Category: Filmtagebuch

Blu-ray Rezension: „Rock ’n‘ Roll High School“

Von , 10. Oktober 2018 16:43

Als der Direktor der Vince Lombardi High School aufgrund der rebellischen und Rock’n’Roll-süchtigen Schüler einen Nervenzusammenbruch erleidet und als Wrack in die Psychiatrie muss, übernimmt die strenge und autoritäre Miss Evelyn Togar (Mary Woronov) die Schule und zieht andere Saiten auf. Unterstützt von ihren Schergen Fritz Hansel (Loren Lester) und Fritz Gretel (Daniel Davies) führt sie ein Schreckensregime, um den Schülern wieder Disziplin beizubringen. Doch sie hat die Rechnung ohne Riff Randell (P. J. Soles), dem größten Ramones-Fan der Welt, gemacht…

Es ist durchaus verwunderlich, weshalb um „Rock ’n‘ Roll High School“ solcher frenetischer Kult wie um „The Rocky Horror Picture Show“ entstanden ist. Zwar ist die „Rock ’n‘ Roll High School“ unter Ramones-, wie auch Roger-Corman- und Joe-Dante-Fans durchaus bekannt und beliebt, doch solch ein flächendeckenden Wahnsinn wie um das britische Grusel-Musical gab es leider nie. Dabei ist die unbändige Energie, die gute Laune und die mitreisende Musik eigentlich prädestiniert für jährliche Screenings vor Hunderten von Leuten. Aber in einer nicht so gerechten Welt, rangiert „Rock ’n‘ Roll High School“ leider nur unter den (immerhin umso mehr geliebten) Geheimtipps. Vielleicht ist der verrückte Charme des Filmes und die energiereiche Punkmusik der göttlichen Ramones dann doch nichts für Otto und Ottilie Normalkinogänger.

Aus heutiger Sicht ist allein schon der Soundtrack spektakulär. Gleich zu beginnt schallen einem Paul McCartney & The Wings entgegen. Später folgen Fleetwood Mac, Devo, Alice Cooper, Lou Reed und diverse Brain Eno-Stücke, die als Score genutzt werden. Wie es eine Billigproduktion geschafft hat, all diese Musiker auf dem Soundtrack zu vereinen und damit kein Millionenbudget verbraten zu haben, gehört zu den Firmengeheimnissen der Corman-Schmiede (nein, nicht wirklich. Es wird in einem der Extras ausgeplaudert – man hatte einfach sehr gute Kontakte). Und dann sind da natürlich die Ramones. Ich war immer davon ausgegangen, das Joey, Dee Dee, Johnny und Marky einen Kurzauftritt am Ende des Filmes hätten. Weit gefehlt. Der Film dreht sich nicht nur um einen verrückten Ramones-Fan, sondern auch um die Band selber, die tatsächlich ein weiterer Hauptdarsteller in „Rock ’n‘ Roll High School“ ist. Der Höhepunkt ist dann ein Konzert, welches die Ramones im The Roxy geben und bei dem sie nicht nur ihre größten Hits spielen, sondern auch zeigen, was für eine großartige und mitreißende Bühnenband sie waren.

