: „Die Rache des Paten“

Von , 4. April 2018 06:35

Es gibt Dinge, die gehen selbst der ehrenwerten Gesellschaft zu weit. Wie das schmuggeln von Drogen in toten Kinderkörpern. Die großen Mafiabosse beschließen daher ein Exempel zu statuieren. Auf ihr Geheiß wird der Killer Tony Aniante (Henry Silva) entsandt, um Don Ricuzzo Cantimo (Fausto Tozzi), der hinter diesen ehrlosen Aktionen steckt, und seinen Clan zu vernichten. Zunächst macht sich Tony daran, Don Ricuzzo und dessen Rivalen Don Turi (Mario Landi) gegeneinander auszuspielen. Als das dieser Plan aber durchkreuzt wird, schleicht er sich bei Don Ricuzzo und dessen nymphomaner Ehefrau (Barbara Bouchet) ein…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der italienischen Langfassung auf der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Die Rache des Paten“ ist einer jener unfassbaren Filme aus Italien, die man sehen muss, um zu glauben, dass es sie wirklich gibt. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit Andrea Bianchis „Mafia-Western“. Damals noch in grausamen Vollbild, welches dem Film noch einmal eine Extra-Portion schmuddeliger und billiger erscheinen ließ. Mit großen Augen und offenem Mund sah ich gebannt zu, was für ein Feuerwerk Herr Bianchi hier abfackelte. Heute wäre dies nur noch in Form augenzwinkernder Parodien möglich. Damals war es blutiger Ernst, wenn Henry Silva auf die Dampfwalze steigt oder die Gürtelschnalle schwingt. Überhaupt Silva. Gibt es eine idealere Besetzung für den Antihelden Tony Aniante? Silva hat immer dieses unterschwellig bedrohliche, ja fast schon unheimliche an sich. Seine kleinen, schwarzen Augen, die sich förmlich durch die Leinwand brennen. Das versteinerte Gesicht, auf dem geschrieben scheint: „Leg dich nicht mit mir an“. Silva lächelt in diesem Film nicht einmal. Würde er es tun, fiele man vor Schrecken sicherlich vom Stuhl.


Das Verwirrende an „Die Rache des Paten“ ist, dass wir Silvas Tony Aniante als klassischen Antihelden ala Eastwoods Fremden ohne Namen annehmen sollen. Wie eben jener bewegt er sich schlau und überlegen zwischen zwei Verbrecher-Clans und spielt diese gegeneinander aus. Eastwood ist zwar ein cooler und skrupelloser Typ, hat aber unter der meterdicken Stahlschale ein gutes Herz, wenn es um die Armen und Wehrlosen geht. Bei Tony Aniante ist es scheinbar ähnlich. Schließlich will er spontan einem jungen Pärchen zur Flucht und in ein besseres Leben verhelfen. Aber gleichzeitig ist Tony auch ein psychopathischer Sadist, der seine Opfer nicht nur erschießt, sondern auch verstümmelt und der ohne echtes Motiv eine Frau so brutal verprügelt, dass man sie danach kaum wiedererkennt. Der in der bekanntesten Szene des Filmes, den Verführungsversuch des Mafiaboss-Lieblings damit beantwortet, dass er sie förmlich in eine blutige Schweinehälfte hinein fickt. Seine Worte dabei „Wir machen es so, wie ich will“ und ihr erschrockenes Gesicht bei der Penetration geben auch Auskunft über seine speziellen Vorlieben. Was die „Helden“ von Bianchis Filmen häufiger mal auszeichnet (siehe auch die „Schlusspointe“ des Schmier-Giallo „Die Nacht der blanken Messer“). Von Bianchis spätere Ausflüge in das horizontale Filmgewerbe mal ganz abgesehen.

