Nachrichten getagged: Frankreich

Blu-ray-Rezension: „Todes-Brigade“

Von , 22. September 2020 23:55

Eine Bande schwer bewaffneter Motorradfahrer richtet unter den transsexuellen Prostituierten des Pariser Straßenstrichs ein Massaker an. Der Polizist Gérard Latuada (Thierry De Carbonnières) – eigentlich bei der Sitte – wird dem Fall zugeteilt. Bei seinen Ermittlungen wird er mit großen und kleinen Gangstern, Swinger-Clubs und Sexpartys konfrontiert. Bald schon schlägt die Mörderbande erneut zu und unter ihren Opfern befindet sich auch Latuadas Schwester. Ab jetzt ist es persönlich…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

So etwas wie „Todes-Brigade“ konnte es nur in den 80ern geben. Das solch ein Film heutzutage noch einmal produziert würde, ist völlig undenkbar. „Todes-Brigade“ ist so ein Film, für den das Wort Sleaze erfunden wurde. Ein dreckiges, menschenverachtendes, voyeuristisches Spektakel, das sich kein Deut um Sitte und Anstand schert. Was einem heutzutage schon den einen oder anderen Kloß im Hals beschert. Da werden Frauen ausschließlich als Nutten oder unselbständige Weibchen dargestellt (das die Verlobte des Helden Anästhesistin sein soll, ist da eine Ausnahme – wenn Besuch kommt ist es trotzdem selbstverständlich, dass sie erst einmal den Kaffee für die HERRschaften kocht). Gerne in Reizwäsche oder ganz unbekleidet. Und dann werden sie wahlweise vergewaltigt, mit Messern aufgeschlitzt oder sonst wie bedroht. Der psychopathische Killer ist natürlich ein (Zitat:) „Scheiß Schwuler“. Ausländer selbstverständlich alle Verbrecher. So weit, so schwer verdaulich. Aber auch wieder ein Zeitdokument, was zeigt, wo die Gesellschaft Anfang der 80er Jahre noch stand. Heute wäre solch ein Film praktisch unmöglich. Oder nur im Gewand der Parodie denkbar.

Besonders erstaunlich ist, dass dieser Sleaze-Batzen von Max Pécas stammt. Pécas war seit Ende der 50er im Filmgeschäft unterwegs und spezialisierte sich zunächst auf Krimis mit viel Sex, Crime, Gewalt und düsterer Stimmung. Ende der 60er verlegte er sich mehr auf elegant und sorgfältig gemachte Sexfilme, bis er mit dem Aufkommen der Hardcore-Pornographie zu Teenie- und Ferienkomödien wechselte. Pécas war immer ein Regisseur, der vor allem das drehte, was Erfolg brachte. Er war nie ein Visionär oder Autorenfilmer. Auch bei seinen erotischen Filmen ging er (bis auf den harten Sexfilm „Luxure“) nie zu weit und achtete immer darauf, dass er im Rahmen des Zeigbaren blieb. Gerade deshalb reibt man sich verwundert die Augen, wenn man die Freizügigkeiten, die ganze Schmierigkeit und Brutalität von „Todes-Brigade“ sieht. Sie passt im Grunde so gar nicht zu Pécas restlichem Werk. Und man kann spekulieren, dass er auch nicht besonders glücklich mit dem Film war.

Das Drehbuch, an welchem scheinbar Pécas zusammen selber mit schrieb. Sein Co-Autor war der französische Krimiautor Roger Le Taillanter. Dieser leitete als Hauptkommissar in den 70ern die „Brigade de répression du banditisme“ und die Brigade mondaine“. Angeblich wollte er mit dem Drehbuch eigene Erinnerungen an diese Zeit verarbeiten. Nun, man kann kaum glauben, dass sich das alles zu seiner aktiven Zeit bei der „Brigade“ so oder ähnlich abgespielt hat. Zumindest hofft man dies. Es wäre höchst interessant einmal ein Statement von Le Taillanter (oder auch gerne Pécas) zum fertigen Film zu hören. Und wie das Drehbuch letztendlich entstanden ist. Fest steht jedenfalls, dass dieses nicht nur ausgesprochen gewalttätig, homophob, xenophob, frauenfeindlich und voller unsympathischer Charaktere ist, sondern auch von der Struktur her eine ziemliche Katastrophe. Die erste Hälfte besteht praktisch nur aus einer Abfolge scheinbar unzusammenhängender Episoden, bei denen es schwer fällt genau herauszufinden, wer jetzt da gerade gegen oder mit wem. Viele der hier aufgenommen Fäden führen auch einfach ins Nicht. Dafür wird das alles mit äußerster Brutalität und der Extraportion Sleaze umgesetzt. Wenn am Anfang die immer wahrsten Sinne des Wortes zerschossenen Transvestiten auf dem Obduktionstisch liegen und die Kamera immer mal wieder über ihre Geschlechtsteile wandert, während die Polizisten grinsend und feixend in der Ecke stehen, dann weiß man schon in welche Richtung es weitergeht.

Die Hauptrolle spielt der ausgesprochen blasse Thierry de Carbonnières, dem es nicht im Entferntesten gelingt so etwas wie Charisma zu entwickeln. Zwar ist er in der weitaus besseren und fokussierten zweiten Hälfte, wenn er sich zu Racheengel wandelt etwas präsenter, doch auch hier wirkt er immer wie ein Kind, welches einen auf ganz hart machen will. Eine Schau ist demgegenüber sein irrer Gegenspieler Costa, der von Jean-Marc Maurel mit vollem Körpereinsatz, unfassbaren Grimassen und rollenden Augen gegeben wird. Und der damit den Unterhaltungswert des Filmes ordentlich nach oben schraubt. Unter den Damen sticht positiv Lillemour Jonsson als Edel-Call-Girl hervor, während Gabrielle Forest als Freundin des Kommissars eine rein funktionelle Rolle hat. Schade, dass die großartige Brigitte Lahaie (hier unter dem Pseudonym Brigitte Simonin) nur eine kleine Rolle als Polizisten abbekommen hat und recht schnell von der Bildfläche verschwindet.

Mehr bleibt über „Todes-Brigade“ nicht zu sagen. Wenn man sich darauf einlassen möchte, dieses schmierige Bollwerk schlechten Geschmackes als Dokument einer Zeit zu sehen, dann kann man sich sicherlich gut unterhalten fühlen. Denn sein Bemühen um Härte, Coolness und Machismo wirkt heute sehr erheiternd. Langweilig ist das Ganze auf gar keinen Fall, hinterlässt allerdings auch einen gewissen Nachgeschmack.

Die Veröffentlichung durch filmArt präsentiert den Film vollkommen ungeschnitten. Die zuvor fehlenden Szenen wurden im Originalton mit deutschen Untertiteln eingefügt. Die Bildqualität ist okay, sieht ordentlich nach B-Ware aus der Mitte der 80er aus und passt sich damit perfekt dem Inhalt des Filmes an. Neben der Originalfassung sind zwei Synchronfassungen mit dabei. Die eine wurde der Legende nach von der Produktionsfirma angefertigt, um den Film in Deutschland zu verkaufen und ist eigentlich komplett unhörbar. Oder zumindest eine Quelle unaufhörlichen Wunderns. Dass die Rollen von Sprecher von völlig unpassenden Amateur-Sprechern, die möglicherweise nicht unbedingt sattelfest in der Deutschen Sprache waren – okay. Aber auch das Synchrondrehbuch wurde eher improvisiert und klingt so, als hätte es damals schon Google Translate gegeben. Unfassbar. Die zweite Synchro wurde dann für die VHS-Veröffentlichung angefertigt und ist demgegenüber um einiges solider. Und zur Not ist auch der O-Ton mit deutschen Untertiteln noch mit am Start. FilmArts Veröffentlichung kommt als Blu-ray-/DVD-Kombo daher. Den Film gibt es dann auch gleich vier Mal. In der ungeschnittenen Originalfassung (BR/DVD), der deutschen Pressefassung (BR), der deutschen VHS-Fassung (DVD) und in einer verlängerten „(S)Exportfassung“ (auf der BR mit SD-Inserts), die etwas mehr nackte Tatsachen enthält. Davon braucht man eigentlich nur die ungeschnittene O-Fassung, aber aus Vollständigkeitsgründen ist die Auswahl ganz nett. Auf der DVD befinden sich dann auch noch mal die SD-Inserts der „(S)Exportfassung“.

Blu-ray-Rezension: „Baby Blood“

Von , 16. Januar 2020 06:33

Yanka (Emmanuelle Escourrou), die Assistentin und Geliebte des Raubtier-Dompteurs eines kleinen Zirkus, hat unter der gewalttätigen und aufbrausenden Mann sehr zu leiden, fügt sich aber in ihr Schicksal. Dies ändert sich, als eine neue Wildkatze aus Afrika im Zirkus eintrifft. Diese trägt einen jahrtausendealte Parasiten in sich. Die Wildkatze überlebt dies nicht und der Parasit sucht sich einen neuen Wirt: Yanka. Yanka flüchtet aus dem Zirkus in die große Stadt. Hier macht sie sich auf die Suche nach Futter für den Parasiten, der darauf wartet wiedergeboren zu werden. Und dieser ernährt sich von menschlichem Blut…

Alain Robaks „Baby Blood“ und ich haben eine sehr merkwürdige Beziehung zueinander. Unsere erste Begegnung hatten wir auf VHS. Dort war der Film zwar in Deutschland um einige Gewaltspitzen entschärft, aber immer noch recht blutig. Vor allem hatte es mir damals die Hauptdarstellerin Emmanuelle Escourrou angetan, die in „Baby Blood“ recht freizügig agierte. Und die Mischung aus Sex, Blut und Horror sprach mich auch sehr an. Im Wissen darum, dass ich damals nicht den vollständigen Film sah, sondern nur eine (wenn auch leicht) kastrierte (no pun intented) Fassung, war meine Neugierde natürlich groß, was mir da entgangen war. Als ich den Film dann auf einer Filmbörse als DVD des Labels Dragon fand, wanderte sie augenblicklich in meinen Einkaufsbeutel. Allerdings war dann Zuhause die Enttäuschung groß, denn was ich nun mit einigem zeitlichen Abstand zur Erstsichtung zu sehen bekam, konnte mit der Erinnerung nicht standhalten. Das alles zwar ganz okay, konnte aber bei Weitem nicht mit dem Eindruck konkurrieren, den die Erstsichtung bei meinem zehn Jahre jüngeren Ich hinterlassen hatte. Mehr faszinierte mich da schon der, ebenfalls auf der DVD enthaltende, Kurzfilm „Corridor“. Nun sind nochmal zehn Jahre vergangen und „Baby Blood“ ist als Teil der wunderbaren „Drop-Out“-Reihe des Labels „Bildstörung“ auf Blu-ray veröffentlicht worden. Was mich ob meiner Erinnerung an die letzte Sichtung doch wunderte. Doch da man sich bisher immer auf die Filmauswahl der „Bildstörung“-Leute verlassen konnte, war ich sehr gespannt, wie sich die nunmehr dritte Begegnung mit „Baby Blood“ gestalten sollte.

