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Blu-ray-Rezension: „Demon – Dibbuk“

Von , 17. Dezember 2016 12:49

demon-dibbukDer in England aufgewachsene Piotr (Itay Tiran) reist nach Polen, um dort Zaneta (Agnieszka Zulewska), die Schwester seines besten Freundes Jasny (Tomasz Schuchardt)  zu heiraten. Als Hochzeitsgeschenk hat Zanetas Vater (Andrzej Grabowski) dem jungen Paar ein heruntergekommenes Landhaus vermacht. Als Piotr dort einen Grube für einen Swimming Pool ausheben will stößt er auf ein menschliches Skelett. In der Nacht vor der Hochzeit wird er von der Vision einer jungen Frau in einem weißen Kleid heimgesucht. Am Tag der Hochzeit scheinen diese Vorkommnisse zunächst vergessen zu sein. Die zahlreichen Gäste sprechen dem Wodka literweise zu, es wird Getanzt und Gefeiert, was das Zeug hält. Da fällt es kaum auf, dass Piotr plötzlich anfängt, sich seltsam zu benehmen…

Bei seinem kurzen Lauf durch deutsche Kinos konnte „Demon – Dibbuk“ leider kaum Zuschauer in die Kinosäle ziehen. Was vielleicht an seinem unglücklichen Verleihtitel „Eine Hochzeit in Polen“ lag. Dieser provoziert Assoziationen mit sommerlichen Feelgood-Komödien aus Frankreich. Wer mit diesen Erwartungen ins Kino gegangen ist, dürfte gehörig vor den Kopf gestoßen worden sein. Nein, sommerlich leicht ist hier nichts. Der Film ist durchweg düster und auch seine komischen Momente, die es durchaus gibt, sind am Ende doch nur ein Ausdruck menschlicher Unzulänglichkeiten und lassen das Geschehen vollends in die Katastrophe laufen. Doch auch wer den Originaltitel, der tatsächlich auch in der polnischen Originalfassung „Demon“ lautet, kennt, wird davon auf eine falsche Fährte gelockt. Denn ein waschechter Horrorfilm ist „Dibbuk“ nun auch nicht. Zwar gibt es ein-zwei nette Erschrecker, aber „Dibbuk“ legt es nicht darauf an, Angst und Schrecken zu verbreiten. Zumindest nicht auf die direkte Art und Weise. Erschreckend ist hier nur die menschliche Natur.

Als ich „Dibbuk“ sah, fühlte ich mich stark an einen anderen Film erinnert, denn ich vor längerer Zeit sah, nämlich „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“ (OT: Wesele) von Wojciech Smarzowski aus dem Jahre 2004. Tatsächlich schienen einige Szenen geradezu identisch zu sein. Die große Hochzeitsgesellschaft, das ausgelassene, exzessive Feiern und die überbordende, alkoholgeschwängerte Ausgelassenheit der Hochzeitsgäste, während im Hintergrund alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann. Und wie die Anstrengungen der Brauteltern, dass davon niemand etwas mitbekommt, immer absurderer Formen annehmen. Sind es in „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“ eine Leiche, eine Lebensmittelvergiftung und ein gestohlenes Auto, welches die Hochzeit in eine einzige Katastrophe zusteuern lässt, ist es hier ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit und die Besessenheit des Bräutigams, welche unbedingt verschwiegen werden muss.

Während „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“ als Komödie begann, die immer finsterere Töne anschlug, so ist „Dibbuk“ zunächst einmal recht humorlos, gönnt sich aber mit erhöhtem Alkoholpegel einige launige Einsprengsel. Die große Ähnlichkeit zwischen „Dibbuk“ und „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“ ist kein Zufall. Beide Filme sind von einem berühmten polnischen Stück „Wesele“ (dt. „Hochzeit“) inspiriert, welches Ende des 19. Jahrhunderts von Stanisław Wyspiański geschrieben wurde und eine Hochzeit beschreibt, die als Metapher für das polnische Volk gedacht ist. Andrzej Wajda hat es bereits 1973 verfilmt. Und wie die Hochzeit (polnisch: Wesele) in dem Film 2004 dann eine Allegorie auf die Korruption im Land darstellt, ist es in „Dibbuk“ die unterdrückte Vergangenheit, in der es auch polnische Bürger waren, die im zweiten Weltkrieg ihre jüdischen Nachbarn an die Nazi verraten oder kurzerhand selber umgebracht haben, um an ihren Grund und Boden zu kommen. Ein düsteres Kapitel, dass in den letzten Jahren in vielen polnischen Film thematisiert wurde. Allen voran in dem kraftvoll-depremierenden „Poklosie“.

Regisseur Marcin Wrona zeigte in „Dibbuk“ ein großes Talent eindringliche, ebenso drastische, wie poetische Bilder zu schaffen. Sein Selbstmord mit nur 42 Jahren, kurz nach Beendigung des Filmes, reißt eine große Lücke in die Reihe der vielversprechenden, jungen polnischen Filmemachern. In der Rolle des Bräutigams glänzt der Israeli Itay Tiran, der zuvor neben eigen israelischen, auch in deutschen Produktionen zu sehen war. Es gelingt ihm, die Rolle des Besessenen immer auf der Messerschneide zwischen beunruhigend und lächerlich zu halten. Denn, dass Piotr von einem weiblichen Geist besessen ist und mit hoher Stimme auf jiddisch redet, könnte auch schnell ins Alberne umschlagen. Tut es aber nicht. Ebenso muss man Agnieszka Zulewska in der zunächst sehr undankbaren Rolle der Braut Zaneta ein großes Kompliment aussprechen. Anfangs ist sie eher ein Ausstattungsstück, welches in dem Drama keine besondere Rolle zukommt, außer eben die Braut zu sein. Doch dann entwickelt sie sich in der zweiten Hälfte immer mehr zu einem eigenständigen Charakter, der die Handlung vorantreibt und vor allem auch Stärke zeigt. Eine Veränderung, die man ihr zunähst nicht zugetraut hätte.

„Dibbuk“ nutzt die Metapher der „Hochzeit“/“Wesele“, um ein Polen zu zeigen, welches sich strikt weigert, die eigene Vergangenheit und die Verbrechen an den Juden aufzuarbeiten. Im Gegenteil, es hat sich nichts geändert und die Seelen der Opfer können nicht auf Vergebung und Ruhe hoffen. Toll gefilmt und treffend besetzt ist „Dibbuk“ aber weder die vom deutschen Kinotitel „Eine Hochzeit in Polen“ suggerierte Komödie, noch der im internationalen Titel „Demon“ anklingende Horrorfilm, sondern ein dunkler und deprimierender Film, der sich mit einem finsteren Kapitel der polnischen Geschichte und die Unfähigkeit sich dieser zu stellen, beschäftigt.

Die Blu-ray aus dem Hause Donau Film weißt ein sehr gutes Bild und einen guten Ton auf. Insbesondere wenn der regen einsetzt, drückt man unwillkürlich auf Pause, um zu sehen, ob draussen ein Unter herrscht oder das aus den Lautsprechern kommt. Weitere Effekte werden aber nur sehr sparsam eingesetzt. Die polnische Originalfassung ist zu bevorzugen, da die Figuren Polnisch, Englisch und Jiddisch reden. Dieses Sprachgewirr versucht die  deutschen Fassung ebenfalls wiederzugeben, allerdings werden hier die in Englisch gesprochenen Passagen nicht nochmal übersynchronisiert, so dass man hier dann die Originalstimmen der Schauspieler mit deutschen Untertiteln hört. Deren echte Stimmen unterscheiden sich allerdings teilweise sehr stark von ihren Synrchonstimmen in der  eher schwachen  deutschen Sprachfassung.  Ärgerlich ist zudem, dass es bis auf Trailer keine weiteren Extras gibt.

