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Bericht vom 4. Mondo-Bizarr-Weekender in Düsseldorf – Tag 2

Von , 10. Februar 2018 00:51

Der zweite Tage begann so entspannt, wie lange schon nicht mehr. Bis weit nach 9 im Bett liegen – wie lange musste ich auf diesen Luxus schon verzichten. Nach einem durchaus akzeptablen Frühstück (vom Gummibrötchen abgesehen), trennte sich unsere freundliche Reisegruppe auf in diejenigen, die ein wenig Kultur tanken und die örtlichen Galerien besuchen wollten, und denjenigen, welche ihr Geld beim Saturn für Filme auf den Kopf hauten. Ich schreibe jetzt mal nicht, zu welcher Gruppe ich gehörte. Nach einer kurzen Stippvisite im tollen Plattenladen Hitsville (Empfehlung!), kam man wieder zu einem gemeinsamen Mittagessen bei einem guten Lateinamerikaner namens Palito zusammen. Überraschenderweise war das Essen wirklich lecker und gar nicht mal so teuer. Ein echter Hingucker waren aber die Toiletten, die einem nicht nur durch Jesus- und Maria-Ikonen den Weg zu Männlein und Weiblein wiesen, sondern auch sonst mit so viel liebevollen Religionskitsch vollgestopft waren, dass man sich wirklich plötzlich in einer anderen Welt wähnte. Und die golden Seifenspender habe ich da noch nicht mal gesehen.

Zurück in der bereits gut gefüllten Black Box forderte das gute, reichhaltige Essen dann auch gleich seinen Tribut. Den ersten Film des Tages, den schönen „Die Brut des Teufels“ verschlief ich dann auch halb. Dabei hatte ich mich doch so gefreut, zum ersten Mal einen Godzilla-Film von einer 35mm-Kopie auf der großen Leinwand zu sehen. Doch nach 20 Minuten fielen mir das erste Mal die Augen zu. Der Kampf gegen Morpheus Arme war dann auch gewaltiger als der von Godzilla gegen den Titanosaurus und Mecha-Godzilla. Das Treiben auf der Leinwand bekam ich nur noch bruchstückhaft mit. Wie gut, dass ich den Film in den letzten 12 Monaten jetzt bereits zum dritten Mal sah. So kann ich an dieser Stelle auf meine Besprechung der sehr empfehlenswerten Anolis-DVD verweisen, die der geneigte Leser hier findet.

Nach dem Film dann erst mal raus an die frische Luft und reichlich von dieser stark koffeinhaltigen Cola reingekippt. Den restlichen Tag überstand ich dann auch ohne größere Ausfälle.

Das blutige Schloss der lebenden Leichen – Bei diesem französischen Film aus dem Jahre 1969 hat die deutsche Titelschmiede wieder viel Kreativität bewiesen. Hierbei handelt es sich mitnichten um einen Zombiefilm. Eher führt die Spur Richtung Franju („Augen ohne Gesicht„) und Rollin (auch, wenn der erst später dran war). Mit etwas gutem Willen kann man vielleicht von einer lebenden Leiche sprechen, denn die Damen des Schlosses würde für den Rest der Welt für tot erklärt. Ist also durchaus so etwas wie eine lebende Leiche und blutig geht es im Schloss auch vor sich.

Inszeniert wurde die Sause von der späteren Porno-Legende Claude Mulot, der unter dem Pseudonym Frédéric Lansac solche Flutschfilm-Klassiker wie „Pussy Talk“ oder „Les petites écolières“ inszenierte, Ich hatte ja früher immer geglaubt, dass „Lansac“ die Verballhornung eines „langen Sacks“ wäre. Im „ blutigen Schloss“ traf ich aber nun den echten Frédéric Lansac. Dies ist nämlich der Name der Hauptfigur. Einem erfolgreichen Maler, dessen Leben ziemlich schnell bergab geht, nachdem seine geliebte junge Ehefrau einem schrecklichen Feuerunfall zum Opfer fällt. Nicht unbeteiligt daran ist die schöne Elizabeth Teissier, die hier leider einen kurzen, wenn auch erinnerungswürdigen Auftritt hat. Ebenfalls dabei sind Howard Vernon („Oh, Professor Römer“ „Rohmer!“) und zwei Zwerge.

Letztere führen den Film schnellen Schrittes in die Sphären der Dwarfploitation. Igor und Olaf tauchen immer wieder auf, um junge Frauen (und den Zuschauer) zu erschrecken. Warum die Armen in Felle gekleidet sind und wie Hunde vor dem Kamin schlafen müssen, wird nicht wirklich geklärt. Scheinbar waren Lansacs Eltern zwar so nett, die Beiden vor einer Steinigung zu retten, nicht jedoch so barmherzig, um sie wie normale Menschen zu behandeln. Kein Wunder also, dass Igor und Olaf manchmal recht merkwürdige Gewohnheiten an den Tag legen. Wie z.B. Mädchen mit der Axt durch den Wald zu verfolgen. Ihr „Herr“ Lansac findet an diesem Treiben auch nichts ungewöhnliches und wird nur sauer, als sie einer potentiellen Gesichtshautspenderin nach einem Vergewaltigungsversuch das Antlitz zertrümmern. Nein, Mulot nimmt hier keine Gefangenen und inszeniert seine krude Geschichte mit viel Schmackes. So wird einem auch keine Sekunde langweilig, auch wenn die meisten Darsteller keinen Hehl daraus machen, dass sie auch nicht genau wissen, wie sie da rein geraten sind.

Mulot beweist hier auch bereits sein gutes Auge für schöne, stimmungsvolle Bilder und dem in Szene setzen weiblicher Schönheit. Es gibt sogar einige sehr gelungene Szenen, wie die in der ein potentielles Opfer seine Augen öffnet und sich gleich einem Erhängten gegenüber sieht oder eine tieftraurige Einstellung in der einer der Zwerge seinen toten Bruder betrauert. In erster Linie stehen aber Nacktheit und blutige Schockeffekte im Vordergrund. Alles unterlegt mit einer betörenden Melodie aus der Feder Jean-Pierre Dorsays, die auch nach der x-ten Wiederholung noch immer Balsam für die Seele ist. Hauptdarsteller Philippe Lemaire war in den 40er und 50er Jahren ein gefragter romantischer Held des französischen Kinos, und man merkt ihm an, dass er diesen Zeiten hinterher trauert. Seine verbrutzelte Frau wird von der wunderhübschen Anny Duperey gegeben, die einst bei Godard ihre erste Rolle hatte und später nicht nur neben Al Pacino in „Bobby Deerfield“ eine Hauptrolle spielte, sondern auch die Original-“Frau in Rot“ in „Ein Elefant irrt sich gewaltig“ war. Ein schöner Film, der zwar weit weg von der Meisterklasse ist, aber trotzdem viel Freude bereitet.

„Der saftige Überraschungsfilm“ – Als solcher wurde ein berüchtigtes Werk angekündigt, welches es in Deutschland nicht besonders einfach hat, weshalb ich den Titel hier nicht direkt nenne. Ein Klick auf den Link könnte aber Aufschluss bringen. Das Werk, in dem es um einen griechischen Millionär geht, welcher nach einem traumatischen Erlebnis an Bord eines Rettungsbootes unbändigen Hunger auf Menschenfleisch entwickelt und seine Heimatinsel leer frisst, dürfte eh jedem – zumindest dem Namen nach – bekannt sein.

Ich durfte dieses Werk bereits vor acht Jahren beim ersten Deliria-Italinao.de-Forentreffen im B-Movie in Hamburg bestaunen. Natürlich kannte ich den Film schon von einer alten VHS-Kopie. Auf Video war ich damals schon erstaunt, wie wirkungsvoll der Film war, fand aber die ungeheuren Splatterszenen eher störend. Jahre später im B-Movie war ich dann gänzlich gefangen von der unheilvollen Atmosphäre des Filmes, der auf der Leinwand noch besser funktioniert als im Heimkino. Auch die berüchtigten Szenen, die einst zentraler Punkt einer wahren Hysterie gegen Videofilme (nicht nur hierzulande, sondern auch in England) waren, empfand ich nicht mehr als Fremdkörper. Nun, da ich den Film ein drittes Mal und nochmals von der tollen 35mm-Kopie sah, die ich schon in Hamburg bewundern durfte und die nach acht Jahren kaum etwas von ihrem Glanz eingebüßt hatte, muss ich sagen, dass diese Szenen sogar immanent wichtig sind.

In der ersten Hälfte wird eine derartig dichte Atmosphäre aufgebaut, dass es kaum zu ertragen ist. Eine Dame bugsierte ihre männliche Begleitung hier bereits mit den Worten „Ich habe solche Angst“ aus dem Saal. Alles ist ein Vorbote auf die unaussprechlichen Gräuel, die da kommen. Unterstützt von Marcello Giombinis enervierenden Synthie-Musik, die irgendwie schräg, falsch und bedrohlich wirkt. Unter die Oberfläche der scheinbar harmlosen Bilder, hat sich bereits etwas Krankes, ganz und gar Ungutes geschlichen.

In der wie immer hervorragenden Einleitung von Oliver Nöding (und auch den Gesprächen vor dem Film) wurde betont, dass gerade die erste halbe Stunde des Filmes sich ziemlich ziehen würde und im Grunde recht langweilig sei. Dies empfand ich gar nicht so. Im Gegenteil, die Reisegesellschaft (die so gar nichts von den überdreht fröhlichen, spät-pubertierenden Teenies der amerikanischen Splatter-Pendants hat) ist nicht gerade ein Ausbund an Fröhlichkeit, sondern scheint bereits von einer Ahnung durchtränkt, dass sie sich geradewegs auf dem Weg in eine grausame Hölle befinden.

Die Szenen in der menschenleeren Küstenstadt fand ich schon bei der Erstsichtung sehr beklemmend. Hier steigerte sich das Gefühl noch und beim ersten Höhepunkt (die Attacke des blinden Mädchens) bin ich ein paar Zentimeter im Sitz hochgesprungen, obwohl ich wusste was kommt. Überhaupt fiel mir jetzt auch wieder auf, wie meisterlich der erste Auftritt des Anthrophagus inszeniert ist. Wie intensiv er sich in die Netzhaut brennt. Ein Bild und Ton gewordener Albtraum. Wenn sich dann die fragile Gruppe langsam auflöst, die schreckliche Bedrohung durch den von George Eastman als unaufhaltsame Naturgewalt verkörperten Menschenfresser förmlich körperlich spürbar ist und sich die Handlung in eine verlassene, einem furchtbaren Traum entsprungene Villa verlegt, ist es nur folgerichtig, dass der Film mit den größtmöglichen visuellen und auditiven Schocks endet.

Nach dem Film war ich erst einmal geplättet und spürte diese Folgen dieser permanente Anspannung und drückenden Bedrohung tief in den Knochen. D’Amatos Werk ist ein Terrorfilm reinsten Wassers. Ein Film, der einem nicht nur auf einer psychischen Ebene attackiert, sondern der auch körperlich fühlbar ist.

Um den Film zu verdauen ging es erst einmal in trauter Runde in eine nahe Cocktail-Bar, die scheinbar schon häufig nach solchen Events besucht wurde. Dort war es auch sehr nett, die Getränke bezahlbar und augenscheinlich hatten sich bereits mehrere Gruppe direkt aus der Black Box kommend dort niedergelassen. Was leider auch bedeutete, dass kaum noch Plätze und vor allem nicht für größere Gruppen vorhanden waren. Doch ein aufmerksamer Mitarbeiter arrangierte etwas und so fand noch jeder eine Sitzgelegenheit. Leider wurde die Gruppe dadurch auseinandergezogen, was ich im Nachhinein sehr bedauere, denn ich hätte eigentlich auch ganz gerne noch mit ein paar anderen Leuten geschnackt/kennengelernt. Aber auch so war es ein sehr heiterer und gut gelaunter Abend. Nach einem Spaziergang am Rhein entlang kamen wir auch wieder gut im Hotel an und konnten dort Kraft für den letzten Tag sammeln.