Aber es ist nicht nur die tolle Musik, die den Film zu dem machen, was er ist. Wenn dem so wäre, könnte man ja auch ein Musikvideo ans andere reihen. Neben der zeitlosen Geschichte von den typischen High-School-Problemen, der ersten Liebe, dem Boy-Wants-(wrong)-Girl, (Right)Girl-Gets-Boy und Jugend-Rebellion, sind es vor allem die frischen und quirligen Schauspieler, die ihren Figuren echtes, sprühendes Leben verleihen. Allen voran die fabelhafte P.J. Soles als Riff Randell (was für ein Name!). Ein Mädel mit dem man gerne tausend Pferde stehlen möchte. Aber auch Dey Young (die später in zwei deutschen Produktionen – „Zärtliche Chaoten“ und „Starke Zeiten“ mitspielen sollte) ist perfekt in der Rolle der „grauen Maus“, die allerdings gar nicht so grau ist, sondern im Gegenteil immer für einen guten Scherz und eine tolle Party zu haben ist. Und bei der immer die Lust an der Subversivität durch das „Braves Mädchen“-Äußere durchscheint. Vor allem stimmte die Chemie zwischen Soles und Young was sich auch eindrücklich auf ihre Figuren überträgt. Zu keiner Zeit denkt man, die Beiden würden nicht zusammen durch Dick und Dünn gehen. An der Lehrerfront ist Paul Bartels als Beethoven-cum-Punkrock-Fan einfach zum Knuddeln. Den Vogel schießt aber die unvergleichliche Mary Woronov als Miss Togar ab. Hochgeschossen, in engem Kostüm und strenger Frisur, dominant, autoritär und dabei auch unglaublich sexy. Auch Clint Howard als „Fonzie“-Verschnitt Eaglebauer macht Spaß.

Allein Miss Togars beiden Schergen Fritz Hansel und Fritz Gretel sind arg drüber, fügen sich aber trotzdem in den generellen Wahnsinn des Filmes ein. Zudem ist Fritz Gretel für eine der schönsten Szenen des Filmes (Stichwort: Papierflieger) zuständig. Dass dann irgendwann noch eine mannsgroße Maus und seine Mutter (!) auftauchen, ist da dann auch schon egal. Wer den Film liebt, der liebt auch den von SFX-Guru Rob Bottin gespielten Mr. Mouse. Was „Rock ’n‘ Roll High School“ zusammenhält und seinen unglaublichen Drive gibt ist der perfekte Schnitt. Man merkt, dass Regisseur Allan Arkush zusammen mit Joe Dante für die Herstellung der spektakulären Trailern der Corman-Produktionen zuständig waren. Da stimmt vom Timing her alles und macht ordentlich Tempo. Besonders gut zu sehen in der Szene in der Riff Randell in der Sporthalle „ihren“ Song „Rock ’n‘ Roll High School“ zum besten gibt und ihre Mitschülerinnen mitreißt. Die Szene wurde wurde von Joe Dante gefilmt, da Arkush erschöpft im Krankenhaus lag. Da gibt es keine großartige Choreographie, aber im Schnitt wirkt das alles authentischer, mitreißender und lebensfroher als… sagen wir mal „Mamma Mia“.

Aber warum schreibe ich hier eigentlich so viel? Man kann das alles auch in drei kurze Sätze zusammenfassen: Die Blu-ray in den Player schieben. Die Lautstärke auf Ramones-Level. Und einfach Spaß haben.

Das Bild der Anolis-Bluray ist dem Alter entsprechend sehr gut und nicht tot gefiltert. Der Ton haut trotz 2.0 Mono mit DTS-HD ordnetlich rein, was bei diesem Film natürlich besonders freut. Ansonsten ist die Bluray randvoll mit spannenden Extras. Das beginnt mit gleich vier (!!!) Audiokommentaren. Es spreche Allan Arkush und Mike Finnell,dann Allan Arkush, P.J. Soles und Clint Howard, gefolgt von Roger Corman und Dey Young, sowie Jörg Buttgereit und Alexander Iffländer. „Back to School“ ist ein 24-minütige Feature in dem sich viele der Beteiligten an die Dreharbeiten zurück erinnern. Es gibt ein 11-minütiges Interview mit Allan Arkush (wo er viele Anekdoten aus „Back to school“ wiederholt). Es gibt einen 4-minütigen Auftritt von Roger Corman bei Leonard Maltin, bei dem Beide über „Rock ‚N‘ Roll High School“ sprechen. „Staying after Class“ ist ein sehr kurzweiliges und sympathische Treffen von P.J. Soles, Dey Young und Vincent van Patten, bei dem sich die Drei gutgelaunt über ihre Erlebnisse am Set austauschen (16 Minuten). Ferner gibt es eine 15-minütige Audioaufnahme, wie die Ramones bei ihrem Roxy-Auftritt wirklich geklungen haben. Eli Roth kommentiert für „Trailers from Hell“ den US-Trailer. Spots, Werberatschläge und eine Bildgalerie runden diese tolle Veröffentlichung ab.