Blu-ray-Rezension: „Scherzo Diabolico“

Von , 16. November 2016 20:48

scherzo-diabolicoDer Angestellte Aram (Francisco Barreiro) ist wirklich nicht zu beneiden. Sein Vorgesetzter (Jorge Molina) lässt ihn ständig Überstunden machen, doch ohne, dass Aram dafür irgendeine Anerkennung in Form einer Beförderung oder mehr Lohn bekäme. Dafür darf er sich dann Zuhause regelmäßig von seiner unzufriedenen Ehefrau runter putzen lassen. Eines Tages entführt Aram scheinbar ohne weiteren Grund ein junges Mädchen (Daniela Soto Vell) und hält es in einer abgelegenen Lagerhalle gefangen. Während das psychisch labile Mädchen dabei durch die Hölle geht, scheint sich Arams Leben tatsächlich zum Besseren zu wenden…

Aus Mexiko kommen derzeit viele spannende Genrefilme. Gerade erst sorgt „We Are the Flesh“ für Kontroversen zwischen Jubel und Abscheu. Einer der neuen Wilden aus Mexiko ist Adrián García Bogliano, dessen hochinteressanter „Here Comes the Devil“ erst kürzlich auch eine Deutschland-Veröffentlichung erfuhr. Ein an die paranoiden Terrorstreifen der 70er Jahre gemahnender Horrorfilm, der auch als intensive Allegorie auf das Erwachsenwerden der eigenen Kinder funktioniert. Auch sein neuer Film „Scherzo Diabolico“ hat nun den Sprung über den großen Teich geschafft. Hierzulande wird er von seinem Label Donau Film allerdings ziemlich aggressiv als Rape ’n Revenge mit Schulmädchen vermarktet. So darf sich die Darstellerin des entführten Mädchens, Daniela Soto Vell, auf dem Backcover der DVD im Lolita-Look und lasziv mit einem Lollypop im Mund, an der Kette winden. Ob das ein potentielles SM-Klientel anlocken soll? Auf jeden Fall ist diese Bewerbung natürlich mal wieder ziemlicher Quatsch.

Tatsächlich beginnt „Scherzo Diabolico“ zunächst als eher ruhiger Thriller. Aram, vermutlich ein Angestellter in einer großen Kanzlei, hat – aus welchen Gründen auch immer – ein Mädchen entführt. „Rape“ kommt aber Gottseidank nicht vor. Allerdings merkt man schon, dass Aram sich daran aufgeilt, die Arme zu erniedrigen. Auch wenn er sich nach erledigter Aufgabe erst einmal kräftig übergeben muss. Boglianos Stärke zeigt sich darin, dass er nicht alles ausformulieren muss. So bleibt beispielsweise die Frage, was er da eigentlich genau beruflich macht, unbeantwortet. Obwohl man den Eindruck gewinnt, dass er in einer Rechtsanwaltskanzlei arbeitet, könnte es auch eine mafiöse Organisation sein. Oder vielleicht eine staatliche Stelle. Der Interpretation sind Tor und Tür geöffnet, ohne dass dieses Vage die Handlung stören würde. Es sorgt aber dafür, dass der Zuschauer in eine permanente Spannung versetzt wird. Auch wird zunächst jede Information dazu verweigert, was Arams Beweggründe sind, das Mädchen zu entführen und gefangenzuhalten. So kann man sich dann auch bei jeder Begegnung zwischen dem im Grunde sympathischen Aram und dem zunehmend aggressiver und panischer reagierenden Mädchen nicht wirklich sicher sein, was passieren – und wer der Leidtragende sein wird.

Zunächst beschränkt sich Bogliano darauf, das Leben seiner Hautfigur zu zeigen. Dieses spielt sich zwischen seinem immer fordernder auftretenden Chef, seiner keifenden Ehefrau, den routinemäßigen Treffen mit einer Prostituierten und dem Beginn einer Affäre mit der Sekretärin ab. Das alles wird ganz unaufgeregt, in seinem Ton beinahe schon ganz nah an einer schwarzen Komödie dran, gezeigt. Allerdings versäumt es Bogliano bei aller Zurückhaltung nicht, stets auch beunruhigenden Untertönen mitschwingen zu lassen. Was durch den effizienten und tief ins Ohr dringenden Soundtrack von Sealtiel Alatriste noch verstärkt wird. Aber auch die vielen wundervollen Stücke mit klassischer Musik, die mit einem rasiermesserscharfen Gespür für den richtigen Ton ausgesucht wurden, tragen zu dieser dispersiven Wahrnehmung bei.

Im letzten Drittel seines Filmes wartet Bogliano dann mit einem recht gelungenen Plot-Twist auf, den man sich als erfahrener Vielgucker sicherlich schon hat kommen sehen, der aber nicht aufgesetzt und in seinen Konsequenzen durchaus logisch daherkommt. Von hier aus hätte es Bogliano dann viele interessante Wege gegeben, die Handlung fortzuführen. Er entscheidet sich aber für die Blutwurst und bricht damit den Ton des Filmes zugunsten eines recht drastischen Gematsches, welches Gorehounds sicherlich zufrieden und zu Jubelschreien hinreißen wird. Im Gesamtkontext wirkt das große Finale allerdings wie ein Fremdkörper. Ein ähnliches Problem bestand schon bei „Here Comes the Devil“, als Bogliano bei einer Mordszene kurzzeitig alle Gäule durchgingen, die Szene sich dadurch aber nicht schockierend, sondern sich unangenehm selbstzweckhaft anfühlte. In „Scherzo Diabolico“ lässt er nun eine der Hauptfiguren plötzlich – oder zumindest unter einem sehr dünnen Vorwand – in einen mörderischen Racheengel mit fast schon übernatürlichen Fähigkeiten mutiert. Das wirkt dann alles recht erzwungen und will nicht so recht zum restlichen Film passen. Das ist dann halt nur banaler Splatter. Schade. Dafür ist das Ende dann aber hübsch konsequent geworden.

Während sich Adrián García Bogliano sich zunächst die Zeit nimmt, seinen Film und die Figur des Aram ruhig und unaufgeregt aufzubauen, haut er im letzten Dritten vielleicht etwas zu kräftig auf den Putz. Da kippt dann sein cleverer und von einer gewissen Leichtigkeit geprägter Thriller in eine deftige Schlachtplatte, welche vielleicht die einen jubeln und die anderen sich die Hand vor die Stirn schlagen lassen.

Die Blu-ray besitzt ein sehr ordentliches Bild. Nur am Anfang stört ein leichtes Ruckeln, was aber auch am Ausgangsmaterial (einen Drohnenflug) liegen kann. Ansonsten beseht kein Grund zum Meckern. Der Ton ist sehr effektiv eingesetzt und nutzt alle Lautsprecher. Besonders schön ist dies bei den klassischen Klavierstücken, welche sehr voll und voluminös klingen. Die deutsche Synchro ist eher „na ja“, hier ist der O-Ton definitiv zu bevorzugen. Auf einer weiteren Tonspur befindet sich der (englische) Audiokommentar, allerdings ohne Untertitel. Neben einem Musikvideo, gibt es noch drei Featurettes. In „A Diabolical Joke“(25 Minuten) erzählt der Kameramann sehr interessant und detailreich von seiner Arbeit. In „Behind Every Weak Man“ stellen die weiblichen Darstellerinnen den Film und ihre Rollen vor und in „The Mephisto Waltz“ berichtet Sealtiel Alatriste davon, wie es dazu kam, dass er den Soundtrack komponieren durfte.

DVD-Rezension: „Porn to Be Free“

Von , 29. September 2016 22:37

porntobefree„Porn to Be Free“ zeichnet die unglaubliche Entwicklung des Pornos – von den ersten Fotoshootings und Veröffentlichungen in Underground-Magazinen bis zum Einzug in die Kinos. Europas Freie Liebe und grafischer Sex sind Werkzeuge des Protestes im Kampf gegen Zensur und die bigotte Moral der 70er und 80er Jahre. Neben Interviews mit Zeitzeugen wie dem Porno-Star „Cicciolina“, die später Mitglied im Italienischen Parlament wurde, zeigen Film-Ausschnitte und Aufnahmen von den Dreharbeiten den Moment als Porno revolutionär wurde. (Inhaltsangabe des Verleihs)

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Die Geschichte des pornographischen Films der 70er Jahre verspricht das Cover dieser DVD. Das Bild dazu ist nicht unbedingt passend und erinnert eher als eine moderne Softsex-Weichzeichner-Produktion. Schon hier merkt man deutlich, dass das Label Donau Film, das den Dokumentarfilm „Porn to Be Free“ in Deutschland vertreibt, nicht so recht weiß, was es damit anfangen und welche Zielgruppe nun eigentlich angesprochen werden soll. Ein Dilemma, welches man mit etwas gutem Willen nachvollziehen kann. Tatsächlich ist die Pornoindustrie nur ein Aspekt, der hier behandelt und mit saftigen, höchst expliziten Bildern illustriert wird. Der Originaltitel „Porno & Libertà“ trifft es da besser. Denn es geht vor allem um Politik, Demonstrationen, Happenings… und darum, dass Sex auch immer politisch ist. Der Tenor: Die Pornos haben geholfen, die Menschen aus ihren moralischen Käfigen zu befreien und die Welt positiv zu verändern. Eine Geschichte des pornographischen Filmes ist der Film dann natürlich nicht geworden und sollte es auch gar nicht sein. Im Zentrum des Filmes steht die sexuelle Befreiung in Italien. Und dies ist dann zwar hauptsächlich, aber eben nicht nur, auf den pornographischen Film bezogen. Die Welt außerhalb Italiens wird dann auch weitestgehend ausgespart. Zwar werden kurz auch die US-Produktionen im „Deep Throat“-Gefolge erwähnt und natürlich die Pornofilmwelle aus Dänemark, wo Pornographie als erstes legalisiert wurde. Doch wichtige Länder wie Frankreich oder auch Deutschland fehlen.

