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Blu-ray Rezension: „Nackt im Sommerwind“

Von , 24. November 2018 12:44

Mr. Prince (Jeffery Niles), Sohn einer ausgesprochen reichen Familie (in der US-Fassung ein echter Prinz in einem kleinen Land) zieht es in die große Stadt, um wie normale Menschen zu arbeiten. Schnell findet er eine Stelle in leitender Position und zwei Mitarbeiterinnen, die gerade frisch in die Stadt gezogen sind: Die blonde Eve und die brünette Sue (beides Joni Roberts). Mr. Prince verliebt sich in Eve, während sich Sue unsterblich in ihn verliebt. Mr. Prince ist glühender Anhänger der Freikörperkultur und auch Eve ist überzeugte Nudistin. So trifft man sich im Nudisten-Camp, während Sue Pläne schmiedet, wie sie ihren Prinz für sich gewinnen kann…

Doris Wishman ist eine ganz besondere Filmemacherin. Eine, wie es sie so vorher nicht gab und auch nicht wiedergeben wird. Seitdem ich mich für die 22. Ausgabe des 35-Millimeter-Retro-Filmmagazin intensiv mit ihr und ihrem Werk bis 1965 auseinandergesetzt habe, bin ich ihrer sehr individuellen Art des Filmemachens verfallen. Umso größer die Freude, dass die große kleine Frau endlich mit einer ihr gebührenden Veröffentlichung auch hierzulande geehrt wird. Leider zählt „Nackt im Sommerwind“ nicht zu ihren besten Filmen. Auch in ihrer Nudisten-Phase gibt es Filme, die diesem eher unbedeutenden Werk haushoch überlegen sind. Wie ihr Erstling „Hideout in the Sun“ oder der sehr unterhaltsame „Nude on the Moon“, den wir einmal mit großem Erfolg bei unserer Bremer Filmreihe Weird Xperience zeigen durften. Aber man soll trotzdem froh sein, dass dieses Stückchen Zelluloid dem endgültigen Vergessen entrissen wurde.

Wie gesagt, ist „Nackt im Sommerwind“ kein besonderes Ruhmesblatt. Wishman nutzt die arg dünne Geschichte, die vor allem über das Voice-Over und ein paar ungelenke Spielszenen transportiert wird, um einem die immer gleichen Szenen aus einem realen Nudisten-Camp (die, wie ich meine, größtenteils schon in ihren anderen Filmen verwendet wurden) vorzuführen. Nicht, dass ihre anderen Nudisten-Filme gänzlich anders funktioniert hätten. Doch bei jenen gab es dann aber immer noch eine etwas interessantere oder ausgefallenere Handlung, welche die Aufmerksamkeit wachgehalten hat. Hier macht diese in dem eh schon sehr kurz ausgefallenen Film gerade mal die Hälfte aus und wirkt irgendwo lustlos nebenher inszeniert. Dass ein Wohnzimmer als Büro herhalten muss, passt zwar zur seltsamen Parallelwelt, die Wishman in ihren Filmen kreiert. Doch ihr Hauptdarsteller Jeffery Niles bringt in seiner einzigen Filmrolle außer gutem Aussehen rein gar nichts mit, was ihn irgendwo charismatisch erscheinen lässt. Nicht nur, dass der bekennenden Freikörper-Fan der Einzige im Nudisten-Camp ist, der eine Badehose trägt – was niemanden zu verwundern oder stören scheint – , ständig wandert sein Blick in Richtung Kamera, wo er sehnsüchtig auf sein Einsatzzeichen wartet und bei jedem Dialog kann man seinen Augen dabei zusehen, wie sie gerade den Text von einer Karte ablesen. Man kann natürlich argumentieren, dass das einen Teil des Charmes ausmacht. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass Wishman hier mit einer gewissen „Egal“-Haltung gefilmt hat, die man in ihren anderen Filmen nicht spürt.

