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Blu-ray-Rezension: „Die Weibchen“

Von , 27. Juli 2017 08:58

Nach einer unglücklichen Affäre mit ihrem Chef ist die junge Eve (Uschi Glas) einem Nervenzusammenbruch nahe und reist zu einer sechswöchigen Kur nach Bad Marein. Dort begibt sie sich in das Sanatorium von Dr. Barbara (Gisela Fischer). Seltsamerweise scheint es in Bad Marein außer dem unheimlichen Gärtner des Sanatoriums und einem halb verrückten Kommissar nur Frauen zu geben. Eines Tages hat eine dreiköpfige Männergruppe im Ort eine Reifenpanne. Die drei Männer nutzen die Gunst der Stunde, um mit den Damen im Sanatorium zu flirten. Doch bereits in der ersten Nacht entdeckt Eve einen der Männer mit einem Messer im Rücken in einem Schrank liegend und bricht zusammen. Am nächsten Tag ist von der Leiche nichts mehr zu entdecken. Auch der schmierigen Tommy (Giorgio Ardisson) und sein Kumpel Leo (Klaus Dahlen) machen sich keine Sorgen um ihren Freund. Der wäre wohl nach Hause zu Frau und Kindern. Eve macht sich – unterstützt von dem ebenfalls in Bad Marein gestrandeten, gutaussehenden Johnny (Alain Noury) daran, das Geheimnis des Sanatoriums und des Städtchens aufzudecken…

Zbyněk Brynych als „Geheimtipp“ oder „Vergessenen“ zu bezeichnen, ist in den jetzigen Zeiten nicht mehr ganz richtig. Dank der unermüdlichen Arbeit von Cinephilen wie Rainer Knepperges oder dem Regisseur Dominik Graf, ist Zbyněk Brynych mittlerweile (endlich!) ins kollektive Filmgedächtnis der Kino-Republik vorgedrungen. Dort nimmt er nun den Platz ein, der ihm gebührt. Den eines Meisters seiner Zunft. Eines Mannes, der in den frühen 70ern in Deutschland Kino wie kein anderer machte, der TV-Krimiserien wie „Der Kommissar“, „Derrick“ oder „Der Alte“ auf heute unfassbare Höhen trieb. Der sich über den Umweg der Krimiserie austoben konnte und zeigte, dass auch „Routineprodukte“ Raum für große Kunst bieten – wenn man es nur will und die Freiheit genießt, seine Vision umzusetzen. Etwas, das vor 30-40 Jahren noch möglich war und heute fast unglaublich erscheint. Gerade jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, widmet das Zeughauskino und das Tschechische Zentrum in Berlin Zbyněk Brynych eine umfangreiche Retrospektive. Ich selbst kam 1999 erstmals mit dem Tschechen in Kontakt, als ich in der leider viel, viel zu kurzlebigen Fanzine „Absurd 3000“ über seinen großartigen Film „Engel, die ihre Flügel verbrennen“ lesen konnte. Leider ist dieser Film, den ich persönlich sogar noch knapp dem hier zu besprechenden „Die Weibchen“ überlegen finde, bisher nur auf VHS erschienen. Eine digitale Heimkinoumsetzung (am Besten auf Bluray) steht hier ebenso aus, wie bei dem ersten Film seiner deutschen Kino-Trilogie :“O Happy Day“.

Es treibt einem die Tränen in die Augen, wenn man daran denkt, wie stiefmütterlich dieser großartige Filmzauberer hierzulande noch immer behandelt wird. Von seinen tschechischen Filmen haben es gerade mal zwei auf preisgünstige DVD-Veröffentlichungen geschafft. Dann gibt es nur noch seinen TV-Dreiteiler „Die Nacht von Lissabon“ und seine TV-Krimi-Episoden (neben den oben erwähnten noch gut die Hälfte aller „Polizeiinspektion 1“-Folgen). Umso mehr Anlass zur Freude und großem Applaus liefert die hier vorgestellte, liebevolle Veröffentlichung von „Die Weibchen“ durch das wundervolle Label „Bildstörung“. Dieses hat den Film in perfekter Qualität und mit vielen aufschlussreichen Extras, sowie einer bisher unbekannten Langfassung, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht, die weder die VHS besitzen, noch die Möglichkeit hatten, den Film irgendwo auf in einer 35mm-Vorführung zu sehen. Und im TV findet deutscher Film aus den vergangenen Jahrzehnten ja eh so gut wie nicht mehr statt.

In „Die Weibchen“ feuert Zbyněk Brynych mithilfe seines kongenialen Kameramannes Charly Steinberger (der u.a. auch den ganz wundervollen „Deep End“ von Jerzy Skolimowksi fotografierte) aus vollen Rohren. Schon die grandiose Fischaugenfahrt ganz am Anfang des Filmes zeigt, wohin die Reise führt. In ein merkwürdiges, surreales Land des Wahnsinns. Immer wieder schauen Personen direkt in die Kamera und irritieren dadurch den Zuschauer. Seien es von der Kamera scheinbar zufällig eingefangene Passantinnen, die durch das Städtchen Bad Marein flanieren oder harmlos auf Bänken sitzende Gruppen von Frauen jeden Alters, die wie Geheimpolizisten wirken. Immer wieder verleiht ein ungewöhnlicher, fremder Winkel der Kamera ganz normalen Gesten, wie dem Reichen der Hand, eine unheimlich-bedrohliche Qualität. Brynych entreißt Steinbergers Kamera jeglichen Fesseln. Da gibt es lange Plansequenzen mit der Handkamera, es wird wie irre im Kreis gewirbelt und durch kleine Tricks die Grenze von Realität und Traum verschoben. Nie kann man sich sich bei Brynych sicher sein, ob der Boden auf dem sich seine Figuren bewegen, nicht schwankt und gleich das ganze Szenario mit einem Haps verschluckt. Dazu knallt Peter Thomas unglaublich fetzige Musik aus den Lautsprechern und vernebelt einem noch zusätzlich die Sinne. Wobei es nicht fair wäre, Thomas‘ Beitrag ganz auf die direkt vom Ohr über das Hirn in die Beine schießende Mucke zu reduzieren. Denn wer genau hinhört, der bemerkt auch die leisen-bedrohlichen Zwischentöne.

Zbyněk Brynych füllt seinen Film mit unzähligen, wunderbar absurden Details. Sei es das markante, schreiend gelbe Buch „S.C.U.M – Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ von Valerie Solanas (nebenbei die Frau, die 1968 auf Andy Warhol schoss), welches überall auftaucht. Oder die Gottesbeterinnen-Analogie. Die hohlen Männergestalten, die vor lauter Potenz-Geprotze es gar nicht merkwürdig finden, dass ihre Kumpels plötzlich ohne jede Nachricht verschwinden. Der verrückte Kommissar, dessen offensichtlich nicht wirklich gesunder Geisteszustand niemanden wundert und den Brynych mit einem schmucken Pastorenkragen ausstaffiert hat. Nein, hier sind wir nicht mehr in dieser Welt, sondern in einer bizarren Parodie des muffigen Deutschlands, eine hysterischen Welt des Überfeminismus und der holzköpfigen Männer. Bei Brynych sind es keine Menschen, die durch diesen fremdartigen Ort stolpern, sondern hohle Figuren, die ganz ihrer Funktion untergeordnet sind. Und deren Unfähigkeit (Eve) oder Unwille (Johnny) aus dieser reinen Funktion auszubrechen, letztendlich dazu führt, dass sie von der Geschichte verschlungen werden. Psychisch (wie Eve), oder physisch (wie die Männer). Man kann darüber streiten, ob „Die Weibchen“ nun ein radikal feministischer Film ist, in dem alle Männer als Trottel dargestellt und deren Vernichtung auf Gottesanbeterinnen Art als einziger Weg dargestellt wird, die perfekte Gesellschaft zu erschaffen. In dem die Frauen weitaus intelligenter und raffinierter sind als die triebgesteuerten, arroganten, sich ständig selbst überschätzenden Kerle. Typen, die das andere Geschlecht weder für voll nehmen, noch ihm einen eigenen Willen zugestehen, Oder ist er „Die Weibchen“ das genaue Gegenteil? Ein Film, der durch seinen auf die Spitze getriebenen Feminismus eben jenen einen albernen (oder schlimmer noch bedrohlichen) Anstrich gibt? Der andeutet, dass zu viel Freiheit die Frauen in blutrünstige Bestien verwandelt? Brynychs Film lässt durchaus beide Deutungen zu.

Mit „Die Weibchen“ setzt Bildstörung seine Reihe hervorragender Veröffentlichungen nahtlos fort. Das Bild ist mal wieder makellos und besitzt eine angenehme Kinoanmutung. Ist klar, scharf – aber nicht zu Tode gefiltert. So sollen Veröffentlichungen von über 40 Jahre alten Filmen aussehen. Dass das Bild so gut geworden ist, kann man durchaus als kleines (oder gerne auch größeres) Wunder bezeichnen. Da kein Negativ mehr vorlag, mussten 35mm-Vorführkopien abgetastet werden. Diese hatten aber über die Jahre ziemlich gelitten, wie ein Vorher-Nachher-Ausschnitt im bonusbereich zeigt. Laufstreifen, Filmrisse, Kratzer und Farbstiche mussten mühevoll entfernt werden. Das Resultat kann sich mehr als sehen lassen und dürfte – solange kein verschollenes Negativ mehr auftaucht – die bestemögliche Fassung bleiben. Auch am Ton gibt es nichts zu mäkeln. Dieser liegt nur im Original (also Deutsch) ohne Untertitel vor. Auch die Extras wissen zu überzeugen. Hier gibt es Interviews mit Charly Steinberger (13 Minuten), der sich allerdings nicht ganz wohl vor der Kamera zu fühlen scheint, sowie Hauptdarstellerin Uschi Glas (15 Minuten), die hier überraschend sympathisch rüber kommt und recht stolz auf den Film ist. Überhaupt redet sie gerne über ihre alten Filme – und hiermit ist nicht nur „Zur Sache, Schätzchen“ gemeint. Also besonders interessant entpuppt sich auch ein Feature, in dem Domik Graf, Olaf Möller und Rainer Knepperges 40 Minuten lang den „wundersam fröhlichen tschechischen Herrn“ Zbyněk Brynych vorstellen. Ein ganz besodnerer Bonus ist eine bisher unbekannte Langfassung des Filmes, die fast 15 Minuten länger läuft. Ferner gibt es ausser den obligatorischen Bildergalerien, dem Kinotrailer und dem italiensichen Vorspann noch einen Audiokommentar mit Gerd Naumann, Bodo Traber, Christopher Klaese und Matthias Künnecke, sowie ein 32-seitiges Booklet mit einem Text von Frank Noack und einem Interview mit Zbynek Brynych. Jetzt kann man nur noch darauf hoffen, dass sich Bildstörung auch irgendwann der beiden anderen Brynych-Film „O Happy Day“ und „Engel, die ihre Flügel verbrennen“ annimmt. Das wäre dann wie Weihnachten und Ostern an einem Tag.

