Blu-ray-Rezension: „Angriff der Riesenkralle“

Von , 3. Mai 2017 20:22

Während er mit seinem Flugzeug einen Radartest durchführt, glaubt der der Elektronikingenieur Mitch MacAfee (Jeff Morrow) ein riesiges UFO zu sehen. Wieder am Boden, glaubt ihm niemand die Geschichte. Weder die augenblicklich gestarteten Militärflugzeuge, noch die Radarstationen haben etwas ungewöhnliches feststellen können. Doch kurze Zeit später häufen sich die Sichtungen eines gigantischen, vogelähnlichen Gebildes – ohne dass dieses von den Radars erfasst wird. Da die Maschinen der Piloten, die mit dem unheimlichen Phänomen in Berührung gekommen sind, abstürzen und von den Piloten keine Spur zu finden ist, bleibt MacAfee der einzige Augenzeuge. Zusammen mit der Mathematikerin Sally Caldwell (Mara Corday) wird er nach New York beordert. Auf dem Weg dorthin wird ihr Flugzeug allerdings von einem gewaltigen Vogel attackiert…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Ich muss es zugeben. Mir hat „Angriff der Riesenkralle“ sehr gut gefallen. Trotz oder wegen des Marionetten-Truthahns? Sowohl als auch. „Angriff der Riesenkralle“ ist ein ganz wunderbares Beispiel für einen B-Film, dessen Drehbuch viel größere Ambitionen hat, als es das lausige Budget hergibt. Ein riesiger Greifvogel, der Düsenjets angreift und Fallschirmspringer als kleine Häppchen zwischendurch verspeist. Der dazu noch eine Welttournee hinlegt und neben Washington, noch London und Paris in Schutt und Asche legt. Massenpanik! Maximale Zerstörung! Heute ein klarer Fall für Emmerich und Co.! 1957 ein Stoff für den Produzenten Sam Katzman und seinen zuverlässigen Routinier Fred F. Sears hinter der Kamera. Der Name Sam Katzman ist mir noch aus Zeiten ein Begriff, als ich mich intensiv mit dem Filmschaffen des Kings, Elvis Presley, beschäftigt habe. Dort wurde hinter dem Namen Katzman immer der Titel „King of the Quickies“ gehängt. Und das war nicht schmeichelhaft gemeint. Schließlich war er als Produzent für den angeblich schlechtesten Elvis-Film „Verschollen im Harem“ verantwortlich. Wie „Angriff der Riesenkralle“ auch so ein Fall, in dem die Ansprüche des Drehbuch (Elvis sah sich nach dessen Durchsicht in einer Rolle, die eines Rudolfo Valentino würdig gewesen wäre) und die gering budgetierte Wirklichkeit zwar weit auseinanderklafften, der Dreh aber ohne Rücksicht auf Verluste durchgezogen wurde.

Dabei war Katzman in den 50er für so schöne wie legendäre B-Filme wie „Fliegende Untertassen greifen an“ und „Das Grauen aus der Tiefe“ verantwortlich. Beide wurden mit Hilfe des Stop-Motion-Gurus Ray Harryhausen realisiert. Harryhausen sollte auch die Effekte für „Der Angriff der Riesenkralle“ anfertigen, was dann aber aus Kostengründen scheiterte. Wäre Harryhausen mit an Bord gewesen, würde „Der Angriff der Riesenkralle“ heute sicherlich in einer Liga mit den vorgenannten Filmen spielen und einen anders gelagerten Kultstatus genießen, als es nun der Fall ist. Denn statt Geld in die Riesenkreatur, die hier einen Ein-Vogel-Krieg gegen die Menschheit führt, zu stecken, wurde nach kostengünstigeren Möglichkeiten gesucht und diese in Mexiko gefunden. Was dort aber fabriziert wurde, hat der wunderbare Filmgelehrte Christian Keßler in seinem empfehlenswerten Buch „Wurmparade auf dem Zombiehof“ Schorsch Schnabel genannt. Eine hässliche Marionette, die aussieht wie eine verunglückte Mischung aus Lämmergier und Truthahn, wobei sie von beiden nicht das Beste mitbekommen hat. An deutlich sichtbaren Fäden wird sie mal von links, dann von rechts durch das Bild gezogen und erinnert in den Momenten, in denen sie auf ihrem Nest oder dem Empire State Building (für ein Riesenmonster natürlich Standesgerecht) in der Tat verdächtig an Urmel aus dem Eis. Aber, trotz des putzigen, ja in der Tat hochgradig Lächerlichen (was hat man sich bloß bei diesem Federschmuck auf dem Kopf gedacht, der aussieht wie ein Staubwedel in der Mauser?) Aussehens hat dieses Vogelmonster Charme und Charakter. Und dies hundertfach mehr, als die seelenlosen CGI-Hai, die „Trash“-Schmieden im Dutzend jeden Monat auf den Markt werfen. Wenn es am Ende sein unvermeidliches Schicksal trifft, dann hat man wirklich Mitleid mit ihm.

Ob das Aussehen der Marionette nun ein Unfall oder Kalkül war, lässt sich wohl nicht mehr herausfinden. Aber es passt perfekt zum großen Wurf des Drehbuchs, welcher vom Budget in keinster Weise umgesetzt werden kann. Trotzdem haben die Macher nicht etwa die kostspieligen Szenen zusammengestrichen, sondern Mittel und Wege gefunden, diese epischen Bilder für den Preis eines Butterbrotes nachzustellen. Das erinnert dann an eine Bande aufgeweckter Kinder, die am Weserstrand „Laurence von Arabien“ nachdrehen. Für die große Massenzerstörung wird auf ganz offensichtliches Stock-Footage und Ausschnitten aus anderen Filmen (vor allem Katzmans eigenen „Fliegende Untertassen greifen an“ zurückgegriffen. In Schauspieler deklamieren Dialoge, wie aus einem Shakespeare-Stück und agieren so ernsthaft, als gelte es einen Oscar zu gewinnen. Auch wenn man Jeff Morrows immer reichlich skeptisch dreinblickenden Gesicht ansieht, dass er zumindest ahnt, was am Ende rauskommt. Auch wenn niemand, aber auch wirklich niemand der Darsteller sicherlich eine Vorstellung davon hatte, wie das Riesenmonster, das die alle bedroht, am Ende aussehen wird. Der Legende nach sah Morrow es erstmals bei der Premiere in seiner Heimatstadt und als das Publikum in schallendes Gelächter ausbrach, flüchtete er schnell aus dem dunklen Kinosaal, um nicht erkannt zu werden.

