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Blu-ray-Rezension: „Der Boxer und der Tod“

Von , 20. Juni 2018 06:38

Durch einen Zufall findet der Hobbyboxer und jetzige KZ-Kommandant Kraft (Manfred Krug) heraus, dass der von ihm zum Tode durch Erschießen verurteilte Häftling Komínek (Štefan Kvietik) ebenfalls einmal Boxer war. Kraft setzt Komíneks Exekution aus, um ihn als Sparringspartner für einen kleinen Übungskampf zu nutzen. Der ausgemergelte und kraftlose Komínek hält allerdings keine Runde durch bevor er auf die Bretter geht. Damit unzufrieden und gelangweilt vom einsamen Training gegen den Sandsack gewährt Kraft Komínek in den nächsten Wochen alle Freiheiten, damit dieser zu Kräften kommt und einen ernsthaften Gegner abgibt. Im Lager sorgt Komíneks privilegierter Status allerdings zunehmend für Spannungen…

Mit „Der Boxer und der Tod“ setzt Bildstörung seine Reihe mit Veröffentlichungen von fast vergessenen Meisterwerken fort, die es verdienen von neuen Generationen entdeckt zu werden. Zudem zeigt Bildstörung auch wieder ein großes Herz für das tschechoslowakische Kino, wo noch zahlreiche Juwelen darauf warten, ausgegraben und auf Hochglanz poliert zu werden. „Der Boxer und der Tod“ ist solch ein Juwel. Der slowakische Film basiert auf einer Kurzgeschichte des polnischen Schriftstellers und Dramaturgen Józef Hen, Der multilinguale Film wurde mit deutschen, slowakischen, tschechischen und polnischen Schauspielern realisiert. Der Autor der Vorlage, Józef Hen, schrieb zusammen mit Drehbuchautor Tibor Vichta und Regisseur Peter Solan das Drehbuch. Gedreht wurde vor Ort in einem 1941 errichteten, ehemaligen jüdischen Arbeitslager nahe der slowakischen Stadt Nováky. Etwas, was man dem Film interessanterweise auch anmerkt. Es liegt ein trister Realismus in der Luft, auch ohne dass man weiß, dass die Kulissen echt sind.

Regisseur Peter Solan ist niemand, an den man als erster denkt, wenn es um das Kino der CSSR geht. Da sind seine tschechischen Kollegen wie Miloš Forman, Juraj Herz oder Jiří Menzel sehr viel präsenter. Umso lobenswerter, dass Bildstörung ihn nun wieder entdeckt hat. In dem spannenden Interview welches in den Extras zu finden ist, schwärmt Filmhistoriker Olaf Möller von Solan und seinem Werk, und er lädt dazu ein, sich näher mit dem Werk dieses außergewöhnlichen Regisseurs zu beschäftigen. In „Der Boxer und der Tod“ nutzt Solan einen ebenso minimalistischen, wie präzisen Stil. Da gibt es kein Zierrat. Keine denkwürdigen, besonders aufwändig komponierten Einstellungen. Nichts, was allein dem Auge schmeichelt. Dafür sind seine Bilder unglaublich exakt. Jedes Bild für den Film unverzichtbar und genau auf den Punkt. Und unter den Bildern schafft Solan eine ganze Welt, die sich im Kopf des Zuschauers zusammensetzt. Wenn Komínek zum Kommandanten gerufen wird, kommt er an einem Zaun vorbei, hinter dem eine Gruppe zivil gekleideter Häftlinge wartet. Frauen, Kinder, Alte. Mit ihren Koffern und dem wenigen, was ihnen an Hab und Gut geblieben ist. Kurze Zeit später kommt Komínek wieder an dem Zaun vorbei und die Menschen sind weg. Nur ihre Habseligkeiten liegen verstreut am Boden. Im Hintergrund quillt dicker schwarzer Rauch aus einem Schornstein. Da muss Solan gar nicht das Schicksal der Opfer ausformulieren. In diesen kargen Bildern ist alles gesagt. Und sie hinterlassen einen dicken Knoten im Magen des Zuschauers.

Später wird Solan das Bild der qualmenden Schornsteine noch einmal nutzen. Krafts Ehefrau Helga (Valentina Thielová) lamentiert, wie böse die Menschen doch sein können. Kraft solle das endlich einsehen: „Die Menschen sind so gemein“. Natürlich meint sie damit den Offizier Holder, welcher Intrigen gegen Kraft spinnt und scheinbar dessen Position einnehmen will. Und die Leute Zuhause, die Kraft nicht den Respekt zollen werden, wenn sie von Krafts Verbindung zu Kominek hören. Um Hintergrund verdunkelt sich der Himmel im schwarzen Rauch der armen Seelen, die Kraft in den Tod geschickt hat. Die verbrannten Körper der Kinder, der Frauen, der Schwachen, der Opfer. Vielleicht trägt Solan hier in dieser Szene einmalig etwas dick auf, doch diese grausame Relativierung, dieses Vergessen der Leiden der Opfer und das Bagatellisieren dadurch, dass man seine eigenen, profanen Probleme über das Leben der anderen, der „Fliegen“, wie sie Kraft abwertend nennt, ist ein Thema, welches heute noch aktuell ist. Wenn man sich selber als Opfer stilisiert, weil man keine Arbeit hat und gleichzeitig für den grausamen Tod kleiner Kinder, die hilflos im Mittelmeer ertrinken und deren kleine, leblosen Leiber am Strand angespült werden noch nicht einmal ein Schulterzucken übrig hat. Nein, natürlich hat derjenige, der so reagiert die Kinder nicht eigenhändig ersäuft. Aber auch Krafts Ehefrau hat niemanden in die Gaskammern geschickt. Sie nimmt es aber hin, weil ihr das Leben der anderen nichts wert ist. Weil diese Anderen außerhalb ihrer kleinen Welt, die nur um sich selbst kreist, existieren.

Solans großer Verdienst und die Stärke seines Films ist es, dass er plumpe schwarz-weiß-Malerei vermeidet. Man kann heute nicht mehr nachvollziehen, was die Besetzung des Lagerkommandanten Kraft durch Manfred Krug damals bedeutete. Heute ist Krug natürlich durch seine zahlreichen Rollen im West-TV eine Marke. Schauspieler und Rollen verschwimmen. Daher ist es erst einmal ein kleiner Schock Krug als Nazi zu sehen. Zumal er den Kraft ebenso jovial, kumpelhaft und präsent anlegt, wie später beispielsweise seinen „Liebling Kreuzberg“. Auch diese gewisse Selbstverliebtheit Krafts, ist in Krugs späteren Rollen auch immer präsent. Da Krug heute aber durchweg positiv besetzt ist, strahlt dies auch auf Kraft ab. Der mitnichten wie ein Monster daher kommt, obwohl er ohne mit den Wimpern zu zucken Erschießungen und Folterungen anordnet. Obwohl klar ist, dass er Kominek in erster Linie als privates Spielzeug hält, um sich immer wieder selbst als ach so großer Boxer zu bestätigen. Trotzdem scheint immer wieder der Mensch (oder vielmehr auch der Typ Manfred Krug, wie wir ihn als TV-Figur kennen) unter der Uniform hervor. Einer, der sich unter anderen Umständen vielleicht tatsächlich mit Kominek hätte befreunden können. Der aber jetzt, mit Uniform und Macht versehen, sich in der Rolle des „Übermenschen“ gefällt. Ebenso ambivalent ist der Deutsch-Slowake Willie gezeigt. Der einerseits scheinbar aufrichtige Sympathien für Kominek hegt, freundlich und lustig daher kommt, ihn aber auch gleichzeitig für seine eigenen Zwecke skrupellos ausnutzt und ihn immer wieder in seine „Schranken“ weißt. Allein Gerhard Rachold als Holder, der typischer intriganter Karriere-Nazi und Józef Kondrat als gütig-verschmitzter polnischer Boxlehrer sind eindeutiger den Seiten Gut und Böse zuzuordnen.

Der slowakische Schauspieler Štefan Kvietik ist das heftig pochende Herz des Filmes. Kvietiks ausdrucksstarkes Gesicht, welches tatsächlich einem Boxer gehören könnte, spiegelt gleichzeitig Verzweiflung und Hoffnung, Resignation und Wut, Furcht und Mut. Sein Kominek wird zunächst getrieben von dem bloßen Impuls zu überleben. Später, wenn er zu Kräften kommt, scheint er förmlich zu erwachen. Mit der Kraft kehrt auch der Tatendrang zurück. Doch immer wieder wird er von der Angst niedergedrückt. Er weiß, er könnte Kraft jederzeit besiegen – trotzdem fügt er sich seinem Schicksal und geht klaglos auf die Matte. Gleichzeitig versucht er im Kleinen etwas zu ändern, wohl wissend, dass seine Möglichkeiten sehr begrenzt sind. Immer wieder versucht er schüchtern in gebrochenen Deutsch so etwas wie eine Beziehung zu Kraft aufzubauen, um diesen ebenso zu nutzen, wie Kraft ihn nutzt. Sich als Individuum und nicht nur als „Fliege“ bemerkbar zu machen. Diese Annäherung fängt Solan in seinem Film sensibel ein. Letztendlich weiß Kominek, dass er nur Überleben kann, wenn er es schafft, dass Kraft ihn als seelenverwandten Sportler in seinen von pathetischen Sportsgeist (Fluchtversuche und Widerstand straft Kraft als „Fouls“ mit tödlichen Konsequenzen ab) und verklärter Boxer-Romantik triefenden Weltsicht wahrnimmt. Nie würde Kominek Kraft als „Freund“ bezeichnen und er weiß auch, dass Kraft ihn nie als Freund, wohl aber als „Sportkameraden“ ansehen würde. Und dass jeder Schritt, jedes Wort, jeder Schlag Kraft dazu bringen kann, Kominek fallenzulassen. Wie Kominek vorsichtig versucht Kraft zu manipulieren, und dabei seinen eigenen Stolz, sein eigenes Grauen, sein eigenes Leid herunterschluckt, liest sich eindrucksvoll in Štefan Kvietik subtilere Darstellung.

Wieder einmal hat Bildstörung eine absolute Referenzveröffentlichung vorgelegt. Das schwarz-weiße Bild ist gestochen scharf und klar. Der Ton sauber und sehr klar. Im Film wird Deutsch, Slowakisch und Polnisch gesprochen, wobei die slowakischen und polnischen Dialoge deutsch untertitelt werden. Neben der Blu-Ray mit dem Film ist noch eine DVD beigegeben, die randvoll mit fast zwei Stunden an Extras steckt. Den Hauptanteil macht hier ein einstündiges Interview mit Regisseur Peter Solan aus, welches kurz vor seinem Tod im Jahr 2013 aufgenommen wurde. „Die Woche im Film“ ist ein zeitgenössisches Werbe-Featurette. Solans unter die Haut gehender achtminütiger Kurzfilm „Deutschdorf“ aus dem Jahr 1974 zeigt Handkamera-Aufnahmen von Wiesen an einer Autobahn, unterlegt mit Schilderungen der hier stattgefundenen von Tötungen Unschuldiger aus der Perspektive der Täter. In einem 10-minütigen Feature doziert der aus Bratislava stammende Filmwissenschaftler Martin Kaňuch darüber, wie „Der Boxer und der Tod“ den slowakischen Film in den 60er Jahren verändert hat. Sehr gut hat mir ein weiteres, 24-minütiges filmhistorisches Feature gefallen, in dem Olaf Möller (dem ich sowieso stundenlang zuhören könnte) „Der Boxer und der Tod“ und dessen Wirkung analysiert seine und dabei noch einmal die Qualitäten seines Regisseurs herausstellt. Sehr schön fand ich ferner, dass das umfangreiche, 20-seitige Booklet nicht die Inhalte der beiden Features variiert, sondern einen ganz anderen Weg geht. Hier widmet sich der Sportjournalist Martin Krauss dem heute kaum bekannten Themas „Sport in Konzentrationslagern“. Dieses ist mitnichten eine Erfindung solcher Filme wie „Flucht oder Sieg“ oder eben „Der Boxer und der Tod“, sondern ein ganz reales Kapitel der grauenvollen Geschichte der KZs. Er schreibt hier auch nicht nur über Tadeusz Pietrzykowski, auf dessen Leben „Der Boxer und der Tod“ basiert, sondern auch viele andere Boxer, die ein ganz ähnliches Schicksal erlitten. Für uns Bremer dabei besonders interessant das Schicksal von Rukeli „Gipsy“ Trollmanns, dessen Leidensgeschichte der Bremer Filmemacher Eike Besuden als Doku-Drama verfilmt hat.

Blu-ray-Rezension: „Entertainment/The Comedy“

Von , 11. April 2018 17:38

Ein namenloser Stand-Up-Comedian (Gregg Turkington ) befindet sich auf einer kleinen Tournee durch den Südwesten der USA. Er spielt in Gefängnissen, auf Privatparties und kleinen Clubs. Seine unlustig-geschmacklosen Auftritte enden regelmäßig in der Beschimpfungen des Publikums, was ihm auch schon mal handfesten Ärger einbringt. Jenseits der Bühne treibt er antriebslos durch den Tag, trifft Menschen mit denen er aber zu keiner Kommunikation fähig ist und spricht abends seiner Tochter Maria auf den Anrufbeantworter. Sie hofft er am Ende der Tour treffen zu können.