Bericht vom 25. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 3

Von , 4. Oktober 2018 21:00

Seit dem letzten Jahr nehme ich ja auch immer noch den Sonntag beim Internationalen Filmfest in Oldenburg mit. Und wie im Vorjahr erwies sich dieser letzte Tag mal wieder als ausgesprochen entspannt. Die Gäste sind schon fast alle abgereist, das Publikum bereitet sich scheinbar auf den nächsten Arbeitstag vor und das Personal ist so wenige Stunden vor dem Ende des Festivals in einer erschöpften, aber glücklichen Stimmung. So wie bei einer tollen Party, wenn die Letzten morgens noch in der Küche rumhängen und sabbeln. Überall herrscht eine wunderbar lockere Atmosphäre. Und wie 2017 hielt dieser letzte Tag für mich sogar noch mein persönliches Highlight des Festivals bereit.

Blue My Mind – Den Film hatte ich erst gar nicht auf dem Schirm, bis ich gesehen habe, dass er auch auf dem Randfilm in Kassel läuft. Was ja durchaus eine gute Empfehlung ist. „Blue My Mind“ ist ein ganz klassischer Coming-Of-Age-Film, der langsam ins Übernatürliche driftet, um die körperliche und geistige Veränderung der pubertierenden Protagonistin, noch einmal deutlich zu unterstreichen. Ihr Gefühl des „Anderseins“ und nicht dorthin zu gehören, wo sie ist. Das ist jetzt auch nichts wirklich Neues und kennt man bereits gut aus diversen z.B. Werwolf-Filmen. Hier wird die junge Protagonistin aber nicht zum Wolf, sondern entwickelt einen seltsamen Heißhunger auf die Fische in Papis Aquarium, ihre Zehe wachsen zusammen und auf den Beinen erscheinen eklige Flecken. Wie gesagt, das kennt man irgendwie alles schon, trotzdem entfaltete der Film bei mir einen ganz gehörigen Sog.

Meine Mitzuschauer mochten den Film zwar auch, empfanden einige Stellen aber zu lang und repetitiv. Das Gefühl stellt sich bei mir gar nicht ein, denn ich war emotional immer ganz nahe dran an der Hauptfigur. Diese wird von der fantastischen Luna Wedler gegeben, die ihre Mia weniger spielte als vielmehr im besten Sinne des Wortes verkörpert. Völlig zu recht hat sie für ihre Performance den Schweizer Filmpreis als beste Schauspielerin gewonnen (daneben gewann „Blue My Mind“ noch in den Kategorien bester Film und bestes Drehbuch).

Ein Preis hätte aber auch Zoë Pastelle Holthuizen als Gianna mehr als verdient. Erst ist sie die Feindin, dann später die beste Freundin von Mia. Sie spielt dabei die leicht asoziale, dominante Bitch, die ihre Freundinnen aus der Outsider-Girls-Clique fest im Griff hat, ebenso perfekt, wie sie das leichte Aufbrechen des Zicken-Panzers zeigt, hinter der Vernetzbarkeit und die Sehnsucht nach Liebe durchschimmern. Der Weg von Aso-Zicke bis zur sich aufopfernden Freundin ist nicht als plötzlicher Bruch, sondern langsame, glaubhafte Entwicklung angelegt. Dass Gianni unterschwellig auch ein homoerotisches Interesse an Mia hegt, wird nicht dick aufgetragen, sondern schwingt ganz natürlich im Hintergrund mit, ohne sich allzu sehr in der Vordergrund zu drängen.

