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DVD-Rezension: „Liebelei“ & „Lola Montez“

Von , 7. März 2019 09:20

In der wunderbaren Schatztruhe der Edition Filmmuseum sind Ende letzten Jahres als Doppel-DVD zwei Filme des großen Max Ophüls erschienen. Trotz Ophüls Status als einer der großen Meister der Filmkunst, sind dies tatsächlich hierzulande die ersten digitalen Veröffentlichungen seiner Filme. Die Ausgabe 99 der Edition Filmmuseum enthält zwei seiner wichtigsten Filme. Zum einen sein letzter vor seiner Flucht nach Frankreich noch in Deutschland gedrehter Film „Liebelei“ von 1933. Zum anderen sein letztes Werk, den damals teuersten deutschen Film der Nachkriegszeit: „Lola Montez“.

„Liebelei“ beruht auf einem Bühnenstück von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1895. Die Geschichte spielt in der KuK-Zeit in Wien. Ein junger Leutnant Fritz hat eine Affäre mit einer Baronin. Sein bester Kumpel Theodor ein Oberleutnant lernt die flotte und burschikose Mitzi kennen und verkuppelt Fritz mit deren süßen Freundin Christine (Magda Schneider – deren Tochter Romy dieselbe Rolle 25 Jahre später an der Seite von Herrn Delon als Fritz spielen sollte). Zwischen Fritz und Christine kommt es zur großen Liebe, die allerdings äußerst tragisch endet, wenn der Baron (Gründgens!) hinter die ehemalige Affäre zwischen Fritz und seiner Frau kommt. Ophüls schuf mit „Liebelei“ ein beeindruckendes Melodram, welches einerseits den tragischen Konventionen folgt, andererseits in der Inszenierung auch mit den Standards bricht. So schwenkt Ophüls den Fokus oftmals weg von den Höhepunkten und konzentriert sich stattdessen auf deren Folgen. So wird zu Beginn in der Oper nicht das Stück selber gezeigt, sondern die Aufmerksamkeit der Kamera konzentriert sich auf den Bühnenmeister in den Kulissen und das Publikum im Saal. Kurz darauf tritt der österreichische Kaiser auf. Doch auch dieser – gewiss pompöse – Auftritt, der förmlich danach schreit in den Mittelpunkt der Inszenierung gestellt zu werden, wird von Ophüls nicht gezeigt. Dafür aber die Reaktionen der übrigen Theatergäste und Kleinigkeiten die später wichtig werden. Wie das herabfallende Opernglas und wie der Vorgesetzte Theos sich kopfschüttelnd Notizen macht.

Eigentlich ist in dieser kurzen Szene schon das ganze Drama, welches sich später zutragen soll, schon angelegt, alle Figuren in Stellung gebracht. Die kecke Mitzi die eher verträumte Christine, deren unterschiedliches Temperament das Opernglas zum Fall bringen, womit die Handlung in Gang gesetzt wird. Fritz, der den Baron Egersdorf beobachtet, um im richtigen Moment zu dessen Gattin zu schleichen, womit er ohne es zu Wissen sein Schicksal besiegelt und der Baron, dessen Misstrauen, Eifersucht und verletzter Stolz deutlich zu sehen sind, wenn er Fritz eilig folgt. So sind alle wichtigen Figuren vor Ort und ihre Handlungen hier sind die Fäden, die zum traurigen Ende der Geschichte führen. Wenn interessiert da schon ein Kaiser? Auch später nutzt Ophüls diese Technik, dass er das erwartbare, das offensichtliche eben nicht zeigt. Beim fatalen Duell zwischen Fritz und dem Baron, verharrt er bei Theo und Mitzi, die zunächst hoffnungsvoll, dann immer entsetzter auf den zweiten Schuss warten, was auch die Nerven des Zuschauers an den Anschlag bringt. Hauptfiguren des Stückes sind Fritz und Christine, und Ophüls findet wundervoll zärtliche Szenen für sie. Wie den ersten, zögerlichen Tanz in einem leeren Bierhaus, bei dem die Kamera sie zärtlich umschmeichelt und die kleinen Funken der Liebe einfängt. Das Herz des Filmes schlägt aber mit dem zweiten Paar: Die umwerfende Luise Ullrich ist als Mitzi, so lebendig und selbstbewusst, dass man mit ihr sofort Pferde stehlen möchte. Mit Theodor bildet sie quirliges Paar, welches an die US-Screwball-Komödien der 30er und 40er erinnert. Hier beeindruckt die Entwicklung Theodors vom selbstverliebten Hallodri zum reflektierenden Menschen, der sich in einer der stärksten Szenen gegen seinen Vorgesetzten auflehnt, das sinnlose Töten auf das Schärfste verurteilt und als Konsequenz für seine Überzeugungen aus seinem geliebten Armeedienst austritt, welcher ihm bis dahin seine Stellung garantiert hat.

