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Filmbuch-Rezension: Benjamin Moldenhauer “Ästhetik des Drastischen – Welterfahrung und Gewalt im Horrorfilm“

Von , 7. April 2017 16:18

„Ästhetik des Drastischen – Welterfahrung und Gewalt im Horrorfilm“ ist der etwas sperrige Titel eines der interessantesten Filmbücher, die mir in den letzten Jahren untergekommen sind. Die erweiterte Fassung der Dissertation des Bremer Kulturwissenschaftlers Benjamin Moldenhauer ist ein echter Brocken, der aber gar nicht schwer im Magen liegt, sondern dem Kopf ordentlich Futter bietet, um möglicherweise bereits verkrustete Denkschemata zum Thema Horror und Gewalt aufzubrechen, an die frische Luft zu holen und ordentlich durchzulüften. Dabei wird nicht Altbekanntes wiedergekäut, sondern eine sehr nachvollziehbaren filmästhetische Theorie des Horrorfilms zur Gewalt der Bilder hergeleitet. Dabei gelingt Benjamin Moldenhauer das Kunststück, seinen wissenschaftlichen Text so zu formulieren, dass man als Laie, der nicht im Bereich Kulturwissenschaften oder Psychologie promoviert hat, trotz der vielen Fachbegriffe kein Problem hat, den Kernaussagen zu folgen.

Man muss allerdings auch die Bereitschaft aufbringen, sich von Moldenhauer durch die vielzähligen theoretischen Ansätze, seine Interpretationen und die sich daraus ergebenden neuen Denkansätze führen zu lassen. Das soll heißen: „Ästhetik des Drastischen“ ist keine Strandlektüre und erfordert vom Lesen schon ein gehobenes Maß an Konzentration und geistiger Regheit.

Für mich sehr aufschlussreich und gewinnbringend war vor allem der erste Teil des Buches, welcher sich primär mit der Geschichte des Horrorfilms und seiner Rezeption beim Publikum und in der Theorie auseinandersetzt. Das ist hervorragend formuliert und hergeleitet. Demnach war der Horrorfilm bis 1960 vor allem von dem Verdrängten der Seele, dem freudschen Kampf von Über-Ich, ich und Es geprägt. Eine Deutung, die sich bis heute gehalten hat. Für Moldenhauer stellt aber die Premiere von „Psycho“ im Jahre 1960 eine Zäsur da, da hier ein neues Element dazu kam und dem freudschen Prinzip des „Heimlichen“ und „Unheimlichen“ eine ganz konkrete Angst entgegen gesetzt wurde. Horror heißt hier dann wirklich Schrecken und Angst. Die Filme zielten auf die Erfahrung des Publikums und wollte einen körperliche Reaktion hervorrufen. Primär ging es um die Furcht um die eigene körperliche Unversehrtheit, der Furcht, dass einem selber etwas schlimmes, schmerzhaftes zustoßen könne. Was dies sein könnte, wurde nun „drastisch“ auf der Leinwand gezeigt. Das „Monster“ lebt also nicht mehr in der eigenen Seele, sondern ist Bedrohung von außen, die darauf aus ist uns grausame Schmerzen zuzufügen. Und diese Bedrohung muss nicht zwangsläufig übernatürlicher Herkunft sein, sondern kann ihre Wurzeln auch in dem Grausamen haben zu dem Menschen fähig sind.

Der anschließende Teil, der sich vor allem eine weitergehende Erklärung psychologischer Theorien und die Abrechnung damit ist, wäre meines Dafürhaltens nicht zwangsläufig nötig, um Moldenhauers Theorie des Drastischen nachzuvollziehen, ist für an psychologischer Theorie Interessierte aber ein zusätzliches Bonbon.

In der zweiten Hälfte des Buches wird die Theorie des Drastischen an vier konkreten Beispielen detailliert erläutert. Diese sind Tobe Hoopers „Texas Chain Saw Massacre„, Wes Cravens „Last House on the Left„, Alexandre Ajas „The Hills Have Eyes„-Remake und Rob Zombies „The Devil’s Rejects„. Einerseits erläutert Moldenhauer hier, was diese vier Filme in dem Zuschauer auslösen, andererseits nimmt er den Leser auch gleich mit auf eine Reise durch das Backwoods-Genre, dem Rape’n‘-Revenge-Film, den sogennanten „Torture Porn“, stellt Originale und Remakes gegeneinander und arbeitet die unterschiedlichen Wirkungen der Filme auf den Zuschauer heraus. Besonders interessant sind dabei seine Beobachtungen zu „The Devil’s Rejects“, dem er merklich zwiegespalten gegenübersteht.

Zusammengefasst, eines der spannendsten und geistreichsten Bücher über den oftmals verfemten, häufig einseitig betrachteten oder überpsychologisieren Horrorfilm, das frische und jederzeit gut nachvollziehbare Argumente für eine neue Herangehensweise an die theoretischen Grundlagen dieses Genres liefert. Klare Empfehlung.

Benjamin Moldenhauer Ästhetik des Drastischen – Welterfahrung und Gewalt im Horrorfilm„, Bertz+Fischer, 360 Seiten, € 25,00

Filmbuch-Rezension: “ Werner Herzog – An den Grenzen“

Von , 9. April 2016 17:32

Bertz+Fischer_Werner_HerzogWährend Werner Herzog in den USA einen fast schon mythischen Status besitzt, wird er in Deutschland leider größtenteils noch immer auf seine legendäre Zusammenarbeit mit Klaus Kinski reduziert. Daher erfreut sich auch aus seinem späteren Werk hierzulande gerade mal der Kinski-Dokumentarfilm „Mein liebster Feind“ einer größeren Popularität. Dabei sind insbesondere Herzogs Dokumentarfilme, die in den letzten beiden Jahrzehnten vornehmlich in den USA entstanden, hochinteressant. Und auch die in Herzogs Heimatland gerade mal auf DVD veröffentlichten Spielfilme müssen sich nicht hinter den Werken aus den 70ern und 80ern verstecken. Stichwort „verstecken“. Herzogs in den Staaten gefeierter Dokumentarfilm „Tod in Texas“ wurde bisher nur einmal in Deutschland gezeigt, versteckt im Nachtprogramm des ZDF. Noch schlechter erging es der daran anschließenden TV-Reihe „Death Row“, die 2014 im ZDFInfo-Kanal lief. Beide Werke stehen im Zentrum des bei Bertz + Fischer erschiene Buches „An den Grenzen“, welches sich mit Herzogs, hier wie gesagt leider unbekannteren, Spätwerk beschäftigt. Eine wichtige, überfällige Veröffentlichung, die hoffentlich hilft, auch in unserem Land das spannende Werk Herzogs jenseits seiner Filme mit Klaus Kinski, endlich in den Fokus zu rücken.

Wie die Herausgeber Kristina Jaspers und Rüdiger Zill im Vorwort ausführen, entstand der Grundstock der Beiträge anlässlich eines Symposiums, welches die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen und das Einstein Forum am 26. Oktober 2012 gemeinsam veranstalteten. Der erste Beitrag „Der Zirkelschluss als einzig mögliche Form der Existenz“ von Chris Wahl befasst sich mit Herzogs Suche nach „unverbrauchten“ und verborgenen Bildern, sowie seinen Strategien, an diese zu gelangen. Die erste Strategie ist laut Wahl das Motiv der Kreisbewegung, die zweite die Einbindung von „Found Footage“ und die Einpassung von diesem in seine eigenen Erzählungen. Kristina Jaspers beschäftigt sich in „Poesie und Pathos“ damit, wie Herzog seine Stimme und Musik in seinen Filmen einsetzt.

In dem spannenden Abschnitt „Razzle Dazzle“ analysiert Esther Buss am Beispiel der Filme „The Bad Lieutenant: Port of Call“ und „My Son, My Son, What Have Ye Done“, wie Herzog Erwartungen unterläuft, den Zuschauer täuscht und damit zwei fremde Drehbücher zu einem Herzog-Film umbiegt. Passend zu den teilweise bizarren Tieraufnahmen in vorgenannten Filmen, folgt darauf „Herzogs Zoo“ von Sabine Nessel, wo es – wie der Name schon sagt – um Tierdarstellungen in den neueren Dokumentarfilmen von Werner Herzog geht.

