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Blu-ray-Rezension: „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“

Von , 6. Juni 2018 22:26

England 1872. In der Nacht vor seiner Hinrichtung wird der zu unrecht des Mordes beschuldigte Dr. Gordon Ramsay (Herbert Rudley) von seinem Kollegen Dr. Thosti (im Original Sir Joel Cadman, gespielt von Basil Rathbone) in der Gefängniszelle besucht. Thosti verabreicht seinem jungen Kollegen eine Droge namens Nind Andhera, Diese bewirkt, dass man in so tiefes Koma fällt, dass man für tot gehalten wird. Cadman nennt diese Droge den „schwarzen Schlaf“. Der vermeintlich tote Ramsay wird Thosti überstellt, der ihn wiederbelebt und zu seinem Assistenten macht. Thosti nimmt Ramasy mit in eine alte Burg, welche ihm als geheimes Labor dient, Hier führt Thosti illegale Experimente an mit Nind Andhera betäubten Opfern durch, die anschließend schwer degeneriert oder stark verstümmelt die Flure der Burg bevölkern. Unter ihnen auch sein einstiger Mentor Dr. Monroe (Lon Chaney Jr.), der nun als grunzendes Wesen Mungo immer wieder über die junge Krankenschwester Laurie (Patricia Blake) herfällt. Oder der stumme Diener Casimir (Bela Lugosi). Als Ramsay hinter die finsteren Geheimnisse Thostis kommt und noch weitere Opfer (u.a John Carradine und Tor Johnson) entdeckt, versucht er, dem Spuk ein Ende zu bereiten…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Mit „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ hat Anolis‘ Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“ einen mehr als würdigen Abschluss gefunden. Und man muss sich die Frage stellen, warum dieser Film nicht weitaus bekannter ist. Wahrscheinlich weil er schon zu seiner Entstehung wie aus der Zeit gefallen schien. Man schrieb das Jahr 1956. Der Rock’N’Roll war geboren, Teenager-Filme übernahmen die Leinwand und wenn schon Horror, dann waren das mutierte Rieseninsekten. Die goldenen Jahre des „Universal-Horrors“ lag mehr als 10 Jahre zurück. Und die Protagonisten dieser Zeit fanden sich in kleinen Gastrollen und ultra-billig produzierten C-Filmen wieder. Und dann waren sie plötzlich alle in diesem Film aus der zweiten Hälfte der 50er Jahre wieder versammelt: Lon Chaney, Bela Lugosi, John Carradine – und natürlich der großartige Basil Rathbone. Während dieser große Mime, der genau zehn Jahre zuvor das letzte Mal in seiner Paraderolle als „Sherlock Holmes“ zu sehen war, gerade als Gegenspieler Danny Kayes in „Der Hofnarr“ ein Comeback erleben konnte, erging es seinen Kollegen weniger gut. Auch in „Die Schreckenskammer des Professor Thosti“ sind sie lediglich Staffage. Leider, denn so ist aus dem großen Horror-Revival nur ein Kuriositätenkabinett geworden, welches belegt, dass die große Zeit dieser wundervollen Darsteller vorbei war.

Besonders traurig ist der Anblick Lugosis, der gerade von einem Drogenentzug zurück gekommen war und durch die Gänge schleicht, als könne er keinen Fuß mehr vor den anderen setzten. Schwerfällig und mit hängenden Schultern ist er nur noch ein Schatten jenes Schauspielers, der 36 Jahre zuvor die Frauen als Dracula in Ohnmacht fallen ließ. Selbst bei seinem letzten Auftritt für Ed Wood in „Plan 9 From Outer Space“ wirkte er ein wenig fitter. Leider sollte „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ Bela Lugosis letzter echter Auftritt in einem Film werden. Für „Plan 9“ nutzte Wood dann Probeaufnahmen mit dem Kult-Schauspieler. Auch seinen Kollegen geht es wenig besser. Lon Chaney hat als monströser Mungo zwar etwas mehr zu tun – was sich allerdings auf das Erschrecken und Würgen junger Frauen beschränkt. John Carradine und Tor Johnson (der ein Jahr zuvor eine ähnliche Rolle in Ed Woods „Bride of the Monster“ spielte, in dem Bela Lugosi den Mad Scientist gab) kann man eher unter “Statisten“ verbuchen. Dafür glänzt der großartige Basil Rathbone als Sir Joel Cadman. So heißt die Figur zumindest in der Originalfassung. Wieso man Cadman in der deutschen Fassung zu „Professor Thosti“ machte, wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben.

Rathbone ist brillant als verblendeter und verbissener Chirurg, der für den Erfolg seiner Arbeit über Leichen geht. Zwar wird hier seine durch einen Tumor ins Koma gefallene Frau als Motiv für seinen skrupellosen Wissens- und Tatdrang angeführt, doch man spürt zu jeder Zeit, dass Cadman/Thosti auch ohne diese zusätzliche Motivation das Skalpell gewetzt hätte. Er nimmt hier bereits die ebenso aristokratische, wie von Ehrgeiz und dem Wunsch Gott zu spielen zerfressene Dr.-Frankenstein-Figur vorweg, die Peter Cushing in den Hammer-Filmen unsterblich machen sollte. Rathbone kontrolliert jede seiner Szenen. Er ist das absolute Zentrum dieses Filmes und mischt die coole Arroganz seines Sherlock Holmes mit dem tragischen Sadismus seines Richard in „Der Henker von London“. Die Schauspieler um ihn herum geben eine gute und durchaus überzeugende Figur im Rahmen der Möglichkeiten des Drehbuchs ab. Denn natürlich sind sie zu allererste zweckmäßige Stereotypen. Mit einer großen Ausnahme: Akim Tamiroff als Odo, der dem Professor stets neue Subjekte für seine Forschung zuführt. Tamiroff legt seinen Odo irgendwo zwischen Witzfigur und eiskalten Soziopath an. Immer wieder schwankt er zwischen diesen Extremen, lässt aber auch bei seinem untertänigsten, schleimigsten Heranwalzen durchblicken, dass hier jemand lauert, dem sämtliches menschliche Mitgefühl abgeht. Dass Odo ein Sinti&Roma ist, stößt heute natürlich etwas auf, da Tamiroff auch sämtliche Vorurteile und Klischees gegenüber den Sinti&Roma bedient. Das muss aber wohl im zeitlichen Kontext gesehen werden. In den 50er Jahren gehörten diese Karikaturen zum Standard, ohne dass jemand darüber nachdachte, was solche Darstellungen für eine Volksgruppe bedeutete.