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Das Thema an sich ist sehr spannend und zeichnet ein interessantes, größtenteils unbekanntes Bild der sozio-politischen Lage und der alternativen Gegenbewegungen im Italien Ende der 60er und in den 70er Jahre. Die Hauptprobleme liegen aber darin, dass Regisseur Carmine Amoroso schon sehr schnell der rote Faden verloren geht und dann wüst zwischen den unterschiedlichsten Themen hin und her gesprungen wird. Zumindest erscheint es so, wenn man kein genaues Hintergrundwissen um die gesellschaftlichen Probleme und die unterschiedlichen alternativen Gruppen im Italien der damaligen Zeit hat. Hier kommt dann erschwerend hinzu, dass es keine Erklärungen zu den interviewten Personen gibt. Daher weiß man als ahnungsloser Zuschauer auch nicht, wer das ist und was seine/ihre Rolle und Wichtigkeit war. Zudem neigen einige von ihnen zum ausgedehnten Aggit-Geschwafel, dem man schon nach zwei Sätzen nicht mehr folgen kann und will. Aber auch bei den Filmschaffenden fehlt einfach eine sinnvolle Einordnung und eine strengere Gesprächsführung. So sind selbst die Ausführungen eines Lasse Brauns zu seinen Anfängen im Sex-Geschäft teilweise sehr verwirrend, wenn das Basiswissen um die Szene, in der er sich damals bewegte, fehlt. Man fühlt sich oftmals so, als ob einem ein Bekannter sehr blumig Geschichten über seinen Schwippschwager und dessen Freunden erzählt, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat.

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Dies ist vor allem deshalb ärgerlich, weil man deutlich spürt, dass bei dem Thema sehr viel mehr drin gewesen wäre, als Carmine Amoroso herausholt. Wenig hilfreich ist dabei auch die sehr einseitige Darstellung. Immer wieder wird auf ein großes Happening in Mailand 1976 Bezug genommen, welches als so etwas wie die große Wende in der Art und Weise, wie in Italien mit Sex, freier Liebe und auch Neo-Feminismus und LGBT-Rechten umgegangen wurde. Wobei sich meiner Kenntnis entzieht, ob dieses Treffen von Hippies, Underground-Künstlern und Aktivisten wirklich solch ein alles umwälzendes Ereignis war, wie es dargestellt wird. Und ob es wirklich so stark im kollektiven Gedächtnis Italiens verankert ist, wie in den Erinnerungen der damals Beteiligten, die von Amoroso ausgiebig ins Bild gesetzt werden. Zudem ist die Hauptthese des Films, nämlich dass die Pornographie vor allem ein Mittel war, um gegen Zensur und religiöse Moralvorstellungen zu rebellieren, ziemlich naiv. Zwar befeuern Pioniere wie Lasse Braun dieses Darstellung mit ihren romantisierten Erinnerungen. Dass dahinter aber auch ein knallhartes Geschäft stand (und steht), wird mit keiner Silbe erwähnt. Konsequenterweise endet die Rückschau dann auch Ende der 70er Jahre. Die Industrialisierung der Pornographie wird komplett ausgespart. Auch das Überlappen von Exploitationfilm und Hardcore-Pornographie in den Filmen eines Joe D’Amatos findet ebenfalls keine Erwähnung. Von D’Amato wird einmal im Hintergrund ein Ausschnitt aus „Orgasmo Nero“ eingeblendet. Ein Andrea Bianchi wird in einem Satz als Autor eines pornographischen Magazins erwähnt. So bleibt am Ende dann nur so etwas wie falsche Revolutions-Romantik.

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Die Geschichte des Pornofilms erzählt Carmine Amorosos Dokumentarfilm mitnichten. Vielmehr versucht er Sittengemälde des Italiens der späten 60er und der 70er Jahre zu zeichnen. Dabei wird das Aufkommens des Pornofilms als eine Art Initialzündung für eine sexuelle Befreiung dargestellt, bei der der Porno dann zu einem Instrument des politischen Kampfes wurde. Andere Aspekte der Pornofilmindustrie werden konsequent ausgespart. Dabei verliert Regisseur Amoroso allerdings öfter mal den roten Faden. Auch wäre eine deutlichere Einordnung in den historischen Kontext wünschenswert gewesen.

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Die DVD aus dem Hause Donau Films ist sehr ordnetlich geworden. Bei den historsichen Szenen ist das Bild dann auch (gewollt) sehr historisch, die Interview-Szenen und Zwischensequenzen sind aber state of the art. Der Ton kommt bei diesem Dokumentarfilm natürlich zumeist von vorne, wo die Interviewten ihre Geschichten erzählen. Man kann den Film auf italienisch mit deutschen Untertiteln oder mit einem guten deutschen voice-over anschauen. Extras gibt es bis auf den italienscihen Trailer keine.

DVD-Rezension: „R100 – Härter ist besser“

Von , 24. September 2016 20:59

r100Takafumi Katayama (Nao Ômori), ein in öder Routine gefangener Verkäufer in einem Einrichtungshaus, hat es im Leben nicht leicht. Seit seine Frau vor Jahren ins Koma gefallen ist, muss sich allein um den gemeinsamen Sohn kümmern. Jeden Tag fährt er zu seiner Frau ins Krankenhaus, doch eine Besserung ist nicht in Sicht. Zuhause fragt ihn der Sohn, wann die Mama denn wieder nach Hause kommen wird. Seine immer gleiche Antwort: Ostern. Ablenkung verspricht er sich von einer Mitgliedschaft im geheimnisvollen S/M-Club „Bondage“. Dieser schickt seine in Leder gewandeten Dominas immer wieder überraschend und ohne Vorankündigung in der realen Welt der Kunden. Dort tauchen sie dann an immer anderen Orten auf und verwickeln die Kunden in ausgefallene S/M-Spielchen. Die Mitgliedschaft läuft ein Jahr und ist während dieser Zeit unkündbar. Doch bald schon werden Takafumi diese Übergriffe auf sein Privatleben zu viel. Als die Dominas dann noch auf seiner Arbeit und im Krankenzimmer seiner komatösen Frau auftauchen, und letztendlich noch sein minderjähriger Sohn mit in die Spiele hineingezogen wird, will Takafumi nur noch raus aus seinem Vertrag. Doch er ahnt nicht, mit wem er sich da anlegt. Und so eskaliert die Situation immer mehr…

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Als wir hier in Bremen 2012 das Phantastival durchführten, überraschte uns ein Film ganz besonders. Bei Hitoshi Matsumotos Film „Symbol“ hatten wir keinen großen Zuspruch erwartet. Zwar hatte uns „Symbol“ allen sehr gut gefallen – weshalb wir ihn unbedingt im Programm haben wollten -, doch er war auch sehr speziell und vor allem zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahre alt und kurz zuvor auf DVD veröffentlicht worden. Daher wurde er im kleinen Kino programmiert, während wir im großen Saal die Deutschlandpremiere von „Berberian Sound Studio“ programmiert hatten. Stilecht auf 35mm. Zu unserer Überraschung verirrten sich aber nur eine Handvoll Interessierte in „Berberian Sound Studio“, während die „Symbol“-Vorstellung gut gefüllt war. Ein Erfolg, den der surreale, rätselhafte, zugleich aber auch sehr komische „Symbol“ absolut verdient hat. Nach „Symbol“ drehte Matsumoto dann den für ihn eher untypischen, da stringent erzählten „Saya Zamurai“ der hierzulande leider trotz hervorragender Kritiken leider vollkommen unterging. 2013 meldete er sich mit „R100“ zurück, welcher nun mit einer Verspätung von drei Jahren nach einem Einsatz beim Fantasy Filmfest hierzulande als Heimkino-Scheibe vorliegt.