Bianchi geht mit seinen Figuren nicht gerade zimperlich um. Generell gibt es kaum einen Sympathieträger. Vielleicht das junge Romeo-und Julia-Paar. Doch ganz ungebrochen ist es auch nicht. So lässt die junge Dame ohne mit der Wimper zu zucken ihren Schutzbefohlenen, den verkrüppelten Sohn ihres Chefs, zurück, um sich mit einem der Schläger der Gegenseite zu vergnügen. Da wundert es nicht, dass Bianchi ihnen auch jede Hoffnung versagt. Der von Fausto Tozzi mit viel Energie und Charisma gespielte Ricuzzo Cantimo hört sich gerne detailliert die Sexabenteuer seiner Ehefrau (einer Ex-Prostituierten) an, um in Fahrt zu kommen. Die Tochter von Don Turi ist halbwahnsinnig. Alle anderen sind willfährige Helfershelfer, die für ihren Job mit Blei entlohnt werden. Allein Don Turi Scannapieco ist so etwas wie eine Vaterfigur, auch wenn er natürlich gleichzeitig auch ein skrupelloser Drogendealer ist. Gespielt wird der Patriarch übrigens von Mario Landi. Jener Mann, der mit seinen Filmen „Giallo a Vencia“ und „Patrick lebt!“ den guten Bianchi an Schmierig- und Verkommenheit noch um ein vielfaches übertraf. Was man angesichts von „Die Rache des Paten“ kaum glauben kann.

Aufgrund der Drehbücher, die nach dem Motto „Alles oder nichts“ verfahren und dabei eine Unglaublichkeit an die nächste Reihen, dem oftmals kaum existierenden Budget und der früher leider suboptimalen Präsentation seiner Werke im Heimkinobereich, eilt Andrea Bianchi kein besonders guter Ruf voraus. Sieht man nun aber beispielsweise „Die Rache des Paten“ in voller wunderbarer Breitwand, muss man ihm allerdings zugute halten, dass er ein guter und versierter Handwerker war, der seine Filme durchaus kompetent in Szene setzte. Das „Problem“ besteht nur darin, dass er nicht wirklich das Geld zur Verfügung hat, großes Kino zu zelebrieren. Was man an der lächerlichen Puppe, die das tote Kind in „Die Rache des Paten“ darstellen soll (wobei ich in diesem Falle durchaus dankbar, bin dass dieser Effekt nicht im geringsten realistisch aussieht) oder die Matsch-Watteköpfe der Zombies in „Die Rückkehr der Zombies“ sieht. Bianchi kaschiert dies aber mit einer unglaublichen Schöpfkelle an „Zu viel“. Seien es die oben bereits angesprochenen Szenen mit Silva, einer wunderschönen, aufregenden Barbara Bouchet, die sich erst lasziv den Körper mit Milch einreibt und dann später beim Essen Fellatio mit einer Banane vollführt. Oder der verkrüppelte Sohn des einen Mafios, welcher in etwa so alt aussieht wie seine Mutter (in „Die Rückkehr der Zombies“ nutzt Bianchi einen erwachsenen Kleinwüchsigen, um ein kleines Kind darzustellen). So entsteht kein Gourmet-Menü, aber eine deftige Currywurst mit viel, viel Ketchup.

„Die Rache des Paten“ ist mit seiner unfassbaren Mischung aus schmierigem Sex und blutiger Gewalt einer der großen Höhepunkte des sonnendurchfluteten Bahnhofskinos italienischer Machart. Wer der „Rache des Paten“ das erste Mal begegnet kann mit großen Augen und heruntergefallener Kinnlade eigentlich nur Fan dieser wahnsinnigen und wilden Filmen werden – oder die Scheibe in den Müll werfen und schleunigst duschen.