Aber auch jenseits des wirklich unglaublichen Monsters funktioniert der Film als kuscheliger Unterhaltungsfilm. Die Chemie zwischen den Hauptdarstellern stimmt. Zwar nimmt man dem älteren und nicht durch übermäßige Attraktivität glänzenden Jeff Morrow und der überaus sympathischen Mara Corday das Liebespaar nicht ab, aber sie agieren hier wie gute Freunde, die sich einfach mögen und auch gerne mal necken. Irgendwie fühlt man sich hier an die frühen Scully & Mulder erinnert. Auch wenn die 50er-Hollywood-Konventionen natürlich vorsehen, dass sich die kühle Wissenschaftlerin in den draufgängerischen Typen verliebt. Generell hat man das Gefühl, dass sich die Darsteller gut verstanden haben und auf dem Set eine angenehme Atmosphäre herrscht. Oft wird freundschaftlich auf den Arm oder den Rücken geklopft. Auch die beiden Generäle spielende Morris Ankrum und Robert Shayne machen den Eindruck alte Kumpels zu sein. Ein weiteres Plus ist das von Paul Gangelin und Samuel Newman verfasste Drehbuch, das in die Vollen geht und sich für nichts zu schade ist. Völlig ungezügelt wird der Riesenvogel dann noch zum außerirdischen Supermonster mit Antimaterieschild gemacht. Da fehlt komplett die Schere im Kopf, was geht und was nicht. Da wird einfach gemacht. Zusammengehalten wird das Ganze von Fred F. Sears routinierter Regie. Der Mann der als vielbeschäftigter Schauspieler in Klein.- und Kleinstrollen in Hollywood begann, drehte in nur fünf Jahren führte er in 29 Spielfilmen Regie. Meistens Western, aber auch Musikfilme wie der Billy-Haley-Film „Außer Rand und Band“ oder den bereits erwähnten „Fliegende Untertassen greifen an“. Leider verstarb er schon 1957 mit nur 44 Jahren an Gehirnblutung. „Angriff der Riesenkralle“ war einer seiner letzten Filme.

„Angriff der Riesenkralle“ ist ein durchweg sympathischer Film, der weitaus mehr vom Kuchen abbeißt, als er kauen kann. Und das sehenden Auges. Legendär ist er durch die unglaubliche Marionette geworden, die so was wie einen außerirdischen Riesen-Truthahn darstellen soll. Aber der Film hat ganz anderere Qualitäten. Figuren, denen man gerne beim manchmal doch absurden Treiben zuschaut, ein hohes Tempo, eine sehr solide Regie und vor allem ein Drehbuch, welches von vornherein Vollgas gibt und einen großen Science-Fiction-Monster-Katastrophenfilm konzipiert, auch wenn der Produktion gar nicht die Mittel zur Verfügung stehen, um das alles adäquat umzusetzen. Aber irgendwie hat man es dann doch versucht – und ein schwer unterhaltsames Stückchen klassischen B-Film geschaffen. Mit einem wahrlich unvergesslichen Filmmonster.

Auch mit der neusten Veröffentlichung seiner „Rückkehr der Galerie des Grauens“ versorgt Anolis Monster- und Horrorfans mit einer kleinen Rarität. Zumindest in Deutschland dürfte „The Giant Claw“ noch relativ unbekannt sein. Erst 1996 – also 39 Jahre nach seiner Herstellung – erlebte der Film unter dem Titel „Angriff der Riesenkralle“ auf RTL seine Deutschland-Premiere. RTL ließ auch die deutsche Synchronfassung herstellen, die wie leider sehr viele TV-Synchronisationen zwar routiniert, aber auch recht leblos und klinisch klingt. Neben dieser deutschen Fassung hat die mal wieder vorbildliche „Anolis“-Scheibe aber auch einen sehr sauberen Originalton mit dabei, der hier vorzuziehen ist. Auch die Bildqualität ist vom Feinsten und eigentlich schon zu gut für diesen Film. Dr. Rolf Giesen spricht in seiner Einführung dann auch von „falscher HD-Aufbereitung“ – womit er allerdings meint, dass durch das kristallklare Bild die Fäden deutlich zu erkennen sind, an der die vogel-Marionette durch das Bild gezogen wird. In den alten 35mm-Versionen wäre das in dieser Deutlichkeit nie zu erkennen gewesen. Anolis stellt diese missverständliche Aussage bezüglich „falscher Aufbereitung“ dann auch noch einmal auf einer Texttafel klar. Wie schon gewohnt, gibt es auch wieder zwei Audiokommentare. Auf dem ersten sind Ingo Strecker (der auch das informative 16-seitige Booklet schrieb) und Thomas Kerpen zu hören. Auf dem zweiten das bewährte Trio Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Label-Chef Ivo Scheloske. die mexikanische und spanische Titelsequenz, sowie der US-Trailer runden diese wie gewohnt schicke Edition ab.

Das Bloggen der Anderen (02-05-17)

Von , 2. Mai 2017 20:45

bartonfink_type2– Daniel Sponsel, künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des Dokfest München, schreibt auf out-takes darüber, was der Dokumentarfilm leistet und warum er so wichtig ist.

– Einen polnischen Dokumentarfilm stellt Oliver Armknecht auf film-rezensionen.de vor. Es handelt sich um „All These Sleepless Nights“ bei dem Regisseur Michal Marczak zwei Kunststudenten durch das Nachtleben von Warschau folgt und „mit seiner rauschhaften Bild-Musik-Mischung hypnotisiert“. Der Film läuft auf dem polnischen Filmfest FilmPolska (3.5.-10.5. in Berlin), welches hier vorgestellt wird.

– Michael Schleeh hält sich noch immer auf dem Hong Kong International Filmfestival auf, wo er den japanischen Film „Vanitas“ von Takuya Uchiyama gesehen hat. Wie gut er ihm gefallen hat, liest man auf Schneeland.

– Lukas Stern berichtet für critic.de vom Crossing-Europe-Festivals in Linz. Hier findet man Teil 1 und Teil 2. Seine Kollegen Danny Gronmaier und Hannes Wesselkämper berichten vom 46. Internationalen Studierenden Filmfestivals „Sehsüchte“, welches unter der Schirmherrschaft von Andreas Dresen steht.

– Florian Krautkrämer hat auf Daumenkino ein sehr interessantes Essay über den Aufstieg der Streaming-Dienste, der Verdrängung am Markt, ihren Einstieg ins Filmgeschäft und die Rolle der Deutschen Filmförderung geschrieben.

– Andreas Köhnemann schreibt auf B-Roll darüber, wie der zeitgenössische Horrorfilm die Schrecken des Rassismus verarbeitet. Joachim Kurz macht sich Gedanken über das diesjährige Programm in Cannes und Lucas Barwenczik hat beobachtet, wie Hollywood den Nerd als Zielgruppe entdeckt hat und was das eigentlich ist, ein Nerd.

– Am 26. April verstarb der Regisseur Jonathan Demme, dem man neben seinem berühmtesten Filmen „Schweigen der Lämmer“ und „Philadelphia“ auch den Konzertfilm „Stop Making Sense“, sowie einige schöne Roger-Corman-Produktionen verdankt. Der Kinogänger und Die 5 Filmfreunde haben ihm jeweils einen Kurznachruf gewidmet.