DVD-Rezension: „Der Student von Prag“

Von , 13. Dezember 2016 16:57

student-von-prag_Prag, um 1820: Balduin (Paul Wegener) ist der „beste Fechter und wildeste Student“ der Stadt. Sein exzessiver Lebensstil hat ihn allerdings in den Bankrott getrieben. So nimmt er das Angebot des geheimnisvollen Scapinelli (John Gottowt) an, diesem für hunderttausend Goldgulden sein Spiegelbild zu verkaufen. Mit dem Geld versucht er dann, die Komtesse Margit Schwarzenberg (Grete Berger) zu erobern. Die in ihn verliebte Lyduschka (Lyda Salmonova) lässt er dafür links liegen. Etwas, was sich bald rächen soll…

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Der Student von Prag“ gehört zu jenen Stummfilmen, die ich wohl am Häufigsten gesehen habe. Dies in unterschiedlichen Fassungen und an den unterschiedlichsten Orten. Zuletzt bei der TV-Ausstrahlung der restaurierten Fassung 2014 auf Arte. Eben jene findet sich auch auf der vorbildlichen Doppel-DVD, die vom Filmmuseum München herausgebracht wurde. Wenn man dem sehr informativen Booklet Glauben schenken kann, sorgte eben diese Fassung auch für viel Streit hinter den Kulissen. So ging Wilfried Kugel, der als Rechteinhaber des Hanns-Heinz-Ewers-Nachlasses offensichtlich maßgeblich an der Restaurierung beteiligt war, im Zorn, da er mit der musikalischen Orchestrierung durch Bernd Thewes, sowie mit der langsameren Laufgeschwindigkeit nicht einverstanden war. Das Ende vom Lied war dann, dass Wilfried Kugel die Aufführung der Arte-Restauration untersagte. Auf der Doppel-DVD finden sich aber nun zwei Versionen des Filmes. Die für Arte hergestellte Fassung mit einem Orchesterscore und einer verlangsamten Laufgeschwindigkeit, sowie die scheinbar von Kugel bevorzugte, etwa schneller Fassung mit einem Piano-Score. Die Musik selber wurde 1913 von Josef Weiss für den Film komponiert. Es handelt sich hierbei also um eine zeitgenössische Originalmusik. Neben diesen beiden Versionen, kann man sich noch die US-amerikanische, nur 41 Minuten dauernde Fassung ansehen, welche bis vor Kurzem noch die einzige auf DVD Verfügbare war.

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Rätselhaft bleibt, wer letztendlich „Der Student von Prag“ inszeniert hat. Während die DVD den Autoren Hanns Heinz Ewers als alleinigen Regisseur aufführt, hatte ich den Film immer seinem Hauptdarsteller Wegener – der später den berühmten „Der Golem, wie er in die Welt kam“ drehen sollte zugeordnet. In manchen Quellen taucht auch der dänische Regisseur Stellan Rye auf. In der IMDb wird er neben Wegener als Co-Regisseur geführt. Wie dem auch sei, „Der Student von Prag“ war ein Meilenstein der Filmgeschichte. Trotz seiner sehr frühen Entstehungszeit.1913 war das Kino ja gerade mal 18 Jahre alt und technisch revolutionäre Filme wie „Die Geburt einer Nation“, der ja als Beginn des modernen Kinos gilt, waren auch noch zwei Jahre entfernt. Natürlich hat „Der Student von Prag“ noch viel Theaterhaftes, vor allem bei den Sets, die sehr eindeutig als Bühnen erkennbar sind. Doch es wurden auch schon viele Außenaufnahmen an Originalschauplätzen im alten Prag verwendet. Auch die Kameratricks sind noch heute höchst beeindruckend. Die Aufnahmen in denen Balduin mit seinem bösen Ich konfrontiert wird, müssen dem Publikum damals ähnlich den Atem haben stocken lassen, wie die revolutionären CGI-Effekten in „Terminator 2“ oder „Jurassic Park“ den Zuschauern Anfang der 90er Jahre.

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Hauptdarsteller Paul Wegener war bei den Dreharbeiten bereits 39 Jahre, was man ihm auch ohne weiteres ansieht. Daher ist er nicht gerade die Idealbesetzung für den jungen Studenten, aber darüber lässt sich leicht hinweg sehen. Nimmt man als Maßstab, dass das Schauspiel der Akteure 1913 noch sehr theatralisch war, nimmt sich Wegener sogar recht zurück. Vor allem, wenn man ihn mit seinem Gegenspieler, den von dem Österreicher John Gottowt gespielten Scapinelli, vergleicht. Gottowt legt seinen Scapinelli allerdings recht übertrieben an und wirkt wie ein fleischgewordener Springteufel, was aber wiederum durchaus zu seiner Rolle passt. Hanns Heinz Ewers Drehbuch ist ganz der schwarzen Romantik verschrieben, in der Nachfolge eines E.T.A. Hoffmann, den der damals enorm erfolgreiche Autor fanatischer Romane (wie „Der Zauberlehrling“ und „Alraune“) auch als Vorbild bezeichnete. Damit kommt ihm auch die Ehre zuteil mit seiner Faust-ischen Geschichte einer der ersten deutschen Horrorfilme, ja Horrorfilme generell, zu sein. Zwar wirkt „Der Student von Prag“ aus heutiger Sicht hier und dort etwas holprig, aber zieht man den Umstand in Betracht, dass sich hier unerfahrene Filmemacher (egal, ob nun Ewers, Wegener oder Rye hauptsächlich Regie führten – alle drei hatten vor 1913 noch keinen Film gedreht) an einem noch sehr jungen Medium versuchten, dann ist das Ergebnis schlichtweg enorm.

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„Der Student von Prag“ ist ein Meilenstein der Filmgeschichte und liegt nun erstmals in seiner vollständigsten und schönsten Form auf DVD vor. Hanns Heinz Ewers Geschichte des Studenten Balduin bedient sich frei bei Elementen aus der „Faust“-Geschichte, ebenso wie bei Edgar Allen Poe und E.T.A. Hoffmann. Das der Film teilweise noch etwas unfertig und unfokussiert wirkt (wie eine für die Handlung nicht wichtige, sehr in die Länge gezogene Fuchsjagd)  liegt daran, dass hier noch mit dem jungen Film experimentiert wurde und die Filmemacher noch über keine keine große Erfahrung mit dem Medium hatten. Die Trickeffekte sind aber auch heute noch überzeugend.

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Die Edition Filmmuseum hat mit der Veröffentlichung von „Der Student von Prag“ mal wieder eine tolle Arbeit hingelegt, die vollkommen Zurecht mit dem Willy-Haas-Preis für bedeutende internationale Publikationen zum deutschsprachigen Film bzw. zum Film in Deutschland prämiert wurde. Wie oben bereits beschrieben, liegt der Film auf zwei Scheiben in drei verschiedenen Versionen vor, die sich in Musik, Vorführgeschwindigkeit (und im Falle der US-Version auch in Länge) unterscheiden. Ferner wurde als Bonus noch der Kurzfilm „Die ideale Gattin“ (16 Minuten) beigelegt, bei dem wiederum Hanns Heinz Ewers zusammen mit einem gewissen Marc Henry Regie führt und ein junger Ernst Lubitsch eine kleine Nebenrolle spielt. Ansonsten spielen in dieser kurzen burlesken Komödie noch Grete Berger und Lyda Salmonova mit, die ja beide auch beim „Student von Prag“ dabei sind. Das informative Booklet enthält u.a Texte von Ewers über das Kino und eine Erklärung zu den unterschiedlichen Versionen. Im CD-Rom-Teil (ja, so etwas gibt es noch) findet man das Originalskript, das Programmheft, Werbematerial und noch einiges mehr.

Blu-ray-Rezension: „Der Bunker“

Von , 13. September 2016 19:20

bunkerDer Student (Pit Bukoswski) quartiert sich als Untermieter bei einer Familie ein, die in einem unterirdischen Bunker irgendwo im Wald lebt. Hier will er sich in Ruhe auf seine wissenschaftliche Arbeit konzentrieren. Doch schnell wird er von dem Vater (David Scheller) und der Mutter (Oona von Maydell) gezwungen, ihren acht-jährigen Sohn Klaus (Daniel Fripan) zu unterrichten, der ihrer Meinung nach hochbegabt ist und auf das Amt des Präsidenten vorbereitet werden muss.

Man soll mit Superlativen ja vorsichtig sein und es vermeiden, Filme vorschnell auf den Olymp zu jubeln oder in die ewige Hölle zu verdammen. Bei Nikias Chryssos‘ „Der Bunker“ fällt mir ersteres schwer, denn diese Film ist für mich in der Tat eine der besten deutschen Produktionen der letzten 2o Jahre. Wobei ich gestehen muss, von den anderen Filmen, die derzeit unter dem sperrigen und gänzlich unsexy klingenden Titel „New German Fantastic Cinema“ in eine Schublade gestopft werden, bisher nur „Der Samurai“ gesehen zu haben. Großen Nachholbedarf habe ich in puncto „Der Nachtmahr“ und vor allem „Wild“.

„Der Samurai“ sah ich vor zwei Jahren auf dem Internationalen Filmfest in Oldenburg. Endlich ein Genre-Film, der sich nicht krampfhaft an US-Vorbildern orientierte und für wenig Geld unbedingt auf ganz großes Hollywood machen will. Der seinen Figuren englische Namen gibt, um international zu wirken. Und vor allem ein Film, der eine ganz eigene Geschichte erzählt, und nicht zum x-ten Mal „Pulp Fiction“ oder irgendeinen 08/5-Zombie-Splatter durchkaut. Das ist es doch, was Filme wie diesen auf internationalen Festivals so erfolgreich macht. Die Menschen möchten gerne interessante, originäre Geschichten sehen, die auch in dem Land, aus dem sie stammen, verwurzelt sind. Nicht irgendwie Kopien, die auf Teufel komm raus amerikanisch wirken sollen und dann doch nur nach Hintertupfingen aussehen. Da ist es doch sehr viel spannender, gleich eine interessante Geschichte aus Hintertupfingen zu erzählen. So, wie es „Der Samurai“ macht.