Die ganze Atmosphäre und der Wechsel von realistisch rauen Bildern und sinnlichen Komposition, von der drogengeschwängerten Partywelt der Mädchen-Clique und ihren coolen Mackern hin zu dem phantastischen Inhalt, erinnern stark an „Der Nachtmahr„, was ja eine gute Referenz ist. Mir hat der Film ausgesprochen gut gefallen, ich war immer bei Mia und von ihrem Schicksal tief bewegt. Und die wunderschönen, märchenhaften Schlussbilder waren dann noch das letzte Tüpfelchen auf dem „i“.

Vultures – Island ist ein kalter Ort. Und in Filmen wie „Vultures“ sinkt die Temperatur gleich noch einmal um ein paar Grad. Eine klassische Gangstergeschichte die, wie ich nach dem Film von einem Bekannten lernte, auch schon mal im „Tatort“ abgehandelt wurde. Eine junge, polnische Frau wird als „Maultier“ genutzt und muss Dutzende mit Rauschgift gefüllt Kondome schlucken, um diese von Schweden nach Reykjavik zu schmuggeln. Dummerweise wird ihr auf dem Flug schlecht, und von da an geht alles den Bach runter.

Initiiert wird der Deal von zwei Brüdern. Einer ein respektabler, aber eiskalter Anwalt mit Geldproblemen. Der andere gerade aus dem Knast entlassen und kriminell, aber durchaus mit Herz. Letzterer soll die junge Frau als unsichtbarer Schatten begleiten. Natürlich macht er Fehler, natürlich geht nichts nach Plan. Am Ende muss er sich mit ihr in einem Hotel verstecken, wo sie die Ware auskotzen soll. Aber es kommt nichts raus. Ihr geht es immer schlechter, die Kotz-Prozedur wird immer schmerzhafter, immer quälender. Derweil zieht sich das Netz um Beide zusammen. Weil sie einfach zu viel Fehler gemacht haben, aber auch weil der Zufall es so will. Zum Schluss gibt es nur noch Opfer und ein wahnsinnig zynisches Ende.

„Vultures“ ist hart und ist seinen Figuren gegenüber absolut mitleidlos. Wer einen Fehler macht, wird dafür doppelt und dreifach bestraft. Reykjavik erscheint wie der schrecklichste und trostloseste Platz auf Erden. Hier gibt es keine Hoffnung auf Besserung. Jedes kleine Licht im Dunkeln, wie die Liebe der von Anna Próchniak mehr oder weniger stumm gespielten jungen Polin Sofia zu ihrem Kind, oder das langsam immer stärker werden Verantwortungsgefühl Atils (Baltasar Breki Samper), wird auf brutale Art und Weise ausgeblasen. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass es zumindest eine der Figuren hier irgendwie heraus schafft – aber wie soll das gehen? Wenn selbst die Polizei keine Mittel hat, um Gerechtigkeit walten zu lassen.

Fazit: Der diesjährige Jahrgang des Internationalen Filmfests Oldenburg war sehr stark. Richtige Ausfälle gab es keine und der einzige Film, durch den ich mich kämpfen musste hat auf andere – deren Meinung ich schätze – durchaus Eindruck gemacht. Auffällig war für mich zunächst, dass immerhin ein Drittel der von mir gesehenen, starken Filme von Frauen stammte. Kurz nachgerechnet sind das aber immer noch nur drei. Was aber wohl über dem Durchschnitt im Filmgeschäft liegt. Noch ein Grund mehr, den Machern in Oldenburg für ihren ausgezeichneten Geschmack zu danken. Ich freue mich auf jeden Fall schon wieder auf das nächste Jahr.

Bericht vom 25. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2

Von , 3. Oktober 2018 18:18

Auch der zweite Tag in Oldenburg gestaltete sich sehr angenehm. War ich am Vortag fast ausschließlich im Theaterhof gewesen, dessen Bestuhlung für einen längeren Aufenthalt nicht gerade ideal ist, war ich diesmal zunächst im sehr viel bequemeren cineK/Studio.

