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Blu-ray Rezension: „Stille Nacht, Horror Nacht“

Von , 16. März 2019 13:44

Der gut aussehende Billy (Robert Brian Wilson) hat es nie leicht im Leben gehabt. Als Kind verlor er seine Eltern durch einen als Santa Claus verkleideten Killer. Dann ging er durch die Hölle eines katholischen Waisenhauses, wo er den brutalen Methoden der Mutter Oberin (Lilyan Chauvin) ausgeliefert war. Doch nun hat er endlich seinen Platz im Leben gefunden. Er jobbt in einem Spielzeugladen und freundet sich mit seiner hübschen Kollegin Pamela (Toni Nero) an. Leider hat sein Chef (Britt Leach) zu Weihnachten die schlechte Idee, den psychisch immer noch stark angeschlagenen Billy in ein Weihnachtsmannkostüm zu stecken. Als sich bei der feucht-fröhlichen Weihnachtsfeier des kleinen Ladens noch der schmierige Kollege Andy (Randy Stumpf – nomen est omen) , an seine Pamela heran macht, erinnert sich Billy, wofür der Weihnachtsmann steht: Artige Kinder werden beschenkt und die Unartigen bestraft…

Heute mag man kaum glauben, welchen Aufruhr „Stille Nacht, Horror Nacht“ bei seiner Premiere in den USA verursacht hat. Ein Weihnachtsmann als Killer! War diesen Filmleuten denn gar nichts mehr heilig? Der kollektive Zorn ist sehr gut auf der exzellenten neuen Blu-ray von Anolis dokumentiert. Heutzutage gehört der Killer-Santa eher zu den ausgelutschten und durchgerittenen Klischees. Gleich neben Killer-Clown und Killer-Hai. Vor 1984 hatte dies aber noch niemand so offensiv gewagt und dadurch erhielt der moderat budgetierte Slasher, der ohne bekannte Namen aufwartete. Die bekannteste Darstellerin dürfte Linnea Quigley sein. Damals bereits eine Veteranin im Horrorgeschäft, die allerdings erst im folgenden Jahr mit ihrem unvergesslichen Auftritt in „Return of the Living Dead“ voll durchstartete und zu DER Scream-Queen der späten 80er und der frühen 90er wurde.

Auf dem Höhepunkt der nach 1984 schnell wieder abebbenden ersten Slasher-Welle, war „Stille Nacht, Horror Nacht“ eine durchaus ungewöhnliche Angelegenheit. Die kostengünstigen Slasher funktionierten in der Regel nach einer ziemlichen starren Formel. Ein kurzer Epilog, in dem gezeigt wird, wie der Böse böse wurde – durch einen missratenen Scherz oder ein traumatisches Erlebnis -, danach liegt der Fokus ganz auf dem Teenie-Kanonenfutter, welches eigentlich niemanden interessiert und nur Staffage für hübsch kreative Tötungsszenen ist. Am Ende überlebt das Final Girl, nur damit in der allerletzten Szene der Grundstein für das Sequel gelegt wird (welcher im Übrigen im folgenden Teil nie aufgenommen wird). Es gibt auch Ausnahmen, wie den ersten „Sleepaway Camp“ oder das schwitzende Filmmonster „Maniac“, welches ganz aus der Perspektive des irren Killers inszeniert wurde.

An Letzterem orientiert sich auch „Stille Nacht, Horror Nacht“. Zumindest in der ersten Hälfte. In dieser wird der Leidensweg des jungen Billy gezeigt. Wie er als kleiner Junge zunächst von seinem verrückten Opa – mit dem ihn seine Eltern während eines Besuchs in der Psychiatrie alleine lassen – die fixe Idee eines blutrünstigen, strafenden Weihnachtsmannes ins Ohr gesetzt wird, die sich kurz darauf auf grausame Weise durch einen Psychopathen im Weihnachtsmann-Kostüm bestätigt. Und dann der psychische (und auch physische) Missbrauch des heranwachsenden Billy durch die katholische Kirche, in deren Waisenheim er schutzlos den perfiden „Erziehungsmethoden“ der sadistischen Mutter Oberin ausgesetzt ist. Wenn Billy zu einem gutaussehenden, muskulösen jungen Mann herangewachsen ist, wird es nicht viel besser. Trotz seiner offensichtlichen Weihnachtsmann-Phobie zwingt ihn sein Chef in das Kostüm des Kinderbeschenkers und löst damit eine todbringende Psychose in Billy aus – die schließlich allen Anwesenden bei der Weihnachtsfeier des kleinen, schmierigen Spielzeugladens den Tod bringt.