„Die Rache des Paten“ ist nach „Milano Kaliber 9“ und „Der Berserker“ der nächste Knaller in der Polizieschi-Reihe des Hauses filmArt, nachdem diese davor einen kleinen Durchhänger hatte. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Giallo-Reihe ebenso entwickeln wird. Die Bildqualität ist recht gut und das Bild der Langfassung hat eine schöne körnige Schärfe, die sehr nach Kino aussieht. Neben dieser um einige kurze Dialoge erweiterten und insgesamt ungefähr eine Minute längere Version, ist auch die etwas kürzere Internationale Exportfassung mit an Bord, die außerhalb von Italien als Basis für alle anderen Veröffentlichungen diente. Auch diese sieh gut aus, hier wurden allerdings etwas mehr Filter eingesetzt, um ein glatteres Aussehen hinzubekommen. Als Tonspuren sind der deutsche Synchronton, der englische und natürlich der italienische mit dabei. Die Stellen der Langfassung für die kein deutscher Ton vorliegt, werden auf italienisch mit deutschen Untertiteln abgespielt. Freude macht das 8-seitiges Booklet zum Film von Christian Kessler. Als weitere Extras sind noch der lange, und qualitativ sehr gut aussehende italienische und ein sehr kurzer amerikanischer Teaser-Trailer dabei. Als Easter-Egg gibt es noch die amerikanische Titelsequenz. Und wer das Motiv auf dem Cover nicht mag, kann dieses umdrehen und erhält ein alternatives Artwork.

Blu-ray-Rezension: „Der Berserker“

Von , 23. August 2017 17:00

Der kleine Gangster Giulio Sacchi (Tomas Milian) ist ein Soziopath wie er im Buche steht.Als er bei einem Bankraub vor Nervosität einen Polizisten erschiesst, wird er von seinen Komplizen zusammengeschlagen und vom Hof gejagt. Kurze Zeit später muss wieder ein Staatsdiener daran glauben, als er Sacchi dabei erwischt, wie er einen Zigarettenautomaten knacken will. Auf sich allein gestellt, versucht Sacchi einen großen Coup zu landen. Er überredet die Kleinkriminellen Vittorio (Gino Santercole) und Carmine (Ray Lovelock) mit ihm zusammen Marilù Porrino (Laura Belli), die Tochter eines Industriellen (Guido Alberti) zu entführen. Doch damit soll der blutige Weg des immer gewissenloser agierenden Gulio Sacchi erst seinen Anfang nehmen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Mit „Der Berserker“ haben Umberto Lenzi und sein kongenialer Hauptdarsteller Tomas Milian ein richtiges Brett abgeliefert, welches – wie sein Protagonist – keine Gnade kennt und einem permanent die verschwitzte Faust in den Magen rammt. „Der Berserker“ sah ich erstmals Mitte der 90er Jahre auf einer ranzigen VHS-Kopie des alten Verleihtapes. Eigentlich die perfekte Präsentationsform für diesen – neben vielleicht Deodatos „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ – unangenehmsten Poliziotteschi. Natürlich hat man gut 20 Jahre später vieles gesehen, was der Niedertracht dieses Filmes gleich kommt, und so war ich gespannt, ob „Der Berserker“ heute noch jene schmerzhafte Sprengkraft entwickeln kann wie damals. Um es kurz zu machen: Ja, er kann. Und wie. Zu verdanken ist dies in erster Linie einem brillanten Tomas Milian, der bei seiner Darstellung des Soziopathen Gulio Sacchi die richtige Balance zwischen vollkommen überzogenen Schauspiel und einer unglaublichen Lebendigkeit findet. Sacchi ist laut, vulgär, in seiner extremen Körperlichkeit (wie bei Milians „Strickmützen“-Cop Nico Giraldi und dem seelenverwandten Kleingauner Monnezza aus „Das Schlitzohr und der Bulle“ (ebenfalls von Lenzi und mit Silva als Milians Gegenspieler) verrenkt sich bei Milian jeder Teil des Körpers, wenn er jemanden von etwas überzeugen will­. Er schwitzt, schreit, grimassiert, zuckt – seine körperlichen Reaktionen sind ebenso unberechenbar wie er selber. Sacchi ist eine tickende Zeitbombe, bei der man nie weiß, wann sie das nächste Mal explodiert und wie groß der Schaden sein wird, den sie anrichtet. Man sollte aber darauf gefasst sein, dass er sehr groß sein wird. Da der Film aus Sacchis Perspektive erzählt wird und er derjenige ist, dem der Zuschauer durch die Handlung folgt, ihm also eine gewisse Identifikation aufgezwungen wird, macht dies den Film umso unangenehmer.