– Viktor Sommerfeld hat auf Jugend ohne Film ein Gespräch mit dem Kurator Alejandro Bachmann des Diagonale-Programm “This is not America – Austrian Drifters” über die Entstehung des Programms, das Verhältnis von Film und Begriff und die möglichen Verbindungslinien von Film und Pop geführt.

– LZ schreibt auf screen/read über Terrence Malicks Mammut-Projekt „Song to Song“, welches drei Jahre in Anspruch nahm.

– Wolfgang Nierlin ist begeistert von Angela Schanelecs neuem Film „Der traumhafte Weg“ und vergibt auf Filmgazette 9 von 10 Sternen.

– gabelinger hat auf Hauptsache (Stumm)Film wieder einen bunten Strauss (ganz ohne Stummfilm) zusammengestellt. Besonders gut gefiel mir die Rubrik „Kino anderswo“. Davon würde ich gerne mal mehr lesen.

– Oliver Nöding zog es auf Remember It For Later in den Spessart, wo er mit Liselotte Pulver ins Wirtshaus eingekehrt ist, das Spukschloss besichtigte und schließlich (dann gar nicht mehr so) herrliche Zeiten verlebte.

– Zwei große Empfehlungen aus Italien hat funxton im Gepäck. Damiano Damianis „Ich habe Angst“ und Enzo G. Castellaris „Tote Zeugen singen nicht“. Könnte eines der tollen Labels sich mal dieser Kandidaten annehmen?

Filmbuch-Rezension: „Der verletzliche Blick – Regie: Dario Argento“

Von , 29. April 2017 16:57

Vor knapp vier Jahren erschien bei Bertz+Fischer das Buch „Dario Argento – Anatomie der Angst“ (Rezension hier), als erstes deutschsprachiges Buch, welches sich auf wissenschaftliche Art und Weise mit dem italienischen Regisseur Dario Argento beschäftigte. Der Ansatz war damals, die Filme für sich sprechen zu lassen. Also dem Regisseur die Deutungshoheit über sein Werk zu nehmen, und sich somit ganz allein auf das zu beziehen, was für alle sichtbar ist. Eine Methode, die von vielen Filmwissenschaftlern immer wieder protegiert wird. Nun ist ein neues, deutschsprachiges Buch über Argento erscheinen. Geschrieben wurde es von Robert Zion, der bereits Bücher über William Castle und Vincent Price veröffentlicht hat. Und Robert Zion geht nun den anderen Weg und gibt Argentos Stimme wieder Gehör. Seine Untersuchungen der Argento’schen Filme unterfüttert er mit zahlreichen Zitaten des Regisseurs und verortet die Filme in dessen Biographie, wie er auch biographische Details aus Argentos Leben für seine Interpretation und Bewertung der Film zu Rate zieht. Dieser konträre Ansatz zu „Anatomie der Angst“ macht „Der verletzliche Blick – Regie: Dario Argento“ damit zu einer spannenden Ergänzung zu jener Veröffentlichung.

Robert Zion beschränkt sich auf zehn Filme, die er als Argentos Hauptwerk definiert, oder die er für Argentos künstlerische Entwicklung am Wichtigsten hält. Über die Auswahl kann man natürlich streiten. So steigt Zion erst bei „Vier Fliegen auf grauem Samt“ ein und verbucht die beiden Vorgängerfilme unter „Fingerübungen“. Auch Argentos ungewöhnlichstes Werk „Die Halunken“, welches so vollkommen aus seinem sonstigen Oeuvre herausfällt und daher meiner Meinung nach eine nähere Betrachtung verdient hätte, wird nur in ein paar wenigen Sätzen als misslungen abgewatscht. Auch das umstrittene Spätwerk wird außer acht gelassen. Zions Buch endet mit „Sleepless“. In Anbetracht der Tatsache, dass gerade diese Filme von den Fans regelmäßig in der Luft verrissen und regelrecht mit Hass übergossen werden, hätte ich mir an dieser Stelle einmal eine konträre Meinung gewünscht. Doch da auch Zion Filme wie „The Card Player“ oder „The Mother of Tears“ als größtenteils missraten und damit für den Kern seines Buches als unerheblich ansieht, werden sie allenfalls gestreift. Ein wenig Bauchgrummeln macht mir auch die Herabsetzung anderer Regisseure, insbesondere Lucio Fulcis und hier explizit dessen „New York Ripper“, demgegenüber Robert Zion eine in Abscheu übergehende Aversion hegt.

Was Robert Zion zu den von ihm in den Fokus gestellten Argento-Filmen zu sagen hat, ist aber hochinteressant und dürfte auch für den Kenner der Materie einige neue Einsichten bieten. Dabei ist spannend, wie „Phenomena“ als Wendepunkt in Argentos Filmographie – und seiner Art Filme zu machen – herausgestellt wird. Zuvor waren Argentos Filme laut Zion abstrakt und von jungschen Archetypen geprägt. Mit „Phenomena“, den Zion als ersten – wenn auch nicht ganz gelungenen – autobiographischen Film Argentos ansieht, ändert sich dies. Die Figuren werden psychologisch unterfüttert und statt an Jung, orientiert sich Argento nun an Freud. Auch das Abstrakte seiner Kunst nimmt ab. Argentos Fokus ändert sich dadurch und man kann seine Filme von seiner ganzen Herangehensweise und Intention in ein „Vorher“ und „Nachher“ einteilen. Auch in „Terror in der Oper“ findet Zion zahlreiche autobiographische Details und gleichzeitig eine Psychologisierung der Bilder. „Aura“ ist für ihn schließlich das, was „Phenomena“ sein wollte – ein Schlüsselfilm, der viel über Argento erzählt, und von ihm als versteckte Autobiographie konzipiert wurde. Besonders erfreulich ist die Wertschätzung, die Zion dem oftmals stark unterschätzen „The Stendhal Syndrome“ zukommen lässt. Für ihn ist „The Stendhal Syndrome“ Argentos Meisterwerk. Eine Bewertung, die sicherlich kontrovers diskutiert werden kann, aber von Zion sehr überzeugend hergeleitet wird. Aufschlussreich sind die vielen Verweise dieses Films auf die Welt der Malerei, die Zion hier herausarbeitet. Interessant sind auch seine knappen Ausführungen zu „Das Phantom der Oper“ im „Sleepless“-Kapitel, welche den Film durchaus in einem neuen, positiven Licht erscheinen lassen. „Sleepless“ selber bildet nicht nur den Schlusspunkt des Buches, sondern für Robert Zion auch den perfekten Abschluss für Argentos Karriere als bedeutender Filmemacher. Dementsprechend werden Argentos weitere Filme nur noch im Vorübergehen angerissen. Für Robert Zion ist Argento ein Künstler des 19. Jahrhunderts, der seine Kunst nicht mehr ins 21. Jahrhundert transportieren konnte.

Abgerundet wird das Ganze durch einen 25-seitigen Epilog, der noch einmal sehr schön die vorhergehenden Punkte bezüglich Argentos Stils – wie die Parallelen zur Malerei -, seiner Inhalte und seiner Bedeutung für die Filmgeschichte noch einmal aufgreift und verdichtet.  Eine detaillierte Filmographie seiner Kinofilme (bei der der TV-Film „Do You Like Hitchcock?“ zwar aufgenommen wurde, seine sonstigen TV-Arbeiten aber leider keine Beachtung finden) und ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis beschließen das Buch.