„To Explore the Procedure of Human Vision“ von Rüdiger Zill befasst sich eingehend mit Herzogs Film „Die Höhe der vergessenen Träume“ und geht unter anderem der Frage nach, ob und wo Herzog etwas fingiert hat und was seine Beweggründe waren. Valérie Carrés sehr interessantes und informatives Kapitel „Jeder Mensch ist ein Abgrund“ beschäftigt sich mit Herzogs Dokumentarfilmen über die Todesstrafe in den USA. Umso bedauerlicher, dass gerade diese aktuellen Werke bislang noch so schwer zugänglich sind (siehe meine einleitenden Worte oben).

„Von einem, der auszog, uns fremd zu bleiben“ von Bernd Kiefer handelt von den neueren Images Herzogs und hat eine recht desillusionierende Wirkung, da Kiefer das Bild, welches man von Herzog hat, als sehr kalkulierte Rolle entlarvt. Dieses Bild ist nach Kiefer nur eine immer wieder wechselnde Maske, die Herzog kunstvoll formt und die er nutzt, um sich selbst als Marke zu etablieren, und einen Mythos um seine Person zu schaffen. Welche er darüber hinaus aber auch nutzt, um den echten Werner Herzog vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Geht man mit Kiefers Argumenten mit, dann dekonstruiert er ziemlich gründlich das Bild, welches man sich von Herzog gemacht hat (bzw. dem man laut Kiefer aufgesessen ist).

Einem ganz anderen Bereich wendet sich „Kunst als Kunstvermittlung“ von Daniel Kothenschulte zu. Hier geht es ausschließlich um eine Video-Installation, die Herzog am 1. März 2012 im Rahmen der Whitney-Biennale im gleichnamigen New Yorker Museum ausstellte. Sie trug den Titel „Hearsay of the Soul“ und verband Gemälde des niederländischen Landschaftsmalers Hercules Segers (1590-1638) mit der Musik von Ernst Reijseger, der einige von Herzogs Filmen vertont hatte.

Klara Hobzas Beitrag „Der Welt aus dem Bild heraus begegnen“ hatte ich zuvor als „Lückenfüller“ abgetan. Handelt es sich hier doch um die Aufzeichnungen der Künstlerin Hobza, die in einem Herzog-ähnlichen Projekt Europa durchtauchen will. Tatsächlich entpuppt sich ihr Beitrag aber als Höhepunkt dieses Bandes, da sie mit sehr viel Elan und Enthusiasmus von ihrer Teilnahme an Werner Herzogs Rouge Film School berichtete. Ein Enthusiasmus, der sich auf den Leser überträgt und somit ein sehr schönes, lebendiges und positives Gegengewicht zu Bernd Kiefers eher düsteres Herzog-Portrait bildet. Ein „Lückenfüller“ ist eher Christoph Hochhäuslers Beitrag „Am eigenen Schopf“, der zwar wunderschön geschrieben ist, aber gerade mal eine einzige Seite umfasst.

Ergiebiger ist da die sehr persönliche Laudatio „Die Grenzen des Menschseins überschreiten“ von Edgar Reitz, die dieser anlässlich der Verleihung des Kulturellen Ehrenpreises der Landeshauptstadt München an Werner Herzog am 20. Januar 2015 hielt. Reitz fasst hier noch einmal Herzogs Werdegang, seine Filme, Methoden und Überzeugungen zusammen und reichert diese durch viele persönliche Anmerkungen und Anekdoten an. Einer der schönsten Texte dieses Buches.

Abgerundet wird „An den Grenzen“ durch einige Texte Herzogs, die dem Leser seine Sicht auf das Filmemachen deutlich machen. Dies wären „Die Minnesota Erklärung“ in der Herzog in 10 knappen Punkten formuliert, worum es bei seiner Art des Dokumentarfilms geht. Weiter führt Herzog dies dann in dem längeren Vortrag „Vom Absoluten, dem Erhabenen und ekstatischer Wahrheit“ aus, den er 2009 in Mailand hielt und der für das Verstehen von Herzogs Sicht essentiell ist. In „Schwanger gehen mit ganzen Provinzen“ schrieb Herzog bereits 1983 in der Süddeutschen Zeitung über den über den Landschaftsmaler Hercules Seger, dem er dann 2012 ins Zentrum seiner Video-Installation im Whitney-Museum, New York gestellte. Dem folgt „Hörensagen der Seele“, ein Text aus dem Katalog eben jener Ausstellung. Nach den 12 Regeln seiner „Rouge Film School“, schließt das Buch mit einem ausführlichen Publikumsgespräch ab, welches Herzog anlässlich der Aufführung zweier Folgen seiner TV-Doku-Serie „On Death Row“ im Oktober 1012 im Berliner Arsenal Kino führte.

Insgesamt ist „An den Grenzen“ ein gewohnt gutes Buch aus dem Hause Bertz + Fischer geworden, welches viele unterschiedliche Aspekte aus Herzogs leider noch viel zu unbekannten, neueren Schaffen beleuchtet. Besonders schön sind dabei auch die spannenden Gegenpole, die durch die Artikel von Bernd Kiefer und Klara Hobza vertreten werden. Natürlich kann man bemängeln, dass viele interessante Arbeiten Herzogs hier unerwähnt bleiben. Aber es ist ja auch nicht Anspruch des Buches, jeden noch so kleinen Winkel zu durchstöbern, sondern ein möglichst breites Spektrum abzubilden. Insgesamt eine lohnende Lektüre.

Kristina Jaspers / Rüdiger Zill (Hg.) Werner HerzogAn den Grenzen, Bertz+Fischer, 208 Seiten, € 17,90

Filmbuch-Rezension: “DER WEISSE HAI revisited“

Von , 27. November 2015 19:58

Bertz+Fischer_Weisse_HaiZum 40-jährigen Jubiläum des „Weißen Hais“ ist nun bei Bertz + Fischer ein Buch erschienen, welches sich auf 274 Seiten allein und in aller Ausführlichkeit mit diesem einen Film beschäftigt. Natürlich hat „Der weiße Hai“ ein solche „Sonderbehandlung“ allemal verdient, denn er änderte nicht nur die Art und Weise, wie Hollywood seine Filme vermarktete, sondern er leitete auch das Zeitalter der „Blockbuster“ ein und tötete – so die landläufige Meinung – das New Hollywood-Kino. Eine Strömung, aus der auch „Der weiß Hai“-Regisseur Steven Spielberg und „Krieg der Sterne“-Macher George Lucas stammten. Ferner katapultierte „Der weiße Hai“ Spielberg zu Weltrum und ist vor allen Dingen verdammt aufregendes und perfektes Spannungskino. Und das von Wieland Schwanebeck herausgegebene Buch „DER WEISSE HAI revisited – Steven Spielbergs JAWS und die Geburt eines amerikanischen Albtraums“ beweist, dass hinter dem reinen Unterhaltungsanspruch noch sehr viel mehr Dimensionen stehen, die dem Film eine spannende Komplexität geben, die unter der perfekten Unterhaltung lauert, wie der große Weiße unter der Wasseroberfläche. Es muss allerdings hinterfragt werden, ob es dem Buch gut tut, wenn es sich ganz auf die detaillierte Deutung und kulturwissenschaftliche Untersuchung eines einzigen Filmes konzentriert. Und ob hier nicht auch weniger mehr gewesen wäre. Doch dazu später.