In der weibliche Haupt-(Doppel)-Rolle tritt Joni Roberts auf, die nicht besonders viele Nuancen nutzt, wenn es darum geht, die angeblich so unterschiedlichen Zwillingsschwestern zu spielen. Blonde und brünette Perücke und leicht abgeändertes Make-Up müssen da reichen. Immerhin hat sie den Mut, im Gegensatz zu ihrem Filmpartner, im Nudisten-Camp auch wirklich nackt aufzutreten. Ansonsten ist es nett anzuschauen, wie Wishman hier mit einfachsten Mitteln die Illusion hervorrufen möchte, dass wirklich zwei Personen anwesend seien. Dabei gibt es dann sogar eine einzige Szene, in der beide Schwestern zusammen zu sehen sind – wobei der extrem billige Effekt gar nicht so schlecht geraten ist. Ansonsten arbeitet Doris Wishman, wie man es von ihr kennt. Mit sehr vielen Natur-Aufnahmen (einmal sieht man minutenlang von Wasser umflossene Steine, während der Voice-Over die Handlung weitererzählt) und Schnitten auf Einrichtungsgegenstände (gerne auch mal als Standbilder). Das kennt und schätzt man an ihr, und macht auch ihren besonderen Stil aus. Selten allerdings wurden diese Mittel so inflationär und wahllos eingesetzt wie hier.

Die deutsche Fassung kann durch eine sehr gute, zeitgenössische Synchronisation punkten. Eine bekannte (von mir leider nicht identifizierte) Stimme spricht ironisch-amüsiert den blumigen Voice-Over, während ein sehr junger Christian Bruckner den Helden spricht und somit dessen Darstellung deutlich auswertet. Die englischen Tonspur wurde nachträglich neu erstellt. Da der Film in den USA verloren war, und die deutsche Fassung die einzige noch existierende war, wurde auf der Basis der noch existierenden Zensurkarten neu eingesprochen. Für den Wishman-Afficado ist diese Veröffentlichung natürlich ein Pflichtprogramm, denn dank der Arbeit von LSP, die für den Transfer zuständig waren, sieht der Film besser aus, als alles was man sonst von Doris Wishman sehen kann. Schade nur, dass die Mühe nicht auf ein sehr viel interessanteres Werk wie z.B. „Bad Girls Go To Hell“ aufgewandt wurde. Zudem ist der Film extrem rar und galt – bis im letzten Jahr eine DVD basierend auf der deutschen Kinorolle und mit der neuen englischen Tonspur erschien – lange als verschollen. Wer allerdings erstmals das bizarre Universum der Doris Wishman betreten möchte, dem würde ich zum Einstieg doch einen anderen Film empfehlen.

Trotz des eher schwachen Filmes ist die ausgesprochen liebevolle Veröffentlichung von Forgotten Film Entertainment ein Must-have für alle, die sich für Doris Wishman und/oder die Low-Budget-Filme der 60er interessieren. Die Veröffentlichung entstand im Zusammenarbeit mit dem Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega, der Doris Wishman 2001 zu sich nach Gelsenkirchen eingeladen hatte und reichlich Material aus dieser Zeit zur Verfügung stellen konnte. Und allein dieser Schatz ist es wert, sich die BluRay zu besorgen. Zum einen findet man hier viele – ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmte – Aufnahmen von ihrem Besuch 2001 in Gelsenkirchen (27 Minuten). Da ist es nicht nur schön die jungen Gesichter der damaligen Protagonisten zu sehen, auch Doris fühlt sich wohl, redet frei von der Leber weg und inszeniert sogar ein wenig. Hier hat man wirklich das Gefühl, dabei gewesen zu sein und sich Jahre später die alten Aufnahmen anzusehen. Ebenfalls sehr schön ist eine Dokumentation des Besuches von einem „Buio“ und Freundin bei Doris in Florida ein Jahr vorher (18 Minuten). Hier bekommt man ein gutes Gefühl dafür, wie Doris ihren Lebensabend verbrachte und was sie für ein Mensch war. Anekdoten inklusive. Herzstück der Edition ist dann der 97-minütige Film „Better than Sex! Oder: Wie man einen Wishman-Film macht“, der Doris Wishman bei den Dreharbeiten zu ihrem letzten Film zeigt. Am Set werden auch viele interessante Gespräche mit ihren Weggefährten geführt. Insbesondere ihr langjähriger Kameramann hat da viel zu erzählen. Daneben gibt es noch ein 5-minütiges Stück in dem Synchronsprecher-Legende Christian Brückner zeitgenössische Kritiken von „Nackt im Sommerwind“ vorliest, sowie ein knapp 2-minütiges Intro der „Buios“ Ingo Stecker, Jo Steinbeck und Heinz Klett. Die Drei bestreiten dann auch den Audiokommentar und liefern zusammen mit anderen aus dem Buio-Omega-Umfeld (u.a. Christian Keßler) die Texte für das sehr umfangreiche 32-seitige Booklet. Als Schmankerl hat man noch den Originalvorfilm restauriert und auf die BluRay gepackt, der bei der Deutschen Aufführung von „Nackt im Sommerwind“ vorweg lief: „Mädchen in der Sauna“. Dieser hätte jetzt nicht unbedingt eine solch perfekte Restauration (der Film sieht wirklich aus wie neu) benötigt, ist aber ein schönes Zeitdokument. Eine junge Journalistin schreibt einen Bericht über die finnische Sauna, recherchiert vor Ort und probiert die Sauna auch gleich mal selber aus, was dem Zuschauer Gelegenheit gibt, sie im Eva-Kostüm zu sehen. Erotisch ist das nicht direkt und statt „Mädchen“ sieht man allerlei Menschen beiderlei Geschlechts, Alter und Form. Die drei „Herr Weber“ hätte ich jetzt nicht gebraucht. „Herr Weber“ ist scheinbar eine „in der Szene“ bekannte Figur, die ich aber eher nervig fand. „Wie ich den Sommerwind fing“ (20 Minuten) soll davon erzählen, wie er die letzte Kopie von „Nackt im Sommerwind“ fand. Es erschließt mir aber leider nicht, was daran Fakt und was Fiktion ist. Soll wahrscheinlich lustig gemeint sein. Es folgen dann noch zwei 3- bzw. 4-minütige Kurzfilme mit Herrn Weber. Abschließend noch etwas zur technischen Qualität des Hauptfilmes: Diese ist sowohl was Bild als auch Ton angeht superb und so gut hat wahrscheinlich noch nie ein Doris-Wishman-Film ausgesehen.