The Boat – Eine sehr, sehr langsam erzählte, von Petrus Cariry inszenierte Metapher aus Brasilien, über den Einbruch der Zivilisation in ein eigentlich glückliches, sorgenfreies Leben und der damit einhergehenden Verlockung der Moderne und Sehnsucht nach der Ferne. Das ist toll fotografiert mit einem wunderbar suggestiven Soundtrack. Die Bilder des an den Strand klatschenden Meeres, der Männer die ein Fischernetz durch die Gischt ziehen – überhaupt die Landschaft, das Meer – sind überwältigend schön und kraftvoll. Allerdings trägt diese ganze Metapher im Grunde nur einen Kurzfilm von maximal 20 Minuten, danach läuft sich der Film auf der inhaltlichen Ebene tot. Dadurch ziehen sich die 72 Minuten Spielzeit an vielen Stellen gewaltig.

Darauf muss man bereit sein, sich einzulassen und die inhaltliche Ebene weitgehend außer Acht lassen. Denn die ständigen Weiter lesen 'Bericht vom 25. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2'»

Bericht vom 25. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1

Von , 2. Oktober 2018 12:27

Zum nunmehr bereits 25. Mal lud das Internationale Filmfest in Oldenburg ein.  Seit 2009 bin ich jetzt regelmäßig hier zu Gast, und noch nie bin ich enttäuscht nach Hause gekommen. Und so sollte es auch dieses Jahr wieder sein, welches zum entspanntesten Festivals der letzten Jahre wurde. Kein Stress, keine ausverkauften Filme, kein Gehetzte zwischen zwei Spielstätten und interessante, sympathische Gäste. Alles ganz easy und schnell geriet man in einen sehr angenehmen Flow. Unterstützt wurde dies in diesem Jahr auch wieder davon, dass ich mit vielen netten Menschen unterwegs war. Dass die Filme auch durch die Bank gut bis sehr gut waren (nur ein Film gefiel mir weniger, aber da war ich in der Minderheit) war dann natürlich das Sahnehäubchen. Ein in meinen Augen starker Jahrgang.

Los ging es im Casablanca. Mein Lieblingskino in Oldenburg und das mit Abstand bequemste. Leider bin ich hier in der Regel eher selten. Überhaupt verschlug es mich diesmal nur ein einziges Mal in diese Ecke von Oldenburg, den Rest des Festivals verbrachte ich in der Bahnhofstrasse, bequem zwischen Theaterhof und der Kulturetage pendelnd.

Is That You? – Vater, Mutter und Tochter wohnen in einem ärmlichen Haus irgendwo in der kubanischen Wildnis zusammen. Der Mutter ist es verboten das Haus zu verlassen. Ihre Füsse sind mit einem dünnen Band gefesselt, was es ihr unmöglich macht, sich anders als mit Tippelschritten zu bewegen. Der dominante und autoritäre Vater hat grunzenden Sex mit ihr und bestraft jedes kleine Aufbegehren. Die Tochter nimmt dies so hin, fragt den Vater ab und zu, ob die Mutter nicht wieder am Familienleben teilnehmen könne. Sie selber wird vom Vater geliebt und besucht mit ihm Baseballspiele und die Stadt. Als die Mutter einen Fluchtversuch versucht, spitzt sich die Lage zu.