Die Antwort: Weitaus besser als erwartet, doch für den ganz großen Jubel reicht es wiederum nicht. „Baby Blood“ hat ganz wundervolle Anlagen. Der ganze Beginn ist von einer magischen Poesie mit seinem irgendwie heruntergekommenen Zirkus, der latenten Gewalt, den Raubkatzen, der naiven Erotik von Mademoiselle Escourrou und dem blutigen Highlight in einem verwahrlosten Viertel der Stadt, welches wirkt wie eine andere, verwüsteten Welt. Gerade in der ersten Hälfte erzählt „Baby Blood“ sehr effektiv und verzaubert mit seiner blutigen Geschichte einer Selbstermächtigung. Männer kommen hier nur als gewalttätige Karikaturen vor. Lügner, Schwindler, die nur sich selbst lieben und in Frauen vor allem Objekte sehen, die es gilt sexuell auszunutzen. Durch den Parasiten in ihrem Körper wird Yanka gezwungen ihnen nun nicht mehr als wehrloses Opfer, sondern als starke Täterin gegenüberzutreten. Und sie beginnt in diesen lächerlichen Kreaturen keine Menschen mehr, sondern vor allem Futterlieferanten für ihr „Baby“ zu sehen. Dadurch erhält ihr Blick eine Klarheit, die sich auf den Zuschauer überträgt. Wie konnte man diese dummen Schwätzer, sexistischen Hohlköpfe je für eine echte Bedrohung halten. Wo sie sich doch beim Anblick einer attraktiven Frau in sabbernde Trottel verwandeln und jede Vorsicht fahren lassen? Yanka wird zur fleischgewordenen Kastrationsangst dieser Möchtegern-Casanovas, brutalen Machos und halbgaren Incels.

Doch zwei Dinge stören mich weiterhin an „Baby Blood“. Zum einen fallen Yanka bald auch Personen zum Opfer, die es nicht unbedingt verdient haben, als Parasiten-Futter zu enden. So wie eine ältere Dame, die es mit Yanka nur gut meint. Man könnte argumentieren, dass diese Frau mit ihrer Freude über die vermeintliche Schwangerschaft Yankas Klischees und Modelle bedient, die überkommen und Yanka wieder in ein Rollenkorsett pressen wollen. Andererseits handelt die Dame in echter Fürsorge, und dass sie begeistert eine klassische Mutterrolle propagiert, mag man ihr nicht derartig übel nehmen, dass dies ihr hässliches Ende rechtfertigen würde. Zumal Yanka auch nicht viel anders handelt, als es die Gesellschaft von einer Mutter erwartet. Sie kümmert sich ausschließlich um ihr „Kind“ und ordnet diesem alles unter.

An dieser Stelle bricht „Baby Blood“ seinen Ton, und das Gefühl macht sich breit, dass der Film seine konsequente Linie verlässt, um Richtung „coole“ Gewalt abzuwandern. Dazu passt dann auch eine spätere, völlig übertriebene Splatterszene, bei der es dann u.a. auch einen völlig Unschuldigen trifft. Das fügt sich nicht zum Vorangegangenen und hat den Geschmack von Fan-Service für die Gore-Fraktion. Zum anderen ist es wieder einmal ein männliches Wesen, welches Yanka antreibt, sich an der Männerwelt zu rächen. Und dies nachdem es Yanka sogar quasi vergewaltigt hat. Es braucht also wieder den „starken Mann“, um der Frau zu zeigen, was sie machen soll. Nun kann man argumentieren, dass der Parasit ein uraltes Wesen ist und damit über den Geschlechtergrenzen steht – die männliche Stimme und recht typisch männlichen Sprüche sprechen aber wortwörtlich eine andere Sprache.

Die Idee des äonen-alten Wesens, welches sich am Ende als oktopus-artiges Etwas entpuppt, klingt natürlich nach Lovecraft, und dass sein Plan, die Menschheit zu unterjochen auf mehrere tausend Jahre angelegt ist, ein schöner Gag. Überhaupt kann man „Baby Blood“ einen hohen Unterhaltungswert nicht absprechen. Hervorzuheben ist auch die grandiose Leistung der damals noch blutjungen Emmanuelle Escourrou, die ihre Rolle der Yanka im besten Sinne des Wortes „verkörpert“. Schade, dass da dann bis auf einige wenige kleine Rollen und ein offenbar vollkommen misslungenen „Baby Blood“-Sequel namens „Lady Blood“ von 2008 nicht mehr viel kam. Die Anlagen wären da gewesen aus ihr einen Star wie Béatrice Dalle zu machen. Wie leider auch Regisseur und Drehbuchautor Alain Robak nach diesem Film keine nennenswerte Spuren mehr in der Filmgeschichte hinterließ. Als Grund hierfür führt er in einem der dieser Veröffentlichungen beigegebenen Interviews an, dass dies seltsamerweise am Erfolg von „Baby Blood“ gelegen hatte, der ihn ans Horror-Grenre gefesselt hätte. Und dieses wäre in seiner Heimat Frankreich eben nicht nur nicht gefragt, sondern regelrecht verfemt gewesen. In beiden Fällen kann man diese Entwicklung nur zutiefst bedauern,

In Sachen Veröffentlichung hat Drop-Out wieder Großes geleistet. Die Bildqualität dieser Blu-ray kann man einfach nur als superb beschreiben. Der Ton ist klar wie ein Bergsee. Neben diesen nicht unwichtigen Qualitäten punktet Bildstörung aber wieder mal mit den vielen, ungemein spannenden Extras. Das beginnt mit dem französischen Audiokommentar von Alain Robak und Emmanuelle Escourrou, der mit optionalen deutschen Untertiteln versehen wurde. Auf einer Extra-DVD befinden sich dann zahlreiche interessante Interviews, natürlich mit Robak und Escourrou, aber auch mit Kameramann Dernard Déchet und den beiden Darstellern Jean-François Gallotte und Christian Sinniger. Insgesamt geht dieses Segment eine Stunde. Dann ist neben dem oben erwähnten Kurzfilm „Corridor“ (7:39 min), noch der deutlich längere Kurzfilm „Sado et Maso vont en bateau“ (15:38 min., ursprüngliche eine Episode aus dem Anthology-Film „Parano“ von 1994) enthalten. Ebenfalls mit an Bord: Drei von Robak inszenierte Musikvideos, sowie ein netter Spaziergang mit Robak zu den Drehorten (8:29 min.). Wer dann noch nicht genug hat, kann – neben dem Original- und deutschen Trailer, sich noch das dicke, 28-seitige Booklet mit Texten von Jochen Werner, Ariel Esteban Cayer und Christian Kessler zu Gemüte führen. Danke Bildstörung. Alles richtig gemacht.

Blu-ray Rezension: „Der wilde Planet“

Von , 28. September 2018 13:40

Auf dem Planeten Ygam leben die riesigen, blauen Draags. Einst brachten sie vom Planeten Terra die im Vergleich zu ihnen winzigen Menschen mit. Diese nennen sie Oms und nutzen sie als Haustiere. Nach dem Tod seiner Mutter wird der Om-Junge Terr von dem Draag-Mädchen Tiwa mitgenommen und dient ihr als Spielzeug, das sie hegt und pflegt. Terr nimmt dabei auch an den Schulstunden Tiwas teil und erlernt so das Wissen der Draags. Eines Tages flieht Terr und trifft auf „wilde“ Oms, die von den Draags wie Ungeziefer behandelt und beseitigt werden. Ausgerüstet mit dem Wissen der Draags führt Terr die wilden Om in eine Rebellion…

Der wilde Planet“ ist ein Kultfilm. Zusammen mit den Werken von Ralph Bakshi gehört er zu einer fast vergessenen Kunst: Einem Animationsfilm für Erwachsene, der weit entfernt von dem ist, was Disney einst in die Kinos pumpte. Nicht auf Perfektion und sauberes Entertainment für die Kleinen getrimmt, sondern rau, subversiv und durchaus brutal. Verankert im Underground und subversiver Kunst. Wenn in „Der Wilde Planet“ ein seltsames Wesen erst sein Junges liebkost und dann auffrisst, oder gleich zu Beginn eine Om-Mutter durch übermütiges Spiel junger Draags vor den Augen seines Kindes getötet wird, dann ist das sicher nichts, was die lieben Kleinen im Nachmittagsprogramm erwarten würden. Aber genau dort wurde „Der wilde Planet“ in den 80er Jahren gezeigt, denn damals galt bei den Rundfunk-Verantwortlichen scheinbar noch die Gleichung Trickfilm = Kinderkram.

Damals hieß der Film bei uns noch „Der phantastische Planet“. Und der Planet Ygam auf dem der Film spielt ist fürwahr phantastisch. Voller seltsamer, bizarrer Wesen, welche der überbordenden Fantasie des französischen Autors Roland Topor entspringen. Voller Farben und Töne. Gefahren und Gewalt. Aber auch Fürsorge und Spiritualität. Der Originaltitel „La Planète sauvage“ bezieht sich jedoch nicht auf Ygam, den Heimatplanet der Draag, sondern auf den Mond des Planeten. Ein geheimnisvoller Sehnsuchtsort der Oms, die dorthin flüchten wollen, um dem von den Draag geplanten Genozid an ihnen zu entkommen. „Der wilde Planet“ birgt allerdings Geheimnisse, die am Ende für die Zukunft sowohl der Oms, als auch der Draags von größter Wichtigkeit werden.

„Der wilde Planet“ wurde vom Rolling Stone zu einem der besten Animationsfilmen aller Zeiten gewählt (Platz 36) und erhielt 1973 den Spezial-Preis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Entsprungen ist der Film (basierend auf dem 1957 erschienen Roman „Oms en Série“ von Pierre Pairault aka „Stefan Wul“) dem Geist zweier höchst interessanter Menschen. Einmal dem des großen Roland Topor, der hier für das Design des Filmes zuständig war,und der zusammen mit Fernando Arabal und Alejandro Jodorowsky der surrealistischen „Panic Movement“ angehörte. Seine Wurzeln in diesem Umfeld merkt man den eigenartigen Lebewesen an, welche die Parks der Draags bevölkern. Diese erinnern an die bizarren Animation des jungen Terry Gilliam aus seinen frühen Monty-Pythons-Tagen. Dazu trägt aber auch der Stil des zweiten Geistes – dem des Regisseurs René Laloux – bei, welcher eher statisch angelegt ist und oftmals den Eindruck erweckt, hier würden lediglich ausgeschnittene Papierfiguren hin und her bewegt werden. Was zur allgemeinen Seltsamkeit und Verfremdung des Filmes beiträgt. Regisseur René Laloux arbeite ursprünglich in einer psychiatrischen Klinik, wo er auch zusammen mit den Patienten seine ersten Animationsfilme realisierte. Mit Topor bildet er hier ein kongeniales, sich gegenseitig befruchtendes Team, welches eine uns ebenso fremde, wie aber auch irgendwie vertraute Welt schaffen. Denn wenn man den ersten Schock darüber, dass die Mutter des kleinen Terr zu Beginn des Filmes von einer Gruppe Draag-Kinder beim Spiel und aus Versehen getötet wurde, muss man nicht lange nachdenken, um in den Draag-Kindern unschuldig-grausamen Menschenkinder zu erkennen, die aus Neugierde den Fliegen die Flügel ausreißen oder Ameisen mit der Lupe verbrennen.