Als zweiten Film beinhaltet diese Ausgabe Ophüls ersten Farbfilm und zugleich sein letztes Werk vor seinem Tod 1957. „Lola Montez“ erzählt die Geschichte der berühmten Mätresse, die für die Vielzahl ihrer berühmten und weniger berühmten Liebhaber berüchtigt war. Zu diesen zählen Franz Liszt, Frederic Chopin, Alexandre Dumas und König Ludwig I. von Bayern. Wenn wir Lola das erste Mal begegnen ist von ihrem Glanz nicht viel übriggeblieben. In einem amerikanischen Zirkus verdingt sie sich als Hauptattraktion. Unter der Leitung eines zynischen Zeremonienmeisters – brillant gespielt von Peter Ustinov – , der gleichzeitig ihr letzter Liebhaber ist, werden Stationen ihres Lebens aufgeführt und das skandalsüchtige Publikum immer wieder aufgehetzt. Ophüls gelingt es in diese Zirkusszenen, welche in ihrer surrealistischen Stimmung (es kommt einen in den Sinn, dass dies der Zirkus sein muss, den Kafka am Ende seines Romans „Der Verlorene“ beschreibt) einen Sog zu inszenieren, der den Zuschauer hineinzieht in eine seltsam-unwirkliche Welt. Nie sieht man die Zuschauer, die nur als Schatten oder graue Masse am Rande des Bildes wahrzunehmen sind. Man spürt, dass sie da sind, man hört sie – aber man sieht sie nie richtig. In der Manage tummeln sich seltsame Gestalten, wie die wie Liftjungen (noch eine Anspielung an „Der Verlorene“?) gekleidete Wesen, deren Gesichter von rotem Stoff verdeckt sind, und der Körper wie die Halbwüchsiger – ihre Stimmen aber wie die alter Männer erscheinen. Ophüls schwelgt in ebenso komplizierten, wie schwerelosen Kamerafahrten und taucht seine Bühne in kräftige Primärfarben. Rot und Grün dominieren, ebenso wie kräftige Schatten. Man fühlt sich unweigerlich an Mario Bavas durchkomponierte Farbexzesse ein Jahrzehnt später erinnert.

Die hier gnadenlos zur Schau gestellten Momente aus Lolas Leben führen zu Rückblenden auf das was wirkliche (?) geschah. Es beginnt mit einer Kutschenfahrt mit Franz Liszt (ein junger Will Quadflieg), welcher bemerkt, dass er nur eines von Lolas‘ Abenteuern ist, sich von ihr trennen will, doch dann wieder ihrem Charme und ihrer Schönheit verfällt. Darauf folgen Szenen aus Lolas Kindheit, ihre Ehe mit dem ehemaligen Geliebten ihrer Mutter (Ivan Destny). Wie in „Liebelei“ arbeitet Ophüls hier mit Auslassungen. Man muss nicht sehen, dass der alkoholsüchtige, unbeherrschte Leutnant James Lola misshandelt. Die Bedrohung liegt in der Luft und wenn er sie bei einem Fluchtversuch an der Tür stellt und wir nur noch kurz die Schatten der Beiden sehen, wissen wir doch sehr genau, wie Lola leiden muss. Später gibt es eine wundervolle Szene, rund um die (historisch verbürgte) „Busenprobe“, als sich Lola – zum Beweise, dass sie „gut gebaut“ ist – das Kleid vom Oberkörper reißt. Dies wird dem Zuschauer nur im Ansatz gezeigt, dann ertönt schon der Ruf nach Nadel und faden, woraufhin die Lakaien durch das riesige, beeindruckende Schloss eilen.

