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Blu-ray-Rezension: „Marketa Lazarova“

Von , 22. April 2017 13:49

Vater Kozlík (Josef Kemr) sendet seine Söhne Mikolás (František Velecký) und den einarmigen Adam (Ivan Palúch) aus, um Reisende auszurauben. Eines Tages stoßen sie dabei auf eine Gruppe Deutscher. Sie töten fast alle, aber ein Mann kann entkommen. Mikolás nimmt dessen Sohn (Vlastimil Harapes) und einen Diener als Geisel. Es stellt sich aber heraus, dass der Geflüchtete ein sächsischer Adeliger war, der zum Bischof von Hennau gemacht werden sollte und ein sehr enger Verbündeter des Königs ist. Dieser bestellt Kozlík an seinen Hof, wo Kozlík gefangengenommen werden soll. Es gelingt ihm allerdings – verfolgt von den Soldaten des Königs unter Hauptmann Pivo (Zdenek Kryzánek)- zu fliehen. Um sich gegen Pivos Truppe wehren zu können, schickt Kozlík seinen Sohn Mikolás zu seinem Nachbarn Lazar (Michal Kozuch), um diesen zu zwingen, gemeinsam mit ihm gegen Pivo zu kämpfen. Als Lazar sich weigert, entführt und vergewaltigt Mikolás dessen Lazars Tochter Marketa (Magda Vásáryová), die gerade einem Kloster beitreten wollte…

Wenn die Blu-ray von „Marketa Lazarova“ nach 165 Minuten zu Ende ist, fühlt man sich erschlagen, erschöpft, glücklich und zugleich traurig. Traurig, weil man diesen mächtigen Bilderhammer nicht auf der großen Leinwand gesehen hat, wo er sicherlich noch einmal eine ganz andere faszinierende Sogwirkung als auf dem Fernseher Zuhause entwickelt. Selbst wenn die vom tschechischen Filminstitut durchgeführte Restaurierung – welche die Grundlage der Bildstörung-Blu-ray bildet – überaus gelungen ist. Aber ein visuell – und auch auditiv – derartig überwältigender Film gehört nun einmal auf die ganz große Leinwand. 1967 in die Kinos gekommen, nach 548 Drehtage und eine Verdoppelung der veranschlagten Produktionskosten, erscheint „Market Lazarova“ seiner Zeit weit, weit voraus. Nur vergleichbar mit Andrej Tarkowskis nahezu zeitgleich entstanden „Andrej Rubljow“ und dem ebenfalls kürzlich von Bildstörung veröffentlichten „Es ist schwer ein Gott zu sein“ von Aleksey German aus dem Jahre 2013. Der studierte Kunsthistoriker Frantisek Vlácil hat mit „Marketa Lazarova“ ein ebenso brutal-authentisches, wie poetisch-surreales Mittelalter erschaffen, in dem seine Geschichte um zwei verfeindete Clans und die Rache des Königs ebenso zielsicher, aber eben auch schwankend auf einer dünnen Linie zwischen ungeschönten, hässlichen Realismus und traumhafter Magie, Grausamkeit und Zärtlichkeit, Dreck und strahlender Schönheit, heidnischen Ritualen und einem rigiden Christentum balanciert.

Auf ihr Skelett heruntergedampft, ist die Geschichte von „Marketa Lazarova“ relativ simpel zu verstehen. Doch Frantisek Vlácil nutzt sie für eine Meditation über das Erzählen von Geschichten und für die Rekonstruktion einer uns so fremden Zeit, aus der es kaum Überlieferungen gibt. Vlácil erschafft sein ganz eigenes 13. Jahrhundert, in welchem sich der Zuschauer ebenso fremd fühlt, wie auf einem ferneren Planeten – und doch zugleich auch irgendwie vertraut. Im geht es da ähnlich dem Protagonisten aus Aleksey Germans „Es ist schwer ein Gott zu sein“. Gleichzeitig löst Vlácil die Einheit von Raum und Zeit, Realität und Vorstellung auf. Man sieht Szenen, deren Bedeutung erst sehr viel später aufgelöst werden. Von denen man nicht weiß, wann und wo sie stattfinden. Ist es eine Erinnerung? Passiert es jetzt? Oder ist es ein Vorgriff auf das, was noch passieren wird? An einigen Stellen lässt Vlácil wichtige Teile der Geschichte einfach weg und lässt sie erst viel später von einer Figur nacherzählen. Oder er illustriert Gedanke und Geschichten so, als würden sie genau jetzt tatsächlich geschehen. Der alte Lazar spricht zu dem jungen Mikolás über seine Tochter Marketa (die wir bis dahin noch nicht gesehen haben). Davon, wie rein sie ist, und dass er sie den Nonnen versprochen hat. Gleichzeitig bebildert Vlácil dies mit einer Gruppe schwarzgekleideter Nonnen, die sich einen Hügel hinauf schlängeln, jede eine weiße Taube in der Hand – und der jungen Marketa, die eine dieser Tauben vor ihrer halb entblößten Brust hält. Dann ist diese Vision auch wieder vorbei. War sie eine Erinnerung Lazars? Oder sahen wir die Bilder, die dessen Worte in Mikolás Kopf hervorgerufen haben. Immer wieder kommt es zu solchen Szenen. Frantisek Vlácil agiert selber wie der alter Erzähler, dessen Stimme am Anfang verkündet, es sei nun besser, am Feuer zu sitzen und sich an Geschichten von früher zu erinnern. Und so erzählt Vlácil die Ballade (oder Rhapsodie, wie der Vorspann ankündigt) von Marekta Lazarova dann auch. Hier vergisst er etwas, dort holt er etwas vor, was ihm gerade in den Kopf gekommen ist, dort fügt er etwas an, was er zuvor zu erwähnen vergessen hatte. Und immer wieder vermischt sich die Erzählung mit dem, was der Erzähler falsch erinnert, dazu dichtet oder bewusst mythisch auflädt.

Dieses „Erzählen“ wird auch in der Tonspur hervorgehoben. Die Dialoge sind mit einem unnatürlich Hall versehen. Dies erinnert an Dokumentarfilme, die stumm aufgenommen wurden, und dann der omnipräsente, gottgleiche Erzähler die somit unhörbaren Dialoge wiedergibt. Auch hier hat man den Eindruck, die Sätze würde von jemand anderen nachgesprochen, nicht den handelnden Personen deren Bilder man über die Jahrhunderte hinweg sieht. Einmal greift der Erzähler sogar ins Geschehen ein und hält Zwiesprache mit dem Bettelmönch, der wie der Zuschauer mit großen Augen durch diese Welt voller Versehrter, Gewalt und Grausamkeit taumelt. An wen sonst, sollte sich der Allwissende, der dort aus seiner himmlischen Position heraus das Treiben beobachtet, auch sonst wenden?

Die Figur des Mönches nimmt eine Stellvertreterrolle für den Zuschauer ein. In seiner passive Position des Beobachters wird er wie dieser von den Ereignissen überrollt und in eine Welt hineingezogen, die nicht die seine ist. Doch der Mönch ist gleichzeitig eine ebenso fremdartige, ja primitive – sich der Moral der modernen Zeiten verweigernde Figur, wie das restliche Personal dieses Films. Sei es der einarmige Adam, der eine inzestuöse Beziehung mit seiner Schwester hatte. Oder eben jene Schwester, die sich heidnischen Ritualen hingibt. Oder Nebenfiguren wie der Geistliche aus Deutschland, der nur Hass und Vernichtung kennt. Und unser gutherziger, naiver Mönch? Der wiederum pflegt eine intensive Beziehung mit einem Schaf, die weit über das hinausgeht, was gesellschaftlich akzeptabel ist. Auch Marketa selber ist keine gänzlich reine, engelsgleiche Figur. Als sie von Mikolás einführt und vergewaltigt wird, verliebt sie sich in ihren Peiniger und geht freiwillig ein Abhängigkeitsverhältnis mit ihm ein. Gespiegelt wird dies in dem Verhältnis des jungen deutschen Adeligen (der eigentlich zum Bischof gemacht werden sollte). Auch dieser wird vom Clan der Kozlík entführt und verliebt sich seinerseits in die starke, unabhängige Heidin Alexandra. In diesem Film strebt jeder entweder nach Macht über die anderen oder unterwirft sich sexuell und gefühlsmäßig dem Stärkeren. In dieser Welt benehmen sich die Menschen wie die Wölfe, die in „Marketa Lazarova“ allgegenwärtig durch die Landschaft streifen.

Die Ungewöhnlichkeit mit der Frantisek Vlácil seine Geschichte erzählt, schlägt sich auch in der Kameraarbeit und dem Sounddesign nieder. Man mag kaum glauben, dass der Film Mitte der 60er Jahre entstand und er muss teilweise wie ein Schock auf das damalige Kinopublikum gewirkt haben. Mal schwebt die Kamera (geführt von Bedrich Batka) über den Geschehen und fängt die landschaftlichen Panoramen in atemberaubenden Gemälden ein, dann folgt die Handkamera ganz nah den Figuren, klebt förmlich an ihnen und ihren Gesichtern. Ein anderes Mal nimmt sie ganz den Blick eines der Handelnden ein, und der Zuschauer reist in dessen Kopf durch das 13. Jahrhundert. Hier überirdisch schöne Bilder, elegante Kamerafahrten – dort hässlicher Realismus voller Dreck und Blut. Gleichzeitig sorgt die mit Chören und elektronischen Klängen durchsetzter Filmmusik von Zdenek Liska gemeinsam mit dem grandiosen Sounddesign dafür, dass der Zuschauer einerseits mitgerissen, ihm dann aber auch immer wieder der Boden unter den Füssen weggezogen wird. So entsteht eine permanent (alb)traumhafte Atmosphäre. Nicht zu vergessen, die detailreichen, authentischen Kulissen und die Kostüme, auf die Vlácil seine höchste Aufmerksamkeit legte. Intensiv setzte sich Vlácil im Vorfeld mit dem Leben im Mittelalter auseinander, dem Waffengebrauch und dem Alltagsleben. Er ging sogar soweit, mit Cast und Crew für zwei Jahre in den Böhmerwald zu ziehen, und während dieser Zeit selbst zu leben wie im 13. Jahrhundert. Der hohe Aufwand hat sich gelohnt. „Marketa Lazarova“ wurde völlig zurecht zweimal (1994 und 1998) von tschechischen Journalisten und Filmkritikern zum besten tschechoslowakischen Film aller Zeiten gewählt.