Blu-ray Rezension: „Escalation“

Von , 22. Dezember 2017 09:29

Luca Lambertinghi (Lino Capolicchio) genießt das Leben als Hippie im Swinging London in vollen Zügen. Bis eines Tages sein Vater Augusto (Gabriele Ferzetti), ein italienischer Industrieller, auftaucht und ihn zur Mitarbeit im Familien-Betrieb zwingt. Obwohl Luca darauf keine Lust hat, folgt er seinem Vater zurück nach Italien. Da Luca immer wieder – erfolglos – versucht, sich aus der auferlegten Verantwortung zu stehlen, heuert der Papa die wunderschöne Psychologin Carla Maria (Claudine Auger) an. Diese soll aus seinem Sohn einen fleißigen firmenerben machen. „umdrehen“ soll. Tatsächlich gelingt es der eiskalten Carla Maria Luca zu „bekehren“, und Luca verliebt sich in sie. Bald schon wird geheiratet. Doch Clara Maria verfolgt ihre ganz eigenen Pläne und hält den ihr gänzlich verfallenen Luca an der ganz kurzen Leine…

Es ist der große Verdienst des Labels Forgotten Film Entertainment, dass es seinen Namen ernst nimmt. Satt den leichten Weg zu gehen und sattsam bekannte Titel zu veröffentlichen, hat Forgotten Films tief in der Geschichte des europäischen Films gegraben und „Escalation“ hervorgezaubert. Einen Film, von dem selbst ich als Italo-Afficado lediglich das markante Poster mit der hübsch bemalten Claudine Auger kannte. Noch nicht einmal der schöne Soundtrack von Ennio Morricone war mir bisher untergekommen. Dabei bringt der Film alle Voraussetzungen mit, um nicht nur einer kleinen Zirkel cinephilen Italo-Liebhabern, sondern einem weitaus größerem Publikum bekannt zu sein. Er schwelgt in Pop-Art Kulissen wie „Das 10. Opfer“ oder „Danger: Diabolik“, bringt die wütende, gesellschaftskritische Kino eines Carlo Lizzani mit, hat mit Claudine Auger eine faszinierend-schöne Hauptdarstellerin, und erinnert in seiner teilweisen surrealen Groteske an geliebte Klassiker wie „Femina Ridens“ oder „Die Falle“. Hinter jeder Ecke scheint auch Elio Petri zu lauern, in dessen Oeuvre „Escalation“ sehr gut gepasst hätte. Bezeichnenderweise war „Escalation“-Produzent auch für Petris „Zwei Särge auf Bestellung“, aber auch den oben erwähnten „Femina Ridens“ verantwortlich. Trotzdem scheint „Escalation“ heute tatsächlich vergessen.

