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Filmbuch-Rezension: „Fantastisches in dunklen Sälen – Science Fiction, Horror und Fantasy im jungen deutschen Film“

Von , 16. Januar 2019 13:36

Dem Buch „Fantastisches in dunklen Sälen – Science Fiction, Horror und Fantasy im jungen deutschen Film“ bin ich zunächst mit Skepsis begegnet. Einerseits ist das Thema phantastischer Film in Deutschland ein ausgesprochen spannendes, welchem ich mit großem Interesse folge. Anderseits wird gerade aus dem Umfeld des sogenannten „Neuen Deutschen Genrefilm“ häufig nur über fehlende Filmförderung gejammert, wodurch den Filmemachern die Hände gefesselt würde. Und wenn dann mal etwas aus dem Umfeld kommt, ist es der Versuch, Hollywood-Hochglanz-Genre mit weitaus geringeren Mitteln nachzuahmen und die eigene Herkunft zu kaschieren. Was zwangsläufig nicht funktioniert. Dabei gibt es unglaublich tolle und kreative Ansätze, wenn man sich einmal die Mühe macht über den „Horror“-, „Action-“ oder „Thriller“-Rand zu schauen. Man muss sich nur mal die Mühe machen und offen sein für neue/andere Einflüsse.

Daher hat es mich sehr gefreut, dass gerade diesen sperrigen Werken, die ohne Förderung entstehen konnten und einen frischen, ganz eigenständigen Wind ins trübe Hinterherhecheln und Gemecker bringen, ein hochinteressantes und sehr lesenswertes Kapitel gewidmet wird. Unter dem Begriff „German New Weird“ subsumiert Tobias Haupts Filme wie Till Kleinerts „Der Samurai“, Nikias Chryssos‘ „Der Bunker“ und Sebastian Hilgers „Wir sind die Flut“. Alles wunderbare, ganz eigenständige Werke, die Hoffnung machen, dass hier etwas in Deutschland heranwächst, was neu, risikobereit, eigensinnig und fesselnd ist. Was sich eben nicht in Schubladen stecken lässt und mehr mit dem Hier und Jetzt (auch in Deutschland) zu tun hat, als diese typischen Genre-Filme, die auf schrecklich ironische Art und Weise ausgelutschte Genrestandards wiederkäuen und krampfhaft„auf amerikanisch“ machen. Hier kann man noch so exzellente Filme wie „Wild“ oder auch „Der Nachtmar“ mit aufnehmen.

Der Band beginnt mit einem historischen Abriss von Filmemacher Huan Vu (der selber den fantastischen „Die Farbe“ gemacht hat, eine der besten Loveraft-Verfilmungen, die gar nicht vorgibt in den USA zu spielen, sondern die Handlung auf kreative und logische Art und Weise nach Deutschland transferiert, wo der Film ja auch entstand) über Fantastik und Genrefilm in Deutschland. Dieser gibt einen guten Überblick über den heimischen Genrefilm, auch wenn einige Themen, wie z.B. der Kulturkampf im 3. Reich zwischen einem faschistischen Expressionismus und der Linie Rosenberg nicht in dem Maße eingegangen wird, wie ich es mir erwünscht hätte. Doch dies wäre für einen ersten Überblick wohl auch zu speziell und detailliert gewesen. Vielleicht kommt da ja noch irgendwann eine längere Analyse. Spannend ist das Thema ja.

Prof. Dr. Markus Stiglegger greift das Thema noch einmal auf, beleuchtet es aber unter Aspekt der Genretheorie und definiert erst einmal, was überhaupt ein Genrefilm ist, bevor er deutsche Filme darauf abklopft, in wie weit sie dem Bergriff Genre überhaupt entsprechen. Einen Schwerpunkt der Betrachtung legt er dabei auf „Der Nachtmahr“ und die „German Angst“-Episode von Michal Kosakowski, die er als typische, neuen deutschen Genrefilme definiert.

Lars R. Krautschick kommt in seinem Beitrag „Sozialkritik unter asozialen Bedingungen“ zunächst zu der überraschenden Erkenntnis, dass in den 10er Jahren des 21. Jahrhunderts mehr deutsche Genrefilme produziert werden, als in der Weimarer Republik (was ich ohne eine genaue Erhebung zunächst einmal bezweifeln würde). Er fragt sich dabei, ob dies ein Ausdruck einer speziell deutschen Angst wäre, die auf diese Weise verarbeitet wird. Hierzu schaut er sich die Filme „Rammbock“, „Blutgletscher“, „Beyond the Bridge“ und „Der Nachtmahr“ genauer an, um am Ende zu dem meiner Meinung nach diskussionswürdigen Fazit zu kommen, dass die neuen deutschen Genrefilme keine speziell deutsche Angst, sondern generelle, weltweit anzutreffende Ängste verarbeiten. Was seiner Meinung nach auch daran liegt, dass mit diesen eher globalen Ängsten auch eine internationale Vermarktung leichter fällt.

Um die Geschichte des deutschen Science-Fiction-Films geht es in dem Beitrag von Christian Pischel. Er sucht hier nach Verbindungen und Traditionen, die er aber nicht findet. Am Ende bleibt ihm nur festzustellen, dass es in Deutschland (speziell auch der DDR) einige herausragende SF-Filme gab, diese aber nur sporadisch auftreten und es keine zusammenhängenden (oder aufeinander aufbauende) Perioden gab, in denen Science Fiction im deutschen Film eine große Rolle gespielt hätten.

Rasmus Greiner analysiert schließlich ausführlich Jan Speckenbachs „Die Vermissten“.

„Fantastisches in dunklen Sälen “ ist eine spannende Sammlung kompetenter (manchmal kontroverse) Essays zum Thema Science Fiction, Horror und Fantasy im jungen deutschen Film. Manchmal wünscht man sich, die Autoren hätten mehr Platz zur Verfügung, um noch tiefer in die Materie einzutauchen. Manche Inhalte doppeln sich auch leicht, hier wäre es wünschenswert gewesen, die Themenauswahl noch breiter aufzuspannen (vielleicht über die Einschränkung „Genrefilm“ hinaus). Beispielweise findet man in einer Fußnote der Einleitung die sehr wichtige Information: Demnach verlassen 50% der Zuschauer eine Sneak-Preview, sobald sie bemerken, dass es sich bei der Preview um einen deutschen Film handelt. Daher wäre es spannend, sich einmal auf dieses Phänomen zu konzentrieren. Warum hat der Deutsche Film generell so einen miserablen Ruf in der Heimat? Ein weiteres interessantes Thema wäre in diesem Zusammenhang auch die langsam anrollende Renaissance deutscher (Genre)Filme aus den 60er, 70er und 80er Jahre, die u.a. auch von Labels wie Subkultur oder Festivals wie dem Festival des deutschen psychotronischen Films oder den Hofbauer-Kongressen befeuert wird. Dies ist zwar nicht der Fokus des vorliegenden Buches (welches in erster Linie der Begleitband des letztjährige FILMZ-Symposium ist) wäre aber ein tolles „Fadenaufnehmen“ für ein weiteren Band.

Christian Alexius, Sarah Beicht (Hg.) Fantastisches in dunklen Sälen – Science Fiction, Horror und Fantasy im jungen deutschen Film, Schüren Verlag, 160 Seiten, € 16,90

 

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