Womit wir nach diesem etwas längeren Exkurs endlich bei „Der Bunker“ angekommen sind, dessen Hauptdarsteller Pit Bukowski ja auch der „Der Samurai“ war und völlig zu recht gerade sehr gefragt ist. In „Der Bunker“ spielt Pit Bukowski den namenlosen Studenten, der Ruhe und Abgeschiedenheit sucht, um sich seiner Studien widmen zu können. Dabei ähnelt er einer Figur bei Kafka. Was er da eigentlich so fleißig studieren möchte bleibt unklar. Im Grunde besteht seine Arbeit darin, immer wieder wilde Kreise zu kritzeln. Der seltsamen Familie, bei der er unterkommt, steht er eher passiv gegenüber. Kaum einmal kommt es zur Auflehnung, auch wenn er schlecht behandelt wird und das ihm zugewiesene Zimmer so gar nicht dem entspricht, was ihm versprochen wurde. Die grotesken Umstände seines Aufenthalts nimmt hin und versucht sich so gut wie möglich anzupassen. Nicht einmal scheint ihm in den Sinn zu kommen, diesen seltsamen Ort zu verlassen. Hier spürt man Echos von Roman Polanskis wundervoll-verstörendem Meisterwerk „Der Mieter“. Wie dessen Hauptfigur Trelkovsky, möchte auch der Student nicht negativ auffallen und seine Mitbewohner verärgern. Und dies wird von jenen skrupellos ausgenutzt. Beim Kafka-Vergleich sollte man auch nicht vergessen, dass Kafkas Bücher von einer schreienden Komik sind. Zu gerne hätte ich „Der Prozess“ von den Monty Pythons verfilmt gesehen, deren Sketche ja auch oftmals darin bestehen, ein gutgläubiges und gutwilliges Individuum in eine Situation zu stellen, deren Hintergründe, Motivation und Ausmaß es nicht überblickt. Wie der Student in „Der Bunker“.

Neben dem Kafka-Einfluss setzt Regisseur Nikias Chryssos seinen Film aus den unterschiedlichsten, sehr deutschen Zutaten zusammen. In erster Linie ist da natürlich der bürgerliche Muff der 50er Jahre. Aber auch die Gier nach Anerkennung, die starke Betonung des Bildungsbürgerlichen, dieses Schwanken zwischen Selbstmitleid und Größenwahn. All dies verkörpert durch den von David Scheller furios gespielten Vater. Einer in ihrem Bemühen, eine akademische Überlegenheit auszustrahlen, höchst lächerliche Gestalt, in der jedoch ein garstig-unheimlicher Kern lauert. Der Proll, der jederzeit seine manieriert ausgesuchten Worte gegen sehr handfeste Argumente tauschen würde. Jene Szenen, in denen der Vater mit weiß geschminkten Clownsgesicht uralte Witze vorliest, um diese dann mit großer Geste zu analysieren, gehört zu den verstörensten Szenen des Filmes, bei der man sich nicht sicher ist, ob man nun ob der absurden Situation lachen oder sich fürchten soll. Man fühlt sich hier an Tom Hardys grandiosen Auftritt als Bronson im gleichnamigen Film erinnert, der ihn ähnlicher Maske und Stimmung den Entertainer gab, bei dem man wusste, dass er sofort brutal zuschlagen wird, sobald ihm jemand in die Pointe reinquatscht. Auch wenn Pit Bukoski die Hauptrolle und Daniel Fripan die dankbarste Figur spielt: David Scheller ist der heimliche Star des Films.

Weiter verfremdet Chryssos seine Geschichte mit der Figur der Mutter. Dargestellt von der Tochter des Schauspielerpaares Sabine von Maydell und Claude-Oliver Rudolph, Oona von Maydell Sie bringt ein gewisses Horror-Element in den Film. Und dies manifestiert sich nicht nur durch den mit dröhnender, gurgelnder Stimme sprechenden „Heinrich“. Eine nie zuwachsende, klaffende Wunde am Bein der Mutter. Diese Mutter ist die Schreckensgestalt der Über-Mutter, die ihr Kind nicht gehen lassen kann/will. Die es noch säugt, obwohl es bereits lange aus dem Säuglingsalter hinaus ist. Die sich wie ein Gespenst dem Studenten hingibt, um diesen noch enger an ans Haus und damit an ihr Kind zu binden. Das blasse Gesicht der Mutter bezeugt, dass sie den Bunker schon sehr lange nicht mehr verlassen hat. Hier fesselt sie ihr Kind an sich, so dass es nicht nach draußen kann oder erwachsen werden will. Der geniale Trick des Regisseurs ist es dann auch, den acht-jährigen Klaus mit dem 31-jährigen Daniel Fripan zu besetzten. Abgesehen von diesem grandiosen, beunruhigenden Verfremdungseffekt, kann man sich auch nie sicher sein, ob Klaus wirklich erst acht Jahre ist. Als ihn der Student darauf anspricht, dass er älter aussehe, reagiert er mit einem lauten und sehr wütenden „Ich bin acht Jahre!“. Und als er sich am Ende von seiner Familie lösen will, sagt er mit einer ruhigen, dunklen und sehr erwachsen Stimme, die nichts von Klaus‘ hellen Kinderstimme hat: „Mutter, ich gehe jetzt“. Und da ist ja auch diese merkwürdige Szene in den Extras dieser wundervollen Blu-ray. In einem kurzen Zusammenschnitt, der „The Bunker Awakes“ betitelt ist, sieht man am Ende Klaus seine alberne Perücke vom Kopf nehmen und den kahlköpfigen Daniel Fripan direkt in die Kamera schauen. Nun kommt diese Szene im Film nicht vor, doch unterstreicht dieses Bild die undurchschaubare Brüchigkeit der Figur, die möglicherweise wie der Student einen Pakt mit dem Vater und der Mutter eingegangen ist, aus dem sie sich nicht mehr lösen konnte.

Daniel Fripans Darstellung des Klaus ist natürlich das Aushängeschild des Filmes, auch wenn die anderen drei Schauspieler ebenso glänzen und ebenbürtig auf hohem Niveau agieren. Aber auch die brillante Ausstattung (Production Design von Melanie Raab, Kostüme von Henrike Naumann), Leonard Petersens eingängige Musik und die sowohl unauffällige, wie doch in den Details unglaublich effektive Kameraarbeit von Matthias Reisser, machen aus „Der Bunker“ einen sehr sehenswerten Film, bei dem man bei jeder Sichtung neue Details entdeckt. Wir hatten hier in Bremen das große Glück „Der Bunker“ im Rahmen unserer Filmreihe Weird Xperience im Kulturzentrum Lagerhaus zeigen zu dürfen. „Der Bunker“ brachte dann gleich einen ersten Zuschauerrekord, was zeigt, dass es ein Publikum und ein Bedürfnis für diese besonderen Filme abseits der Mainstream-Norm gibt. Auch (oder vielleicht auch gerade?) aus Deutschland. Die Reaktionen auf den Film waren jedenfalls durchweg positiv. Darum kann man allen angehenden Genrefilmern nur zurufen: Kommt heraus aus Eurer Schmollecke. Schreibt kreative Drehbücher. Macht Kino, kein biederes Fernsehen. Kopiert nicht die Kopien, seit die Originale! So wie „Der Bunker“. Der hat auch keine Förderung bekommen, konnte aber trotzdem einen Hans W. Geissendörfer (den großen Unterschätzten des deutschen Films, der so viel mehr ist als nur „Lindenstraße“) dazu bringen, Geld in diesen Film zu investieren. Geht doch.

Mit dem Label „Bildstörung“ hat „Der Bunker“ einen kongenialen Partner gefunden. „Bildstörung“ hat sich mittlerweile mit seinen hochwertigen und extrem spannenden Veröffentlichungen einen Ruf erarbeitet, der in einem Atemzug mit dem amerikanischen Criterion und dem englischen Masters of Cinema genannt werden kann. Liegt der Schwerpunkt meistens auf dem Kino der 70er und 80er Jahre, ist „Der Bunker“ – neben dem indischen „Gandu – Wichser“ – der jüngste Film, der es in die großartige „Drop Out“-Reihe des Labels geschafft hat. Wie die anderen Filmen auch, wird „Der Bunker“ in einer sehr liebevollen und umfangreichen Edition veröffentlicht. Bild und Ton sind dabei makellos. Die Extras bestehen aus einem interessanten Audiokommentar des Regisseurs, einem knapp 2-minütigen Promozusammenschnitt namens „Der Bunker Awakens“, der scheinbar auch nicht verwendetes Material beinhaltet. 20 Minuten Deleted Scenes, teilweise Erweiterungen von aus dem Film bekannten Szenen. 13 Minuten Outtakes, die allerdings wirkliche Outtakes und keine spaßigen Versprecher sind. Herzstück ist das hochspannende und aufschlussreiche 64-minütige „Making Of“, welches auf alle Aspekte der Produktion eingeht und zahlreiche Beteiligte zu Wort kommen lässt. Abgerundet wird das Ganze mit zwei frühen Kurzfilmen des Regisseurs: „Schwarze Erdbeeren“ (20 Minuten) und „Der Großvater“ (15 Minuten). Während ersterer ein typischer Studentenfilm ist, um die große Liebe und Freundschaft ist, fühlt sich „Der Großvater“ schon mehr wie eine stilistische Fingerübung auf dem Weg zum „Bunker“ an. Bildtechnisch auf höchstem Niveau und einfallsreich lässt Nikias Chryssos seinen späteren Hauptdarsteller Pit Bukowski mit dem fantastischen Matthias Habich zusammenprallen. Toll gespielt, wenn auch etwas zu offensichtlich auf die erwartbare Pointe hingesteuert wird. Wer sich dann noch näher mit dem Film beschäftigen möchte, für den liegt noch ein 24-seitiges, hervorragend geschriebenes Booklet von Oliver Nöding bei. Und in der Limited Edition ist noch eine CD mit dem grandiosen Soundtrack von Leonard Petersen enthalten. Alles in allem ein Pflichtkauf.