Jetzt könnte man „Der wilde Planet“ recht einseitig als überdeutlichen Aufruf zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit Tier und Natur verstehen, bei dem zur besseren Anschauung die Tiere einfach durch Oms und die Menschen mit Draags ausgetauscht wurden. Doch dies würde zu kurz greifen, denn der metaphernreiche Film arbeitet auch auf anderen Ebenen. Der gedankenlose Genozid der Draags an den Oms, der plakativ als „Säuberung“ verstanden wird, weckt düstere Erinnerungen an den Holocaust, der Unterschied zwischen „Haus-Oms“ und „wilden Oms“ an die Zeit der Sklaverei oder den Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern. Themen wie Freiheit, Rebellion – aber auch die große Macht der Bildung werden angesprochen.

Interessant ist in dieser Hinsicht auch, dass die Draags nicht per se als Bösewichte verteufelt werden, sondern ihr grausames Handeln lediglich einem Nicht-Bewusstsein dafür entspringt, dass andere Lebewesen ebenfalls Gefühle, ja eine Seele haben. Erst als die Oms es schaffen, diesen Gedanken durch Gewalt in die Köpfe der Draags zu pflanzen, begreifen diese, dass es schon ein Unterschied ist, sich einen kleinen Om als Spielzeug zu halten oder beispielsweise eine Blume zu pflücken und in eine Vase zu stecken. Die Aussage des Films, dass einem friedlichen Zusammenleben erst ein Akt der Gewalt voran gehen muss, kann man dabei gewiss kontrovers diskutieren.

Einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des Filmes und seiner seltsamen, außerweltlichen Atmosphäre trägt der großartige Soundtrack bei, den der französische Jazzpianist und Chanson-Komponist Alain Goraguer komponierte. Diese langsamen, irgendwie unheimlichen, aber zugleich faszinierend-hypnotischen elektrischen Töne unterstützen bestens diese nicht ganz greifbare, einzigartige Stimmung des Filmes, welche noch lange nach dem Abspann im Zuschauer widerhallt. Insbesondere das Stück „Déshominisation (I)“ wird man so schnell nicht wieder los.

Hätte man eine Soundtrack-CD mit ins vorbildliche Mediabook gelegt, wäre dies das Sahnehäubchen auf einer tollen Veröffentlichung gewesen. Aber auch so kann man Camera Obscura nur loben. Besser geht es (fast) nicht. Das Bild der Blu-ray ist hervorragend. Zudem hat Camera Obscura dem Film noch eine neue Farbkorrektur gegönnt. Neben der eher bläulich angehauchten Criterion-Collection-Version von 2016, kann man jetzt noch eine aktuelle Version von 2018 wählen, die die Farben etwas natürlicher zum Strahlen bringt. Welche man bevorzugt, liegt dann ganz in der Hand des Zuschauers. Man kann auch die Versionen während des Filmes wechseln. Der Ton ist auch kristallklar, was vor allem der oben angesprochen Musik von Alain Goraguer zugute kommt. Auch an Extras mangelt es nicht. Neben einem sehr informativen und interessant zu lesenden 12-seitigen Booklet von Prof. Dr. Stiglegger, befindet sich im Mediabook noch eine Bonus-DVD mit vier Kurzfilme von René Laloux: „Les Escargots“ (1965, mit Topor), „Les Temps Morts“ (1964, ebenfalls mit Topor), „Les Dents du singe“ (1960) und „Comment Wang-Fô fut sauvé“ (1987). Ferner enthält die Bonus-DVD noch die 26-minütige Dokumentation „Laloux Sauvage“ über Regisseur René Laloux und das knapp einstündige Portrait „Topors Träume“ über Roland Topor. Auf einer dritten DVD ist für alle, die keinen Blu-ray-Player ihr eigen nennen noch einmal der Hauptfilm. Leider konnte ich diese DVD bei mir nicht abspielen, weil bei mir scheinbar vergessen wurde, diese mit Inhalt zu füllen. Das dürfte aber auch nur bei meinem Rezi-Exemplar der Fall sein. Deshalb muss ich leider auch auf Screenshots verzichten. Insgesamt also eine ganz tolle Veröffentlichung eines ganz besonderen Films.

Bericht vom 4. Mondo-Bizarr-Weekender in Düsseldorf – Tag 2

Von , 10. Februar 2018 00:51

Der zweite Tage begann so entspannt, wie lange schon nicht mehr. Bis weit nach 9 im Bett liegen – wie lange musste ich auf diesen Luxus schon verzichten. Nach einem durchaus akzeptablen Frühstück (vom Gummibrötchen abgesehen), trennte sich unsere freundliche Reisegruppe auf in diejenigen, die ein wenig Kultur tanken und die örtlichen Galerien besuchen wollten, und denjenigen, welche ihr Geld beim Saturn für Filme auf den Kopf hauten. Ich schreibe jetzt mal nicht, zu welcher Gruppe ich gehörte. Nach einer kurzen Stippvisite im tollen Plattenladen Hitsville (Empfehlung!), kam man wieder zu einem gemeinsamen Mittagessen bei einem guten Lateinamerikaner namens Palito zusammen. Überraschenderweise war das Essen wirklich lecker und gar nicht mal so teuer. Ein echter Hingucker waren aber die Toiletten, die einem nicht nur durch Jesus- und Maria-Ikonen den Weg zu Männlein und Weiblein wiesen, sondern auch sonst mit so viel liebevollen Religionskitsch vollgestopft waren, dass man sich wirklich plötzlich in einer anderen Welt wähnte. Und die golden Seifenspender habe ich da noch nicht mal gesehen.

Zurück in der bereits gut gefüllten Black Box forderte das gute, reichhaltige Essen dann auch gleich seinen Tribut. Den ersten Film des Tages, den schönen „Die Brut des Teufels“ verschlief ich dann auch halb. Dabei hatte ich mich doch so gefreut, zum ersten Mal einen Godzilla-Film von einer 35mm-Kopie auf der großen Leinwand zu sehen. Doch nach 20 Minuten fielen mir das erste Mal die Augen zu. Der Kampf gegen Morpheus Arme war dann auch gewaltiger als der von Godzilla gegen den Titanosaurus und Mecha-Godzilla. Das Treiben auf der Leinwand bekam ich nur noch bruchstückhaft mit. Wie gut, dass ich den Film in den letzten 12 Monaten jetzt bereits zum dritten Mal sah. So kann ich an dieser Stelle auf meine Besprechung der sehr empfehlenswerten Anolis-DVD verweisen, die der geneigte Leser hier findet.

Nach dem Film dann erst mal raus an die frische Luft und reichlich von dieser stark koffeinhaltigen Cola reingekippt. Den restlichen Tag überstand ich dann auch ohne größere Ausfälle.

Das blutige Schloss der lebenden Leichen – Bei diesem französischen Film aus dem Jahre 1969 hat die deutsche Titelschmiede wieder viel Kreativität bewiesen. Hierbei handelt es sich mitnichten um einen Zombiefilm. Eher führt die Spur Richtung Franju („Augen ohne Gesicht„) und Rollin (auch, wenn der erst später dran war). Mit etwas gutem Willen kann man vielleicht von einer lebenden Leiche sprechen, denn die Damen des Schlosses würde für den Rest der Welt für tot erklärt. Ist also durchaus so etwas wie eine lebende Leiche und blutig geht es im Schloss auch vor sich.

Inszeniert wurde die Sause von der späteren Porno-Legende Claude Mulot, der unter dem Pseudonym Frédéric Lansac solche Flutschfilm-Klassiker wie „Pussy Talk“ oder „Les petites écolières“ inszenierte, Ich hatte ja früher immer geglaubt, dass „Lansac“ die Verballhornung eines „langen Sacks“ wäre. Im „ blutigen Schloss“ traf ich aber nun den echten Frédéric Lansac. Dies ist nämlich der Name der Hauptfigur. Einem erfolgreichen Maler, dessen Leben ziemlich schnell bergab geht, nachdem seine geliebte junge Ehefrau einem schrecklichen Feuerunfall zum Opfer fällt. Nicht unbeteiligt daran ist die schöne Elizabeth Teissier, die hier leider einen kurzen, wenn auch erinnerungswürdigen Auftritt hat. Ebenfalls dabei sind Howard Vernon („Oh, Professor Römer“ „Rohmer!“) und zwei Zwerge.

Letztere führen den Film schnellen Schrittes in die Sphären der Dwarfploitation. Igor und Olaf tauchen immer wieder auf, um junge Frauen (und den Zuschauer) zu erschrecken. Warum die Armen in Felle gekleidet sind und wie Hunde vor dem Kamin schlafen müssen, wird nicht wirklich geklärt. Scheinbar waren Lansacs Eltern zwar so nett, die Beiden vor einer Steinigung zu retten, nicht jedoch so barmherzig, um sie wie normale Menschen zu behandeln. Kein Wunder also, dass Igor und Olaf manchmal recht merkwürdige Gewohnheiten an den Tag legen. Wie z.B. Mädchen mit der Axt durch den Wald zu verfolgen. Ihr „Herr“ Lansac findet an diesem Treiben auch nichts ungewöhnliches und wird nur sauer, als sie einer potentiellen Gesichtshautspenderin nach einem Vergewaltigungsversuch das Antlitz zertrümmern. Nein, Mulot nimmt hier keine Gefangenen und inszeniert seine krude Geschichte mit viel Schmackes. So wird einem auch keine Sekunde langweilig, auch wenn die meisten Darsteller keinen Hehl daraus machen, dass sie auch nicht genau wissen, wie sie da rein geraten sind.

Mulot beweist hier auch bereits sein gutes Auge für schöne, stimmungsvolle Bilder und dem in Szene setzen weiblicher Schönheit. Es gibt sogar einige sehr gelungene Szenen, wie die in der ein potentielles Opfer seine Augen öffnet und sich gleich einem Erhängten gegenüber sieht oder eine tieftraurige Einstellung in der einer der Zwerge seinen toten Bruder betrauert. In erster Linie stehen aber Nacktheit und blutige Schockeffekte im Vordergrund. Alles unterlegt mit einer betörenden Melodie aus der Feder Jean-Pierre Dorsays, die auch nach der x-ten Wiederholung noch immer Balsam für die Seele ist. Hauptdarsteller Philippe Lemaire war in den 40er und 50er Jahren ein gefragter romantischer Held des französischen Kinos, und man merkt ihm an, dass er diesen Zeiten hinterher trauert. Seine verbrutzelte Frau wird von der wunderhübschen Anny Duperey gegeben, die einst bei Godard ihre erste Rolle hatte und später nicht nur neben Al Pacino in „Bobby Deerfield“ eine Hauptrolle spielte, sondern auch die Original-“Frau in Rot“ in „Ein Elefant irrt sich gewaltig“ war. Ein schöner Film, der zwar weit weg von der Meisterklasse ist, aber trotzdem viel Freude bereitet.

