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DVD-Rezension: „Die rote Schlinge“

Von , 13. Juli 2017 06:36

Lieutenant Duke Halliday (Robert Mitchum) wurden von dem Betrüger Jim Fiske (Patric Knowles) 300.000 US-Dollar geraubt, die als Lohn für die Soldaten gedacht waren. Da Halliday von seinem Vorgesetzten Captain Blake (William Bendix) beschuldigt wird, sich das Geld selber unter den Nagel gerissen zu haben, reist Halliday nach Mexiko, um dort Fiske zu stellen und seinen Namen wieder reinzuwaschen. Dabei wird er von Blake verfolgt, der Halliday weiterhin für den Täter hält. In Vera Cruz begegnet er Joan Graham (Janet Greer), die auch noch ein Hühnchen mit Fiske zu rupfen hat…

Warum „The Big Steal“ in Deutschland den an Edgar Wallace gemahnenden Titel „Die rote Schlinge“ aufgedrückt bekam, will sich mir nicht partout erschließen. Eine Schlinge kommt hier jedenfalls nicht vor und eine rote erst recht nicht. Auch symbolisch wusste ich nicht, worauf eine „Rote Schlinge“ anspielen soll. Vielleicht fand der deutsche Titeltexter den Klang einfach toll. Der rasante Film ist auch kein Mystery-Krimi, sondern eine verwegene Mischung aus Action, Screwball-Elementen und Film Noir. Im Grunde erzählt „Die rote Schlinge“ in knackigen 71 Minuten von einer Verfolgungsjagd, die für gut die Hälfte der Laufzeit über in Autos ausgetragen wird. Regisseur Don Siegel nahm hier erst zum vierten Mal auf dem Regiestuhl Platz, aber sein Talent für straffe, punktgenaue Inszenierungen ist hier schon gut zu erkennen. Interessant ist auch sein gutes Gespür für Timing, was die Screwball-Elemente angeht. Die schnippischen und immer messerscharfen Bon Mots, die Janet Greer dem in von sich selbst seht überzeugten Robert Mitchum um die Ohren pfeffert, sitzen wie Boxhiebe, welche Mitchum immer wieder seine Deckung verlieren lassen. Das erinnert dann angenehm an solche Gespanne wie Hepburn/Tracy oder Gable/Colbert.

Mitchum und Greer harmonieren perfekt miteinander. Während Mitchum mit einer traumwandlerischen Coolness durch den Film flaniert, spielt Greer eine selbstsichere Frau, die jederzeit Herr über die Lage ist und weiß, dass sie auf keinen Mann angewiesen ist. Dass ihr Charakter dann am Ende doch romantisch veranlagt ist und sich nichts sehnlicher als ein (spieß)bürgerliches Leben mit ihrem Duke Halliday wünscht, ist ein kleiner, wieder dem Zeitgeist geschuldeter Verrat an der Rolle. Allerdings kann man mit etwas guten Willen das Schlussbild, bei dem eine mexikanische Familie mit unzähligen Kindern an dem frisch verliebten Paar vorbei prozessiert, auch als kleiner Triumph für Joan Graham verstanden werden. Da hat sie sich ihren Duke eingefangen und zwingt den Macho in eine Familienrolle, die dieser in seinem ursprünglichen Lebensentwurf sicherlich nicht für sich vorgesehen hat. Nur zwei Jahre zuvor stand das Dream-Team Greer/Mitchum schon einmal in dem brillanten „Über-Noir“ „Goldenes Gift“ als Paar vor der Kamera. Vergleicht man Greers Darstellung als Femme Fatale damals mit ihrer schlagfertigen „Kumpel“-Rolle in „Die rote Schlinge“, mag man kaum glauben, dass man hier dieselbe Schauspielerin vor sich hat. Und noch mehr wundert es einen, dass Greers trocken-komödiantisches Talent nicht in noch mehr Filmen genutzt wurde. Aber 1949 war die hohe Zeit der Screwball-Comedy ja leider auch schon wieder vorbei.