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Veröffentlicht wurde „R100“ von dem auf anspruchsvolle Erotik spezialisierten Label Donau Film. Wobei das quitschbunte Cover und der Untertitel „Härter ist besser“ den uneingeweihten Kunden auf die falsche Fährte lockt. Erwartet man doch eine überdrehte Komödie oder zumindest einen bunten, spekulativen Film aus der japanischen S/M-Szene. Gleich die ersten Bilder des Films dürften den Zuschauer ernüchtern. Matsumoto hat konsequent die Farbe in seinem Film eliminiert. Alles ist in einen krank und trist wirkenden grün-blauen Schleier getaucht. So trostlos wie die Bilder ist auch das Leben des Protagonisten Takafumi Katayama, der von Nao Ōmori als Aller-Ego Matsumotos  gespielt wird. Er trifft sich mit einer unbekannten Schönen im langen Mantel in einem Restaurant. Er langweilt sie mit seinen Gesprächs-Themen, da steht sie auf und tritt ihm ins Gesicht. Später soll sie ihn draußen noch eine Steintreppe hinunterstoßen, woraufhin sich sein Gesicht verzerrt und seine Augen sich alienartig vergrößern. Dann kehrt Takafumi wieder in seine tägliche Routine zurück, wird wieder ein kleines Rad in der großen Maschine. Ebenso, wie Matsumotos Film nie zu kräftigen Farben zurückkehrt, so wird Takafumi bis zum Ende keine wirkliche Erlösung gegönnt. Erst die merkwürdigen Schlussbilder zeigen ihn plötzlich glücklich… und hochschwanger. Wie also schon in „Symbol“ überlässt es Hitoshi Matsumoto dem Zuschauer, aus den seltsamen letzten Minuten des Filmes selber einen Sinn zu erschließen. Oder es eben zu lassen.

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Hitoshi Matsumoto ist Teil des in Japan ungemein erfolgreichen Komiker-Duos „Downtown“. In der Paarung mit seinem Partner Masatoshi Hamada übernimmt Matsumoto dabei die Rolle des bloke, also desjenigen, der unter den Schlägen und herablassenden Gemeinheiten seines Partners leidet. Matsumoto bezeichnet Hamada als „Sadist“ und beschreibt sich selber als „Masochist“. So dass der Gedanke naheliegt, dass er „R100“ auch als Schlüsselfilm angelegt hat, in dem er symbolisch seine Erfahrung im Entertainment-Geschäft beschreibt. Wo er auch indirekt einen unkündbaren Vertrag mit einem Sado-Maso-Club eingegangen ist, der ihm zwar Freude bereitet, aber auch auf sein Privatleben übergreift. Wenn man im Netz über Hitoshi Matsumoto Privatleben liest, erfährt man, dass er – trotz seiner Heirat mit einer bekannten Fernsehansagerin – dies doch immer nur sehr distanziert beschreibt und weitgehend unter Verschluss hält. Vielleicht spielt in „R100“ ja die Furcht mit, dass sein öffentlicher Erfolg, sein privates Leben bedroht. Und die unglaubliche Hünin aus den USA (dargestellt von der 2.04 Meter großen Lindsay Hayward) Hollywood repräsentiert, welches ihn verschlingen wird, sollte er sich zu sehr an „Bondage“ binden. Hier hat dann auch der Name „Bondage“ eine durchaus zweideutige Bedeutung. Für diese Lesart spricht die zweite Ebene des Filmes, in der Produzenten und Kritiker sich „R100“ ansehen und sich in den Pausen immer wieder ratlos darüber unterhalten, auf Handlungslöcher und Logikfehler hinweisen. Und ist der Regisseur, der im Film seinen „R100“ gedreht hat, am Ende nicht deshalb so glücklich und zufrieden, weil er sich in den Zwängen seiner „Bondage“-Filmindustrie die Freiheit genommen hat, seine ganz eigene Geschichte zu drehen, ohne dass es jemand merkt? Zumindest niemand, der nicht an seiner Stelle ist. „R100“ bezieht sich nämlich auf die japanische Altersfreigabe und der Regisseur ist der einzige, der das erforderliche Alter von 100 bereits erreicht hat.

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„R100“ ist der eigenwillige Film, den man von Hitoshi Matsumoto erwartet. Wer schreiende Komik oder gar Erotik erwartet, wird bei diesem eher trostlosen, ruhigen Film enttäuscht sein. Doch wer sich auf „R100“ einläst, wird mit einem immer weiter eskalierenden surealen Albtraum belohnt, welcher auch als augenzwinkernde, autobiographische Metapher für die Person Matsumoto funktioniert.

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Da der Film bewusst in einem farbentsättigten grün-braunen, körnig-„schmutzigen“ Look gehalten ist, kann über die Bildqualität keine richtige Aussage getroffen werden. Man kann aber davon ausgehen, dass es von diesem Film auch nirgendwo eine besser aussehende DVD geben wird. Der Ton kommt zum größten Teil aus den vorderen Boxen, Surround-Effekte gibt es so gut wie nicht. Wie so häufig bei japanischen Filmen ist der Originalton zu bevorzugen. Die deutschen Untertitel sind verständlich und gut lesbar, die deutsche Synchronisation eher schwach. Sehr enttäuschend ist das Fehlen jedweden Bonus-Materials, sieht man einmal von zwei Original-Trailern und einem TV-Spot ab. Gerade bei „R100“ wäre beispielsweise ein Interview mit dem Regisseur hochspannend gewesen. So enthält die britische DVD ein „Making Of“ und eine Q&A, die sicherlich auch der deutschen Veröffentlichung gut zu Gesicht gestanden hätte. Sehr schade. Der Film selber ist übrigens ab 16. Der dicke, rote FSK18-Hinweis muss sich dementsprechend auf einen auf der Scheibe enthaltenen Trailer beziehen. Zusammen mit dem unpassenden Untertitel ein leider sehr irreführender Marketing-Trick.

Blu-ray-Rezension: „Horsehead“

Von , 3. Juli 2015 20:16

horseheadAls  Jessicas (Lilly-Fleur Pointeaux) Großmutter stirbt, kehrt sie  das erste Mal seit vielen Jahren wieder in ihr Elternhaus zurück. Dort wird sie von ihrer Mutter (Catriona MacColl) in das Zimmer neben ihrer toten Großmutter einquartiert. Dort wird sie immer wieder von furchteinflößenden Träumen heimgesucht in denen sie eine Schreckensgestalt mit Pferdekopf bedroht. Da die sensible Jessica schon seit ihrer Kindheit von Albträumen geplagt wird, hat sie gelernt, Kontrolle über ihre Traumwelt zu erlangen. Nun versucht sie, im Schlaf hinter die Bedeutung ihrer rätselhaften Träume zu kommen.  Dabei kommt sie einem Familiengeheimnis zu nahe, das sie selber in Lebensgefahr bringt…

Wenn vier Leute nach einem Film zusammenstehen und dabei fünf unterschiedliche Interpretationen des eben gesehen ausgetauscht werden, dann kann dies sowohl positiv als auch negativ bewertet werden. Im Falle von „Horsehead“ ist diese Kategorisierung nicht unbedingt leicht. Jeder sah in der finalen Einstellung des Filmes etwas anderes, was den Film und seine Bewertung dann für ihn in die eine oder andere Richtung kippen ließ. Durchaus interessant und der geneigte Lauscher unserer Konversation erfuhr dabei wahrscheinlich auch mehr über uns, als über den Film. Dieser gibt sich den Anstrich eines surrealen Horrorfilms, was aber nur zum Teil stimmt. Der Horror spielt sich auf zwei Ebenen ab. Einmal in der realen Vergangenheit der Mutter unserer Heldin Jessica und dann in den Träumen, in die Jessica eintaucht, um das Geheimnis um ihrer verstorbenen Großmutter zu lüften.

„Horsehead“ bewegt sich dabei auf den Pfaden, die schon Wes Cravens Klassiker „A Nightmare on Elm Street“ auslotete. Eine Figur begibt sich aktiv in ihre Träume, um sich dort einem Dämon zu stellen. Dieser ist hier nicht so eindeutig das Monster, wie Freddy Krüger in dem Horrorklassiker von 1984. Viel mehr arbeitet Regisseur Romain Basset vermehrt mit Symbolen aus der Traumdeutung. Das vermeintliche Unheil ist hier die titelgebende Figur. Ein riesiger Bischof mit einem Pferdekopf, der allerdings auch als Wegweiser durch das Labyrinth der Vergangenheit stehen kann. Hier hält sich Romain Basset bedeckt und vermeidet allzu eindeutige Aussagen. Auch ob es sich bei „Horsehead“ überhaupt um einen übernatürlichen Film handelt, kann unterschiedlich aufgefasst werden. Schließlich kommen alle Traumbilder aus Jessicas Kopf und könnten somit gänzlich ihrer überhitzten Fantasie geschuldet sein. Und letztendlich könnte diese dann auch zu unbewussten Verletzungen führen. Allerdings geht der Film dieser Möglichkeit nicht wirklich nach und legt seinen Schwerpunkt auf eine Lösung, in der „höhere Mächte“ im Spiel sind, die aus den Träumen heraus in unsere Wirklichkeit greifen können.