Dank des vorzüglichen Filmlabels „Bildstörung“, welches mit Fug und Recht als deutsche Antwort auf das amerikanische Criterion oder das englische Masters of Cinema bezeichnet werden kann, hat Frantisek Vlácils Meisterwerk „Marketa Lazarova“ nicht nur nach 50 Jahren endlich einen deutschen Kinostart verschafft, sondern auch in einer wieder einmal vorbildlichen Blu-ray-Edition veröffentlicht, welche keine Wünsche offen lässt und das cinephile Herz höher schlagen lässt. Das vom tschechischen Filmarchiv brillant restauriert Bild der Blu-ray ist ein Fest für die Augen. Der Ton (tschechisch mit ausblendbaren deutschen Untertiteln) zunächst gewöhnungsbedürftig, aber dies war – wie oben beschrieben – auch die Intention des Filmemachers. Auf einer weiteren Tonspur befindet sich ein filmbegleitendes Gespräch mit Olaf Möller. Der Edition liegt noch eine DVD bei, auf der sich reichhaltiges und interessantes Bonus-Material befindet. „Der schicksalhafte Rausch des František Vlácil“ von 2003 ist ein 50minütiges Portrait über den 1999 verstorbenen Regisseur, welches für das tschechische Fernsehen produziert wurde. Für jenes wurde auch 1995 das viertelstündige „Das Leben des František Vlácil“ und das 20-minütige „Im Netz der Zeit“ produziert. In beiden Featurettes kommt Vlácil selber ausführlich zu Wort. Man lernt in diesen drei Dokumentationen viel über den nicht immer einfachen František Vlácil und die Entstehung seines berühmtesten Werkes „Marketa Lazarova“. Vor allem machen die hier zu sehenden Ausschnitte aus seinen weiteren Filmen eine unbändige Lust drauf, sich weiter mit dem Werk dieses hierzulande viel zu unbekannten Filmemachers zu beschäftigen, und sich auf die Suche nach Filmen wie „Die weiße Taube“ oder „Valley of the Bees“ zu machen. Des weiteren findet man auf der Bonus-DVD noch Interviews mit der Filmjournalistin Zdena Škapová (14 Min.), dem Kunsthistoriker Jan Royt (12 Min.) und dem Restaurationsleiter Ivo Marák (9 Min.). Eine Storyboard-Galerie und das unbedingt lesenswerte 24-seitiges Booklet mit einem Text von Marc Vetter („Marketa Lazarová oder die Zeit der Wölfe“), welcher sich mit der Vorlage, den Produktionsbedingungen und František Vlácil beschäftigt, runden diese schöne Veröffentlichung ab. Bitte noch viel mehr davon!

Blu-ray-Rezension: „Der Bunker“

Von , 13. September 2016 19:20

bunkerDer Student (Pit Bukoswski) quartiert sich als Untermieter bei einer Familie ein, die in einem unterirdischen Bunker irgendwo im Wald lebt. Hier will er sich in Ruhe auf seine wissenschaftliche Arbeit konzentrieren. Doch schnell wird er von dem Vater (David Scheller) und der Mutter (Oona von Maydell) gezwungen, ihren acht-jährigen Sohn Klaus (Daniel Fripan) zu unterrichten, der ihrer Meinung nach hochbegabt ist und auf das Amt des Präsidenten vorbereitet werden muss.

Man soll mit Superlativen ja vorsichtig sein und es vermeiden, Filme vorschnell auf den Olymp zu jubeln oder in die ewige Hölle zu verdammen. Bei Nikias Chryssos‘ „Der Bunker“ fällt mir ersteres schwer, denn diese Film ist für mich in der Tat eine der besten deutschen Produktionen der letzten 2o Jahre. Wobei ich gestehen muss, von den anderen Filmen, die derzeit unter dem sperrigen und gänzlich unsexy klingenden Titel „New German Fantastic Cinema“ in eine Schublade gestopft werden, bisher nur „Der Samurai“ gesehen zu haben. Großen Nachholbedarf habe ich in puncto „Der Nachtmahr“ und vor allem „Wild“.

„Der Samurai“ sah ich vor zwei Jahren auf dem Internationalen Filmfest in Oldenburg. Endlich ein Genre-Film, der sich nicht krampfhaft an US-Vorbildern orientierte und für wenig Geld unbedingt auf ganz großes Hollywood machen will. Der seinen Figuren englische Namen gibt, um international zu wirken. Und vor allem ein Film, der eine ganz eigene Geschichte erzählt, und nicht zum x-ten Mal „Pulp Fiction“ oder irgendeinen 08/5-Zombie-Splatter durchkaut. Das ist es doch, was Filme wie diesen auf internationalen Festivals so erfolgreich macht. Die Menschen möchten gerne interessante, originäre Geschichten sehen, die auch in dem Land, aus dem sie stammen, verwurzelt sind. Nicht irgendwie Kopien, die auf Teufel komm raus amerikanisch wirken sollen und dann doch nur nach Hintertupfingen aussehen. Da ist es doch sehr viel spannender, gleich eine interessante Geschichte aus Hintertupfingen zu erzählen. So, wie es „Der Samurai“ macht.

Womit wir nach diesem etwas längeren Exkurs endlich bei „Der Bunker“ angekommen sind, dessen Hauptdarsteller Pit Bukowski ja auch der „Der Samurai“ war und völlig zu recht gerade sehr gefragt ist. In „Der Bunker“ spielt Pit Bukowski den namenlosen Studenten, der Ruhe und Abgeschiedenheit sucht, um sich seiner Studien widmen zu können. Dabei ähnelt er einer Figur bei Kafka. Was er da eigentlich so fleißig studieren möchte bleibt unklar. Im Grunde besteht seine Arbeit darin, immer wieder wilde Kreise zu kritzeln. Der seltsamen Familie, bei der er unterkommt, steht er eher passiv gegenüber. Kaum einmal kommt es zur Auflehnung, auch wenn er schlecht behandelt wird und das ihm zugewiesene Zimmer so gar nicht dem entspricht, was ihm versprochen wurde. Die grotesken Umstände seines Aufenthalts nimmt hin und versucht sich so gut wie möglich anzupassen. Nicht einmal scheint ihm in den Sinn zu kommen, diesen seltsamen Ort zu verlassen. Hier spürt man Echos von Roman Polanskis wundervoll-verstörendem Meisterwerk „Der Mieter“. Wie dessen Hauptfigur Trelkovsky, möchte auch der Student nicht negativ auffallen und seine Mitbewohner verärgern. Und dies wird von jenen skrupellos ausgenutzt. Beim Kafka-Vergleich sollte man auch nicht vergessen, dass Kafkas Bücher von einer schreienden Komik sind. Zu gerne hätte ich „Der Prozess“ von den Monty Pythons verfilmt gesehen, deren Sketche ja auch oftmals darin bestehen, ein gutgläubiges und gutwilliges Individuum in eine Situation zu stellen, deren Hintergründe, Motivation und Ausmaß es nicht überblickt. Wie der Student in „Der Bunker“.

Neben dem Kafka-Einfluss setzt Regisseur Nikias Chryssos seinen Film aus den unterschiedlichsten, sehr deutschen Zutaten zusammen. In erster Linie ist da natürlich der bürgerliche Muff der 50er Jahre. Aber auch die Gier nach Anerkennung, die starke Betonung des Bildungsbürgerlichen, dieses Schwanken zwischen Selbstmitleid und Größenwahn. All dies verkörpert durch den von David Scheller furios gespielten Vater. Einer in ihrem Bemühen, eine akademische Überlegenheit auszustrahlen, höchst lächerliche Gestalt, in der jedoch ein garstig-unheimlicher Kern lauert. Der Proll, der jederzeit seine manieriert ausgesuchten Worte gegen sehr handfeste Argumente tauschen würde. Jene Szenen, in denen der Vater mit weiß geschminkten Clownsgesicht uralte Witze vorliest, um diese dann mit großer Geste zu analysieren, gehört zu den verstörensten Szenen des Filmes, bei der man sich nicht sicher ist, ob man nun ob der absurden Situation lachen oder sich fürchten soll. Man fühlt sich hier an Tom Hardys grandiosen Auftritt als Bronson im gleichnamigen Film erinnert, der ihn ähnlicher Maske und Stimmung den Entertainer gab, bei dem man wusste, dass er sofort brutal zuschlagen wird, sobald ihm jemand in die Pointe reinquatscht. Auch wenn Pit Bukoski die Hauptrolle und Daniel Fripan die dankbarste Figur spielt: David Scheller ist der heimliche Star des Films.

Weiter verfremdet Chryssos seine Geschichte mit der Figur der Mutter. Dargestellt von der Tochter des Schauspielerpaares Sabine von Maydell und Claude-Oliver Rudolph, Oona von Maydell Sie bringt ein gewisses Horror-Element in den Film. Und dies manifestiert sich nicht nur durch den mit dröhnender, gurgelnder Stimme sprechenden „Heinrich“. Eine nie zuwachsende, klaffende Wunde am Bein der Mutter. Diese Mutter ist die Schreckensgestalt der Über-Mutter, die ihr Kind nicht gehen lassen kann/will. Die es noch säugt, obwohl es bereits lange aus dem Säuglingsalter hinaus ist. Die sich wie ein Gespenst dem Studenten hingibt, um diesen noch enger an ans Haus und damit an ihr Kind zu binden. Das blasse Gesicht der Mutter bezeugt, dass sie den Bunker schon sehr lange nicht mehr verlassen hat. Hier fesselt sie ihr Kind an sich, so dass es nicht nach draußen kann oder erwachsen werden will. Der geniale Trick des Regisseurs ist es dann auch, den acht-jährigen Klaus mit dem 31-jährigen Daniel Fripan zu besetzten. Abgesehen von diesem grandiosen, beunruhigenden Verfremdungseffekt, kann man sich auch nie sicher sein, ob Klaus wirklich erst acht Jahre ist. Als ihn der Student darauf anspricht, dass er älter aussehe, reagiert er mit einem lauten und sehr wütenden „Ich bin acht Jahre!“. Und als er sich am Ende von seiner Familie lösen will, sagt er mit einer ruhigen, dunklen und sehr erwachsen Stimme, die nichts von Klaus‘ hellen Kinderstimme hat: „Mutter, ich gehe jetzt“. Und da ist ja auch diese merkwürdige Szene in den Extras dieser wundervollen Blu-ray. In einem kurzen Zusammenschnitt, der „The Bunker Awakes“ betitelt ist, sieht man am Ende Klaus seine alberne Perücke vom Kopf nehmen und den kahlköpfigen Daniel Fripan direkt in die Kamera schauen. Nun kommt diese Szene im Film nicht vor, doch unterstreicht dieses Bild die undurchschaubare Brüchigkeit der Figur, die möglicherweise wie der Student einen Pakt mit dem Vater und der Mutter eingegangen ist, aus dem sie sich nicht mehr lösen konnte.