Eine besondere Erwähnung verdient die Musik von Les Baxter, der hier seinen ersten Horrorfilm-Soundtrack vorlegt und dies mit viel Kraft und Gespür für dramatisch-unheimliche Untermalung. In den 60ern sollte er dann Roger Cormans ersten Poe-Verfilmungen vertonen und besonders berüchtigt dafür werden, dass er die Scores für die US-Versionen zahlreicher italienischer Horrorfilm schrieb, mit denen dann leider die wunderbaren Kompositionen der Original-Komponisten ausgetauscht wurden. In Szene gesetzt wurde „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ von einem Veteranen des guten, alten Universal-Horrors. Der gebürtige Wiener Reginald Le Borg hatte am Beginn seiner Karriere zahlreiche Horrorfilme mit Lon Chaney inszeniert. So die populäre Inner-Sanctum-Serie, wie auch “The Mummy’s Ghost”. Er war also eine gute Wahl, um einen Film zu drehen, welcher sich ganz dem Geist dieser alten Filme verschrieben hat. Der wirkt, als wäre er Anfang der 40er irgendwo im Archiv der Universal vergessen worden und dann mehr als ein Jahrzehnt später doch noch aufgeführt worden. Allein die deutlich gealterten Stars verraten, dass “Die Schreckenskammer des Professor Thosti” tatsächlich erst 1956 geöffnet wurde. Die wienerische Herkunft Le Borgs ist wahrscheinlich auch dafür verantwortlich, dass Le Borg in die recht klassische Inszenierung immer wieder expressionistische Sprenkel einfließen lässt. Wie in der beeindrucken Szene in der der tot geglaubte Gordon in seinem Sarg erwacht und sich mühsam aufrichtet. Aber wie mag der Film wohl damals auf das Publikum gewirkt haben? Für uns heute, verwischt es irgendwie, ob ein Film nun 70 oder 60 Jahre alt ist. Damals müssen zwischen den aktuellen Filmen der Saison und einem altmodisch inszenierten Grusler mit Mad-Scientist-Einschlag bereits Welten gelegen haben. Aus heutiger Sicht reiht er sich jedenfalls gut in die Reihe der Universal-Filme der 30er und 40er Jahre ein, und nicht zwischen den Jack-Arnold- und Ray-Harryhausen-Produktionen.

“Die Schreckenskammer des Professor Thosti” ist ein sympathischer, irgendwie aus der Zeit gefallener Film, der zu seiner Entstehungszeit 1956 schon hoffnungslos altmodisch gewirkt haben muss. Trotzdem unterhält der preisgünstige Gruseler ganz famos, auch wenn seine Alt-Stars wie Lugosi und Chaney sich mit Mini-Rollen begnügen müssen. Dafür ist es ein Genuss Basil Rathbone als Mad Scientist zu sehen.

„Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ ist ein sehr guter Abschluss hat Anolis‘ Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“. Nicht nur der recht rare Film passt vorzüglich, auch die Präsentation muss einmal mehr lobend erwähnt werden. Das Schwarz-Weiß-Bild ist sehr klar und frei von Schäden. In der Originalfassung klingt die Tonspur sehr sauber und gut abgemischt. Vor allem die Musik kommt hervorragend zur Geltung. Die alte deutsche Kinosynchro klingt demgegenüber leicht blechern, ist jedoch mit sehr guten Sprechern besetzt (u.a. Sigfried Schürenberg als Basil Rathbone). Bei den Extras wurde auch hier wieder alles gegeben. Es gibt einen informativen und anekdotenreichen Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Volker Kronz. Laut der Webseite Evel Ed soll sich auch noch eine halbstündige Einleitung für internationale Käufer von Kronz und Giesen auf der Scheibe befinden. Diese habe ich allerdings nicht gefunden, und sie wird auch sonst wo nicht erwähnt.Neben dem US- und Deutsche Kinotrailer („Der Film mit dem Pfiff!“) ist auch wieder eine „Trailers from Hell“-Episode mit Joe Dante und die Werberatschläge mit auf der Disk. Zusätzlich ist noch eine sogenannte „Deutsche Grindhousefassung“ im 4:3-Format (welches das korrekte zu sein scheint), mit Kratzern, Laufstreifen, Schmutz und dem alten deutschen Verleihvorspann in die Veröffentlichung inkludiert. Und letztendlich findet sich noch ein ausführliche, 32-seitige Booklet mit jeweils einer Filmvorstellung von Ingo Strecker und einer von Uwe Sommerlad in der Packung. Da beide unabhängig voneinander über den Film schreiben (es scheint beide hätten den Auftrag bekommen und am Ende hat Anolis nicht ein Booklet-Text ausgewählt, sondern beide zusammengepackt) gibt es ein paar Dopplungen, aber das macht im Rausch der Details und infos gar nicht aus.

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