Die Bilder, die Romain Basset inspiriert vom „Nachtmahr“ des Malers Johann Heinrich Füssli (1741-1825) für seine Traumwelten findet, sind durchaus beeindruckend und stimmungsvoll inszeniert. Voller kräftiger Farben und einer unheimlichen Beleuchtung, die an das Werk Bavas oder Argentos denken lässt – oder gleich an deren Neo-Nachahmer Hélène Cattet und Bruno Forzani Allerdings verlassen diese Bilder nie die bereits von anderen gefundenen Wege, und ihnen fehlt damit die große Wucht, welche die Vorbilder in ihren besten Werken erreichten. Wirkliches Neues hat Romain Basset nicht zu bieten, dafür fehlt ihm entweder der Mut oder die Radikalität. Allein der kraftvoll-düstere Elektrobeat von Benjamin Shielden treibt einem seine Vision nachhaltig ins Hirn und lässt sie dort kleben.

Das große Pfund, mit dem Basset wuchern kann, sind seine Schauspieler. Catriona MacColl ist immer wieder ein gern gesehenes Gesicht auf der Leinwand und macht ihre Sache mehr als gut. Basset verlangt ihr einiges ab, insbesondere in den Szenen, in denen sie an Stelle ihres jüngeren Selbst tritt. Doch die McColl meistert auch diese Aufgabe mit Eleganz und Würde. Ein guter Schachzug Bassets ist es dann auch, dass er sich mit der jungen und schönen Gala Besson eine Doppelgängerin der McColl für die Rolle als deren Mutter in jungen Jahren gesichert hat. Die Ähnlichkeit zwischen beiden ist frappierend und unterstützt den Film. Ebenfalls eine großartige Besetzung ist Murray Head als Stiefvater der Heldin. Murray Head kennt man als den Sänger, der einst im Jahre 1984 mit dem von den beiden ABBAs Benny Andersson und Björn Ulvaeus komponierten Song „One Night in Bankog“ aus dem Musical Chess die Charts anführte. Dass er auch auf eine lange und erfolgreiche Karriere als Schauspieler zurückblicken kann, wissen wahrscheinlich nur die wenigsten hierzulande. In England ist er da weitaus populärer. Er spielt den Stiefvater Jim sehr überzeugend. Während man zunächst noch das Gefühl hat, in dem Mann würde eine schwarze Seele versteckt sein, wandelt er sich doch zum sehr bodenständigen, sympathischen Helden, dem man als Einzigen zutraut, dass er den gordischen Knoten aus alter Schuld und verdrängten Erinnerungen durchschlagen kann.

Die große Entdeckung ist aber Hauptdarstellerin Lilly-Fleur Pointeaux, die der Protagonisten Jessica ihr makelloses Antlitz leiht. Lilly-Fleur Pointeaux ist gleichzeitig verletzlich und scheu, wie auch selbstbewusst und voller Tatendrang. Es macht Freude ihr zuzusehen, wobei ihre Schönheit und Bereitschaft, sich auch in freizügigeren Posen filmen zu lassen, gerade in den Traumsequenzen diesen eine in doppelter Hinsicht traumhafte Qualität verleihen. Dabei soll aber nicht vergessen werden, dass die Pointeaux auch in schauspielerischer Hinsicht ihren namenhaften Mitspielern das Wasser reichen kann. Man kann gespannt sein, was in Zukunft noch von ihr zu erwarten ist.

So bleibt „Horsehead“ vor allem ein Versprechen. Kein schlechter Film, nur einer der es nicht schafft, ausgetretene Pfade konsequent zu verlassen, und etwas wirkliche Neues zu bieten. Innerhalb seiner Leitplanken weiß „Horsehead“ aber trotz einer eher dünnen Geschichte zu gefallen und kann neben schönen Bildern vor allem tolle Schauspieler und einen großartigen Soundtrack aufbieten.

Di bei Donau Film erschienene Blu-ray lässt bildtechnisch keinerlei Wünsche übrig. Kräftige, intensive Farben und ein echtes, tiefes Schwarz. Die deutsche Tonspur liegt nur in Stereo vor und leidet unter einen wirklich lieblosen Synchronisation. Da sollte man dann lieber auf den Originalton der franzöische Film wurde komplet auf Englisch gedreht) zurückgreifen, der nicht nur sehr viel lebendiger ist, sondern auch in 5.1. vorliegt. Die Extras sind dünn. Neben dem Trailer gibt es noch ein 15-minütiges Featurette, in dem der Regisseur über die Idee zum Pferdekopfmonster spricht und dessen Modelierung gezeigt wird. Sehr viel mehr bietet hier das teure 3-Disc-Media-Book, welches neben einem fast einstündigen Making Of noch diverse längere Featurettes, den Soundtrack und einen 16-seitiges Booklet mit einem Text von Marcus Stiglegger enthält.

DVD-Rezension: “In the Name of the Son”

Von , 6. März 2015 21:27

inthenameofthesonDie tiefgläubige Elisabeth (Astrid Whettnall) ist Moderatorin einer religiösen Ratgebersendung und führt ein glückliches Leben mit ihrem Ehemann und ihren zwei Söhnen. Ihr Leben gerät aus den Fugen als sich erst ihr man versehentlich erschießt, dann ihr Vertrauter, der Priester Achilles (Achille Ridolfi), sich als pädophil entpuppt und eine Liaison mit ihrem 13-jährigen Sohn Jean-Charles (Zacharie Chasseriaud) eingeht. Als dieser seiner Mutter seine Homosexualität gestehen will und dabei auf harsche Ablehnung triff, bringt er sich vor den Augen Elisabeths um. Elisabeth ersucht um eine Audienz beim Bischof, um für das Seelenheil des Selbstmörders zu sorgen, muss aber feststellen, das die katholische Kirche nicht nur die Pädophilie ihrer Mitglieder unter den Tisch kehrt, sondern auch den Opfern die Schuld zuschiebt. Voller Wut und Schmerz zieht Elisabeth tödliche Konsequenzen…

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Wieder einmal wird der potentielle Käufer eines Filmes auf eine vollkommen falsche Fährte gelockt, wenn er einen Blick auf das Cover der DVD des Filmes „In the Name of the Son“ wirft. Das beginnt mit der Schriftart, die an Filme wie „Burn After Reading“ oder diverse „cool-abgefahrene“ Gangsterfilme erinnert. Dann geht es weiter über den dämlichen Untertitel „Sprich Dein Gebet“, der Cover-Gestatung, die an einen an übertrieben-irrwitzigen Alex-de-la-Igleasias-Komödien denken läßt und endet schließlich beim bewusst flapsig formulierten Covertext. So wir dem Käufer suggeriert, bei „In the Name of the Son“ würde es sich um einen durchgeknallten Schenkelklopfer voller skurriler Typen mit großen Wummen handeln. Wer mit dieser Erwartungshaltung an den Film herangeht, wird zwangsläufig ein langes Gesicht machen und den Film möglicherweise als langweilig brandmarken. Was dem Film gegenüber mehr als unfair ist, denn „In the Name of the Son“ entpuppt sich als leise, tiefschwarze Komödie, die sehr ernste Themen anpackt und diese respektvoll behandelt. Natürlich in einer Form der Überspitzung, doch im Grundtenor bleibt es eine melancholisch grundierte, intelligente und provokative Auseinandersetzung mit religiösem Fanatismus, Heuchelei und Pädophilie, was trotz einiger Übertreibungen nicht ins Lächerliche gezogen wird – nimmt man einmal die paramilitärische Einheit eines radikalen Priesters aus. Aber auch bei dieser, bleibt einem das Grinsen im Halse stecken.