DVD-Rezension: „The Returned“

Von , 7. April 2016 17:41

returnedOhne Vorwarnung oder Erklärung kehren die Toten plötzlich ins Leben zurück. Sie wollen ihren alten Platz in der Gesellschaft wieder einnehmen, doch die Lebenden wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Manche nehmen ihre Verstorben mit offenen Armen auf, anderen reagieren mit offener Feindseligkeit. Ihnen gemein ist die Verwirrung, diejenigen, um die sie getrauert haben, plötzlich wieder vor sich zu sehen. Unter denjenigen, die zurückkehrten ist die Frau des Bürgermeisters (Catherine Samie), der 6-jährige Sylvain (Saady Delas), der von seinen Eltern Isham (Djemel Barek) and Véronique (Marie Matheron) wieder aufgenommen wird und Mathieu (Jonathan Zaccaï), dessen Frau Rachel (Géraldine Pailhas) damit hadert, ihn wiederzusehen…

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The Returned“ besitzt eine der schönsten, unheimlichsten und lyrischsten Anfänge der letzten Jahre. Durch das Tor des lokalen Friedhofs strömen Hunderte von Menschen. Desorientiert, neugierig, überrascht – aber scheinbar mit einem festen Ziel. Nichts wird erklärt, der Zuschauer wird mitten ins Geschehen hineingeworfen. Doch man ahnt sofort, was diese merkwürdige Szene bedeutet. Die Toten sind auf die Erde zurückgekehrt. Was nun der Auftakt zu einem action- und blutreichen Zombie-Slasher sein könnte, entpuppt sich als exaktes Gegenteil. Obwohl „The Returned“ gerne dem Zombie-Subgenre zugerechnet wird, führt diese engstirnige Kategorisierung doch in die Irre. Ja, „The Returned“ ist ein Wiedergänger-Film, doch mehr dem Geisterfilm, denn dem Zombiefilm nahe. Oder doch wieder nicht? Es ist der große Verdienst des Regisseurs Robin Campillo und seiner Co-Drehbuchautorin Brigitte Tijou sich jeder einfachen Schublade zu entziehen und etwas Neues zu erschaffen. Eine Allegorie, die gerade in Zeiten, in denen sich manche vom „Fremdartigen überschwemmt und bedroht“ fühlen, hochaktuell ist.

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Die spannende Prämisse des Filmes, dass die Toten plötzlich auf die Erde zurückkehren und ganz selbstverständlich ihren alten Platz in der Gesellschaft zurück beanspruchen, führt zu interessanten Gedankenspielen und Szenarien, die weit über die 100 Minuten hinausgehen, die „The Returned“ dauert. Dass aus dem Film in Frankreich ein paar Jahre später eine TV-Serie entstand und diese wiederum in den USA ein Remake erfuhr (wie ich erfuhr – Danke an Paul – , wurde das gleiche Konzept bereits 2007 und und dann noch einmal 2014 für den Pilotfilm einer dann doch nicht realisierten TV-Serie namens „Babylon Fields“ verwendet), zeigt nicht nur wie faszinierend die in „The Returned“ aufgeworfenen Gedanken sind, sondern dass das Thema auch eine universelle Relevanz hat. Das Leben geht weiter und schließt die Lücken, die der Tod eines nahestehenden Menschen, eines Kollegen oder eines Freundes hinterlassen hat. Die Zeit heilt alle Wunden. Doch was, wenn die Grund für die Lücke plötzlich wieder da ist? Dann gibt es zwei Szenarien, die Campillo in ihrem Film auch beide durchspielen. Die Lücke wird schmerzhaft wieder aufgerissen oder es gelingt dem Rückkehrer nicht, seine alte Lücke zu finden, da die Wunde mittlerweile verheilt ist, neue Menschen in das Leben seiner Liebsten getreten sind oder sein Job an einen anderen weitergeben wurde.

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Hier erschüttert gerade das Schicksal einer Familie, die sich unter großen Schmerzen von ihrem tragisch verstorben, acht-jährigen Sohn verabschiedet hat. Der es irgendwie gelungen ist, ein Leben ohne das geliebte Kind zu führen. Nun ist er wieder zurück und weder Vater, noch Mutter können mit dieser Situation umgehen. Während der Vater anfängt, sich an das Kind zu klammern und es nie wieder loszulassen, erkennt die Mutter unter Tränen, dass der Junge, der zurückgekommen ist, nicht mehr der ist, der ihnen einst genommen wurde. Sie entfernt sich wieder von ihm, was den ursprünglichen Verlust nur noch schmerzlicher macht. Der Konflikt dieser Familie und die tragische Konsequenz rührt zu Tränen. Mehr noch als das Schicksal der Hauptdarstellerin, die sich daran gewöhnen muss, dass ihr Ehemann wieder da ist und sie nicht weiß, wie sie damit umgehen soll. All diese verschiedenen Geschichten hat Robin Campillo warm und nachvollziehbar inszeniert, und er konfrontieren den Zuschauer mit der Frage, ob man wirklich jemanden als Person liebt – oder nur die schönen Erinnerungen, die mit ihm assoziiert sind.

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Und natürlich weckt der Strom der Toten, der sich durch die Straßen ergießt, Assoziationen an die aktuelle Flüchtlingskrise. Insbesondere, wenn behelfsmäßige Unterkünfte in Turnhallen eingerichtet werden, stundenlange Debatten geführt werden und das Misstrauen gegenüber den Anderen steigt. Der Staat weiß nicht wie er der Situation Herr werden soll und verlegt sich zunächst auf die Überwachung der Bevölkerung, um am Ende dann zu drastischeren Maßnahmen zu greifen. „The Returned“ bietet auch keine einfache Lösung an, sondern lässt vieles im Vagen und fordert den Zuschauer auf, das Geschehen für sich einzuordnen. „The Returned“ ist der Impuls, der im Kopf seines Publikums eine größere Geschichte ins Rollen bringt und ihn zwingt sich manchmal schmerzhafte Fragen zu stellen. Kein Wunder also, dass man einige Jahre später auf die Idee kam, die Welt von „The Returned“ zum TV-Serien-Format zu erweitern.

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„The Returned“ ist eine intelligente und emotionale Variante des Wiedergänger-Films. Seine Grundidee der Rückkehrer aus dem Grab, die ihren alten Platz in der Gesellschaft einnehmen wollen und die Reaktion eben dieser Gesellschaft, regen zu den unterschiedlichsten philosophischen Gedankenspielen darüber an, was der Sinn von Leben und Tod ist.

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Die DVD von Koch Media punktet mit einem ausgezeichnetem Bild und einem sauberen Ton. Die deutsche Synchronisation klingt leider recht preisgünstig. Hier ist das französische Original mit seiner lebendigeren Sprache definitiv vorzuziehen. Allerdings gibt es für den nicht französischsprachigen Filmfreund hier ein dickes Manko. Die deutschen Untertitel bleiben nach knapp einer Stunde „hängen“. D.h. Bei jedem Dialog wird der immer gleiche deutsche Satz in den Untertiteln eingeblendet. Hier hat jemand nicht aufgepasst und man ist ohne sehr gute Französischkenntnisse gezwungen auf die deutsche Synchronfassung auszuweichen. Sehr ärgerlich. Ärgerlich ist auch das Bonusmaterial, denn bis auf einen Trailer ist hier absolut nichts zu finden.

Blu-ray-Rezension: „Horsehead“

Von , 3. Juli 2015 20:16

horseheadAls  Jessicas (Lilly-Fleur Pointeaux) Großmutter stirbt, kehrt sie  das erste Mal seit vielen Jahren wieder in ihr Elternhaus zurück. Dort wird sie von ihrer Mutter (Catriona MacColl) in das Zimmer neben ihrer toten Großmutter einquartiert. Dort wird sie immer wieder von furchteinflößenden Träumen heimgesucht in denen sie eine Schreckensgestalt mit Pferdekopf bedroht. Da die sensible Jessica schon seit ihrer Kindheit von Albträumen geplagt wird, hat sie gelernt, Kontrolle über ihre Traumwelt zu erlangen. Nun versucht sie, im Schlaf hinter die Bedeutung ihrer rätselhaften Träume zu kommen.  Dabei kommt sie einem Familiengeheimnis zu nahe, das sie selber in Lebensgefahr bringt…

Wenn vier Leute nach einem Film zusammenstehen und dabei fünf unterschiedliche Interpretationen des eben gesehen ausgetauscht werden, dann kann dies sowohl positiv als auch negativ bewertet werden. Im Falle von „Horsehead“ ist diese Kategorisierung nicht unbedingt leicht. Jeder sah in der finalen Einstellung des Filmes etwas anderes, was den Film und seine Bewertung dann für ihn in die eine oder andere Richtung kippen ließ. Durchaus interessant und der geneigte Lauscher unserer Konversation erfuhr dabei wahrscheinlich auch mehr über uns, als über den Film. Dieser gibt sich den Anstrich eines surrealen Horrorfilms, was aber nur zum Teil stimmt. Der Horror spielt sich auf zwei Ebenen ab. Einmal in der realen Vergangenheit der Mutter unserer Heldin Jessica und dann in den Träumen, in die Jessica eintaucht, um das Geheimnis um ihrer verstorbenen Großmutter zu lüften.

„Horsehead“ bewegt sich dabei auf den Pfaden, die schon Wes Cravens Klassiker „A Nightmare on Elm Street“ auslotete. Eine Figur begibt sich aktiv in ihre Träume, um sich dort einem Dämon zu stellen. Dieser ist hier nicht so eindeutig das Monster, wie Freddy Krüger in dem Horrorklassiker von 1984. Viel mehr arbeitet Regisseur Romain Basset vermehrt mit Symbolen aus der Traumdeutung. Das vermeintliche Unheil ist hier die titelgebende Figur. Ein riesiger Bischof mit einem Pferdekopf, der allerdings auch als Wegweiser durch das Labyrinth der Vergangenheit stehen kann. Hier hält sich Romain Basset bedeckt und vermeidet allzu eindeutige Aussagen. Auch ob es sich bei „Horsehead“ überhaupt um einen übernatürlichen Film handelt, kann unterschiedlich aufgefasst werden. Schließlich kommen alle Traumbilder aus Jessicas Kopf und könnten somit gänzlich ihrer überhitzten Fantasie geschuldet sein. Und letztendlich könnte diese dann auch zu unbewussten Verletzungen führen. Allerdings geht der Film dieser Möglichkeit nicht wirklich nach und legt seinen Schwerpunkt auf eine Lösung, in der „höhere Mächte“ im Spiel sind, die aus den Träumen heraus in unsere Wirklichkeit greifen können.

Die Bilder, die Romain Basset inspiriert vom „Nachtmahr“ des Malers Johann Heinrich Füssli (1741-1825) für seine Traumwelten findet, sind durchaus beeindruckend und stimmungsvoll inszeniert. Voller kräftiger Farben und einer unheimlichen Beleuchtung, die an das Werk Bavas oder Argentos denken lässt – oder gleich an deren Neo-Nachahmer Hélène Cattet und Bruno Forzani Allerdings verlassen diese Bilder nie die bereits von anderen gefundenen Wege, und ihnen fehlt damit die große Wucht, welche die Vorbilder in ihren besten Werken erreichten. Wirkliches Neues hat Romain Basset nicht zu bieten, dafür fehlt ihm entweder der Mut oder die Radikalität. Allein der kraftvoll-düstere Elektrobeat von Benjamin Shielden treibt einem seine Vision nachhaltig ins Hirn und lässt sie dort kleben.