„Der saftige Überraschungsfilm“ – Als solcher wurde ein berüchtigtes Werk angekündigt, welches es in Deutschland nicht besonders einfach hat, weshalb ich den Titel hier nicht direkt nenne. Ein Klick auf den Link könnte aber Aufschluss bringen. Das Werk, in dem es um einen griechischen Millionär geht, welcher nach einem traumatischen Erlebnis an Bord eines Rettungsbootes unbändigen Hunger auf Menschenfleisch entwickelt und seine Heimatinsel leer frisst, dürfte eh jedem – zumindest dem Namen nach – bekannt sein.

Ich durfte dieses Werk bereits vor acht Jahren beim ersten Deliria-Italinao.de-Forentreffen im B-Movie in Hamburg bestaunen. Natürlich kannte ich den Film schon von einer alten VHS-Kopie. Auf Video war ich damals schon erstaunt, wie wirkungsvoll der Film war, fand aber die ungeheuren Splatterszenen eher störend. Jahre später im B-Movie war ich dann gänzlich gefangen von der unheilvollen Atmosphäre des Filmes, der auf der Leinwand noch besser funktioniert als im Heimkino. Auch die berüchtigten Szenen, die einst zentraler Punkt einer wahren Hysterie gegen Videofilme (nicht nur hierzulande, sondern auch in England) waren, empfand ich nicht mehr als Fremdkörper. Nun, da ich den Film ein drittes Mal und nochmals von der tollen 35mm-Kopie sah, die ich schon in Hamburg bewundern durfte und die nach acht Jahren kaum etwas von ihrem Glanz eingebüßt hatte, muss ich sagen, dass diese Szenen sogar immanent wichtig sind.

In der ersten Hälfte wird eine derartig dichte Atmosphäre aufgebaut, dass es kaum zu ertragen ist. Eine Dame bugsierte ihre männliche Begleitung hier bereits mit den Worten „Ich habe solche Angst“ aus dem Saal. Alles ist ein Vorbote auf die unaussprechlichen Gräuel, die da kommen. Unterstützt von Marcello Giombinis enervierenden Synthie-Musik, die irgendwie schräg, falsch und bedrohlich wirkt. Unter die Oberfläche der scheinbar harmlosen Bilder, hat sich bereits etwas Krankes, ganz und gar Ungutes geschlichen.

In der wie immer hervorragenden Einleitung von Oliver Nöding (und auch den Gesprächen vor dem Film) wurde betont, dass gerade die erste halbe Stunde des Filmes sich ziemlich ziehen würde und im Grunde recht langweilig sei. Dies empfand ich gar nicht so. Im Gegenteil, die Reisegesellschaft (die so gar nichts von den überdreht fröhlichen, spät-pubertierenden Teenies der amerikanischen Splatter-Pendants hat) ist nicht gerade ein Ausbund an Fröhlichkeit, sondern scheint bereits von einer Ahnung durchtränkt, dass sie sich geradewegs auf dem Weg in eine grausame Hölle befinden.

Die Szenen in der menschenleeren Küstenstadt fand ich schon bei der Erstsichtung sehr beklemmend. Hier steigerte sich das Gefühl noch und beim ersten Höhepunkt (die Attacke des blinden Mädchens) bin ich ein paar Zentimeter im Sitz hochgesprungen, obwohl ich wusste was kommt. Überhaupt fiel mir jetzt auch wieder auf, wie meisterlich der erste Auftritt des Anthrophagus inszeniert ist. Wie intensiv er sich in die Netzhaut brennt. Ein Bild und Ton gewordener Albtraum. Wenn sich dann die fragile Gruppe langsam auflöst, die schreckliche Bedrohung durch den von George Eastman als unaufhaltsame Naturgewalt verkörperten Menschenfresser förmlich körperlich spürbar ist und sich die Handlung in eine verlassene, einem furchtbaren Traum entsprungene Villa verlegt, ist es nur folgerichtig, dass der Film mit den größtmöglichen visuellen und auditiven Schocks endet.

Nach dem Film war ich erst einmal geplättet und spürte diese Folgen dieser permanente Anspannung und drückenden Bedrohung tief in den Knochen. D’Amatos Werk ist ein Terrorfilm reinsten Wassers. Ein Film, der einem nicht nur auf einer psychischen Ebene attackiert, sondern der auch körperlich fühlbar ist.

Um den Film zu verdauen ging es erst einmal in trauter Runde in eine nahe Cocktail-Bar, die scheinbar schon häufig nach solchen Events besucht wurde. Dort war es auch sehr nett, die Getränke bezahlbar und augenscheinlich hatten sich bereits mehrere Gruppe direkt aus der Black Box kommend dort niedergelassen. Was leider auch bedeutete, dass kaum noch Plätze und vor allem nicht für größere Gruppen vorhanden waren. Doch ein aufmerksamer Mitarbeiter arrangierte etwas und so fand noch jeder eine Sitzgelegenheit. Leider wurde die Gruppe dadurch auseinandergezogen, was ich im Nachhinein sehr bedauere, denn ich hätte eigentlich auch ganz gerne noch mit ein paar anderen Leuten geschnackt/kennengelernt. Aber auch so war es ein sehr heiterer und gut gelaunter Abend. Nach einem Spaziergang am Rhein entlang kamen wir auch wieder gut im Hotel an und konnten dort Kraft für den letzten Tag sammeln.

DVD-Rezension: „The Returned“

Von , 7. April 2016 17:41

returnedOhne Vorwarnung oder Erklärung kehren die Toten plötzlich ins Leben zurück. Sie wollen ihren alten Platz in der Gesellschaft wieder einnehmen, doch die Lebenden wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Manche nehmen ihre Verstorben mit offenen Armen auf, anderen reagieren mit offener Feindseligkeit. Ihnen gemein ist die Verwirrung, diejenigen, um die sie getrauert haben, plötzlich wieder vor sich zu sehen. Unter denjenigen, die zurückkehrten ist die Frau des Bürgermeisters (Catherine Samie), der 6-jährige Sylvain (Saady Delas), der von seinen Eltern Isham (Djemel Barek) and Véronique (Marie Matheron) wieder aufgenommen wird und Mathieu (Jonathan Zaccaï), dessen Frau Rachel (Géraldine Pailhas) damit hadert, ihn wiederzusehen…

vlcsnap-00719vlcsnap-00724

The Returned“ besitzt eine der schönsten, unheimlichsten und lyrischsten Anfänge der letzten Jahre. Durch das Tor des lokalen Friedhofs strömen Hunderte von Menschen. Desorientiert, neugierig, überrascht – aber scheinbar mit einem festen Ziel. Nichts wird erklärt, der Zuschauer wird mitten ins Geschehen hineingeworfen. Doch man ahnt sofort, was diese merkwürdige Szene bedeutet. Die Toten sind auf die Erde zurückgekehrt. Was nun der Auftakt zu einem action- und blutreichen Zombie-Slasher sein könnte, entpuppt sich als exaktes Gegenteil. Obwohl „The Returned“ gerne dem Zombie-Subgenre zugerechnet wird, führt diese engstirnige Kategorisierung doch in die Irre. Ja, „The Returned“ ist ein Wiedergänger-Film, doch mehr dem Geisterfilm, denn dem Zombiefilm nahe. Oder doch wieder nicht? Es ist der große Verdienst des Regisseurs Robin Campillo und seiner Co-Drehbuchautorin Brigitte Tijou sich jeder einfachen Schublade zu entziehen und etwas Neues zu erschaffen. Eine Allegorie, die gerade in Zeiten, in denen sich manche vom „Fremdartigen überschwemmt und bedroht“ fühlen, hochaktuell ist.

vlcsnap-00727vlcsnap-00726
Die spannende Prämisse des Filmes, dass die Toten plötzlich auf die Erde zurückkehren und ganz selbstverständlich ihren alten Platz in der Gesellschaft zurück beanspruchen, führt zu interessanten Gedankenspielen und Szenarien, die weit über die 100 Minuten hinausgehen, die „The Returned“ dauert. Dass aus dem Film in Frankreich ein paar Jahre später eine TV-Serie entstand und diese wiederum in den USA ein Remake erfuhr (wie ich erfuhr – Danke an Paul – , wurde das gleiche Konzept bereits 2007 und und dann noch einmal 2014 für den Pilotfilm einer dann doch nicht realisierten TV-Serie namens „Babylon Fields“ verwendet), zeigt nicht nur wie faszinierend die in „The Returned“ aufgeworfenen Gedanken sind, sondern dass das Thema auch eine universelle Relevanz hat. Das Leben geht weiter und schließt die Lücken, die der Tod eines nahestehenden Menschen, eines Kollegen oder eines Freundes hinterlassen hat. Die Zeit heilt alle Wunden. Doch was, wenn die Grund für die Lücke plötzlich wieder da ist? Dann gibt es zwei Szenarien, die Campillo in ihrem Film auch beide durchspielen. Die Lücke wird schmerzhaft wieder aufgerissen oder es gelingt dem Rückkehrer nicht, seine alte Lücke zu finden, da die Wunde mittlerweile verheilt ist, neue Menschen in das Leben seiner Liebsten getreten sind oder sein Job an einen anderen weitergeben wurde.

vlcsnap-00729vlcsnap-00730
Hier erschüttert gerade das Schicksal einer Familie, die sich unter großen Schmerzen von ihrem tragisch verstorben, acht-jährigen Sohn verabschiedet hat. Der es irgendwie gelungen ist, ein Leben ohne das geliebte Kind zu führen. Nun ist er wieder zurück und weder Vater, noch Mutter können mit dieser Situation umgehen. Während der Vater anfängt, sich an das Kind zu klammern und es nie wieder loszulassen, erkennt die Mutter unter Tränen, dass der Junge, der zurückgekommen ist, nicht mehr der ist, der ihnen einst genommen wurde. Sie entfernt sich wieder von ihm, was den ursprünglichen Verlust nur noch schmerzlicher macht. Der Konflikt dieser Familie und die tragische Konsequenz rührt zu Tränen. Mehr noch als das Schicksal der Hauptdarstellerin, die sich daran gewöhnen muss, dass ihr Ehemann wieder da ist und sie nicht weiß, wie sie damit umgehen soll. All diese verschiedenen Geschichten hat Robin Campillo warm und nachvollziehbar inszeniert, und er konfrontieren den Zuschauer mit der Frage, ob man wirklich jemanden als Person liebt – oder nur die schönen Erinnerungen, die mit ihm assoziiert sind.

vlcsnap-00740vlcsnap-00742
Und natürlich weckt der Strom der Toten, der sich durch die Straßen ergießt, Assoziationen an die aktuelle Flüchtlingskrise. Insbesondere, wenn behelfsmäßige Unterkünfte in Turnhallen eingerichtet werden, stundenlange Debatten geführt werden und das Misstrauen gegenüber den Anderen steigt. Der Staat weiß nicht wie er der Situation Herr werden soll und verlegt sich zunächst auf die Überwachung der Bevölkerung, um am Ende dann zu drastischeren Maßnahmen zu greifen. „The Returned“ bietet auch keine einfache Lösung an, sondern lässt vieles im Vagen und fordert den Zuschauer auf, das Geschehen für sich einzuordnen. „The Returned“ ist der Impuls, der im Kopf seines Publikums eine größere Geschichte ins Rollen bringt und ihn zwingt sich manchmal schmerzhafte Fragen zu stellen. Kein Wunder also, dass man einige Jahre später auf die Idee kam, die Welt von „The Returned“ zum TV-Serien-Format zu erweitern.