Robert Zion hat ein sehr interessantes Buch über Dario Argento geschrieben, welches dem Leser viele spannende, neue Denkansätze nahe bringt, die natürlich auch kontrovers diskutiert werden können. Insbesondere, was die Bewertung einiger Filmen (vor allem außerhalb von Argentos Werk) angeht. Sehr gelungen ist die Erläuterung der Hauptthesen anhand von 14 farbigen Bildtafeln in der Mitte des Buches. Der einzige Kritikpunk wäre das mangelnde Lektorat, welches am Anfang des Buches (und dann nochmal im „Phenomena“-Kapitel) durch unnötige Rechtschreibfehlern und einer Vorliebe für endlose Schachtelsätze auffällt. Dies gibt sich dann aber recht bald im weiteren Verlauf des Buches und soll auch bei einer bald anstehenden zweiten Auflage überarbeitet werden. Von daher steht einer Empfehlung nichts im Wege.

Robert Zion Der verletzliche Blick – Regie: Dario Argento“, Books on Demand, 368 Seiten, € 28,99

In eigener Sache: Mein erstes Booklet ist da

Von , 27. April 2017 20:50

Endlich ist es auch bei mir angekommen. Die wunderbar aussehende dritte Folge der „Mario Bava Collection“ aus dem Hause Koch Media: Das Mediabook von „Die toten Augen des Dr. Dracula“ mit meinem ersten Booklet! Daran gekommen bin ich durch meinen ehrenamtlichen Nebenjob als stellvertretender Chefredakteur des „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“. So ist das Booklet dann auch eine Kooperation zwischen der „35 Millimeter“ und Koch Media.

Einmal ein Booklet für eine DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung zu verfassen, ist wahrscheinlich der Traum eines jeden, der gerne über Filme schreibt. Bei mir war es das jedenfalls – was dieses euphorische Poser-Posting hoffentlich rechtfertigt. Vielleicht kann sich der ein oder andere Stamm-Booklet-Autor, für den das Schreiben von Booklets mittlerweile Routine geworden ist, und der über mein Geschreibsel hier nur müde lächeln kann, sich noch daran erinnern, wie es war, als er das erste Mal ein von ihm verfasstes Booklet in der Hand hielt. Vielleicht erging es ihm da ja ebenso wie mir jetzt.

Auf jeden Fall hat es mir sehr viel Freude bereitet, für das Booklet zu recherchieren und es letztendlich zu schreiben. Mein Dank geht hier an Thomas „DrDjangoMD“ Hödl, der da netterweise immer mal wieder drauf geschaut hat, ob man hier und da noch etwas umformulieren oder klarer schreiben kann. Und etwas Romantik ist mir auch genommen worden. In meiner naiven Vorstellung habe ich ja geglaubt, bei so etwas arbeitet man sehr eng mit dem Verlag und einem Lektorat zusammen. Dem war hier nicht so. Nach Abgabe des Textes habe ich bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich das Booklet jetzt in den Händen hielt, nicht gewusst, was mit meinem Text passiert und wie das Ganze am Ende aussieht. Ich muss aber sagen, dass ich hochzufrieden mit dem Resultat bin. Es war eine tolle Erfahrung und das Endprodukt erfüllt mich – wie man sicherlich gerade deutlich merkt – mit einem gewissen Stolz.

Jetzt bin ich der zweite Bremer in der Geschichte, der jemals ein Booklet für einen Mario-Bava-Film verfasst hat. Toll! 🙂

Vorschau: 3. Filmfest Bremen – 22.-24. September in der Schauburg

Von , 26. April 2017 17:55

Vom 22. bis 24. September wird nun schon zum dritten Male das Filmfest Bremen ausgerichtet.

Nachdem in den Vorjahren das Cinemaxx Veranstaltungsort war, wird diesmal in die Schauburg gewechselt.

Und nach einem, bzw. im letzten Jahr schon zwei Festivaltagen, läuft das Filmfest Bremen in diesem Jahr ganz drei Tage lang.

Gezeigt werden wieder Filme von oder mit Bremer Filmschaffenden, Filme mit Bremen als
Drehort oder inhaltlichem Bremenbezug. Darunter sind Spielfilme, Kurzfilme, Dokumentationen,
Experimentelles und neue filmische Formate.

Über das reine Filmprogramm hinaus versteht sich das Filmfest auch als Plattform zum aktiven Austausch
zwischen Filmschaffenden und Publikum. Neu ist dabei das SYMPOSIUM BREMER FILM.

Wie auch in den letzten beiden Jahren wird wieder der Kurzfilmwettbewerb KLAPPE!
ausgeschrieben. Eine Woche vor Festivalbeginn, am 15. September 2017, wird das diesjährige
Motto bekanntgegeben. Ab diesem Zeitpunkt haben Interessierte 48 Stunden Zeit, ihren
Filmbeitrag einzureichen und die Chance, die gut dotierten Publikums- oder Jurypreise zu
gewinnen. Alle eingereichten Filme werden im Rahmen des Filmfestes zu sehen sein und auch die
Gewinner bei einer Preisverleihung vor Ort bekanntgegeben.

Der Festivalpass für drei Tage kostet 20 Euro und gilt für alle Filmvorführungen, Panels und
Veranstaltungen im Rahmen des 3. Filmfest Bremen. Tageskarten bzw. Einzelveranstaltungen
kosten 8 Euro. Der Kartenvorverkauf startet im Juni 2017 über Nordwest Ticket und die Bremer
Filmkunsttheater.

„35 Millimeter“-Magazin: Ausgabe 20 erhältlich

Von , 26. April 2017 16:03

Bei unserem „35 Millimeter“-Magazin gab es in den letzten Monaten einen ziemlichen Wechsel bei den Stammautoren. Es ist jede Menge frisches Blut dazu gekommen, was dem Magazin meiner Meinung nach sehr gut getan hat. Ausgabe #20 ist nun das erste Heft dieser „neuen Ära“ und ich bin gespannt, wie es bei unseren Lesern ankommt. In der Titelstory dreht sich diesmal alles um die Universal-Studios und dabei wird nicht nur auf die Horrorfilm eingegangen, was ich sehr erfrischend finde. Ich selber habe diesmal etwas über den mexikanischen Horrorfilm und die „Momia Azteca“-Trilogie geschrieben.