Bemerkenswerterweise konnte Don Siegel seinen Film tatsächlich vor Ort in Mexiko drehen, was der „Roten Schlinge“ eine sonnige Authentizität verleiht, die den finsteren, oftmals im Studio entstandenen Noir-Kollegen oftmals abgeht. Auch wenn die Szenen mit den Hauptdarstellern am Steuer mithilfe von Rückprojektion im Studio zustande kamen, so konnte Siegel für die wilde Jagd doch echte Wagen mit Hochgeschwindigkeit durch die staubige mexikanische Landschaft rasen lassen, was zu vielen „echten“ und damit aufregenden Szenen führt. Ferner behandelt Siegel die Mexikaner hier mit Respekt und denunziert sie nicht als lustige Dritte-Welt-Menschen. Die einzige Person, die in dem ganzen Durcheinander den Überblick behält und allen anderen Figuren immer einen Schritt voraus ist, ist der mexikanische Inspektor General Ortega, der sich sichtlich über die Gringos amüsiert, die ohne Sprachkenntnisse und mit einer gewissen Beherrscher-Mentalität in sein Land kommen, sich dort aufführen, wie die Axt im Wald und sich letztendlich doch nur immer wieder selber aufs Kreuz legen. Dieser ebenso charmante, wie clevere Ortega erinnert ein wenig an Peter Lorres Rolle in dem ein jahr zuvor entstandenen „Casbah – Verbotene Gassen“. Gespielt wird er von einem guten, alten Bekannten: Ramón Novarro, der einst als Ben-Hur in Fred Niblos spektakulären Erstverfilmung von Lewis Wallaces Roman die Herzen reihenweise brach und in den 20er Jahren ein bedeutender Stummfilm-Star und fantastisch aussehender (Leinwand-)Frauenheld war. Leider verlief seine Karriere nach dem Ende der Stummfilmzeit nicht besonders gut. Wozu nicht nur sein starker mexikanischer Akzent beitrug, sondern auch, dass sein Typ nicht mehr besonders gefragt war. Mit seiner Alkoholsucht ruinierte er sich seinen Ruf und sein gutes Aussehen. 1968 endete sein Leben tragisch, als er von jungen Brüderpaar, die sich unter dem Vorwand Novarro sexuelle Dienste anbieten zu wollen, brutal erschlagen wurde.

Don Siegel verbindet in seinem vierten Spielfilm auf rasante Weise Action mit Screwball-Comedy und Film Noir. Unterstützt wird er dabei von seinen hervorragenden Darstellern, die sichtlich Freude an ihren Rollen haben. Bei knackigen 71 Minuten kommt in der episodenhaften Geschichte keine Langweile auf.

„Die rote Schlinge“ ist die Jubiläumsnummer 25 der Film Noir-Reihe aus dem Hause Koch Media. Warum dieser und nicht der populärere „Die Narbenhand“ dafür gewählt wurde, erschließt sich mir nicht, aber wahrscheinlich wurde darüber auch gar nicht nachgedacht. Leider fällt die Qualität der DVD gegenüber anderen Scheiben leicht ab. Das Bild ist in Ordnung, mehr aber auch nicht. Passend zum Jubiläum ist der Extras-Segment diesmal weitaus üppiger als sonst. So gibt es neben einem Audiokommentar von Filmhistoriker B. Jewell noch eine kolorierte Fassung des Filmes als Bonus. Abgesehen von der allgemeinen Fragwürdigkeit der Kolorierung schwarz-weißer Filme, ist die Bildqualität dann aber auch im ganz unteren Bereich des gerade noch annehmbaren angesiedelt. Allerdings ist diese Fassung merkwürdigerweise fast drei Minuten länger als die Schwarz-Weiß-Version. Empfehlenswert ist jedoch das zwar nur viereinhalb-minütige, nichtsdestotrotz aber sehr interessante „Making of“. Da Koch Media nur nackte Check-DVDs für Rezensionen verschickt, kann ich leider wieder nichts zum Booklet von Frank Arnold schreiben.