Der Beginn des Buches ist hervorragend gelungen. Nach einer höchst informativen Einleitung durch Wieland Schwanebeck schreibt Felix Lempp über verschiedenen „Making Of“-Dokumentationen, die es zu „Der weiße Hai“ gibt. Dabei erfährt der Leser durch die Beschreibung der Inhalte der Dokumentationen nicht nur eine Menge über die Entstehung des Filmes, sondern auch über unterschiedliche Strategien in „Making Of“s und wie sich scheinbare Wahrheiten über die Zeit verändern und immer wieder in den Dienst einer vorgefertigten „Story“ gestellt werden, die ein und das selbe Ereignis immer wieder neu und anders erzählen. Das ist nicht nur spannend, sondern schlägt auch gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Michael Hiemke wendet sich dann in seinem Beitrag über die Filmmusik mit zahlreichen Notenbeispielen und Sequenzanalysen vor allem an musikwissenschaftlich affine Leser.

Ein Highlight des Buches ist Ian Freers Kapitel über die zutiefst bedrückende Katastrophe der U.S.S. Indianapolis. Ein reales Ereignis, das im Film eine zentrale Rolle einnimmt. Wieland Schwanebeck vergleicht dann Spielbergs Film mit dem Gesamtwerk Alfred Hitchcocks und sucht nach Parallelen. Den oben beschriebenen Tod des New Hollywoods durch Blockbuster wie „Der weiße Hai“ beschreibt Heiko Nemitz in einem sehr lesenswerten Abschnitt. Im Folgenden wird versucht „Der weiße Hai“ einzelnen Genres zuzuordnen. So verortet Marcus Stiglegger den Film im „Tierhorror“-Genre, während Michael Flintrop ihn eher im Katastrophenfilm sieht. Bei den jeweiligen Untersuchungen kann der Leser gleichzeitig etwas über die beiden jeweiligen Genres lernen. Die Wahrheit aber liegt wahrscheinlich in dem „Genre-Hybrid“ von dem Sofia Glasl schreibt, was eine schöne Erweiterung zu den Thesen im ebenfalls bei Bertz + Fischer erschienenen Buch „Actionkino“ (Besprechung hier) darstellt.

Hatten die einzelnen Essays „Der weiße Hai“ bis dahin in einen filmischen Kontext eingeordnet, der gleichberechtigt zum Film vorgestellt wird, konzentrieren sich die folgenden Kapitel ganz auf den Film selber und versuchen in ihm Texturen zu finden, die verschiedenen wissenschaftlicher Theorien zugeordnet werden. Dies ist zwar grundsätzlich eine sehr spannende Herangehensweise, ermüdet aber in solch geballter Form recht schnell. Folgt man den ersten Interpretationen noch gebannt, so langweilt es irgendwann, wenn man die gleiche Szene nun schon zum dritten Mal beschrieben bekommt – auch wenn sie nun mit einer völlig anderen Bedeutung aufgeladen wird. An dieser Stelle empfiehlt es sich, das Buch nicht in einen Rutsch zu lesen. Diesen sechs Essays sollte man besser in einem gewissen zeitlichen Abstand einräumen, um nicht mittendrin das Interesse zu verlieren und die durchweg spannenden Interpretationen nur noch gelangweilt zu überfliegen.

Stefan Jung untersucht den Gegensatz von suburbanen und exurbanen Raum in „Der weiße Hai“ und dem Gesamtwerk Spielbergs. Willem Strank schreibt über die Ikonodramatugie der Annäherung, während Eckhard Pabst ausführt, wie Spielberg in „Der weiße Hai“ Grenzen inszeniert und was diese für den Film und seine Wirkung bedeuten. Der fünfte Teil des Buches beleuchtet den Film dann von psychologischen und soziologischen Aspekten her. Elisabeth Bronfen liest „Der weiße Hai“ im Zeichen des Todestriebes, Jan D. Kucharzewski wiederum arbeitet die Darstellung von Männlichkeit und Homosozialität heraus. Am Faszinierendsten ist aber Dorothe Mallis Essay „Das jüngste Gericht in JAWS“ welches religiöse Wurzeln im Film findet, die zwar manchmal etwas sehr weit hergeholt wirken, aber durchaus schlüssig und sehr spannend sind.

Die folgenden Teile des Buches sind demgegenüber dann wieder sehr geerdet und greifbarer. Vor allem lösen sie sich vom Film und erklären mehr das reale Umfeld, welches er geschaffen hat. Tabea Weber beschreibt die Darstellung des Haies im Film und wie diese unsere Wahrnehmung des Tieres beeinflusst. Konstanze Hiemkes kurzer Text über das Haifischgebiss ist zwar interessant, wirkt aber wie ein Lückenfüller. Lars Koch schreibt darüber wie „Der weiße Hai“ und andere Filme aus einer Furcht vor dem Hai eine tieferliegende Angst geschürt haben.

Die Sequels zu „Der weiße Hai“ kommen in diesem Buch vielleicht etwas zu kurz, werden aber von Kathleen Loock in ihrem Text „Zwischen Jawsmania und Sequelitis“ aufgegriffen, indem sie auch auf die Geschichte der Fortsetzungsfilme generell eingeht. In einem sehr wichtigen Text erklärt Christian Wild, was eigentlich wirklich dran ist, an der Legende von Hai als angsteinflößenden Menschenfresser. Den passenden Abschluss findet das Buch dann durch Csaba Lázár, der sich nicht nur der unmittelbar auf „Der weiße Hai“ folgenden Nachahmungswelle annimmt, sondern auch den Bogen zur gerade schwer angesagten „Sharkploitaion“-Welle schlägt.

Insgesamt lässt das Buch „DER WEISSE HAI revisited“ kaum noch Fragen zum Film offen. Der Film wird von vielen ganz unterschiedlichen Seiten beleuchtet, interpretiert und in einen Kontext gesetzt. Diese Konzentration auf die immer gleichen 124 Minuten Film kann allerdings auch mal zu Ermüdungserscheinungen führen, weshalb man gerade den Mittelteil besser häppchenweise genießen sollte.

Wieland Schwanebeck  (Hrsg.) „DER WEISSE HAI revisited – Steven Spielbergs JAWS und die Geburt eines amerikanischen Albtraums“, Bertz+Fischer, 276 Seiten, € 19,90

Filmbuch-Rezension: “Drei Meister in Hollywood”

Von , 30. Oktober 2015 18:41

dreimeisterNorbert Grob hat dieses Jahr bereits eine schöne Fritz-Lang-Biographie vorgelegt. Nun folgt der nächste Streich. Wobei die in seinem Buch „Drei Meister in Hollywood“ veröffentlichten Essays bereits in den 90er Jahren im Rahmen der jeweiligen Berlinale Retrospektiven erschienen waren. Für diese Neuauflage wurden jene aber vollständig überarbeitet und aktualisiert. Wieder beschäftigt sich Grob mit deutschsprachigen Hollywood-Immigranten. Neben den beiden Österreichern Erich von Stroheim und Otto Preminger, beschäftigt sich Grob auch mit dem im Elsass geborenen William Wyler. Mit der Lang-Biographie, ist sein aktueller Triptychon nicht zu vergleichen. Beschäftigte er sich im Lang-Buch vor allem mit dem Menschen Lang, dessen Privatleben, Ansichten und wie all dies Eingang in seine Filme erhielt, steht in „Drei Meister in Hollywood“ weitaus mehr das Werk er drei legendären Regisseure und die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem im Vordergrund. Allein bei Erich von Stroheim geht Grob auch weiter auf den Menschen bzw. die Kunstfigur „von Stroheim“ ein, da sich diese auch nicht vom Werk trennen lässt.