Milians Kunst ist es dabei, den „Berserker“ Sacchi, den der englische Titel als „Almost Human“ bezeichnet, trotzdem nicht als unrealistisches Schreckgespenst, sondern als Wesen aus Fleisch und Blut zu zeichnen. So unmöglich es ist, Sacchis Handlungen zu akzeptieren, so bleiben sie aber in Rahmen der Handlung jederzeit nachvollziehbar. Milians Sacchi ist ein Mensch. Kein angenehmer, aber ein Mensch mit all seinen Komplexen. Ein großkotzigen Wichtigtuer, der seine Ängste und die Sehnsucht nach Anerkennung und Respekt mit prolliger Angeberei kaschieren will. Der sich mit Alkohol und Pillen aufputscht und irgendwann alle Grenzen und jegliche Moral vergisst. Letzteres erlebt man auch physisch, wenn Milians Blick immer glasiger und die Haut immer grauer wird. Die Haare von Schweiß verklebt und und die Ringe unter den geröteten Augen immer tiefer. Sacchi tötet wahllos, aber nie mit Freude. Er entledigt sich anderer Menschen, wie man normalerweise Müll entsorgt. Als er dem Entführungsopfer seine Macht über ihr Leben demonstrieren will, fordert er seinen Komplizin auf, die junge Frau zu vergewaltigen. Ihm geht es hier nicht um etwas sexuelles, er will sie nur demütigen. Nur einmal meint man so etwas wie eine moralische Irritierung bei ihm festzustellen. Wenn er realisiert, dass er ein kleines Kind erschossen hat. Doch dies führt bei Sacchi nicht zum Einhalten. Er wischt diese Tat nach einem kurzen stutzen beiseite und brüstet sich später noch damit, was den Zuschauer in einen Gewissenskonflikt stürzt. Denn spätestens nach dieser Tat und seine Reaktion darauf ist Sacchi nicht für ihn nicht mehr tragbar. Doch Lenzi inszeniert ihn weiterhin als Identifikationsfigur, denn Sacchi ist mit weitem Abstand die interessanteste und lebendigste Figur in diesen Film, gegen die alle anderen verblassen müssen. In der Regel ist der Schurke ja auch die faszinierendste Gestalt in einem Film.Jemand, den man aufgrund seiner Skrupellosigkeit und oftmals auch Coolness heimlich bewundert. An Sacchi gibt es aber nichts zu bewundern. Ein Dilemma.

Die einzigen beiden Figuren, die positiv besetzt sein können, sind sein Komplize Carmine und Kommissar Brandi. Der von Ray Lovelock gespielte Carmine ist aber ein weicher, manipulierbarer Schlappschwanz, der sich Sacchi unterordnet. Nicht etwa, weil er für Sacchi irgendwelche Sympathien hegt oder vor ihm Angst hätte. Man hat das Gefühl, Carmine wüsste einfach nicht, was er sonst tun sollte. Willenlos tut er das, was ihm befohlen wird. Zu dumm, zu naiv um einen eigenen Willen zu entwickeln. Auch seine ungelenken Versuche das Entführungsopfer zu schützen wirken halbherzig und schwach. Nein, zur Identifikation lädt Carmine nun wirklich nicht ein. Bleibt die starke Hand des Gesetzes, die von dem ewigen Gangster-Darsteller Henry Silva gegeben wird. Silva ist eine grandioses Steingesicht. Und die perfekte Besetzung für die Killer in Fernando di Leos Meisterwerken „Der Mafiaboss“ und vor allem „Der Teufel führt Regie“. Doch als Kommissar Walter Grandi bleibt er leider ungewöhnlich blass. Was daran liegen kann, dass er mehr reagiert als agiert und in den Actionszenen außen vor bleibt. Bis auf seine Wut auf seine Vorgesetzten bleibt er auch ohne besondere Eigenschaften. Erst ganz am Schluss tritt er in Aktion, um äußerst fragwürdig zur Selbstjustiz zu greifen. Gerade dieses Ende hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, zeigt es doch, dass es auf der Welt nichts Gutes mehr gibt, sondern die Grenzen zwischen schießwütigen Gangstern und schießwütigen Polizisten, die sich ebenso nicht an Gesetze gebunden wähnen, verschwimmen.