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Nach der Hälfte der Spielzeit bekommen die Zuschauer, die von den falschen Versprechungen der Werbemaschinerie angelockt wurden, das, worauf sie gewartet haben. Nach einer überraschend brutalen und grafischen Szenen, in der einer Figur aus heiterem Himmel der Schädel zermatscht wird, folgt ein schön choreographierter und absurder Abschnitt, in dem die Mutter Jagd auf einen Priester macht. Doch diese vermeintlich „coolen“ oder „abgedrehten“Szenen werden spätestens dann gebrochen, wenn die Mutter sich nach dem letzten Mord voller Verzweiflung und Trauer die Pistole an die Schläfe hält. Denn dies ist keine Geschichte, in der die Rache eine Form von Erlösung bringt. Mit den Morden versucht Elisabeth, die Mutter, ihr zerstörtes Weltbild wieder ein wenig zu kitten. Sie glaubt daran, irgendwie Gottes Willen zu erfüllen, obwohl ihr Glauben schon lange bis ins Mark erschüttert ist. Es ist keine Rache, die Elisabeth da übt, es ist der verzweifelte Versuch, die eigene Schuld auszulöschen und in einem wirr, religiösen Wahn, die Seele ihres Sohnes zu retten. Um die Tragik ihres Charakters zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, wie tief ihr Weltbild und Selbstverständnis zerstört wurde. Der Ehemann und der Sohn geben vor, gemeinsam Campen zu gehen, dabei sind sie Mitglieder eine paramilitärischen Organisation. Der Priester, dem sie zutiefst vertraut und verehrt, entpuppt sich als pädophil, der Sohn gesteht ihr seine Homosexualität und bringt sich um, als sie ihn schroff zurechtweist. Die Kirche, die ihr großer Rückhalt ist, entpuppt sich als heuchlerisch und menschenfeindlich. Das Bedürfnis, diese aus den Fugen geratene Welt wieder zurecht zu rücken, entspringt einem tiefen Trauma, keinem schnöden Rachegelüsten. Und so kann die Erlösung für Elisabeth am Ende dann auch nur in einer Rückbesinnung auf Nächstenliebe und Versöhnung bestehen, ohne das Diktat einer verlogenen Organisation, sondern ganz aus der eigenen Person heraus. Erst als Elisabeth die Fesseln der Kirche abwirft und sich ganz auf den Kern der Religion konzentriert, findet sie Frieden.. und vielleicht sogar Gott.

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Es ist überraschend, wie sensibel der Film mit dem delikaten Thema, des pädophilen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche, umgeht. Denn er wird nie plakativ, sondern stellt auch unbequeme Fragen. Besonders überrascht, wie der Missbrauch des 13-jährigen Jean-Charles durch den Priester Achilles (der seine verwundbare Verse schon im Namen trägt) inszeniert wird. Die schwierige Frage ist hier, ob man auch von einem Missbrauch reden kann, denn zwischen den beiden existiert eindeutig eine beidseitige, tief empfundene Liebe. Nicht nur wird Achille bis dahin als positive Erscheinung in einer verknöcherten Kirche präsentiert, er ist auch der Sympathieträger des Filmes. Und die Szenen, in denen sich Achilles und Jean-Charles nahe sind, werden sehr zärtlich ins Bild gesetzt. Auch ist Jean-Charles‘ Selbstmord nicht Folge des Missbrauchs, sondern des Umgangs der Kirche mit dem von ihm geliebten Menschen, der große Verlust und schließlich die feindselige Reaktion seiner Mutter, als er ihr seine Homosexualität offenbart. In einem anderen Zusammenhang verfolgte ich kürzlich eine Diskussion zu Louis Malles Inzest-Film „Herzflimmern“ (Kritik hier), in der die legitime und nachdenkenswerte Frage gestellt wurde, wie das Publikum heute reagieren würde, wenn es nicht um einen 13-jährigen Jungen gehen würde, der von seiner Mutter verführt wird, sondern um ein gleichaltriges Mädchen und ihren Vater. Natürlich war Achilles Verhalten falsch, aber die eigentliche Katastrophe wird von der Mutter ausgelöst, die ihrem Sohn nicht zuhört und seine Sexualität nicht akzeptiert. Und von einer Kirche, die ihre Skandale unter den Teppich kehrt und in einer perversen Logik die Opfer für ihr Schicksal verantwortlich macht.

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Regisseur Vincent Lannoo stehen wundervolle Schauspieler zur Verfügung, allen voran Astrid Whettnall in der Rolle der Elisabeth, die sich zunächst tiefgläubig ihre Welt so macht, wie es ihr gefällt. Ihre erschreckend naiven und weltfremden Ratschläge, die sie in ihrer christlichen Radiosendung gibt, zeigen, wie sehr sie ins Korsett eines blind machenden und die normale Logik ad absurdum führenden Glaubens eingeschnürt ist. Wie Astrid Whettnall den langsamen Zusammenbruch dieses Menschen spielt, ist beeindruckend. Auch Jungmime Zacharie Chasseriaud in der Rolle des Sohnes Jean-Charles zeigt eine beeindruckende Bandbreite an schauspielerischen Möglichkeiten. Achille Ridolfi gelingt es als Pater Achilles, eine liebenswürdige Melancholie, aber auch eine tiefempfundene Liebe zu Jean-Charles zu vermitteln. Die Szene, in der er allein in seiner Kammer auf dem Bett sitzt und leise vor sich her singt ist ebenso wunderschön, wie tief traurig. Auch Philippe Nahon macht seine Sache als väterlicher, aber auch machtbewusster Père Taon sehr gut. Hinter seiner liebenswürdig-schrulligen Art blitzt immer wieder der alte „Menschenfeind“ aus Gaspar Noes gleichnamigen Film auf. Der Rest des Ensembles ist ebenfalls gut besetzt und mit Ausnahme des bösartigen Bischofs und des durchgeknallten Militär-Priesters, sind alle Figuren sehr ambivalent und lebendig gezeichnet.

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„In the Name of the Son“ ist trotz des vom Verleih erweckten, gegenteiligen Eindrucks keine durchgeknallte Komödie, sondern eine größtenteils leise Tragödie, die mit schwarz-absurden Humor leicht gewürzt wurde. Unterstützt von hervorragenden Schauspielern wählt Regisseur Vincent Lannoo einen ebenso intelligenten, wie ambivalenten Ansatz, um sich mit solch schwierigen Themen wie Pädophilie, religiöser Blindheit, einer verlogene Kirche und den menschliche Unzulänglichkeiten auseinander zu setzten. Ein sehenswerter Film, dem man eine bessere Bewerbung gegönnt hätte.

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Neben der oben bereits erwähnten, irreführenden Aufmachung des Filmes, muss man Donau Film, die den Film veröffentlicht haben, auch vorwerfen bis auf einige Trailer keinerlei Extras mit auf die DVD gepackt zu haben. Gerade bei diesem Film wären einige Statements des Filmemachers interessant gewesen. Dafür kann man bei Bild- und Tonqualität nicht meckern. Das Bild ist gut und scharf, kommt einem allerdings auch ein Tick zu hell vor. Aber dafür gibt es ja eine Fernbedienung. Der Ton ist gut verständlich und kommt als gute deutsche Synchronfassung oder in der französischen Fassung mit abschaltbaren deutschen Untertiteln daher.

DVD-Rezension: “Eden und danach”

Von , 3. Januar 2014 20:31

Eden und danach

Das Café Eden ist der Treffpunkt einiger Studenten, die sich dort nach ihren Vorlesungen die Zeit mit merkwürdigen Rollenspielen und Ritualen vertreiben. Eines Tages taucht ein Fremder (Pierre Zimmer) im Café Eden auf und fasziniert die Studenten mit Zaubertricks und Erzählungen. Der Studentin Violette (Catherine Jourdan) verabreicht er ein mysteriöses Pulver, welche sie in Angstzustände versetzt. Am Ende des Abends verabredet sich Violette mit dem Fremden. Am vereinbarten Treffpunkt findet sie seine Leiche und wird von merkwürdigen Visionen heimgesucht. Violette geht mit ihren Kommilitonen ins Kino, wo sie sich gemeinsam einen Film über Nordafrika ansehen. Plötzlich befindet sich Violette in diesem Film und trifft dort nicht nur den Fremden wieder, sondern in unterschiedlichen Rollen auch ihre Freunde…

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„Kino – Realität – Mein Leben“ mit diesen Worten endet die Einleitung zu Alain Robbe-Grillet filmischem Rätsel „Eden und danach“. Die emotionslos gesprochenen Worte, die Verbindung Leben – Kino, das erinnert natürlich sogleich an Jean-Luc Godard. Auch die aseptische, künstliche Umgebung in der der Film beginnt, das Café Eden, lässt zunächst an die Filme Godards aus den späten 60ern denken. Alles ist bewusst künstlich und theaterhaft gehalten. Die Wände sind als Labyrinth arrangiert und mit popkulturellen Hinweisen bestückt. Doch hier endet auch die Vergleichbarkeit zwischen einem Godard-Film und diesem Werk des französischen Schriftstellers und Filmemachers Alain Robbe-Grillet. Während Godard einen brechtschen Verfremdungseffekt nutzte, um politische Statements und philosophische Kommentare plakativ zu unterstreichen, geht es Robbe-Grillet mehr um die Verfremdung an sich und das Herausstellen von Ritualen. So wird das Café von den Studenten in der Tat als Theater für ihre kleinen Spielchen und Stücke verwendet. Dadurch verwandelt sich das Café gleich in doppelter Hinsicht zur Bühne. Für die Spielenden für ihre Spiele, genauso wie für den Zuschauer, der sie bei diesen beobachtet. Bereits hier setzt das Prinzip der Dopplung ein, welches Robbe-Grillet bei diesem Film konsequent verfolgt. Alles findet seine doppelten Entsprechungen später im Film, der sich in eine Hälfte im Café und eine Hälfte in Tunesien spaltet. Die abstrakten Spiele im Café werden später in Tunesien ihre bebilderte Entsprechung finden, ebenso wie Personen, Gegenstände und Symbole.