Sehr detailliert untersucht Grob die Handvoll Spielfilme, die von Stroheim vollenden konnte und beschreibt dabei kenntnisreich die Probleme, Konflikte und Rückschläge, die von Stroheim dabei immer wieder hinnehmen musste. Kaum ein Werk konnte von Stroheim so in die Kinos bringen, wie er es konzipiert hatte. Immer wieder geriet er mit dem Produzenten und der Zensur aneinander, seine oft mehrere Stunden dauernden Filme wurden gegen seinen Willen auf „kinogemäße“ Länge heruntergestürzt, geändert und von anderen beendet. Grob gibt dem Leser eine gute Idee davon, wie die Filmwelt des Erich von Stroheim ausgesehen hätte, wenn man ihn nur gelassen hätte. Ferner erläutert er die Hintergründe, weshalb von Stroheims Werk heute – wenn überhaupt – nur verstümmelt zu sehen ist. Auch stellt er den Schauspieler Erich von Stroheim vor und legt dar, wie dieser seine ganz eigene Philosophie vom Filmemachen auch in seine schauspielerische Arbeit für andere Regisseur eingebrachte. Etwas verwirrend an dem Von-Stroheim-Abschnitt des Buches ist es, dass Grob hier nicht chronologisch vorgeht, sondern die zeitliche Abfolge eher intuitiv wählt. So wird bereits eingehend von Stroheims Filmkarriere nach seinem Letzten selbst inszenierten Spielfilm besprochen, bevor seine große Erfolge in den 20er Jahren und sein Schiffbruch mit „Queen Kelly“ besprochen werden.

Beim Elsässer Wilhelm Wyler belässt es Grob bei den allernötigsten biographischen Angaben und beschränkt diese im Wesentlichen auf seine Anfänge beim Film. Viel mehr beschäftigt sich Grob mit Wylers Art der Bildkomposition und die nicht ganz unumstrittene Weise, wie Wyler das Optimum aus seinen Schauspielern heraus holte. Dabei ging Wyler oft bis an deren Belastungsgrenzen, um den erwünschten Effekt zu erzielen. Etwas, was ihm den Ruf eines Diktators und Menschenschinders einbrachte. Grob zeigt aber auch immer wieder auf, wie Wyler bestimmte Themen immer wieder in sein Gesamtwerk einbringt. Dieses lässt sich nicht eindeutig katalogisieren, da Wyler zwar aus dem Western stammt, die Fließbandarbeit an Dutzenden von B-Western vor allem als Lehrzeit nutzte, um seinen persönlichen Stil und vor allem seine Tricks zu entwickeln. Grob stellt für jedes Jahrzehnt, in dem Wyler tätig war, einen Höhepunkt heraus: „Hell’s Heroes“ für die 20er, „Wuthering Heights“ für die 30er, „The Best Years of Our Lives“ für die 40er und natürlich Wylers berühmtesten Film, „Ben Hur“ für die 50er. Die 60er Jahre, in denen Wyler neben dem gerade in den letzten Jahren oftmals variierten Psycho-Thriller „The Collector“ vor allem leichtere Kost mit Audrey Hepburn oder schließlich „Funny Face“ mit Barbara Streisand drehte, misst Grob hingegen nicht so viel Wichtigkeit bei. Diese Jahre bleiben eher Fußnoten.

Spürt man bei von Stroheim und Wyler zu jeder Zeit Grobs große Bewunderung für Werk und Schöpfer, so vermittelt er in Bezug auf Otto Preminger ein eher zwiegespaltenes Verhältnis. Hier spart er ebenfalls mit biographischen Details und nährt sich dem Filmemacher ganz über dessen Werk. Hier merkt man allerdings deutlich, dass Grob die gezielten Tabubrüche, die Preminger insbesondere in den 50er Jahren in sein Werk einbrachte, eher missfallen und er sie als Marketing-Tricks abtut. Auch attestiert er Preminger eine gewisse Schlampigkeit, wenn diesen etwas nicht hundertprozentig interessiert. Aber auch wenn Preminger von Grob weitaus kritischer gesehen wird als von Stroheim und Wyler, spürt man doch auch eine gewisse Faszination, die Grob Premingers Werk entgegenbringt. Ebenso wie Respekt für dessen Werk, auch wenn Grob die Spätphase Premingers aber Mitte der 60er als weniger gelungen oder schlichtweg misslungen („Skidoo“) abstraft. Als herausragend in Premingers Werk werden „Laura“ und „Bonjour Tristese“, der ein eigenes Kapitel erhält, herausgestellt. Sehr spannend in diesem Zusammenhang ist eine eingehende Betrachtung des Film Noir. Insgesamt macht sich Grob in dem Preminger-Abschnitt für meinen Geschmack etwas zu sehr die Meinung der Väter der Nouvelle Vague – die auch fleißig zitiert werden – zu eigenen, die während ihrer Zeit bei der Cahiers du cinéma Otto Preminger – der in den 40ern unerschrockenen gegen das Studiosystem kämpfte und oftmals auch seine Kopf durchsetzten konnte – zu so etwas wie ihren Schutzpatron stilisierten, ihn dann aber im Zuge seiner Arbeiten als freier Produzent in den 50er fallen ließen. Insgesamt hat Norbert Grob hier aber ein sehr interessantes und höchst lesenswertes Buch geschrieben, welches dem Leser viele neue und inspirierende Blickwinkel auf die Arbeiten der drei Meister werfen lässt.

Norbert Grob “ Drei Meister in Hollywood: Erich von Stroheim – William Wyler – Otto Preminger (Deep Focus), Bertz+Fischer, 304 Seiten, 206 Fotos, € 25,00

 

Filmbuch-Rezension: “Glorious Technicolor“

Von , 27. März 2015 15:51

glorioustechnicolorDas Thema der diesjährigen Berlinale-Retrospektive hieß „Glorious Technicolor“ und genauso heißt auch der Begleitband, der bei Bertz+Fischer erschienen ist. Wie es sich für das Thema gehört, und man es auch von Bertz+Fischer gewohnt ist, ist der Band sehr treffend illustriert. Allerdings wären hier großflächige Fotos, welche die ganze Magie von Technicolor wiedergeben, wünschenswert gewesen. Da das Buch aber nur in einem kleineren Format von 21,5 x 22,5 cm erschien, wirken die Bilder nicht so beeindruckend, wie es bei einem opulenten Bildband der Fall gewesen wäre. Oftmals sind auch mehrere kleine Bilder über eine Seite verteilt. Aber „Glorious Technicolor“ hat auch nicht den Anspruch ein hübscher Bildband zu sein, sondern Informationen über die Geschichte des Technicolor-Verfahrens, und auch des Farbfilms als solchen zu liefern. Und hier punktet das Buch dann auch. Von der Gründung der Firma Technicolor über die ersten Experimente mit dem Farbfilm über den rasanten Aufstieg in den 30er Jahren, als Technicolor der Inbegriff für Hollywood-Farbfilme wurde, bis zu seinem langsamen Tod in den 50ern, als es von anderen Systemen abgelöst wurde.

Da viele unterschiedliche Autoren Essays zu diesem recht eng gesteckten Thema beitragen, finden sich in den Artikeln auch viele Wiederholungen. Immer wieder wird auf die ersten Versuche mit Farbe eingegangen, die technischen Hintergründe, die unterschiedlichen Modi und die ganz besondere Rolle von Natalie Kalmus, der Ex-Frau des Firmengründers Herbert T. Kalmus, die akribisch darüber wachte, dass die Filmemacher Technicolor optimal einsetzten. Sie griff dabei tief in die Dreharbeiten ein und gab bei der Verwendung von Technicolor vor, wie die Ausstattung, die Kleidung und das Make-Up der Darsteller auszusehen hatten. Eine faszinierende Person mit hohen ästhetischen Ansprüchen an das von ihr propagierte Farbverfahren und die Leute, die damit arbeiteten.

Barbara Flückiger gibt zunächst einen guten, manchmal sehr technisch geratenen Überblick über die Zeit der Firmengründung und den ersten von Technicolor entwickelten Farbfilmsysteme. Vom additiven Zwei-Fahren-Verfahren 1918, welches allerdings ein Reinfall war, über erste Erfolge mit Technicolor Nr. II ab 1922 , den Durchbruch mit Technicolor Nr. III 1927, welches allerdings noch immer eine Zwei-Farben-Verfahren war, den beiden Vorläufern aber weit überlegen. Scott Higgins schreibt über das darauf folgende Drei-Farben-System Technicolor Nr. IV, welches ab 1932 zum Einsatz kam und mit dem der Farbfilm perfektioniert wurde, die Freiheiten der Filmemacher allerdings auch durch die strengen Vorgaben Technicolors in Bezug auf Hintergrund, Kostüme und Maske etwas eingeschränkt wurden.