Die einzige Figur, die tatsächlich so etwas wie Hoffnung gibt, dass die Welt nicht gänzlich verkommen ist, wird von Laura Belli gespielt. Das Entführungsopfer Marilù ist eine starke Frau, die weiß was sie will und sich keine falsche Illusionen macht. Die ihren Entführern jederzeit überlegen ist und gerade deshalb bei Sacchi diesen unbändigen Wunsch hervorruft, sie zu demütigen, erniedrigen und letztendlich zerstören. Und natürlich hat so jemand in der verkommen Welt des „Berserkers“ keine Chance. Sie wird vernichtet wie alles andere, was gut und schön ist.

Umberto Lenzi hat mit „Der Berserker“ einen hammerharten Tritt in die Weichteile inszeniert, der ganz von einem grandios asozialen Tomas Milian getragen wird, dem es gelingt seinen Soziopathen Gulio Sacchi nie zu einer comichaften Karikatur verkommen, sondern ihn bei aller Grausamkeit doch noch als Menschen erscheinen zu lassen. Und gerade das macht Lenzis Film so wahnsinnig unangenehm.

Mit der Nummer 9 ihrer Polizieschi Edition hat filmArt nach dem grandiosen „Milano Kaliber 9“ nun einen zweiten Klassiker nicht nur des italienischen Polizeifilm-Genres, sondern des italienischen Films überhaupt veröffentlicht. Wie erwartet ist auch das technische Niveau dieser Veröffentlichung wieder sehr gut. Die Blu-ray hat ein sehr gutes Bild, welches auch nicht durch diverse Filter „getötet“ wurde, sondern einen authentischen Kinolook besitzt, ohne dabei irgendetwas an Schärfe einzubüßen. Der deutsche Ton wird auf gleich zwei Spuren angeboten, von der sich eine „Videotonhöhe“ nennt. Der Unterschied zwischen beiden Spuren ist – soweit ich meinen Ohren trauen darf – dass die eine etwas mehr Wums hat, dafür aber auch dumpfer klingt, die andere dafür in der Sprache etwas klarer ist, dafür aber etwas dünner klingt. Das Highlight der Edition ist das einstündige Interview „The Journey of Tomas Milian – From Cuba to America“, mit einem sichtlich gealterten, kaum wiederzuerkennenden Tomas Milian, der sehr interessant und spannend aus seinem aufregenden Leben erzählt. Bei der Schilderung seiner Kindheit in einem lieblos-strengen Haushalt können einem fast die Tränen kommen und dies erklärt wohl auch seine arrogante Haltung, die er in Interviews in den 70ern – auf der Höhe seines Ruhmes – an den Tag legte. Milian hat auch einen kurzen Gruß als Intro zum Film eingesprochen. Weitere Extras sind der italienische und englische sowie ein US-Grindhouse Trailer. Es gibt zwei Audiokommentare. Den ersten mit dem Traum-Team Pelle Felsch und Christian Keßler, der andere mit Bennet Togler und Tillmann Beilfuß. Nicht zu vergessen ist auch das sehr lesenswerte Booklet von Oliver Nöding. Also eine rundum gelungene Veröffentlichung.

Blu-ray-Rezension: “Der Teufel führt Regie”

Von , 17. Januar 2015 21:11

teufelfuehrtregieNick Lanzetta (Henry Silva) wurde vom Mafiosi Don Giuseppe D’Aniello (Claudio Nicastro) wie ein Sohn aufgezogen. In D’Aniellos Auftrag löscht Lanzetta eine rivalisierende Mafia-Familie aus. Doch ein Vertrauter der Familie, Cocchi (Pier Paolo Capponi) kann entkommen. Er ahnt, dass D’Aniello hinter dem Massaker steckt und entführt dessen Tochter Rina (Antonia Santilli). Obwohl vom D’Aniello großen Paten Don Corrasco (Richard Conte) verboten wird, sich einzumischen, nimmt dieser die Sache selber in die Hand und beauftragt Lanzetta seine Tochter aus den Klauen Cocchis zu befreien. Koste es, was es wolle. Damit wird ein blutiger Mafia-Krieg losgetreten und Lanzetta vom Jäger zum Gejagten…