Wenn es einen irreführenden Titel gibt, dann ist es „Entertainment“ für Rick Alversons vierten Film. Ähnlich wie in Paul Wellers großartigen The-Jam-Song „That’s Entertainment“ ist „Unterhaltung“ hier nur zutiefst sarkastisch zu begreifen. Oder aber als Deckmantel für eine tief darunter liegende Traurigkeit und bodenlose Verzweiflung. „Entertainment“ folgt einer innerlich durch und durch toten Figur, die im Abspann des Filmes nur „The Comedian“ genannt wird. Gespielt wird der Comedian von Gregg Turkington, der im wahren Leben die Bühnenfigur „Neill Hamburger“ erfunden hat, welche mit dem Comedian des Films identisch ist. Wie uns das gelungene und aufschlussreiche Booklet dieser aktuellen „Bildstörung“-Veröffentlichung lehrt, gehört „Neil Hamburger“ zu der Bewegung des Anti-Humors. Einer in den USA spätestens seit Andy Kaufman recht populären Humor-Gattung, die darauf abzielt, dem Publikum absichtlich die Pointe vorzuenthalten und gerade den schlechten Auftritt und misslungene Witze zelebriert.

Im Film bekommen die schrecklichen Auftritte des Comedians aber noch eine andere Bedeutung. Nur durch sie tritt er mit der Außenwelt in engeren Kontakt, lässt (wenn auch negative) Gefühle zu. Nutzt seine Rolle, um seinen Hass, seinen Ekel und seine Verzweiflung in die Welt heraus zu schreien. Kurzzeitig etwas zu spüren, was sich irgendwie wie Lebendigkeit anfühlt. Seine Witze sind nicht nur vollkommen unkomisch, sondern beleidigend, unglaublich geschmacklos und aggressiv. Aber man sieht seine Augen aufblitzen, die Adern anschwellen und in der Tat so etwas wie Leben in diesem zerstörten Mann, dessen Seele zu nahezu keiner Regung mehr fähig ist. Jemand, der sich vollkommen aufgegeben hat und wie eine Zombie durch eine ebenso abweisende, wie kalte Welt streift. An seinen Auftrittsorten irgendwo in der schroffen und kargen Mojave-Wüste, einem Spiegelbild seiner Seele, schließt er sich Touristengruppen an, die bizarre Flugzeugfriedhöfe oder Geisterstädte besichtigen. Dabei ist er aber nie Teil der Gruppe, sondern selbst hier jemand, der sich nur am Rand und darüber hinweg bewegt. Als er von zwei YouTubern um ein Interview mitten in der Wüste gebeten wird, sagt er erst zu, rennt dann aber davon, bevor die Jungs ihr Equipment aufgebaut haben. Selbst eine Zufallsbekanntschaft in einem Hotel endet nicht mit trauter Zweisamkeit, sondern gemeinsamen Starren aus dem Fenster.

Alverson stellt seinen Protagonisten dabei in wundervoll komponierte Bilder, welche teilweise an das Werk von Roy Anderson erinnern. Noch so ein großer Melancholiker und gnadenloser Beobachter menschlicher Einsamkeit. Erst ein schockierendes Erlebnis, welches auch den Zuschauer aus der Bahn wirf, schafft es einen Riss in seinem versteinerten Inneren zu erzeugen, welcher dann plötzlich aufbricht und in einem verzweifelten Ausbruch endet. Ob dieser aber zu einer Katharsis oder der deprimierende Einsicht führt, dass das eigene Leben leer und sinnlos ist, verrät Averson nicht.

Rick Alverson ist mit „Entertainment“ ein ebenso beeindruckender, wie todtrauriger und deprimierender Film gelungen. Dass Averson zu den interessantesten Stimmen des US-amerikanischen Indie-Films gehört, scheint sich herum gesprochen zu haben. Für „Entertainment“ konnte er große Namen gewinnen, die vollkommen in ihren Rollen aufgehen. Der wie immer großartige John C. Reilly spielt den jovialen Cousin, der zwar eine riesige Orangenplantage sein eigenen nennt, aber keinerlei echte Empathie für sein Gegenüber aufbringen kann. Tye Sheridan, der gerade in Steven Spielbergs Big-Budget-Extravaganza „Ready Player One“ die Hauptrolle spielt, gibt hier einen derben Clown, der im Vorprogramm des Comedian auftritt, ebenso geschmacklos agiert, aber damit mit sich vollkommen im Reinen ist. Und Michael Crae, der Scott Pilgrim, der gegen die Welt gekämpft hat, spielt einen unsicheren Stricher.

Wunderbarerweise hat Bildstörung nicht nur „Entertainment“, sondern auch dessen direkten Vorgänger „The Comedy“ mit auf seine Veröffentlichung gepackt. War war der Titel „Entertainment“ schon eine gnadenlose Übertreibung, so führt einen auch „The Comedy“ auf die falsche Fährte. Es sei denn, man assoziiert den Titel mit Dantes göttlicher Komödie und den Besuch der Höllenkreise. „The Comedy“ handelt von Swanson (Tim Heidecker) und seinen Freunden. Reiche und gelangweilte Hipster, die außer kindischen Spielen, aus dem Ruder laufenden Parties und sich selbst nicht viel im Kopf haben.

Ist der Comedian aus „Entertainment“ innerlich tot, so ist Swanson vollkommen leer. Diese Leere versucht er zu füllen, indem er entweder auf Konfrontation mit anderen geht und ihnen böse, ganz und gar unkomische Streiche spielt – oder in Rolle eines anderen schlüpft. Eines Menschen, der in der sozialen Leiter weiter unter ihm steht. So gibt er sich spontan als Gärtner aus und beteiligt sich kurz an schweißtreibender Gartenarbeit, überredet einen Taxifahrer ihm seinen Wagen gegen eine große Geldsumme zu überlassen, um selber Taxifahrer zu spielen oder heuert als Tellerwäscher in einem Diner an. Zwischendurch beleidigt er andere oder zieht in grotesken Dialogen mit einem schmierigen Immobilen-Menschen („Entertainment“s Gregg Turkington) über Minderheiten und Obdachlose her. Seine Freunde sind auch nicht besser. Keiner von ihnen scheint ein Leben zu haben. Wenn sie sich treffen, ist das Ziel Exzess. Oder sie picken sich den Schwächsten in ihrer Gruppe heraus, um ihn zu erniedrigen. Oder alles beides.

Warum sollte man sich also für 93 Minuten diese Arschlöcher ansehen? Weshalb an einem Typen interessiert sein, der sich unverhohlen mit faschistischen Sozialdarwinismus begeistert und sich quasi per Stand, also dem Geld seines Vaters, für etwas besseres hält. Der sich daraus das Recht ableitet, sich alles herausnehmen zu dürfen? Weil Averson unter der abstoßenden Oberfläche, hinter der Fassade dieses Typen, dessen weit aufgeknöpfte Hemd sich über die Wampe spannt, der immer in viel zu kurzen Shorts herum läuft, etwas spürbar macht.

Für Swanson kann man eigentlich nur Verachtung und Wut übrig haben. Aber Averson macht in diesem Swanson auch immer wieder diese große, todtraurige Leere fühlbar und wirft sie auf den Zuschauer zurück. Und der fühlt ein Teil davon vielleicht auch in sich selbst. Nur so kann man auch Szenen wie jene ertragen, in der Swanson ungerührt mit einer undefinierbaren Mischung aus Desinteresse und Faszination eine junge Frau beglotzt, die während einer gerade beginnenden Liebesnacht einen heftigen epileptischen Anfall erleidet (wobei Averson offen lässt, ob Swanson diesen nicht vielleicht bewusst herbeigeführt hat), ohne Swanson ins Gesicht spucken zu wollen. „The Comedy“ ist ein Film, den man nicht mögen will, nicht mögen kann. Der einen aber noch lange beschäftigt mit der Frage: Steckt vielleicht ein Teil von Swansons auch in mir?

Unter den vielen kleinen Filmlabels, die immer wieder hochspannende Filme der Öffentlichkeit zugänglich machen und viel Liebe und Mühe in ihre Veröffentlichungen stecken, ragt Bildstörung schon immer hervor. Der Ruf, das deutsche Criterion oder zumindest das Pendant der britischen Mastrs of Cinema-Reihe zu sein, wird Bildstörung gar nicht gerecht, da die Filmauswahl sogar noch mutiger erscheint, als bei den internationalen Kollegen. So wurden in der Vergangenheit so vollkommen unterschiedliche Filme – Czech New Wave, Aleksey Germans „Es ist schwer ein Gott zu sein“, Zbynek Brynychs fast vergessener „Die Weibchen“, aber auch kontroverses wie die großen Jodorowsky-Filme, Walerian-Borowczyk-Werke oder Agustí Villarongas „Im Glaskäfig“ herausgebracht. Was diese Filme eint? Dass sie durch die Bank hochklassige und hochspannende Filme sind, die zeigen, wozu mutiges, kompromissloses und innovatives Kino fähig war und heute noch ist. Obwohl der Hauptoutput in den 60er und 70er Jahren liegt, bringt Bildstörung aber auch immer wieder brandaktuelle Filme, wie kürzlich auch Nikias Chryssos‘ wunderbaren „Der Bunker“, die sich nahtlos in die Reihe einfügen. Und dies immer in höchster Qualität. Das Bild der „Entertainment“-BluRay ist messerscharf und von großer Schönheit. Auch aus „The Comdey“ wurde das Optimum herausgeholt. Der Ton liegt bei beiden Filmen lediglich in Englisch vor, dafür können.jeweils deutsche Untertitel zugeschaltet werden. An Extras gibt es bei „Entertainment“ 16 Minuten mit Deleted Scenes (optional mit deutschen Untertiteln) und den Trailer. „The Comedy“ kann demgegenüber mit einem Audiokommentar mit Regisseur Rick Alverson und Hauptdarsteller/Co-Autoren Tim Heidecker aufwarten. Daneben gibt es ebenfalls Deleted Scenes (20 Minuten) und den Trailer. Sehr schön ist auch das 16-seitige Booklet mit interessanten und informativen Texten von Caveh Zahedi und Thorsten Hanisch geworden.

Blu-ray-Rezension: „Laurin“

Von , 12. Dezember 2017 15:39

Im einer kleinen, norddeutschen Hafenstadt Anfang des 20. Jahrhunderts, verschwindet eines nachts ein kleiner Zigeunerjunge. Zur selben Zeit kommt Flora (Brigitte Karner), die Mutter der 9-jährigen Laurin (Dóra Szinetár), unter mysteriösen Umständen ums Leben. Einige Zeit vergeht, da kehrt der junge Van Rees (Károly Eperjes), der Sohn des tyrannischen Dorfpastors (Endre Kátay) in den Ort zurück und wird von seinem Vater zum neuen Lehrer des Ortes gemacht. Laurin lebt mittlerweile allein bei ihrer kränkelnden Großmutter (Hédi Temessy), denn der Vater ist schon lange wieder zur See gefahren. Laurin von Visionen gequält und verdächtigt den neuen Lehrer, mit den Ereignissen der schicksalsschweren Nacht in Verbindung zu stehen. Gemeinsam mit ihrem gleichaltrigen Freund Stefan (Barnabás Tóth), macht sie sich auf, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen…

Ich weiß nicht, ob ich „Laurin“ damals bei seiner ersten Fernsehausstrahlung sah. Wahrscheinlich nicht, denn daran sollte mich erinnern können. Trotzdem hatte ich nun, da ich „Laurin“ das erste Mal ganz bewusst sah, das Gefühl, ich würde ihn kennen. Nicht wegen bestimmter Szenen, Bilder oder anderen, konkreten Erinnerungsfetzen. Nein, es war dieses Gefühl, das ich kannte. Dieses diffuse, seltsame Gefühl aus der Kindheit, wenn man etwas sah, was einen beunruhigte, ja ängstigte, aber gleichzeitig ungeheuer faszinierte.

Da war einmal „Das Haus der Krokodile“, diese TV-Serie mit Tommy Ohrner, die ich wahrscheinlich bei der zweiten Wiederholung 1981 sah. Ich weiß noch, wie mich die unheimlichen Augen, die ein unter mysteriösen Umständen verstorbenes Kind gemalt hatte, in den Schlaf verfolgten. Eigentlich verfolgen sie mich bis heute. Wie die Handlung der Serie auf meinen Alltag übergriff und unser Haus sich plötzlich nicht mehr sicher anfühlte, weil da vielleicht irgendwo auf dem Dachboden etwas lange Vergessenes lauern konnte. Dieses latente Gefühl der Bedrohung, welches mich nachts nicht schlafen ließ. Und gleichzeitig die Ungeduld, die Spannung, wie es denn in der Serie weitergehen wird. Diese Melange aus Ängstlichkeit und Sehen wollen, die im Magen ebenso sehr feurige Wärme, wie eisige Kälte hervorruft. Heiß, kalt – stimulierend. Oder „Mandara“. Noch so eine Kinderserie, die vielleicht noch gar nichts für meine zarte Seele war. Wo die Macher tatsächlich den Mut hatten, die kindlichen Helden nach der Hälfte Folgen einfach sterben bzw. den Bösen verfallen zu lassen. Ein Schock, von dem ich mich lange nicht erholen konnte. Der Ängste schürte, über die ich mir damals noch keine Gedanken machen wollte. Der Horror, das wohlige Gruseln.