Technicolor wurde zunächst vor allem für Musicals eingesetzt, wie Susanne Marschall berichtet. Sie nimmt sich in ihrem Essay der Geschichte des Zeichentrickfilms der Disney-Studios, in denen mit Farbe experimentiert werden konnte, um sich dann den Muscials zu widmen, die durch ihre unglaubliche Farbintensität die Aushängeschilder für Technicolor waren. Am Beispiel von Rouben Mamoulians „Blood and Sand“ zeigt Christine N. Brinckman auf, wie die Möglichkeiten, die Technicolor bot, von den Regisseuren kreativ genutzt wurden um – wie in diesem Falle – die klassische Malerei nachzuahmen. Heather Hackman stellt die These auf, dass das Western-Genre eher seltener mit Technicolor in Verbindung gebracht wird, stellt dann aber dar, welch große Bereicherung Technicolor für den Western war und wie hier der sogenannten „restraint modus“, den Natalie Kalmus einst für diese Art von Filmen festlegte, perfektioniert wurde. Gerade im Werk des großen John Ford, dessen „Der Teufelshauptmann“ hier als Referenz herangezogen wird.

Ausgesprochen spannend ist das Kapitel über die Technicolor-Filme aus Großbritannien, wo das Duo Michael Powell und Emeric Pressburger die Vorgaben Technicolors weit dehnen konnten und so eine ganz neue Art des Farbfilms schufen, die heute noch überwältigt und Vorbildcharakter hat.
Das Kapitel „Die Farben von Technicolor – Von der Entstehung zur Restaurierung“ von Ulrich Ruedel und Kieron Webb ist vor allem für die Leser interessant, die sich vor allem mit den technischen Aspekten im Detail auseinandersetzten möchten. Zum Schluss wirft Dirk Alt einen Blick auf Technicolor in Deutschland, wo es in der Filmherstellung so gut wie vollständig ignoriert wurde und in den 30er Jahren mit Agfacolor ein Konkurrenzprodukt entwickelt wurde.

„Gloroius Technicolor“ ist vor allem für Leser zu empfehlen, welche sich für die technische Seite der Filmgeschichte interessieren. Man hätte sich für dieses Thema eine großformatiger Aufmachung gewünscht. Die zahlreichen Redundanzen in den verschiedenen Artikeln lassen sich durch die Essay-Form wohl kaum vermeiden, da viele Erläuterungen und Erklärungen auf den selben Aspekten aufbauen. Es langweilt aber auf die Dauer etwas. Bezüglich der Geschichte von Technicolor und dessen Einfluss auf die Filmgeschichte lässt das Buch aber keine Fragen offen.

Connie Betz, Rainer Rother, Annika Schaefer, Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen (Hg.) “ Glorious Technicolor, Bertz+Fischer, 180 Seiten, 178 Fotos, € 25,00

Filmbuch-Rezension: “Joe Dante – Spielplatz der Anarchie“

Von , 2. November 2014 12:16

Bertz+Fischer_Joe_DanteDie Marke „Cinestrange“ scheint sich in diesem Jahr fest in allen medialen Bereichen zu etablieren. Da ist einmal das namensgebende Filmfestival, welches im Juli zum nunmehr dritten Mal stattfand und nach zwei Jahren in Dresden – wo scheinbar die Unterstützung für ein ambitionierten Genrefestival fehlte -, nach Braunschweig auswich. Dann hat sich gerade in Wien ein gleichnamiges Filmlabel gegründet, welches laut Homepage einige sehr kontroverse Titel veröffentlichen wird. Und es gibt die neue Buchreihe „Cinestrange“, die nun beim renommierten Verlag Bertz+Fischer erscheint. Deren erster Band widmet sich ganz dem Stargast des letztjährigen „Cinestrange“-Festivals: Joe Dante.

Bereits im Vorjahr war ein Buch über den Ehrengast des ersten „Cinestrange“ erschienen: „Dario Argento – Anatomie der Angst“ (Kritik hier), damals noch in der Reihe „Deep Focus“. Stellte dieses Buch vor allem Argentos Filme in den Vordergrund, welche als ausschließliche Basis für filmtheoretische Thesen genutzt wurden, so geht „Joe Dante – Spielplatz der Anarchie“ einen anderen Weg. Im Argento-Buch kam die Person Argento zu keinem Zeitpunkt vor. Hier wurde der Ansatz verfolgt, dass der Autor keine Deutungshoheit über sein Werk besitzt, und diese ganz allein beim Rezipienten liegt. Im Dante-Buch wird die Person Joe Dante in den Fokus geholt und um sie herum die entsprechenden Essays strukturiert. So enthält der Band u.a. ein langes und höchst informatives Werkstattgespräch mit Joe Dante. Immer wieder wird auf dessen Hintergrund eingegangen und detailliert analysiert, wie dieser auf Dantes filmisches Werk Einfluss nimmt. Dabei erfährt der Leser ganz nebenbei auch eine Menge über amerikanische Film- und Kinogeschichte.

So beschäftigt sich Stefan Jung zunächst eingehend mit Dantes Arbeit als Filmkritiker und wirft dabei gleichzeitig einen interessanten Blick auf das weite Feld der amerikanischen Fanzines, später wiederum folgt vom selben Autoren ein kenntnisreiches Essay über die amerikanischen Drive-In-Kultur, welche im Kino Joe Dantes eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, was mit entsprechenden Beispielen belegt wird. Stefan Borsos wiederum schreibt über das Paranoia-Kino des Joe Dante und geht dabei auch auf die entsprechenden Filme der 50er Jahre an, die den jungen Joe Dante beeinflusst haben. Oliver Nöding stellt Joe Dantes Mentor Roger Corman vor und beschreibt dessen Einfluss auf Dantes Arbeit, während sich Michael Flintrop des anderen großen Förderers Dantes annimmt: Steven Spielberg, als dessen „böser Bruder“ Dante auch gerne bezeichnet wird. Dabei arbeitet Flintrop aber vor allem die Unterschiede des Spielberg’schen und Dante’schen Kinos heraus.

Die 80er Jahren waren das Jahrzehnt in dem Dante seine erfolgreichsten und bekanntesten Filme drehte. Heiko Nemitz stellt in dem Kapitel „Gestörte Ordnungen“ den zeitgeschichtlichen Zusammenhang zwischen der Reagan-Ära und den 50er Jahren her, und beschreibt, wie Dante selber dies in seinen Filmen reflektierte. Sehr kunsttheoretisch kommt zunächst Nils Bothmann daher, der zu Beginn seines Textes den Begriff Intertextualität erklärt und mit einigen Theorien unterfüttert, um diese dann auf die Filme Joe Dantes anzuwenden. Zunächst recht trockener Stoff, wird es dann aber anhand der konkreten Beispiele sehr spannend und aufschlussreich. Das Kernstück des Buches stellt ein 33-seitiges, hochinformatives Werkstattgespräch mit Joe Dante dar, welches auf dem letztjährigen „Cinestrange“ geführt wurde. Wie Joe Dante in seinen Filmen mit großer Lust Genregrenzen sprengt, und wo hierfür seine Vorbilder liegen, untersucht Marco Heiter. Dass Dantes Filme auch immer Coming-of-Age-Geschichten sind und die Protagonisten entweder Jugendliche oder kindlich gebliebene Erwachsene, stellt Wieland Schwanebeck fest.