Daniel Fripans Darstellung des Klaus ist natürlich das Aushängeschild des Filmes, auch wenn die anderen drei Schauspieler ebenso glänzen und ebenbürtig auf hohem Niveau agieren. Aber auch die brillante Ausstattung (Production Design von Melanie Raab, Kostüme von Henrike Naumann), Leonard Petersens eingängige Musik und die sowohl unauffällige, wie doch in den Details unglaublich effektive Kameraarbeit von Matthias Reisser, machen aus „Der Bunker“ einen sehr sehenswerten Film, bei dem man bei jeder Sichtung neue Details entdeckt. Wir hatten hier in Bremen das große Glück „Der Bunker“ im Rahmen unserer Filmreihe Weird Xperience im Kulturzentrum Lagerhaus zeigen zu dürfen. „Der Bunker“ brachte dann gleich einen ersten Zuschauerrekord, was zeigt, dass es ein Publikum und ein Bedürfnis für diese besonderen Filme abseits der Mainstream-Norm gibt. Auch (oder vielleicht auch gerade?) aus Deutschland. Die Reaktionen auf den Film waren jedenfalls durchweg positiv. Darum kann man allen angehenden Genrefilmern nur zurufen: Kommt heraus aus Eurer Schmollecke. Schreibt kreative Drehbücher. Macht Kino, kein biederes Fernsehen. Kopiert nicht die Kopien, seit die Originale! So wie „Der Bunker“. Der hat auch keine Förderung bekommen, konnte aber trotzdem einen Hans W. Geissendörfer (den großen Unterschätzten des deutschen Films, der so viel mehr ist als nur „Lindenstraße“) dazu bringen, Geld in diesen Film zu investieren. Geht doch.

Mit dem Label „Bildstörung“ hat „Der Bunker“ einen kongenialen Partner gefunden. „Bildstörung“ hat sich mittlerweile mit seinen hochwertigen und extrem spannenden Veröffentlichungen einen Ruf erarbeitet, der in einem Atemzug mit dem amerikanischen Criterion und dem englischen Masters of Cinema genannt werden kann. Liegt der Schwerpunkt meistens auf dem Kino der 70er und 80er Jahre, ist „Der Bunker“ – neben dem indischen „Gandu – Wichser“ – der jüngste Film, der es in die großartige „Drop Out“-Reihe des Labels geschafft hat. Wie die anderen Filmen auch, wird „Der Bunker“ in einer sehr liebevollen und umfangreichen Edition veröffentlicht. Bild und Ton sind dabei makellos. Die Extras bestehen aus einem interessanten Audiokommentar des Regisseurs, einem knapp 2-minütigen Promozusammenschnitt namens „Der Bunker Awakens“, der scheinbar auch nicht verwendetes Material beinhaltet. 20 Minuten Deleted Scenes, teilweise Erweiterungen von aus dem Film bekannten Szenen. 13 Minuten Outtakes, die allerdings wirkliche Outtakes und keine spaßigen Versprecher sind. Herzstück ist das hochspannende und aufschlussreiche 64-minütige „Making Of“, welches auf alle Aspekte der Produktion eingeht und zahlreiche Beteiligte zu Wort kommen lässt. Abgerundet wird das Ganze mit zwei frühen Kurzfilmen des Regisseurs: „Schwarze Erdbeeren“ (20 Minuten) und „Der Großvater“ (15 Minuten). Während ersterer ein typischer Studentenfilm ist, um die große Liebe und Freundschaft ist, fühlt sich „Der Großvater“ schon mehr wie eine stilistische Fingerübung auf dem Weg zum „Bunker“ an. Bildtechnisch auf höchstem Niveau und einfallsreich lässt Nikias Chryssos seinen späteren Hauptdarsteller Pit Bukowski mit dem fantastischen Matthias Habich zusammenprallen. Toll gespielt, wenn auch etwas zu offensichtlich auf die erwartbare Pointe hingesteuert wird. Wer sich dann noch näher mit dem Film beschäftigen möchte, für den liegt noch ein 24-seitiges, hervorragend geschriebenes Booklet von Oliver Nöding bei. Und in der Limited Edition ist noch eine CD mit dem grandiosen Soundtrack von Leonard Petersen enthalten. Alles in allem ein Pflichtkauf.

Blu-ray Rezension: „Es ist schwer ein Gott zu sein“

Von , 16. Januar 2016 16:54

schwergottDer Planet Arkanar ähnelt der Erde in der Zeit vor 800 Jahren. In der Erwartung, hier die Geburt einer Renaissance mitzuerleben, wird von der Erde eine Gruppe Wissenschaftler nach Arkanar geschickt. Sie geben sich als adlige Nachkommen lokaler Gottheiten aus und leben unerkannt unter den Einwohnern Arkanars. Ihre Aufgabe ist es, die dortige Entwicklung aufzuzeichnen und ihre Berichte zur Erde zu übertragen. Dabei dürfen sie aber niemals in das Geschehen eingreifen, sondern müssen unter allen Umständen passive Beobachter bleiben. Doch es kommt anders als gedacht. Die Mitglieder der Universität werden ermordet, die Renaissance findet nicht statt. Stattdessen werden die Bücherfreunde und Intellektuellen von den grauen Truppen verfolgt und niedergemetzelt. Dem als Don Rumata getarnten Wissenschaftler Anton (Leonid Yarmolnik) fällt es unter diesen Umständen immer schwerer, seine Neutralität zu wahren…

Es ist schwer ein Gott zu sein“ gehört zu jenen Filmen, die einen erst einmal sprachlos, ja sprach-unfähig machen. Was soll man schreiben, wenn der Kopf noch vollgestopft ist mit Bildern, sich der Körper gerädert anfühlt und man nicht sagen kann, ob das Grummeln im Bauch nun die Begeisterung und das Unwohlsein ist. Aleksei German hat mit seinem letzten Film ein Monster geschaffen und wenn man prosaisch sein möchte – und sich ein wenig die Tatsachen zurechtbiegt – könnte man behaupten, es wäre ein Monster, welches ihn schließlich umgebracht hat. Seit dem Ende der 60er Jahre hatte German vor, die Geschichte der beiden russischen Science-Fiction-Autoren Arkadi und Boris Strugatzki zu verfilmen. Er hat dann in den 70ern und 80ern immer wieder neue Anläufe genommen, und immer wieder schien das Projekt kurz vor dem Beginn zu stehen, bis dann das Schicksal oder die Weltpolitik zuschlugen und die Pläne zunichte machten. Einmal war er sogar drauf und dran, Peter Fleischmann bei dessen Version der Geschichte abzulösen. Dann war es endlich soweit und wider allen Erwartungen konnte German mit der Verfilmung beginnen. Am Ende sollte es 7 lange Jahre dauern, bis die Arbeiten an dem Film abgeschlossen waren. German selber erlebte die Fertigstellung seines Filmes, die dann sein Ehefrau Svetlana Karmalita und sein Sohn Aleksei German Jr., übernahmen, nicht mehr. Er starb am 21. Februar 2013, nur knapp neun Monate vor der Weltpremiere seines Film auf dem Filmfestival in Rom.

Für den Zuschauer ist „Es ist schwer ein Gott zu sein“ kein einfacher Film, aber ein intensives Erlebnis. Drei stunden lang wartet man durch Dreck, Schleim, Blut und Scheiße. German hat eine Welt entworfen, die einerseits natürlich an das Mittelalter und die Darstellungen eines Pieter Breugel, dem Jüngeren oder Hieronymus Bosch erinnern, andererseits dem modernen Menschen so fremd erscheint, als wäre er tatsächlich auf einem fernen Planeten. Die Akribie mit der German zu Werke geht, seinen Film bis ins kleinste Detail kontrolliert und dabei eine ebenso realistische, wie abstoßende Welt kreiert, ist bewundernswert. Schön ist es nicht, was wir sehen. Gleich in der ersten Szene streckt uns jemand den nackten Arsch entgegen und entleert seinen Darm. Es wird gerotzt, gekotzt, geschissen, geblutet. Eingeweide kullern zu Boden, schleimiges Blut wird sich ins Gesicht geschmiert, hab verdautes ausgespien. Man fragt sich unwillkürlich was gewesen wäre, hätte German seinen Film nicht in betörendem schwarz-weiß, sondern in Farbe gedreht. Hätte man das ausgehalten? Oder sind es gerade die wunderbaren monochromen Bilder, die einem den Boden unter den Füssen wegziehen?

Die Menschen sind hässlich, voller Defekte. Man riecht den Gestank dieser Welt förmlich, als ob er aus dem Bildschirm kriechen würde. Das Gewusel der Menschen macht einen schwindelig. Immer wieder schauen Gesichter direkt in die Kamera, als würde sie überrascht und skeptisch auf den Zuschauer ins einem gemütlichen Heim blicken. Dies hat einen merkwürdigen, unangenehmen Effekt. Man fühlt sich nicht sicher, hat den Verdacht, die Menschen auf der anderen Seite des Bildschirmes könnten einen sehen, wollten mit einem interagieren. Etwas, was man im Angesicht der hier gezeigten Greuel unter keinen Umständen möchte. German schenkt uns nichts. Diese Welt ist grausam. Hinter der nächsten Ecke könnte schon der tödlich Axthieb oder die einen durchbohrenden Pfeile lauern. Zwischen den Figuren gibt es keine positiven Gefühle. Allein unser „Held“ Don Rumata scheint so etwas wie Zuneigung empfinden zu können. Doch es ist für ihn keine Erleichterung, sondern eine Qual.

Man liest überall, dass German keine Geschichte erzählen würde. Tatsächlich ist es extrem schwer, der Handlung zu folgen und zu verstehen, was vor sich geht. Obwohl scheinbar Fans der Autoren Strugatzki dem Film attestieren, die Handlung des Romans gut – wenn oftmals auch nur durch die Kenntnis der Vorlage erkennbar – wiederzugeben. Es spielt aber auch keine Rolle, ob man eine klar strukturierte, einfach zu verstehende Geschichte hat oder nicht. So ist Germans Film auch gar nicht konzipiert. Er wirft ein gerade dadurch, dass man nicht auf Anhieb alles versteht in die Rolle, die die Besucher von der Erde einnehmen. Man ist hier fremd, man versteht nicht was vorgeht. Man ist verwirrt, versucht an dem Wenigen, was man hat, Halt zu finden. Man torkelt mehr durch den Film, als dass man schreitet. Man fühlt, schmeckt, riecht ihn. Germans Film wird häufig mit denen Andrei Tarkovskys, speziell „Andrej Rubljow“ verglichen. Dieser Vergleich ist nicht ganz von der Hand zu weisen, doch viel mehr noch erinnert er an den großen Ungarn Bela Tarr, der mit seinen Filmen ebenfalls eine merkwürdige, bekannte – aber doch auch verstörend andere Realität erschuf. Der sich ebenfalls viel Zeit nimmt, den Zuschauer in diese Welt zu ziehen. Der, ebenso wie German, seine Film in schwarz-weiß und mit vielen sehr langen Plansequenzen erschafft. Wie bei Tarr ist man in „Es ist schwer ein Gott zu sein“ ganz, ganz nah dran an den Figuren, den Gesichtern. Den Leibern und der Bewegung.

German hat seinen Film als Gleichnis auf die heutigen Verhältnisse in Russland gesehen. Tatsächlich ist er eine Allegorie auf die heutigen Verhältnisse überall auf der Welt. Auf Missstände, die die Menschen schon seit Jahrhunderten begleiten. Und die Ohnmacht derer, die unter den Verhältnissen leiden und doch nichts ändern können. Obwohl sie vielleicht die Mittel dazu hätten – doch sie wissen, dass ein Übel immer nur wieder von einem andern abgelöst wird.