Das kubanisches Familiendrama (eigentlich ein Kammerspiel mit vier Personen) entpuppt sich bald als psychologischer Horrorfilm, der einen immer mehr in den Bann zieht. Er Weiter lesen 'Bericht vom 25. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1'»

Blu-ray Rezension: „Der wilde Planet“

Von , 28. September 2018 13:40

Auf dem Planeten Ygam leben die riesigen, blauen Draags. Einst brachten sie vom Planeten Terra die im Vergleich zu ihnen winzigen Menschen mit. Diese nennen sie Oms und nutzen sie als Haustiere. Nach dem Tod seiner Mutter wird der Om-Junge Terr von dem Draag-Mädchen Tiwa mitgenommen und dient ihr als Spielzeug, das sie hegt und pflegt. Terr nimmt dabei auch an den Schulstunden Tiwas teil und erlernt so das Wissen der Draags. Eines Tages flieht Terr und trifft auf „wilde“ Oms, die von den Draags wie Ungeziefer behandelt und beseitigt werden. Ausgerüstet mit dem Wissen der Draags führt Terr die wilden Om in eine Rebellion…

Der wilde Planet“ ist ein Kultfilm. Zusammen mit den Werken von Ralph Bakshi gehört er zu einer fast vergessenen Kunst: Einem Animationsfilm für Erwachsene, der weit entfernt von dem ist, was Disney einst in die Kinos pumpte. Nicht auf Perfektion und sauberes Entertainment für die Kleinen getrimmt, sondern rau, subversiv und durchaus brutal. Verankert im Underground und subversiver Kunst. Wenn in „Der Wilde Planet“ ein seltsames Wesen erst sein Junges liebkost und dann auffrisst, oder gleich zu Beginn eine Om-Mutter durch übermütiges Spiel junger Draags vor den Augen seines Kindes getötet wird, dann ist das sicher nichts, was die lieben Kleinen im Nachmittagsprogramm erwarten würden. Aber genau dort wurde „Der wilde Planet“ in den 80er Jahren gezeigt, denn damals galt bei den Rundfunk-Verantwortlichen scheinbar noch die Gleichung Trickfilm = Kinderkram.

Damals hieß der Film bei uns noch „Der phantastische Planet“. Und der Planet Ygam auf dem der Film spielt ist fürwahr phantastisch. Voller seltsamer, bizarrer Wesen, welche der überbordenden Fantasie des französischen Autors Roland Topor entspringen. Voller Farben und Töne. Gefahren und Gewalt. Aber auch Fürsorge und Spiritualität. Der Originaltitel „La Planète sauvage“ bezieht sich jedoch nicht auf Ygam, den Heimatplanet der Draag, sondern auf den Mond des Planeten. Ein geheimnisvoller Sehnsuchtsort der Oms, die dorthin flüchten wollen, um dem von den Draag geplanten Genozid an ihnen zu entkommen. „Der wilde Planet“ birgt allerdings Geheimnisse, die am Ende für die Zukunft sowohl der Oms, als auch der Draags von größter Wichtigkeit werden.

„Der wilde Planet“ wurde vom Rolling Stone zu einem der besten Animationsfilmen aller Zeiten gewählt (Platz 36) und erhielt 1973 den Spezial-Preis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Entsprungen ist der Film (basierend auf dem 1957 erschienen Roman „Oms en Série“ von Pierre Pairault aka „Stefan Wul“) dem Geist zweier höchst interessanter Menschen. Einmal dem des großen Roland Topor, der hier für das Design des Filmes zuständig war,und der zusammen mit Fernando Arabal und Alejandro Jodorowsky der surrealistischen „Panic Movement“ angehörte. Seine Wurzeln in diesem Umfeld merkt man den eigenartigen Lebewesen an, welche die Parks der Draags bevölkern. Diese erinnern an die bizarren Animation des jungen Terry Gilliam aus seinen frühen Monty-Pythons-Tagen. Dazu trägt aber auch der Stil des zweiten Geistes – dem des Regisseurs René Laloux – bei, welcher eher statisch angelegt ist und oftmals den Eindruck erweckt, hier würden lediglich ausgeschnittene Papierfiguren hin und her bewegt werden. Was zur allgemeinen Seltsamkeit und Verfremdung des Filmes beiträgt. Regisseur René Laloux arbeite ursprünglich in einer psychiatrischen Klinik, wo er auch zusammen mit den Patienten seine ersten Animationsfilme realisierte. Mit Topor bildet er hier ein kongeniales, sich gegenseitig befruchtendes Team, welches eine uns ebenso fremde, wie aber auch irgendwie vertraute Welt schaffen. Denn wenn man den ersten Schock darüber, dass die Mutter des kleinen Terr zu Beginn des Filmes von einer Gruppe Draag-Kinder beim Spiel und aus Versehen getötet wurde, muss man nicht lange nachdenken, um in den Draag-Kindern unschuldig-grausamen Menschenkinder zu erkennen, die aus Neugierde den Fliegen die Flügel ausreißen oder Ameisen mit der Lupe verbrennen.