Blu-ray Rezension: „Die Zärtlichkeit der Wölfe“

Von , 11. Dezember 2015 18:02

zaertlickeitKurz nach dem zweiten Weltkrieg kommt es in Gelsenkirchen immer wieder zu geheimnisvollen Morden an jungen Männern. Täter ist der Kleinkriminelle Fritz Haarmann (Kurt Raab), der junge Stricher in seine Wohnung holt, diese dort ermordet und ihre sterblichen Überreste als Fleisch an die umliegenden Wirtschaften verkauft. Die Polizei kommt dem Mörder allerdings nicht auf die Spur, sondern heuert Haarmann im Gegenteil sogar als Polizeispitzel an. Dies bringt diesen auf die Idee, sich als Polizist auszugeben und am Bahnhof weitere junge Männer in seine Wohnung zu locken. Gleichzeitig leidet er darunter, dass sein Geliebter Hans (Jeff Roden) seit Neustem mit dem Zuhälter Wittowski (Rainer Werner Fassbinder) um die Häuser zieht…

1973 erhielt Ulli Lommel nach „Haytabo„, den er zusammen mit Peter Moland inszenierte,  erstmals die Gelegenheit bei einem Film allein Regie zu führen. Der Schauspieler, der zuvor in neun Fassbinder-Filmen zu Weltruhm gelangt war, sollte diese Erfahrung so gut gefallen, dass er die Schauspielerei kurz danach aufgab und sich ganz auf die Regie konzentrierte. Der Erfolg seines Erstlings „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ in den Arthaus-Kinos der USA, brachte ihn mit Andy Warhol zusammen, der daraufhin in Lommels Filmen „Blank Generation“ und „Cocaine Cowboys“ auftrat. Der finanzielle Erfolg des kleinen Horrorfilms „The Boogeyman“ ließ Lommel dann endgültig in die USA übersiedeln. Seitdem ist sein filmisches Werk kontinuierlich von schlechten Kritiken begleitet, und die meisten seiner Direct-to-video Werke, die sich vornehmlich wie „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ um Serienkiller drehen, haben es dann auch gar nicht mehr in sein Heimatland geschafft. Zweifelhaften Ruhm erlangte er 2004 noch einmal mit dem legendären „Daniel – der Zauberer“, der zeitweilig die IMDb von unten anführte.

Obwohl Lommel zurecht stolz auf „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ ist und von seinem „Meisterwerk“ spricht, so gehört der Film doch vornehmlich seinem Hauptdarsteller Kurt Raab. Dieser hat nicht nur auch das Drehbuch beigesteuert hat, sondern war auch für das Set Design verantwortlich. So prägt Raabs Arbeit in mehr als einer Hinsicht den Film. Raab ist phantastisch als Haarmann. Ein zutiefst trauriger Mensch, der seinen Platz in der Welt nicht finden kann. Der seine Leidenschaften nicht unter Kontrolle hat und einsam bleibt, auch wenn er sich unter seinen Mitmenschen bewegt. Der von seinem geliebten Hans schamlos ausgenutzt und betrogen wird, obwohl er doch die dominante Rolle in der Beziehung spielen möchte. Der glatzköpfige, kleine Mann, der die melancholischen Augen eines Peter Lorre besitzt und doch gleichzeitig in den erschreckendsten Momenten des Filmes an Max Schreck in seiner Rolle des Nosferatu erinnert. Raab lässt seinen Haarmann zwischen der Opfer- und der Täterrolle pendeln. Gleichzeitig entwickelt der Zuschauer ein Gefühl des Mitleids für ihn, welches aber aufgrund seiner abscheulichen Taten nicht zu rechtfertigen ist. Am Ende bleiben zwei Gesichter Raabs im Gedächtnis. Jenes des freundlichen Herren mit den sehnsüchtigen Augen und der aufgerissene, blutverschmierte Mund des Mörders. Raab dominiert den Film so sehr, dass dabei die Auftritte von Rainer Werner Fassbinder oder Brigitte Mira in Vergessenheit geraten.

Die Verbindung zu Fassbinder ist ganz offensichtlich, auch wenn er selber – so Ulli Lommel – nur drei Tage am Set war und sich ansonsten um nichts weiter gekümmert hat. Lommel hat seinem Mentor genug abgeschaut, um den Film in dem für Fassbinder typischen, traumwandlerischen Groove zu halten. Unterstützt wird er dabei von Raab, der ebenfalls ein Fassbinder-Veteran ist und dessen Drehbuch die selbe leicht gestelzte Theater-Sprache der Fassbinder-Film nutzt. Zudem ist Fassbinders Stammcrew mit von der Partie: Neben Raab und der Mira sind dies Fassbinders Geliebter El Hedi ben Salem (der mit der Mira ein Jahr später die Hauptrolle in dem famosen „Angst essen Seele auf“ spielte), Irm Herrman, Margit Carstensen, Ingrid Caven, Rosel Zech und einige mehr. Neu ist der großartige Kameramann Jürgen Jürges, der hier erstmals im Fassbinder-Umfeld die Kamera führte, zuvor aber schon mit dem außergewöhnlichen „Fussball wie noch nie“ für Furore gesorgt hatte. Fassbinder war von Jürges beeindruckender Arbeit bei „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ so begeistert, dass Jürgens anschließend dessen Filme „Angst essen Seele auf“ und „Fontane Effi Briest“ fotografieren durfte.

Die Kameraarbeit ist auch eines der herausragenden Merkmale von „Die Zärtlichkeit der Wölfe“. Sie hält den Film in einem Dämmerzustand, der an die expressionistische Künstlichkeit eines Film noir erinnert. Sie lässt den Film zudem in einem zeitlosen Raum spielen. Zwar hat Lommel die Handlung von den 20er Jahren – in denen der reale Haarmann sein Unwesen trieb – in die direkte Nachkriegszeit verlegt, doch der Film könnte zu jeder Zeit spielen. Allein der amerikanische Polizeichef und der französische Soldat verorten den Film eindeutig am Ende der 40er Jahre. „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ profitiert auch ungemein von der Umgebung, in der der Film spielt. Die heruntergekommenen, verfallenden Häuser eine Gelsenkirchener Vororts und die karge Industrielandschaft spiegeln die Trostlosigkeit der Seelen wieder, die hier umhergehen. Und das von Raab persönlich ausgestattete, enge und staubig Dachkämmerlein in dem Haarmann haust, hinterlässt einen unangenehmen Eindruck, der einen noch lange verfolgt.

„Zärtlichkeit der Wölfe“ ist ganz Kurt Raabs Film. Er prägt dieses melancholische Portrait eines zwanghaften Serienmörders nicht nur durch seine Darstellung der Hauptfigur und das von ihm verfasste Drehbuch, sondern auch in der kongenialen Gestaltung der Drehorte. Mit seiner Hilfe und der großartigen Kameraarbeit des damals noch fast unbekannten Jürgen Jürges hat Ulli Lommel hier tatsächlich ein Regiedebüt geschaffen, welches er zu Recht als sein Meisterwerk bezeichnet.

Die bei CMV erschienene Blu-ray des Filmes kann nur mit den Worten „vorbildlich“ beschrieben werden. Das Bild erstrahlt in einem Glanze, welcher deutlich zeigt, was bei einer guten Restaurierung noch aus altem Filmmaterial herausgeholt werden kann. Auch der Ton ist recht gut und deutlich. Vorbildlich auch die zahlreichen Extras. Hier wurde scheinbar eng mit Ulli Lommel zusammengearbeitet. Dieser führt in einem fast 4-minütigen Intro in den Film ein, steuert den von Uwe Huber moderierten Audiokommentar bei und steht im Zentrum eines 22-minütigen Interviews, in dem er noch mal die wichtigsten Punkte des Audiokommentars in kürzerer Form wiedergibt. Ferner wird Rainer Will in einem 15-minütigen Interview über seine Rolle als eines der sehr jungen Opfer Haarmanns befragt. Damit sind die Extras fast identisch mit der englischen Blu-ray von Arrow. Allerdings fehlt hier das 25-minütige Interview mit Kameramann Jürgen Jürges und vor allem ein 41-minütiger Vortrag von Stephen Thrower über den Film. Schade. Dafür ist auf der CMV-Scheibe noch eine 16-minütigge Doku über den echten Fritz Haarmann, die allerdings den Charme eine YouTube-Tutorials besitzt.

DVD-Rezension: „Die Sex-Abenteuer der drei Musketiere“

Von , 30. Januar 2015 21:22

sexabenteuer der drei musketiereNachdem der junge D’Artagnan (Peter Graf) seine ersten sexuellen Erfahrungen gemacht hat, macht er sich auf den Weg nach Paris, um seinen Kindheitstraum zu erfüllen: Er will Musketier werden. Auf dem Weg dorthin trifft er nicht nur die drei Musketiere, sondern auch einige Damen, die es auf seine Manneskraft abgesehen haben…

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Der Kniff, Sexfilme in einen Kostümfilm-Kontext zu setzen, gerne auch nach einer populären literarischen Vorlage, wird auch heute noch gerne im horizontalem Genre angewendet. Die Vorteile liegen ja auch auf der Hand. Das Publikum freut sich auf frivole Dinge, die scheinbar in den Kontext einer bekannten Geschichte eingebettet sind und damit zumindest einen Hauch von Anspruch haben, und nicht im Hinterhof und Wohnzimmer des Produzenten entstanden sind. Kostüme und alte Schlösser erwecken zudem den Eindruck, dass hier eben etwas mehr Mühe und Sorgfalt aufgewandt wurde, weil ja ein höheres Budget dahinter zu stecken scheint. Darüber hinaus versprechen die bekannten literarischen Figuren eine freche Parodie und eben nicht improvisiertes Gerammel mit Anhalterin und Porsche-Fahrer. Zumindest war so meine Erwartungshaltung bei Erwin C. Dietrichs „Die Sex-Abenteuer der drei Musketiere„. Schließlich ist Dietrich nicht nur ein Routinier in Sachen Sexfilm, sondern hatte im Vorjahr einen der schönsten deutschsprachigen Filme der frühen 70er gedreht – den bitteren Flower-Power-Abgesang „Ich – ein Groupie„, ebenfalls mit Ingrid Steeger, die auch bei den Musektieren als Star geführt wird. Doch „Die Sex-Abenteuer der drei Musketiere“ erweist sich dann doch als ziemlich uninspirierter Fließband-Film, der sich gar nicht erst die Mühe macht, seine Armseligkeit zu verstecken, sondern sie – das immerhin nötigt Respekt ab – ganz offensiv präsentiert.