German hat seinen Film als Gleichnis auf die heutigen Verhältnisse in Russland gesehen. Tatsächlich ist er eine Allegorie auf die heutigen Verhältnisse überall auf der Welt. Auf Missstände, die die Menschen schon seit Jahrhunderten begleiten. Und die Ohnmacht derer, die unter den Verhältnissen leiden und doch nichts ändern können. Obwohl sie vielleicht die Mittel dazu hätten – doch sie wissen, dass ein Übel immer nur wieder von einem andern abgelöst wird.
Für die bei Bildstörung erschiene Blu-ray gibt es nur ein Wort: Perfekt. Wieder einmal hat Bildstörung seinen hervorragenden Ruf bestätigt und eine ultimative Fassung dieses Meisterwerks vorgelegt. Das Bild ist gestochen scharf, der wuchtige Ton liegt auf Russisch mit ausblendbaren deutschen Untertiteln vor. Da in einer der vielen Dokumentationen zum Film betont wird, wie wichtig German das Sounddesign und Sprache war, ist die Entscheidung, hier keine deutsche Synchronisation nachzuschieben, absolut nachvollziehbar. Auch das Bonusmaterial lässt keinerlei Wünsche offen. Neben einem hochinformativen und 40 Seiten starken Booklet von Anton Dolin platzt die beiliegen Bonus-DVD nur so vor hochwertigen Extras, die zusammen genommen die epische Länge des Hauptfilmes noch einmal schlagen. Neben einem filmbegleitenden Gespräch mit Barbara Wurm und Olaf Möller, finden sich hier folgende Dokumentationen: “Aleksei German” – Ein Interview von 1988 (45:18 Min.), “Jenseits der Kamera”, ein weiteres Interview mit Alexei German aus dem Jahr 2009 (51:59 Min.), “Germans Blutdruck ist heute 122/85”, quasi ein Making Of (42:41 Min.) und “Die Geschichte des Arkanar-Massakers”, hier liefert Daniel Bird einige Erklärungen und Hintergrundinfos zur Verfilmung und der Unterschiede gegenüber des zugrundeliegenden Romans (Englisch mit dt. UT, 27:14 Min.). Ferner gibt es noch Interviews mit der Drehbuchautorin und Witwe des Regisseurs Svetlana Karmalita (37:00 Min.), sowie Aleksei German Jr., dem Sohn des Regisseurs (9:35 Min.). Weiterhin gibt es noch den Kinotrailer zum Film und Bildergalerien.

DVD-Rezension: „Coherence“

Von , 21. April 2015 21:44

coherenceVier Paare treffen sich in einem etwas abgelegenen Haus zu einer gemeinsamen Dinner-Party. Nach anfänglichem, oberflächlichem Small-Talk, setzt man sich zum gemeinsamen Abendessen zusammen. Dabei kommt das Gespräch auf einen Kometen, der an eben jenem  Abend nah an der Erde vorbeifliegen soll und bereits in der Vergangenheit angeblich für merkwürdige Phänomene gesorgt hat. Auch an diesem Abend geschehen einige unerklärliche Dinge. Zunächst gehen die Handys kaputt, dann kommt es zu einem Stromausfall in der ganzen Gegend, von dem scheinbar nur ein Haus in der Nachbarschaft verschont wurde. Zwei  der Freunde machen sich auf den Weg, um in dem Haus, um von dort aus zu telefonieren. Als sie wenig später wieder zurückkehren, berichten sie ihren Freunden von einer höchst beunruhigenden Entdeckung…

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Es gibt immer wieder Filme, denen man am Besten ganz unvorbereitet begegnet. Über „Coherence“ wusste ich nur, dass es sich um einen Low-Budget-Science-Fiction-Streifen handeln sollte und der Film mit guten Kritiken förmlich überschüttet wurde. Den Ausschlag aber „Coherence“ in den DVD-Player zu werfen, war es, dass er von dem vorbildlichen Label „Bildstörung“ vertrieben wurde. Da „Bildstörung“ bisher ein hervorragendes Händchen bei der Filmauswahl bewiesen hat, kann man ruhig einmal blind zugreifen, wenn eine neue Scheibe auf den Markt kommt – auch wenn man den Film bis dahin gar nicht kennt. Und es hat sich auch wieder gelohnt, denn „Coherence“ ist bisher die beste Heimkino-Veröffentlichung, die mir in diesem Jahr untergekommen ist. Ein sehr dichtes Mysterium mit starker philosophischer Grundierung und dabei auch noch ausgesprochenen spannend.

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Entwickelt wurde „Coherence“ von dem Drehbuch-Autoren James Ward Byrkit, der hier sein Regie-Debüt abliefert. Entstanden für ein sehr schmales Budget und unter primitivsten Bedingungen, dreht Byrkit den Spieß um und erschafft gerade aus den Limitationen der Produktion ein packendes Stück Film, welches einmal mehr beweist, dass es im Kino nicht auf große Effekte, sondern vor allem Originalität und Imagination ankommt. Zwar greift Byrkit auf altbekannte Tricks zurück und lässt durch eine ständig herumwirbelnde, hin -und her gerissene Kamera eine Pseudonähe entstehen, wie sie auch die großen und kleinen Bockbuster mittlerweile inflationär nutzen. Aber der nervöse Pseudo-Doku/Heimfilmer-Look passt sich gut in die Geschichte ein und unterstützt die auf das nötigste reduzierte Handlung. Und er lässt eine durchaus intime Nähe zu den Figuren entstehen. Dass diese so lebendig wirken, liegt nicht nur an den hervorragenden Darstellern, sondern auch an der Herangehensweise. James Ward Byrkit, gab seinen Schauspielern kein Drehbuch zu lesen, sondern nur kurze Anweisungen, welche nur sie kannten. Das dadurch entstandene, improvisierte Spiel geht auf. Die Charaktere wirken wie Wesen aus Fleisch und Blut und sind mit ihren Fehlern, menschlichen Unzulänglichkeiten und ihrem Egoismus jederzeit greifbar und ihre Handlunge nachvollziehbar. Schnell hat man sich zurechtgefunden und die handelnden Personen kennengelernt. Die Ballerina, die immer noch deprimiert ist, weil sie in ihre Karriereplanung einmal aus Hochmut die falsche Entscheidung traf. Ihr Freund, der sich nicht sicher ist, wie er zu ihr steht und in wie weit er bereit wäre, seine Karriere ihren Bedürfnissen unterzuordnen. So wie sie sich nicht sicher ist, ob sie ihn bei seinen Plänen unterstützen würde. Dann gibt es noch die esoterische Gastgeberin, den alkoholkranken Schauspieler, dessen kurzer Moment des Ruhm scheinbar unbemerkt vergangen ist. Die Ex-Freundin, die sich als Gift für die freundschaftliche Atmosphäre herausstellt. Sie alle leben ihre Lebensentwürfe, trauern aber verpassten Gelegenheiten und vermeintlich falschen Abzweigungen in ihrem Leben nach.

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Und gerade mit diesen „falschen“ Wegen werden sie alle sehr direkt konfrontiert. Das einzige echte Science-Fiction-Element ist in „Coherence“ ein Komet, der nahe an der Erde vorbei zieht und für merkwürdige Phänomene sorgt. Diese sickern erst sehr langsam, fast schon beiläufig in die Handlung ein. Doch Stück für Stück eskaliert die Situation. Jedes Puzzleteil für die Lösung des Rätsels führt nur zu neuen Entwicklungen, die sich scheinbar nicht aufhalten lassen. Wer sich die Spannung an der Auflösung nicht nehmen lassen möchte, sollte nun direkt zum Fazit dieser Besprechung springen. Alle anderen können hier nun weiterlesen. Gleich zu Beginn von „Coherence“ erwähnt die von Emily Foxler gespielte Em den Film „Sliding Doors“ und wie unheimlich sie es fand, als dort eine kleine Entscheidung massiven Einfluss auf das Leben der Filmfiguren hatte. Mit diesem Horror werden sie und ihre Freunde im Verlauf des Filmes dann um ein vielfaches potenziert konfrontiert. Lebe ich mein echtes Leben? Oder bin ich in einem falschen Leben stecken geblieben? Bin ich überhaupt ich oder leben ich nur die schlechtere Variation von etwas, was mir eigentlich zugestanden hätte? Ist das mein Leben? Und wenn ja: Bin ich damit zufrieden? Am Beispiel der Em wird dieses Dilemma durchgespielt. Wenn sie am Ende von Fenster zu Fenster hetzt, auf der Suche nach einem „richtigen“ Leben, dann konfrontiert dies auch den Zuschauer mit der Frage: Was-wäre-wenn? Kann ich mit dieser Frage leben und akzeptieren, was ich geworden bin? Oder bleibt ein Leben lang diese Unsicherheit, dass alles doch eigentlich ganz anders sein müsste. Denkt man zu lange darüber nach, kann einen dies durchaus in den Wahnsinn treiben.

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Doch auch jenseits seines philosophischen Horrors funktioniert der Film als unheimliches Konstrukt, welches den Zuschauer nach dem anfänglichen Smalltalk schnell in den Griff bekommt und über die restliche Laufzeit nicht mehr loslässt. James Ward Byrkit versteht es glänzend seine Mystery-Bausteine übereinander zu stapeln und dadurch ein solides Gebäude zu errichten, indem man sich zunehmend unwohler fühlt. Geheimnisvolle Botschaften, merkwürdige Zwischenfällen und unheimlichen Gestalten. Hier geht die Taktik den Schauspielern nur die allernötigste Informationen zu geben und sie ständig in Unsicherheit über den Fortlauf der Geschichte und dem was als nächstes passiert voll auf. Denn die Nervosität und Überraschung der Darsteller greift auch auf den Zuschauer über. Hätte Byrkit vielleicht mehr Zeit und Geld gehabt, um seinen Film abzudrehen, hätte dieser vielleicht gar nicht die Sogwirkung entwickeln können, die er nun hat. Vielleicht ein Weckruf für hiesige Filmemacher, die sich immer laut darüber beschweren, dass ihnen für ihre Genre-Projekte kein Geld aus Fördermitteln zur Verfügung gestellt wird. Einfach mal gucken, welche Mittel da sind und dann kreativ damit umgehen. James Ward Byrkit hat es vorgemacht.

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Drehbuchautor James Ward Byrkit ist mit seinem Low-Budget-Regiedebüt ein ungewöhnlicher Science-Fiction-Mystery-Film gelungen, der sowohl als spannende Unterhaltung, als auch auf der philosophischen Ebene funktioniert. Wobei die Fragen, die letztere stellt, vielleicht sogar furchteinflößender sind, als die seltsamen Phänomen, denen sich die Hauptfiguren stellen müssen.