Jetzt könnte man „Der wilde Planet“ recht einseitig als überdeutlichen Aufruf zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit Tier und Natur verstehen, bei dem zur besseren Anschauung die Tiere einfach durch Oms und die Menschen mit Draags ausgetauscht wurden. Doch dies würde zu kurz greifen, denn der metaphernreiche Film arbeitet auch auf anderen Ebenen. Der gedankenlose Genozid der Draags an den Oms, der plakativ als „Säuberung“ verstanden wird, weckt düstere Erinnerungen an den Holocaust, der Unterschied zwischen „Haus-Oms“ und „wilden Oms“ an die Zeit der Sklaverei oder den Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern. Themen wie Freiheit, Rebellion – aber auch die große Macht der Bildung werden angesprochen.

Interessant ist in dieser Hinsicht auch, dass die Draags nicht per se als Bösewichte verteufelt werden, sondern ihr grausames Handeln lediglich einem Nicht-Bewusstsein dafür entspringt, dass andere Lebewesen ebenfalls Gefühle, ja eine Seele haben. Erst als die Oms es schaffen, diesen Gedanken durch Gewalt in die Köpfe der Draags zu pflanzen, begreifen diese, dass es schon ein Unterschied ist, sich einen kleinen Om als Spielzeug zu halten oder beispielsweise eine Blume zu pflücken und in eine Vase zu stecken. Die Aussage des Films, dass einem friedlichen Zusammenleben erst ein Akt der Gewalt voran gehen muss, kann man dabei gewiss kontrovers diskutieren.

Einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des Filmes und seiner seltsamen, außerweltlichen Atmosphäre trägt der großartige Soundtrack bei, den der französische Jazzpianist und Chanson-Komponist Alain Goraguer komponierte. Diese langsamen, irgendwie unheimlichen, aber zugleich faszinierend-hypnotischen elektrischen Töne unterstützen bestens diese nicht ganz greifbare, einzigartige Stimmung des Filmes, welche noch lange nach dem Abspann im Zuschauer widerhallt. Insbesondere das Stück „Déshominisation (I)“ wird man so schnell nicht wieder los.

Hätte man eine Soundtrack-CD mit ins vorbildliche Mediabook gelegt, wäre dies das Sahnehäubchen auf einer tollen Veröffentlichung gewesen. Aber auch so kann man Camera Obscura nur loben. Besser geht es (fast) nicht. Das Bild der Blu-ray ist hervorragend. Zudem hat Camera Obscura dem Film noch eine neue Farbkorrektur gegönnt. Neben der eher bläulich angehauchten Criterion-Collection-Version von 2016, kann man jetzt noch eine aktuelle Version von 2018 wählen, die die Farben etwas natürlicher zum Strahlen bringt. Welche man bevorzugt, liegt dann ganz in der Hand des Zuschauers. Man kann auch die Versionen während des Filmes wechseln. Der Ton ist auch kristallklar, was vor allem der oben angesprochen Musik von Alain Goraguer zugute kommt. Auch an Extras mangelt es nicht. Neben einem sehr informativen und interessant zu lesenden 12-seitigen Booklet von Prof. Dr. Stiglegger, befindet sich im Mediabook noch eine Bonus-DVD mit vier Kurzfilme von René Laloux: „Les Escargots“ (1965, mit Topor), „Les Temps Morts“ (1964, ebenfalls mit Topor), „Les Dents du singe“ (1960) und „Comment Wang-Fô fut sauvé“ (1987). Ferner enthält die Bonus-DVD noch die 26-minütige Dokumentation „Laloux Sauvage“ über Regisseur René Laloux und das knapp einstündige Portrait „Topors Träume“ über Roland Topor. Auf einer dritten DVD ist für alle, die keinen Blu-ray-Player ihr eigen nennen noch einmal der Hauptfilm. Leider konnte ich diese DVD bei mir nicht abspielen, weil bei mir scheinbar vergessen wurde, diese mit Inhalt zu füllen. Das dürfte aber auch nur bei meinem Rezi-Exemplar der Fall sein. Deshalb muss ich leider auch auf Screenshots verzichten. Insgesamt also eine ganz tolle Veröffentlichung eines ganz besonderen Films.