In den letzten Jahren hat Dante nicht mehr für die große Leinwand arbeiten können, fand aber beim Fernsehen eine neue Heimat. Mit seiner TV-Arbeit und die Art und Weise, wie Dante hier seine Themen einbringt und damit auch sein Werk im engen Rahmen von TV-Serien auf ganz persönliche Weise weiterführen kann, beschäftigt sich Sascha Westphal eingehend. Dazu passt es gut, dass das Fernsehen an sich, in Dantes Filmen immer wieder eine prominente Rolle spielt, wie Sofia Glasl in ihrem Artikel herausarbeitet. Ivo Ritzer wiederum stellt den Film „Dead Heat“ des Cutters Mark Goldblatt vor. Goldblatt hat gerade am Anfang seiner Karriere eng mit Dante zusammengearbeitet und den Film auch seinem Mentor gewidmet. Ritzer findet in „Dead Heat“ zahlreiche Referenzen an Dantes Werk und nähert sich diesem über den Umweg „Dead Heat“. Die letzten beiden Artikel unterscheiden sich durch ihren sehr wissenschaftlichen Duktus von den vorangegangen Kapiteln.

Ingo Knott stellt dann abschließend – vielleicht etwas oberflächlich – die von Dante initierte Website „Trailers From Hell“ vor, die an dieser Stelle auch jedem Leser ans Herz gelegt sei. Dieses Kapitel stellt eine perfekte Überleitung zur ersten Filmbesprechung dar, in der Stefan Jung Joe Dantes erstes, hierzulande nahezu unbekanntes Werk vorstellt: Die mehrstündige Filmkollage „The Movie Orgy“. Es folgen weitere Besprechungen zu allen Kinofilmen Dantes. Auch zu denen an welchen er nur partiell beteiligt war. Nicht nur die Kinofilme werden ausführlich vorgestellt, sondern auch das mittlerweile recht umfangreiche TV-Werk, welches Serien wie „CSI“ oder „Hawaii Five-0“ umfasst. Autoren sind u.a. Leonhard Elias Lemke, Michael Kienzl, Rochus Wolff, Jochen Werner, Patrick Lohmeier, Lukas Foerster und Udo Rotenberg. Wer meine Rubrik „Das Bloggen der Anderen“ regelmäßig verfolgt, der kennt diese Namen. Abgerundet wird dieses unbedingt empfehlenswerte Buch durch einen umfangreichen Filmo- und Bibliographieteil. Die kompetente Einführung in das Buch durch Dr. Marcus Stiglegger, der unter dem Titel „Joe Dante – Genre-Bender“ schon einmal alle im Buch dann weiterführend untersuchten Themen anreißt, soll hier ebenfalls nicht unterschlagen werden. Diese kann hier kostenlos eingesehen werden: http://www.bertz-fischer.de/

Mit „Joe Dante – Spielplatz der Anarchie“ liegt ein umfangreiches Werk vor, welches eine der besten Filmbuchveröffentlichung der letzten Jahre darstellt. Besonders spannend ist es, wie hier in den meisten Fällen die Person Joe Dante in den Mittelpunkt gestellt wird und von dieser ausgehend, weitaus größere Themenfelder aufgespannt werden, welche Dantes Werk in einen filmhistorischen, soziologischen und medientheoretischen Zusammenhang stellt. So lernt man nicht nur Dante und seine Filme näher kennen, sondern erfährt ganz nebenbei auch viel über die amerikanische (B-)Film- und Kinogeschichte. Und darüber, wie es war, in den 50er und 60er Jahren als Filmfan in den USA aufzuwachsen.

In diesem Jahr war John Badham auf dem „Cinestrange“ zu Gast und wie ich von einem der Autoren erfahren habe, ist auch gerade ein Buch über diesen schon fast vergessenen Regisseur in der Vorbereitung. Ich bin sehr gespannt!

Michael Flintrop / Stefan Jung / Heiko Nemitz (Hg.) „Joe DanteSpielplatz der Anarchie, Bertz+Fischer, 356 Seiten, 219 Fotos, € 29,00

Filmbuch-Rezension: “Actionkino – Moderne Klassiker des populären Films”

Von , 9. September 2014 21:13

actionkinoDer Actionfilm ist eine Filmgattung, welches in der ernsthaften Beschäftigung mit dem Medium Film fast gar keine Rolle spielt, obwohl der „Actionfilm“ – neben der Komödie – das kommerziell erfolgreichste und beim Publikum beliebteste Genres ist. Was sicherlich auch daran liegen mag, wie das sehr empfehlenswerte, von Ingo Irsigler, Gerrit Lembke und Willem Strank herausgegebene, Buch „Actionkino – Moderne Klassiker des populären Films“ herausarbeitet, dass der Actionfilm fast immer ein Hybrid ist. D.h. dass er auch immer zu einem anderen Genre gehört. „Dirty Harry“ wird zumeist dem Copfilm oder Krimi zugeschlagen. „The Terminator“ ist Science Fiction, James Bond – und die „Mission: Impossible“-Reihe Agentenfilm. Und eben innerhalb dieser Genres werden sie zumeist dann auch nur betrachtet. Eine dezidierte Untersuchung auf ihre „Actionfilm“-Spezifikationen, kommt so gut wie nie vor. Daraus folgt auch eine gewisse Schwierigkeit den „Actionfilm“ als solchen zu klassifizieren, und als Genre greifbar zu machen.

Vor diesem Dilemma stehen auch Irsigler, Lembke und Strank. Eine umfassende Untersuchung des Genres und das Aufzeigen einer „gemeinsamen Grammatik“ wollen sie dann auch gar nicht angehen, sondern „nur“ 8 Klassikern des Actionskinos analysieren. Welche in ihren Augen aber auch die „enorme Bandbreite als auch die zentralen Gemeinsamkeiten des Kinos (abbilden)“. Nichtsdestotrotz leisten sie schon einmal eine nicht zu unterschätzende Pionierarbeit, indem sie in 11 Thesen zu umreißen versuchen, was allen „Actionfilmen“ gemein ist. Und tatsächlich lassen sich diese 11 Thesen, mehr und weniger gut, auf alle acht auf den ersten Blick so unterschiedlichen Beispiele, in diesem Buch besprochen werden, anwenden und geben eine gute Idee davon, wie komplex und inhomogen das Genre des „Actionfilms“ ist.

Der erste Film, welcher dann im Detail besprochen wird, ist der Copfilm-Klassiker „Dirty Harry“, bei dem man zunächst nicht unbedingt an einen „Actionfilm“, sondern einen Polizeithriller denkt. Willem Strank untersucht die ganze fünfteilige Reihe nach ihrer Doppeldeutigkeit. Denn die Figur „Dirty Harry“ ist „einerseits ein Individualist, der effektiv das bewerkstelligt, was eigentlich das System leisten sollte, indem er gegen dessen Gesetzte verstößt; und reaktionärer Faschist, der seine Ziele durch undemokratischen Waffengebrauch erreicht“. Dieses Spannungsfeld ist laut Strank typisch für einen Actionhelden, und in seinem Artikel geht er dann auch eingehend auf die gesellschaftliche Rezeption des ersten Filmes und die Reaktion darauf im weiteren Verlauf der Reihe ein.

Gerrit Lembke schreibt ausgesprochen interessant über „Rambo“ und führt anhand der Abweichungen von Roman und Film auf, welche unterschiedlichen, aber trotzdem auch ähnliche, Ansätze beide verfolgen, und in wieweit für den Film die Vorlage abgeändert wurde, damit sie als Actionfilm funktioniert. Eckhard Pabst beschäftigt sich mit den beiden ersten „Terminator“-Filmen und die Art, wie hier Entscheidungen inszeniert werden und welche Bedeutung sie für die Aussage der beiden Filme besitzen. Dabei geht er auch generell auf wiederkehrende Aspekte im Kino James Camerons ein. Ingo Irsigler zeigt überzeugend die Parallelen zwischen dem klassischen Western – und hier insbesondere dem Film „12 Uhr Mittags“ – und dem Actionklassiker „Stirb langsam“ auf. Dieses Essay hat mir persönlich am Besten gefallen, was wahrscheinlich meiner Liebe zu diesem Film und meiner gleichzeitigen Affinität zum Western-Grenre geschuldet ist. Dominik Orth entdeckt in der „Mission: Impossible“-Reihe einerseits ein Beispiel für den Lebenszyklus eines Genres, andererseits auch, wie die Reihe durch seine vier Filme hindurch, ein neues Männlichkeitsideal für seinen Actionhelden (und damit letztendlich auch dessen Darsteller) erschafft, welches sich vom Actionhelden er 80er Jahre deutlich unterscheidet.