Von da ab folgt „Stille Nacht, Horror Nacht“ konventionellen Slasher-Mustern, lässt Billy zu einer bestialischen Horrorfigur werden, die ständig die Sünder bestrafen will. Allerdings hat sich Regisseur Charles E. Sellier Jr. einen interessanten Kniff ausgedacht, um die Geschichte doch noch auf Pfade abseits der maskierten Buhmänner Jason oder Michael zu bringen. Er lässt Billy quasi mit offenem Visier morden. Statt sein Gesicht hinter einem gewaltigen weißen Bart zu verstecken, sieht man die ganze Zeit über Billys kindlich-gutaussehendes Bubi-Gesicht, welches einen immer wieder an den armen, am Anfang noch ganz süßen Jungen erinnert, dessen Seele mit Gewalt so weit verbogen wurde, dass er nun mit einer Axt durch die Gegend läuft und sündige Mitmenschen bestraft.

Sein Amoklauf in dieser zweiten Hälfte ist zwar wie gesagt genre-konventionell, aber recht kreativ umgesetzt. Gerade die Szene in der die zukünftige Scream-Queen Linnea Quigley ungute Bekanntschaft mit einem Hirschgeweih macht, dürfte – nicht nur aufgrund von Frau Quigleys herausstechenden Merkmalen – lange im Gedächtnis bleiben. Die beste Szene ist allerdings ganz unblutig. Billy trifft auf die kleine Schwester eines Opfers und fragt sie, ob sie denn das ganz Jahr über brav gewesen sei. Das kleine Mädchen bejaht dies und kann Billy von ihrer „Unschuld“ überzeugen. Billy – der ja die Rolle des Weihnachtsmannes einnimmt – ist nun in der für ihn ungewöhnlichen Situation, nicht brutal zu strafen – sondern Geschenke verteilen zu müssen. Woraufhin er dem Mädchen gütig das Einzige schenkt, was er gerade zur Hand hat: Ein mit Blut verklebtes Cuttermesser. Das verdatterte Gesicht des Mädchens und das zufrieden Antlitz Billys ist einerseits voller rabenschwarzen Humors, andererseits auch ebenso bedrohlich, wie traurig.

Wenn der Film am Ende dann Billy auch noch seiner „gerechten Rache“ beraubt, dann hat man es – trotz allem grimmigen Humors, welcher den Film auch auszeichnet – mit einer lupenreinen Tragödie zu tun und es darf ruhig ein kleiner Kloß im Hals bleiben. Dieses konsequente Ende hilft dem Film auch über einige Schwächen und die schrecklichen 80er Weihnachts-Rocksongs hinweg.

Wie bei den vorherigen Folgen der Reihe „Der phantastische Film“ kann man Anolis wieder zu einer hervorragenden Veröffentlichung gratulieren. „Stille Nacht, Horror Nacht“ läßt keine Wünsche offen. Zu sehen bekommt man die ungekürzte Fassung. Da die einst herausgeschnittenen Szenen nicht mehr als Negativ vorlagen, wurden sie aus einer anderen Quelle wieder in den Film eingefügt. Das kennt man ja aus eher zweifelhaften Veröffentlichungen anderer, weniger seriöser Labels, wenn plötzlich das zuvor gute plötzlich in grauenhafte, bereits 5x kopierte VHS-Qualität gibt. Nicht so bei Anolis! Die eingefügten Szenen unterscheiden sich von der Bildqualität kaum von dem brillanten HD-Bild, welches direkt vom Negativ abgenommen wurde und würde wohl kaum auffallen, wenn man nicht darauf achtet. Und wenn das trotzdem stört, der kann ja zur 3 Minuten kürzeren R-Rated-Fassung greifen, die ebenfalls auf dieser Scheibe enthalten ist, Auch die Extras sind wieder einmal sehr umfangreich und informativ. So kann man zwischen zwei Audiokommentaren wählen. Einmal mit Justin Beahm, Brian Wilson und Scott J. Schneid, sowie einen Tonspur mit Michael Hickey, Perry Botkin, Michael Spence und nochmals Scott J. Schneid. Ferner befinden sich in den Extras ein 22-minütiges Interview mit Linnea Quigley in dem sie unter dem Titel „Oh Deer!“ über die Dreharbeiten zu „Stille Nacht, Horror Nacht“ spricht. Die sehr informative Doku „Slay Bells Ring“ – The Story Of Silent Night, Deadly Night“ geht 45 Minuten und es gibt noch einen 10-minütigen Vergleich der „Filming Locations – Damals und heute“. Ebenso aufschlussreich, wie erheiternd sind die Texttafeln auf denen die „Kontroversen und Kritiken“ zu lesen sind. Abgerundet wird dies alles noch vom US-Trailer, Werbespots und einer Bildergalerie. Nicht vergessen sollte man das 24-seitigem Booklet geschrieben von dem mir bisher unbekannten Jonas Hoppe.

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