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In einem sehr aufschlussreichen Interview, welches dankenswerterweise mit auf der vorzüglichen DVD aus dem Hause Donau-Film enthalten ist, erklärt Robbe-Grillet seine Herangehensweise mit zwei Arten der neuen Musik. „Eden und danach“ hat er wie ein serielles Musikstück aufgebaut. „Serielle Musik wird nach strengen Regeln komponiert. Die Kompositionstechnik basiert auf dem Versuch, möglichst alle Eigenschaften der Musik, wie zum Beispiel Tondauer, Tonhöhe und Lautstärke, auf Zahlen- oder Proportionsreihen aufzubauen. Diese Idee einer musique pure entspringt dem Wunsch, eine Musik von möglichst großer Klarheit hervorzubringen, frei von Redundanz, Unbestimmtheit und der Beliebigkeit des persönlichen Geschmacks.“ (Quelle: Wikipedia). Genauso geht auch Robbe-Grillet vor. Er setzt Szene an Szene und wiederholt darin Elemente, die schon zuvor im Film vorkamen. Laut William F. Van Wert, der in „Pioniere und Prominente des Modernen Sexfilms“ zitiert wird, legt Robbe-Grillet den Film als eine Serie von 10 Abschnitten an, in denen sich die 12 Themen des Filmes jeweils wiederfinden. Dies führt zwar dazu, dass eine konventionelle Handlung nicht mehr erkennbar ist, und der Zuschauer die Bilder und Filmelemente „pur“, also ohne Einbettung in eine bewertende Geschichte, aufnimmt. Somit bleibt es auch ganz ihm überlassen, was er daraus macht.

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Dies ist die Idee hinter dem Nouveau Roman, einer literarischen Stilrichtung zu dessen Vertretern Robbe-Grillet gehörte. Hierbei werden „Aspekte des konventionellen Romans wie eine stringent-chronologische Erzählführung, eine individuelle Charakterisierung der Figuren und Subjektivität nicht berücksichtigt und der Vorstellung von Literatur als einer moralischen oder politischen Kraft entgegentritt. Anmerkung: Hier findet sich also auch der Gegensatz zu Godard, der ja Film als politische Kraft Kraft verstand. Die Autoren des Nouveau Roman versuchen die Welt aus einer möglichst neutralen Erzählposition zu schildern, die nur das Sichtbare aufnimmt. Relevant ist dabei nur die Oberflächlichkeit der Dingwelt, zu deren Bedeutung nicht mehr vorgestoßen werden kann. Allenfalls dem Leser bleibt die Auffindung von Sinn überlassen.“ (Quelle: Wikipedia) „Eden und danach“ ist somit eine konsequente Überführung des Nouvau Romans in das Medium des Films.

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Noch deutlicher wird dies beim Gegenstück zu „Eden und danach“, dem experimentellen „N. a pris les dés…“, welcher ebenfalls auf dieser 2-Disc Special Edition enthalten ist. Hier wiederum verwendete Robbe-Grillet, wie er im Interview erklärt, das Prinzip der Aleatorik. „Aleatorik (von lat. aleatorius „zum Spieler gehörig“, alea „Würfel, Risiko, Zufall“) wird in Musik, Kunst und Literatur im weitesten Sinne die Verwendung von nicht-systematischen Operationen verstanden, die zu einem unvorhersehbaren, zufälligen Ergebnis führen. In der Musik können diese Zufallsoperationen sowohl auf der Ebene der Komposition als auch auf der als deren Fortsetzung aufgefassten Ebene der Interpretation angewendet werden und z. B. die Art und Anzahl der Instrumente, die Dauer des Stückes, die Reihenfolge einzelner Abschnitte oder das Tempo betreffen.“  (Quelle: Wikipedia) Nicht umsonst heißt dieses Stück „N. wirft die Würfel“. Robbe-Grillet nahm das gefilmte Material für seinen Film „Eden und danach“, zerschnitt es und ordnete es nach dem Zufallsprinzip neu an. Das Ergebnis ist noch „unverständlicher“ als „Eden und danach“. Dem Zuschauer wird gar nicht erst die Chance eingeräumt, eine Handlung oder einen tieferen Sinn zu erkennen. Er wird mit den Bildern allein gelassen, gezwungen loszulassen und sich ganz dem Bilderrausch hinzugeben. Louis Malle hat etwas Ähnliches mit „Black Moon“ versucht, der aber im Vergleich „N. a pris les dés…“, und auch „Eden und danach“, weitaus erzählerischer ausgefallen ist.

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Bei den Bildern seines ersten Farbfilms orientierte sich Robbe-Grillet an der Farbpalette des großen surrealistischen Malers Rene Magritte, dem er in „Die schöne Gefangene“ ein Denkmal setzen sollte. Insbesondere im Tunesien-Teil dominieren die Farben hellblau, braun und weiß, hier und da durchsetzt mit einem kräftigen Rot. In seine Szenen baut Robbe-Grillet immer wieder Verfremdungseffekte ein, spielt mit Blut- und Sperma-Symbolen, zeigt S/M- und Fetisch-Fantasien und lässt Gegenstände Aussehen und Beschaffenheit ändern. Zentrum des Ganzen ist die umwerfende Catherine Jourdan, deren Schönheit und schlafwandlerisches Spiel einen augenblicklich in den Bann zieht. Mit ihr und um sie herum schafft Robbe-Grillet ikonische Bilder, die einem nicht mehr aus dem Kopf wollen. Wenn sie im Meer badet und sich ihr Kleid an den darunter nackten Körper schmiegt, oder sie vor einem Feuer am Strand tanzt. Catherine Jourdan ist das Aorta des Filmes, die das Blut in alle Körperteile pumpt. Sie macht den Film nicht nur zu einer intellektuellen, sondern auch zu einer ausgesprochen sinnlichen Erfahrung.

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„Eden und danach“ bietet keine nachvollziehbare Handlung, sondern ist ein experimentelles und kompositorischen Regeln unterworfenes Spiel mit Bildern und Themen. Wer dies akzeptiert und Freude am Dechiffrieren von Hinweisen und Symbolen hat, dem wird dieser Film gefallen. Man kann sich aber auch ohne Kenntnis der Hintergründe einfach in die surreale Bilderwelt Robbe-Grillets fallen lassen. Die bezaubernde Catherine Jourdan macht einem leicht, sich von dem Strom der Assoziationen mitreißen zu lassen.

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Die 2-Disc Collector’s Edition aus dem Hause Donau Film trägt im Titel „Alain Robbe-Grillet #1“, was darauf schließen lässt, dass hier noch weitere Titel des bisher in Deutschland sträflich vernachlässigten Künstlers erscheinen werden. Wie man aus zuverlässiger Quelle hörte, sollen dies der bisher in Deutschland unveröffentlichte „Glissements progressifs du plaisir“ und Robbe-Grillets letzter Film „Der Ruf der Gradiva“ (lief bisher nur einmal im Original mit Untertiteln auf arte) sein. Das ist schon mal großer Grund zur Freude, wie überhaupt die DVD wunderbar aufgemacht ist. Neben dem Hauptfilm „Eden und danach“ befindet sich auf einer zweiten DVD noch das „Gegenstück“ „N. a pris les dés…“, sowie ein 30-minütiges Interview mit Alain Robbe-Grillet, welches scheinbar für das französische Fernsehen aufgezeichnet wurde, und welches sehr interessante Statements enthält, die das Verständnis des Filmes etwas vereinfachen und auch einen interessanten Einblick in das Denken Robbe-Grillets werfen. Abgerundet werden die Extras von einem ausgezeichneten 16-seitgen Booklet von Dr. Marcus Stiglegger (der bereits in dem empfehlenswerten, aber leider vergriffenen, englischsprachigen Kompendium „Eyeball“ einen hochspannenden Artikel über den Robbe-Grillet veröffentlicht hat), welches die Person Robbe-Grillet, sein filmisches Werk, aber auch seine literarische Bedeutung beleuchtet. Ein paar kleinere Abstriche muss man beim Bild machen, welches oftmals so wirkt, als ob man durch ein leichtes „Grisselmuster“ sieht. dies fällt allerdings nur auf, wenn man recht dicht vor dem Bildschirm sitzt. „Eden und danach“ besitzt eine deutsche Tonspur, kann aber auch auf Französisch mit deutschen Untertiteln geschaut werden. „N. a pris les dés…“ liegt auf Französisch mit deutschen Untertiteln vor.