Vielleicht liegt es ja wirklich daran, dass sich der Film gegen jegliche Einordnung sperrt. Er beginnt als locker-flockige Hippie-Komödie aus dem Swinging London, um bald schon dunklere Töne anzuschlagen, dann in eine böse Satire umzuschlagen und am Ende tatsächlich zu einer galligen Krimigeschichte zu werden. Auch wenn sich dies alles auf dem Papier ausgesprochen inhomogen liest, so folgt der Film dabei doch einer bestechenden Logik und bitteren Konsequenz. Je mehr sich der Film von seinem heiter-sorglosen Ton entfernt, umso artifizieller und kälter werden die Bilder. Und auch die Figur des Luca Lambertinghi verändert sich immer mehr. Vom lustigen Hippie zum Hanswurst, der von seiner dominanten Frau an der kurzen Leine geführt und manipuliert wird bis er schließlich zum kühl kalkulierenden Mörder wird. Diese Verwandlung findet auch äußerlich statt. Die lockigen Haare und bunten Klamotten werden bald schon gegen Pomade, gepflegten Schnäuzer und Anzüge eingetauscht. Wirken diese an Luca zunächst noch wie eine Verkleidung, wächst er immer mehr in sie hinein bis man am Ende glaubt, er hätte nie etwas anderes getragen.

Sein Inneres ändert sich dabei aber kaum. Ob Hippie, Ehemann oder Konzernerbe – getrieben wird er immer von einer unglaublichen Bequemlichkeit. Seine ganzes Hippietum nebst Indien-Träumerei ist nur eine Maske, hinter der es sich gut und bequem leben lässt. Für irgendwelche Ideale zu kämpfen käme Luca nie in den Sinn. Als sein Vater ihn aus seiner London-Idylle herausreißt, um das Firmenerbe anzutreten, folgt Luca zwar murrend, aber ohne wirkliche Gegenwehr. Statt „Nein“ zu sagen, denkt er sich kuriose Mätzchen aus, damit sein Vater ihn rauswirft. Lediglich, wenn er aus einer Irrenanstalt ausbüchst, wendet er so etwas wie Energie auf, bevor er sich von einer skurrilen Detektiv-Bande wieder zurück in die Heimat schleppen lässt. Von seiner Ehefrau lässt er sich dann später in Aussicht auf guten, leidenschaftlichen Sex wie ein Tanzbär an der Nase herumführen, ohne dass sich dieses Versprechen wirklich erfüllt. Liegen sie im Ehebett nebeneinander, tragen sie hautenge Overalls, die nicht umsonst an Kondome oder aseptische Schutzkleidung erinnert.

Ist die Figur des Luca Lambertinghi eine Kritik an den bourgeoisen Hippies, die von den Idealen diese Kultur keine Ahnung haben, und einfach mal mitmachen, aber ohne irgendwelche Konsequenzen zu tragen? Die im Herzen noch immer spießig und kleinbürgerlich sind, es aber toll finden, in der ach so hippen, freien Szenen herumzuspazieren und so zu tun, als wenn sie dazugehören? Diese tristen Büroangestellten, die einmal im Jahr ihre grauen Anzüge gegen geschmacklose Hemden und bunte Perücken tauschen, um so schrecklich lustig, verrückt und „alternativ“ zu sein, um am nächsten Tag wieder an ihre penibel aufgeräumten Schreibtischen zurück zu kriechen. Leute die am Wochenende Punk sind und in der Woche das FDP-Parteibuch im der Tasche tragen. Ist Luca am Anfang nicht genau derselbe, wie am Ende? Ein auf seinen eigenen Vorteil bedachter, kaltschnäuziger, bürgerlicher und weiterhin verdammt bequemer Typ, dem es einfacher erscheint, sich anzupassen anstatt zu rebellieren?

Dies ist eine Leseweise des Films. Aber er behält sich auch die Möglichkeit offen, dass Luca Lambertinghi einfach ein naiver, gutgläubiger Typ ist, der von den manipulativen Kräften des Kapitalismus und der Gier langsam, aber sicher korrumpiert wird. So, dass er am Ende seine Unschuld verloren hat, sein Herz erkaltet und seine Seele verkümmert. Zwar hat er sich noch immer ein kleines Stückchen Anarchie bewahrt, doch dies tief in seinem Inneren begraben. Wie bei so manchem 68er, der später in die Wirtschaft oder die Politik gegangen ist, blieb von der anfänglichen Leichtigkeit und Lebensfreude, den guten Vorsätzen und hehren Idealen nicht viel übrig, wenn diese erst einmal durch die Schleifmühle der leistungsorientierten und gierigen, kapitalistischen Gesellschaft gegangen ist. Sieht man sich heute im Bundestag oder den Firmenzentralen um, sieht man viele Luca Lambertinghis. Die grandiose Begräbniszeremonie, mit der „Escalation“ beschließt, trägt auch das Jahr 1968 zu Grabe. Getötet vom Menschen selber, der schwach, bequem und habsüchtig ist.