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Obwohl Ingrid Steeger das große Zugpferd des Filmes ist, be- bzw. entkleidet sie hier nur eine Nebenrolle und verschwindet nach knapp einer halben Stunde aus der Handlung. Davor besteht ihre einzige Aufgabe darin, sich in einem nicht näher definierten Kornfeld mit dem Darsteller des D’Artagnan im Getreide zu wälzen. Einmal darf sie immerhin barbusig den Degen ziehen und in dem einzigen erotischen Momente des Filmes entblättert sie gedankenverloren einen Maiskolben. Viel mehr darf sie hier nicht zeigen, wobei ihr komisches Talent sicherlich einer „echten“ Kostümfilm-Parodie sehr gut zu Gesicht gestanden hätte. Doch „Die Sexabenteuer der drei Musketiere“ ist eben keine Parodie, sondern nur ein platter Sexfilm. Zwar kündigt das Plakat schon an, dass es sich hier um einen Film handelt, der „sehr sehr frei nach Dumas“ gedreht wurde, doch tatsächlich nutzt er keine der Kernelemente der Vorlage, bis auf die Namen der Musketiere und die Tatsache, dass der junge D’Artagnan nach Paris möchte, um dort Musketier zu werden. Aber das war’s auch schon mit Dumas. Dabei hätten sich viele Szenen des berühmten Romans (und seiner vielen Verfilmungen) für eine freizügige Verballhornung angeboten. Hier aber treffen D’Artagnan und die Musketiere nur einmal nach gut nach der Hälfte der Spielzeit aufeinander. Statt aus diesem Zusammentreffen aber etwas zu machen, raten die Musketiere dem jungen D’Artagnan, seine Karriereplanung noch einmal zu überdenken und dann trennen sich die Wege wieder. Lustig ist das alles zu keinem Zeitpunkt.

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Befremdend ist es auch, wie wenig Sorgfalt bei dem Film an den Tag gelegt wurde. Selbst Peter Baumgartner, dessen Kamera so manche Dietrich-Produktion veredelte, scheint an dem Film und seinen Motiven gänzlich desinteressiert zu sein. Im Schnitt folgt ein Anschlussfehler nach dem anderen. In den Szenen, in denen die drei Musketiere hoch zu Pferde gezeigt werden, bemühen sich die Darsteller nur halbherzig einen sanften Trab zu simulieren. Dass sich dabei der immer gleiche Hintergrund keinen Millimeter bewegt, ist zunächst noch amüsant, doch der Scherz (?) hat sich spätestens bei dritten Mal erschöpft. Wenn dann noch aus der Distanz und von hinten echte Reiter gezeigt werden, diese überhaupt keine Ähnlichkeit mit den Musketieren haben, lockt dies nur noch ein müdes Lächeln hervor. Überhaupt scheinen einem aus den Kostümen unserer drei Freunde förmlich die Motten entgegen zu fliegen, und die übertriebenen Perücken erwecken auch zu keinem Zeitpunkt die Illusion, es könnte sich um echtes Haupthaar handeln. Auch D’Artagnans Kleidung macht keinen sonderlich gepflegten Eindruck, aber vielleicht war das ja so in der Zeit Louis XIII und Dietrich ist hier nur ein unerbittlicher Realist.

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In dem auf der DVD enthaltenen Interview mit Raphael Britten und Erwin C. Dietrich, verraten die beiden, dass es bei den Dietrich-Filmen zumeist kein Drehbuch gab und quasi jeden Tag auf’s Neue überlegt wurde, was man so filmt. Dies ist in „Die Sex-Abenteuer der drei Musketiere“ ganz besonders evident, da sich nicht einmal die Mühe gemacht wird, so etwas wie eine Geschichte zu erzählen oder zumindest einen Spannungsbogen zu generieren. Fast eine Stunde lang besteht der Film aus Szenen, in der D’Artagnan es bei Tage mit der Steeger und in der Nacht mit einer unbekannten Dunkelhaarigen treibt, während die drei Musketiere in einem Lokal sitzen und sich Zoten erzählen. Diese drehen sich um irgendwelche Klosterbrüder und ihre neckischen Spiele, was aber nur mäßig amüsant ist. Später kommt es zu einer unangenehmen Szene, in der die drei Musketiere das Schloss des Grafen de Voyeur (haha) stürmen, den Grafen unter großem Gelächter umbringen und sich dann mit dessen Frau verlustigen, die das aber ganz toll findet, da ihre Ehemann aufgrund einer Verletzung seinen ehelichen Pflichten nicht mehr nachkommen konnte. Wie hier Mord und Vergewaltigung als fröhlicher Witz inszeniert werden, stößt doch etwas sauer auf.

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Außer Ingrid Steeger tauchen im Film keine bekannten Namen auf. Hauptdarsteller Peter Graf (nicht verwandt mit dem Steffi-Vater) verschwand nach dem Film spurlos von der Bildfläche. Warum sein D’Artagnan eine trotz des angeblich so jungen Alters bereits eine weiße Strähne im Haupthaar trägt, bleibt unbeantwortet. Dass Herr Graf untenherum allerdings sehr gut ausgestattet war, wird überraschenderweise in einigen Szenen sehr offensichtlich. Die Musketiere werden von Achim Hammer, Jürg Coray und Thomas Larisch gegeben, die ebenfalls keinen Eindruck hinterlassen. In einer Szene jedoch wird Achim Hammer von einer der Damen derartig der Rücken zerkratzt, dass man zumindest festhalten muss, dass er mit großem körperlichen Einsatz dabei war. Was die holde Weiblichkeit angeht so bleibt – bis auf die Steeger – auch niemand im positiv im Gedächtnis oder fällt durch besonders große Attraktivität auf. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

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„Die Sex-Abenteuer der drei Musketiere“ ist ein ziemlich öder Film, ohne eine wirkliche Geschichte, Witz und erst recht nicht Erotik. Einziges Highlight bleiben die spärlichen Auftritte von Ingrid Steeger in der ersten Hälfte des Filmes. Auffällig ist insbesondere die lieblos-schludrige Art, mit der der Film hergestellt wurde. Leider eine Enttäuschung.

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Die in der „New Ingrid Steeger Collection“ erschienene DVD bietet ein fehlerfreies Bild, welches allerdings auch nicht mehr aus dem gräulich-blass wirkenden Filmmaterial herausholen kann. Der Film wirkt durch die Bank weg billig. Das Interessanteste an der DVD ist das Extra. Ein Interview mit Raphael Britten und Erwin C. Dietrich, in dem beide einige interessante Anekdoten zu den gemeinsamen Filmen zum Besten geben. Zudem beantwortet es auch eine Frage, die ich selber einmal für eine Einführung in den Film „Ich – ein Groupie“ erfolglos recherchiert habe: „Wer ist der Typ der die nackte Ingrid Steeger bei einer schwarzen Messe umbringt?“. Jetzt weiß ich es endlich, dass es Raphael Britten ist und freue mich, dass sich das andere Leute auch gefragt habe. Des weiteren gibt es noch eine Fotogalerie und es wurde ein italienisches Sexmagazin namens „Cinestop“ abgefilmt, in dem der Film als schwarz-weißer Foto-Comic erschienen war.

Blu-ray-Rezension: “Der Fan”

Von , 9. Dezember 2014 21:31

der fanDie 16-jährige Schülerin Simone (Désirée Nosbusch) hat sich hoffnungslos in den Popstar „R“ (Bodo Steiger) verliebt. Sie gibt sich romantischen Tagträumen hin, schreibt ihm leidenschaftliche Briefe und vernachlässigt die Schule, um im Postamt auf „R“s Antwort zu warten. Nach einem Streit mit ihren Eltern, reißt sie aus und schlägt sich per Anhalter nach München durch, wo sie vor einem Fernsehstudio auf ihr Idol wartet. Tatsächlich wird „R“ auf sie aufmerksam, woraufhin sie in Ohnmacht fällt. „R“ nimmt sie mit ins Studio und kümmert sich um sie. Anschließend fahren sie gemeinsam zu ihm nach Hause. Nachdem sie Sex hatten, will „R“ sie allein zurücklassen, was bei Simone zu einer fatalen Kurzschlussreaktion führt…

Ich kann mich noch sehr gut an den „Skandal“ erinnern, als Eckhart Schmidts „Der Fan“ 1982 in die Kinos kam. Zwar zählte ich nie zu den Käufern der „Bravo“, aber die lag natürlich bei meinen Klassenkameraden herum. Und da war „Der Fan“ DAS Thema. Die beliebte und nette Désirée Nosbusch, damals zarte 16, die auf dem ZDF die Musiksendung „Musicbox“ moderierte, trat in diesem Film nackt (!) auf und tat schlimme Dinge. Natürlich wurde dies in dem Jugendmagazin ausgeschlachtet, und der Film prominent zusammen mit eindeutigen Fotos präsentiert (wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, gleich neben Charles Bands Horror-Film „Parasite“ mit der jungen Demi Moore). Dass die Nosbusch dann auch noch gerichtlich gegen den Film vorging, verstärkte nur noch seine „Verruchtheit“ und verlieh ihm legendäre Züge. Natürlich durfte ich mit süßen 12 Jahren gar nicht erst darüber nachdenken, ob ich dieses Werk im Kino zu sehen bekomme. Und in den folgenden Jahren verselbständigte sich die Fantasie, was in diesem oftmals als „Horrorfilm“ deklarierten Streifen, passiert. Umso überraschender, dass es ganze 32 Jahre dauern sollte, bis ich ihn dann endlich zu Gesicht bekam.

In der Rückschau wirkt der Film – trotz der noch immer bestehenden FSK-18-Freigabe – weitaus harmloser als damals. Zumal heutzutage die Erinnerungen an die junge, unschuldig reine Désirée Nosbusch von damals verblasst ist, und ihre Besetzung keine Sensation mehr darstellt. Auch der Tötungsakt und die darauf folgenden Taten am toten Leib des Popstars „R“, sind für heutige Verhältnisse sehr zurückzuhalten gefilmt und weit von eventuellen Splatter-Exzessen entfernt, auch wenn die Story dafür Potential geboten hätte. Eckhart Schmidt geht es auch gar  nicht so sehr darum, das Publikum zu schocken. Auch wenn dies sicherlich der Publicity damals sehr zuträglich war.