Das große Pfund, mit dem Basset wuchern kann, sind seine Schauspieler. Catriona MacColl ist immer wieder ein gern gesehenes Gesicht auf der Leinwand und macht ihre Sache mehr als gut. Basset verlangt ihr einiges ab, insbesondere in den Szenen, in denen sie an Stelle ihres jüngeren Selbst tritt. Doch die McColl meistert auch diese Aufgabe mit Eleganz und Würde. Ein guter Schachzug Bassets ist es dann auch, dass er sich mit der jungen und schönen Gala Besson eine Doppelgängerin der McColl für die Rolle als deren Mutter in jungen Jahren gesichert hat. Die Ähnlichkeit zwischen beiden ist frappierend und unterstützt den Film. Ebenfalls eine großartige Besetzung ist Murray Head als Stiefvater der Heldin. Murray Head kennt man als den Sänger, der einst im Jahre 1984 mit dem von den beiden ABBAs Benny Andersson und Björn Ulvaeus komponierten Song „One Night in Bankog“ aus dem Musical Chess die Charts anführte. Dass er auch auf eine lange und erfolgreiche Karriere als Schauspieler zurückblicken kann, wissen wahrscheinlich nur die wenigsten hierzulande. In England ist er da weitaus populärer. Er spielt den Stiefvater Jim sehr überzeugend. Während man zunächst noch das Gefühl hat, in dem Mann würde eine schwarze Seele versteckt sein, wandelt er sich doch zum sehr bodenständigen, sympathischen Helden, dem man als Einzigen zutraut, dass er den gordischen Knoten aus alter Schuld und verdrängten Erinnerungen durchschlagen kann.

Die große Entdeckung ist aber Hauptdarstellerin Lilly-Fleur Pointeaux, die der Protagonisten Jessica ihr makelloses Antlitz leiht. Lilly-Fleur Pointeaux ist gleichzeitig verletzlich und scheu, wie auch selbstbewusst und voller Tatendrang. Es macht Freude ihr zuzusehen, wobei ihre Schönheit und Bereitschaft, sich auch in freizügigeren Posen filmen zu lassen, gerade in den Traumsequenzen diesen eine in doppelter Hinsicht traumhafte Qualität verleihen. Dabei soll aber nicht vergessen werden, dass die Pointeaux auch in schauspielerischer Hinsicht ihren namenhaften Mitspielern das Wasser reichen kann. Man kann gespannt sein, was in Zukunft noch von ihr zu erwarten ist.

So bleibt „Horsehead“ vor allem ein Versprechen. Kein schlechter Film, nur einer der es nicht schafft, ausgetretene Pfade konsequent zu verlassen, und etwas wirkliche Neues zu bieten. Innerhalb seiner Leitplanken weiß „Horsehead“ aber trotz einer eher dünnen Geschichte zu gefallen und kann neben schönen Bildern vor allem tolle Schauspieler und einen großartigen Soundtrack aufbieten.

Di bei Donau Film erschienene Blu-ray lässt bildtechnisch keinerlei Wünsche übrig. Kräftige, intensive Farben und ein echtes, tiefes Schwarz. Die deutsche Tonspur liegt nur in Stereo vor und leidet unter einen wirklich lieblosen Synchronisation. Da sollte man dann lieber auf den Originalton der franzöische Film wurde komplet auf Englisch gedreht) zurückgreifen, der nicht nur sehr viel lebendiger ist, sondern auch in 5.1. vorliegt. Die Extras sind dünn. Neben dem Trailer gibt es noch ein 15-minütiges Featurette, in dem der Regisseur über die Idee zum Pferdekopfmonster spricht und dessen Modelierung gezeigt wird. Sehr viel mehr bietet hier das teure 3-Disc-Media-Book, welches neben einem fast einstündigen Making Of noch diverse längere Featurettes, den Soundtrack und einen 16-seitiges Booklet mit einem Text von Marcus Stiglegger enthält.

DVD-Rezension: “In the Name of the Son”

Von , 6. März 2015 21:27

inthenameofthesonDie tiefgläubige Elisabeth (Astrid Whettnall) ist Moderatorin einer religiösen Ratgebersendung und führt ein glückliches Leben mit ihrem Ehemann und ihren zwei Söhnen. Ihr Leben gerät aus den Fugen als sich erst ihr man versehentlich erschießt, dann ihr Vertrauter, der Priester Achilles (Achille Ridolfi), sich als pädophil entpuppt und eine Liaison mit ihrem 13-jährigen Sohn Jean-Charles (Zacharie Chasseriaud) eingeht. Als dieser seiner Mutter seine Homosexualität gestehen will und dabei auf harsche Ablehnung triff, bringt er sich vor den Augen Elisabeths um. Elisabeth ersucht um eine Audienz beim Bischof, um für das Seelenheil des Selbstmörders zu sorgen, muss aber feststellen, das die katholische Kirche nicht nur die Pädophilie ihrer Mitglieder unter den Tisch kehrt, sondern auch den Opfern die Schuld zuschiebt. Voller Wut und Schmerz zieht Elisabeth tödliche Konsequenzen…

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Wieder einmal wird der potentielle Käufer eines Filmes auf eine vollkommen falsche Fährte gelockt, wenn er einen Blick auf das Cover der DVD des Filmes „In the Name of the Son“ wirft. Das beginnt mit der Schriftart, die an Filme wie „Burn After Reading“ oder diverse „cool-abgefahrene“ Gangsterfilme erinnert. Dann geht es weiter über den dämlichen Untertitel „Sprich Dein Gebet“, der Cover-Gestatung, die an einen an übertrieben-irrwitzigen Alex-de-la-Igleasias-Komödien denken läßt und endet schließlich beim bewusst flapsig formulierten Covertext. So wir dem Käufer suggeriert, bei „In the Name of the Son“ würde es sich um einen durchgeknallten Schenkelklopfer voller skurriler Typen mit großen Wummen handeln. Wer mit dieser Erwartungshaltung an den Film herangeht, wird zwangsläufig ein langes Gesicht machen und den Film möglicherweise als langweilig brandmarken. Was dem Film gegenüber mehr als unfair ist, denn „In the Name of the Son“ entpuppt sich als leise, tiefschwarze Komödie, die sehr ernste Themen anpackt und diese respektvoll behandelt. Natürlich in einer Form der Überspitzung, doch im Grundtenor bleibt es eine melancholisch grundierte, intelligente und provokative Auseinandersetzung mit religiösem Fanatismus, Heuchelei und Pädophilie, was trotz einiger Übertreibungen nicht ins Lächerliche gezogen wird – nimmt man einmal die paramilitärische Einheit eines radikalen Priesters aus. Aber auch bei dieser, bleibt einem das Grinsen im Halse stecken.

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Nach der Hälfte der Spielzeit bekommen die Zuschauer, die von den falschen Versprechungen der Werbemaschinerie angelockt wurden, das, worauf sie gewartet haben. Nach einer überraschend brutalen und grafischen Szenen, in der einer Figur aus heiterem Himmel der Schädel zermatscht wird, folgt ein schön choreographierter und absurder Abschnitt, in dem die Mutter Jagd auf einen Priester macht. Doch diese vermeintlich „coolen“ oder „abgedrehten“Szenen werden spätestens dann gebrochen, wenn die Mutter sich nach dem letzten Mord voller Verzweiflung und Trauer die Pistole an die Schläfe hält. Denn dies ist keine Geschichte, in der die Rache eine Form von Erlösung bringt. Mit den Morden versucht Elisabeth, die Mutter, ihr zerstörtes Weltbild wieder ein wenig zu kitten. Sie glaubt daran, irgendwie Gottes Willen zu erfüllen, obwohl ihr Glauben schon lange bis ins Mark erschüttert ist. Es ist keine Rache, die Elisabeth da übt, es ist der verzweifelte Versuch, die eigene Schuld auszulöschen und in einem wirr, religiösen Wahn, die Seele ihres Sohnes zu retten. Um die Tragik ihres Charakters zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, wie tief ihr Weltbild und Selbstverständnis zerstört wurde. Der Ehemann und der Sohn geben vor, gemeinsam Campen zu gehen, dabei sind sie Mitglieder eine paramilitärischen Organisation. Der Priester, dem sie zutiefst vertraut und verehrt, entpuppt sich als pädophil, der Sohn gesteht ihr seine Homosexualität und bringt sich um, als sie ihn schroff zurechtweist. Die Kirche, die ihr großer Rückhalt ist, entpuppt sich als heuchlerisch und menschenfeindlich. Das Bedürfnis, diese aus den Fugen geratene Welt wieder zurecht zu rücken, entspringt einem tiefen Trauma, keinem schnöden Rachegelüsten. Und so kann die Erlösung für Elisabeth am Ende dann auch nur in einer Rückbesinnung auf Nächstenliebe und Versöhnung bestehen, ohne das Diktat einer verlogenen Organisation, sondern ganz aus der eigenen Person heraus. Erst als Elisabeth die Fesseln der Kirche abwirft und sich ganz auf den Kern der Religion konzentriert, findet sie Frieden.. und vielleicht sogar Gott.

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Es ist überraschend, wie sensibel der Film mit dem delikaten Thema, des pädophilen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche, umgeht. Denn er wird nie plakativ, sondern stellt auch unbequeme Fragen. Besonders überrascht, wie der Missbrauch des 13-jährigen Jean-Charles durch den Priester Achilles (der seine verwundbare Verse schon im Namen trägt) inszeniert wird. Die schwierige Frage ist hier, ob man auch von einem Missbrauch reden kann, denn zwischen den beiden existiert eindeutig eine beidseitige, tief empfundene Liebe. Nicht nur wird Achille bis dahin als positive Erscheinung in einer verknöcherten Kirche präsentiert, er ist auch der Sympathieträger des Filmes. Und die Szenen, in denen sich Achilles und Jean-Charles nahe sind, werden sehr zärtlich ins Bild gesetzt. Auch ist Jean-Charles‘ Selbstmord nicht Folge des Missbrauchs, sondern des Umgangs der Kirche mit dem von ihm geliebten Menschen, der große Verlust und schließlich die feindselige Reaktion seiner Mutter, als er ihr seine Homosexualität offenbart. In einem anderen Zusammenhang verfolgte ich kürzlich eine Diskussion zu Louis Malles Inzest-Film „Herzflimmern“ (Kritik hier), in der die legitime und nachdenkenswerte Frage gestellt wurde, wie das Publikum heute reagieren würde, wenn es nicht um einen 13-jährigen Jungen gehen würde, der von seiner Mutter verführt wird, sondern um ein gleichaltriges Mädchen und ihren Vater. Natürlich war Achilles Verhalten falsch, aber die eigentliche Katastrophe wird von der Mutter ausgelöst, die ihrem Sohn nicht zuhört und seine Sexualität nicht akzeptiert. Und von einer Kirche, die ihre Skandale unter den Teppich kehrt und in einer perversen Logik die Opfer für ihr Schicksal verantwortlich macht.

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Regisseur Vincent Lannoo stehen wundervolle Schauspieler zur Verfügung, allen voran Astrid Whettnall in der Rolle der Elisabeth, die sich zunächst tiefgläubig ihre Welt so macht, wie es ihr gefällt. Ihre erschreckend naiven und weltfremden Ratschläge, die sie in ihrer christlichen Radiosendung gibt, zeigen, wie sehr sie ins Korsett eines blind machenden und die normale Logik ad absurdum führenden Glaubens eingeschnürt ist. Wie Astrid Whettnall den langsamen Zusammenbruch dieses Menschen spielt, ist beeindruckend. Auch Jungmime Zacharie Chasseriaud in der Rolle des Sohnes Jean-Charles zeigt eine beeindruckende Bandbreite an schauspielerischen Möglichkeiten. Achille Ridolfi gelingt es als Pater Achilles, eine liebenswürdige Melancholie, aber auch eine tiefempfundene Liebe zu Jean-Charles zu vermitteln. Die Szene, in der er allein in seiner Kammer auf dem Bett sitzt und leise vor sich her singt ist ebenso wunderschön, wie tief traurig. Auch Philippe Nahon macht seine Sache als väterlicher, aber auch machtbewusster Père Taon sehr gut. Hinter seiner liebenswürdig-schrulligen Art blitzt immer wieder der alte „Menschenfeind“ aus Gaspar Noes gleichnamigen Film auf. Der Rest des Ensembles ist ebenfalls gut besetzt und mit Ausnahme des bösartigen Bischofs und des durchgeknallten Militär-Priesters, sind alle Figuren sehr ambivalent und lebendig gezeichnet.