TITELSTORY: UNIVERSAL STUDIOS

TITELSTORY – DIE MUMIE: Karl Freunds Vermächtnis an die Universal Studios
TITELSTORY – Boris Karloff: Gefangen im Käfig des
TITELSTORY – Watson, ich kombiniere – Sherlock Holmes und die UNIVERSAL
TITELSTORY – LON CHANEYS FINSTERE GEHEIMNISSE – DIE INNER SANCTUM-MYSTERIES – Teil 1
TITELSTORY – Motion is Emotion – Douglas Sirks Universal-Melodramen
TITELSTORY – CARL LAEMMLE presents… – Ein jüdischer Schwabe erfindet Hollywood

MUMIE MEXICAN STYLE – Der mexikanische Horrorfilm und die „Momia Azteca“-Trilogie

HITLERS HOLLYWOOD – Interview mit Regisseur Rüdiger Suchsland

DER FREMDE BLICK – Michelangelo Antonioni und seine Filme – Teil 3: Reifeprozesse

WOLFGANG NEUSS UND WOLFGANG MÜLLER – Marx Brothers im Adenauerland

FILM NOIR – The Dark World of Richard Fleischer

FREUD, FEMME FATALE UND FEMINISMUS – Teil 2 – Die Frau im Werk Otto Premingers

LUIS BUNUEL – Teil 2: Wiederkehrende Motive in seiner mexikanischen Schaffensphase

KOLUMNE: CINEMAZZURRO – DIE LETZTEN ZWEI VOM RIO BRAVO

RAJ KAPOOR – Der indische Vagabund

Heft #20 kann man HIER für € 4,00 zzgl. Versand beziehen.

Das Bloggen der Anderen (24-04-17)

Von , 24. April 2017 17:43

bartonfink_type2– Einer der wichtigsten deutschen Regisseure ist Helmut Käutner.  Bianca von Duoscope widmet ihm ein verdientermaßen umfangreiches Portrait, bei dem ich lediglich anmerken muss, dass Hans Albers nicht erst seit „Große Freiheit Nr. 7“ (einer der besten – nicht nur – deutschen Filme aller Zeiten) ein Star war. St.Pauli-Legende ja, aber ein Kassenmagnet war er schon vorher. Aber dieser kurze Einwurf soll nicht vom Lesen des sehr schönen Artikels ablenken.

– Michael Schleeh berichtet auf Schneeland vom Hongkong International Film Festival, wo er Yoji Yamada „What a Wonderful Family! 2“ sag, den er als kleines Meisterwerk bezeichnet. Weniger gut gefiel ihm der südkoreanische Film „Beaten Black and Blue“ von Kim Soo-hyun.

– Andreas Köhnemann schreibt auf B-Roll darüber, warum ihm die erfolgreichen Feel-Good-Komödien aus Frankreich überhaupt nicht gefallen und weshalb „Victoria – Männer & andere Missgeschicke“ ihn positiv überrascht hat.

– Das polnische Kino habe ich ja immer gerne im Blick. Da freut es mich, dass man auf film-rezensionen.de das Ergebnis des Polnischen Filmpreises 2017 findet. Ganz vorne „Wolhynien“ (das müsste aber doch „Wołyń „ heißen? Schreibfehler?) von Wojciech Smarzowski, den ich seit seinem grandiosen Werken „Dom zly“ und „Wesele“ auf dem radar habe. Da wird die einkaufsliste für den nächsten Warschau-Besuch wieder länger.

– Es gibt Filme die schlagen einem so brutal in die Magengrube, dass man sich da jahrelang nicht von erholt. Bei mir war Hanekes „Der siebente Kontinent“ so ein Fall. Ich vermute mal bei Christian Genzel von Wilsons Dachboden war es ähnlich.

– Dass „Café Society“ der bisher letzte Woody Allen war, habe ich irgendwie schon ganz vergessen. Laut Michael Kienzl auf critic.de bietet er dann auch nur mehr von dem, was wir in den letzten Jahren von Woody bekommen haben. Was mir nun nicht so schlecht mundet – weshalb ich mich schon auf eine erste Sichtung freue. Nach 30 Jahren vom Index, eine eigne Kinotour, FSK 16 – „Tanz der Teufel“ hat in den letzten Monaten für viel Furore und Rauschen im Blog-Blätterwald geführt. Oliver Nöding geht hier noch einmal intensiv auf den Film ein.

– Auf seinem eigenen Blog Remember It for Later hat er sich mit dem Werk des Kanadiers Willhelm Fruet (den ich peinlicherweise mal mit Robert Fuest verwechselt habe)  auseinander. Den starbesetzten „Spasms“ fand er nicht so toll, „Bedroom Eyes“ und „Blue Monkey“ aber umso mehr.

– Der Film „Troll 2“ ist berühmt-berüchtigt als einer (manche sagen der) schlechteste Film aller Zeiten. Funxton hat sich nicht nur „Troll 2“, sondern auch den Vorgänger „Troll“ (beide Filme haben übrigens nicht wirklich etwas miteinander zu tun) angesehen und ist zu überraschenden Ergebnissen gekommen.

– Wem der Sinn einmal nach einem vergnüglichen, aber nicht albernen, Italo-Western steht (und gerne die junge Soledad Miranda sehen möchte), der ist bei „Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern“ an der richtigen Adresse. Das findet auch Mauritia Mayer von Schattenlichter.

– Christian von Schlombies Filmbesprechungen spricht eine deutliche Warnung vor dem seiner Meinung nach fürchterlich missratenen Italo-Western/Eastern-Hybrid „Zwei durch dick und dünn“ alias „Il ritorno di Shanghai Joe“ von Bitto Albertini aus.

–  Sehr viel besser ist da doch das Shaw-Brothers-Meisterwerk „Die 36 Kammern der Shaolin“, welches Bluntwolf auf Nischenkino bespricht.

– Ich wusste gar nicht, dass „Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“ als schwächster Film von Claude Chabrol und Romy Schneider gelten soll. Ich fand den nämlich recht gut. Allesglotzer kann den schlechten Ruf auch nicht verstehen und schreibt auch warum.

– Jürgen Kionte stellt auf filmgazette stellt den Gewinner des diesjährige Amnesty-Filmpreis bei den Berliner Filmfestspielen vor. Den mexikanischen Regisseur Everardo González für seinen heftigen Dokumentarfilm „La libertad del diablo“ über mexikanische Auftragskiller und ihre Opfer. Da läuft es mir schon beim Lesen kalt den Rücken herunter. Nicolai Bühnemann hat sich den endlich auch wieder in Deutschland erhältlichen letzten Film der Regie-Legende Kinji Fukasaku vorgenommen. Den berüchtigten „Battle Royal“.

– Da diese Woche relativ kurz ausfiel: Hier nochmal ein Tipp zum längeren Schmökern: Witte’s wöchentliche Tipps.