Überhaupt die Ausstattung. Hier hat Ophüls an nichts gespart. Jede Szene ist ein Fest für die Augen und man entdeckt an allen Ecken und Enden stetig neue Details, an denen man sich nicht satt sehen kann. Martine Carol als Lola Montez ist keine beeindruckende Schauspielerin. Das Drehbuch gibt ihr aber auch nicht viel mehr zu tun als einfach schön zu sein und die Männer um die Finger zu wickeln. Weder Martine Carol noch ihre Figur Lola besitzen übermäßig viel Tiefe. Diese erhält sie mehr durch die Männer, die sie um schwirren und ihre Sehnsüchte und Neugier in sie projizieren. Insbesondere der fantastische Adolf Wohlbrück als weiß hier zu glänzen und seinen Ludwig I. ganz nebenbei mit kleinen Gesten und Schrullen eine Lebendigkeit zu verleihen, die dann auch auf die schöne Leinwand Lola übergeht. Am Ende steht dann ein surreales Albtraumbild, welches man sich auch bei Jodorowsky oder Arabal vorstellen kann. Lola in einem Käfig, vor ihr eine schier unendliche Schlange von Männern, die einen Dollar dafür zahlen, um ihr die Hand zu küssen. Zwar enthält sich Ophüls – wohl auch der Zeit geschuldet – jeder Drastik, die diese höchst deprimierende Szene bieten könnte, doch irgendwie wird man bei diesem traurigen Bild heutzutage den Gedanken eines gewaltigen Gangbangs nicht mehr los.

Die Doppel-DVD aus dem Hause Edition Filmmuseum beinhaltet auf der ersten DVD den Film „Liebelei“, sowie die sehr interessante, 90-minütige Dokumentation von 1990 mit dem Titel: „Max Ophüls – Den schönen guten Waren“ von Martina Müller, bei der viele, damals noch lebende Weggefährten Ophüls‘ zu Worte kommen. Auf der „Lola Montez“ befindet sich ein fast 2-stündiger Vergleich der unterschiedlichen Versionen und Fassungen von „Lola Montez“, der für die deutsche, die französische und englische Export-Fassung teilweise ganz anders geschnitten wurde und auch jeweils anderer Einstellungen und Szenen aufweist. Des weiteren beinhaltet die DVD noch eine 3-minütige Aufnahme des „Liedes von Lola Montez“ von Ophüls selbst gesungen, sowie ein einstündiges Hörspiel von Max Ophüls mit dem Titel „Gedanken über Film – Eine Improvisation“, welches er 1956 für den Hessischen Rundfunk aufnahm und bei dem neben Ophüls u.a. auch Friedrich Schönfelder beteiligt war. In einem umfangreichen CD-ROM-Teil findet man noch viele weitere Texte zu beiden Filmen, das „Lola Montez“-Arbeitsdrehbuch von Produktionsassistent Werner Roeder, Alben mit den Pressefotos, Pressehefte, Aushangfotos, einen Vortrag von Ophüls und einiges mehr. Nicht zu vergessen auch das 20-seitige, kleingeschriebene Booklet, welches ebenfalls hochinteressante Texte zu „Liebelei“ und „Lola Montez“ von Martina Müller und Stefan Drössler. Auf Seiten der Extras und der Möglichkeit sich vertiefend mit Ophüls und beiden Werken zu beschäftigen gibt es also nichts zu meckern. Wie sieht es mit der Qualität der Filme aus? Ton- und Bild-technisch gibt es noch Luft nach oben. Besonders in Hinblick auf das Bild muss man sagen, dass es keine Katastrophe ist, allerdings auch besser geht. Man sollte hier keine neu-restaurierten Fassungen erwarten. „Liebelei“ ist okay bis gut. Ab und zu kommt es zu geringfügigen Helligkeitsschwankungen und Kratzern. Der Ton klingt sehr nach 30er, ist aber verständlich. Bei „Lola Montez“ gibt es wiederum am Ton nichts auszusetzen, dafür wünscht man sich beim Bild von ganzem Herzen eine Restaurierung und 4K-Abtastung, damit es in all den von Ophüls gewollten Farben schimmern kann. So wirken die Farben teilweise etwas dumpf und könnten mehr Intensität vertragen. Auch schwankt die Bildqualität zwischen geht so und gut, was sicherlich auf die verschiedenen Quellen zurückzuführen ist, die benötigt wurden, um Premierenfassung zu rekonstruieren, wofür verschiedenen Bildnegative und Tonspuren aus dem Münchner Filmmuseum und der Luxemburger Kinemathek genutzt wurden. So oder so: Die Doppel-DVD der Edition Filmmuseum ist ein Pflichtkauf für alle Filmbegeisterten.

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