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„In the Name of the Son“ ist trotz des vom Verleih erweckten, gegenteiligen Eindrucks keine durchgeknallte Komödie, sondern eine größtenteils leise Tragödie, die mit schwarz-absurden Humor leicht gewürzt wurde. Unterstützt von hervorragenden Schauspielern wählt Regisseur Vincent Lannoo einen ebenso intelligenten, wie ambivalenten Ansatz, um sich mit solch schwierigen Themen wie Pädophilie, religiöser Blindheit, einer verlogene Kirche und den menschliche Unzulänglichkeiten auseinander zu setzten. Ein sehenswerter Film, dem man eine bessere Bewerbung gegönnt hätte.

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Neben der oben bereits erwähnten, irreführenden Aufmachung des Filmes, muss man Donau Film, die den Film veröffentlicht haben, auch vorwerfen bis auf einige Trailer keinerlei Extras mit auf die DVD gepackt zu haben. Gerade bei diesem Film wären einige Statements des Filmemachers interessant gewesen. Dafür kann man bei Bild- und Tonqualität nicht meckern. Das Bild ist gut und scharf, kommt einem allerdings auch ein Tick zu hell vor. Aber dafür gibt es ja eine Fernbedienung. Der Ton ist gut verständlich und kommt als gute deutsche Synchronfassung oder in der französischen Fassung mit abschaltbaren deutschen Untertiteln daher.

DVD-Rezension: “Among the Living”

Von , 3. März 2015 21:49

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An ihrem letzten Schultag vor den Ferien werden Victor (Théo Fernandez), Dan (Damien Ferdel) und Tom (Zacharie Chasseriaud) von ihrer strengen Lehrerin zum Nachsitzen verdonnert. Doch statt ihre Strafe abzusitzen, nehmen sie Reißaus und vertreiben sich die Zeit in der Natur. Dabei geraten sie auf das verlassene Filmgelände der Blackwoods Studios. Als sie dort zufällig eine brutal zugerichtete Frau im Kofferraum eines Autos finden und von einer vermummten Gestalt verfolgt werden, können sie knapp vom Filmgelände entkommen. Während die Polizei ihnen ihre abenteuerliche Geschichte nicht glaubt, macht sich der Unheimliche auf, die drei Kinder aus den Weg zu räumen…

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Spricht man über die Regisseure von „Among the Living“, Alexandre Bustillo und Julien Maury, kommt man nicht umhin, ihren Erstling zu erwähnen. 2007 gelang ihnen mit „Inside“ ein aufsehenerregendes Debüt, welches zusammen mit Filmen wie „High Tension“ von Alexandre Aja und „Martyrs“ von Pascal Laugier zu den Speerspitzen eines neuen, harten Welle des französischen Splatterfilms wurde. Kein Wunder also, dass dieser Film dann auch postwendend von den deutschen Behörden einkassiert wurde. Wer glaubte, dass sie mit ihrem zweiten Film, „Livid“ (Rezenision hier), die eingeschlagene Gangart fortsetzen würden, sah sich ge-, oftmals auch enttäuscht. Trotz einiger Härten ist „Livid“ eher eine Mischung aus klassischem Grusel- und Märchenfilm. „Among the Living“ ist nun erst ihr dritter Spielfilm und reiht sich irgendwo zwischen „Inside“ und „Livid“ ein. Weder besitzt er die Ultragewalt eines „Inside“, noch den märchenhaften Grusel eines „Livid“. Trotzdem nutzt er Elemente, die bei seinen beiden Vorgängern bereits zu finden sind. Die Eröffnungsszene weist mit einer hochschwangeren und messerschwingenden Béatrice Dalle ganz klar auf „Inside“ hin. Gleichzeitig schwebt über den Szenen mit den drei Jungen, die aus der Schule in die Natur flüchten, auch das golden-märchenhafte aus „Livid“. Das wirkt auf den ersten Blick recht inhomogen, als wüssten die Regisseure nicht, in welche Richtung sie sich bewegen wollten. Und tatsächlich ist die Inszenierung der ersten Hälfte des Filmes sehr viel schwelgerischen und vor allem näher an den Charakteren als die zweite Hälfte die teilweise sehr gehetzt wirkt, als ob hier zahlreiche Handlungselemente aus Straffungsgründen über Bord geworfen worden wären.

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In der ersten Hälfte konzentrieren sich Bustillo & Maury ganz auf ihre drei Protagonisten und ihre Flucht aus einer repressiven Umwelt, hinaus in die große Freiheit. Dabei werden alle drei nicht als sympathische Helden präsentiert, sondern sind schwierige Teenager, die nicht wirklich wissen, wo sie in der Welt stehen und diese Unsicherheit mit Aggression und krimineller Energie ausgleichen. Trotzdem zeigen Bustillo & Maury auch die schönen Seiten der Jugend. Das in den Tag hinein träumen, der Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit und den noch vorhanden „sense of wonder“. All dies wird von Bustillo & Maury in romantisierenden, warmen Bildern festgehalten. Dass die drei dabei ohne Skrupel einem Bauern die Scheune abfackeln wollen und Tom diesen fast tot schlägt, irritiert und wirft den Zuschauer aus der Bahn, denn dies entspricht nicht dem, wie sich jugendliche Protagonisten im Film zu benehmen haben. Daher greift hier auch nicht der oft herangezogene Vergleich mit „Stand By Me“. Während die – deutliche jüngeren – Freunde dort zwar auch „verbotene“ Dinge taten, war dies nur ein neugieriges Herantasten an die eigenen Möglichkeiten. Victor, Tom und Dan sind frustriert mit ihrem Leben, was ihr aggressives Verhalten gegenüber der Lehrerin und dem Bauern erklärt.

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Hier wird bereits der Bogen zu dem großen Thema geschlagen, welches Bustillo & Maury bereits in ihren beiden ersten Filmen beschäftigten und welches hier am Deutlichsten zu Tage tritt: Die Sehnsucht nach einer glücklichen Familie als Idealbild und das Leiden, welches durch disfunktionale Familien geschaffen wird. Die drei Protagonisten vermissen ein funktionierendes Familienumfeld. Tom wird von seinem alkoholabhängigen Vater verprügelt und entwickelt durch Mordphantasien, die er am Anfang des Filmes auf den verhassten Bauern überträgt. Dan ist für seine Eltern nur ein Klotz am Bein. Als er nach seinem abenteuerlichen Ausflug von der Polizei nach hause gebracht wird, strafen ihn seine Eltern mit Missachtung und überlassen ihn der Aufsicht eines – für diese Aufgabe offensichtlich nicht geeignetem – Kindermädchens, um in die Oper zu gehen. Allein Victor lebt in einem liebenden Umfeld, hat den Tod seines Vaters aber nicht überwunden und dementsprechend eine heftige Abneigung gegen seinen Stiefvater, dem er an einer Stelle Alkoholismus unterstellt. Am Ende wird aber gerade der Zusammenhalt seiner Familie und die Wärme des Nestes ihn retten. Auch der Killer hat ein schwieriges Familienumfeld, mit einem obsessiven Vater und einer Mutter, die ihn erst versucht zu töten, um sich dann selbst das Leben zu nehmen. Kaputte Familien also, wohin man blickt. Doch dort, wo die Saat der Liebe noch aufgehen kann, dort besteht noch Hoffnung. Eine sehr konservative, aber doch auch sehr schöne Botschaft.

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Bustillo & Maury verzichten bei „Among the Living“ zum größten Teil auf das, was sie bekannt gemacht hat: Exzessiven Gore. Stattdessen setzten sie auf einen eher klassischer Grusel, bei dem sich mehr im Kopf als vor den Augen des Zuschauers abspielt. So werden viele der Morde gar nicht erst gezeigt, sondern lediglich durch einen harten Schnitt angedeutet. Was durchaus Sinn macht, denn es handelt sich bei den Opfern um Kinder, was dem Film einigen Ärger und vor allem einen kommerziellen Tod eingebracht hätte. Doch wenn sich die Gewalt gegen Erwachsene richtet, lassen Bustillo & Maury dann doch noch einmal den alten Gorehound von der Leine. In einer besonders qualvollen Szene zeigen sie in aller Ausführlichkeit, wie der Killer sein Opfer quält und schließlich auf ausgesprochen unangenehme Weise umbringt. Ein anders Mal setzten Bustillo & Maury auf einen spektakulären Splattereffekt. Beides kommt aufgrund der eher zurückhaltenden Inszenierung am Anfang vollkommen überraschend und und soll möglicherweise die etwas sensibleren Zuschauer destabilisieren.

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Wie schon in „Livid“ ist die Inszenierung der beiden Regisseure Bustillo & Maury ausgesprochen elegant. Die Kamera gleitet durch die Szenerie und das sichere Auge für schöne Bilder unterstützt insbesondere die erste Hälfte des Filmes in der die Jungen in eine wahrhaft magische Stimmung versetzt werden. Diese schlägt dann in einen Albtraum um, wenn Bustillo & Maury mit großer Effektivität eine verfallenen Filmstadt als Hintergrund nutzen und ihr „Monster“ einführen. Dieses ist zunächst durch eine schmutzig-verrottete Clownsmaske getarnt, so dass man seine wahre Natur mehr erahnen muss, als sie dem Zuschauer offenbart wird. Wird diese dann enthüllt, ist es Geschmackssache, ob man nun den merkwürdigen Clown oder den kahlen, nackten Mann mit Unterbiss gruseliger findet. Dieser tritt dann im letzten Drittel in Action, wenn sich „Among the Living“ in eine lupenreine Home-Invasion-Geschichte verwandelt. Der Kampf einer Familie gegen den schier unbesiegbaren, unheimlichen Eindringling ist von Bustillo & Maury mit großer Intensität und Herzklopfen in Szene gesetzt worden und scheut auch nicht vor einigen Geschmacklosigkeiten zurück. Damit werden allerdings auch einige faustgroße Logiklöcher überspielt, die einem sonst vielleicht schwerer im Magen liegen würden.

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Mit „Among the Living“ haben Alexandre Bustillo und Julien Maury ihren nunmehr dritten Spielfilm abgeliefert, der zwar einige Härten enthält, sich aber im Großen und Ganzen mit seinen Splatter-Effekten stark zurücknimmt und eher auf eine zunächst idyllische, später bedrohliche Stimmung setzt. Die Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, degenerierter Horrorfamilie und Home-Invasion-Story ist in ihren Einzelteilen stilistisch recht unterschiedlich in Szene gesetzt worden, verfolgt aber mit der Konzentration auf das Thema „Familie“ einen roten Faden. Auch wenn dieser durch einige Ungereimtheiten fast aufgerieben wird.

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Die Bildqualität der bei Sun Entertainment erscheinen DVD ist sehr gut, auch wenn das Bild manchmal etwas zu hell und Schwarztöne nicht dunkel genug erscheinen. Beim Ton kann man keine Schwächen ausmachen und die Synchronisation ist auch okay. Beim Bonusmaterial findet sich ein 60-minütiges „Making Of“, welches allerdings eher eine B-Roll ist, da kommentarlos Szenen von den Dreharbeiten gezeigt werden.