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Wie bei Bildstörung gewohnt, erfährt der Film hier wieder eine vorbildliche Präsentation. Bild und Ton sind so gut, wie es unter den Low-Budget-Produktionsbedingungen nur sein kann. Interessanterweise hat sich  Bildstörung bei dieser Veröffentlichung dazu entscheiden, den Film in zwei Fassungen zu veröffentlichen. Einmal als „normale“ DVD ohne nennenswerte Extras. Und dann als „Drop Out 024“ in einer limitierten Special Edition. Diese enthält einen  Audiokommentar mit Regisseur James Ward Byrkit, Hauptdarstellerin Emily Foxler und Co-Autor/Darsteller Alex Manugian, sowie ein 10-minütiges und in der Kürze auch sehr informatives „Behind the Scenes“, in dem die Entstehung des Filmes diskutiert wird. Ferner gibt es noch 4 Minuten Testaufnahmen, die ein Jahr vor den eigentlichen Dreharbeiten entstanden, einmal mit und einmal ohne Kommentar des Regisseurs. Weiterhin kann man noch jeweils 5-minütige Interviews mit den Darstellern Emily Foxler, Hugo Armstrong, und Lorene Scafaria anschauen. Das Booklet enthält die Regieanweisungen, die Regisseur James Ward Byrkit seinen Schauspielern gab. Und als Sahnehaube wurde noch eine Soundtrack-CD mit fast einer Stunde Musik von Kristin Øhrn Dyrud beigelegt.

Blu-ray Rezension: „Die Filme von Alejandro Jodorowsky“

Von , 28. März 2014 23:24

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Nachdem Alejandro Jodorowskys legendäre Filme „El Topo“ und „Der heilige Berg“ aufgrund eines Streits mit seinem Produzenten Allen Klein jahrzehntelang nicht zu sehen warn und so zu den großen, „verschollenen“ Meisterwerken der Filmwelt gehörten, reichten sich Jodorowsky und Allen Klein Anfang der 2000er Jahre die Hand, und so wurde der Weg zu einer Heimkinoveröffentlichung der Filme frei. 2007 erschien in den USA bei Anchor Bay eine Box mit HD-remasterten Versionen der Filme auf DVD. In Deutschland musste man sich noch sieben weitere Jahre gedulden. Aber nun sind die Filme dank des großartigen Labels Bildstörung auch hierzulande endlich erhältlich. In einer liebevoll gestalteten Box befinden sich nun die drei Filme „Fando und Lis“, „El Topo“ und „Der heilige Berg“.

Als Extras wurde zunächst einmal sämtliches Bonusmaterial der US-Box übernommen, wie die drei Audiokommentare Jodorowskys zu allen drei Filmen, einer Einführung ins Tarot uvm. Wie in der US-Box wurden auch hier noch zwei CDs mit den Soundtracks zu „El Topo“ und „Der heilige Berg“ beigelegt, deren Tracklists sich auf der Rückseite zweier kleinformatiger Filmplakate befinden. Auf einer Bonus-DVD befindet sich neben dem erst vor wenigen Jahren Wiederentdeckten, lange verschollen geglaubten ersten Kurzfilm von Jodorowsy „Die Krawatte“ (eine pantomimische Verfilmung der Thomas-Mann-Kurzgeschichte „Die vertauschten Köpfe“), auch noch die 90-minütige Dokumentation „Die Konstellation Jodorowsky“ von 1994 (welche allerdings auch schon 2007 zusammen mit „Santa Sangre“ bei Kino Kontrovers erschienen war).

Angereichert wird das ganze mit speziell für diese Edition produziertem Material, welches auf dem letztjährigen Filmfest München aufgenommen wurde und u.a. Jodorowsky zusammen mit Nicolas Winding Refn zeigt, der ihn als seinen Mentor bezeichnet und davon erzählt, wie Jodorowsky auf seine Entscheidung „Drive“ und danach „Only God Forgives“ zu drehen, Einfluss genommen hat. Moderiert wird dieses Material von einem sehr enthusiastischen Menschen vom Filmfest München, der so aufgeregt ist, neben Jodorowsky zu sitzen, dass er auch mal gar nicht merkt, dass Jodorowsky von Spanisch ins Englische gewechselt ist und munter weiter Jodorowskys Ausführungen auf Englisch „übersetzt“. Eine sehr schöne, in ihrer Euphorie ansteckende Szene.

Nicht vergessen sollte man auch die beiden umfangreichen und sehr informativen Booklets. Das Booklet zu „El Topo“ enthält ein langes, zeitgenössisches Interview, welches der junge Jodorowsky 1970 nach der Premiere von „El Topo“ sechs amerikanischen Journalisten gegeben hat. Außerdem eine Kopie der Indizierungsanzeige der alten VCL-Videokassette. Das Booklet zu „Der heilige Berg“ befasst sich mit Jodorowsky, seinem Leben und seinen drei hier vorliegenden Filmen und ist von Filmkritiker und – historiker Claus Löser verfasst worden.

„Fando und Lis“ liegt auch in der Blu-ray-Ausgabe der Box nur als DVD vor. Was schade ist und auf dem Cover nicht besonders deutlich wird. Das Bild von „Fando und Lis“ ist okay und passt in seiner Rauheit zu dem Film. „El Topo“ kommt im korrekten Bildformat von 4:3 und sieht so gut aus, wie noch nie. Beinahe etwas zu gut für diesen Kultfilm. Das Bild ist teilweise so klar, dass man glauben könnte, er wäre mit einer modernen Digitalkamera gedreht. Von besonderer Pracht ist „Der heilige Berg“ im Format 1:2.35. Der Originalton ist gut verständlich und klar. Der deutsche Ton ist ebenfalls gut hörbar.

Die nun folgenden Screenshots stammen, bis auf „Fando und Lis“, alle aus der US-DVD-Box „The Films of Alejandro Jodorowsky“, die 2007 bei Anchor Bay erschien.

Fando und Lis (1968)

Fando und Lis„Fando und Lis“ war der erste Spielfilm des Kino-Bilderstürmers Alejandro Jodorowsky, und wie auch bei dessen späteren Filmen merkt man hier deutlich seine Herkunft von Zirkus, Pantomime und Theater. Gerade in einer Rückblende, in Weiter lesen 'Blu-ray Rezension: „Die Filme von Alejandro Jodorowsky“'»

Blu-ray Rezension: „Singapore Sling“

Von , 18. September 2013 10:06

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Ein Detektiv (Panos Thanassoulis) sucht nach der verschwundenen Laura. Seine Suche führt ihn in einer regnerischen Gewitternacht, schwer verletzt und erschöpft, in ein abseits gelegenes Anwesen. Dort leben zwei geheimnisvolle Frauen (Michele Valley und Meredyth Herold) leben, die sich gegenseitig als Mutter und Tochter bezeichnen. Gerade haben die Beiden ihren Chauffeur umgebracht und überhaupt besteht ihr Leben darin, sich sexuellen Rollenspielen hinzugeben und dann und wann einen Besucher umzubringen. Auch der Detektiv droht Opfer der Beiden zu werden. Doch bevor sie sich seiner endgültig entledigen, soll er ihnen noch als Spielzeug für ihre bizarren Obsessionen dienen

Wichtige Anmerkung: Da es mir leider (noch?) nicht möglich ist Screenshots von Blu-ray-Filmen zu machen, stammen die hier verwendeten Bilder NICHT von der bei „Bildstörung “ erschienenen Blu-ray, sondern von der amerikanischen DVD von Synapse.

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Der 2007 leider viel zu früh verstorbene, griechische Regisseur Nikos Nikolaidis ist hierzulande einer der großen Unbekannten des internationalen Kinos. Obwohl seine zwischen 1975 und 2005 entstandenen acht Spielfilme in seinem Heimatland immer wieder mit Preisen überschüttet wurden, gab es doch bis heute keine Heimkino-Auswertungen in Deutschland. Und auch international sind keine DVDs mit englischen Untertiteln zu finden. Die einzige Ausnahme bildet sein bekanntester Film „Singapore Sling“, der in Kennerkreisen Kult-Status genießt. Und dies völlig zurecht, verbindet er doch die Optik eleganten Arthaus-Kinos mit den obskuren Fetischen des Mitternachtskinos. Dank des großartigen Labels „Bildstörung“ ist dieses dunkle und auf bizarre Art und Weise schwarz-humorige Meisterwerk nun auch in Deutschland erhältlich.

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Wie die meisten Filme Nikolaidis‘, entstand auch dieses Werk wieder in seinem eigenen Haus, einem geräumigen Anwesen in dem er vor den Dreharbeiten auch mit den Darstellern seiner Filme lebte. Sieht man „Singapore Sling“, kann man verstehen warum ihm dies wichtig war. Sie mussten ein großes Vertrauen zu ihrem Regisseur finden, denn dieser verlangte ihnen während des Drehs eine ganze Menge ab. So muss sich Hauptdarsteller Panos Thanassoulis ankotzen und anpissen lassen, während Meredyth Herold explizit mit einer Kiwi masturbiert. Allerdings erwartet einen kein trashiger Underground-Film. Damit hat „Singapore Sling“ rein gar nichts zu tun. Obwohl Nikolaidos kein großes Budget zur Verfügung stand, schaffte er es, eine elegante, sehr stylische Optik entstehen zu lassen, die nach großem, klassischem Hollywood-Kino aussieht. Vergleicht man z.B. „Singapore Sling“ mit Curt McDowells „Thundercrack!“, an den er teilweise erinnert, dann fällt auf, wie viel Sorgfalt Nikos Nikolaidis in seine Inszenierung legt. Kuchars Film ist eine wilde Melange aus expressionistischem Horrorfilm der 20er und 30er, Sex, Körperflüssigkeiten und Wahnsinn. Letztere drei genannten Komponenten kommen auch in „Singapore Sling“ in großer Vielzahl vor, doch ist die Wirkung bei Nikolaidis ungleich verstörender, da diese Elemente hier durch die schönen Bilder umso fremdartiger und surrealistischer erscheinen.

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Nikos Nikolaidis orientiert sich am amerikanischen Film Noir, dessen Stimmung und expressionistische Schattenspiele er perfekt wieder auferstehen lässt. Der andere Film, der dabei über allem schwebt, ist Otto Premingers „Laura“ von 1944. In diesem Film geht es um einen Polizisten, der den Mord an eben jener Laura aufklären soll. Während seiner Ermittlungen verliebt er sich in die Tote, die er nur von einem großen Portrait kennt, welches in ihrer Wohnung hängt (dieses Portrait taucht auch in „Singapore Sling“ wieder auf). Relativ schnell kommt aber heraus, dass Laura lebt und eine andere Frau an ihrer Stelle ermordet wurde. Auf dem ersten Blick scheint „Laura“ so etwas wie die Vorgeschichte zu „Singapore Sling“ darzustellen, allerdings nutzt Nikolaidis „Laura“ weniger als Blaupause für seinen Film, sondern der Film selber scheint von „Laura“ zu träumen. Immer wieder werden Bruchstücke des einen in den anderen Film geworfen. Personen rezitieren aus dem Zusammenhang gerissene Dialoge aus „Laura“, stellen Fragen, sie sich auf Premingers Film und nicht auf die eigentliche Handlung beziehen. Der gleichnamige, vom Film inspirierte Song wird nicht nur immer wieder gespielt und hallt als traurig-unheimliches Echo durch die Räume des Anwesens, sondern wird von den Charakteren in ihre Dialoge eingeflochten. So fragt das Mädchen, wann Laura den Zug genommen hat – womit sie sich auf eben dieses Lied, nicht auf den Film bezieht. „Laura“ ist die Schicht, die unter „Singapore Sling“ liegt und an manchen Stellen dringt sie wieder an die Oberfläche durch.