vlcsnap-00746vlcsnap-00753
„The Returned“ ist eine intelligente und emotionale Variante des Wiedergänger-Films. Seine Grundidee der Rückkehrer aus dem Grab, die ihren alten Platz in der Gesellschaft einnehmen wollen und die Reaktion eben dieser Gesellschaft, regen zu den unterschiedlichsten philosophischen Gedankenspielen darüber an, was der Sinn von Leben und Tod ist.

vlcsnap-00759vlcsnap-00767
Die DVD von Koch Media punktet mit einem ausgezeichnetem Bild und einem sauberen Ton. Die deutsche Synchronisation klingt leider recht preisgünstig. Hier ist das französische Original mit seiner lebendigeren Sprache definitiv vorzuziehen. Allerdings gibt es für den nicht französischsprachigen Filmfreund hier ein dickes Manko. Die deutschen Untertitel bleiben nach knapp einer Stunde „hängen“. D.h. Bei jedem Dialog wird der immer gleiche deutsche Satz in den Untertiteln eingeblendet. Hier hat jemand nicht aufgepasst und man ist ohne sehr gute Französischkenntnisse gezwungen auf die deutsche Synchronfassung auszuweichen. Sehr ärgerlich. Ärgerlich ist auch das Bonusmaterial, denn bis auf einen Trailer ist hier absolut nichts zu finden.

Blu-ray-Rezension: „Horsehead“

Von , 3. Juli 2015 20:16

horseheadAls  Jessicas (Lilly-Fleur Pointeaux) Großmutter stirbt, kehrt sie  das erste Mal seit vielen Jahren wieder in ihr Elternhaus zurück. Dort wird sie von ihrer Mutter (Catriona MacColl) in das Zimmer neben ihrer toten Großmutter einquartiert. Dort wird sie immer wieder von furchteinflößenden Träumen heimgesucht in denen sie eine Schreckensgestalt mit Pferdekopf bedroht. Da die sensible Jessica schon seit ihrer Kindheit von Albträumen geplagt wird, hat sie gelernt, Kontrolle über ihre Traumwelt zu erlangen. Nun versucht sie, im Schlaf hinter die Bedeutung ihrer rätselhaften Träume zu kommen.  Dabei kommt sie einem Familiengeheimnis zu nahe, das sie selber in Lebensgefahr bringt…

Wenn vier Leute nach einem Film zusammenstehen und dabei fünf unterschiedliche Interpretationen des eben gesehen ausgetauscht werden, dann kann dies sowohl positiv als auch negativ bewertet werden. Im Falle von „Horsehead“ ist diese Kategorisierung nicht unbedingt leicht. Jeder sah in der finalen Einstellung des Filmes etwas anderes, was den Film und seine Bewertung dann für ihn in die eine oder andere Richtung kippen ließ. Durchaus interessant und der geneigte Lauscher unserer Konversation erfuhr dabei wahrscheinlich auch mehr über uns, als über den Film. Dieser gibt sich den Anstrich eines surrealen Horrorfilms, was aber nur zum Teil stimmt. Der Horror spielt sich auf zwei Ebenen ab. Einmal in der realen Vergangenheit der Mutter unserer Heldin Jessica und dann in den Träumen, in die Jessica eintaucht, um das Geheimnis um ihrer verstorbenen Großmutter zu lüften.

„Horsehead“ bewegt sich dabei auf den Pfaden, die schon Wes Cravens Klassiker „A Nightmare on Elm Street“ auslotete. Eine Figur begibt sich aktiv in ihre Träume, um sich dort einem Dämon zu stellen. Dieser ist hier nicht so eindeutig das Monster, wie Freddy Krüger in dem Horrorklassiker von 1984. Viel mehr arbeitet Regisseur Romain Basset vermehrt mit Symbolen aus der Traumdeutung. Das vermeintliche Unheil ist hier die titelgebende Figur. Ein riesiger Bischof mit einem Pferdekopf, der allerdings auch als Wegweiser durch das Labyrinth der Vergangenheit stehen kann. Hier hält sich Romain Basset bedeckt und vermeidet allzu eindeutige Aussagen. Auch ob es sich bei „Horsehead“ überhaupt um einen übernatürlichen Film handelt, kann unterschiedlich aufgefasst werden. Schließlich kommen alle Traumbilder aus Jessicas Kopf und könnten somit gänzlich ihrer überhitzten Fantasie geschuldet sein. Und letztendlich könnte diese dann auch zu unbewussten Verletzungen führen. Allerdings geht der Film dieser Möglichkeit nicht wirklich nach und legt seinen Schwerpunkt auf eine Lösung, in der „höhere Mächte“ im Spiel sind, die aus den Träumen heraus in unsere Wirklichkeit greifen können.

Die Bilder, die Romain Basset inspiriert vom „Nachtmahr“ des Malers Johann Heinrich Füssli (1741-1825) für seine Traumwelten findet, sind durchaus beeindruckend und stimmungsvoll inszeniert. Voller kräftiger Farben und einer unheimlichen Beleuchtung, die an das Werk Bavas oder Argentos denken lässt – oder gleich an deren Neo-Nachahmer Hélène Cattet und Bruno Forzani Allerdings verlassen diese Bilder nie die bereits von anderen gefundenen Wege, und ihnen fehlt damit die große Wucht, welche die Vorbilder in ihren besten Werken erreichten. Wirkliches Neues hat Romain Basset nicht zu bieten, dafür fehlt ihm entweder der Mut oder die Radikalität. Allein der kraftvoll-düstere Elektrobeat von Benjamin Shielden treibt einem seine Vision nachhaltig ins Hirn und lässt sie dort kleben.

Das große Pfund, mit dem Basset wuchern kann, sind seine Schauspieler. Catriona MacColl ist immer wieder ein gern gesehenes Gesicht auf der Leinwand und macht ihre Sache mehr als gut. Basset verlangt ihr einiges ab, insbesondere in den Szenen, in denen sie an Stelle ihres jüngeren Selbst tritt. Doch die McColl meistert auch diese Aufgabe mit Eleganz und Würde. Ein guter Schachzug Bassets ist es dann auch, dass er sich mit der jungen und schönen Gala Besson eine Doppelgängerin der McColl für die Rolle als deren Mutter in jungen Jahren gesichert hat. Die Ähnlichkeit zwischen beiden ist frappierend und unterstützt den Film. Ebenfalls eine großartige Besetzung ist Murray Head als Stiefvater der Heldin. Murray Head kennt man als den Sänger, der einst im Jahre 1984 mit dem von den beiden ABBAs Benny Andersson und Björn Ulvaeus komponierten Song „One Night in Bankog“ aus dem Musical Chess die Charts anführte. Dass er auch auf eine lange und erfolgreiche Karriere als Schauspieler zurückblicken kann, wissen wahrscheinlich nur die wenigsten hierzulande. In England ist er da weitaus populärer. Er spielt den Stiefvater Jim sehr überzeugend. Während man zunächst noch das Gefühl hat, in dem Mann würde eine schwarze Seele versteckt sein, wandelt er sich doch zum sehr bodenständigen, sympathischen Helden, dem man als Einzigen zutraut, dass er den gordischen Knoten aus alter Schuld und verdrängten Erinnerungen durchschlagen kann.

Die große Entdeckung ist aber Hauptdarstellerin Lilly-Fleur Pointeaux, die der Protagonisten Jessica ihr makelloses Antlitz leiht. Lilly-Fleur Pointeaux ist gleichzeitig verletzlich und scheu, wie auch selbstbewusst und voller Tatendrang. Es macht Freude ihr zuzusehen, wobei ihre Schönheit und Bereitschaft, sich auch in freizügigeren Posen filmen zu lassen, gerade in den Traumsequenzen diesen eine in doppelter Hinsicht traumhafte Qualität verleihen. Dabei soll aber nicht vergessen werden, dass die Pointeaux auch in schauspielerischer Hinsicht ihren namenhaften Mitspielern das Wasser reichen kann. Man kann gespannt sein, was in Zukunft noch von ihr zu erwarten ist.

So bleibt „Horsehead“ vor allem ein Versprechen. Kein schlechter Film, nur einer der es nicht schafft, ausgetretene Pfade konsequent zu verlassen, und etwas wirkliche Neues zu bieten. Innerhalb seiner Leitplanken weiß „Horsehead“ aber trotz einer eher dünnen Geschichte zu gefallen und kann neben schönen Bildern vor allem tolle Schauspieler und einen großartigen Soundtrack aufbieten.

Di bei Donau Film erschienene Blu-ray lässt bildtechnisch keinerlei Wünsche übrig. Kräftige, intensive Farben und ein echtes, tiefes Schwarz. Die deutsche Tonspur liegt nur in Stereo vor und leidet unter einen wirklich lieblosen Synchronisation. Da sollte man dann lieber auf den Originalton der franzöische Film wurde komplet auf Englisch gedreht) zurückgreifen, der nicht nur sehr viel lebendiger ist, sondern auch in 5.1. vorliegt. Die Extras sind dünn. Neben dem Trailer gibt es noch ein 15-minütiges Featurette, in dem der Regisseur über die Idee zum Pferdekopfmonster spricht und dessen Modelierung gezeigt wird. Sehr viel mehr bietet hier das teure 3-Disc-Media-Book, welches neben einem fast einstündigen Making Of noch diverse längere Featurettes, den Soundtrack und einen 16-seitiges Booklet mit einem Text von Marcus Stiglegger enthält.