Blu-ray-Rezension: „Marketa Lazarova“

Von , 22. April 2017 13:49

Vater Kozlík (Josef Kemr) sendet seine Söhne Mikolás (František Velecký) und den einarmigen Adam (Ivan Palúch) aus, um Reisende auszurauben. Eines Tages stoßen sie dabei auf eine Gruppe Deutscher. Sie töten fast alle, aber ein Mann kann entkommen. Mikolás nimmt dessen Sohn (Vlastimil Harapes) und einen Diener als Geisel. Es stellt sich aber heraus, dass der Geflüchtete ein sächsischer Adeliger war, der zum Bischof von Hennau gemacht werden sollte und ein sehr enger Verbündeter des Königs ist. Dieser bestellt Kozlík an seinen Hof, wo Kozlík gefangengenommen werden soll. Es gelingt ihm allerdings – verfolgt von den Soldaten des Königs unter Hauptmann Pivo (Zdenek Kryzánek)- zu fliehen. Um sich gegen Pivos Truppe wehren zu können, schickt Kozlík seinen Sohn Mikolás zu seinem Nachbarn Lazar (Michal Kozuch), um diesen zu zwingen, gemeinsam mit ihm gegen Pivo zu kämpfen. Als Lazar sich weigert, entführt und vergewaltigt Mikolás dessen Lazars Tochter Marketa (Magda Vásáryová), die gerade einem Kloster beitreten wollte…

Wenn die Blu-ray von „Marketa Lazarova“ nach 165 Minuten zu Ende ist, fühlt man sich erschlagen, erschöpft, glücklich und zugleich traurig. Traurig, weil man diesen mächtigen Bilderhammer nicht auf der großen Leinwand gesehen hat, wo er sicherlich noch einmal eine ganz andere faszinierende Sogwirkung als auf dem Fernseher Zuhause entwickelt. Selbst wenn die vom tschechischen Filminstitut durchgeführte Restaurierung – welche die Grundlage der Bildstörung-Blu-ray bildet – überaus gelungen ist. Aber ein visuell – und auch auditiv – derartig überwältigender Film gehört nun einmal auf die ganz große Leinwand. 1967 in die Kinos gekommen, nach 548 Drehtage und eine Verdoppelung der veranschlagten Produktionskosten, erscheint „Market Lazarova“ seiner Zeit weit, weit voraus. Nur vergleichbar mit Andrej Tarkowskis nahezu zeitgleich entstanden „Andrej Rubljow“ und dem ebenfalls kürzlich von Bildstörung veröffentlichten „Es ist schwer ein Gott zu sein“ von Aleksey German aus dem Jahre 2013. Der studierte Kunsthistoriker Frantisek Vlácil hat mit „Marketa Lazarova“ ein ebenso brutal-authentisches, wie poetisch-surreales Mittelalter erschaffen, in dem seine Geschichte um zwei verfeindete Clans und die Rache des Königs ebenso zielsicher, aber eben auch schwankend auf einer dünnen Linie zwischen ungeschönten, hässlichen Realismus und traumhafter Magie, Grausamkeit und Zärtlichkeit, Dreck und strahlender Schönheit, heidnischen Ritualen und einem rigiden Christentum balanciert.

Auf ihr Skelett heruntergedampft, ist die Geschichte von „Marketa Lazarova“ relativ simpel zu verstehen. Doch Frantisek Vlácil nutzt sie für eine Meditation über das Erzählen von Geschichten und für die Rekonstruktion einer uns so fremden Zeit, aus der es kaum Überlieferungen gibt. Vlácil erschafft sein ganz eigenes 13. Jahrhundert, in welchem sich der Zuschauer ebenso fremd fühlt, wie auf einem ferneren Planeten – und doch zugleich auch irgendwie vertraut. Im geht es da ähnlich dem Protagonisten aus Aleksey Germans „Es ist schwer ein Gott zu sein“. Gleichzeitig löst Vlácil die Einheit von Raum und Zeit, Realität und Vorstellung auf. Man sieht Szenen, deren Bedeutung erst sehr viel später aufgelöst werden. Von denen man nicht weiß, wann und wo sie stattfinden. Ist es eine Erinnerung? Passiert es jetzt? Oder ist es ein Vorgriff auf das, was noch passieren wird? An einigen Stellen lässt Vlácil wichtige Teile der Geschichte einfach weg und lässt sie erst viel später von einer Figur nacherzählen. Oder er illustriert Gedanke und Geschichten so, als würden sie genau jetzt tatsächlich geschehen. Der alte Lazar spricht zu dem jungen Mikolás über seine Tochter Marketa (die wir bis dahin noch nicht gesehen haben). Davon, wie rein sie ist, und dass er sie den Nonnen versprochen hat. Gleichzeitig bebildert Vlácil dies mit einer Gruppe schwarzgekleideter Nonnen, die sich einen Hügel hinauf schlängeln, jede eine weiße Taube in der Hand – und der jungen Marketa, die eine dieser Tauben vor ihrer halb entblößten Brust hält. Dann ist diese Vision auch wieder vorbei. War sie eine Erinnerung Lazars? Oder sahen wir die Bilder, die dessen Worte in Mikolás Kopf hervorgerufen haben. Immer wieder kommt es zu solchen Szenen. Frantisek Vlácil agiert selber wie der alter Erzähler, dessen Stimme am Anfang verkündet, es sei nun besser, am Feuer zu sitzen und sich an Geschichten von früher zu erinnern. Und so erzählt Vlácil die Ballade (oder Rhapsodie, wie der Vorspann ankündigt) von Marekta Lazarova dann auch. Hier vergisst er etwas, dort holt er etwas vor, was ihm gerade in den Kopf gekommen ist, dort fügt er etwas an, was er zuvor zu erwähnen vergessen hatte. Und immer wieder vermischt sich die Erzählung mit dem, was der Erzähler falsch erinnert, dazu dichtet oder bewusst mythisch auflädt.

Dieses „Erzählen“ wird auch in der Tonspur hervorgehoben. Die Dialoge sind mit einem unnatürlich Hall versehen. Dies erinnert an Dokumentarfilme, die stumm aufgenommen wurden, und dann der omnipräsente, gottgleiche Erzähler die somit unhörbaren Dialoge wiedergibt. Auch hier hat man den Eindruck, die Sätze würde von jemand anderen nachgesprochen, nicht den handelnden Personen deren Bilder man über die Jahrhunderte hinweg sieht. Einmal greift der Erzähler sogar ins Geschehen ein und hält Zwiesprache mit dem Bettelmönch, der wie der Zuschauer mit großen Augen durch diese Welt voller Versehrter, Gewalt und Grausamkeit taumelt. An wen sonst, sollte sich der Allwissende, der dort aus seiner himmlischen Position heraus das Treiben beobachtet, auch sonst wenden?