DVD-Rezension: „Charley Varrick – Der grosse Coup“

Von , 25. April 2015 21:59

charleyvarrickCharley Varrick (Walter Matthau) kommt mit seiner kleinen Schädlingsbekämpfungs-Firma mehr schlecht als recht über die Runden. Daher hat er sich zusammen mit seiner Frau Nadine (Jacqueline Scott) und zwei Komplizen auf Banküberfälle in kleinen Städten spezialisiert. Als die vier wieder einmal eine Bank überfallen, geht alles schief. Nadine und ein Komplize werden erschossen, und die Beute entpuppt sich als Mafia-Geld in Millionenhöhe. Während sich sein junger Helfer Harman (Andrew Robinson) als unberechenbarer Trinker erweist, setzt die Bankchef und Mafia-Mittelsmann Maynard Boyle (John Vernon) einen Killer namens Molly auf die Spur der Bankräuber. Charley muss sich schnell etwas einfallen lassen, wenn er mit heiler Haut davonkommen will.. .

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Nach seinem großem Erfolg „Dirty Harry“ verabschiedete sich Don Siegel erst einmal aus der urbanen Steinwüste und kehrte aufs Land zurück. Dahin, von wo aus einige Jahre zuvor Clint Eastwood in „Coogans Bluff“ aufgebrochen war, um seine Wild-West-Methoden nach San Francisco zu tragen. Und die Provinz ist scheinbar voller solch geradliniger Typen, die ohne viel Federlesen und Gelaber genau das tun, was getan werden muss. Einer dieser Typen ist Charley Varrick, ehemaliger Stunt-Pilot, nun Besitzer einer kleinen Firma für Schädlingsbekämpfung aus der Luft, Bankräuber und „Last of the Independents“, wie sein Firmenoverall verrät. Charley ist ein Pragmatiker und gewiefter Taktiker, der nicht viele Worte verliert und selbst den Tod seiner geliebten Ehefrau mit stoischer Mine hinnimmt. Dass dieser Verlust nicht ganz spurlos an ihm vorbeigeht, wird lediglich durch kleine Gesten angedeutet – groß ausgespielt wird dieses persönliche Drama aber nicht.

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Charley Varrick ist eine Paraderolle für Walter Matthau. Sieht man den Film heute, kann man sich kaum noch vorstellen, dass ursprünglich Donald Sutherland diese Figur spielen sollte. Matthau und Varrick Verschmelzen förmlich miteinander und werden eine Person. Viel wird darüber geschrieben, wie ungewöhnlich doch die Besetzung des hartgesotten und dabei unglaublich coolen Verbrechers mit einem Schauspieler sei, der vor allem für seine Komödien bekannt und beliebt ist. Dabei werden aber immer wieder zwei Dinge vergessen. Matthau war am Anfang seiner Karriere bereits auf den heavy, den kriminellen Schurken, spezialisiert, wodurch Gangster und Killer durchaus zu seinem Rollenportfolio gehörten. Zweitens spielt Matthau auch in seinen Komödie ähnliche Profis mit Hang zum Kriminellen. Nur werden seine Figuren in Filmen wie „Der Glückspilz“ oder Extrablatt“ mit absurden Situationen konfrontiert, die ihre ganz auf sie zugeschnittene Welt auf den Kopf stellt, wodurch eine herrliche Komik entsteht. Man stelle sich nur vor, Charley Varrick würde mit einem Nervenbündel wie Jack Lemmon in „Buddy, Buddy“ oder „Ein verrücktes Paar“ konfrontiert.

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Aber „Der große Coup“ ist eben keine Komödie und der Matthau-Charakter kann seine ganze Professionalität und Coolness bewahren. Charley Varrick ist auch kein positiver Typ. Varrick manipuliert Menschen und nutzt sie für seine Zwecke aus. Er lässt auch ganz bewusst seinen Partner über die Klinge springen. Ob dies nur deshalb geschieht, weil dieser sich als unberechenbarer Alkoholiker erweist, oder ob Varrick diese Lösung seines Problems auch so in Erwägung gezogen hätte, bleibt offen. Nur Matthaus Kredit aus seinen sympathischen Rollen lassen den Zuschauer sofort an ersteres und weniger an letzteres denken. Überhaupt ist es interessant, dass uns Charley Varrick in der Gestalt Matthaus durchaus sympathisch und vor allem eher cool als kaltblütig erscheint. Donald Sutherland hätte dieser Figur sicherlich einen ganz anderen, skrupelloseren Touch gegeben.