DVD-Rezension: „Snowpiercer“

Von , 28. September 2014 21:33

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Der Versuch die globale Erwärmung zu stoppen, war ein folgenschweren Fehler. Durch die versuchte Manipulation des Menschen ist nun die ganze Welt zugefroren. Die wenigen Überlebenden dieser globalen Katastrophe rasen in einem riesigen Zug, dem „Snowpiercer“, durch die Eishölle, die einst die Erde war. Während ein Teil der verbliebenen Menschheit in hinteren Zugende vor sich hin vegetiert und von den Soldaten der Mächtigen geknechtet wird, leben der Teil in den vorderen Abteilen in Saus und Braus. Curtis (Chris Evans), der in hinteren Teil des Zuges lebt, werden geheimnisvolle nachrichten zugespielt, die ihm Hoffnung geben, etwas an den unwürdigen Verhältnissen ändern zu können. Zusammen mit dem alten Gilliam (John Hurt) und den jungen Edgar (Jamie Bell) plant er einen Aufstand. Er will versuchen sich mit einer Gruppe Rebellen bis an die Zugspitze vorzukämpfen. Bis zu Mr. Wilford (Ed Harris), der Schöpfer und Herrscher des „Snowpiercer“…

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Snowpiercer“ ist eine internationale Co-Produktion par excellence. Der Film beruht auf einem französischem Comic, und wurde von einem koreanischen Regisseur, mit amerikanischen, britischen und koreanischen Schauspielern in den Hauptrollen, in Tschechien gedreht. Vielleicht ist es diese vitale Mixtur, die „Snowpiercer“ weit über die groß-budgetierten Hollywood-Blockbuster erhebt, welche sich ebenfalls mit dem Ende der Welt befassen. „Snowpiercer“ ist intelligent, konzentriert sich auf seine Charaktere und ist visuell ebenso einfallsreich, wie beeindruckend. Er erzählt in einer Allegorie viel über die Missstände in unsere Gesellschaft, ohne dabei zu deutlich den Zeigefinger zu erheben, oder predigend zu wirken. Der Produzent Harvy Weinstein, der die Veröffentlichungsrechte für die USA besitzt, war dies allerdings schon zu viel – er wollte den Film nur in einer um 20 Minuten gekürzten Fassung herausbringen, die den Action-Gehalt betont und „langweilige Charakterisierung“ eliminierte. In Europa aber konnte von vornherein der vollständige Film erscheinen. Hier hatte wohl niemand Angst, das Publikum könnte überfordert werden.

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Wobei diese Angst nicht unbegründet ist, denn was auf den Zuschauer an Wendungen, Grausamkeiten und schierer Hoffnungslosigkeit entgegenschlägt, sucht selbst in einem Film mit dieser Thematik, durchaus seines gleichen. Nein, ein fröhlicher Film ist „Snowpiercer“ ganz gewiss nicht, trotz der überspitzten Darstellung Tilda Swintons, die manchmal zum Grinsen anregt. Doch Swintons Charakter Mason ist trotz aller unterhaltsamen Affektiertheit eine finstere Seele. Ebenso wie die einzige andere Szene, die einen gewisse ironischen Wert hat: In einem der Zugabteile werden Kinder von einer fröhlichen Lehrerin mit lächerlichen Propaganda-Liedern indoktriniert. Wer denke hier nicht an das Bruderland des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho? „Snowpiercer“ steckt voller solcher Metaphern. Da sind die Drogen, die der explosive Zündstoff sind, der die Welt im wahrsten Sinne des Wortes aus den Angeln hebt. Und natürlich der Zug selber. Eine hermetische Welt, in der die da oben, die da unten knechten und ausbeuten. In der es unterschiedliche Klassen gibt, und die Einen alles und die Anderen nichts haben. Hier Sushi, dort Kakerlaken. Die Kunst Bong Joon-hos liegt darin, das diese Zusammenhänge dem Zuschauer natürlich sofort klar sind, sie aber nie aufgezwungen wirken.

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Neben der visuell atemberaubenden Gestaltung, die einen stets im Zustand der Klaustrophobie hält, und bei der jedem der Wagen ein individueller Charakter gegeben wird, brillieren auch die Schauspieler. An erster Stelle sei hier Chris Evans genannt. „Captain America“ ist hier nicht wiederzuerkennen. Evans spielt den Helden wider Willen mit einer beinahe physisch spürbaren Traurigkeit, aber auch einer unbändigen Stärke, die aus der Wut über die ungerechten Verhältnisse im Zug geboren wurde. Den erschütternden Monolog, den er am Ende hält, hätten dem schönen Evans nach seiner Karriere als eher blasser Marvel-Held kaum jemand zugetraut. Doch Evans schafft es in dieser Schlüsselszene eindrucksvoll, dem Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Aber auch die anderen Darsteller können mithalten, voran Bong Joon-hos Lieblingsdarsteller, der südkoreanische Megastar Song Kang-ho, der wieder einmal beweist, dass großes Schauspiel, nicht unbedingt gleich große Gesten bedeutet. Hervorzuheben ist auch Ko Ah-seong, die seine Tochter Yona spielt. Ein genialer Schachzug ist das Casting von Ed Harris, der hier eine ganz ähnliche Rolle wie in „The Truman Show“ spielt. Ein Film, mit dem „Snowpiercer“ weit mehr gemein hat, auch auf den ersten Blick zu erkennen ist.

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Heimlicher Star des Filmes ist jedoch Tilda Swinton als Ministerin Mason. In entstellender Maske gibt die Swinton mit viel Mut zur Hässlichkeit eine ihrer exzentrischen Darstellungen. Womit sie sich stark vom Rest der Besetzung abhebt. Swinton gibt dem Film zwar ein parodistisches Element, ihre Mason wirkt dadurch allerdings wie ein Fremdkörper. Ein bunter Cartoon-Charakter in einer rauen, schwarz-weiß-Welt. Mason kennt zwar weder Skrupel, noch Gnade, aber wenn sie in hündischer Unterwürfigkeit ihr Mäntelchen in dem Wind hängt, macht sie dies zu einer ebenso hassenswerten, wie unterhaltsamen Figur. Ebenfalls wie im falschen Film wirkt zunächst Masons Helfershelfer Franco, der im Stile einer unbesiegbaren Killermaschine agiert. Im Kontext des Filmes stören diese beide Figuren aber nicht. Beide lockern das düster-verzweifelte Geschehen etwas auf, und geben der permanenten Gefahr, in der sich die Gruppe der Aufständischen befindet, ein einprägsames Gesicht.

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Auch das von Bong Joon-ho und Kelly Masterson verfasste Drehbuch befindet sich auf höchstem Niveau. Von den offensichtlichen Allegorien abgesehen, gelingt es den Autoren, den Zuschauer beständig aus der Bahn zu werfen und mit scheinbar offensichtlichen Klischees, die das Publikum zunächst in Sicherheit wiegen, zu spielen und diese dann lustvoll zu zertrümmern. In „Snowpiercer“ gibt es keine strahlenden Helden, nur Opfer, die sich gegen ihr herzloses Schicksal auflehnen und nicht erkennen, dass sie doch nur Marionetten in einem perfiden Spiel sind. Liebgewonnene Figuren werden unpathetisch im Vorbeigehen eliminiert, andere vollziehen eine vollkommen unerwartete Wandlung, und selbst der grausame Plan des Zugführers Wilford klingt am Ende dann doch irgendwie ganz vernünftig – zumindest für jemanden, der im Controllingwesen oder als Firmenberater arbeitet.

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Gerade weil „Snowpiercer“ über weite Strecken alles richtig macht, ärgern kleine Schlampigkeiten umso mehr. Wobei ich hier nicht auf die Special Effects, welche die Außenwelt und den Zug kreieren, eingehen will. Diese sind sicherlich nicht state-of-the-art und sehen so extrem künstlich aus, dass dies durchaus in der Intention des Regisseurs gelegenen haben mag. So wirkt die Außenwelt wie der unwirklichen Traum der Passagiere, und das Innere des Zuges wie eine sehr reale Hölle. Vielmehr sind es einige Unachtsamkeiten und Logikbrüche, die das großartige Gemälde verunzieren. So als ob jemand mit Edding eine krakelige Figur auf ein Gemälde von Rembrandt geschmiert hätte. Dies ist umso ärgerlicher, als diese Schludrigkeiten völlig überflüssig und vermeidbar gewesen wären.

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Gestalterisch befindet sich der überaus talentierte Bong Joon-ho auf der Höhe seine Kunst. Es gelingen ihm ebenso spielerisch, atemlose Spannung zu erzeugen, wie ein einen Kampf als grausames, artifizielles Ballett zu inszenieren, indem er die Geschwindigkeit herausnimmt und ihn mit getragener Musik untermalt. Dabei wirkt das Gezeigte nicht heroisch überhöht, wie z.B. in Zack Snyders „300“ und Konsorten. Bong Joon-ho zeigt die brutale Schlacht als das, was sie ist: Ein gnadenloser Tanz mit dem Tod, bei dem es um das nackte Überleben geht. An dieser Stelle muss auch auf Marco Beltramis Musik hingewiesen werden, die die Bilder kongenial begleiten und das Gefühl der Klaustrophobie und der permanenten Gefahr noch verstärkt.

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„Snowpiercer“ ist ein intelligenter SF-Film, der auf allen Ebenen funktioniert. Klar als Allegorie angelegt, besticht er aber auch durch atemlose Spannung, vielschichtige Charaktere, ein beeindruckendes visuelles Design und unvorhersehbare Wendungen. Dabei werden ganz nebenbei kritische Kommentare zum Zustand unserer Gesellschaft abgegeben und ein paranoides Gedankenspiel inszeniert. Lediglich einige ärgerliche Schlampigkeiten mindern den insgesamt hervorragenden Eindruck eines der besten Science-Fiction-Filme der letzten drei Jahrzehnte.

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Das Bild der DVD von Ascot Elite ist gut. Ab und zu wirkt es allerdings etwas weich und hell. In anderen Szenen, vor allem Großaufnahmen, fällt dies allerdings nicht auf. Der Ton ist dynamisch und nutzt insbesondere in der zweiten Hälfte den Raum voll aus. Bei den Extras gibt es in 15-minütiges „Making Of“, welche interessante Einblicke in die Dreharbeiten gibt, aber viel zu kurz ist. Gerade bei diesem Film hätte man sich eine ausführlichere Dokumentation sehr gewünscht. Der Rest ( ein „Making of Spot“ und ein „Special Animated Clip“ von jeweils einer Minute, sowie eine 2,5-minütige Diashow mit „Production Sketches“, sowie diverse Trailer), sind nicht der Rede wert.

Bericht vom 21. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1

Von , 26. September 2014 14:53

Olenburg1Wieder einmal Oldenburg. Wie jedes Jahr habe ich mich auch in diesem Jahr auf in die schöne Nachbarstadt (mit nur 45km kann man durchaus noch von Nachbarschaft sprechen) gemacht. Das 21. Internationale Filmfest rief, und ich war nur allzu bereit, dem Ruf zu folgen. Im Vorfeld waren wieder einige unerfreuliche Dinge bezüglich der mangelhaften Unterstützung durch die Stadt zu hören gewesen. Fast macht es den Anschein, als hätten die politisch Verantwortlichen einen persönlichen Hass auf das Festival. Und wenn man sich noch einmal die mimosenhaften Streitereien aus dem Vorjahr ins Gedächtnis ruft, ist man fast geneigt, diese Möglichkeit Glauben zu schenken.

Noch kann die fehlende Unterstützung der Stadt so halbwegs mit Sponsorengeldern und viel Improvisation mehr oder weniger kompensiert werden. Aber es stellt sich die bange Frage: Wie lange noch? So war ich sehr gespannt, was mich dieses Jahr in Oldenburg erwarteten würde. Wird man die Einschnitte bemerken? Die Antwort lautet: Nein. Der „normale“ Zuschauer wird die dünnen Fäden, mit denen alles zusammengehalten wurde, nicht bemerkt haben. Dafür ein ganz großes Kompliment an Torsten Neumann und sein Team.

Wenn man ganz genau hinsieht, fällt einem natürlich auf, dass der German Independence Award auf Eis gelegt werden musste, so dass es dafür auch keine Jury mit bekannten Namen gibt. Dass das Filmangebot weiter ausgedünnt wurde und vor allem wieder neue, scheinbar kostengünstigere Abspielstätten (mit dem winzigen cineK und dem Casablanca nehmen wieder nur zwei „echte“ Kinos teil) dazukamen, und. Andererseits unterstreicht letzteres noch die familiäre Intimität dieses Festival. Ich erinnere mich noch, dass diese spezielle Stimmung einer großen, cineastischen Familie, in den beiden Cinemaxx-Sälen, die bis 2012 noch zur Verfügung standen, nicht aufkam. Mit der Ausnahme des Casablanca und der weit abseits gelegenen, ungemütlichen Alten Flaiva, konzentriert sich das Festival nun ganz auf die Bahnhofstr. mit cineK, Kulturetage und theaterhof. Was zur Folge hat, dass man sich trotz Kinowechsel immer wieder über den Weg läuft und sich auf der Straße Festival-Gäste und Publikum wunderbar vermischen. Was diesmal sicherlich auch daran lag, dass uns das Wetter laue Altweibersommer-Nächte beschwerte.