Die Figur des Mönches nimmt eine Stellvertreterrolle für den Zuschauer ein. In seiner passive Position des Beobachters wird er wie dieser von den Ereignissen überrollt und in eine Welt hineingezogen, die nicht die seine ist. Doch der Mönch ist gleichzeitig eine ebenso fremdartige, ja primitive – sich der Moral der modernen Zeiten verweigernde Figur, wie das restliche Personal dieses Films. Sei es der einarmige Adam, der eine inzestuöse Beziehung mit seiner Schwester hatte. Oder eben jene Schwester, die sich heidnischen Ritualen hingibt. Oder Nebenfiguren wie der Geistliche aus Deutschland, der nur Hass und Vernichtung kennt. Und unser gutherziger, naiver Mönch? Der wiederum pflegt eine intensive Beziehung mit einem Schaf, die weit über das hinausgeht, was gesellschaftlich akzeptabel ist. Auch Marketa selber ist keine gänzlich reine, engelsgleiche Figur. Als sie von Mikolás einführt und vergewaltigt wird, verliebt sie sich in ihren Peiniger und geht freiwillig ein Abhängigkeitsverhältnis mit ihm ein. Gespiegelt wird dies in dem Verhältnis des jungen deutschen Adeligen (der eigentlich zum Bischof gemacht werden sollte). Auch dieser wird vom Clan der Kozlík entführt und verliebt sich seinerseits in die starke, unabhängige Heidin Alexandra. In diesem Film strebt jeder entweder nach Macht über die anderen oder unterwirft sich sexuell und gefühlsmäßig dem Stärkeren. In dieser Welt benehmen sich die Menschen wie die Wölfe, die in „Marketa Lazarova“ allgegenwärtig durch die Landschaft streifen.

Die Ungewöhnlichkeit mit der Frantisek Vlácil seine Geschichte erzählt, schlägt sich auch in der Kameraarbeit und dem Sounddesign nieder. Man mag kaum glauben, dass der Film Mitte der 60er Jahre entstand und er muss teilweise wie ein Schock auf das damalige Kinopublikum gewirkt haben. Mal schwebt die Kamera (geführt von Bedrich Batka) über den Geschehen und fängt die landschaftlichen Panoramen in atemberaubenden Gemälden ein, dann folgt die Handkamera ganz nah den Figuren, klebt förmlich an ihnen und ihren Gesichtern. Ein anderes Mal nimmt sie ganz den Blick eines der Handelnden ein, und der Zuschauer reist in dessen Kopf durch das 13. Jahrhundert. Hier überirdisch schöne Bilder, elegante Kamerafahrten – dort hässlicher Realismus voller Dreck und Blut. Gleichzeitig sorgt die mit Chören und elektronischen Klängen durchsetzter Filmmusik von Zdenek Liska gemeinsam mit dem grandiosen Sounddesign dafür, dass der Zuschauer einerseits mitgerissen, ihm dann aber auch immer wieder der Boden unter den Füssen weggezogen wird. So entsteht eine permanent (alb)traumhafte Atmosphäre. Nicht zu vergessen, die detailreichen, authentischen Kulissen und die Kostüme, auf die Vlácil seine höchste Aufmerksamkeit legte. Intensiv setzte sich Vlácil im Vorfeld mit dem Leben im Mittelalter auseinander, dem Waffengebrauch und dem Alltagsleben. Er ging sogar soweit, mit Cast und Crew für zwei Jahre in den Böhmerwald zu ziehen, und während dieser Zeit selbst zu leben wie im 13. Jahrhundert. Der hohe Aufwand hat sich gelohnt. „Marketa Lazarova“ wurde völlig zurecht zweimal (1994 und 1998) von tschechischen Journalisten und Filmkritikern zum besten tschechoslowakischen Film aller Zeiten gewählt.

Dank des vorzüglichen Filmlabels „Bildstörung“, welches mit Fug und Recht als deutsche Antwort auf das amerikanische Criterion oder das englische Masters of Cinema bezeichnet werden kann, hat Frantisek Vlácils Meisterwerk „Marketa Lazarova“ nicht nur nach 50 Jahren endlich einen deutschen Kinostart verschafft, sondern auch in einer wieder einmal vorbildlichen Blu-ray-Edition veröffentlicht, welche keine Wünsche offen lässt und das cinephile Herz höher schlagen lässt. Das vom tschechischen Filmarchiv brillant restauriert Bild der Blu-ray ist ein Fest für die Augen. Der Ton (tschechisch mit ausblendbaren deutschen Untertiteln) zunächst gewöhnungsbedürftig, aber dies war – wie oben beschrieben – auch die Intention des Filmemachers. Auf einer weiteren Tonspur befindet sich ein filmbegleitendes Gespräch mit Olaf Möller. Der Edition liegt noch eine DVD bei, auf der sich reichhaltiges und interessantes Bonus-Material befindet. „Der schicksalhafte Rausch des František Vlácil“ von 2003 ist ein 50minütiges Portrait über den 1999 verstorbenen Regisseur, welches für das tschechische Fernsehen produziert wurde. Für jenes wurde auch 1995 das viertelstündige „Das Leben des František Vlácil“ und das 20-minütige „Im Netz der Zeit“ produziert. In beiden Featurettes kommt Vlácil selber ausführlich zu Wort. Man lernt in diesen drei Dokumentationen viel über den nicht immer einfachen František Vlácil und die Entstehung seines berühmtesten Werkes „Marketa Lazarova“. Vor allem machen die hier zu sehenden Ausschnitte aus seinen weiteren Filmen eine unbändige Lust drauf, sich weiter mit dem Werk dieses hierzulande viel zu unbekannten Filmemachers zu beschäftigen, und sich auf die Suche nach Filmen wie „Die weiße Taube“ oder „Valley of the Bees“ zu machen. Des weiteren findet man auf der Bonus-DVD noch Interviews mit der Filmjournalistin Zdena Škapová (14 Min.), dem Kunsthistoriker Jan Royt (12 Min.) und dem Restaurationsleiter Ivo Marák (9 Min.). Eine Storyboard-Galerie und das unbedingt lesenswerte 24-seitiges Booklet mit einem Text von Marc Vetter („Marketa Lazarová oder die Zeit der Wölfe“), welcher sich mit der Vorlage, den Produktionsbedingungen und František Vlácil beschäftigt, runden diese schöne Veröffentlichung ab. Bitte noch viel mehr davon!

Schauburg: Regisseur André Erkau stellt seinen Film „Happy Burnout“ vor

Von , 20. April 2017 16:54

Der in Bremen lebende Regisseur André Erkau stellt am 28. April um 20:00 Uhr in der Schauburg seinen fünften und neusten Kinofilm vor.

Die Komödie „Happy Burnout“ ist mit den Hauptdarstellern Wotan Wilke Möhring (mit dem Erkau nach dem Drama „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ das zweite Mal zusammenarbeitet) und Anke Engelke sehr prominent besetzt.

Fussel (Wotan Wilke Möhring) mag seine besten Jahre schon hinter sich haben, aber noch immer ist er vom ganzen Herzen Punk, Frauenheld, Lebenskünstler und Systemverweigerer. Arbeit kommt jedenfalls für ihn nicht in Frage und stattdessen bringt er viel lieber mit seinem jungenhaften Charme diverse Frauen um den Verstand – darunter auch die Sachbearbeiterin vom Arbeitsamt Frau Linde (Victoria Trautmannsdorf). Die duldet zwar seine Faulheit, aber als eine interne Prüfung sie zum Handeln zwingt, sieht sie für Fussel nur eine Lösung: ein Attest zur Arbeitsunfähigkeit aufgrund eines Burnouts. Schnell ist auch eine Therapie in einer Klinik durchgewunken und so findet sich Fussel inmitten echter Ausgebrannter wieder. Mit seiner ganz eigenen Art mischt er den Laden gehörig auf, was besonders Krankenschwester Alexandra (Anke Engelke) auf die Palme bringt. Den anderen Patienten tut er allerdings ziemlich gut, doch je länger er dort verweilt, desto unklarer wird, wer hier eigentlich wen therapiert…

Quelle: Schauburg

Das Bloggen der Anderen (18-04-17)

Von , 18. April 2017 21:02

bartonfink_type2Durch den Ostermontag gibt es „Das Bloggen der Anderen“ diesmal auf einem Dienstag. Aufgrund der wirklich tollen Texte meiner Blogger-Kollegen, wäre es auch unverantwortlich gewesen, die Kolumne in dieser Woche einfach ausfallen zu lassen.