DVD-Rezension: “In the Name of the Son”

Von , 6. März 2015 21:27

inthenameofthesonDie tiefgläubige Elisabeth (Astrid Whettnall) ist Moderatorin einer religiösen Ratgebersendung und führt ein glückliches Leben mit ihrem Ehemann und ihren zwei Söhnen. Ihr Leben gerät aus den Fugen als sich erst ihr man versehentlich erschießt, dann ihr Vertrauter, der Priester Achilles (Achille Ridolfi), sich als pädophil entpuppt und eine Liaison mit ihrem 13-jährigen Sohn Jean-Charles (Zacharie Chasseriaud) eingeht. Als dieser seiner Mutter seine Homosexualität gestehen will und dabei auf harsche Ablehnung triff, bringt er sich vor den Augen Elisabeths um. Elisabeth ersucht um eine Audienz beim Bischof, um für das Seelenheil des Selbstmörders zu sorgen, muss aber feststellen, das die katholische Kirche nicht nur die Pädophilie ihrer Mitglieder unter den Tisch kehrt, sondern auch den Opfern die Schuld zuschiebt. Voller Wut und Schmerz zieht Elisabeth tödliche Konsequenzen…

vlcsnap-00219vlcsnap-00226

Wieder einmal wird der potentielle Käufer eines Filmes auf eine vollkommen falsche Fährte gelockt, wenn er einen Blick auf das Cover der DVD des Filmes „In the Name of the Son“ wirft. Das beginnt mit der Schriftart, die an Filme wie „Burn After Reading“ oder diverse „cool-abgefahrene“ Gangsterfilme erinnert. Dann geht es weiter über den dämlichen Untertitel „Sprich Dein Gebet“, der Cover-Gestatung, die an einen an übertrieben-irrwitzigen Alex-de-la-Igleasias-Komödien denken läßt und endet schließlich beim bewusst flapsig formulierten Covertext. So wir dem Käufer suggeriert, bei „In the Name of the Son“ würde es sich um einen durchgeknallten Schenkelklopfer voller skurriler Typen mit großen Wummen handeln. Wer mit dieser Erwartungshaltung an den Film herangeht, wird zwangsläufig ein langes Gesicht machen und den Film möglicherweise als langweilig brandmarken. Was dem Film gegenüber mehr als unfair ist, denn „In the Name of the Son“ entpuppt sich als leise, tiefschwarze Komödie, die sehr ernste Themen anpackt und diese respektvoll behandelt. Natürlich in einer Form der Überspitzung, doch im Grundtenor bleibt es eine melancholisch grundierte, intelligente und provokative Auseinandersetzung mit religiösem Fanatismus, Heuchelei und Pädophilie, was trotz einiger Übertreibungen nicht ins Lächerliche gezogen wird – nimmt man einmal die paramilitärische Einheit eines radikalen Priesters aus. Aber auch bei dieser, bleibt einem das Grinsen im Halse stecken.

vlcsnap-00228vlcsnap-00235

Nach der Hälfte der Spielzeit bekommen die Zuschauer, die von den falschen Versprechungen der Werbemaschinerie angelockt wurden, das, worauf sie gewartet haben. Nach einer überraschend brutalen und grafischen Szenen, in der einer Figur aus heiterem Himmel der Schädel zermatscht wird, folgt ein schön choreographierter und absurder Abschnitt, in dem die Mutter Jagd auf einen Priester macht. Doch diese vermeintlich „coolen“ oder „abgedrehten“Szenen werden spätestens dann gebrochen, wenn die Mutter sich nach dem letzten Mord voller Verzweiflung und Trauer die Pistole an die Schläfe hält. Denn dies ist keine Geschichte, in der die Rache eine Form von Erlösung bringt. Mit den Morden versucht Elisabeth, die Mutter, ihr zerstörtes Weltbild wieder ein wenig zu kitten. Sie glaubt daran, irgendwie Gottes Willen zu erfüllen, obwohl ihr Glauben schon lange bis ins Mark erschüttert ist. Es ist keine Rache, die Elisabeth da übt, es ist der verzweifelte Versuch, die eigene Schuld auszulöschen und in einem wirr, religiösen Wahn, die Seele ihres Sohnes zu retten. Um die Tragik ihres Charakters zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, wie tief ihr Weltbild und Selbstverständnis zerstört wurde. Der Ehemann und der Sohn geben vor, gemeinsam Campen zu gehen, dabei sind sie Mitglieder eine paramilitärischen Organisation. Der Priester, dem sie zutiefst vertraut und verehrt, entpuppt sich als pädophil, der Sohn gesteht ihr seine Homosexualität und bringt sich um, als sie ihn schroff zurechtweist. Die Kirche, die ihr großer Rückhalt ist, entpuppt sich als heuchlerisch und menschenfeindlich. Das Bedürfnis, diese aus den Fugen geratene Welt wieder zurecht zu rücken, entspringt einem tiefen Trauma, keinem schnöden Rachegelüsten. Und so kann die Erlösung für Elisabeth am Ende dann auch nur in einer Rückbesinnung auf Nächstenliebe und Versöhnung bestehen, ohne das Diktat einer verlogenen Organisation, sondern ganz aus der eigenen Person heraus. Erst als Elisabeth die Fesseln der Kirche abwirft und sich ganz auf den Kern der Religion konzentriert, findet sie Frieden.. und vielleicht sogar Gott.

vlcsnap-00240vlcsnap-00243

Es ist überraschend, wie sensibel der Film mit dem delikaten Thema, des pädophilen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche, umgeht. Denn er wird nie plakativ, sondern stellt auch unbequeme Fragen. Besonders überrascht, wie der Missbrauch des 13-jährigen Jean-Charles durch den Priester Achilles (der seine verwundbare Verse schon im Namen trägt) inszeniert wird. Die schwierige Frage ist hier, ob man auch von einem Missbrauch reden kann, denn zwischen den beiden existiert eindeutig eine beidseitige, tief empfundene Liebe. Nicht nur wird Achille bis dahin als positive Erscheinung in einer verknöcherten Kirche präsentiert, er ist auch der Sympathieträger des Filmes. Und die Szenen, in denen sich Achilles und Jean-Charles nahe sind, werden sehr zärtlich ins Bild gesetzt. Auch ist Jean-Charles‘ Selbstmord nicht Folge des Missbrauchs, sondern des Umgangs der Kirche mit dem von ihm geliebten Menschen, der große Verlust und schließlich die feindselige Reaktion seiner Mutter, als er ihr seine Homosexualität offenbart. In einem anderen Zusammenhang verfolgte ich kürzlich eine Diskussion zu Louis Malles Inzest-Film „Herzflimmern“ (Kritik hier), in der die legitime und nachdenkenswerte Frage gestellt wurde, wie das Publikum heute reagieren würde, wenn es nicht um einen 13-jährigen Jungen gehen würde, der von seiner Mutter verführt wird, sondern um ein gleichaltriges Mädchen und ihren Vater. Natürlich war Achilles Verhalten falsch, aber die eigentliche Katastrophe wird von der Mutter ausgelöst, die ihrem Sohn nicht zuhört und seine Sexualität nicht akzeptiert. Und von einer Kirche, die ihre Skandale unter den Teppich kehrt und in einer perversen Logik die Opfer für ihr Schicksal verantwortlich macht.

vlcsnap-00248vlcsnap-00252

Regisseur Vincent Lannoo stehen wundervolle Schauspieler zur Verfügung, allen voran Astrid Whettnall in der Rolle der Elisabeth, die sich zunächst tiefgläubig ihre Welt so macht, wie es ihr gefällt. Ihre erschreckend naiven und weltfremden Ratschläge, die sie in ihrer christlichen Radiosendung gibt, zeigen, wie sehr sie ins Korsett eines blind machenden und die normale Logik ad absurdum führenden Glaubens eingeschnürt ist. Wie Astrid Whettnall den langsamen Zusammenbruch dieses Menschen spielt, ist beeindruckend. Auch Jungmime Zacharie Chasseriaud in der Rolle des Sohnes Jean-Charles zeigt eine beeindruckende Bandbreite an schauspielerischen Möglichkeiten. Achille Ridolfi gelingt es als Pater Achilles, eine liebenswürdige Melancholie, aber auch eine tiefempfundene Liebe zu Jean-Charles zu vermitteln. Die Szene, in der er allein in seiner Kammer auf dem Bett sitzt und leise vor sich her singt ist ebenso wunderschön, wie tief traurig. Auch Philippe Nahon macht seine Sache als väterlicher, aber auch machtbewusster Père Taon sehr gut. Hinter seiner liebenswürdig-schrulligen Art blitzt immer wieder der alte „Menschenfeind“ aus Gaspar Noes gleichnamigen Film auf. Der Rest des Ensembles ist ebenfalls gut besetzt und mit Ausnahme des bösartigen Bischofs und des durchgeknallten Militär-Priesters, sind alle Figuren sehr ambivalent und lebendig gezeichnet.

vlcsnap-00236vlcsnap-00261

„In the Name of the Son“ ist trotz des vom Verleih erweckten, gegenteiligen Eindrucks keine durchgeknallte Komödie, sondern eine größtenteils leise Tragödie, die mit schwarz-absurden Humor leicht gewürzt wurde. Unterstützt von hervorragenden Schauspielern wählt Regisseur Vincent Lannoo einen ebenso intelligenten, wie ambivalenten Ansatz, um sich mit solch schwierigen Themen wie Pädophilie, religiöser Blindheit, einer verlogene Kirche und den menschliche Unzulänglichkeiten auseinander zu setzten. Ein sehenswerter Film, dem man eine bessere Bewerbung gegönnt hätte.

vlcsnap-00263vlcsnap-00265

Neben der oben bereits erwähnten, irreführenden Aufmachung des Filmes, muss man Donau Film, die den Film veröffentlicht haben, auch vorwerfen bis auf einige Trailer keinerlei Extras mit auf die DVD gepackt zu haben. Gerade bei diesem Film wären einige Statements des Filmemachers interessant gewesen. Dafür kann man bei Bild- und Tonqualität nicht meckern. Das Bild ist gut und scharf, kommt einem allerdings auch ein Tick zu hell vor. Aber dafür gibt es ja eine Fernbedienung. Der Ton ist gut verständlich und kommt als gute deutsche Synchronfassung oder in der französischen Fassung mit abschaltbaren deutschen Untertiteln daher.

DVD-Rezension: “Among the Living”

Von , 3. März 2015 21:49

among_the_linving
An ihrem letzten Schultag vor den Ferien werden Victor (Théo Fernandez), Dan (Damien Ferdel) und Tom (Zacharie Chasseriaud) von ihrer strengen Lehrerin zum Nachsitzen verdonnert. Doch statt ihre Strafe abzusitzen, nehmen sie Reißaus und vertreiben sich die Zeit in der Natur. Dabei geraten sie auf das verlassene Filmgelände der Blackwoods Studios. Als sie dort zufällig eine brutal zugerichtete Frau im Kofferraum eines Autos finden und von einer vermummten Gestalt verfolgt werden, können sie knapp vom Filmgelände entkommen. Während die Polizei ihnen ihre abenteuerliche Geschichte nicht glaubt, macht sich der Unheimliche auf, die drei Kinder aus den Weg zu räumen…

vlcsnap-00179vlcsnap-00182

Spricht man über die Regisseure von „Among the Living“, Alexandre Bustillo und Julien Maury, kommt man nicht umhin, ihren Erstling zu erwähnen. 2007 gelang ihnen mit „Inside“ ein aufsehenerregendes Debüt, welches zusammen mit Filmen wie „High Tension“ von Alexandre Aja und „Martyrs“ von Pascal Laugier zu den Speerspitzen eines neuen, harten Welle des französischen Splatterfilms wurde. Kein Wunder also, dass dieser Film dann auch postwendend von den deutschen Behörden einkassiert wurde. Wer glaubte, dass sie mit ihrem zweiten Film, „Livid“ (Rezenision hier), die eingeschlagene Gangart fortsetzen würden, sah sich ge-, oftmals auch enttäuscht. Trotz einiger Härten ist „Livid“ eher eine Mischung aus klassischem Grusel- und Märchenfilm. „Among the Living“ ist nun erst ihr dritter Spielfilm und reiht sich irgendwo zwischen „Inside“ und „Livid“ ein. Weder besitzt er die Ultragewalt eines „Inside“, noch den märchenhaften Grusel eines „Livid“. Trotzdem nutzt er Elemente, die bei seinen beiden Vorgängern bereits zu finden sind. Die Eröffnungsszene weist mit einer hochschwangeren und messerschwingenden Béatrice Dalle ganz klar auf „Inside“ hin. Gleichzeitig schwebt über den Szenen mit den drei Jungen, die aus der Schule in die Natur flüchten, auch das golden-märchenhafte aus „Livid“. Das wirkt auf den ersten Blick recht inhomogen, als wüssten die Regisseure nicht, in welche Richtung sie sich bewegen wollten. Und tatsächlich ist die Inszenierung der ersten Hälfte des Filmes sehr viel schwelgerischen und vor allem näher an den Charakteren als die zweite Hälfte die teilweise sehr gehetzt wirkt, als ob hier zahlreiche Handlungselemente aus Straffungsgründen über Bord geworfen worden wären.