Christoph Rauen hat Quentin Tarantions beiden „Kill Bill“-Teile auf ihre Struktur als Rache-, wie auch Familienfilm untersucht. Dabei stellt er fest, dass Tarantino nicht nur die bekannten Formen des Rachefilms durchexerziert, sondern sich auch damit befasst, welchen Einfluss die Gewalt auf die Kinder hat. „Die Wiedergeburt eines Unsterblichen“ nennt Jan Tilman Schwab seinen Artikel über das große James-Bond-Comeback und Daniel-Craig-Debüt „Casino Royale“. Ob dies nun wirklich der beste und wichtigste James-Bond-Film aller Zeiten ist, wie Schwab immer wieder betont, mag dahingestellt sein. Seine Analyse des Filmes und seiner Wichtigkeit nicht nur für die Serie, ist aber ausgesprochen präzise. Das Buch endet dann mit „Der Rückkehr der Körpertäter“, wo sich nochmals Gerrit Lembke zu Wort meldet und auf die „Expendables“-Reihe und ihre Bedeutung für das (post)moderne Actionkino eingeht.

Wenn man dem Buch „Actionkino – Moderne Klassiker des populären Films“ etwas vorwerfen kann, dann, dass es mit 176 Seiten zu kurz ist. Gerne hätte man noch mehr über das Genre des Actionfilms gelesen. Denn das Buch weckt nicht nur den Appetit darauf, noch einmal den einen oder anderen Actionfilmklassiker in den Player zu werfen, sondern reizt noch mehr dazu,  Genrefilme zu durchleuchten und einmal von einer ganz anderen Perspektive aus zu betrachten. Auch fällt auf, dass das Buch sehr USA-konzentriert ist. Wenn man „Casino Royale“ einmal Hollywood und nicht der britischen Filmindustrie zuschlägt, so wären in der Tat nur US-Filme besprochen worden. Das asiatische Kino, welches in den 70er und vor allem den 80er Jahren einen enormen Einfluss auch auf das US-Kino hatte, wird hier ganz außen vor gelassen. Ebenso wie z.B. die französischen Actionfilme eines Luc Besson. Weiterhin wäre es auch interessant, in dem Kontext des Actionfilmes nicht nur die „großen“ Filme anzusehen, sondern gerade auch die kleinen, billigen Ripp-Offs, die ja die Essenz der großen Vorbilder noch einmal verdichten und verstärken, was ebenfalls ein hochspannendes Untersuchungsobjekt wäre.

Aber dies ist Jammern auf sehr hohem Niveau und zudem unfair. Denn wie Irsigler, Lembke und Strank bereits ganz am Anfang ausführen, war solch eine umfassende Betrachtung des Actionfilmes ja auch nie die Zielsetzung dieses Buches gewesen. Es wäre aber spannend, wenn die Autoren sich an eine entsprechende Fortsetzung ihres Buches wagen würden. Schließlich haben sie ja in ihren Thesen, wie auch den Filmanalysen, treffend ausgeführt, dass Sequels ein herausstechendes Merkmal des Actionfilms sind.

Ingo Irsigler, Gerrit Lembke und Willem Strank (Hrsg.) „Actionkino – Moderne Klassiker des populären Films“, Bertz+Fischer, 176 Seiten, € 16,90

Filmbuch-Rezension: „Dario Argento – Anatomie der Angst“

Von , 10. September 2013 16:40

Bertz+Fischer_Dario_ArgentoUm eventuelle Enttäuschungen schon im Vorfeld auszuräumen, möchte ich darauf hinweisen, dass es in dem exzellenten Buch „Dario Argento – Anatomie der Angst“ nicht um die Person Dario Argento geht, sondern allein um sein filmisches Werk. Natürlich steckt darin auch der Regisseur und Drehbuchautor Argento, aber wer sich ein Buch, welches den Untertitel „Sein Leben – seine Filme“ tragen könnte, erhofft hatte, wird zwangsläufig enttäuscht werden. „Anatomie der Angst“ ist keine Biographie und auch Anekdoten von Dreharbeiten oder gar Erinnerungen vom Maestro persönlich, sind hier nicht zu finden.

Im Mittelpunkt von „Anatomie der Angst“ stehen Argentos Filme, und wie die Opfer der unheimlichen Killer mit den scharfen Messern, die seine Werke bevölkern, werden diese von fast drei Dutzend Filmwissenschaftlern und -journalisten feinsäuberlich aufgeschnitten und in ihre Bestandteile zerlegt. Wie immer, wenn sich eine Vielzahl an Personen einem Thema widmet, sind die Beiträge sehr unterschiedlich ausgefallen und reichen von mitreißender Begeisterung (Dominik Graf) bis hin zu nahezu kryptischen, streng wissenschaftlichen Fremdwortungetümen (Ivo Ritzer). Ein kleines Manko ist es vielleicht, dass Argento nicht selber zu Wort kommt, um über seine Filme zu sprechen. Vielleicht würde dies einiges wieder relativeren, denn oftmals fällt eine Tendenz zum Überinterpretieren auf und es werden Dinge in die Filme hinein gelesen, von denen es einem sehr schwerfällt zu glauben, dass Argento sie bei den Dreharbeiten tatsächlich so im Sinn hatte. Trotzdem fördert die intensive Beschäftigung mit einem bestimmten Aspekt, wie z.B. die Kunst in Argentos Filmen oder die Bedeutung der Architektur, viele interessante Perspektiven und Einsichten zutage. Und vor allem macht es auch Lust, Argentos Filme wieder einmal zu sehen. Auch – oder vielleicht grade – sein bei den Fans sehr unbeliebtes Spätwerk.

Die Idee zu dem Buch entstand beim letztjährigen Cinestrange-Festival in Dresden, bei dem Dario Argento Stargast war und ihm eine Retrospektive gewidmet wurde. Die Laudatio – die nun in verlängerter Form die Einleitung des Buches bildet – hielt Marcus Stiglegger, der zusammen mit dem Festival-Gründer Michael Flintrop auch als Herausgeber von „Dario Argento – Anatomie der Angst“ fungiert. In der Folge lieferten dann die halbe Autorenmannschaft des legendären – und für eine ganze Generation von Filmfans prägenden – Filmmagazins „Splatting Image“ (für das auch Stiglegger schreibt), aber auch bekannte Liebhaber des italienischen „Trivialfilms“, wie der Regisseur Dominik Graf (der mit „Der scharlachrote Engel“ selber schon einen Giallo-mäßigen „Polizeiruf 110“ inszeniert hat) oder Leonard Elias Lemke, der eine regelmäßige Kolumne über italienisches Genrekino in dem Filmmagazin „Deadline“ hat, vor allem aber Geisteswissenschaftler mit unterschiedlichsten Schwerpunkten, Essays, Aufsätze und Filmbesprechungen ab. Durch diese bunte Mischung ist das Buch naturgemäß recht inhomogen, aber gerade die große Bandbreite an unterschiedlichen Autoren macht das Projekt auch sehr spannend.

Der erste Teil des Buches beginnt mit der oben angesprochen Laudatio, welche etwas über die Hintergründe von Argentos Filmen, ihre Einordnung in den filmgeschichtlichen Kontext und Argento selber berichtet. Man merkt deutlich, dass der Text ursprünglich als Laudatio – also Lobrede zur Ehren einer Person – gedacht war, denn an einigen Stellen droht sich dadurch der Beigeschmack unkritischer Heldenverehrung breitzumachen. Doch davon abgesehen, eignet sich der Text sehr gut, den Leser auf den Weg zu schicken, die filmischen Welten des Dario Argento zu entdecken.