Vielleicht war das gute Wetter auch daran Schuld, dass die immer schon recht positive Stimmung auf dem Filmfest Oldenburg, einem diesmal gleich noch wärmer erschien. Oder waren es die Gäste? Viele junge Weiter lesen 'Bericht vom 21. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1'»

DVD-Rezension: “Herzflimmern”

Von , 11. Februar 2014 20:05

herzflimmernDer 15-jährige Laurent Chevalier (Benoît Ferreux), wächst in den 1950er Jahren im französischen Dijon auf. Zu seinem Vater Charles (Daniel Gélin) hat er nur ein sehr distanziertes Verhältnis, dafür liebt er seine italienische Mutter Clara (Lea Massari) über alles. Von seinen beiden älteren Brüdern wird Laurent animiert heimlich Bars zu besuchen, Alkohol zu trinken und Zigarren zu rauchen. Auch sein erstes sexuelles Erlebnis mit der Prostituierten Freda (Gila von Weitershausen) wird von seinen Brüdern arrangiert. Als bei Laurent eine Herzschwäche diagnostiziert wird, fährt er mit seiner Mutter in einen Kurort, wo sich beide ein Zimmer teilen müssen…

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Louis Malle gehörte zwar in das nahe Umfeld der Nouvelle Vague, war aber selber nie ein Teil von ihr. Sein Spielfilmdebüt „Fahrstuhl zum Schafott“ kam bereits ein Jahr vor dem Startschuss der Nouvelle Vague „Sie küssten und sie schlugen ihn“ in die Kinos, und auch später war sein Platz im Spannungsfeld zwischen den jungen Filmemachern, die alle als Filmkritiker im Film Magazin “ Les Cahiers du cinéma“ ihre Sporen verdient hatten, und dem französischen „Qualitätskino“. Aber gerade hier baute Malle sein eigenes Spielfeld auf. Das Interessante an seiner Arbeit ist, dass er sich nie auf einen bestimmten Stil festgelegt hat. Vergleicht man seine Arbeiten „Zazie“ und „Das Irrlicht„, so könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Oftmals wirken seine Werke, als ob hier verschiedene Regisseure am Werk gewesen wären. Denn der gelernte Dokumentarfilmer (er begann seine Filmlaufbahn als Assistent von Jaques Cousteau bei dessen Unterwasser-Dokus) erfand sich mit jedem seiner Filme neu. Der Inhalt seiner Filme bestimmten am Ende ihr Aussehen und nicht etwa irgendein Markenzeichen. In den 70er und 80er Jahren verarbeite Louis Malle auch viel Persönliches in seinen Filmen. Besonders ausgeprägt in den beiden biographischen Filmen „Auf Wiedersehen, Kinder“ und vor allem in „Herzflimmern“.

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„Herzfilmmern“ erzählt von einer Jugend im Frankreich der 50er Jahre. Malle selber war zwar in den 40ern aufgewachsen, doch die Themen, denen er sich hier widmet, sind zeitlos. Es geht um die Schwelle im Leben, an der aus dem Kind ein Mann wird. Mit all den Verwirrungen, physischen und psychischen Veränderungen, dem hin und her gerissen sein zwischen der Suche nach Geborgenheit und dem eigenen Weg. Der 15-jährige Laurent ist kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Auf dem Weg in das Erwachsenenleben durchläuft eine Reihe von Initiationen. Die erste Zigarre, der erste Alkohol, der erste Sex. Doch noch steckt auch noch der Junge in ihm, der seine Mutter vergöttert, auch mal bockig sein kann und kindlich ausgelassen. Dem die Naivität aber bereits abhanden gekommen ist und der anfängt die Welt zu durchschauen. Benoît Ferreux spielt Laurent mit einer großen Natürlichkeit. Malle leitet seinen jungen Schauspieldebütanten präzise an, genau diesen sehr speziellen Zeitpunkt im Leben eines jungen Menschen wiederzugeben. Dabei wird nichts verklärt oder verteufelt. Laurent verhält sich natürlich auch unmoralisch. Aber Malle hebt nicht den Zeigefinger oder thematisiert dies. Er zeigt einfach nur, dies allerdings mit viel Liebe für seine Figuren und die Details. Und jeder dürfte sich in Laurent wiederfinden. Das Austesten von Grenzen, das bewusste Provozieren, um eine Reaktion hervorzurufen, das Forschen und Tasten – aber gleichzeitig auch das noch nicht ganz in der Welt der Erwachsen angekommen sein. Das Unsichere, manchmal über die Stränge schlagende und die großen und kleinen Überraschungen, die das Leben bietet.

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Laurent gleicht dem jungen Malle mit seinem Interesse für Albert Camus, der Faszination von dem Thema Selbstmord, der tiefen Liebe zum Jazz, dem Aufwachsen in einem gut bürgerlichen Haushalt und die Schulzeit in einen streng katholischen Schule. Man kann sich gut vorstellen, dass auch Louis Malle seine Platten gestohlen hat, mit dem Klingelbeutel durch die Straßen gelaufen ist und mit seinen älteren Brüdern gestritten und Unfug getrieben hat. Wie er selber sagt, war er sogar – wie Laurent – einmal mit seiner Mutter nach einem Herzproblem in der Kur und musste mit ihr in einem Zimmer schlafen, was er „bizarr“ fand. Im wahrem Leben ist es aber nicht zu dem Äußersten gekommen ist, wie es der Film zeigt. Diese Inzest-Szene, die den Zuschauer recht unvorbereitet trifft, hat „Herzflimmern“ den Ruf eines Skandal-Films eingebracht. Doch selten sah man dieses Tabu-Thema so leicht und unbeschwert umgesetzt. Es wird nicht moralisch hinterfragt, und wie der Zuschauer dies bewertet, wird ihm selbst überlassen. Malle erliegt auch nicht der Versuchung, die Szene auszuwalzen und exploitiv zu verwenden. Alles verläuft eher nebenbei und nicht wie eine große Sensation. Vor allem entspannt die nachfolgende Szene, in der Laurent die von ihm verehrte Elaine aufsucht, um dann bei deren Freundin Daphne zu landen, die Situation. Und das gemeinsame Lachen der Familie am Ende verhindert ebenfalls, dass man mit einem eher flauen Gefühl im Magen den Film verlässt. Laurent hat nun mit seiner Kindheit abgeschlossen und tritt als junger, freier Mann in die Welt hinaus.

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Die junge Mutter Clara wird von der bezaubernden Lea Massari gespielt. Ein wahrer Wildfang, der so gar nicht zu dem konservativen, steifen Vater passt. Und doch spürt man noch ihre Zuneigung zu dem Mann, der scheinbar auch andere Seiten hat, als die, die seine Kinder von ihm kennen. Was Malle in einer Szene andeutet, in der Laurents Vater leicht angetrunken ist. Dass Clara ihn betrügt, liegt nicht an mangelnder Liebe zu ihrer Familie, sondern daran, dass sie noch jung ist und das Leben in vollen Zügen und unabhängig genießen will. Lea Massari legt so viel Energie und übersprudelnde Lebendigkeit in ihre Darstellung, dass man sich ein wenig in sie verlieben muss. Auch die anderen Nebenrollen sind exzellent besetzt. Sei es Daniel Gélin als strenger Vater, der wie oben beschrieben seiner eigentlich recht eindimensional Rolle Tiefe verleiht und eben nicht, wie ein eiskaltes Monster daher kommt, wie es in anderen Filmen mit autoritären Vaterfiguren oft der Fall ist. Besonders herauszuheben ist auch Michael Lonsdale als Priester und Lehrer Laurents. In ihren gemeinsamen Szenen vibriert er förmlich vor Begehren nach dem Jungen, ohne dass Malle dabei zu offensichtlich wird oder es aussprechen muss. Kleine Gesten, wie das etwas zu lange die Hand auf die Schulter legen oder da gedankenverlorene anfassen des nackten Oberschenkels sprechen aber Bände. Überhaupt ist es Malles großer Verdienst, nie mit erhobenem Zeigefinger oder mit der Hand im Nacken des Zuschauers zu agieren.

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Die große Entdeckung des Filmes ist aber natürlich Benoît Ferreux, der den Laurent mit einer großen Natürlichkeit und nervösen Lässigkeit spielt. Auch physisch passt er perfekt in die Rolle des Kindes an der Schwelle zum Mann. Seine Glieder wirken noch unproportional lang zum Rest des Körpers, seine Bewegungen erscheinen manchmal noch etwas ungelenk und Laurent schwankt stetig zwischen kindlicher Begeisterung an der Entdeckung der Welt der Erwachsenen, als auch tiefes Grübeln darüber, ob er dort überhaupt hineinpassen möchte. Sein Gegenspieler ist François Weber als Hubert. Ein reicher Schnösel, der die snobistischen Phrasen, die seine Eltern ihm eingepflanzt haben, nachplappert und sich dabei als etwas Besser generiert. Dabei steckt dahinter keinerlei Substanz, die scheinbare Abgeklärtheit ist Fassade und so ist es am Ende Laurent, der den „Sieg“ davonträgt. Weil er handelt, statt nur zu reden.

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„Herzflimmern“ ist einer der schönsten und persönlichsten Filme des Meisterregisseurs Louis Malle. Er lässt die Welt des französischen Bürgertums der 50er Jahre detailverliebt wieder auferstehen und zeigt auf sehr sensible Weise das Freud und Leid eines 14-jährigen Jungen, der auf der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenenalter steht, und in diesem Moment in keine der beiden Welten gehört. Auch „der große Skandal“ wird angenehm beiläufig und ohne moralischen Zeigefinger inszeniert. Nicht nur in Louis Malles Schaffen ist „Herzflimmern“ ein Höhepunkt, sondern auch in dem Genre der „Coming of Age“-Filme.

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Dem Berliner Label CMV ist es zu verdanken, dass dieses Kleinod nun endlich auf DVD vorliegt. Das Bild ist gut und gibt kein Anlass zur Beschwerde. Einen Wermutstropfen gibt es jedoch: Der Ton liegt nur auf Deutsch und nicht auf Französisch vor. Das ist sehr ärgerlich, da die deutsche Synchronisation zwar ausgezeichnet ist, die bekannten Sprecher für die Rollen der Jugendlichen aber viel zu alt wirken. Dies gilt insbesondere für Benoît Ferreux, der von Hans-Georg Panczak, der deutschen Synchronstimme von Luke Skywalker in den „Krieg der Sterne“-Filmen synchronisiert wird. Auch Fabien Ferreux als sein Bruder Thomas klingt zu alt, wenn er von Thomas Dannenberg (alias Arnold Schwarzenegger/Sylvester Stallone) gesprochen wird. Hört man im – ebenfalls auf der DVD enthalten – Original-Trailer, so klingen die echten Stimme viel jünger, was dem Film entgegen kommt. Zudem ist der Ton in der Szene nach dem Inzest kurz sehr asynchron, was ziemlich verwirrt. Nichtsdestotrotz muss man CMV dankbar sein, sich dieses Filmes angenommen zu haben.

DVD-Rezension: “Außergewöhnliche Geschichten”

Von , 4. Februar 2014 19:35

aussergewoehnlicheDrei Geschichten nach Edgar Allan Poe.

„Metzengerstein“: Die grausame Gräfin Frederique von Metzengerstein terrorisiert und quält ihre Umwelt, bis sie eines Tages zufällig ihren verfeindeten Cousine Baron Wilhelm Berlifitzing trifft und sich ihn verliebt. Als dieser ihre Gefühle nicht erwidert, lässt sie seinen Pferdestall niederbrennen. Bei dem Versuch sein geliebtes Pferd zu retten, kommt Berlifitzing in den Flammen um. Kurze Zeit später erscheint ein riesiges Pferd im Hof des Schlosses zu Metzengerstein, das auf Frederique eine seltsame Faszination ausübt.