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Der Teufel führt Regie“ ist der Abschluss der sogenannten „Mafia“-Trilogie des italienischen Regisseurs Fernando di Leo. Obwohl alle Filme unabhängig von einander sind und auch nicht aufeinander aufbauen, so besitzen sie doch inhaltliche Schnittpunkte, denn sie erzählen alle drei im Grunde die gleiche Geschichte. Die Geschichte eines Mannes, der sich innerhalb des System der Mafia bewegt, hier jedoch Opfer von Machtspielen und Intrigen wird. War Ugo Piazza aus „Milano Caliber 9“ dabei nur scheinbar ein Opfer, welches aber hinter der Fassade seiner ganz eigene Agenda verfolgte und dabei Freund und Feind betrog, so ist der Kleingangster Luca Canalli, der in „Der Mafiaboss“ von den mächtigen Bossen zum Freiwild erklärt wird, eine bemitleidenswerte Kreatur, die gar nicht weiß wie ihr geschieht, wenn sie zwischen die Mühlsteine der Intrigen und politischen Machtspiele der Bosse gerät. Lanzetta aus „Der Teufel führt Regie“ hingegen ist ein Mann, der durchaus weiß, wie der Hase läuft. Der im System des Verbrechens eiskalt agiert und reagiert. Der die Spielregeln verstanden hat und deshalb seinen Feinden einen Schritt voraus ist.

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Und die Spielregeln lauten: Keine Skrupel – kein Vertrauen. Jederzeit kann der Verbündete zum Feind werden. Zu jedem Zeitpunkt muss man damit rechnen, dass sich der Freund als schlimmster Feind entpuppt. Loyalität wechseln schneller als die Windrichtung. Selbst wenn man jemanden wie seinen eigenen Sohn aufgezogen hat, heißt es nicht, dass dieser einen nicht ohne zu zögern umbringt, wenn es für seine Ziele opportun ist. Traue niemanden. Baue keine emotionalen Bande auf. Sei immer auf der Hut und bereit, jeden zu töten, der dir im Weg steht. Die Welt, die di Leo hier zeichnet ist finster, zynisch und voller Gewalt. Keine seiner Figuren ist ohne emotionale Verkrüppelungen. Das Opfer einer Entführung entpuppt sich als nymphomane Drogensüchtige, die die sexuellen Übergriffe ihrer Entführer genießt, der alte Patriarch lässt seine Weggefährten mit einem Lächeln aus dem Weg räumen und kuscht doch selber vor den noch mächtigeren Bossen aus Rom. Der Polizist ist durch und durch korrupt und Lanzetta selber ein eiskalter Killer, der selbst seine Mutter ohne mit den Augen zu zwinkern über den Haufen schießen würde, wenn es ihm nützt. In seiner Erbarmungslosigkeit und Brutalität erinnert „Der Teufel führt Regie“ stark an die japanische „Battles without Honor und Humanity“-Reihe. Denn Ehre und Humanität sind auch hier völlig abstinent.

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„Der Teufel führt Regie“ war der erste Polizieschi, den ich einst vor vielen Jahren sah. Und er hat mich schon damals stark beeindruckt. Allein die Eröffnungsszene, in der Lanzetta in ein Kino schleicht, um aus dem Vorführraum heraus seine Sprengstoffgeschosse in den Saal zu feuern, blieb mir im Gedächtnis. Aber auch die rockige Musik, die rockig-treibende Musik von Luis Bacalov und die vielen rau inszenierten Mordszenen faszinierten mich. Das Wiedersehen hat diese frühen Eindrücke bestätigt.Dem in Brooklyn aufgewachsenen Henry Silva ist die Rolle des Lanzetta wie auf den Leib geschrieben. Seine durchdringenden Augen, die in einem nahezu unbewegten, kantigen Gesicht wie glühende Kohle lodern, machen schnell klar, dass hier jemand ist, mit dem man sich keine Späße erlaubt. Der aufrechte, katzenhafte Gang und der Sinn für Stil – Silva sah wahrscheinlich in keinem seiner Filme besser aus – lassen Schauspieler und Figur miteinander verschmelzen. Man braucht nicht viel über Lanzetta zu wissen. Silvas eiskalte, unerbittliche Aura erzählt bereits die ganze Geschichte.