Was hat das alles mit „Laurin“ zu tun? „Laurin“ erinnerte mich an diese Empfindungen aus meiner Kindheit. Denn auch „Laurin“ könnte ein solcher Kinderfilm sein. Ein sehr dunkler Kinderfilm. Seine Protagonisten sind ungefähr sind in dem Alter, in dem ich damals war, als oben genannte Serien an etwas in mir zerrten und es aufweckten. Sie werden mit schrecklichen Dingen konfrontiert. Märchenhafte Dinge. Der schwarze Mann. Ein archaische Sagengestalt, die Kinder fängt und verschleppt (wie man es in „Laurin“ in einer Buchillustration sehen kann). Sie müssen sich plötzlich mit etwas auseinandersetzten, was in der geborgenen Kinderwelt noch keinen rechten Platz hat: Dem Tod. Den der Eltern, der Freunde, der eigene Tod. Und sie müssen Mittel finden, damit umzugehen. Ihm entgegenzutreten oder sich mit ihm zu arrangieren. Denn der Tod übt auch eine merkwürdige Faszination aus.

Der Tod, der schwarze Mann, das ist in „Laurin“ der Lehrer Van Rees. Ein ehemaliger Soldat, der zurückkehrt ins Dorf. Kein Dämon, sondern ein von Dämonen gejagter und besessener Mann. Der als Kind von seinem grausamen Vater, dem evangelischen Pastor, misshandelt und seelisch missbraucht wurde. Bei der Figur des schrecklichen Vaters kommt einem augenblicklich der Pastor Edvard Vergérus aus Ingmar Bergmans Meisterwerk „Fanny und Alexander“ in den Sinn. Noch so eine seltsame Kindheitserinnerung. Es war vielleicht das erste Mal, dass ich mit dem „magischen Realismus“ in Kontakt kam, den ich heute so sehr liebe, und von dem auch „Laurin“ durchtränkt ist. Die Szene aus „Fanny und Alexander“, in der Alexander auf dem Dachboden den Geistern zweier ertrunkener Kinder begegnet, lässt mich noch heute erschaudern. Ebenso wie der erbarmungslose, grausame Pastor, der sich zum Stiefvater der Geschwister macht. Der alte Van Rees in „Laurin“ ist genauso ein menschliches Monster. Getrieben von der Gier, Macht über Andere auszuüben. Sie zu dominieren und nach einem völlig verkorksten, religiösen Weltbild zu formen. Seinen Sohn hat er seelisch verkrüppelt, mit Ängsten und Obsessionen vollgestopft. Ihn zum Kindesmörder gemacht.

Der alte Van Rees ist der Dämon in diesem Film. Sein Sohn ebenso Opfer, wie die Kinder, die er tötet. Ein wahrer Besessener. Besessen von dem Schmerzen und Verletzungen, die ihm zugefügt wurden, als seine Seele am verletzlichsten war. Das ist der Schrecken von „Laurin“: Dass Monster gemacht werden und dann hinter Masken lauern. Károly Eperjes verkörpert diesen jungen Van Rees mit viel Hingabe und Gefühl. Sein feines Gesicht spiegelt glaubhaft seine Verzweiflung wider. Über die Arbeit als Lehrer, die er nicht machen will, und die ihn vollkommen überfordert. Aber auch die Angst vor sich selbst, vor der Entdeckung und das Bedrohliche, das Wölfische, wenn sein Mordtrieb die Oberhand gewinnt. Allein seine deutsche Synchronstimme macht leider einiges von seinem Spiel kaputt. Denn sie klingt viel zu alt und zu abgeklärt für einen jungen, verwirrten Mann. Hier empfiehlt sich in der Tat die englische Fassung, zumal am Set auch auf Englisch gedreht wurde.

Überhaupt die Schauspieler. Regisseur Robert Sigl hat am Drehort Ungarn Gesichter gefunden, die man so schnell nicht vergisst. Sei es Endre Kátay als Pastor Van Rees oder Hédi Temessy als Großmutter Olga. Letztere ist eine faszinierende Gestalt, über die man mehr wissen möchte. Die scheinbar viel erlebt hat und eine Vorliebe für seltsame Blätter hat, die sie in einem Buch versteckt und gerne in ihre kleine Pfeife stopft. Nicht zu vergessen die Kinderdarsteller, wie der kleine Barnabás Tóth als Stefan und – natürlich – Laurin selber, die wundervolle Dóra Szinetár. Ein schönes Mädchen, welches ebenso neugierig wie herausfordernd in die Welt der Erwachsenen blickt. Sigl hat sie genau auf der Schwelle zwischen Kind und junger Frau gefunden. Kindliche Angst und unbekümmerte Spiele mit ihrem Freund Stefan, stehen erste Versuchen gegenüber, einen erwachsen Mann zu verführen. Und dem Mut, sich ihrer Angst zu stellen.

„Laurin“ handelt auch davon, wie das ist, wenn beide, das Kind und die Erwachsene, noch immer in einem Körper stecken. Von der Verwirrung, die dies stiftet. Die Sehnsucht nach der Sicherheit des Zuhauses und der unbändige Wunsch, die gefährliche, geheimnisvolle Welt dort draußen zu erforschen. Eben jenes Gefühl, welches ich auch hatte, als ich damals diese Geschichten im Fernsehen sah, die mir zeigen, dass es hinter meiner heilen Kinderwelt noch etwas anderes, etwas dunkleres, unheimliches, beunruhigendes gab. Und ich jede Woche ungeduldig darauf wartete, diese andere Welt zu betreten.

Nun könnte ich noch lange über die anderen Aspekte von „Laurin“ schreiben. Von den stimmungsvollen Bildern, die oftmals an die Meisterschaft eines Mario Bava erinnern und sich ähnlich unter die Haut schleichen. Von dieser seltsamen Stimmung, irgendwo zwischen tschechischem Märchenfilm und Ingmar Bergmann. Von alten Ruinen, die auch in einem Film von Jean Rollin auftauchen könnten. Davon, dass all diese Vergleich natürlich hinken, weil dies ein Film von Robert Sigl ist und eben ganz viel Robert Sigl in ihm steckt. Und ich könnte über eben jenen Robert Sigl schreiben. Darüber, dass „Laurin“ ein unerfülltes Versprechen auf eine große Karriere oder gar einer Wiedergeburt des deutschen Horrorfilms gewesen sei. Dass es eine Schande ist, dass er nie wieder die Möglichkeit bekam, seine eigenen Stoffe zu verwirklichen. Und dass man auf jeden Fall seine TV-Arbeiten für sich entdecken sollte. Aber das haben schon andere getan und sicherlich besser, als ich es könnte. Und es ist auch nicht wahr, dass „Laurin“ ein unerfülltes Versprechen sei. Denn es löst das Versprechen ein, den Zuschauer für knapp ein und ein halb Stunden mit in eine schrecklich-schöne, dunkle, märchenhafte Welt mit zu nehmen und sein Leben zu bereichern. Ja, es ist schade, dass Sigl bisher keinen weiteren „Laurin“ verwirklichen konnte/durfte. Aber „Laurin“ ist immer noch da. Ist nie weg gewesen. Existierte im Geflüster der cinephilen Gemeinde, verschwand nie aus der Erinnerung derer, die ihn gesehen haben. Und lies stetig eine kleine, aber feine Fangemeinde wachsen, die auch Sigls anderen Werke – Auftragsarbeiten allesamt – zu schätzen wissen. Und ist jetzt dank der nun endlich vorliegenden Blu-ray bereit, von einer neuen Generation entdeckt zu werden.

Dem verdienstvollen Label Bildstörung ist mit „Laurin“ ein weiterer Meilenstein in ihrer nun schon 30-teiligen Reihe „Drop-Out“ gelungen. Es kann an dieser Stelle gar nicht deutlich genug betont werden, was für eine großartige Arbeit hier jedes Mal geleistet wird. Für „Laurin“ beispielsweise wurde das Filmmaterial neu in 2K vom Negativ abgetastet und in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Robert Sigl restauriert. Und das sieht man auch. So gut, hat „Laurin“ höchstens bei seiner Kinopremiere mal ausgesehen. Natürlich ließ es sich Robert Sigl nicht nehmen, einen höchst informativen Audiokommentar einzusprechen. Wer nicht so viel Zeit hat, sich diesen anzuhören, dem sei hier ausdrücklich das charmante und ausgesprochen spannende Interview „Robert Sigl erzählt..“ ans Herz gelegt. Hier wird Sigl vom (ebenfalls einer Wiederentdeckung harrenden) Filmemacher Eckhart Schmidt zu „Laurin“ und seiner Karriere befragt. Dieses ist mit 30 Minuten fast noch zu kurz ausgefallen, dann man könnte Herrn Sigl noch stundenlang zuhören. Aber für die weniger Eiligen gibt es ja noch den bereits erwähnten Audiokommentar. Auch Sigls früher Kurzfilm “Der Weihnachtsbaum” ist in dieser Edition enthalten. Sehr aufschlussreich und kurzweilig sind auch die Interviews mit Dóra Szinetár, Barnabás Tóth und dem Kameramann Nyika Jancsó, die noch einige weitere Aspekte des Drehs beleuchten und davon erzählen, wie es im Leben der drei nach „Laurin“ weiterging. Spannend auch die Interviews mit den Filmhistorikern Jonathan Rigby und Olaf Möller. Rigby höre ich immer gerne zu und liebe seine – im übrigen höchstempfehlenswerte – Bücher über die Geschichte des Horrorfilms. Besonders begeistert hat mich aber Olaf Möller und seine ruhige, aber gleichzeitig sehr enthusiastische Art über „Laurin“ zu erzählen. Auch hier hätte ich noch stundenlang zuhören können. Sehr erhellend waren auch die „Deleted Scenes“ (die leider nur in einer schlechten VHS-Qualität vorlagen) mit dem Kommentar von Robert Sigl, weshalb sie herausgeschnitten wurden und wo er sich wünschte, sie wieder in den Film einbauen zu können – und wo nicht. Ein wundervolles Zeitdokument ist ein 9-minütiger Ausschnitt aus einer Fernsehsendung, die über die Dreharbeiten zu „Laurin“ berichtete und die Vision von einem neuen, europäischen Horrorfilm entwirft, mit „Laurin“ als Saatkorn. Eine Vision, die leider nie wahr wurde. Aufnahmen von der Verleihung des Bayrischen Filmpreis an Robert Sigl und Setfotos runden diese perfekte Veröffentlichung ab. Nicht zu vernachlässigen ist natürlich auch das gewohnt informative Booklet, welches einen Einführungstext von Robert Sigl selber enthält, sowie eine Filmanalyse von Markus Stiglegger und ein Interview, welches Stiglegger Mitte der 90er Jahre mit Sigl für die legendäre (und schmerzlich vermisste) „Splatting Image“ führte.

Blu-ray-Rezension: „The Eyes of My Mother“

Von , 12. Oktober 2017 17:48

Die kleine Francesca (Olivia Bond, später Kika Magalhães) lebt mit ihrer Mutter (Diana Agostini) und ihrem Vater (Paul Nazak) auf einer Farm irgendwo im Nirgendwo, als eines nachmittags – der Vater ist gerade unterwegs – plötzlich ein Fremder (Will Brill) vor dem Haus steht. Was an diesem Nachmittag passiert ist unfassbar grausam. Aber mit diesem Nachmittag fängt alles erst an…

Mit „The Eyes of My Mother“ hat Regie-Debütant Nicolas Pesce auf dem Sundance Festival einen recht anständigen Erfolg gehabt. Kein Wunder, ist doch „The Eyes of My Mother“ einer amerikanischer Indie-Film par excellence. Sehr künstlerisch gemacht, mit dem Blick für schöne Bilder und dem Willen zur Provokation, wobei diese aber nur zartere Gemüter wirklich auf der Bahn werfen dürfte. Nicolas Pesce hält immer die Balance aus einer gewissen Wildheit und einem Hang, es dem Zuschauer dann doch irgendwie erträglich zu machen. Das ist alles nicht schlecht, aber man hat das Gefühl, dass hier mit Blick auf ein typisches Arthouse-Klientel, welches zwar gerne mal schockiert, aber nicht in seinen Grundfesten verstört werden möchte. Da kann man sich dann des Eindrucks der angezogenen Handbremse nicht gänzlich erwehren. Vielleicht hätte etwas weniger Stilwillen und etwas mehr Mut zu einer völligen Befreiung seiner schönen Bilder gut getan. So bleibt der Film zwar trotz seinen teilweise recht unangenehmen Bilder merkwürdig keusch.