vlcsnap-00184vlcsnap-00188

In der ersten Hälfte konzentrieren sich Bustillo & Maury ganz auf ihre drei Protagonisten und ihre Flucht aus einer repressiven Umwelt, hinaus in die große Freiheit. Dabei werden alle drei nicht als sympathische Helden präsentiert, sondern sind schwierige Teenager, die nicht wirklich wissen, wo sie in der Welt stehen und diese Unsicherheit mit Aggression und krimineller Energie ausgleichen. Trotzdem zeigen Bustillo & Maury auch die schönen Seiten der Jugend. Das in den Tag hinein träumen, der Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit und den noch vorhanden „sense of wonder“. All dies wird von Bustillo & Maury in romantisierenden, warmen Bildern festgehalten. Dass die drei dabei ohne Skrupel einem Bauern die Scheune abfackeln wollen und Tom diesen fast tot schlägt, irritiert und wirft den Zuschauer aus der Bahn, denn dies entspricht nicht dem, wie sich jugendliche Protagonisten im Film zu benehmen haben. Daher greift hier auch nicht der oft herangezogene Vergleich mit „Stand By Me“. Während die – deutliche jüngeren – Freunde dort zwar auch „verbotene“ Dinge taten, war dies nur ein neugieriges Herantasten an die eigenen Möglichkeiten. Victor, Tom und Dan sind frustriert mit ihrem Leben, was ihr aggressives Verhalten gegenüber der Lehrerin und dem Bauern erklärt.

vlcsnap-00191vlcsnap-00193

Hier wird bereits der Bogen zu dem großen Thema geschlagen, welches Bustillo & Maury bereits in ihren beiden ersten Filmen beschäftigten und welches hier am Deutlichsten zu Tage tritt: Die Sehnsucht nach einer glücklichen Familie als Idealbild und das Leiden, welches durch disfunktionale Familien geschaffen wird. Die drei Protagonisten vermissen ein funktionierendes Familienumfeld. Tom wird von seinem alkoholabhängigen Vater verprügelt und entwickelt durch Mordphantasien, die er am Anfang des Filmes auf den verhassten Bauern überträgt. Dan ist für seine Eltern nur ein Klotz am Bein. Als er nach seinem abenteuerlichen Ausflug von der Polizei nach hause gebracht wird, strafen ihn seine Eltern mit Missachtung und überlassen ihn der Aufsicht eines – für diese Aufgabe offensichtlich nicht geeignetem – Kindermädchens, um in die Oper zu gehen. Allein Victor lebt in einem liebenden Umfeld, hat den Tod seines Vaters aber nicht überwunden und dementsprechend eine heftige Abneigung gegen seinen Stiefvater, dem er an einer Stelle Alkoholismus unterstellt. Am Ende wird aber gerade der Zusammenhalt seiner Familie und die Wärme des Nestes ihn retten. Auch der Killer hat ein schwieriges Familienumfeld, mit einem obsessiven Vater und einer Mutter, die ihn erst versucht zu töten, um sich dann selbst das Leben zu nehmen. Kaputte Familien also, wohin man blickt. Doch dort, wo die Saat der Liebe noch aufgehen kann, dort besteht noch Hoffnung. Eine sehr konservative, aber doch auch sehr schöne Botschaft.

vlcsnap-00195vlcsnap-00196

Bustillo & Maury verzichten bei „Among the Living“ zum größten Teil auf das, was sie bekannt gemacht hat: Exzessiven Gore. Stattdessen setzten sie auf einen eher klassischer Grusel, bei dem sich mehr im Kopf als vor den Augen des Zuschauers abspielt. So werden viele der Morde gar nicht erst gezeigt, sondern lediglich durch einen harten Schnitt angedeutet. Was durchaus Sinn macht, denn es handelt sich bei den Opfern um Kinder, was dem Film einigen Ärger und vor allem einen kommerziellen Tod eingebracht hätte. Doch wenn sich die Gewalt gegen Erwachsene richtet, lassen Bustillo & Maury dann doch noch einmal den alten Gorehound von der Leine. In einer besonders qualvollen Szene zeigen sie in aller Ausführlichkeit, wie der Killer sein Opfer quält und schließlich auf ausgesprochen unangenehme Weise umbringt. Ein anders Mal setzten Bustillo & Maury auf einen spektakulären Splattereffekt. Beides kommt aufgrund der eher zurückhaltenden Inszenierung am Anfang vollkommen überraschend und und soll möglicherweise die etwas sensibleren Zuschauer destabilisieren.

vlcsnap-00198vlcsnap-00212

Wie schon in „Livid“ ist die Inszenierung der beiden Regisseure Bustillo & Maury ausgesprochen elegant. Die Kamera gleitet durch die Szenerie und das sichere Auge für schöne Bilder unterstützt insbesondere die erste Hälfte des Filmes in der die Jungen in eine wahrhaft magische Stimmung versetzt werden. Diese schlägt dann in einen Albtraum um, wenn Bustillo & Maury mit großer Effektivität eine verfallenen Filmstadt als Hintergrund nutzen und ihr „Monster“ einführen. Dieses ist zunächst durch eine schmutzig-verrottete Clownsmaske getarnt, so dass man seine wahre Natur mehr erahnen muss, als sie dem Zuschauer offenbart wird. Wird diese dann enthüllt, ist es Geschmackssache, ob man nun den merkwürdigen Clown oder den kahlen, nackten Mann mit Unterbiss gruseliger findet. Dieser tritt dann im letzten Drittel in Action, wenn sich „Among the Living“ in eine lupenreine Home-Invasion-Geschichte verwandelt. Der Kampf einer Familie gegen den schier unbesiegbaren, unheimlichen Eindringling ist von Bustillo & Maury mit großer Intensität und Herzklopfen in Szene gesetzt worden und scheut auch nicht vor einigen Geschmacklosigkeiten zurück. Damit werden allerdings auch einige faustgroße Logiklöcher überspielt, die einem sonst vielleicht schwerer im Magen liegen würden.

vlcsnap-00207vlcsnap-00208

Mit „Among the Living“ haben Alexandre Bustillo und Julien Maury ihren nunmehr dritten Spielfilm abgeliefert, der zwar einige Härten enthält, sich aber im Großen und Ganzen mit seinen Splatter-Effekten stark zurücknimmt und eher auf eine zunächst idyllische, später bedrohliche Stimmung setzt. Die Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, degenerierter Horrorfamilie und Home-Invasion-Story ist in ihren Einzelteilen stilistisch recht unterschiedlich in Szene gesetzt worden, verfolgt aber mit der Konzentration auf das Thema „Familie“ einen roten Faden. Auch wenn dieser durch einige Ungereimtheiten fast aufgerieben wird.

vlcsnap-00217vlcsnap-00218

Die Bildqualität der bei Sun Entertainment erscheinen DVD ist sehr gut, auch wenn das Bild manchmal etwas zu hell und Schwarztöne nicht dunkel genug erscheinen. Beim Ton kann man keine Schwächen ausmachen und die Synchronisation ist auch okay. Beim Bonusmaterial findet sich ein 60-minütiges „Making Of“, welches allerdings eher eine B-Roll ist, da kommentarlos Szenen von den Dreharbeiten gezeigt werden.

DVD-Rezension: „Snowpiercer“

Von , 28. September 2014 21:33

Snowpiercer_DVD

Der Versuch die globale Erwärmung zu stoppen, war ein folgenschweren Fehler. Durch die versuchte Manipulation des Menschen ist nun die ganze Welt zugefroren. Die wenigen Überlebenden dieser globalen Katastrophe rasen in einem riesigen Zug, dem „Snowpiercer“, durch die Eishölle, die einst die Erde war. Während ein Teil der verbliebenen Menschheit in hinteren Zugende vor sich hin vegetiert und von den Soldaten der Mächtigen geknechtet wird, leben der Teil in den vorderen Abteilen in Saus und Braus. Curtis (Chris Evans), der in hinteren Teil des Zuges lebt, werden geheimnisvolle nachrichten zugespielt, die ihm Hoffnung geben, etwas an den unwürdigen Verhältnissen ändern zu können. Zusammen mit dem alten Gilliam (John Hurt) und den jungen Edgar (Jamie Bell) plant er einen Aufstand. Er will versuchen sich mit einer Gruppe Rebellen bis an die Zugspitze vorzukämpfen. Bis zu Mr. Wilford (Ed Harris), der Schöpfer und Herrscher des „Snowpiercer“…

vlcsnap-00820vlcsnap-00821

Snowpiercer“ ist eine internationale Co-Produktion par excellence. Der Film beruht auf einem französischem Comic, und wurde von einem koreanischen Regisseur, mit amerikanischen, britischen und koreanischen Schauspielern in den Hauptrollen, in Tschechien gedreht. Vielleicht ist es diese vitale Mixtur, die „Snowpiercer“ weit über die groß-budgetierten Hollywood-Blockbuster erhebt, welche sich ebenfalls mit dem Ende der Welt befassen. „Snowpiercer“ ist intelligent, konzentriert sich auf seine Charaktere und ist visuell ebenso einfallsreich, wie beeindruckend. Er erzählt in einer Allegorie viel über die Missstände in unsere Gesellschaft, ohne dabei zu deutlich den Zeigefinger zu erheben, oder predigend zu wirken. Der Produzent Harvy Weinstein, der die Veröffentlichungsrechte für die USA besitzt, war dies allerdings schon zu viel – er wollte den Film nur in einer um 20 Minuten gekürzten Fassung herausbringen, die den Action-Gehalt betont und „langweilige Charakterisierung“ eliminierte. In Europa aber konnte von vornherein der vollständige Film erscheinen. Hier hatte wohl niemand Angst, das Publikum könnte überfordert werden.