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Neben Silva haben es die anderen Darsteller schwer, schaffen es aber, ihren Rollen einen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Insbesondere Gianni Garko überrascht, spielt er doch gegen sein Typ. Zwar wirkt seine Darstellung zunächst befremdlich und aufgesetzt, wenn er mit den Händen in der Gegend herumfuchtelt, unterstreicht aber auch die Primitivität seines Commissario Torri , der gerne etwas Größeres darstellen möchte, als er ist. Der alte Westernheld Garko untergräbt in jeder seiner Szenen jedweden Respekt, den man vor Commissario Torri haben könnten. Einen aufgeblasenen Popanz, der so gerne ein cooler Bulle wäre. Letztendlich aber seine Karriere nur dem gut geschmierten System verdankt. Altstar Richard Conte bringt genug Ausstrahlung mit, um seinen Mafia-Paten mächtig und väterlich zu gestalten, lässt aber auch durchblicken, dass Don Corrasco ein schwacher Herrscher über das Reich des sizilianischen Verbrechens ist und am Ende dann doch auch an den Fäden anderer hängt. Dies ist eine weitere Gemeinsamkeit der Figuren in „Der Teufel führt Regie“. Alle überschätzen sich und ihre Möglichkeiten. Allein Lanzetta bildet hier eine Ausnahme. Positiv fällt auch Marino Masè – der einst die Hauptrolle in Jean-Luc Goddards „ Die Karabinieri“ spielte – in der Rolle des Pignataro auf. Ein kluger, gewiefter Taktiker und skrupelloser Killer, dem allerdings sein Stolz auf die eigene Cleverness zum Verhängnis wird.

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„Der Teufel führt Regie“ berichtet von einer Welt in der Niedertracht, Verrat und skrupellose Gewalt regieren. Ohne einen einzigen positiven Charakter dreht sich die Spirale der Gewalt immer schneller und reist alles mit sich, nur um am Ende wieder am Anfang anzukommen. Ein zutiefst pessimistisches Werk der Polizieschi-Legende Fernando di Leo mit einem beängstigenden Henry Silva in der Hauptrolle.

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FilmArt hat diesen Film in einem Media-Book, welches den Film sowohl auf Blu-ray als auch auf DVD enthält, veröffentlicht. Das Bild der Blu-ray ist tadellos und verfügt über kräftige Farben und tiefe Schwarztöne. Bezüglich des Tons gab es im Vorfeld ein großes Problem. Der Film war vor der deutschen Kinoauswertung 1974 massiv gekürzt worden. Um diese Kürzungen zu kaschieren, wurde die Dialoge in der deutschen Synchronisation so hin gebogen, dass die fehlenden Teile nicht weiter auffielen. Wenn filmArt nun eine ungekürzte Fassung mit deutschen Ton anbietet, so passen die wieder eingefügten Teile nicht mehr zur deutschen Fassung. So entschied sich filmArt für die einzig sinnvolle Lösung: Die ungekürzte Fassung wird im italienischen Original mit deutschen Untertiteln– die gekürzte, ganz auf die Action fokussierte, deutsche Kinofassung mit Synchronisation angeboten. Vor Beginn des Filmes, wird der Filmfreund aufgefordert, sich für eine der beiden Fassungen zu entscheiden. Der DVD liegt ein umfangreiches und sehr informatives Booklet von Pelle Felsch bei. Einziger Kritikpunkt: Die deutschen Untertitel der italienischen Fassung sind ab und zu von irritierenden Rechtschreibfehlern geplagt. Laut OFDb soll es übrigens ein 83-minütiges Hidden Feature geben. Dieses habe ich allerdings nicht gefunden und glaube, das ist eine Ente. Falls jemand Näheres weiß, bitte in den Kommentaren posten.

Alle Screenshots stammen von der DVD-Version des Filmes.

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