– Am 12. April verstarb Kameragott Michael Ballhaus. Mehrere Blogs widmen ihm einen Nachruf. Den ausführlichsten gibt es bei Sennhausers Filmblog, den persönlichsten von Hans Helmut Prinzler. Christoph Hochhäusler verweist auf Parallel Film auf einige Texte zu Michael Ballhaus, die er anderswo geschrieben hat. Und Kinogucker empfiehlt Michael Ballhaus‘ Autobiographie.

Nischenkino stellt anlässlich des Todes von Tomas Milian noch einmal einen seiner wichtigsten (da er eine schier unendliche Filmreihe nach sich zog) Film vor: „Der Superbulle mit der Strickmütze“.

– Bereits am 28. März verstarb Christine Kaufmann. Udo Rotenberg ehrt sie, indem er auf Grün ist die Heide über Robert Siodmaks düstere deutsch-amerikanische Co-Produktion „Tunnel 28“ schreibt, in dem sie neben Don Murray die Hauptrolle spielt.

– Vorschauzeit. Beim Kinogänger erfährt man, welche Film im Kinosommer 2017 laufen.

– Das Programm der diesjährigen Fantasy Filmfest Nights findet man bei film-rezensionen.de

– Auf Rochus Wolffs Kinderfilmblog gibt es aktuelle Kinderfilmempfehlungen. Für ,mich als Familienvater eine wunderbare Quelle der Inspiration – auch wenn meine Kleinen für die allermeisten Film noch zu jung sind. Der hier empfohlene, wirklich wundervolle „Molly Monster“ läuft bei uns allerdings schon in Dauerrotation und ist meiner Meinung nach auch schon für 4jährige geeignet.

– Andrea David ist für Filmtourismus.de nach Hope im kanadischen British Columbia gereist, dem Drehort von „Rambo“, und hat interessante Information und Geschichten über die Stadt und ein paar tolle Fotos von den Drehorten mitgebracht. Sehr schön!

– Ebenfalls Drehorte hat Mauritia Meyer von Schattenlichter besucht und zeigt uns, wie sich die Drehorte von Peter Patzaks „Parapsycho“ in Wien und Venedig zwischen 1975 und heute verändert haben.

– Einer der schönsten Artikel – in einer schönen Artikeln ungewöhnlich reichen Woche – haben Nino Klingler und Zeynep Tuna auf critic.de geschrieben. Sie stellen in einem langen Essay mit vielen Bild- und Filmbeispielen den legendäre türkischen Actionstar Cüneyt Arkin und seine wundersame Welt vor. Tipp!

– Und gleich das nächste Highlight. David schreibt auf Whoknows presents sehr, sehr ausführlich, interessant und unbedingt lesenswert über frühe sowjetische Animationsfilme von Nikolaj Chodataev, Ol‘ga Chodataeva, Zenon Komissarenko und Co. Ebenfalls essentieller Lesestoff in dieser Woche.

– Patrick Holzapfel macht sich auf Jugend ohne Film mit einer kleinen Gruppe an Enthusiasten auf nach Guinea, um das Stativ von Jean Rouch zu finden.

– Lucas Barwenczik macht sich auf B-Roll einige sehr kluge Gedanken über den (nicht ganz so neuen) Trend in Hollywood, Animes in Live-Action-Filme zu verwandeln. Und Alexander Matzkeit sinniert darüber, was im heutigen Kino noch echt und was Illusion ist. Und was das für das Kino bedeutet.

– Gerne erzähle ich die Anekdote, wie mich die mitternächtliche Kino-Vorstellung des koreanischen Films „A Tale of Two Sisters“ durch permanenten Adrenalin-Ausstoß bei den unheimlichen Szenen erst aus den Schlaf gerissen und dann noch viele Stunden um den selben gebracht hat. Da freue ich mich natürlich ganz besonders wenn Morgen Luft auf Cinematographic Tides ihn den besten Horrorfilm nennt, den sie bisher gesehen hat.

– Unbedingt auch empfehlenswert das „Gegenstück“ auf Ma-Gos Filmtipps, wo Morgen Luft und Ma Go den Film in ein virtuelen Ringkampf gegen sein US-Remake schicken.

– Lukas Foerster berichtet auf Dirty Laundry weiter vom 19. Besonders Wertlos-Festival, wo er Rolf Thieles „Versuchung im Sommerwind“ und Heinz Gerhard Schiers „Tränen trocknet der Wind“ sah.

Negativespace weißt darauf hin, dass Eckhart Schmidt drei neue experimentelle Filmprojekte, die um italienische Obsessionen kreisen, im Münchner Werkstattkino zeigt.

– Oliver Nöding ist auf Remember It For Later in großer Schreiblaune und da fällt es schwer aus den vielen Filmbesprechungen ein paar auszuwählen. Auf jeden Fall sollte man seinen Text zu „Wake in Fright“ lesen, der mir namentlich zwar bekannt war – aus der Kotcheff-Retro in Oldenburg vor ein paar Jahren -, den ich aber bisher noch nicht so auf den Zettel hatte. Das hat sich geändert. Ferner berichtet er darüber, wie er u.a. mit „Zwei außer Rand und Band“ seine Spencer/Hill-Liebe an seine Tochter weitergab. Hach, noch ein paar Jährchen, dann kann ich das auch wagen. Ferner hat ihm Roger Cormans „St. Valentine’s Day Massacre“ ausgesprochen gut unterhalten.

funxton empfiehlt nachdrücklich Costa-Gavras „Das Geständnis“, den er mit einer 10/10 Wertung adelt.

– Christian ist auf Schlombies Filmbesprechungen so gar nicht von Mario Bavas „Baron Blood“ angetan – was ich gar nicht verstehen kann. Dafür hat ihm aber „Hatchet For a Honeymoon“ ausgesprochen gut gefallen – und da sind wir wieder beieinander.

Filmlichter bespricht den wundervollen „Under the Shadows“, der eins meiner Filmhighlights 2016 war und den ich ebenfalls nur jeden ans Herz legen kann. Interessanterweise legt Filmlichter die Schwerpunkte/Folgerungen seiner sehr guten Besprechung ganz anders, als ich es getan habe. Was für mich dann wieder ein interessanter Gewinn war.

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