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Auch die Nebenrollen sind durch die Bank weg hervorragend besetzt. Insbesondere das Schurken-Duo John Vernon und Joe Don Baker. John Vernon spielt den Bankchef mit besten Mafia-Kontakten als eleganten und durchaus nicht unsympathischen Charmeur und Gentleman. Nur seine stahlblauen Augen verraten ihn manchmal, wenn aus ihnen jede Freundlichkeit weicht, während das Gesicht noch ein einnehmendes Lächeln zeigt. Vernon erinnert irgendwie an einen großen Bruder, der einem liebevoll unter die Arme greift, kann aber auch zu keiner Sekunde seine Skrupellosigkeit verleugnen, die unter dem Maßanzug vibriert. Gleiches kann auch zu Joe Don Baker gesagt werden, der hier eine seiner ersten großen Rollen spielt. Noch unverschämt jung und schlank, scheint er seine Mitmenschen um mehr als einen Kopf zu überragen. Auch er gibt sich freundlich und kultiviert. Gerne zieht er an seiner Pfeife, was ihn als Kopfmenschen ausweisen soll. Doch sein Molly zeigt schnell, dass hinter der Fassade ein brutaler Schläger lauert, dem es zwar Freude bereitet, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, der dieses aber nie zugeben würde. Joe Don Baker hat nicht nur hier etwas hochgradig Beunruhigendes an sich, welches in einem spannenden Kontrast zu seinem Teddybären-Aussehen steht.

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Don Siegels Inszenierung des Films ist immer auf dem Punkt, ohne unwichtigen Szenen. Alles was gezeigt wird, wird auch für die Story benötigt. Da gibt es kein Füllmaterial oder kleine Schlenker. Von Anfang an läuft die Handlung wie ein perfektes Uhrwerk ab. Während in anderen Filmen die Hauptperson immer wieder Rückschläge hinnehmen muss, zieht Charley Varrick mit höchster Präzision sein Ding durch. Sobald er die gefährliche Situation, in der er sich befindet, erfasst hat, ist schon der Plan geschmiedet, wie er sich aus dieser tödlichen Fallen befreien und sogar noch mit einem Gewinn aus der Sache herauskommen kann. Don Siegel verzichtet auf irgendwelche Mätzchen, um zu zeigen wie clever doch das Drehbuch ist. Der Film ist wie Varrick: Er weiß was er kann und muss niemanden etwas beweisen. Herausragend die Kameraarbeit, die insbesondere zu Beginn den Film die Szenerie in wundervoll stimmige Bilder kleidet, und auch die mitreißende Musik von Lalo Schifrin, der hier coolen Wah-Wah-Funk mit typischer Americana verbindet. Allein das in diesem Kerle-Film vermittelte Frauenbild lässt einen kurz zusammenzucken. Denn diese erscheinen hier erst einmal als immer verfügbare und begattungswillige Objekte, die gerne mal etwas härter angefasst werden wollen. Oder sind doch selbstbestimmte Wesen, die sich einfach die Männer nehmen, auf die sie Lust haben? Dies liegt wahrscheinlich im Auge des Betrachters.

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Walter Matthau ist die Idealbesetzung für den lakonischen und unendlich coolen Bankräuber Charley Varrick. Don Siegels Film läuft ab wie ein perfektes Uhrwerk und erinnert dabei an ein saftiges Stück Steak, von dem alles überflüssige Fett abgeschnitten wurde. Großartige Musik, einen hervorragende Kameraarbeit und einprägsame Nebendarsteller runden das gute Bild dies ausgesprochen gradlinigen Gangster-Thrillers ab.

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Die neue Veröffentlichung aus dem Hause Koch Media kommt als 2-Disc-Speical-Edition daher. Grund dafür ist die 72-minütige Dokumentation „Last of the Independents – Don Siegel and the Making of Charley Varrick“, welche exklusive für diese Veröffentlichung produziert wurde und ebenso unterhaltsam, wie informativ daher kommt. Nach dieser hochinteressanten Doku sollten keine Fragen mehr offen sein. Die Dokumentation liegt auf Englisch mit optionalen deutschen Untertiteln vor. Als zusätzliches Extra befindet sich auf Disc 1 noch eine englische Super-8-Fassung des Filmes, die etwas über eine viertel Stunde läuft. Bild und Ton des Hauptfilmes sind ausgezeichnet. Nur in sehr dunklen, schwach ausgeleuchteten Szenen fällt es etwas ab, was aber am Urpsprungsmaterial liegen dürfte.

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