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Merkwürdigerweise wirkt „Singapore Sling“ geradezu prophetischer Kommentar auf die heutige Situation Griechenlands. Der formale Held wird von einem Griechen gespielt, der auch ausschließlich Griechisch spricht, und sich seinen beiden Peinigern nicht verständlich machen kann. Zudem jagt er einem idealisierten Traum einer besseren Zeit – eben seiner Laura – nach. Die beiden Frauen sind dekadente, reiche Ausländer, die den Griechen zu ihrem Spielzeug machen. Die ihn erniedrigen und bereits seine Entsorgung planen, die sich nur deshalb hinauszögert, weil sie ihn vorher noch ausgiebig für ihre perversen Zwecke nutzen wollen. Nun sprechen die Beiden hier Englisch, aber möglicherweise würde Nikolaidis sie heutzutage Deutsch sprechen lassen. Denn so wie der Mann, den sie Singapore Sling nennen, von den dekadenten Reichen ausgenutzt und erniedrigt wird, so fühlen sich sicherlich viele Griechen in Anbetracht der Eurokrise und der Rolle der reichen EU-Geber-Länder. Und dass sich Singapore Sling, am Ende sein eigenes Grab schaufelt, kann man ebenfalls als recht hellseherisch begreifen.

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Lässt man diese höchst spekulative Interpretation außen vor, geht es in „Singapore Sling“ vor allem um Sex, und man darf die vertauschten Rollen (hier sind die Frauen sexsüchtig bis über den Wahnsinn hinaus und kennen keine Skrupel, ihr Opfer wie ein Ding zu behandeln, während der Mann romantischen Vorstellungen von der Liebe über den Tod hinaus nachhängt) auch als direkten Kommentar darauf lesen, wie sich in der Regel die Männer den Frauen gegenüber verhalten. Eben wie skrupellose Tiere. Das Viehische wird auch in den ekligen Dinner-Szenen betont, wo die beiden Frauen ihre Freude daran haben, ihr Essen immer wieder auszukotzen. Diese spielerische Freude, mit der sie männliche Verhaltensweisen ins Extreme überzeichnen, lässt einen auch an Marie und Marie aus (dem ebenfalls bei „Bildstörung“ erschienen) „Tausendschönchen“ denken, wo ebenfalls zwei Frauen bzw. Mädchen, aus der Rolle fallen und ihre zugewiesenen Rollenklischees nicht mehr erfüllen. Besonders wenn die beiden Frauen Laurel & Hardy zitieren (z.B. doch den berühmten „Soft Shoe Dance“ aus „Zwei ritten nach Texas“ und dem Öhrchen-Kniechen-Spiel aus „Die Teufelsbrüder“) oder die eine einen tödlichen Herzinfarkt vortäuscht, um dann unter lautem Gelächter wieder zum Leben erweckt zu werden, sind diese Parallelen offensichtlich.

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Endlich ist Dank „Bildstörung“ dieses bizarre Meisterwerk des hierzulande sträflicherweise weitgehend unbekannten griechischen Regisseurs Nikos Nikolaidis in Deutschland erschienen. „Singapore Sling“s provokante Mischung aus eleganter Film-Noir-Optik, Gedärm, Körperflüssigkeiten, nacktem Wahnsinn und bösem Humor sichert ihm Kultfilm-Status. Aber auch darüber hinaus hat der Film viel Hintersinniges, nicht nur zum Rollenspiel zwischen Männlein und Weiblein, zu sagen.

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Im obigen Text wurde das Label „Bildstörung“ schon so oft gelobt, dass es beinahe unangenehm ist, hier weiterhin die Arbeit in höchsten Tönen zu preisen, die das Label in ihre vorbildliche Veröffentlichung gesteckt hat. Das Bilder der Blu-ray ist gestochen scharf und bringt die wunderschöne Fotografie des Filmes noch mehr zum Strahlen. Im Gegensatz zur US-DVD sind auch die Untertitel ausblendbar. Da der Film allerdings auf Englisch, Französisch und Griechisch gedreht wurde, sind diese für nicht Multi-Linguisten unverzichtbar. Da für den Film das Sprachgewirr ungemein wichtig ist, ist es nur selbstverständlich, dass keine deutsche Synchronfassung angefertigt wurde. Auch in Sachen Extras stellt die „Singapore Sling“-Veröffentlichung eine Referenz dar. Auf einer zweiten DVD (der Film ist auf Blu-ray, die Extras auf der DVD) wird sich eingehend mit Nikos Nikolaidis beschäftigen. Zentral ist hier die 77-minütige Dokumentation „Directing Hell – A film about Nikos Nikolaidis“, die scheinbar bei den Dreharbeiten zu seinem letzten Film entstand. Hier zeichnen Schauspieler und Weggefährten ein differenziertes Bild des im Grunde sympathischen und einfühlsamen Regisseurs, der bei den Dreharbeiten aber scheinbar zum Despoten mutierte. Ferner findet sich ein 22-minütiges Interview mit Nikolaidis unter den Extras. Da Nikolaidis seine Brötchen auch mit Werbefilmen verdiente, finden sich einige dieser Spots ebenfalls auf der DVD. Unbedingt erwähnenswert ist auch wieder das, diesmal von Gerd Reda verfasste, 12-seitige Booklet, welches bei „Bildstörung“ nie ein bunter Werbe-Flyer, sondern immer ein profundes Essays ist.

DVD-Rezension: “Blut an den Lippen”

Von , 19. Mai 2013 01:32

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Das frisch vermählte Paar Stefan (John Karlen) und Valerie (Danielle Ouimet) fährt nach Ostende, um von dort aus mit der Fähre nach England überzusetzen. Als sie die Fähre verpassen, verbringen sie die Nacht in einem menschenleeren Hotel. Dort treffen auch bald die rätselhafte Gräfin Elisabeth Bathory (Delphine Seyrig) und ihre Begleiterin Ilona (Andrea Rau) ein. Die beiden entwickeln ein großes Interesse an dem jungen Ehepaar. Stefan und Valerie beschliessen, noch ein paar Tage länger in Ostende zu bleiben und das naheliegende Brügge zu besuchen. Dort erfahren sie von einer Reihe mysteriöser Morde an jungen Frauen, die die Stadt in Atem hält. Waren nicht auch gerade die Gräfin und ihre Begleiterin in Brügge?

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Es fällt irgendwie sehr viel schwerer, einen Film wie „Blut an den Lippen“  zu besprechen, der mir schon seit langer Zeit sehr am Herzen liegt, als einfach nur die frischen – positiven oder negativen – Eindrücke nach einer Erstsichtung niederzuschreiben. Darum verabschiede ich mich hier mal von meinen sonstigen Review-Mustern und schreibe diesmal Weiter lesen 'DVD-Rezension: “Blut an den Lippen”'»

DVD-Rezension: „Henry – Portrait of a Serial Killer“

Von , 4. November 2012 21:25

Henry (Michael Rooker) ist ein Serienmörder. Er fährt durch das Land und tötet wahllos. Zusammen mit seinem alten Knastbruder Otis (Tom Towles) wohnt er in einer kleinen Wohnung in Chicago. Eines Tages zieht Otis Schwester Becky (Tracy Arnold) bei ihnen ein. Becky ist fasziniert von dem stillen, schweigsamen Henry. Sie ahnt nicht, was hinter dessen gutaussehender Fassade vor sich geht.

Als „Henry – Portrait of a Serial-Killer“ im Jahre 1990, nach drei Jahren im Regal der Produktionsfirma und einem Jahr im Festival-Zirkus, endlich ins Kino kam, löste er einen Schock aus. In unbehauenen, fast dokumentarisch anmutenden Bildern musste man den Taten des titelgebenden Henry zusehen, für den das Töten so normal ist, wie sich im Geschäft um die Ecke, einen Schokoriegel zu kaufen. Dabei ist der Film – bis auf wenige Ausnahmen – nicht besonders explizit. Aber die Bilder der Opfer, unterlegt mit einer verstörenden Tonspur auf denen verzerrt ihr Todeskampf zu hören ist, macht das Zusehen schwer erträglich. Henry ist kein Monster wie Freddy oder Jason. Er ist der unscheinbare Mann von nebenan. Ein nicht mal unsympathischer, gutaussehender Typ – aber innen drin ein Fleischwolf auf zwei Beinen. Immer bereit in der nächsten Sekunde einen weiteren, bestialischen Mord zu begehen. Gerade dies macht „Henry“ so unangenehm. Er zieht einem die Sicherheit unter den Füßen weg. Normalerweise sehen Killer in Filmen auch wie Killer aus. Dadurch entsteht eine Barriere zwischen ihnen und dem Publikum. Bei Henry ist das anders. Henry könnte auch der Typ, der neben Dir im Kino sitzt, sein und Du sein nächstes Opfer.

Verstärkt wird diese Wirkung noch durch die Figur des Otis. Otis ist ein Proll, wie er im Buche steht und man sieht ihm deutlich an, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Er ist nicht nur äußerlich ein eher unangenehmer, ungepflegter Zeitgenosse, sondern er benimmt sich auch so, wie man es von solch einer Type erwartet. Mit Otis würde man kein Bier trinken gehen und träfe man ihn auf der Straße, würde man darüber nachdenken, die Seite zu wechseln. Nicht so bei Henry. Henry wirkt demgegenüber vollkommen normal, was es für das Publikum noch weitaus unheimlicher und verstörender macht. Man erkennt das Böse nicht mehr, es kann überall sein.

Durch seine ruhige Art, die im krassen Gegensatz zu Otis‘ aufbrausendem Temperament steht, wirkt Henry im Vergleich fast schon sympathisch. Man ist unwillkürlich auf seiner Seite, auch weil der Film keine andere Alternative anbietet. Da ist noch Becky, aber durch ihre naive Art taugt auch sie nicht zur Identifikation. Becky ist auch deutlich als Opfer stigmatisiert, und wer will sich schon mit einem Opfer identifizieren? Nein, der stille, aber höchst charismatische Henry ist es, der uns durch die Geschichte führt. Und gerade darum wirkt die Brutalität und Beiläufigkeit seiner Taten so grenzenlos schockierend. Man lechzt förmlich danach, dass der böse Henry sich besinnt und vielleicht die Liebe seinen Taten ein Ende setzt. Dass Regisseur John McNaughton einem diesen Ausweg verweigert, deprimiert einerseits und macht andererseits Angst. Henry könnte überall und jeder sein. Was kann ihn aufhalten? Nach diesem Film sieht man seine Umwelt mit anderen Augen und dürfte ein ganzes Stück paranoider sein.