Kunstwissenschaftlerin Joanna Barck schreibt dann zunächst über die Rolle, die Gemälde und Kunstgegenstände in Argentos Werk einnehmen. Dies ist sehr interessant und nachvollziehbar, nur wenn Frau Barck anfängt, dies auch noch psychoanalytisch zu fundamentieren, ist dies ein wenig zu viel des Guten und führt in Sphären, denen man nicht mehr so recht folgen mag. Theaterwissenschaftler Jörg von Brincken zeigt die Verbindung zwischen Argentos Filmen und dem legendären Grand Guignol Theater in Paris auf, dessen Geschichte er auch näher ausführt. Um Räume und die Architektur in Argentos Filmen geht es bei Johannes Binotto. Ein sehr interessanter Artikel, der noch einmal den Blick auf das unheimliche und durchdachte Set-Design bei Argento schärft.

Dr. phil. Ivo Rizer beschäftigt sich mit „Genre und Gender bei Dario Argento“. Ein spannendes Thema, welches hier leider mit einer derart hochgestochenen Wissenschaftssprache abgehandelt wird, dass man selbst als Absolvent eines eines anderen Studienzweiges oftmals das Wörterbuch zu Rate zieht, oder glaubt ein Medientheoretisches Studium absolvieren haben zu müssen, um den Text nachvollziehen zu können. Das macht ein flüssiges und genussvolles Lesen recht unmöglich und nervt auch schnell. Als rein wissenschaftliche Arbeit sicherlich ohne Fehl und Tadel, aber man sollte zur Diskussion stellen dürfen, ob man in einem Buch, welches sich auch an Leser wendet, die nicht in dem selben Fachbereich wie Dr. Rizer habilitiert haben, diesen ständig solche Satzungetüme wie „…,wie es sich geradezu paradigmatisch ausnimmt für Mechanismen der Doppelcodierung im postklassischen Kino. Derselbe Signifikant besitzt multiple Signifikanten, er produziert mehrere Bedeutungsketten, die eine semantische Ambivalenz auslösen, um mit de Genrebewusstsein zu spielen“ zumuten muss. Schade um das interessante Thema.

Demgegenüber versöhnt Dominik Grafs leidenschaftlicher Artikel über die Musik in Argentos Filmen. Wer Grafs Buch „Es schläft ein Lied in allen Dingen“ gelesen hat, weiß bereits, wie begeisternd Graf über Filme schreibt. Der Titel seines Textes „Der wildeste Rausch von allen“ gibt das gut wieder. Folgerichtig gibt es darauf ein (leider recht kurzes) Interview von Marc Fehse mit Claudio Simonetti, der zu insgesamt 13 Argentos die Filmmusik, allein oder mit der Gruppe „Goblin“, beigesteuert hat.

Sebastian Selig begibt sich auf die Spur von Argentos Meisterwerk „Suspiria“, besucht die Drehorte in München und Freiburg und vergleicht einst mit jetzt. Ein schöner, gut zu lesender Text, der allerdings etwas nach Füllmaterial aussieht, da er sich im Gegensatz zu den andern Essays, nicht tiefer mit einem besonderen Aspekt Argentos Arbeit widmet. Der Text wurde auch in der „Splatting Image“ wiederverwendet und die Vermutung liegt nahe, dass er ursprünglich auch dafür geschrieben wurde, da er im Buch wie ein Fremdkörper wirkt.

Der Journalist Ingo Knott räumt, indem er beide Regisseure gegenüberstellt, mit dem Vorurteil auf, Argento wäre ein „Schüler“ des großen Mario Bava. Etwas, was Argento scheinbar auch selber immer vehement – und in jüngerer Zeit immer verärgerter – bestritten hat. Ein anderer Regisseur mit dem Argento häufig – und das nicht ganz zu unrecht – verglichen wird, ist Brian de Palma. In einem der schönsten Artikel des Buches, vergleicht Medien – und Literaturwisenschaftler Heiko Nemitz die unterschiedlichen Herangehensweisen der Beiden an ihre Themen und entdeckt dabei sowohl Gemeinsamkeiten, wie auch bedeutende Unterschiede. Zudem führt er an die Wurzeln ihrer Filmleidenschaft und betont, dass Argento zwar – wie de Palma – immer mit Hitchcock in Zusammenhang gebracht wird, seine Wurzeln aber bei Lang und Antonioni liegen. Der Text macht nicht nur Lust auf Argentos Filme, sondern auch auf eine Neuentdeckung von De Palmas Werken.

Filmwissenschaftler Harald Steinwender wiederum widmet sich einem in der Regel leider wenig beleuchteten Kapitel, nämlich Argentos, zumeist im Italo-Western verorteten, Drehbucharbeiten für andere Regisseure. Zu guter Letzt informiert Mit-Herausgeber und Cinestrange-Gründer Michael Flintrop – der „im wahren Leben“ als Strafverteidiger arbeitet – nicht nur über die Probleme, die Argentos Filme mit den deutschen Behörden hatten, sondern gibt auch einen fundierten und interessanten Einblick in die, gerade in der Vergangenheit oftmals willkürliche, Praxis der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Im zweiten Teil des Buches werden sämtliche Filme, bei denen Argento als Regisseur tätig war – dies umfasst auch seine TV-Arbeiten – vorgestellt und analysiert. Dabei wird mir für meinen Geschmack vor allem in den späteren Filmen teilweise etwas zu unkritisch mit dem Gegenstand der Betrachtung umgegangen und scheinbare Schwächen als gewollte Mittel des Regisseurs interpretiert, sich durch das Unterlaufen von Erwartungen, aus dem Korsett der eigenen ruhmreichen Vergangenheit zu befreien und dabei das Genre bewusst zu dekonstruieren. Hier könnte sich der Verdacht einschleichen, dass hier krampfhaft nach Elementen gesucht wurde, die durch eine Überhöhung aus einem eher misslungen, dann doch noch ein gelungenes Werk gemacht wird. Interessant ist an dieser Stelle z.B. der Text von Beatrice Behn über den bis dato letzten Argento-Film “Dracula 3D“, den man mit jenem vergleichen kann, den sie auf kino-zeit.de zum selben Film geschrieben hat. Während sie dort recht deutlich mit dem Film abrechnet, wird im Buch daraus die Intention Argentos, eine Persiflage abzuliefern und alles nicht ernst, sondern ironisch zu meinen. Etwas, was sich aus Argentos eigenen Äußerungen zum Film, nicht unbedingt herauslesen lässt. Hier wäre es vielleicht angebracht gewesen, auch einmal auf die Schwächen und Missratens hinzuweisen, wie es z.B. Ulrich von Berg seiner Analyse von „Torn Curtain“ in dem ebenfalls bei Bertz+Fischer erschienen Buch über Alfred Hitchcock getan hat.

Ebenfalls schade ist es, dass Jochen Werners Analyse zu „Giallo“ nun schon die dritte Auswertung des Textes darstellt, nachdem er bereits in der „Splatting Image“ und im Internet auf f.lm – Texte zum Film erschienen ist. Hier hätte man vielleicht darüber nachdenken können, einen frischen Text von einem anderen Autoren zu nehmen. Aber dies sind nur kleine Kritikpunkte an einem ansonsten rundum gelungenen Projekt, welches einerseits wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, als auch den interessierten Laien und Filmfreund wertvolle Denkanstöße und spannende Blickwinkel auf das Werk eines der interessantesten (und in der „seriösen“ Filmwissenschaft schmerzlichst unterschlagenen) Regisseure offenbart.

Eine umfangreiche Filmo- und Biblographie runden diese vorbehaltlos empfehlenswerte Veröffentlichung des Bertz+Fischer-Verlages ab. Das Werk hat 304 Seiten und 204 schwarz-weiß Abbildungen. Es ist zum Preis von Euro 25,00 erhältlich, und wer etwas Gutes tun möchte, bestellt es direkt beim Verlag und umgeht damit die hohen Provisionen, die Amazon & Co einsacken, und die am Ende diesem kleinen Verlag fehlen.

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