All dies gelingt es Regisseur und Drehbuchautor Roberto Faenza vorzüglich, in seinem Film zu verpacken. Dabei wird er bei seinem Regiedebüt nicht nur von exzellenten Schauspielern, wie den großartigen Gabriele Ferzetti unterstützt, sondern auch von einem absolut fabelhaften Design, an dem sich das Auge des Betrachters förmlich festsaugt. Ebenso wie an der überirdisch schönen Claudine Auger, die selbst als Bond-Girl Domino in „Feuerball“ nicht solch eine sinnesbetörende Ausstrahlung besaß. Da versteht man gut, dass der Hauptfigur Luca Lambertinghi das Gehirn in die Hose rutscht und er sich von ihr an der Nase herumführen lässt. Denn die Gute stellt einen weiteren Aspekt des Kapitalismus da. Während Ferzetti als Vater und Firmeninhaber die Dekadenz und altmodische verkörpert, ist Claudine Auger der kühle, emotionslos berechnende Intrigant, der durch geschickte Schachzüge und ohne Rücksicht auf andere seine Macht und sein Geld vergrößert. Die verführerische Attraktivität des Bösen. Faenza style.

Mit „Escalation“ hat Forgotten Film Entertainment eine sehr gelungen Veröffentlichung auf den Markt geworfen, die locker mit vergleichbaren Labels wie Cinema Obscura oder Wicked Vision Media mithalten kann. Die Bildqualität ist sehr ordentlich. Es gibt zwar immer wieder kurz auftauchenden kleine Filmkratzer in Betracht, aber aus gut unterrichtete Quelle weiß ich, dass der Blu-ray trotzdem das Negativ zugrunde liegen, welches in 2K abgetastet und restauriert wurde. Wobei sich das auch viel zu dramatisch anhört. Man sieht gerade am Anfang halt ab und zu kleine weiße Sprenkel, die von besagtem Negativ stammen und nicht weggefiltert wurden. Nichts woran man sich stören sollte. Das Bild ist sehr klar und scharf, und enthält erfreulicherweise eine schöne Filmkörnung, die „Escalation“ auch richtig schön nach Kino aussehen lässt. Einzig eine Partyszene zu Beginn fällt extrem ab und das Bild wirkt dunkel und sehr verrauscht. Aber dies gilt wirklich nur für diese eine Szene gilt, und der suboptimale, dokumentarisch anmutende Look ist durchaus vom Regisseur gewollt, der hierfür eine 8mm- oder 16mm-Kamera benutzte. Ansonsten gibt es nichts zu beanstanden. Auch der Ton ist klar und deutlich. Er liegt in Deutsch und Italienisch (beides mono) vor. Dazu kann man sich deutsche und italienische Untertitel einblenden lassen. Auf einer dritten Tonspur findet man einen Audiokommentar von meinem 35-Millimeter-Retro-Filmagazin-Kollegen Leonhard Elias Lemke und Robert Wagner. Sehr spannend ist das halbstündige Interview „1968 Ways To Be A Protester“ mit Regisseur Roberto Faenza geworden, in dem er über seine Karriere und insbesondere sein Debüt „Escalation“ plaudert. Ebenfalls eine halbe Stunde dauert „Endless Escalation“, ein weiteres, informatives Interview mit Hauptdarsteller Lino Capolicchio. Drei Minuten lang kann man sich in „Die weißen Strände von Rosignano Solvay“ einige Drehorte des Filmes anschauen. Ferner gibt es noch umfangreiche Bildgalerien. Der Veröffentlichung liegt außerdem noch ein 56-setiges Booklet (oder sollte man besser „Büchlein“ sagen?) mit Texten von Thomas Hübner, Endre Udvari, Sebastian Schwittay, Gerald Kuklinski und Richie Pistilli bei.

„Rettet die Schwedin!“ – Crowdfunding-Aufruf für die Rettung des Filmes „Der Perser und die Schwedin““

Von , 5. Januar 2016 16:39

Zum neuen Jahr soll man ja gute Vorsätze einhalten – oder wenn das zu schwer ist, jenes dann eben mit einer guten Tat beginnen. Dann entscheide ich mich mal für die zweite Möglichkeit und weise mit großer Freude auf eine Crowdfunding-Aktion für eine gute Sache hin.