„William Wilson“: Der gefühlskalte und sadistische William Wilson wird seinem Doppelgänger konfrontiert, der immer wieder seine bösen Pläne durchkreuzt.

„Toby Dammit“: Der ständig betrunkene, englische Schauspieler Toby Dammit reist nach Rom, wo er die Hauptrolle in einem christlichen Italo-Western spielen soll. In Rom angekommen begegnet Dammit allerlei skurril-grotesken Gestalten und trifft immer wieder auf ein unheimliches Mädchen…

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In den 60er Jahren erlebte eine Filmform seine Blüte, die heute kaum bis gar nicht mehr gepflegt wird: Der Omnibus-Film bei denen drei oder mehr berühmte Regisseure einen Kurzfilm zu einem Thema liefern. Natürlich gibt es solche Phänomene auch heute, man denke nur an die beiden „V-H-S„-Filme oder „Paris, je t’aime„, doch das sind eher kleinere Produktionen oder – wie im Fall von „Paris, je t’aime“ – bunte Kaleidoskope und kleine Fingerübungen für die Beteiligten. Früher konnten die Segmente durchaus dem Hauptwerk eines Regisseurs zugeordnet werden. Pasolinis berühmter „La Riccota“ gehörte zu einem Film namens „Ro.Go.Pa.G.“ an dem ansonsten noch Jean-Luc Godard und Roberto Rossellini mitarbeiteten. „Hexen von heute“ vereinte neben Pasolini noch Vittorio De Sica und Luccino Visconti. Und François Truffauts Episode „Antoine et Colette“ in „Liebe mit Zwanzig“ (mit weiteren Episoden von Marcel Ophüls und Andrzej Wajda) ist sogar ein wichtiger Bestandteil seiner Antoine-Doinell-Saga. Bei „Außergewöhnliche Geschichten“ ist das gemeinsame Bindeglied zwischen den Filmen der große Edgar Allan Poe. Dieser wurde sicherlich auch vor dem Hintergrund der damals sehr erfolgreichen Reihe mit Roger-Corman-Verfilmungen – die 1968 allerdings schon beendet war – ausgewählt. Der Film wurde dann als italienisch-französische Co-Produktion realisiert, wobei die Franzosen als Regisseure Roger Vadim und Louis Malle, und die Italiener Federico Fellini ins Feld führten. Ursprünglich war noch Orson Welles für das Projekt vorgesehen und sollte zwei Episoden („Die Maske des roten Todes“ und „Das Fass Amontillado“) inszenieren. doch dies zerschlug sich recht bald. Schade, beide Stoffe hätten sich gut in sein Werk eingefügt. Statt Welles wurde Fellini an Bord geholt und dies wahrlich nicht zum Nachteil des Filmes.

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Die erste Episode, „Metzengerstein“, wurde von Roger Vadim umgesetzt, der gerade frisch von den „Barbarella„-Dreharbeiten kam. Von dort hatte er dann auch gleich seine Ehefrau Jane Fonda mitgebracht, die hier die sadistische Gräfin Federica Metzengerstein (in der Vorlage noch ein Frederick) spielt. Die Fonda trägt dann auch gleich einige übriggebliebene „Barbarella“-Kostüme auf, was den männlichen Zuschauer natürlich sehr entzückt. Überhaupt wird sie von ihrem Ehemann ausgesprochen vorteilhaft in Szene gesetzt, so dass sie das ganze Segment mit ihrer strahlenden Schönheit überstrahlt. Und dies ist auch ganz gut so, denn sehr viel mehr hat „Metzengerstein“ leider nicht zu bieten. Nach einem vielversprechenden Anfang, der Federicas Verkommenheit und ihren Sadismus illustrieren soll – dabei allerdings sehr verspielt und weniger erschreckend erscheint – wir die zeit durch zahlreiche Ausflüge der Gräfin zu Pferde gestreckt. Was zwar schön gefilmt ist und neben Frau Fonda auch mit wunderbaren aufnahmen der Bretagne landschaftlich einiges für das Auge bietet, aber darüber hinaus auch reichlich zäh ist. Vadim ist ganz offensichtlich mehr daran gelegen, seine Frau ins rechte Licht zu rücken, als einen gewissen Poe’schen Schrecken zu kultivieren. So bleibt die Geschichte, um den Cousin der in der Gestalt eines riesigen Pferdes zurückkehrt, um sich zu rächen, flach und uninspiriert. Auch die Geschichte um den Wandteppich kann keine gruselige Stimmung hervorrufen und das Ende soll dann wohl lyrisch wirken, enttäuscht aber mit seinem beiläufig Unspektakulären. Immerhin kann man in „Metzengerstein“ den bislang einzigen gemeinsamen Auftritt der Geschwister Fonda bewundern. Pikanterweise als verhindertes Liebespaar.

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Louis Malle nahm die Regie der nächsten Episode, „Wilhelm Wilson“. Zunächst wollte er bei „Außergewöhnliche Geschichten“ nicht mitmachen und sagte erst bei einer zweiten Nachfrage spontan zu, da er aus Paris raus wollte und er den Film in Italien drehen konnte. Das merkt man leider auch an der Inszenierung, die wie „mit links“ gemacht scheint. Malle selber sagt dazu in „Louis Malle über Louis Malle“: „Alles in allem hat mir die Arbeit an dem Film keinen Spaß gemacht. (…) Das Drehbuch war mäßig, eine Regie völlig unkonzentriert.“ Obwohl „William Wilson“ mit Alain Delon einen passenden Hauptdarsteller verfügt und die Geschichte um den geheimnisvollen Doppelgänger durchaus zu Poes Besten gehört, fehlt das gewisse Etwas. Was möglicherweise an der recht beiläufigen Art und Weise liegt, wie die eigentlich Höhepunkte der Episode – die Konfrontationen zwischen Wilson und seinem Doppelgänger – inszeniert sind. Auch erscheint die Rahmenhandlung der Episode, in der protestantische Wilson seine Geschichte einem katholischen Priester beichten will und dann in Panik – und recht sinnfrei – auf den Glockenturm rennt, an den Haaren herbeigezogen und nicht unbedingt zwingend. Immerhin gibt Alain Delon dem Wilhelm Wilson ein arrogantes, kaltes und sehr unsympathisches Gesicht, so dass man ihm durchaus den Tod an den Hals wünscht. Was wohl auch auf Delon selber zutraf. Dazu wieder Malle: „Die Arbeit mit Delon war schrecklich, er ist einer der schwierigsten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte, nein, er ist der schwierigste Schauspieler mit dem ich je zu tun hatte. (…) er war wütend auf mich, und das kam der Ausgestaltung der Figur zugute -, und ich tat, was ich konnte, ihn in einem permanenten Zustand des Zorns zu halten!“.“ Wenn allerdings sein Gegenspieler nie richtig in Erscheinung tritt und dessen Agenda auch im Dunkeln bleibt, wird es mit dem Spannungsbogen etwas schwierig. Höhepunkt der Geschichte ist das Kartenspiel zwischen Wilson und der von einer schwarzhaarigen Brigitte Bardot – die Malle selber für schrecklich fehlbesetzt hielt – gespielten Giuseppina. Aber auch hier fehlt etwas, eine gewisse Dichte und Spannung. Man sieht zu, bleibt aber emotional außen vor. so kann man „William Wilson“ dann auch als kompetent gefilmtes, letztendlich aber etwas lebloses, Werk ansehen, doch außer den eiskalten Augen von Delon und den irritierend pechschwarzen Haaren der Bardot bleibt am Ende nicht viel im Gedächtnis hängen.

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„Toby Dammit“ von Federico Fellini ist demgegenüber ein ganz anderes Kaliber. Gleich zu Beginn führt Fellini den Zuschauer beim Anflug des Flugzeugs, welches den englischen Shakespeare-Schauspieler Toby Dammit in das ihm fremde Rom bringen in eine ganz und gar unwirkliche Welt, welche augenblicklich an das Fegefeuer erinnert. Die ganze Künstlichkeit in dieser Szene mit dem in feuer- orange leuchtendem Himmel erinnert stark an z.B. „Goke – der Vampir auf dem Weltraum“ (aus dem selben Jahr) oder den 12 Jahre später entstandenen „Flash Gordon“ (dessen Set-Designer und Ausstatter Danilo Donati interessanterweise ab Fellinis nächstem Film „Satyricon“ an fast jeden weiteren Fellini-Film in gleicher Funktion mitarbeitete). Auch wenn das Flugzeug gelandet ist und ein zwischen einer Marlon-Brando/Richard-Burton-Parodie und einer lebender Leiche changierender Terence Stamp von Bord stolpert, beschwören Fellini und sein Kameramann Giuseppe Rotunno, der ebenfalls ab „Toby Dammit“ zu Fellinis Stammcrew gehörte – hier ist vielleicht die Verbindung zu Danilo zu finden) die Bilder aus der Zwischenwelt. Terence Stamp als alkoholisierter, ständig über den Rand des Wahnsinns schwankender Toby Dammit ist eine typischen Fellini-Gestalt und erscheint wie ein ins Groteske Überzogener Guido Anselmi aus „8 1/2“). Wie er durch diese surreale Zwischenwelt zwischen Traum und Wirklichkeit, Leben und Tod, Erde und Hölle wankt und dabei lamentiert, schimpft und sich vor irrem Lachen biegt, wirkt fast so unheimlich, wie Klaus Kinski in einem Talkshow-Auftritt in den 70er.

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Unheimlich ist auch Fellinis Welt in „Toby Dammit“, in der schrille Gestalten mit dem, was man gemeinhin als „Fellini-Gesichter“ nennt, ausstaffiert sind und die von Nino Rotas genialem Score untermalt wird. Die Szenen in den Dammit mit seinem Ferrari durch scheinbar immer wieder die selben Dörfer rast und dabei Figuren am Straßenrand stehen, die mal Mensch mal Puppe zu sein scheinen, lässt einen frösteln. Ebenso das Mädchen, welches ihm immer wieder begegnet und das scheinbar eine Inkarnation des Teufels ist. Ihr gruseliger, in Zeitlupe hüpfender Spielball ist dabei eine deutliche Anspielung auf Mario Bavas Meisterwerk „Die toten Augen des Dr. Dracula“. Und die apokalyptische letzte Einstellung nimmt schon Fulcis „Geisterstadt der Zombies“-Finale vorweg. Fellinis Episode ist die mit Abstand stärkste, was auch dadurch gewürdigt wurde, dass sie für das Filmfestival in Tribeca aufwändig von Kameramann Giuseppe Rotunno persönlich restauriert und vom Publikum als Fellinis verlorenes Meisterwerk gefeiert wurde. Zuvor hatte Fellini nach „Julia und die Geister“ drei Jahre lang keinen Film mehr gedreht. Somit war „Toby Dammit“ so etwas wie sein Comeback und läutete die zweite Phase seiner Karriere ein. Auch stilistisch werden schon Elemente vorweg genommen, die er dann bei „Satyricon“, „Rom“oder „Casanova“ noch weiter übersteigerte.

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„Außergewöhnliche Geschichten“ leidet an der gleichen Schwäche, wie viele andere „Omnibus-Filme“ auch, er wirkt sehr inhomogen. Nach der langweilig-belanglosen Vadim-Episode und der zwar besseren, aber unter seinen Möglichkeiten bleibenden Malle-Episode, ist die von Federico Fellini inszenierte, großartige „Toby Dammit“-Geschichte das Highlight dieser Zusammenstellung und gleichzeitig auch ein wichtiges Werk in Fellinis Schaffen. Allein hierfür lohnt es sich, die DVD zu erstehen.