Nicolas Pesce arbeitet bei „The Eyes of My Mother“ viel mehr Leerstellen, die immer wieder Unaussprechliches andeuten, es aber vor dem Blick des Zuschauers verstecken. Manche Schnitte überspringen dann auch größere Zeitraume, was zu einem Gefühl der Desorientierung führt. Trotzdem hat man immer das Gefühl, Pesce hätte – vielleicht unbewusst – beim Dreh die Schere im Kopf gehabt, um ein Sektglas-schwenkendes Arthouse-Publikum nicht zu verprellen. Ähnlich wie Danny Boyle bei seinem „wasch mich, aber mach mich nicht nass“-Melodram „Slumdog Millionaire“. Vielleicht hätte sich Pesce da etwas mehr von dem jungen mexikanischen Bilderstürmer Emiliano Rocha Minter abgucken sollen, der gerade mit „We Are the Flesh“ für Furore sorgt und gerade nicht irgendwelche Kompromisse eingeht. Ein echter Tabu-Brecher ist „The Eyes of My Mother“ jedenfalls nicht geworden. Auch wenn der größte Horror immer im Kopf entsteht, hat man dann doch das Gefühl, dass Pesce seine Auslassungen, Andeutungen immer auch als Schlupfwinkel nutzt, um es „nicht so schrecklich schlimm“ werden zu lassen. Stichworte: Kannibalismus, Nekrophilie und sexuelle Ausbeutung. All dies kann man sich denken – oder eben in einer Art Abwehrmechanismus auch nicht. Ideales Futter für Leute, die sich mal hübsch schockieren lassen möchten – aber bloß nicht zu viel.

Man muss Pesce aber zugestehen, dass er am Ende seines Filmes einige bemerkenswerte Bilder findet, die nicht nur an guten J-Horror (den modernen japanischen Horrorfilm seit „Ring“) erinnert, und seine Geschichte zu einem konsequenten Ende zu führen. Gerade in den Momenten, in denen Pesce nicht halbherzige Geschmacklosigkeiten ausprobiert, sondern sich ganz auf seine umwerfende Hauptdarstellerin Kika Magalhães konzentriert und in ihre Gefühlswelt eintaucht, wird „The Eyes of My Mother“ sehr stark. Und selbstverständlich muss man Pesce und seinem Kameramann Zach Kuperstein attestieren, dass sie einen sehr guten Blick für Bilder und vor allem Ausstattung haben. Das zeitlose Haus in dem Francesca lebt, ist ein förmlich der zweite Hauptdarsteller in diesem Film. Optisch sieht „The Eyes of My Mother“ einfach wunderschön aus, auch wenn vielleicht eine grobschlächtigere, realistischere Bildgestaltung eine noch stärkere Wirkung erzählt hätte. Hier stehen die attraktiven Bilder zwar in einem angenehmen Kontrast zum Inhalt, schwächen diesen aber auch etwas ab, da der Zuschauer auf eine artifizielle Ebene gelockt wird.

Am Ende dieser Besprechung möchte ich noch etwas ergänzen. Diese Review der Blu-ray hatte ich schon vor einigen Wochen geschrieben und lasse sie auch so stehen, da sie meinen ersten Eindruck des Filmes widerspiegelt. Vor einigen Tagen hatte ich allerdings das Vergnügen „The Eyes of My Mother“ ein zweites Mal, diesmal im Kino, zu sehen und muss diesen ersten Eindruck leicht revidieren. Im dunklen Saal und auf der großen Leinwand entwickelt der Film noch einmal eine ganz andere Kraft, die einen – im Zusammenspiel mit einem fantastischen Sounddesign – doch weitaus mehr in den Sitz drückt, als es bei der „Sofa-Session“ der Fall war. Auch kam mir der Film hier sehr viel unangenehmer vor, als bei der ersten Begutachtung vor dem Fernseher. Ob es nun daran liegt, dass man als Zuschauer dem Film im dunklen Kinosaal sehr viel mehr „ausgeliefert“ ist, dass man auf der Leinwand mehr garstige Details entdeckt oder generell die Erwartung aufgrund des Vorwissens eine andere war, kann ich nicht sagen. Tatsache ist aber, dass „The Eyes for My Mother“ ein Film ist, den man unbedingt im Kino gesehen haben sollte. Schade, dass bei uns in Bremen gerade mal eine Handvoll Zuschauer diese Chance wahrnahmen.

„The Eyes of My Mother“ ist ein in prächtig-elegante Bilder gehüllter Film, bei dem man allerdings das Gefühl hat, dass einiges an Potential auf der Strecke bliebt, da er sich eher nach dem typischen Indie-Sundance-Publikum ausrichtet, anstatt ungebremst durchzuziehen. Nichtsdestotrotz hat der Film einige erinnerungswürdige Momenten, die vor allen vor der wundervollen Hauptdarstellerin Kika Magalhães und den eleganten, wenn auch künstlichen Bilderwelten des Kameramanns Zach Kuperstein getragen werden.

Die Bluray aus dem Hause Bildstörung lässt das Bild in all seiner Pracht erstrahlen. Die Qualität der schwarz-weiß Bilder ist makellos. Auch der Ton ist klar und sehr gut verständlich, die Untertitel hervorragend lesbar und gut übersetzt. Auch im Bonusbereich wird der von Bildstörung gesetzte hohe Standard gehalten. Neben einem Audiokommentar mit Regisseur Nicolas Pesce gibt es noch ein einstündiges, hochspannendes Interview mit dem Regisseur. Weitere Extras sind die dreiminütige „Behind the Scenes Galerie“ und das Musikvideo „Out of Touch“ von Iyves, bei dem Pesce bereits 2014 mit Kika Magalhães und Zach Kuperstein zusammenarbeitete. Nicht zu vergessen: Es gibt auch ein 16-seitiges Booklet mit einem Text von Thorsten Hanisch.

Blu-ray-Rezension: „Die Weibchen“

Von , 27. Juli 2017 08:58

Nach einer unglücklichen Affäre mit ihrem Chef ist die junge Eve (Uschi Glas) einem Nervenzusammenbruch nahe und reist zu einer sechswöchigen Kur nach Bad Marein. Dort begibt sie sich in das Sanatorium von Dr. Barbara (Gisela Fischer). Seltsamerweise scheint es in Bad Marein außer dem unheimlichen Gärtner des Sanatoriums und einem halb verrückten Kommissar nur Frauen zu geben. Eines Tages hat eine dreiköpfige Männergruppe im Ort eine Reifenpanne. Die drei Männer nutzen die Gunst der Stunde, um mit den Damen im Sanatorium zu flirten. Doch bereits in der ersten Nacht entdeckt Eve einen der Männer mit einem Messer im Rücken in einem Schrank liegend und bricht zusammen. Am nächsten Tag ist von der Leiche nichts mehr zu entdecken. Auch der schmierigen Tommy (Giorgio Ardisson) und sein Kumpel Leo (Klaus Dahlen) machen sich keine Sorgen um ihren Freund. Der wäre wohl nach Hause zu Frau und Kindern. Eve macht sich – unterstützt von dem ebenfalls in Bad Marein gestrandeten, gutaussehenden Johnny (Alain Noury) daran, das Geheimnis des Sanatoriums und des Städtchens aufzudecken…

Zbyněk Brynych als „Geheimtipp“ oder „Vergessenen“ zu bezeichnen, ist in den jetzigen Zeiten nicht mehr ganz richtig. Dank der unermüdlichen Arbeit von Cinephilen wie Rainer Knepperges oder dem Regisseur Dominik Graf, ist Zbyněk Brynych mittlerweile (endlich!) ins kollektive Filmgedächtnis der Kino-Republik vorgedrungen. Dort nimmt er nun den Platz ein, der ihm gebührt. Den eines Meisters seiner Zunft. Eines Mannes, der in den frühen 70ern in Deutschland Kino wie kein anderer machte, der TV-Krimiserien wie „Der Kommissar“, „Derrick“ oder „Der Alte“ auf heute unfassbare Höhen trieb. Der sich über den Umweg der Krimiserie austoben konnte und zeigte, dass auch „Routineprodukte“ Raum für große Kunst bieten – wenn man es nur will und die Freiheit genießt, seine Vision umzusetzen. Etwas, das vor 30-40 Jahren noch möglich war und heute fast unglaublich erscheint. Gerade jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, widmet das Zeughauskino und das Tschechische Zentrum in Berlin Zbyněk Brynych eine umfangreiche Retrospektive. Ich selbst kam 1999 erstmals mit dem Tschechen in Kontakt, als ich in der leider viel, viel zu kurzlebigen Fanzine „Absurd 3000“ über seinen großartigen Film „Engel, die ihre Flügel verbrennen“ lesen konnte. Leider ist dieser Film, den ich persönlich sogar noch knapp dem hier zu besprechenden „Die Weibchen“ überlegen finde, bisher nur auf VHS erschienen. Eine digitale Heimkinoumsetzung (am Besten auf Bluray) steht hier ebenso aus, wie bei dem ersten Film seiner deutschen Kino-Trilogie :“O Happy Day“.

Es treibt einem die Tränen in die Augen, wenn man daran denkt, wie stiefmütterlich dieser großartige Filmzauberer hierzulande noch immer behandelt wird. Von seinen tschechischen Filmen haben es gerade mal zwei auf preisgünstige DVD-Veröffentlichungen geschafft. Dann gibt es nur noch seinen TV-Dreiteiler „Die Nacht von Lissabon“ und seine TV-Krimi-Episoden (neben den oben erwähnten noch gut die Hälfte aller „Polizeiinspektion 1“-Folgen). Umso mehr Anlass zur Freude und großem Applaus liefert die hier vorgestellte, liebevolle Veröffentlichung von „Die Weibchen“ durch das wundervolle Label „Bildstörung“. Dieses hat den Film in perfekter Qualität und mit vielen aufschlussreichen Extras, sowie einer bisher unbekannten Langfassung, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht, die weder die VHS besitzen, noch die Möglichkeit hatten, den Film irgendwo auf in einer 35mm-Vorführung zu sehen. Und im TV findet deutscher Film aus den vergangenen Jahrzehnten ja eh so gut wie nicht mehr statt.

In „Die Weibchen“ feuert Zbyněk Brynych mithilfe seines kongenialen Kameramannes Charly Steinberger (der u.a. auch den ganz wundervollen „Deep End“ von Jerzy Skolimowksi fotografierte) aus vollen Rohren. Schon die grandiose Fischaugenfahrt ganz am Anfang des Filmes zeigt, wohin die Reise führt. In ein merkwürdiges, surreales Land des Wahnsinns. Immer wieder schauen Personen direkt in die Kamera und irritieren dadurch den Zuschauer. Seien es von der Kamera scheinbar zufällig eingefangene Passantinnen, die durch das Städtchen Bad Marein flanieren oder harmlos auf Bänken sitzende Gruppen von Frauen jeden Alters, die wie Geheimpolizisten wirken. Immer wieder verleiht ein ungewöhnlicher, fremder Winkel der Kamera ganz normalen Gesten, wie dem Reichen der Hand, eine unheimlich-bedrohliche Qualität. Brynych entreißt Steinbergers Kamera jeglichen Fesseln. Da gibt es lange Plansequenzen mit der Handkamera, es wird wie irre im Kreis gewirbelt und durch kleine Tricks die Grenze von Realität und Traum verschoben. Nie kann man sich sich bei Brynych sicher sein, ob der Boden auf dem sich seine Figuren bewegen, nicht schwankt und gleich das ganze Szenario mit einem Haps verschluckt. Dazu knallt Peter Thomas unglaublich fetzige Musik aus den Lautsprechern und vernebelt einem noch zusätzlich die Sinne. Wobei es nicht fair wäre, Thomas‘ Beitrag ganz auf die direkt vom Ohr über das Hirn in die Beine schießende Mucke zu reduzieren. Denn wer genau hinhört, der bemerkt auch die leisen-bedrohlichen Zwischentöne.

Zbyněk Brynych füllt seinen Film mit unzähligen, wunderbar absurden Details. Sei es das markante, schreiend gelbe Buch „S.C.U.M – Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ von Valerie Solanas (nebenbei die Frau, die 1968 auf Andy Warhol schoss), welches überall auftaucht. Oder die Gottesbeterinnen-Analogie. Die hohlen Männergestalten, die vor lauter Potenz-Geprotze es gar nicht merkwürdig finden, dass ihre Kumpels plötzlich ohne jede Nachricht verschwinden. Der verrückte Kommissar, dessen offensichtlich nicht wirklich gesunder Geisteszustand niemanden wundert und den Brynych mit einem schmucken Pastorenkragen ausstaffiert hat. Nein, hier sind wir nicht mehr in dieser Welt, sondern in einer bizarren Parodie des muffigen Deutschlands, eine hysterischen Welt des Überfeminismus und der holzköpfigen Männer. Bei Brynych sind es keine Menschen, die durch diesen fremdartigen Ort stolpern, sondern hohle Figuren, die ganz ihrer Funktion untergeordnet sind. Und deren Unfähigkeit (Eve) oder Unwille (Johnny) aus dieser reinen Funktion auszubrechen, letztendlich dazu führt, dass sie von der Geschichte verschlungen werden. Psychisch (wie Eve), oder physisch (wie die Männer). Man kann darüber streiten, ob „Die Weibchen“ nun ein radikal feministischer Film ist, in dem alle Männer als Trottel dargestellt und deren Vernichtung auf Gottesanbeterinnen Art als einziger Weg dargestellt wird, die perfekte Gesellschaft zu erschaffen. In dem die Frauen weitaus intelligenter und raffinierter sind als die triebgesteuerten, arroganten, sich ständig selbst überschätzenden Kerle. Typen, die das andere Geschlecht weder für voll nehmen, noch ihm einen eigenen Willen zugestehen, Oder ist er „Die Weibchen“ das genaue Gegenteil? Ein Film, der durch seinen auf die Spitze getriebenen Feminismus eben jenen einen albernen (oder schlimmer noch bedrohlichen) Anstrich gibt? Der andeutet, dass zu viel Freiheit die Frauen in blutrünstige Bestien verwandelt? Brynychs Film lässt durchaus beide Deutungen zu.