Vielmehr zeichnet er das Bild einer krankhaften Obsession nach. Die blinde Besessenheit nach einer Leitfigur, in die der Fan seine Bedürfnisse, Sehnsüchte und Träume projizieren kann. Dadurch die reale Figur „R“ zu einer leeren Hülle macht, die ganz und gar mit den romantischen Ideen des Fans gefüllt wird, der ihn damit  vollkommen für sich vereinnahmt. Dies verquickt Schmidt in zahlreichen Sequenzen auch immer wieder mit Symbolen des dritten Reiches. „R“ tritt in an die SA gemahnende Uniformen auf, seine Logo erinnert an die SS-Runen. Fan-Geschrei wird mit „Heil“-Rufen gemischt und wenn „R“ schließlich mit seinem Fan schläft, geschieht dies vor dem Hintergrund rot-weiß-schwarzer Fahnen.

Die Figur „R“, in der Simone nur Gutes und Edles sieht, hat mit dem Menschen „R“ natürlich nichts mehr zu tun, auch wenn er mit den Erwartungen seiner Fans spielt. Fast hört man da im Hintergrund ein „Wenn das der Führer wüsste“ flüstern. Gegenüber Simone bemüht sich „R“, dem Idealbild zu entsprechen, um am Ende seine Interessen – Sex mit dem attraktiven Teenie – durchsetzen zu können. Doch Schmidt zeigt auch, dass dies „R“ eben nur ein Mensch ist, und bei weitem nicht das gottgleiche, gütige und liebevolle Wesen, welches Simone ihn ihm sieht. Seinen Mitarbeitern und Kollegen gegenüber verhält sich „R“ nämlich so, wie man es von einem jungen Menschen, der viel zu früh und viel zu schnell zum Star aufgestiegen ist, erwarten kann: Egoistisch und rücksichtslos. Als Simones Wahrnehmung von „R“ und dessen wahres Wesen nicht mehr übereinstimmen, kommt es zur Katastrophe. Nur indem Simone die Person „R“ auslöscht, kann ihr Bild von „R“ weiterleben.

Dass der Fan sich dann das Idol wortwörtlich einverleibt, ist eine überdeutliche und drastische Metapher, die dem Film seine Bekanntheit sicherte, aber im Grunde etwas dick aufgetragen wirkt. Der Fan hat den Menschen hinter der Fassade getilgt und sich damit das Bild vollkommen angeeignet, es zu seinem Besitz gemacht. „Der Fan“ ist teilweise eine etwas kopflastig-konstruierte Angelegenheit, die echte Emotionen zugunsten der Allegorie vernachlässigt. Zudem wird offensichtlich, dass Schmidt nicht vom Film, sondern der Malerei, der Dichtung und dem Theater kommt, denn der Film wirkt über weite Strecken intellektuell unterkühlt und statisch. Die Dialoge werden von der Nosbusch und Bodo Steiger, in der Rolle des „R“, eher aufgesagt als gesprochen.

In einem Interview, welches auf der CMV-Blu-ray zu finden ist, erzählt Schmidt davon, dass er – um die FSK milde zu stimmen – einen Schluss gedreht hätte, in der sich alles als Traum der Simone entpuppt. Dieses Ende hätten er uns seine Mitstreiter aber gehasst, so dass er vor der Premiere persönlich in die Kinos gefahren sei, um dieses Ende wieder aus der Kinorolle heraus zu scheiden. Interessanterweise finden sich aber im Film trotz allem zahlreiche Hinweise darauf, dass die zweite Hälfte, in der Simone „R“ trifft, sich tatsächlich nur im Kopf des emotional überlasteten Fans abspielt. So ist die erste Hälfte immer wieder von Szene durchzogen, in denen Simone sich zusammenphantasiert, was mit ihren Briefen an „R“ passiert. Solche Fantasie-Szenen kommen in der zweiten Hälfte dann nicht mehr vor. In ihren Fantasien tritt auch immer eine Frau auf, die sich dann später in der Realität als „R“s Sekretärin entpuppt und bei ihrem Zusammentreffen mit Simone, diese scheinbar wiedererkennt. Auch wirkt die Szene, in der „R“ das erste Mal auf Simone zu geht und diese daraufhin ohnmächtig wird, sehr wie eine Jung-Mädchen-Fantasie und weniger wie etwas, was in der Realität passieren könnte. Und schließlich schläft Simone vor der Begegnung mit „R“ tatsächlich ein. Bevor sie dann plötzlich in der Menge steht, hat sie einen merkwürdigen Traum, auf den nicht weiter eingegangen wird. Dieser könnte durchaus den Bruch zwischen Realität und Traum darstellen.

Weder Désirée Nosbusch, noch Bodo Steiger, verfügten über große Schauspielerfahrung. Beim Schauspiel der Nosbusch, scheint man manchmal die Regie-Anweisungen Schmidts zu hören. Ihre etwas hölzerne Darstellung passt allerdings zu der jugendlichen Unsicherheit und Simones Verlorenheit. Bodo Steiger war zum Zeitpunkt des Filmes Sänger der Gruppe „Rheingold“, die auch den vorzüglichen Soundtrack zu „Der Fan“ ablieferten. „Rheingold“ gehörte zu den Neue-Deutsche-Welle-Gruppe, die eine neue, deutschsprachige „Wave“-Musik generierten, bevor die „Neue Deutsche Welle“ mit Aufkommen von Bands wie Geier Sturzflug oder Frl. Menke hoffnungslos „verschlagert“ und erbarmungslos kommerzialisiert wurden. Vielleicht spielte auch seine Ähnlichkeit mit „Joy Division“-Sänger Ian Curtis, der ja selber ein tödliches Problem mit dem Star-sein hatte, bei der Besetzung eine Rolle. An Joy Division muss man auch bei Rheingolds Musik und Bodo Steigers Gesang denken, die stark von der britischen Band beeinflusst klingt.

„Der Fan“ ist ein interessantes, intellektuelles Gedankenspiel über die Beziehung zwischen Fan und Star. Die unterkühlt-kopflastige Herangehensweise, das etwas hölzerne Spiel der beiden Protagonisten und der deutliche Allegorie-Charakter distanziert den Zuschauer allerdings vom Geschehen. Die möglicherweise von Schmidt beabsichtige Schockwirkung der „Skandalszenen“ wird dadurch unterlaufen.

Die neue Blu-ray von CMV hat eine fantastische Bildqualität und kann auch durch einen klaren Ton beeindrucken. Im Gegensatz zu früheren DVD-Veröffentlichungen ist das Bild nicht mehr im Format 4:3, sondern wurde für das Format 16:9 angepasst. Ob dies das korrekte Format ist, sei dahingestellt. Oftmals scheint zumindest oben und unten ein kleines Stück zu fehlen. Ebenfalls im Vergleich zu den alten DVDs zu Marketing bzw. Starlight, finden sich auf der Blu-ray spannende Extras, wie das oben bereits angesprochene Interview mit Eckhart Schmidt (20 Minuten), einem Auszug aus dem Originaldrehbuch und Bilder aus dem damals zum Film erschienenen Buch. Von daher ist die Blu-ray den alten Veröffentlichungen klar vorzuziehen.

DVD-Rezension: “Ein Sarg aus Hongkong”

Von , 21. November 2014 18:27

Sarg aus HongkongAls der Privatdetektiv Nelson Ryan (Heinz Drache) eines Abends nach Hause kommt, wartet dort eine unangenehme Überraschung in Form einer attraktiven, aber toten asiatischen Frau auf ihn. Schon bald taucht der Schwiegervater der Dame mitsamt Sekretärin auf und bittet Ryan, die mysteriösen Umstände des Todes seines Sohnes zu untersuchen. Ryan sagt zu und macht sich mit seinem Kumpel Bob Tooly (Ralf Wolter) auf den Weg nach Hongkong, wo der Verstorbene zuletzt gelebt hat. Dort geraten beide prompt in tödliche Gefahr…

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Ein Sarg aus Hongkong“ ist eine Co-Produktion zwischen Erwin C. Dietrich und Wolf C. Hartwig. Dies ist von daher bemerkenswert, als die beiden nur wenige Jahre später die größten Konkurrenten auf dem sich explosionsartig entwickelnden Sexfilm-Markt werden sollten. Erwin C. Dietrich mit Filmen wie „Mädchen, die am Wege liegen“ oder „Blutjunge Verführerinnen“, Hartwig mit seinen Report-Filmen, die 1970 mit dem „Schulmädchen-Report“ begannen. In „Die Stewardessen“ hat Dietrich auch einen schönen Seitenhieb auf den Kollegen eingebaut (siehe in der Besprechung des Filmes hier). Ursprünglich sollte Dietrich den Film für die Constantin allein produzieren, kam aber vor Ort in Hongkong mit der Crew des Filmes gar nicht zurecht und wurde dann gegen Hartwig ausgetauscht, der bereits vorher mit dem Regisseur Manfred R. Köhler zusammengearbeitet hatte. Allerdings war Köhler zuvor nur als Syncho-Regisseur und Drehbuchautor aufgefallen. Und sieht man sein Regiedebüt „Ein Sarg aus Hongkong“, merkt man leider deutlich, dass der Regiestuhl nicht unbedingt das passenden Mobiliar für ihn war.

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Mit „Ein Sarg aus Hongkong“ versuchten die Macher gleich zwei populäre Wellen des deutschen Unterhaltungskinos der frühen 60er abzugreifen. Einmal natürlich die zu diesem Zeitpunkt immens erfolgreichen Edgar-Wallace-Filme und andererseits die Abenteuer- und Spionagefilme, die im exotischen Asien – gerne auch in Hongkong – spielten. Gerade Wolf C. Hartwig hatte bereits eine ganze Reihe dieser „Asien-Reißer“ erstellt, wie „Heißer Hafen Hongkong“, „Weiße Fracht für Hongkong“ oder „Die Diamantenhölle am Mekong“. Wie bei den Wallace-Filmen wurde auch bei „Ein Sarg aus Hongkong“ ein populärer Autor prominent auf dem Filmplakat erwähnt. In diesem Falle James Hadley Chase, ein britischer Autor, der es auf fast 100 Romane brachte. Hauptdarsteller Heinz Drache ist der offensichtlichste Bezug zur Wallace-Reihe. Hatte er doch dort bereits die Hauptrolle in „Das indische Tuch“ und „Der Hexer“ gespielt. In „Ein Sarg als Hongkong“ ist er allerdings ein Schwachpunkt. Vielleicht liegt es nur an einer unvorteilhaften Ausleuchtung, aber er wirkt hier wächsern und aufgequollen. So gar nicht der smarte und fesche Hans Dampf, wie ihn das Drehbuch vorgibt. Hinzu kommt, dass Drache als Nelson Ryan nicht gerade sympathisch wirkt. Eher arrogant und ein Tick zu selbstverliebt.