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Das Bild der DVD ist gut, der Ton anständig. Dieser liegt auf Deutsch, Englisch (hier übernimmt der Star der Corman-Poe-Filme, Vincent Price, die Stimme des Erzählers), Französisch und multilingual vor. Letztere Option ist zu bevorzugen, da „Metzengerstein“ auf Englisch, „William Wilson“ auf Französisch und „Toby Dammit“ der Geschichte entsprecht auf Italienisch und Englisch gedreht wurde. Die Extras sind leider sehr mager. Außer einem Trailer hat man noch die Chance, die drei Geschichten einzeln anzuwählen, was aber natürlich auch über das Kapitelmenü möglich wäre und für mich kein wirkliches „Extra“ darstellt. Wenn sich eine Reihe „Masterpieces of Cinema“ nennt, erwartet man doch schon etwas mehr Mühe.

Alle Zitate von Louis Malle aus „Louis Malle über Louis Malle“, herausgegeben von Philip French, Alexander Verlag Berlin, 1998

DVD-Rezension: “Eden und danach”

Von , 3. Januar 2014 20:31

Eden und danach

Das Café Eden ist der Treffpunkt einiger Studenten, die sich dort nach ihren Vorlesungen die Zeit mit merkwürdigen Rollenspielen und Ritualen vertreiben. Eines Tages taucht ein Fremder (Pierre Zimmer) im Café Eden auf und fasziniert die Studenten mit Zaubertricks und Erzählungen. Der Studentin Violette (Catherine Jourdan) verabreicht er ein mysteriöses Pulver, welche sie in Angstzustände versetzt. Am Ende des Abends verabredet sich Violette mit dem Fremden. Am vereinbarten Treffpunkt findet sie seine Leiche und wird von merkwürdigen Visionen heimgesucht. Violette geht mit ihren Kommilitonen ins Kino, wo sie sich gemeinsam einen Film über Nordafrika ansehen. Plötzlich befindet sich Violette in diesem Film und trifft dort nicht nur den Fremden wieder, sondern in unterschiedlichen Rollen auch ihre Freunde…

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„Kino – Realität – Mein Leben“ mit diesen Worten endet die Einleitung zu Alain Robbe-Grillet filmischem Rätsel „Eden und danach“. Die emotionslos gesprochenen Worte, die Verbindung Leben – Kino, das erinnert natürlich sogleich an Jean-Luc Godard. Auch die aseptische, künstliche Umgebung in der der Film beginnt, das Café Eden, lässt zunächst an die Filme Godards aus den späten 60ern denken. Alles ist bewusst künstlich und theaterhaft gehalten. Die Wände sind als Labyrinth arrangiert und mit popkulturellen Hinweisen bestückt. Doch hier endet auch die Vergleichbarkeit zwischen einem Godard-Film und diesem Werk des französischen Schriftstellers und Filmemachers Alain Robbe-Grillet. Während Godard einen brechtschen Verfremdungseffekt nutzte, um politische Statements und philosophische Kommentare plakativ zu unterstreichen, geht es Robbe-Grillet mehr um die Verfremdung an sich und das Herausstellen von Ritualen. So wird das Café von den Studenten in der Tat als Theater für ihre kleinen Spielchen und Stücke verwendet. Dadurch verwandelt sich das Café gleich in doppelter Hinsicht zur Bühne. Für die Spielenden für ihre Spiele, genauso wie für den Zuschauer, der sie bei diesen beobachtet. Bereits hier setzt das Prinzip der Dopplung ein, welches Robbe-Grillet bei diesem Film konsequent verfolgt. Alles findet seine doppelten Entsprechungen später im Film, der sich in eine Hälfte im Café und eine Hälfte in Tunesien spaltet. Die abstrakten Spiele im Café werden später in Tunesien ihre bebilderte Entsprechung finden, ebenso wie Personen, Gegenstände und Symbole.

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In einem sehr aufschlussreichen Interview, welches dankenswerterweise mit auf der vorzüglichen DVD aus dem Hause Donau-Film enthalten ist, erklärt Robbe-Grillet seine Herangehensweise mit zwei Arten der neuen Musik. „Eden und danach“ hat er wie ein serielles Musikstück aufgebaut. „Serielle Musik wird nach strengen Regeln komponiert. Die Kompositionstechnik basiert auf dem Versuch, möglichst alle Eigenschaften der Musik, wie zum Beispiel Tondauer, Tonhöhe und Lautstärke, auf Zahlen- oder Proportionsreihen aufzubauen. Diese Idee einer musique pure entspringt dem Wunsch, eine Musik von möglichst großer Klarheit hervorzubringen, frei von Redundanz, Unbestimmtheit und der Beliebigkeit des persönlichen Geschmacks.“ (Quelle: Wikipedia). Genauso geht auch Robbe-Grillet vor. Er setzt Szene an Szene und wiederholt darin Elemente, die schon zuvor im Film vorkamen. Laut William F. Van Wert, der in „Pioniere und Prominente des Modernen Sexfilms“ zitiert wird, legt Robbe-Grillet den Film als eine Serie von 10 Abschnitten an, in denen sich die 12 Themen des Filmes jeweils wiederfinden. Dies führt zwar dazu, dass eine konventionelle Handlung nicht mehr erkennbar ist, und der Zuschauer die Bilder und Filmelemente „pur“, also ohne Einbettung in eine bewertende Geschichte, aufnimmt. Somit bleibt es auch ganz ihm überlassen, was er daraus macht.

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Dies ist die Idee hinter dem Nouveau Roman, einer literarischen Stilrichtung zu dessen Vertretern Robbe-Grillet gehörte. Hierbei werden „Aspekte des konventionellen Romans wie eine stringent-chronologische Erzählführung, eine individuelle Charakterisierung der Figuren und Subjektivität nicht berücksichtigt und der Vorstellung von Literatur als einer moralischen oder politischen Kraft entgegentritt. Anmerkung: Hier findet sich also auch der Gegensatz zu Godard, der ja Film als politische Kraft Kraft verstand. Die Autoren des Nouveau Roman versuchen die Welt aus einer möglichst neutralen Erzählposition zu schildern, die nur das Sichtbare aufnimmt. Relevant ist dabei nur die Oberflächlichkeit der Dingwelt, zu deren Bedeutung nicht mehr vorgestoßen werden kann. Allenfalls dem Leser bleibt die Auffindung von Sinn überlassen.“ (Quelle: Wikipedia) „Eden und danach“ ist somit eine konsequente Überführung des Nouvau Romans in das Medium des Films.

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Noch deutlicher wird dies beim Gegenstück zu „Eden und danach“, dem experimentellen „N. a pris les dés…“, welcher ebenfalls auf dieser 2-Disc Special Edition enthalten ist. Hier wiederum verwendete Robbe-Grillet, wie er im Interview erklärt, das Prinzip der Aleatorik. „Aleatorik (von lat. aleatorius „zum Spieler gehörig“, alea „Würfel, Risiko, Zufall“) wird in Musik, Kunst und Literatur im weitesten Sinne die Verwendung von nicht-systematischen Operationen verstanden, die zu einem unvorhersehbaren, zufälligen Ergebnis führen. In der Musik können diese Zufallsoperationen sowohl auf der Ebene der Komposition als auch auf der als deren Fortsetzung aufgefassten Ebene der Interpretation angewendet werden und z. B. die Art und Anzahl der Instrumente, die Dauer des Stückes, die Reihenfolge einzelner Abschnitte oder das Tempo betreffen.“  (Quelle: Wikipedia) Nicht umsonst heißt dieses Stück „N. wirft die Würfel“. Robbe-Grillet nahm das gefilmte Material für seinen Film „Eden und danach“, zerschnitt es und ordnete es nach dem Zufallsprinzip neu an. Das Ergebnis ist noch „unverständlicher“ als „Eden und danach“. Dem Zuschauer wird gar nicht erst die Chance eingeräumt, eine Handlung oder einen tieferen Sinn zu erkennen. Er wird mit den Bildern allein gelassen, gezwungen loszulassen und sich ganz dem Bilderrausch hinzugeben. Louis Malle hat etwas Ähnliches mit „Black Moon“ versucht, der aber im Vergleich „N. a pris les dés…“, und auch „Eden und danach“, weitaus erzählerischer ausgefallen ist.

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Bei den Bildern seines ersten Farbfilms orientierte sich Robbe-Grillet an der Farbpalette des großen surrealistischen Malers Rene Magritte, dem er in „Die schöne Gefangene“ ein Denkmal setzen sollte. Insbesondere im Tunesien-Teil dominieren die Farben hellblau, braun und weiß, hier und da durchsetzt mit einem kräftigen Rot. In seine Szenen baut Robbe-Grillet immer wieder Verfremdungseffekte ein, spielt mit Blut- und Sperma-Symbolen, zeigt S/M- und Fetisch-Fantasien und lässt Gegenstände Aussehen und Beschaffenheit ändern. Zentrum des Ganzen ist die umwerfende Catherine Jourdan, deren Schönheit und schlafwandlerisches Spiel einen augenblicklich in den Bann zieht. Mit ihr und um sie herum schafft Robbe-Grillet ikonische Bilder, die einem nicht mehr aus dem Kopf wollen. Wenn sie im Meer badet und sich ihr Kleid an den darunter nackten Körper schmiegt, oder sie vor einem Feuer am Strand tanzt. Catherine Jourdan ist das Aorta des Filmes, die das Blut in alle Körperteile pumpt. Sie macht den Film nicht nur zu einer intellektuellen, sondern auch zu einer ausgesprochen sinnlichen Erfahrung.

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„Eden und danach“ bietet keine nachvollziehbare Handlung, sondern ist ein experimentelles und kompositorischen Regeln unterworfenes Spiel mit Bildern und Themen. Wer dies akzeptiert und Freude am Dechiffrieren von Hinweisen und Symbolen hat, dem wird dieser Film gefallen. Man kann sich aber auch ohne Kenntnis der Hintergründe einfach in die surreale Bilderwelt Robbe-Grillets fallen lassen. Die bezaubernde Catherine Jourdan macht einem leicht, sich von dem Strom der Assoziationen mitreißen zu lassen.

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Die 2-Disc Collector’s Edition aus dem Hause Donau Film trägt im Titel „Alain Robbe-Grillet #1“, was darauf schließen lässt, dass hier noch weitere Titel des bisher in Deutschland sträflich vernachlässigten Künstlers erscheinen werden. Wie man aus zuverlässiger Quelle hörte, sollen dies der bisher in Deutschland unveröffentlichte „Glissements progressifs du plaisir“ und Robbe-Grillets letzter Film „Der Ruf der Gradiva“ (lief bisher nur einmal im Original mit Untertiteln auf arte) sein. Das ist schon mal großer Grund zur Freude, wie überhaupt die DVD wunderbar aufgemacht ist. Neben dem Hauptfilm „Eden und danach“ befindet sich auf einer zweiten DVD noch das „Gegenstück“ „N. a pris les dés…“, sowie ein 30-minütiges Interview mit Alain Robbe-Grillet, welches scheinbar für das französische Fernsehen aufgezeichnet wurde, und welches sehr interessante Statements enthält, die das Verständnis des Filmes etwas vereinfachen und auch einen interessanten Einblick in das Denken Robbe-Grillets werfen. Abgerundet werden die Extras von einem ausgezeichneten 16-seitgen Booklet von Dr. Marcus Stiglegger (der bereits in dem empfehlenswerten, aber leider vergriffenen, englischsprachigen Kompendium „Eyeball“ einen hochspannenden Artikel über den Robbe-Grillet veröffentlicht hat), welches die Person Robbe-Grillet, sein filmisches Werk, aber auch seine literarische Bedeutung beleuchtet. Ein paar kleinere Abstriche muss man beim Bild machen, welches oftmals so wirkt, als ob man durch ein leichtes „Grisselmuster“ sieht. dies fällt allerdings nur auf, wenn man recht dicht vor dem Bildschirm sitzt. „Eden und danach“ besitzt eine deutsche Tonspur, kann aber auch auf Französisch mit deutschen Untertiteln geschaut werden. „N. a pris les dés…“ liegt auf Französisch mit deutschen Untertiteln vor.

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