Mit „Die Weibchen“ setzt Bildstörung seine Reihe hervorragender Veröffentlichungen nahtlos fort. Das Bild ist mal wieder makellos und besitzt eine angenehme Kinoanmutung. Ist klar, scharf – aber nicht zu Tode gefiltert. So sollen Veröffentlichungen von über 40 Jahre alten Filmen aussehen. Dass das Bild so gut geworden ist, kann man durchaus als kleines (oder gerne auch größeres) Wunder bezeichnen. Da kein Negativ mehr vorlag, mussten 35mm-Vorführkopien abgetastet werden. Diese hatten aber über die Jahre ziemlich gelitten, wie ein Vorher-Nachher-Ausschnitt im bonusbereich zeigt. Laufstreifen, Filmrisse, Kratzer und Farbstiche mussten mühevoll entfernt werden. Das Resultat kann sich mehr als sehen lassen und dürfte – solange kein verschollenes Negativ mehr auftaucht – die bestemögliche Fassung bleiben. Auch am Ton gibt es nichts zu mäkeln. Dieser liegt nur im Original (also Deutsch) ohne Untertitel vor. Auch die Extras wissen zu überzeugen. Hier gibt es Interviews mit Charly Steinberger (13 Minuten), der sich allerdings nicht ganz wohl vor der Kamera zu fühlen scheint, sowie Hauptdarstellerin Uschi Glas (15 Minuten), die hier überraschend sympathisch rüber kommt und recht stolz auf den Film ist. Überhaupt redet sie gerne über ihre alten Filme – und hiermit ist nicht nur „Zur Sache, Schätzchen“ gemeint. Also besonders interessant entpuppt sich auch ein Feature, in dem Domik Graf, Olaf Möller und Rainer Knepperges 40 Minuten lang den „wundersam fröhlichen tschechischen Herrn“ Zbyněk Brynych vorstellen. Ein ganz besodnerer Bonus ist eine bisher unbekannte Langfassung des Filmes, die fast 15 Minuten länger läuft. Ferner gibt es ausser den obligatorischen Bildergalerien, dem Kinotrailer und dem italiensichen Vorspann noch einen Audiokommentar mit Gerd Naumann, Bodo Traber, Christopher Klaese und Matthias Künnecke, sowie ein 32-seitiges Booklet mit einem Text von Frank Noack und einem Interview mit Zbynek Brynych. Jetzt kann man nur noch darauf hoffen, dass sich Bildstörung auch irgendwann der beiden anderen Brynych-Film „O Happy Day“ und „Engel, die ihre Flügel verbrennen“ annimmt. Das wäre dann wie Weihnachten und Ostern an einem Tag.

Blu-ray-Rezension: „Marketa Lazarova“

Von , 22. April 2017 13:49

Vater Kozlík (Josef Kemr) sendet seine Söhne Mikolás (František Velecký) und den einarmigen Adam (Ivan Palúch) aus, um Reisende auszurauben. Eines Tages stoßen sie dabei auf eine Gruppe Deutscher. Sie töten fast alle, aber ein Mann kann entkommen. Mikolás nimmt dessen Sohn (Vlastimil Harapes) und einen Diener als Geisel. Es stellt sich aber heraus, dass der Geflüchtete ein sächsischer Adeliger war, der zum Bischof von Hennau gemacht werden sollte und ein sehr enger Verbündeter des Königs ist. Dieser bestellt Kozlík an seinen Hof, wo Kozlík gefangengenommen werden soll. Es gelingt ihm allerdings – verfolgt von den Soldaten des Königs unter Hauptmann Pivo (Zdenek Kryzánek)- zu fliehen. Um sich gegen Pivos Truppe wehren zu können, schickt Kozlík seinen Sohn Mikolás zu seinem Nachbarn Lazar (Michal Kozuch), um diesen zu zwingen, gemeinsam mit ihm gegen Pivo zu kämpfen. Als Lazar sich weigert, entführt und vergewaltigt Mikolás dessen Lazars Tochter Marketa (Magda Vásáryová), die gerade einem Kloster beitreten wollte…

Wenn die Blu-ray von „Marketa Lazarova“ nach 165 Minuten zu Ende ist, fühlt man sich erschlagen, erschöpft, glücklich und zugleich traurig. Traurig, weil man diesen mächtigen Bilderhammer nicht auf der großen Leinwand gesehen hat, wo er sicherlich noch einmal eine ganz andere faszinierende Sogwirkung als auf dem Fernseher Zuhause entwickelt. Selbst wenn die vom tschechischen Filminstitut durchgeführte Restaurierung – welche die Grundlage der Bildstörung-Blu-ray bildet – überaus gelungen ist. Aber ein visuell – und auch auditiv – derartig überwältigender Film gehört nun einmal auf die ganz große Leinwand. 1967 in die Kinos gekommen, nach 548 Drehtage und eine Verdoppelung der veranschlagten Produktionskosten, erscheint „Market Lazarova“ seiner Zeit weit, weit voraus. Nur vergleichbar mit Andrej Tarkowskis nahezu zeitgleich entstanden „Andrej Rubljow“ und dem ebenfalls kürzlich von Bildstörung veröffentlichten „Es ist schwer ein Gott zu sein“ von Aleksey German aus dem Jahre 2013. Der studierte Kunsthistoriker Frantisek Vlácil hat mit „Marketa Lazarova“ ein ebenso brutal-authentisches, wie poetisch-surreales Mittelalter erschaffen, in dem seine Geschichte um zwei verfeindete Clans und die Rache des Königs ebenso zielsicher, aber eben auch schwankend auf einer dünnen Linie zwischen ungeschönten, hässlichen Realismus und traumhafter Magie, Grausamkeit und Zärtlichkeit, Dreck und strahlender Schönheit, heidnischen Ritualen und einem rigiden Christentum balanciert.

Auf ihr Skelett heruntergedampft, ist die Geschichte von „Marketa Lazarova“ relativ simpel zu verstehen. Doch Frantisek Vlácil nutzt sie für eine Meditation über das Erzählen von Geschichten und für die Rekonstruktion einer uns so fremden Zeit, aus der es kaum Überlieferungen gibt. Vlácil erschafft sein ganz eigenes 13. Jahrhundert, in welchem sich der Zuschauer ebenso fremd fühlt, wie auf einem ferneren Planeten – und doch zugleich auch irgendwie vertraut. Im geht es da ähnlich dem Protagonisten aus Aleksey Germans „Es ist schwer ein Gott zu sein“. Gleichzeitig löst Vlácil die Einheit von Raum und Zeit, Realität und Vorstellung auf. Man sieht Szenen, deren Bedeutung erst sehr viel später aufgelöst werden. Von denen man nicht weiß, wann und wo sie stattfinden. Ist es eine Erinnerung? Passiert es jetzt? Oder ist es ein Vorgriff auf das, was noch passieren wird? An einigen Stellen lässt Vlácil wichtige Teile der Geschichte einfach weg und lässt sie erst viel später von einer Figur nacherzählen. Oder er illustriert Gedanke und Geschichten so, als würden sie genau jetzt tatsächlich geschehen. Der alte Lazar spricht zu dem jungen Mikolás über seine Tochter Marketa (die wir bis dahin noch nicht gesehen haben). Davon, wie rein sie ist, und dass er sie den Nonnen versprochen hat. Gleichzeitig bebildert Vlácil dies mit einer Gruppe schwarzgekleideter Nonnen, die sich einen Hügel hinauf schlängeln, jede eine weiße Taube in der Hand – und der jungen Marketa, die eine dieser Tauben vor ihrer halb entblößten Brust hält. Dann ist diese Vision auch wieder vorbei. War sie eine Erinnerung Lazars? Oder sahen wir die Bilder, die dessen Worte in Mikolás Kopf hervorgerufen haben. Immer wieder kommt es zu solchen Szenen. Frantisek Vlácil agiert selber wie der alter Erzähler, dessen Stimme am Anfang verkündet, es sei nun besser, am Feuer zu sitzen und sich an Geschichten von früher zu erinnern. Und so erzählt Vlácil die Ballade (oder Rhapsodie, wie der Vorspann ankündigt) von Marekta Lazarova dann auch. Hier vergisst er etwas, dort holt er etwas vor, was ihm gerade in den Kopf gekommen ist, dort fügt er etwas an, was er zuvor zu erwähnen vergessen hatte. Und immer wieder vermischt sich die Erzählung mit dem, was der Erzähler falsch erinnert, dazu dichtet oder bewusst mythisch auflädt.

Dieses „Erzählen“ wird auch in der Tonspur hervorgehoben. Die Dialoge sind mit einem unnatürlich Hall versehen. Dies erinnert an Dokumentarfilme, die stumm aufgenommen wurden, und dann der omnipräsente, gottgleiche Erzähler die somit unhörbaren Dialoge wiedergibt. Auch hier hat man den Eindruck, die Sätze würde von jemand anderen nachgesprochen, nicht den handelnden Personen deren Bilder man über die Jahrhunderte hinweg sieht. Einmal greift der Erzähler sogar ins Geschehen ein und hält Zwiesprache mit dem Bettelmönch, der wie der Zuschauer mit großen Augen durch diese Welt voller Versehrter, Gewalt und Grausamkeit taumelt. An wen sonst, sollte sich der Allwissende, der dort aus seiner himmlischen Position heraus das Treiben beobachtet, auch sonst wenden?

Die Figur des Mönches nimmt eine Stellvertreterrolle für den Zuschauer ein. In seiner passive Position des Beobachters wird er wie dieser von den Ereignissen überrollt und in eine Welt hineingezogen, die nicht die seine ist. Doch der Mönch ist gleichzeitig eine ebenso fremdartige, ja primitive – sich der Moral der modernen Zeiten verweigernde Figur, wie das restliche Personal dieses Films. Sei es der einarmige Adam, der eine inzestuöse Beziehung mit seiner Schwester hatte. Oder eben jene Schwester, die sich heidnischen Ritualen hingibt. Oder Nebenfiguren wie der Geistliche aus Deutschland, der nur Hass und Vernichtung kennt. Und unser gutherziger, naiver Mönch? Der wiederum pflegt eine intensive Beziehung mit einem Schaf, die weit über das hinausgeht, was gesellschaftlich akzeptabel ist. Auch Marketa selber ist keine gänzlich reine, engelsgleiche Figur. Als sie von Mikolás einführt und vergewaltigt wird, verliebt sie sich in ihren Peiniger und geht freiwillig ein Abhängigkeitsverhältnis mit ihm ein. Gespiegelt wird dies in dem Verhältnis des jungen deutschen Adeligen (der eigentlich zum Bischof gemacht werden sollte). Auch dieser wird vom Clan der Kozlík entführt und verliebt sich seinerseits in die starke, unabhängige Heidin Alexandra. In diesem Film strebt jeder entweder nach Macht über die anderen oder unterwirft sich sexuell und gefühlsmäßig dem Stärkeren. In dieser Welt benehmen sich die Menschen wie die Wölfe, die in „Marketa Lazarova“ allgegenwärtig durch die Landschaft streifen.

Die Ungewöhnlichkeit mit der Frantisek Vlácil seine Geschichte erzählt, schlägt sich auch in der Kameraarbeit und dem Sounddesign nieder. Man mag kaum glauben, dass der Film Mitte der 60er Jahre entstand und er muss teilweise wie ein Schock auf das damalige Kinopublikum gewirkt haben. Mal schwebt die Kamera (geführt von Bedrich Batka) über den Geschehen und fängt die landschaftlichen Panoramen in atemberaubenden Gemälden ein, dann folgt die Handkamera ganz nah den Figuren, klebt förmlich an ihnen und ihren Gesichtern. Ein anderes Mal nimmt sie ganz den Blick eines der Handelnden ein, und der Zuschauer reist in dessen Kopf durch das 13. Jahrhundert. Hier überirdisch schöne Bilder, elegante Kamerafahrten – dort hässlicher Realismus voller Dreck und Blut. Gleichzeitig sorgt die mit Chören und elektronischen Klängen durchsetzter Filmmusik von Zdenek Liska gemeinsam mit dem grandiosen Sounddesign dafür, dass der Zuschauer einerseits mitgerissen, ihm dann aber auch immer wieder der Boden unter den Füssen weggezogen wird. So entsteht eine permanent (alb)traumhafte Atmosphäre. Nicht zu vergessen, die detailreichen, authentischen Kulissen und die Kostüme, auf die Vlácil seine höchste Aufmerksamkeit legte. Intensiv setzte sich Vlácil im Vorfeld mit dem Leben im Mittelalter auseinander, dem Waffengebrauch und dem Alltagsleben. Er ging sogar soweit, mit Cast und Crew für zwei Jahre in den Böhmerwald zu ziehen, und während dieser Zeit selbst zu leben wie im 13. Jahrhundert. Der hohe Aufwand hat sich gelohnt. „Marketa Lazarova“ wurde völlig zurecht zweimal (1994 und 1998) von tschechischen Journalisten und Filmkritikern zum besten tschechoslowakischen Film aller Zeiten gewählt.