vlcsnap-00824vlcsnap-00825

Wobei diese Angst nicht unbegründet ist, denn was auf den Zuschauer an Wendungen, Grausamkeiten und schierer Hoffnungslosigkeit entgegenschlägt, sucht selbst in einem Film mit dieser Thematik, durchaus seines gleichen. Nein, ein fröhlicher Film ist „Snowpiercer“ ganz gewiss nicht, trotz der überspitzten Darstellung Tilda Swintons, die manchmal zum Grinsen anregt. Doch Swintons Charakter Mason ist trotz aller unterhaltsamen Affektiertheit eine finstere Seele. Ebenso wie die einzige andere Szene, die einen gewisse ironischen Wert hat: In einem der Zugabteile werden Kinder von einer fröhlichen Lehrerin mit lächerlichen Propaganda-Liedern indoktriniert. Wer denke hier nicht an das Bruderland des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho? „Snowpiercer“ steckt voller solcher Metaphern. Da sind die Drogen, die der explosive Zündstoff sind, der die Welt im wahrsten Sinne des Wortes aus den Angeln hebt. Und natürlich der Zug selber. Eine hermetische Welt, in der die da oben, die da unten knechten und ausbeuten. In der es unterschiedliche Klassen gibt, und die Einen alles und die Anderen nichts haben. Hier Sushi, dort Kakerlaken. Die Kunst Bong Joon-hos liegt darin, das diese Zusammenhänge dem Zuschauer natürlich sofort klar sind, sie aber nie aufgezwungen wirken.

vlcsnap-00832vlcsnap-00837

Neben der visuell atemberaubenden Gestaltung, die einen stets im Zustand der Klaustrophobie hält, und bei der jedem der Wagen ein individueller Charakter gegeben wird, brillieren auch die Schauspieler. An erster Stelle sei hier Chris Evans genannt. „Captain America“ ist hier nicht wiederzuerkennen. Evans spielt den Helden wider Willen mit einer beinahe physisch spürbaren Traurigkeit, aber auch einer unbändigen Stärke, die aus der Wut über die ungerechten Verhältnisse im Zug geboren wurde. Den erschütternden Monolog, den er am Ende hält, hätten dem schönen Evans nach seiner Karriere als eher blasser Marvel-Held kaum jemand zugetraut. Doch Evans schafft es in dieser Schlüsselszene eindrucksvoll, dem Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Aber auch die anderen Darsteller können mithalten, voran Bong Joon-hos Lieblingsdarsteller, der südkoreanische Megastar Song Kang-ho, der wieder einmal beweist, dass großes Schauspiel, nicht unbedingt gleich große Gesten bedeutet. Hervorzuheben ist auch Ko Ah-seong, die seine Tochter Yona spielt. Ein genialer Schachzug ist das Casting von Ed Harris, der hier eine ganz ähnliche Rolle wie in „The Truman Show“ spielt. Ein Film, mit dem „Snowpiercer“ weit mehr gemein hat, auch auf den ersten Blick zu erkennen ist.

vlcsnap-00839vlcsnap-00844

Heimlicher Star des Filmes ist jedoch Tilda Swinton als Ministerin Mason. In entstellender Maske gibt die Swinton mit viel Mut zur Hässlichkeit eine ihrer exzentrischen Darstellungen. Womit sie sich stark vom Rest der Besetzung abhebt. Swinton gibt dem Film zwar ein parodistisches Element, ihre Mason wirkt dadurch allerdings wie ein Fremdkörper. Ein bunter Cartoon-Charakter in einer rauen, schwarz-weiß-Welt. Mason kennt zwar weder Skrupel, noch Gnade, aber wenn sie in hündischer Unterwürfigkeit ihr Mäntelchen in dem Wind hängt, macht sie dies zu einer ebenso hassenswerten, wie unterhaltsamen Figur. Ebenfalls wie im falschen Film wirkt zunächst Masons Helfershelfer Franco, der im Stile einer unbesiegbaren Killermaschine agiert. Im Kontext des Filmes stören diese beide Figuren aber nicht. Beide lockern das düster-verzweifelte Geschehen etwas auf, und geben der permanenten Gefahr, in der sich die Gruppe der Aufständischen befindet, ein einprägsames Gesicht.

vlcsnap-00870vlcsnap-00856

Auch das von Bong Joon-ho und Kelly Masterson verfasste Drehbuch befindet sich auf höchstem Niveau. Von den offensichtlichen Allegorien abgesehen, gelingt es den Autoren, den Zuschauer beständig aus der Bahn zu werfen und mit scheinbar offensichtlichen Klischees, die das Publikum zunächst in Sicherheit wiegen, zu spielen und diese dann lustvoll zu zertrümmern. In „Snowpiercer“ gibt es keine strahlenden Helden, nur Opfer, die sich gegen ihr herzloses Schicksal auflehnen und nicht erkennen, dass sie doch nur Marionetten in einem perfiden Spiel sind. Liebgewonnene Figuren werden unpathetisch im Vorbeigehen eliminiert, andere vollziehen eine vollkommen unerwartete Wandlung, und selbst der grausame Plan des Zugführers Wilford klingt am Ende dann doch irgendwie ganz vernünftig – zumindest für jemanden, der im Controllingwesen oder als Firmenberater arbeitet.

vlcsnap-00850vlcsnap-00858

Gerade weil „Snowpiercer“ über weite Strecken alles richtig macht, ärgern kleine Schlampigkeiten umso mehr. Wobei ich hier nicht auf die Special Effects, welche die Außenwelt und den Zug kreieren, eingehen will. Diese sind sicherlich nicht state-of-the-art und sehen so extrem künstlich aus, dass dies durchaus in der Intention des Regisseurs gelegenen haben mag. So wirkt die Außenwelt wie der unwirklichen Traum der Passagiere, und das Innere des Zuges wie eine sehr reale Hölle. Vielmehr sind es einige Unachtsamkeiten und Logikbrüche, die das großartige Gemälde verunzieren. So als ob jemand mit Edding eine krakelige Figur auf ein Gemälde von Rembrandt geschmiert hätte. Dies ist umso ärgerlicher, als diese Schludrigkeiten völlig überflüssig und vermeidbar gewesen wären.

vlcsnap-00863vlcsnap-00866

Gestalterisch befindet sich der überaus talentierte Bong Joon-ho auf der Höhe seine Kunst. Es gelingen ihm ebenso spielerisch, atemlose Spannung zu erzeugen, wie ein einen Kampf als grausames, artifizielles Ballett zu inszenieren, indem er die Geschwindigkeit herausnimmt und ihn mit getragener Musik untermalt. Dabei wirkt das Gezeigte nicht heroisch überhöht, wie z.B. in Zack Snyders „300“ und Konsorten. Bong Joon-ho zeigt die brutale Schlacht als das, was sie ist: Ein gnadenloser Tanz mit dem Tod, bei dem es um das nackte Überleben geht. An dieser Stelle muss auch auf Marco Beltramis Musik hingewiesen werden, die die Bilder kongenial begleiten und das Gefühl der Klaustrophobie und der permanenten Gefahr noch verstärkt.

vlcsnap-00853vlcsnap-00876

„Snowpiercer“ ist ein intelligenter SF-Film, der auf allen Ebenen funktioniert. Klar als Allegorie angelegt, besticht er aber auch durch atemlose Spannung, vielschichtige Charaktere, ein beeindruckendes visuelles Design und unvorhersehbare Wendungen. Dabei werden ganz nebenbei kritische Kommentare zum Zustand unserer Gesellschaft abgegeben und ein paranoides Gedankenspiel inszeniert. Lediglich einige ärgerliche Schlampigkeiten mindern den insgesamt hervorragenden Eindruck eines der besten Science-Fiction-Filme der letzten drei Jahrzehnte.

vlcsnap-00881vlcsnap-00885

Das Bild der DVD von Ascot Elite ist gut. Ab und zu wirkt es allerdings etwas weich und hell. In anderen Szenen, vor allem Großaufnahmen, fällt dies allerdings nicht auf. Der Ton ist dynamisch und nutzt insbesondere in der zweiten Hälfte den Raum voll aus. Bei den Extras gibt es in 15-minütiges „Making Of“, welche interessante Einblicke in die Dreharbeiten gibt, aber viel zu kurz ist. Gerade bei diesem Film hätte man sich eine ausführlichere Dokumentation sehr gewünscht. Der Rest ( ein „Making of Spot“ und ein „Special Animated Clip“ von jeweils einer Minute, sowie eine 2,5-minütige Diashow mit „Production Sketches“, sowie diverse Trailer), sind nicht der Rede wert.

Bericht vom 21. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1

Von , 26. September 2014 14:53

Olenburg1Wieder einmal Oldenburg. Wie jedes Jahr habe ich mich auch in diesem Jahr auf in die schöne Nachbarstadt (mit nur 45km kann man durchaus noch von Nachbarschaft sprechen) gemacht. Das 21. Internationale Filmfest rief, und ich war nur allzu bereit, dem Ruf zu folgen. Im Vorfeld waren wieder einige unerfreuliche Dinge bezüglich der mangelhaften Unterstützung durch die Stadt zu hören gewesen. Fast macht es den Anschein, als hätten die politisch Verantwortlichen einen persönlichen Hass auf das Festival. Und wenn man sich noch einmal die mimosenhaften Streitereien aus dem Vorjahr ins Gedächtnis ruft, ist man fast geneigt, diese Möglichkeit Glauben zu schenken.

Noch kann die fehlende Unterstützung der Stadt so halbwegs mit Sponsorengeldern und viel Improvisation mehr oder weniger kompensiert werden. Aber es stellt sich die bange Frage: Wie lange noch? So war ich sehr gespannt, was mich dieses Jahr in Oldenburg erwarteten würde. Wird man die Einschnitte bemerken? Die Antwort lautet: Nein. Der „normale“ Zuschauer wird die dünnen Fäden, mit denen alles zusammengehalten wurde, nicht bemerkt haben. Dafür ein ganz großes Kompliment an Torsten Neumann und sein Team.

Wenn man ganz genau hinsieht, fällt einem natürlich auf, dass der German Independence Award auf Eis gelegt werden musste, so dass es dafür auch keine Jury mit bekannten Namen gibt. Dass das Filmangebot weiter ausgedünnt wurde und vor allem wieder neue, scheinbar kostengünstigere Abspielstätten (mit dem winzigen cineK und dem Casablanca nehmen wieder nur zwei „echte“ Kinos teil) dazukamen, und. Andererseits unterstreicht letzteres noch die familiäre Intimität dieses Festival. Ich erinnere mich noch, dass diese spezielle Stimmung einer großen, cineastischen Familie, in den beiden Cinemaxx-Sälen, die bis 2012 noch zur Verfügung standen, nicht aufkam. Mit der Ausnahme des Casablanca und der weit abseits gelegenen, ungemütlichen Alten Flaiva, konzentriert sich das Festival nun ganz auf die Bahnhofstr. mit cineK, Kulturetage und theaterhof. Was zur Folge hat, dass man sich trotz Kinowechsel immer wieder über den Weg läuft und sich auf der Straße Festival-Gäste und Publikum wunderbar vermischen. Was diesmal sicherlich auch daran lag, dass uns das Wetter laue Altweibersommer-Nächte beschwerte.

Vielleicht war das gute Wetter auch daran Schuld, dass die immer schon recht positive Stimmung auf dem Filmfest Oldenburg, einem diesmal gleich noch wärmer erschien. Oder waren es die Gäste? Viele junge Weiter lesen 'Bericht vom 21. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1'»

Panorama Theme by Themocracy