Getragen wird McNaughtons Spielfilmdebüt durch eine überzeugende Darsteller-Riege. Allen voran Michael Rooker, der später auf die Rolle des besten Kumpels des Helden abonniert war. Während der Zeit, in der „Henry“ noch auf eine Veröffentlichung wartete, kursierten bereits Filmausschnitte mit Rooker, welche ihm die Türen zu größeren Rollen in größeren Filmen öffneten. Rooker verschmilzt so sehr mit Henry, dass man Mühe hat, den „Henry“ aus dem Kopf zu bekommen, wenn man ihn einmal in anderen Rollen sieht. Er spielt Henry nicht nur, er ist Henry. Auch Tom Towles in der Rolle des Otis weiß zu gefallen, auch wenn seine Psychopathen-Rolle etwas konservativer angelegt ist und Towles dem Affen ordentlich Zucker gibt. Doch er schafft es, dieser irgendwo auch komischen Figur so viel Schmierigkeit und dumpfes Proletentum zu verpassen, dass man sich unangenehm dabei fühlt, ihm zuzusehen. Tracy Arnold als Becky kann ebenfalls vollends überzeugen. Mit ihrer zögerlichen Haltung, der Flucht vor Verantwortung und dem naiven Glauben, dass alles gut wird, gibt sie ein glaubwürdiges Portrait eines „White Trash“-Girl, bei dem Gewalt in der Familie an der Tagesordnung ist und die trotzdem (oder gerade deswegen) immer wieder zu den falschen Männern Vertrauen fasst.

„Henry“ zeichnet ein düsteres, trostloses Bild einer Welt, in der es kein Regulativ gibt (Polizei oder sonstige Ordnungskräfte sucht man vergeblich). Eine Welt aus den Fugen, ohne Moral, in der der Tod blitzschnell und brutal um die Ecke kommen kann und niemand etwas dagegen tun kann. Wo jeder Schritt vor die Tür bedeutet, dass ein Irrer einen ins Visier nehmen kann und auch das eigene Heim keine Sicherheit mehr bietet. Eine Welt ohne Hoffnung, die einerseits wie ein böser Traum, andererseits aber auch sehr real wirkt.

Mit „Henry – Portrait of a Serial-Killer“ ist John McNaughton ein erschreckendes Debüt gelungen, welches, getragen durch starke Schauspieler und einem dreckig-realistischen, manchmal fast dokumentarischen Look, eine brutale Welt ohne jegliche Hoffnung zeigt. Obwohl die Gewalt häufig nur im Off oder aus der Distanz gezeigt wird, geht jede dieser Szenen doch unter die Haut. Unterstützt von einem eindringlichen Sounddesign ist „Henry“ ein gnadenloser Albtraum, den man mit offenen Augen erlebt.

Die Doppel-DVD von Bildstörung ist eine wahre Offenbarung. Hier bleiben keine Wünsche offen, die Edition ist vollgestopft mit interessanten Extras (die das Bonusmaterial der US-amerikanischen Veröffentlichung von MPI/Dark Sky und der britischen von Optimum zusammenfassen) und dürfte als die beste Veröffentlichung dieses Filmes weltweit gelten. Das Bild (in 4:3) ist dem Thema des Filmes angemessen unschön, was aber die Intention des Regisseurs war. Der Look ist rau und blass, und wurde nicht künstlich aufgehübscht, wofür man Bildstörung nur dankbar sein kann.

Die Extras erschlagen einen förmlich: Da ist zunächst ein höchst informatives 53-minütiges „Making Of“, das alle Aspekte der Produktion und der Rezeption des Filmes abdeckt. Zwei lange, zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgenommene Interviews mit John McNaughton (30 und 22 Minuten) ergänzen dieses perfekt. Deleted Scenes und Outtakes (20 Minuten) lassen den interessierten Zuschauer einen noch tieferen Blick in den Film und ursprüngliche Intentionen (wie die homoerotische Beziehung zwischen Otis und Henry, welche für den fertigen Film fallen gelassen wurde) werfen. Um Henrys Vorbild im wahren Leben, Henry Lee Lucas, geht es in einer etwas älteren Dokumentation von 1995 für das US-Fernsehen (26 Minuten). Des Weiteren gibt es noch ein Featurette über die britische Zensurgeschichte des Filmes (15 Minuten), Storyboards (5 Minuten) und einen Audiokommentar von John McNaughton. Nicht unerwähnt bleiben soll auch das – mal wieder – umfangreiche, 23-seitige Booklet, welches einen Beitrag von Stefan Höltgen (ein Auszug aus seinem Buch „Schnittstellen – Serienmord im Film“), die Akte aus dem deutschen Indizierungsverfahren von 1994 und das Schreiben mit der Begründung der Listenstreichung von 2012 enthält. Die Limited Edition enthält darüber hinaus noch eine CD (22 Tracks, 45:30 Minuten) mit dem intensiven, manchmal an John Carpenter erinnernden Soundtrack. Mit anderen Worten: Die perfekte Veröffentlichung! Ich ziehe meinen Hut vor dem Label „Bildstörung“!

DVD-Rezension: „Und erlöse uns nicht von dem Bösen“

Von , 22. Oktober 2012 10:51

Die beiden Klosterschülerinnen Anne (Jeanne Goupil) und Lore (Catherine Wagener) haben ein sehr inniges Verhältnis zueinander und sind von dem Bösen fasziniert. Auch die Sommerferien verbringen die Beiden zusammen. Annes Eltern sind ohne sie in den Urlaub gefahren und Lores Eltern kümmern sich nicht sonderlich um ihre Tochter. Gemeinsam radeln Anne und Lore durch die schöne Landschaft und hecken teuflische Bösartigkeiten aus…

Den Wunsch „Und erlöse uns nicht von dem Bösen“ kann man in diesem blasphemischen Film von 1971 durchaus ernst nehmen. Denn das dringlichste Ziel seiner beiden Protagonistinnen ist es, böse zu sein und sich dadurch von traditionellen, repressiven Systemen wie der Kirche zu lösen.

„Und erlöse uns nicht von dem Bösen“ ist damit das perfekte Begleitstück zu dem tschechischen Nouvelle-Vague-Film „Tausendschönchen“, den das vorbildliche Label Bildstörung bereits im Juli veröffentlicht hatte (Besprechung hier). Hier wie dort geht es um zwei junge Mädchen, die beschließen, nicht mehr nach den Regeln zu spielen und „verdorben“ bzw. „böse“ zu sein. Doch konnte man Marie und Marie im tschechischen Film aufgrund ihrer Kindlichkeit und hemmungslosen Lebensfreude noch Sympathien entgegen bringen, fällt dies bei Anne und Lore schon schwerer. Marie und Marie begründen ihre Rebellion gegen alles noch damit, dass die Welt verdorben sei. Bei Anne und Lore werden zwar die bigotte und unterdrückende Kirche sowie die gleichgültigen Eltern als Motive herangezogen, doch die kompromisslose Bösartigkeit der Beiden scheint durch beides nicht unbedingt gerechtfertigt.

Auch ist ihre Rebellion keine anarchistische Revolte von unten. Anne stammt aus einer reichen Aristokraten-Familie und auch Lore stammt aus einem mittelständischen, guten Elternhaus. Statt nun aber wie soziale Rebellen gegen gesellschaftliche Zwänge und bürgerliche Konventionen aufzubegehren, müssen vor allem die Armen und Schwachen unter ihren Boshaftigkeiten leiden. Ein – von ihnen im Vorfeld schon als Trottel deklarierter – Bauer wird erst von ihnen vorsätzlich zu einem sexuellen Übergriff gereizt, später zünden sie seine Ernte an und amüsieren sich über seine Familie, die sie heimlich als dumm und hässlich beschimpfen. Noch verstörender ist es, wie sie mit einem offensichtlich geistig zurückgebliebenen Diener umgehen, dessen geliebte Vögel sie langsam und qualvoll töten. Der Todeskampf eines Kanarienvogels und das todtraurige Gesicht des Dieners, wenn er seinen gefiederten Freund tot vorfindet, stechen einem direkt ins Herz.

Ebenfalls schwer zu ertragen ist eine Stelle, in der die Mädchen kichernd aus dem Roman „Die Gesänge des Maldoro“ von Lautréamont vorlesen, in dem die Hauptfigur detailliert seine Lust ein Baby zu quälen beschreibt. Diese radikale Abkehr von allem was als „Gut“ bezeichnet wird, macht den Film zu einem gut gezielten Tritt gegen das Schienbein und hinterfragt auf hinterhältige Weise die Faszination des Bösen. Woher kommt es? Wie kann es im Familienschoß unbemerkt erblühen? Die Langeweile des Familienlebens und die Heuchelei der Kirche allein können das brutale, eiskalte Verhalten der Mädchen nicht rechtfertigen. Zumal gerade die Kirchenmänner und -frauen als Witzfiguren und wenig bedrohlich daherkommen. Können vielleicht Bücher mit bösen Gedanken die Seelen Heranwachsender verderben, wenn Kirche und Familie den Acker für die giftige Saat bereiten? Antworten gibt Regisseur und Drehbuchautor Joël Séria keine, und so wirkt das Handeln der Mädchen – die immer aktiv auf ihre Umwelt Einfluss nehmen und mit spielerischer Freude deren dunkelste Begierden hervorkitzeln – nicht irgendwo niedlich (wie in „Tausendschönchen“), sondern wirklich bedrohlich und zutiefst verstörend.

Auch fühlt man sich als Zuschauer sehr unbehaglich, wenn die Mädchen sich entblößen und die Männer aufreizend necken. Zwar waren die Hauptdarstellerinnen Jeanne Goupil und Catherine Wagener zum Zeitpunkt des Drehs bereits 19 und 21, aber sie wirken sehr viel jünger, wie höchstens 14, und damit als frühreife Lolitas ausgesprochen glaubwürdig. Insbesondere Jeanne Goupil als Anne ist ein Naturtalent. Sie, die zuvor nie etwas mit Film zu tun hatte, spielt in „Und erlöse uns nicht von dem Bösen“ so natürlich, verführerisch und hintergründig, dass es einem gleichzeitig fröstelt und in der Magengrube kribbelt. Dagegen kann Catherine Wagener, die Schauspiel gelernt hat, nicht anspielen. Überhaupt hat sie die undankbarere Rolle. Ihre Lore wird, wie der ganze Film, von Anne dominiert. Die Beziehung zwischen beiden ist keine gleichberechtigte Liebschaft, sondern eine Beziehung durch Abhängigkeiten. Anne genießt es, Lore zu manipulieren, Macht über sie auszuüben. Auch wenn sie es Lore nicht direkt spüren lässt. Lore wiederum ist fasziniert von der – auch gesellschaftlich höher stehenden – Anne und lässt sich bereitwillig auf den passiven Part ein. Bezeichnend dafür sind zwei Szenen, in denen Anne Lore mutwillig in Gefahr bringt. Wenn sie den Bauern soweit gereizt haben, dass er über Lore herfällt, verschwindet Anne und treibt lieber die Kühe von der Weide, als ihrer Freundin beizustehen. Auch in der Szene, die zum Mord führt – und die Bauern-Szene spiegelt – sorgt sie dafür, dass Lore mit einem sexuell aufgeheizten Mann alleine bleibt und dessen Opfer wird. Warum tut sie das? Weil sie ihre Lust daraus zieht zu dominieren, zu manipulieren und zu kontrollieren. Wie sie es als Spross einer herrschenden Familie gelernt hat. Sie ist keine rebellische Jeanne D’Arc, sondern eher ein mordender Gilles de Rais.