DVD-Rezension: “Vanishing Waves”

Von , 21. Oktober 2013 13:55

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Lukas (Marius Jampolskis) ist ein junger Wissenschaftler der an einem Experiment teilnimmt, bei dem er in den Geist einer Koma-Patientin eindringen kann. Dort soll er nur Beobachten, doch gleich beim ersten Kontakt mit der wunderschönen Aurora (Jurga Jutaite), wirft er seinen wissenschaftlichen Auftrag über den Haufen und beginnt eine leidenschaftliche, sexuelle Affäre mit dem Testobjekt. Immer wieder kehrt er zu Aurora zurück, um mit ihr seine Fantasien auszuleben. Seinen Kollegen erzählt er allerdings nichts von seinen Erlebnissen, weil er weiß, dass er sonst sofort von dem Projekt abgezogen würde. Doch Lukas’ Freundin Lina (Martina Jablonskyte) merkt bald, dass mit ihm etwas nicht stimmt…

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Nur sehr selten finden Filme aus Osteuropa ihren Weg nach Deutschland. Ab und zu einmal ein tschechischer Film, ein russischer oder ganz selten auch ein polnischer. Dabei ist gerade diese Filmlandschaft reich an Entdeckungen und Schmuckstücken. Mit „Vanishing Waves“ hat es – meines Wissens nach das erste Mal – ein Film aus Litauen zu einer deutschen Heimkinoveröffentlichung gebracht. Dabei half sicherlich, dass der Film der jungen Regisseurin Kristina Buozyte mit Frankreich und Belgien co-finanziert wurde und auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest lief. Mir war der Film bereits Anfang des Jahres aufgefallen, als er auf dem International Fantastic Film Festival in Brüssel lief, und er war lange Zeit mein Favorit für eine Aufführung bei unserm Phantastival Bremen. Jetzt ist uns aber Donau Film mit einer vorbildlichen DVD-Veröffentlichung zuvorgekommen.

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„Vanishing Waves“ hat trotz seiner thematischen Nähe zu „Inception“ nichts mit großer Action am Hut, sondern nähert sich dem Thema des Eindringens in eine fremde Psyche auf philosophische Weise. Lukas wird am Anfang eingebläut, dass er sich nur als Beobachter im Hintergrund halten soll, um keinen Einfluss auf die Gedanken des Versuchsobjektes zu nehmen. Und tatsächlich scheinen Lukas‘ ersten Interaktionen mit Aurora ganz allein von ihm gesteuert. Wenn sie sich ohne großes Kennenlernen gleich zu Beginn in einem leeren Raum ihren Leidenschaften hingeben, dann scheint dies ganz aus seinem eigenen Unterbewusstsein entsprungen. Die ultimative sexuelle Fantasie. Ein schönes Mädchen, das sich einem sofort und bedingungslos hingibt. Schon zuvor hat Regisseurin Buozyte Hinweise eingestreut, dass Lukas unter einer Art Sexsucht leidet, wenn seine Freundin ihn vor dem Computer allein lässt und Lukas nach einer 360 Grad Kamerafahrt scheinbar vor dem PC zu Pornobildern masturbiert. Auch später gibt es noch eine drastische Szene, in der Lukas wie ein Junkie die Dienste einer Prostituierten sucht.

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Kommuniziert Lukas wirklich mit der Psyche der komatösen Aura oder beeinflusst und manipuliert er diese unbewusst. Oder werden seine schutzlosen Gedanken im Geiste von Aurora deformiert, und haben seine Ausflüge in die fremde Psyche Einfluss auf seine eigene Wirklichkeit. Das legt die Szene nah, in der er beinahe seine Freundin vergewaltigt. Potenzieren sich dadurch, dass Lukas in Auroas Geist eine Welt nach seinem Willen erschafft, seine Begierden, so dass er diese in seiner Realität nicht mehr kontrollieren kann? Und ist das, was Lukas über Auroras Vergangenheit herausfindet wirklich die Wahrheit? Oder interpretiert er nur die wenigen Informationen, die er im Lauf der Zeit zusammensammelt, und erfindet eine ganz eigene Geschichte, die ihm gut gefallen würde. Die von der armen Frau und ihrem tyrannischen Ehemann, der sie sexuell ausnützt und vor dem sie beschützt werden muss? Ist Auroras finale Flucht vor Lukas nicht ihr Flehen, er möge ihre Erinnerungen, ihre Vergangenheit, nicht weiter manipulieren?

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Das effektive und mit einfachen Mitteln der Verfremdung arbeitende Produktionsdesign, ist einer der großen Pluspunkte von „Vanishing Waves“. Hier das Holzhaus mit den merkwürdigen Proportionen und das unwirkliche, goldene Licht in der Traumwelt, dort die harte Realität des sterilen Labors und die kalten Farben von Lukas Welt. Gerade in der letzten Hälfte des Filmes, wenn die Traumwelt in eine Albtraumwelt kippt und die – tatsächlichen oder von Lukas erfundenen – dunklen Geheimnisse aus Auroras Vergangenheit an die Oberfläche spülen. Unterstützt wird dies auch durch einen sphärisch-hymnischen Soundtrack, der manchmal vielleicht etwas zu viel des Guten ist, aber sich insgesamt gut in den Film einfügt. Gerade in der bemerkenswertesten Szene zum Ende des Filmes, wenn zwei nackte Körper sich minutenlang durch das Dunkel jagen, erzeugt die Musik eine beinahe unerträgliche Intensität.

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Wo man durchaus Abstriche machen muss, ist bei der Charakterzeichnung. Lukas bleibt einem den Film hinweg fremd. Man kann seine Gefühle und Gedanken nicht durchschauen und auch die Informationen, die Kristina Buozyte ausbreitet, sind eher widersprüchlicher Natur und lassen ihn häufig unsympathisch und leicht manisch erscheinen. Aurora hingegen hat gar keine eigenständige Persönlichkeit, sie sie ganz Projektionsfläche für Lukas Fantasien und Begierden. Nur manchmal bricht ihre eigene Persönlichkeit durch, wenn sie z.B. bemerkt, dass sie nichts fühlen, nichts schmecken kann. Doch wer diese Frau eigentlich ist/war, wird nie so richtig klar, was durchaus auch Konzept des Drehbuchs ist. Aber ein quasi Zwei-Personenstück in dem einen beiden Charaktere fremd bleiben, ist immer etwas problematisch.

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Aus Litauen kommt eine ruhige, erotische Science-Fiction-Meditation zu uns, die weniger auf große Effekte, sondern auch psychologische Entwicklungen und philosophische Fragen wert legt. Was aber nicht heißen soll, dass in den Aufbau der „Traumwelt“ kein Aufwand geflossen sei. Gerade durch das Produktionsdesign und die Kameraarbeit, aber auch den sphärische-hymnischen Soundtrack (der allerdings Geschmackssache ist) weiß „Vanishing Waves“ zu bestechen.

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Die von Donau Film herausgegeben 2-Disc Collector’s Edition ist ein Traum. Hier hat man sich wirklich große Mühe gegeben, den Film mit unfassbar vielen, interessanten Extras anzubieten. So enthält die Bonus-DVD nicht nur ein 18-minütiges „Making Of“, zwei Interviews mit Kristina Buozyte (7 und 39 Minuten) und der Präsentation der Filmes beim BIFF (10 Minuten), sondern auch den kompletten Soundtrack zuzüglich diverser Remixe (55 Minuten, läuft über Standbildern aus dem Film) und als Highlight Kristina Buzytes ersten Spielfilm „The Collectress“ (84 Min., auf Litauisch mit nicht ausblendbaren englischen Untertiteln). Trailer und Teaser für „Vanishing Waves“, sowie der Trailer zu „The Collectress“ runden das ausgezeichnete Bild ab.

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