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Erstaunlich – oder in Hinblick auf die beiden Produzenten vielleicht auch gerade nicht – ist der für 1964 recht offene Umgang mit Sex und Prostitution. Während in den Wallace-Filmen die Prostituierten erst einmal als Bar-Damen bezeichnet werden, ist hier völlig klar, dass sie Sex gegen Geld anbieten. Höhepunkt dürfte eine Speisekarte sein, aus der die Herren die passende Dame auswählen können. Aber der Film spielt ja auch in Hongkong und nicht in London, und dort ist alles etwas exotischer, bedrohlicher und „unzivilisierter“. Denn wie so oft, werden auch hier wieder alle rassistischen Klischees vom verschlagenen Asiaten und seinen „merkwürdigen“ Gebräuchen hervorgeholt, denen die überlegenen und „zivilisierten“ Westeuropäer gegenüberstehen. So stellte man sich in Deutschland eben den unbekannten – und damit auch ein wenig bedrohlichen – asiatischen Raum vor und dies wurde dann auch – illustriert von bunten Urlaubsbildern – bedient. Mit dem netten Nebeneffekt, dass man auch die sittlichen Grenzen etwas verschieben konnte.

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Manfred R. Köhler hat zu „Ein Sarg in Hongkong“ auch das Drehbuch geschrieben. Leider ist dieses ebenso unbefriedigend, wie seine Inszenierung. Für das Drehbuch wurde viele mittlerweile aus den Wallace-Filmen und ihren Epigonen bekannte Situationen variiert. Der maskierte Bösewicht, der lustige Sidekick des coolen Helden, die exotischen Tötungsmethoden. Dazwischen gelingt es Köhler aber nicht, eine halbwegs spannende Handlung zu bauen. Vielmehr springt diese recht unmotiviert von einem Ort zu anderen, und schert sich dabei nur wenig um einen gelungenen Spannungsbogen. Die Londoner Geschichte mit der Leiche in Ryans Wohnung wird nicht wieder aufgegriffen und alle dort auftauchenden Figuren verschwinden auf Nimmerwiedersehen aus der Handlung. Noch schlimmer: Die Auflösung der Londoner Episode wird am Ende recht lustlos und vollkommen unfilmisch erzählt, aber nicht gezeigt. Ähnlich sieht es mit der Lee-Lai-Episode aus. Nachdem Lee Lai – die immerhin als „love interest“ des Helden aufgebaut wird – verschwunden ist, gibt es auf einmal ein riesiges Loch in der Geschichte, welches weder gefüllt und erklärt wird. Plötzlich fährt Ryan mit Stella durch die Gegend, ohne dass darauf Bezug genommen wird, wie sie sich kennengelernt haben. Die Szene, in der sie ihn auf einen Berg lockt, wo zwei Killer auf ihn warten, ist auch ebenso sinnlos und überflüssig. Da sie zwar etwas Action zeigt, aber keinerlei Konsequenzen für die Handlung hat.

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Immerhin ist der Film tatsächlich vor Ort gedreht worden, was durch schöne authentische Bilder aus dem Hongkong der frühen 60er Jahre belegt wird, in denen sich die deutschen Hauptdarsteller tummeln dürfen. Neben diesen Schauwerten hat der Film aber leider nicht sonderlich viel zu bieten. Alles wirkt hölzern und wenig enthusiastisch. Als hätten die Beteiligten so gänzlich die Lust an dem Film verloren. Selbst die Musik von Karl Barthel und Fred Strittmatter, die immer wieder mit lauten Fanfaren vermeintliche Höhepunkte unterstreicht, wirkt aufdringlich und wenig einfallsreich. Die Identität des Schurken dürfte der erprobte Krimi-Gucker eh schon erraten haben, bevor die Figur überhaupt das erste Mal auftritt. Da helfen auch Ralf Wolters müde Sprüche nicht mehr weiter. Immerhin bieten die attraktiven Damen – allen voran Elga Andersen – und der fesche Pierre Richard dem männlichen, wie weiblichen Zuschauer etwas für’s Auge. Und die Filmnerds können neben dem deutliche gealterten Willy Birgel, noch den Namen Walter Boos in den Credits entdecken, der hier für den Schnitt verantwortlich war und in den 70ern dann für Wolf C. Hartwig einig Schulmädchen-Episoden, sowie später auch die deutschen „Exzorzist“-Variante  „Magdalena, vom Teufel besessen“  inszenierte.

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„Ein Sarg aus Hongkong“ ist leider eine Edgar-Wallace-Rip-Off der schnarchigen Art, welches zu gleichen Teilen unter einem formelhaften, wenige aufregenden und vor allem lückenhaftem Drehbuch, wie einer uninspiriert-hölzernen Regie leidet. Schade, besonders wenn man bedenkt, dass die beiden legendären Produzenten des Filmes auch für ganz andere, aufregendere Filme verantwortlich waren.

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Das Bild der Ascot-Elite-DVD, die im Rahmen der „Cinema Treasures“-Reihe herausgekommen ist, kann man als guten Durchschnitt bezeichnen. Hier und dort macht sich ein leichter Hauch Rotstich bemerkbar, der aber nicht weiter auffällt. Ansonsten ist das Bild recht klar und farbintensiv. Extras gibt es – bis auf eine Bildergalerie – keine, dafür liegt der DVD ein hübscher Mini-Nachdruck des damaligen Programmheftes bei. Eine wirklich schöne und charmante Idee. Bei „Filmjuwelen“ ist der Film ebenfalls kürzlich erschienen. Angeblich in einer 7 Minuten längeren Fassung. Aber ob diese den Film noch raus reißen oder noch zäher machen, ist mir nicht bekannt.

Bericht vom 21. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2

Von , 27. September 2014 19:30

oldenburg2Der zweite Tag in Oldenburg begann mit einer halbstündigen Verspätung, da mein freundlicher Fahrer noch aufgehalten worden war. Immerhin waren wir aber so pünktlich in Oldenburg, dass wir noch schnell in die gemütliche VIP-Lounge schauen konnte, wo wir zwei renommierte Filmkritiker trafen. Als ich erwähnte, dass ich am heutigen Tage noch den norwegisch-deutschen Film „Zwei Leben“ schauen wollte, stieß dies bei einem der Beiden auf Skepsis, da er den Film – der aus 2012 stammte – schon an anderer Stelle gesehen hatte.

Wie dem auch sei, für mich stand jetzt erst einmal der griechische Spielfilm „Luton“ auf dem Programm. Zwar war ich nach dem weinerlichen „The Boy Eating the Bird’s Food“ griechischen Independent-Filmen gegenüber skeptisch eingestellt, doch da der Film einerseits als „Psycho-Thriller“ angekündigt war, und andererseits der Produzent Yorgos Tsourgiannis auch den überall hochgelobten „Dogtooth“ gemacht hatte, hatte ich meine Bedenken zerstreut. Zudem gab es in dieser Zeitschiene auch keine attraktiveren Alternativen.

Luton – „Luton“ ist ein Film, der im Nachhinein besser ist, als während der Vorführung. Kennt man die finale Wendung, macht es durchaus Sinn, den Film so zu drehen, wie es Regisseur Michalis Konstantatos getan hat. Nur ist es während des Betrachtens des Filmes ein hartes Stück Arbeit und eine Herausforderung, nicht einfach weg zu nicken.

Die ersten knapp 90 Minuten sehen wir drei Menschen in ihrem ausgesprochen öden und tristen Leben. Da ist zunächst eine junge Frau, die beruflich scheinbar erfolgreich ist – wobei nie wirklich ersichtlich wird, was sie da eigentlich macht – , Probleme mit ihrem Partner hat und gerne bei der Anprobe in der Ankleideraum eines edlen Kaufhauses masturbiert. Dann ist da ein junger Mann, Weiter lesen 'Bericht vom 21. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2'»

VoD-Rezension: „Die Muse“

Von , 29. Juli 2014 19:20

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Der Schriftsteller Fischer (Thomas Limpinsel) entführt die junge Katja (Henriette Müller) und sperrt sie in eine Gefängniszelle, die er im Keller seines Hauses installiert hat. Katja soll ihm als Inspiration für sein neues Buch dienen, von dem er der seinen endgültigen Durchbruch und unsterblichen Ruhm als bedeutender Autor erwartet. Obwohl Fischer immer wieder ruhig betont, dass er Katja nichts antun wolle, agiert er zusehends unberechenbarer…

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Die Österreicher und ihre Keller. Schaurige Geschichten, die einen sofort an den Fall Kampusch oder Fritzl denken lassen. „Die Muse“ wurde zwar in München gedreht und die Darsteller kommen aus Deutschland, aber der Regisseur und Drehbuchautor Christian Genzel lebt in Salzburg, wo er studiert hat und mit einer Arbeit über die Filme von John Carpenter abschloss. Die schreckliche Drastik dieser realen Geschichten erreicht sein Langfilmdebüt von 2011, „Die Muse“, zwar nicht – einen soliden Psychothriller hat er trotzdem geschaffen. Genzel inszeniert nicht nur Filme, sondern schreibt auch drüber. So ist er als freier Autor u.a. für die Salzburger Nachrichten, Mann beißt Film und seinen eigenen Blog „Wilsons Dachboden“, auf dem er auch häufig wunderbar obskure Filme, die in den 80ern in den unteren Videothekenregalen standen, bespricht. Das macht ihn sympathisch und es überrascht auch gleichzeitig, denn sein Thriller „Die Muse“ macht keinerlei Anstalten, diesen Werken in irgendeiner Weise Hommage zu zollen. Im Gegenteil. „Die Muse“ verzichtet fast gänzlich auf alle exploitiven Elemente und ist für sein Thema auch überaus züchtig. Zu keinem Zeitpunkt kommt es zu sexuellen Spannungen zwischen den beiden Protagonisten. Zwar wird kurz angedeutet, dass sich der Entführer auch mehr mit vorstellen könnte, doch dies wird weder verbalisiert, noch in die Handlung eingefügt.