Dank des vorzüglichen Filmlabels „Bildstörung“, welches mit Fug und Recht als deutsche Antwort auf das amerikanische Criterion oder das englische Masters of Cinema bezeichnet werden kann, hat Frantisek Vlácils Meisterwerk „Marketa Lazarova“ nicht nur nach 50 Jahren endlich einen deutschen Kinostart verschafft, sondern auch in einer wieder einmal vorbildlichen Blu-ray-Edition veröffentlicht, welche keine Wünsche offen lässt und das cinephile Herz höher schlagen lässt. Das vom tschechischen Filmarchiv brillant restauriert Bild der Blu-ray ist ein Fest für die Augen. Der Ton (tschechisch mit ausblendbaren deutschen Untertiteln) zunächst gewöhnungsbedürftig, aber dies war – wie oben beschrieben – auch die Intention des Filmemachers. Auf einer weiteren Tonspur befindet sich ein filmbegleitendes Gespräch mit Olaf Möller. Der Edition liegt noch eine DVD bei, auf der sich reichhaltiges und interessantes Bonus-Material befindet. „Der schicksalhafte Rausch des František Vlácil“ von 2003 ist ein 50minütiges Portrait über den 1999 verstorbenen Regisseur, welches für das tschechische Fernsehen produziert wurde. Für jenes wurde auch 1995 das viertelstündige „Das Leben des František Vlácil“ und das 20-minütige „Im Netz der Zeit“ produziert. In beiden Featurettes kommt Vlácil selber ausführlich zu Wort. Man lernt in diesen drei Dokumentationen viel über den nicht immer einfachen František Vlácil und die Entstehung seines berühmtesten Werkes „Marketa Lazarova“. Vor allem machen die hier zu sehenden Ausschnitte aus seinen weiteren Filmen eine unbändige Lust drauf, sich weiter mit dem Werk dieses hierzulande viel zu unbekannten Filmemachers zu beschäftigen, und sich auf die Suche nach Filmen wie „Die weiße Taube“ oder „Valley of the Bees“ zu machen. Des weiteren findet man auf der Bonus-DVD noch Interviews mit der Filmjournalistin Zdena Škapová (14 Min.), dem Kunsthistoriker Jan Royt (12 Min.) und dem Restaurationsleiter Ivo Marák (9 Min.). Eine Storyboard-Galerie und das unbedingt lesenswerte 24-seitiges Booklet mit einem Text von Marc Vetter („Marketa Lazarová oder die Zeit der Wölfe“), welcher sich mit der Vorlage, den Produktionsbedingungen und František Vlácil beschäftigt, runden diese schöne Veröffentlichung ab. Bitte noch viel mehr davon!

Blu-ray-Rezension: „Der Bunker“

Von , 13. September 2016 19:20

bunkerDer Student (Pit Bukoswski) quartiert sich als Untermieter bei einer Familie ein, die in einem unterirdischen Bunker irgendwo im Wald lebt. Hier will er sich in Ruhe auf seine wissenschaftliche Arbeit konzentrieren. Doch schnell wird er von dem Vater (David Scheller) und der Mutter (Oona von Maydell) gezwungen, ihren acht-jährigen Sohn Klaus (Daniel Fripan) zu unterrichten, der ihrer Meinung nach hochbegabt ist und auf das Amt des Präsidenten vorbereitet werden muss.

Man soll mit Superlativen ja vorsichtig sein und es vermeiden, Filme vorschnell auf den Olymp zu jubeln oder in die ewige Hölle zu verdammen. Bei Nikias Chryssos‘ „Der Bunker“ fällt mir ersteres schwer, denn diese Film ist für mich in der Tat eine der besten deutschen Produktionen der letzten 2o Jahre. Wobei ich gestehen muss, von den anderen Filmen, die derzeit unter dem sperrigen und gänzlich unsexy klingenden Titel „New German Fantastic Cinema“ in eine Schublade gestopft werden, bisher nur „Der Samurai“ gesehen zu haben. Großen Nachholbedarf habe ich in puncto „Der Nachtmahr“ und vor allem „Wild“.

„Der Samurai“ sah ich vor zwei Jahren auf dem Internationalen Filmfest in Oldenburg. Endlich ein Genre-Film, der sich nicht krampfhaft an US-Vorbildern orientierte und für wenig Geld unbedingt auf ganz großes Hollywood machen will. Der seinen Figuren englische Namen gibt, um international zu wirken. Und vor allem ein Film, der eine ganz eigene Geschichte erzählt, und nicht zum x-ten Mal „Pulp Fiction“ oder irgendeinen 08/5-Zombie-Splatter durchkaut. Das ist es doch, was Filme wie diesen auf internationalen Festivals so erfolgreich macht. Die Menschen möchten gerne interessante, originäre Geschichten sehen, die auch in dem Land, aus dem sie stammen, verwurzelt sind. Nicht irgendwie Kopien, die auf Teufel komm raus amerikanisch wirken sollen und dann doch nur nach Hintertupfingen aussehen. Da ist es doch sehr viel spannender, gleich eine interessante Geschichte aus Hintertupfingen zu erzählen. So, wie es „Der Samurai“ macht.

Womit wir nach diesem etwas längeren Exkurs endlich bei „Der Bunker“ angekommen sind, dessen Hauptdarsteller Pit Bukowski ja auch der „Der Samurai“ war und völlig zu recht gerade sehr gefragt ist. In „Der Bunker“ spielt Pit Bukowski den namenlosen Studenten, der Ruhe und Abgeschiedenheit sucht, um sich seiner Studien widmen zu können. Dabei ähnelt er einer Figur bei Kafka. Was er da eigentlich so fleißig studieren möchte bleibt unklar. Im Grunde besteht seine Arbeit darin, immer wieder wilde Kreise zu kritzeln. Der seltsamen Familie, bei der er unterkommt, steht er eher passiv gegenüber. Kaum einmal kommt es zur Auflehnung, auch wenn er schlecht behandelt wird und das ihm zugewiesene Zimmer so gar nicht dem entspricht, was ihm versprochen wurde. Die grotesken Umstände seines Aufenthalts nimmt hin und versucht sich so gut wie möglich anzupassen. Nicht einmal scheint ihm in den Sinn zu kommen, diesen seltsamen Ort zu verlassen. Hier spürt man Echos von Roman Polanskis wundervoll-verstörendem Meisterwerk „Der Mieter“. Wie dessen Hauptfigur Trelkovsky, möchte auch der Student nicht negativ auffallen und seine Mitbewohner verärgern. Und dies wird von jenen skrupellos ausgenutzt. Beim Kafka-Vergleich sollte man auch nicht vergessen, dass Kafkas Bücher von einer schreienden Komik sind. Zu gerne hätte ich „Der Prozess“ von den Monty Pythons verfilmt gesehen, deren Sketche ja auch oftmals darin bestehen, ein gutgläubiges und gutwilliges Individuum in eine Situation zu stellen, deren Hintergründe, Motivation und Ausmaß es nicht überblickt. Wie der Student in „Der Bunker“.

Neben dem Kafka-Einfluss setzt Regisseur Nikias Chryssos seinen Film aus den unterschiedlichsten, sehr deutschen Zutaten zusammen. In erster Linie ist da natürlich der bürgerliche Muff der 50er Jahre. Aber auch die Gier nach Anerkennung, die starke Betonung des Bildungsbürgerlichen, dieses Schwanken zwischen Selbstmitleid und Größenwahn. All dies verkörpert durch den von David Scheller furios gespielten Vater. Einer in ihrem Bemühen, eine akademische Überlegenheit auszustrahlen, höchst lächerliche Gestalt, in der jedoch ein garstig-unheimlicher Kern lauert. Der Proll, der jederzeit seine manieriert ausgesuchten Worte gegen sehr handfeste Argumente tauschen würde. Jene Szenen, in denen der Vater mit weiß geschminkten Clownsgesicht uralte Witze vorliest, um diese dann mit großer Geste zu analysieren, gehört zu den verstörensten Szenen des Filmes, bei der man sich nicht sicher ist, ob man nun ob der absurden Situation lachen oder sich fürchten soll. Man fühlt sich hier an Tom Hardys grandiosen Auftritt als Bronson im gleichnamigen Film erinnert, der ihn ähnlicher Maske und Stimmung den Entertainer gab, bei dem man wusste, dass er sofort brutal zuschlagen wird, sobald ihm jemand in die Pointe reinquatscht. Auch wenn Pit Bukoski die Hauptrolle und Daniel Fripan die dankbarste Figur spielt: David Scheller ist der heimliche Star des Films.

Weiter verfremdet Chryssos seine Geschichte mit der Figur der Mutter. Dargestellt von der Tochter des Schauspielerpaares Sabine von Maydell und Claude-Oliver Rudolph, Oona von Maydell Sie bringt ein gewisses Horror-Element in den Film. Und dies manifestiert sich nicht nur durch den mit dröhnender, gurgelnder Stimme sprechenden „Heinrich“. Eine nie zuwachsende, klaffende Wunde am Bein der Mutter. Diese Mutter ist die Schreckensgestalt der Über-Mutter, die ihr Kind nicht gehen lassen kann/will. Die es noch säugt, obwohl es bereits lange aus dem Säuglingsalter hinaus ist. Die sich wie ein Gespenst dem Studenten hingibt, um diesen noch enger an ans Haus und damit an ihr Kind zu binden. Das blasse Gesicht der Mutter bezeugt, dass sie den Bunker schon sehr lange nicht mehr verlassen hat. Hier fesselt sie ihr Kind an sich, so dass es nicht nach draußen kann oder erwachsen werden will. Der geniale Trick des Regisseurs ist es dann auch, den acht-jährigen Klaus mit dem 31-jährigen Daniel Fripan zu besetzten. Abgesehen von diesem grandiosen, beunruhigenden Verfremdungseffekt, kann man sich auch nie sicher sein, ob Klaus wirklich erst acht Jahre ist. Als ihn der Student darauf anspricht, dass er älter aussehe, reagiert er mit einem lauten und sehr wütenden „Ich bin acht Jahre!“. Und als er sich am Ende von seiner Familie lösen will, sagt er mit einer ruhigen, dunklen und sehr erwachsen Stimme, die nichts von Klaus‘ hellen Kinderstimme hat: „Mutter, ich gehe jetzt“. Und da ist ja auch diese merkwürdige Szene in den Extras dieser wundervollen Blu-ray. In einem kurzen Zusammenschnitt, der „The Bunker Awakes“ betitelt ist, sieht man am Ende Klaus seine alberne Perücke vom Kopf nehmen und den kahlköpfigen Daniel Fripan direkt in die Kamera schauen. Nun kommt diese Szene im Film nicht vor, doch unterstreicht dieses Bild die undurchschaubare Brüchigkeit der Figur, die möglicherweise wie der Student einen Pakt mit dem Vater und der Mutter eingegangen ist, aus dem sie sich nicht mehr lösen konnte.

Daniel Fripans Darstellung des Klaus ist natürlich das Aushängeschild des Filmes, auch wenn die anderen drei Schauspieler ebenso glänzen und ebenbürtig auf hohem Niveau agieren. Aber auch die brillante Ausstattung (Production Design von Melanie Raab, Kostüme von Henrike Naumann), Leonard Petersens eingängige Musik und die sowohl unauffällige, wie doch in den Details unglaublich effektive Kameraarbeit von Matthias Reisser, machen aus „Der Bunker“ einen sehr sehenswerten Film, bei dem man bei jeder Sichtung neue Details entdeckt. Wir hatten hier in Bremen das große Glück „Der Bunker“ im Rahmen unserer Filmreihe Weird Xperience im Kulturzentrum Lagerhaus zeigen zu dürfen. „Der Bunker“ brachte dann gleich einen ersten Zuschauerrekord, was zeigt, dass es ein Publikum und ein Bedürfnis für diese besonderen Filme abseits der Mainstream-Norm gibt. Auch (oder vielleicht auch gerade?) aus Deutschland. Die Reaktionen auf den Film waren jedenfalls durchweg positiv. Darum kann man allen angehenden Genrefilmern nur zurufen: Kommt heraus aus Eurer Schmollecke. Schreibt kreative Drehbücher. Macht Kino, kein biederes Fernsehen. Kopiert nicht die Kopien, seit die Originale! So wie „Der Bunker“. Der hat auch keine Förderung bekommen, konnte aber trotzdem einen Hans W. Geissendörfer (den großen Unterschätzten des deutschen Films, der so viel mehr ist als nur „Lindenstraße“) dazu bringen, Geld in diesen Film zu investieren. Geht doch.