Der legendäre Hofbauer-Kongresses, findet regelmäßig in Nürnberg stattfindet und lockt Kinoenthusiasten mit fast, und ganz, vergessenen, besonderen Zelluloid-Werke in die schöne fränkische Stadt, um sich in den heiligen Hallen des KommKinos gemeinsam in eine wunderbar merkwürdige Welt zu begeben, die Kino eben auch sein kann. Aus dem Dunstkreis dieser Kongresse stammt auch die Crowdfunding-Aktion, für die ich hier die Trommel rühren möchte. Denn die KommKino-Leute haben eine von scheinbar nur noch zwei existierenden Kopien des Films „Der Perser und die Schwedin“ in ihrem Fundus. Dieser Film sorgte offenbar auf einem der letzten Kongresse für solche Furore, dass sich das junge Label „Forgotten Film Entertainment“ sich diesem annehmen möchte. Denn eine der Kopien zeigt bereits rapide Auflösungserscheinungen. Doch eine Restauration und HD-Abtastung ist teuer und damit der Film der Nachwelt erhalten bleibt, brauchen sie unser Geld. Bei einer Spende von Euro 25,- tut man ein gutes Werk und bekommt gleichzeitig noch die – dann hoffentlich existente – DVD zugeschickt. Finden sich genug edle Spender, sind für die Euro 25,- sogar eine Blu-ray (sprich dann Mediabook) drin. Ich habe meinen Obolus bereits abgedrückt – jetzt seit ihr dran. Denn die Zeit tickt und noch fehlt ein ganzes Stück zum Glück.

Zum Crowdfunding (und noch mehr Infos) geht es HIER.

Noch ein paar Worte zum Film von Oliver Nöding:

„DER PERSER UND DIE SCHWEDIN ist mehr als nur ein Film: Er ist ein Mysterium ersten Ranges. Ein rätselhaftes, absolut einzigartiges, heute nahezu unerklärliches Werk voller Wunder und verschrobener Schönheit. Ein kultisches Artefakt einer längst vergangenen Epoche, das für immer in Vergessenheit zu geraten droht. DER PERSER UND DIE SCHWEDIN muss erhalten bleiben, um die Menschen auch weiterhin zu berühren und zu verzaubern. Und ihr könnt daran teilhaben.

DER PERSER UND DIE SCHWEDIN hat die Kraft, seinen Zuschauer umgehend zu Filmfans zu machen, so er denn noch keiner ist. Aber selbst einem mit allen Wassern gewaschenen Cineasten, der meint, alles schon gesehen zu haben, wird die entwaffnende Unschuld dieses Films ein zweites Mal die Augen öffnen. Wer angesichts der heute in sterilen Multiplexen dargebotenen Einfalt und der eigenen Abgebrühtheit der Erregung und Begeisterung seines ersten Kinobesuchs hinterhertrauert, findet hier sein Shangri-La.

DER PERSER UND DIE SCHWEDIN: Hinter dem etwas schmucklosen deutschen Titel verbergen sich lustvolle Assoziationen, erotische Versprechungen, ungezügelte Exotik, rauschhafte Entgleisungen und pralle, pochende Lust. Es ist der erste und wohl auch einzige Film des vollkommen unbekannten Iraners Akramzadeh, der es sich im Stile eines großen Künstlers auf heiliger Mission nicht nehmen ließ, auch das Drehbuch zu schreiben und die Hauptrolle zu spielen. Wir wissen heute nicht mehr, was er sich von diesem Werk versprach oder was er danach machte: Aber man spürt sofort, dass in dieses verträumte Herzensprojekt jeder Tropfen verfügbaren Bluts und Kleingelds hineingegossen wurde. DER PERSER UND DIE SCHWEDIN kann mit Fug und Recht als Magnum opus, als Lebens- und Meisterwerk bezeichnet werden. Akramzadeh schuf ein möglicherweise autobiografisch angehauchtes Sitten- und Liebesmelodram, einen im brodelnden London der frühen Sechzigerjahre angesiedelten Nachtschwärmerfilm, der das ganze emotionale Spektrum eines Lebens im Überschwang der wallenden Hormone einfängt. DER PERSER UND DIE SCHWEDIN bringt heimische Bildschirme zum tanzen.“

Und zu guter Letzt noch der Trailer:

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