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„Die Muse“ beginnt mit einer Montage, in welcher der Antagonist Fischer die Entführung der Katja vorbereitet. Dann ist man schon mitten drin in der Handlung. Es wäre interessant zu erfahren, ob der Film chronologisch gedreht wurde. Bis auf die Szenen mit dem Dealer, der Fischer bedroht, bietet sich dies ja bei nur einem Schauplatz und zwei Darstellern an. Möglich ist es, denn der Film beginnt zunächst etwas rumpelig. Hier und dort werden unnötige Detailaufnahmen zwischen geschnitten, die den Fluss etwas hemmen. Die Dialoge klingen noch etwas hölzern und Hauptdarstellerin Henriette Müller deklamiert mehr, als dass sie spricht. Was aber auch an den etwas unglücklichen Sätzen liegen kann, die sie aufzusagen hat. Für den Entführer Fischer passen diese Worte mit ihrem pseudo-philosophischen Einschlag wie die Faust aufs Auge. Katjas Entgegnungen besitzen aber den selben Ton, was zu einer gerade frische Entführten, die keine Ahnung hat, was ihr Peiniger mit ihr vorhat, und die scheinbar auch aus einfachen Verhältnissen kommen soll, leider gar nicht passt. Gewöhnungsbedürftig ist auch einmal wieder der brillante HD-Look, der zwar glasklare Bilder liefert, aber eben keinerlei Tiefenschärfe und dadurch eben kein „Film-Feeling“ aufkommen lassen will. Dies ist aber ein Problem, welches so gut wie alle Low-Budget-Produktionen plagt.

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Bleibt man aber daran, wird man schnell belohnt. Genzel gelingt es, den Zuschauer langsam, aber sicher, in seinen Film hineinzuziehen. Die allzu betonte Aussprache seiner Hauptdarstellerin irritiert zwar weiterhin, aber man muss Henriette Müller eine starke physische Präsenz bescheinigen. So ist sie immer dann am Besten, wenn sie nicht sprechen, sondern einfach nur präsent sein muss. Dann sind es die kleinen Blicke, die Verbissenheit, mit der sie ihre kleinen Übungen durchzieht, und vor allem das Finale, in dem sie dann wirklich gefordert wird und zeigen kann, was in ihr steckt. Irgendwann fängt man an, sich wirklich für sie und ihr Schicksal zu interessieren. Dies ist dann der Moment, in dem es Genzel gelungen ist, den Zuschauer trotz einiger kleiner Schwächen an seinen Film zu fesseln. Das größte Pfund, mit dem „Die Muse“ wuchern kann, ist aber der Antagonist Fischer, der von einem brillanten Thomas Limpinsel verkörpert wird. Limpinsel hat ein beeindruckend sanfte, aber trotzdem kräftige Stimme, die er versteht eindrucksvoll einzusetzen. Sie hat auch einen hohen Wiedererkennungswert und ich frage mich, ob ich sie nicht schon bei Synchronarbeiten oder Hörspielen vernommen habe. Man nimmt ihm jederzeit den Psychopathen ab, der sich selber gar nicht als Bösewicht sieht, sondern vielmehr als Helden der Geschichte, und der scheinbar vernünftig und ruhig argumentiert, weshalb das, war er tut, eigentlich gar kein Unrecht ist.

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Der Essener Limpinsel mag kein berühmter Name sein, er ist allerdings seit Ende der 90er in zahlreichen TV-Serien und Filmen aktiv, wo er oftmals Nebenrollen übernahm. Auch in großen Kinoproduktionen wie „Der Untergang“ war er dabei, doch sein Hauptspielfeld scheint das Theater zu sein. Seine große Erfahrung merkt man hier jederzeit. Sein Fischer ist sympathisch, scheinbar rational und unheimlich zugleich. Unberechenbar und doch von einer tiefen Traurigkeit. Ein Feigling und Versager, ebenso wie ein durchtriebener, cleverer Täter. Sehr gelungen ist die Art und Weise, wie langsam das Bild dieses Mannes zusammengesetzt wird, kleine Hinweise hier und dort seine Lügen entlarven, und das Psychogramm eines getriebenen Verlierers der Leistungsgesellschaft offenlegen. Jemand, der ebenso „unwichtig“ und „vergessen“ ist, wie sein Opfer, und verzweifelt versucht seinem elenden Leben etwas Bedeutung zu geben, und sich über das eigene Mittelmaß zu erheben. Weil eben die Medien das Bild vermitteln, dass jeder erfolgreich ist. Selbst die sozial zurückgebliebenen. DSDS lässt grüßen. Der Weg zu Erfolg und Anerkennung ist natürlich sein „Werk“. Eine fixe Idee, mit dem er sein „Recht“ auf Ruhm, Geld und Unsterblichkeit einfordert.

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Fischer ist ein solch interessanter und lebensnaher Charakter, dass man einfach mehr von ihm sehen möchte und ihm fast schon die Daumen drückt, dass sein irrsinniger Plan gelingt. Und je mehr Fischer in seinen Bann zieht, umso sicherer, scheinen sich auch Regie und Kameraführung zu fühlen. War der Beginn noch recht statisch und von typischer Filmschuloptik geprägt, wird im Verlaufe des Filmes mehr gewagt. Es werden die ungewöhnlichen Einstellungen und Auflösungen gesucht. Auch die anfangs monierten Zwischenschnitten von Detailaufnahmen entfallen völlig. Der Film beginnt zu gleiten und eh man sich versieht, biegt er schon in die Zielgrade ein. Natürlich gäbe es noch Kleinigkeiten zu bekritteln. So sind einige Entwicklungen – wie die scheiternden Fluchtversuche Katjas – leicht vorhersehbar, und aus der Figur der Dealers hätte mehr gemacht werden können. Ebenso fehlt eine gewisse Garstigkeit und Schmutz. Solche Elemente werden zwar eingeführt – z.B. in den Szenen, in den Katja, wie einst Popeye Doyle in „French Connection II“, heroinabhängig gemacht wird– aber bei diesen Szenen hat man das Gefühl, es wird mit angezogener Handbremse gearbeitet, um nur niemanden zu sehr auf den Schlips zu treten. Auch das überraschend zur Sache gehende Finale, hätte trotz aller Gemeinheiten ruhig noch eine Schippe drauf vertragen können. Doch da man ganz nah an den Figuren ist und sich für sie und ihr Leben interessiert, funktioniert der Film.

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Trotz einiger verzeihlicher Schwächen gelingt Christian Genzel mit „Die Muse“ ein empfehlenswertes Filmdebüt, welches sich vor allem durch eine gute Figurenzeichnung und die großartigen schauspielerische Leistung Thomas Limpinsels auszeichnet.

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„Die Muse“ ist bei vimeo als Video on Demand erschienen und kann unter www.vimeo.com/ondemand/diemuse für € 2,99 angesehen oder für € 4,99 runter geladen werden. Die Bildqualität ist dabei – wie man auch an den Screenshots sehen kann – ausgesprochen gut. Extras gibt es bei dieser Veröffentlichungsform natürlich nicht. Wer möchte kann sich aber unter http://www.ghostlightproductions.de/muse/ einige Clips ansehen, z.B. mit einem Q&A nach der Premiere und ähnliches mehr. Ich bin sehr gespannt, ob diese Art des Vertriebes – der sich für junge, unabhängige Filmemacher ja anbietet – Erfolg hat. Ich drücke auf jeden Fall die Daumen und möchte jedem ans Herz legen, die paar Euro in „Die Muse“ zu investieren, und ein vielversprechendes, neues Talent damit zu unterstützen.

DVD-Rezension: Drei Söldnerfilme von „Anthony M. Dawson“

Von , 14. Juni 2014 21:16

Mitte der 80er erlebte ein Genre seine Blütezeit, welches heute – bis in den warmen Erinnerungen der Mit-40er – fast vergessen ist: Der Söldnerfilm. Dieses wurde fast im Alleingang von einem Mann auf dem Boden gestampft: Erwin C. Dietrich. Dietrich hatte mit dem Prototyp der in den 80ern folgenden Söldnerfilme – „Die Wildgänse kommen“ – im Jahre 1978 seine erste große, internationale Co-Produktion verwirklicht. Das Ganze funktionierte vor allem als Star-Vehikel, welches mit großen Namen wie Richard Burton, Roger Moore oder Hardy Krüger protzen konnte. Zwar zog der Film einige ähnlich gelagerte Filme, wie „Die Seewölfe kommen“ nach sich, doch Dietrich sollte den Söldnerfilm, so wie man sich heute an ihn erinnert, erst einige Jahre später in einer Handvoll deutsch-italienischer Co-Produktionen definieren. Nachdem Ascot-Elite bereits „Die Rückkehr der Wildgänse“ (Kritik hier) und „Im Wendekreis des Söldners“ (Kritik hier) veröffentlichte, kommen nun auch jene drei großen Söldnerfilme auf den DVD-Markt, die in den späten 80ern die Augen der Videothekenbesucher zum Leuchten brachten. Allen dreien ist der Hauptdarsteller Lewis Collins und der Regisseur Antonio Margheriti (alias Anthony M. Dawson) gemein, sowie die Besetzung der weiteren Rollen mit alternden Hollywoodstars und deutschen Synchronsprechern. Und noch eins fällt auf: In allen drei Werken stiehlt der großartige Manfred Lehmann dem etatmäßigen Helden Lewis Collins gehörig die Schau.

 

Geheimcode: Wildgänse (1984)

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Captain Robert Wesley (Lewis Collins) wird mit seinem Söldner-Team von dem Geschäftsmann Brenner (Hartmut Neugebauer) angeheuert, um im Auftrag der amerikanischen Drogenfahndung im Goldenen Dreieck ein großes Heroinlager zu vernichten, welches einem korrupten General gehört. Damit soll der Drogennachschub in die USA und Europa unterbunden werden. Unterstützt von Weiter lesen 'DVD-Rezension: Drei Söldnerfilme von „Anthony M. Dawson“'»

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