Mit dem Label „Bildstörung“ hat „Der Bunker“ einen kongenialen Partner gefunden. „Bildstörung“ hat sich mittlerweile mit seinen hochwertigen und extrem spannenden Veröffentlichungen einen Ruf erarbeitet, der in einem Atemzug mit dem amerikanischen Criterion und dem englischen Masters of Cinema genannt werden kann. Liegt der Schwerpunkt meistens auf dem Kino der 70er und 80er Jahre, ist „Der Bunker“ – neben dem indischen „Gandu – Wichser“ – der jüngste Film, der es in die großartige „Drop Out“-Reihe des Labels geschafft hat. Wie die anderen Filmen auch, wird „Der Bunker“ in einer sehr liebevollen und umfangreichen Edition veröffentlicht. Bild und Ton sind dabei makellos. Die Extras bestehen aus einem interessanten Audiokommentar des Regisseurs, einem knapp 2-minütigen Promozusammenschnitt namens „Der Bunker Awakens“, der scheinbar auch nicht verwendetes Material beinhaltet. 20 Minuten Deleted Scenes, teilweise Erweiterungen von aus dem Film bekannten Szenen. 13 Minuten Outtakes, die allerdings wirkliche Outtakes und keine spaßigen Versprecher sind. Herzstück ist das hochspannende und aufschlussreiche 64-minütige „Making Of“, welches auf alle Aspekte der Produktion eingeht und zahlreiche Beteiligte zu Wort kommen lässt. Abgerundet wird das Ganze mit zwei frühen Kurzfilmen des Regisseurs: „Schwarze Erdbeeren“ (20 Minuten) und „Der Großvater“ (15 Minuten). Während ersterer ein typischer Studentenfilm ist, um die große Liebe und Freundschaft ist, fühlt sich „Der Großvater“ schon mehr wie eine stilistische Fingerübung auf dem Weg zum „Bunker“ an. Bildtechnisch auf höchstem Niveau und einfallsreich lässt Nikias Chryssos seinen späteren Hauptdarsteller Pit Bukowski mit dem fantastischen Matthias Habich zusammenprallen. Toll gespielt, wenn auch etwas zu offensichtlich auf die erwartbare Pointe hingesteuert wird. Wer sich dann noch näher mit dem Film beschäftigen möchte, für den liegt noch ein 24-seitiges, hervorragend geschriebenes Booklet von Oliver Nöding bei. Und in der Limited Edition ist noch eine CD mit dem grandiosen Soundtrack von Leonard Petersen enthalten. Alles in allem ein Pflichtkauf.

Blu-ray Rezension: „Es ist schwer ein Gott zu sein“

Von , 16. Januar 2016 16:54

schwergottDer Planet Arkanar ähnelt der Erde in der Zeit vor 800 Jahren. In der Erwartung, hier die Geburt einer Renaissance mitzuerleben, wird von der Erde eine Gruppe Wissenschaftler nach Arkanar geschickt. Sie geben sich als adlige Nachkommen lokaler Gottheiten aus und leben unerkannt unter den Einwohnern Arkanars. Ihre Aufgabe ist es, die dortige Entwicklung aufzuzeichnen und ihre Berichte zur Erde zu übertragen. Dabei dürfen sie aber niemals in das Geschehen eingreifen, sondern müssen unter allen Umständen passive Beobachter bleiben. Doch es kommt anders als gedacht. Die Mitglieder der Universität werden ermordet, die Renaissance findet nicht statt. Stattdessen werden die Bücherfreunde und Intellektuellen von den grauen Truppen verfolgt und niedergemetzelt. Dem als Don Rumata getarnten Wissenschaftler Anton (Leonid Yarmolnik) fällt es unter diesen Umständen immer schwerer, seine Neutralität zu wahren…

Es ist schwer ein Gott zu sein“ gehört zu jenen Filmen, die einen erst einmal sprachlos, ja sprach-unfähig machen. Was soll man schreiben, wenn der Kopf noch vollgestopft ist mit Bildern, sich der Körper gerädert anfühlt und man nicht sagen kann, ob das Grummeln im Bauch nun die Begeisterung und das Unwohlsein ist. Aleksei German hat mit seinem letzten Film ein Monster geschaffen und wenn man prosaisch sein möchte – und sich ein wenig die Tatsachen zurechtbiegt – könnte man behaupten, es wäre ein Monster, welches ihn schließlich umgebracht hat. Seit dem Ende der 60er Jahre hatte German vor, die Geschichte der beiden russischen Science-Fiction-Autoren Arkadi und Boris Strugatzki zu verfilmen. Er hat dann in den 70ern und 80ern immer wieder neue Anläufe genommen, und immer wieder schien das Projekt kurz vor dem Beginn zu stehen, bis dann das Schicksal oder die Weltpolitik zuschlugen und die Pläne zunichte machten. Einmal war er sogar drauf und dran, Peter Fleischmann bei dessen Version der Geschichte abzulösen. Dann war es endlich soweit und wider allen Erwartungen konnte German mit der Verfilmung beginnen. Am Ende sollte es 7 lange Jahre dauern, bis die Arbeiten an dem Film abgeschlossen waren. German selber erlebte die Fertigstellung seines Filmes, die dann sein Ehefrau Svetlana Karmalita und sein Sohn Aleksei German Jr., übernahmen, nicht mehr. Er starb am 21. Februar 2013, nur knapp neun Monate vor der Weltpremiere seines Film auf dem Filmfestival in Rom.

Für den Zuschauer ist „Es ist schwer ein Gott zu sein“ kein einfacher Film, aber ein intensives Erlebnis. Drei stunden lang wartet man durch Dreck, Schleim, Blut und Scheiße. German hat eine Welt entworfen, die einerseits natürlich an das Mittelalter und die Darstellungen eines Pieter Breugel, dem Jüngeren oder Hieronymus Bosch erinnern, andererseits dem modernen Menschen so fremd erscheint, als wäre er tatsächlich auf einem fernen Planeten. Die Akribie mit der German zu Werke geht, seinen Film bis ins kleinste Detail kontrolliert und dabei eine ebenso realistische, wie abstoßende Welt kreiert, ist bewundernswert. Schön ist es nicht, was wir sehen. Gleich in der ersten Szene streckt uns jemand den nackten Arsch entgegen und entleert seinen Darm. Es wird gerotzt, gekotzt, geschissen, geblutet. Eingeweide kullern zu Boden, schleimiges Blut wird sich ins Gesicht geschmiert, hab verdautes ausgespien. Man fragt sich unwillkürlich was gewesen wäre, hätte German seinen Film nicht in betörendem schwarz-weiß, sondern in Farbe gedreht. Hätte man das ausgehalten? Oder sind es gerade die wunderbaren monochromen Bilder, die einem den Boden unter den Füssen wegziehen?

Die Menschen sind hässlich, voller Defekte. Man riecht den Gestank dieser Welt förmlich, als ob er aus dem Bildschirm kriechen würde. Das Gewusel der Menschen macht einen schwindelig. Immer wieder schauen Gesichter direkt in die Kamera, als würde sie überrascht und skeptisch auf den Zuschauer ins einem gemütlichen Heim blicken. Dies hat einen merkwürdigen, unangenehmen Effekt. Man fühlt sich nicht sicher, hat den Verdacht, die Menschen auf der anderen Seite des Bildschirmes könnten einen sehen, wollten mit einem interagieren. Etwas, was man im Angesicht der hier gezeigten Greuel unter keinen Umständen möchte. German schenkt uns nichts. Diese Welt ist grausam. Hinter der nächsten Ecke könnte schon der tödlich Axthieb oder die einen durchbohrenden Pfeile lauern. Zwischen den Figuren gibt es keine positiven Gefühle. Allein unser „Held“ Don Rumata scheint so etwas wie Zuneigung empfinden zu können. Doch es ist für ihn keine Erleichterung, sondern eine Qual.

Man liest überall, dass German keine Geschichte erzählen würde. Tatsächlich ist es extrem schwer, der Handlung zu folgen und zu verstehen, was vor sich geht. Obwohl scheinbar Fans der Autoren Strugatzki dem Film attestieren, die Handlung des Romans gut – wenn oftmals auch nur durch die Kenntnis der Vorlage erkennbar – wiederzugeben. Es spielt aber auch keine Rolle, ob man eine klar strukturierte, einfach zu verstehende Geschichte hat oder nicht. So ist Germans Film auch gar nicht konzipiert. Er wirft ein gerade dadurch, dass man nicht auf Anhieb alles versteht in die Rolle, die die Besucher von der Erde einnehmen. Man ist hier fremd, man versteht nicht was vorgeht. Man ist verwirrt, versucht an dem Wenigen, was man hat, Halt zu finden. Man torkelt mehr durch den Film, als dass man schreitet. Man fühlt, schmeckt, riecht ihn. Germans Film wird häufig mit denen Andrei Tarkovskys, speziell „Andrej Rubljow“ verglichen. Dieser Vergleich ist nicht ganz von der Hand zu weisen, doch viel mehr noch erinnert er an den großen Ungarn Bela Tarr, der mit seinen Filmen ebenfalls eine merkwürdige, bekannte – aber doch auch verstörend andere Realität erschuf. Der sich ebenfalls viel Zeit nimmt, den Zuschauer in diese Welt zu ziehen. Der, ebenso wie German, seine Film in schwarz-weiß und mit vielen sehr langen Plansequenzen erschafft. Wie bei Tarr ist man in „Es ist schwer ein Gott zu sein“ ganz, ganz nah dran an den Figuren, den Gesichtern. Den Leibern und der Bewegung.

German hat seinen Film als Gleichnis auf die heutigen Verhältnisse in Russland gesehen. Tatsächlich ist er eine Allegorie auf die heutigen Verhältnisse überall auf der Welt. Auf Missstände, die die Menschen schon seit Jahrhunderten begleiten. Und die Ohnmacht derer, die unter den Verhältnissen leiden und doch nichts ändern können. Obwohl sie vielleicht die Mittel dazu hätten – doch sie wissen, dass ein Übel immer nur wieder von einem andern abgelöst wird.

German hat seinen Film als Gleichnis auf die heutigen Verhältnisse in Russland gesehen. Tatsächlich ist er eine Allegorie auf die heutigen Verhältnisse überall auf der Welt. Auf Missstände, die die Menschen schon seit Jahrhunderten begleiten. Und die Ohnmacht derer, die unter den Verhältnissen leiden und doch nichts ändern können. Obwohl sie vielleicht die Mittel dazu hätten – doch sie wissen, dass ein Übel immer nur wieder von einem andern abgelöst wird.
Für die bei Bildstörung erschiene Blu-ray gibt es nur ein Wort: Perfekt. Wieder einmal hat Bildstörung seinen hervorragenden Ruf bestätigt und eine ultimative Fassung dieses Meisterwerks vorgelegt. Das Bild ist gestochen scharf, der wuchtige Ton liegt auf Russisch mit ausblendbaren deutschen Untertiteln vor. Da in einer der vielen Dokumentationen zum Film betont wird, wie wichtig German das Sounddesign und Sprache war, ist die Entscheidung, hier keine deutsche Synchronisation nachzuschieben, absolut nachvollziehbar. Auch das Bonusmaterial lässt keinerlei Wünsche offen. Neben einem hochinformativen und 40 Seiten starken Booklet von Anton Dolin platzt die beiliegen Bonus-DVD nur so vor hochwertigen Extras, die zusammen genommen die epische Länge des Hauptfilmes noch einmal schlagen. Neben einem filmbegleitenden Gespräch mit Barbara Wurm und Olaf Möller, finden sich hier folgende Dokumentationen: “Aleksei German” – Ein Interview von 1988 (45:18 Min.), “Jenseits der Kamera”, ein weiteres Interview mit Alexei German aus dem Jahr 2009 (51:59 Min.), “Germans Blutdruck ist heute 122/85”, quasi ein Making Of (42:41 Min.) und “Die Geschichte des Arkanar-Massakers”, hier liefert Daniel Bird einige Erklärungen und Hintergrundinfos zur Verfilmung und der Unterschiede gegenüber des zugrundeliegenden Romans (Englisch mit dt. UT, 27:14 Min.). Ferner gibt es noch Interviews mit der Drehbuchautorin und Witwe des Regisseurs Svetlana Karmalita (37:00 Min.), sowie Aleksei German Jr., dem Sohn des Regisseurs (9:35 Min.). Weiterhin gibt es noch den Kinotrailer zum Film und Bildergalerien.

DVD-Rezension: „Coherence“

Von , 21. April 2015 21:44

coherenceVier Paare treffen sich in einem etwas abgelegenen Haus zu einer gemeinsamen Dinner-Party. Nach anfänglichem, oberflächlichem Small-Talk, setzt man sich zum gemeinsamen Abendessen zusammen. Dabei kommt das Gespräch auf einen Kometen, der an eben jenem  Abend nah an der Erde vorbeifliegen soll und bereits in der Vergangenheit angeblich für merkwürdige Phänomene gesorgt hat. Auch an diesem Abend geschehen einige unerklärliche Dinge. Zunächst gehen die Handys kaputt, dann kommt es zu einem Stromausfall in der ganzen Gegend, von dem scheinbar nur ein Haus in der Nachbarschaft verschont wurde. Zwei  der Freunde machen sich auf den Weg, um in dem Haus, um von dort aus zu telefonieren. Als sie wenig später wieder zurückkehren, berichten sie ihren Freunden von einer höchst beunruhigenden Entdeckung…

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Es gibt immer wieder Filme, denen man am Besten ganz unvorbereitet begegnet. Über „Coherence“ wusste ich nur, dass es sich um einen Low-Budget-Science-Fiction-Streifen handeln sollte und der Film mit guten Kritiken förmlich überschüttet wurde. Den Ausschlag aber „Coherence“ in den DVD-Player zu werfen, war es, dass er von dem vorbildlichen Label „Bildstörung“ vertrieben wurde. Da „Bildstörung“ bisher ein hervorragendes Händchen bei der Filmauswahl bewiesen hat, kann man ruhig einmal blind zugreifen, wenn eine neue Scheibe auf den Markt kommt – auch wenn man den Film bis dahin gar nicht kennt. Und es hat sich auch wieder gelohnt, denn „Coherence“ ist bisher die beste Heimkino-Veröffentlichung, die mir in diesem Jahr untergekommen ist. Ein sehr dichtes Mysterium mit starker philosophischer Grundierung und dabei auch noch ausgesprochenen spannend.