Man merkt Joël Sérias Erstlingswerk seine Leidenschaft und Wut an. Wie Anne und Lore besitzt auch der Regisseur eine Lust am Zerstören und sei es nur die Moralvorstellung der Zuschauer. In einem, auf der DVD als Extra enthaltenen, Interview räumt er ein, dass der Film viele autobiographische Elemente enthält. Aber auch ohne dieses Wissen merkt man seine Leidenschaft und unbedingten Zwang, diese Geschichte genauso zu erzählen, wie er es tut. Ohne Kompromisse.

Dadurch ist „Und erlöse uns nicht von dem Bösen“ zu einem kleinen, leider fast vergessenen, Meisterwerk geworden, welches stark von der überzeugenden Jeanne Goupil in ihrer ersten Filmrolle geprägt wird. Aber auch darüber hinaus findet der Film hinterhältige Bilder, die sich aufgrund ihrer verführerischen Schönheit ins Gehirn des Zuschauers einfräsen und dort ihre giftige Saat hinterlassen. Fast könnte man bei diesem Film von der Schnittstelle zwischen „Tausendschönchen“ und „Ein Kind zu töten“ (ebenfalls bei Bildstörung erscheinen) sprechen.

Neben dem erwähnten 15-minütigen Interview finden sich auf der wie immer vorbildlich ausgestatteten Bildstörung-DVD noch die beiden Dokumentationen „Advokat des Teufels“ – ein 12-minütiges Interview mit Jeanne Goupil – und „Höllische Kreaturen“ (ebenfalls 12 Minuten), in dem der Autor Paul Buck über die Gemeinsamkeiten der Filmhandlung und dem realen Mordfall Pauline Parker/Juliet Hulme (von Peter Jackson als „Heavenly Creatures“ mit Kate Winslet verfilmt) spricht. Wie auch das Interview, sind diese Extras der US-amerikanischen „Don’t Deliver Us From Evil“-Ausgabe aus dem Hause Mondo Macabro entnommen.

Eine deutsche Tonspur liegt nicht vor, obwohl in dem Interview mit Joël Séria eine Kinoauswertung in Deutschland erwähnt wird. Im Gegensatz zu den „Bildstörung“-Veröffentlichungen davor, gibt es diesmal keine Limited Edition mit dem Soundtrack. Was schade ist, denn Claude Germain und Dominique Neys Musik ist wirklich ein wunderschöner Ohrwurm.

DVD-Rezension: “Tausendschönchen”

Von , 16. August 2012 17:17

Die Welt ist verdorben, also beschließen die beiden jungen Mädchen Marie und Marie, ebenfalls so verdorben wie möglich zu sein. Sie nehmen ältere Herren aus, stopfen sich mit Essen voll, machen sich über andere lustig und einmal zerschneiden sie sich auch gegenseitig. Die Welt von Marie & Marie ist vollkommen aus den Fugen, kann das ein gutes Ende mit den beiden nehmen?

Im Film „Tausendschönchen“ der tschechischen Regisseurin Vera Chytilová regieren Anarchie und Chaos. Doch anders als in Filmen mit einem männlichen Blickwinkel, drücken sich diese nicht durch Hass und Gewalt aus, sondern durch einen verspielten Zerstörungstrieb, der auf merkwürdige Art positiv und lebensbejahend wirkt.

In einigen Reviews werden Marie I (Ivana Karbanová als eine Mischung aus Kobold und Elfe) und Marie II (die niedliche Jitka Cerhová, die entfernt an die sehr junge Claudia Cardinale erinnert) mit Pippi Langstrumpf und ihrem anarchistischen Motto „Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“ verglichen. Viel mehr aber noch erinnern die beiden an ein, ebenfalls gegen die gesellschaftlichen Konventionen aufbegehrendes, Pärchen aus deutschen Landen: Wilhelm Buschs Max & Moritz, Wie diese denken sich Marie & Marie ständig Schabernack, nur um des Schabernacks willen, aus. „Die Welt ist verdorben, also wollen wir es auch sein“. Das ist ihr Motto. Eine andere Agenda haben sie nicht. Keine politischen Ideale, nur der eigene Spaß ist ihr Antrieb. Somit ist der Film auf interessante Weise ambivalent und lässt sich gleich auf zwei Arten lesen. Sind Marie & Marie Revoluzzer? Rebels without a cause? Revoltieren sie gegen die Moralvorstellungen und Werte der Gesellschaft und nehmen sich, was ihnen zusteht, aber von der Obrigkeit verweigert wird? Oder sind sie, im Gegenteil, rücksichtslos hedonistische Kapitalisten, denen ihre Umwelt egal ist, solange sie nur das bekommen, was sie in zügelloser Gier verschlingen können (man denke hier nur an die zahlreichen Ess-, ja Fressszenen). Gerade die Schlussszene, in der sie minutenlang Essen in sich hineinstopfen, damit herumwerfen und es schließlich lustvoll zertreten, würde solch einen, eher konsumkritischen, Ansatz durchaus bestätigen. Am Ende ergeht es ihnen dann, wie den bereits angesprochenen Max & Moritz. Sie werden zwar nicht zerschreddert und von Hühnern aufgepickt, aber ihr Ende ist doch ähnlich konsequent. Aufruf zur Rebellion gegen Moral und Werte oder gerade Kritik daran, das kann jeder für sich entscheiden.

Ebenso, ob er die beiden jungen Protagonisten nun amüsant oder nervig findet. Auch hier sind beide Lesarten erlaubt. Worüber aber Einigkeit herrschen sollte, ist, dass „Tausendschönchen“ ein vor Lebensfreude und verrückten Einfällen übersprudelnder Film ist. Denn Anarchie und Chaos regieren nicht nur in der Welt von Marie & Marie, sondern auch die Bildsprache Vera Chytilovás. In „Tausendschönchen“ probiert sie alle denkbaren und auch undenkbaren Filmtechniken aus. Das kann in einem Moment an ihren großen Landsmann Jan Svankmajer erinnern, in dem nächsten dann an Buñuel. An den filmtheoretischen Godard Mitte/Ende der 60er oder Louis Malles grandiosen „Zazie“. Auch vor Experimentalfilmtechniken scheut Frau Chytilová nicht zurück. Überbelichtung, Super8, Farbmanipulationen. Was immer Vera Chytilová gerade in dem Kopf kommt, wird in explosive Bilder umgesetzt. Und nicht nur im Bild, sondern auch auf der Tonspur schöpft Vera Chytilová aus dem Vollen und kommentiert einige Szenen durch verfremdete, überlaute oder ironische Geräusche und Musik. Sie agiert hier ebenso sprunghaft, provozierend und mit der gleichen „Lass-uns-mal-machen“-Attitüde wie ihre beiden Heldinnen. Sie zerschmettert mit einer kindlich-diabolischen Freude konventionelle Erzähltechniken und ersetzt sie durch ein Feuerwerk an intuitiven Experimenten.

Neben Marie & Marie gibt es keine anderen Hauptcharaktere in diesem Film. Ab und zu werden alternde Galane gezeigt, die von den Beiden skrupellos ausgenommen werden. Einmal verliebt sich ein Schmetterlingssammler in Marie I, nur um von den Beiden umgehend lächerlich gemacht zu werden. Und in einer eindrucksvollen Slapstick-Szene verderben die Zwei einem Tänzer-Pärchen den Auftritt, indem sie sich hemmungslos betrinken und durch ihr Geblödel die Aufmerksamkeit des Publikums allein auf sich lenken.

Am Ende treffen sie auf einen Bauern und auf mehrere ältere Arbeiter, die mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Für Marie & Marie unfassbar, werden sie von diesen Menschen vollkommen ignoriert. Stehen diese Menschen für das Alter, die Konservativen? Diejenigen, die mit den Bedürfnissen und Wünschen der Jugend nichts anfangen können und für die diese somit unsichtbar bleiben? Oder – wiederum denkbar – für die Menschen, die täglich um ihren Lohn kämpfen müssen und schon von daher mit dem Egoismus und der Verdorbenheit um der Verdorbenheit willen nichts anzufangen wissen. Wiederum lässt der Film beide Deutungen zu. Marie & Marie – Helden des Protests oder verantwortungslose Übertäter. Genauso wie einst bei Wilhelm Busch, bleibt das dem Zuschauer und seiner Einstellung überlassen. Und wie bei Max & Moritz ist nur eins gewiss: Alles Handeln hat seine Konsequenzen.

Wieder einmal kann man das Label „Bildstörung“ nicht genug in den Himmel loben. Nicht nur bringen sie ein weiteres Juwel der tschechischen Nouvelle Vague (nach „Der Leichenverbrenner“ und „Valerie – Eine Woche voller Wunder“ nun schon der dritte Titel!) endlich auch in Deutschland Markt. Nein, der Film wird auch in solch einer hervorragenden Bildqualität präsentiert, dass ich oftmals dachte, ich hätte die BluRay eingelegt. Um das Paket dann noch perfekt abzurunden, gib es, neben einem Audiokommentar von Daniel Bird und Peter Hames, noch eine sehr informative, 27-minütige Dokumentation mit dem Titel „Ungezogene junge Leute“ und ein 24-seitiges Booklet mit zwei höchst informativen Essays von Martin Gobbin und Daniel Bird. Wahlweise kann man den Film im Original mit deutschen Untertiteln oder in einer deutschen Synchronfassung sehen. Wobei die Untertitel vorzuziehen sind, auch wenn diese zeitweise leicht vom Originaltext abweichen – soweit ich das mit meinen nur sehr begrenzten Tschechisch-Kenntnissen beurteilen kann. Die deutsche Synchronfassung ist solide, klingt aber etwas „künstlich“.

Die Amaray steckt wieder in einem stabilen Schuber, der mit einem wunderhübschen Covermotiv verziert ist. Das verunstaltende FSK Logo kann man dadurch loswerden, dass man die äußere Hülle des Schubers entfernt. Darunter befindet sich das Motiv noch einmal in ganzer Pracht und ohne störendes FSK16-Siegel. Wer ein paar Euro mehr für die Limited Edition auf den Tisch legt, erhält noch die Soundtrack-CD dazu. Diese enthält auf 33:33 Minuten verteilte 17 Tracks, die ebenso eigenwillig sind, wie der Film selber. Zu hören sind zumeist zirkusartige Melodien, die an Fellini-Filme erinnern oder experimentelle Stücke. Bravo, Bildstörung und danke. Ich hoffe, dieses Nischen-Label bleibt und noch lange erhalten und versorgt den Filmliebhaber weiterhin mit solch interessanten Fundstücken der Filmgeschichte. Als nächste Veröffentlichungen sind der französische „Don’t Deliver Us From Evil“ und „Henry – Portrait of a Serial-Killer“ angekündigt.

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