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Entwickelt wurde „Coherence“ von dem Drehbuch-Autoren James Ward Byrkit, der hier sein Regie-Debüt abliefert. Entstanden für ein sehr schmales Budget und unter primitivsten Bedingungen, dreht Byrkit den Spieß um und erschafft gerade aus den Limitationen der Produktion ein packendes Stück Film, welches einmal mehr beweist, dass es im Kino nicht auf große Effekte, sondern vor allem Originalität und Imagination ankommt. Zwar greift Byrkit auf altbekannte Tricks zurück und lässt durch eine ständig herumwirbelnde, hin -und her gerissene Kamera eine Pseudonähe entstehen, wie sie auch die großen und kleinen Bockbuster mittlerweile inflationär nutzen. Aber der nervöse Pseudo-Doku/Heimfilmer-Look passt sich gut in die Geschichte ein und unterstützt die auf das nötigste reduzierte Handlung. Und er lässt eine durchaus intime Nähe zu den Figuren entstehen. Dass diese so lebendig wirken, liegt nicht nur an den hervorragenden Darstellern, sondern auch an der Herangehensweise. James Ward Byrkit, gab seinen Schauspielern kein Drehbuch zu lesen, sondern nur kurze Anweisungen, welche nur sie kannten. Das dadurch entstandene, improvisierte Spiel geht auf. Die Charaktere wirken wie Wesen aus Fleisch und Blut und sind mit ihren Fehlern, menschlichen Unzulänglichkeiten und ihrem Egoismus jederzeit greifbar und ihre Handlunge nachvollziehbar. Schnell hat man sich zurechtgefunden und die handelnden Personen kennengelernt. Die Ballerina, die immer noch deprimiert ist, weil sie in ihre Karriereplanung einmal aus Hochmut die falsche Entscheidung traf. Ihr Freund, der sich nicht sicher ist, wie er zu ihr steht und in wie weit er bereit wäre, seine Karriere ihren Bedürfnissen unterzuordnen. So wie sie sich nicht sicher ist, ob sie ihn bei seinen Plänen unterstützen würde. Dann gibt es noch die esoterische Gastgeberin, den alkoholkranken Schauspieler, dessen kurzer Moment des Ruhm scheinbar unbemerkt vergangen ist. Die Ex-Freundin, die sich als Gift für die freundschaftliche Atmosphäre herausstellt. Sie alle leben ihre Lebensentwürfe, trauern aber verpassten Gelegenheiten und vermeintlich falschen Abzweigungen in ihrem Leben nach.

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Und gerade mit diesen „falschen“ Wegen werden sie alle sehr direkt konfrontiert. Das einzige echte Science-Fiction-Element ist in „Coherence“ ein Komet, der nahe an der Erde vorbei zieht und für merkwürdige Phänomene sorgt. Diese sickern erst sehr langsam, fast schon beiläufig in die Handlung ein. Doch Stück für Stück eskaliert die Situation. Jedes Puzzleteil für die Lösung des Rätsels führt nur zu neuen Entwicklungen, die sich scheinbar nicht aufhalten lassen. Wer sich die Spannung an der Auflösung nicht nehmen lassen möchte, sollte nun direkt zum Fazit dieser Besprechung springen. Alle anderen können hier nun weiterlesen. Gleich zu Beginn von „Coherence“ erwähnt die von Emily Foxler gespielte Em den Film „Sliding Doors“ und wie unheimlich sie es fand, als dort eine kleine Entscheidung massiven Einfluss auf das Leben der Filmfiguren hatte. Mit diesem Horror werden sie und ihre Freunde im Verlauf des Filmes dann um ein vielfaches potenziert konfrontiert. Lebe ich mein echtes Leben? Oder bin ich in einem falschen Leben stecken geblieben? Bin ich überhaupt ich oder leben ich nur die schlechtere Variation von etwas, was mir eigentlich zugestanden hätte? Ist das mein Leben? Und wenn ja: Bin ich damit zufrieden? Am Beispiel der Em wird dieses Dilemma durchgespielt. Wenn sie am Ende von Fenster zu Fenster hetzt, auf der Suche nach einem „richtigen“ Leben, dann konfrontiert dies auch den Zuschauer mit der Frage: Was-wäre-wenn? Kann ich mit dieser Frage leben und akzeptieren, was ich geworden bin? Oder bleibt ein Leben lang diese Unsicherheit, dass alles doch eigentlich ganz anders sein müsste. Denkt man zu lange darüber nach, kann einen dies durchaus in den Wahnsinn treiben.

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Doch auch jenseits seines philosophischen Horrors funktioniert der Film als unheimliches Konstrukt, welches den Zuschauer nach dem anfänglichen Smalltalk schnell in den Griff bekommt und über die restliche Laufzeit nicht mehr loslässt. James Ward Byrkit versteht es glänzend seine Mystery-Bausteine übereinander zu stapeln und dadurch ein solides Gebäude zu errichten, indem man sich zunehmend unwohler fühlt. Geheimnisvolle Botschaften, merkwürdige Zwischenfällen und unheimlichen Gestalten. Hier geht die Taktik den Schauspielern nur die allernötigste Informationen zu geben und sie ständig in Unsicherheit über den Fortlauf der Geschichte und dem was als nächstes passiert voll auf. Denn die Nervosität und Überraschung der Darsteller greift auch auf den Zuschauer über. Hätte Byrkit vielleicht mehr Zeit und Geld gehabt, um seinen Film abzudrehen, hätte dieser vielleicht gar nicht die Sogwirkung entwickeln können, die er nun hat. Vielleicht ein Weckruf für hiesige Filmemacher, die sich immer laut darüber beschweren, dass ihnen für ihre Genre-Projekte kein Geld aus Fördermitteln zur Verfügung gestellt wird. Einfach mal gucken, welche Mittel da sind und dann kreativ damit umgehen. James Ward Byrkit hat es vorgemacht.

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Drehbuchautor James Ward Byrkit ist mit seinem Low-Budget-Regiedebüt ein ungewöhnlicher Science-Fiction-Mystery-Film gelungen, der sowohl als spannende Unterhaltung, als auch auf der philosophischen Ebene funktioniert. Wobei die Fragen, die letztere stellt, vielleicht sogar furchteinflößender sind, als die seltsamen Phänomen, denen sich die Hauptfiguren stellen müssen.

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Wie bei Bildstörung gewohnt, erfährt der Film hier wieder eine vorbildliche Präsentation. Bild und Ton sind so gut, wie es unter den Low-Budget-Produktionsbedingungen nur sein kann. Interessanterweise hat sich  Bildstörung bei dieser Veröffentlichung dazu entscheiden, den Film in zwei Fassungen zu veröffentlichen. Einmal als „normale“ DVD ohne nennenswerte Extras. Und dann als „Drop Out 024“ in einer limitierten Special Edition. Diese enthält einen  Audiokommentar mit Regisseur James Ward Byrkit, Hauptdarstellerin Emily Foxler und Co-Autor/Darsteller Alex Manugian, sowie ein 10-minütiges und in der Kürze auch sehr informatives „Behind the Scenes“, in dem die Entstehung des Filmes diskutiert wird. Ferner gibt es noch 4 Minuten Testaufnahmen, die ein Jahr vor den eigentlichen Dreharbeiten entstanden, einmal mit und einmal ohne Kommentar des Regisseurs. Weiterhin kann man noch jeweils 5-minütige Interviews mit den Darstellern Emily Foxler, Hugo Armstrong, und Lorene Scafaria anschauen. Das Booklet enthält die Regieanweisungen, die Regisseur James Ward Byrkit seinen Schauspielern gab. Und als Sahnehaube wurde noch eine Soundtrack-CD mit fast einer Stunde Musik von Kristin Øhrn Dyrud beigelegt.

Blu-ray Rezension: „Die Filme von Alejandro Jodorowsky“

Von , 28. März 2014 23:24

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Nachdem Alejandro Jodorowskys legendäre Filme „El Topo“ und „Der heilige Berg“ aufgrund eines Streits mit seinem Produzenten Allen Klein jahrzehntelang nicht zu sehen warn und so zu den großen, „verschollenen“ Meisterwerken der Filmwelt gehörten, reichten sich Jodorowsky und Allen Klein Anfang der 2000er Jahre die Hand, und so wurde der Weg zu einer Heimkinoveröffentlichung der Filme frei. 2007 erschien in den USA bei Anchor Bay eine Box mit HD-remasterten Versionen der Filme auf DVD. In Deutschland musste man sich noch sieben weitere Jahre gedulden. Aber nun sind die Filme dank des großartigen Labels Bildstörung auch hierzulande endlich erhältlich. In einer liebevoll gestalteten Box befinden sich nun die drei Filme „Fando und Lis“, „El Topo“ und „Der heilige Berg“.

Als Extras wurde zunächst einmal sämtliches Bonusmaterial der US-Box übernommen, wie die drei Audiokommentare Jodorowskys zu allen drei Filmen, einer Einführung ins Tarot uvm. Wie in der US-Box wurden auch hier noch zwei CDs mit den Soundtracks zu „El Topo“ und „Der heilige Berg“ beigelegt, deren Tracklists sich auf der Rückseite zweier kleinformatiger Filmplakate befinden. Auf einer Bonus-DVD befindet sich neben dem erst vor wenigen Jahren Wiederentdeckten, lange verschollen geglaubten ersten Kurzfilm von Jodorowsy „Die Krawatte“ (eine pantomimische Verfilmung der Thomas-Mann-Kurzgeschichte „Die vertauschten Köpfe“), auch noch die 90-minütige Dokumentation „Die Konstellation Jodorowsky“ von 1994 (welche allerdings auch schon 2007 zusammen mit „Santa Sangre“ bei Kino Kontrovers erschienen war).

Angereichert wird das ganze mit speziell für diese Edition produziertem Material, welches auf dem letztjährigen Filmfest München aufgenommen wurde und u.a. Jodorowsky zusammen mit Nicolas Winding Refn zeigt, der ihn als seinen Mentor bezeichnet und davon erzählt, wie Jodorowsky auf seine Entscheidung „Drive“ und danach „Only God Forgives“ zu drehen, Einfluss genommen hat. Moderiert wird dieses Material von einem sehr enthusiastischen Menschen vom Filmfest München, der so aufgeregt ist, neben Jodorowsky zu sitzen, dass er auch mal gar nicht merkt, dass Jodorowsky von Spanisch ins Englische gewechselt ist und munter weiter Jodorowskys Ausführungen auf Englisch „übersetzt“. Eine sehr schöne, in ihrer Euphorie ansteckende Szene.

Nicht vergessen sollte man auch die beiden umfangreichen und sehr informativen Booklets. Das Booklet zu „El Topo“ enthält ein langes, zeitgenössisches Interview, welches der junge Jodorowsky 1970 nach der Premiere von „El Topo“ sechs amerikanischen Journalisten gegeben hat. Außerdem eine Kopie der Indizierungsanzeige der alten VCL-Videokassette. Das Booklet zu „Der heilige Berg“ befasst sich mit Jodorowsky, seinem Leben und seinen drei hier vorliegenden Filmen und ist von Filmkritiker und – historiker Claus Löser verfasst worden.

„Fando und Lis“ liegt auch in der Blu-ray-Ausgabe der Box nur als DVD vor. Was schade ist und auf dem Cover nicht besonders deutlich wird. Das Bild von „Fando und Lis“ ist okay und passt in seiner Rauheit zu dem Film. „El Topo“ kommt im korrekten Bildformat von 4:3 und sieht so gut aus, wie noch nie. Beinahe etwas zu gut für diesen Kultfilm. Das Bild ist teilweise so klar, dass man glauben könnte, er wäre mit einer modernen Digitalkamera gedreht. Von besonderer Pracht ist „Der heilige Berg“ im Format 1:2.35. Der Originalton ist gut verständlich und klar. Der deutsche Ton ist ebenfalls gut hörbar.

Die nun folgenden Screenshots stammen, bis auf „Fando und Lis“, alle aus der US-DVD-Box „The Films of Alejandro Jodorowsky“, die 2007 bei Anchor Bay erschien.

Fando und Lis (1968)

Fando und Lis„Fando und Lis“ war der erste Spielfilm des Kino-Bilderstürmers Alejandro Jodorowsky, und wie auch bei dessen späteren Filmen merkt man hier deutlich seine Herkunft von Zirkus, Pantomime und Theater. Gerade in einer Rückblende, in Weiter lesen 'Blu-ray Rezension: „Die Filme von Alejandro Jodorowsky“'»

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