Bericht vom 4. Bremer Filmfest

Von , 27. September 2018 15:20

Nach vier Jahren ist das Filmfest Bremen zwar größer und länger geworden, gefunden hat es sich aber noch nicht. Wie ich bereits im Februar schrieb, erschließt sich mir das Konzept (sofern es eines gibt) nicht so recht. Anderen geht es da ganz ähnlich. Als ich mich in meinem cinephilen und durchaus festivalaffinen Umfeld umhörte, ob noch jemand mit zum Filmfest kommen würde, waren die Reaktionen unisono: „Nee, weiß auch gar nicht was das sein soll, und was da so läuft“. Eine kleine Stichprobe, gewiss. Aber wenn selbst Leute, welche zur potentiellen Zielgruppe eines Bremer Filmfests gehören, so reagieren, wie sieht das dann vor Ort aus? Ich war jetzt sehr gespannt, was mich dort erwartet.

Gestartet als „Leistungsschau“ der Bremer Filmszene mit der strengen Vorgabe, dass alle Filme irgendwie mit Bremen verbunden sein müssen (was vielleicht maximal zwei Tage trägt, aber dort auch nicht unbedingt das „normale“ Publikum zieht), ist der Aspekt „Bremen“ noch immer wichtig. Was ich auch sehr gut finde, denn diese Regionalität ist schon ein Alleinstellungsmerkmal und Bremer Filmemacher können, ebenso wie der Produktions- und Drehort Bremen, einmal ins Rampenlicht treten.

Doch ein echtes Filmfest ist das so noch nicht. Das haben wohl auch die Macher erkannt und das Ganze erst auf drei und nun vier Tage und weit mehr Spielstätten ausgedehnt. Das ist löblich und zeigt, dass der Wille da ist, hier etwas Großes zu schaffen. Leider wirkt das Programm noch arg beliebig. Der lokale Schwerpunkt ist geblieben, was absolut zu begrüßen ist. Um sich das Prädikat „International“ umhängen zu können, wurden zwei neue Schienen eingeführt, wo auch internationale Filme ohne Bremen-bezug gezeigt werden. Einmal „Humor/Satire“, was zeigen soll, dass die als humorlos verschrienen Hanseaten auch anders können. Das wirkt auf mich aber eher wie „crowd pleasing“, um damit die „normalen“ Kinogänger und die – wie ich sie nenne – Arthaus-Weinschwenker-Fraktion abzuholen. Dagegen ist ja auch nichts zu sagen, aber ein eigenständiges Profil erhält das Filmfest dadurch nicht.

Zumal neben der leichten Muse, der zweiter Strang dann gleich für eher experimentelles („Innovation“) Kino eingerichtet wurde. Was ich ebenfalls sehr gut finde, aber im Weiter lesen 'Bericht vom 4. Bremer Filmfest'»

Blu-ray Rezension: „Geheimagent Barrett greift ein“

Von , 21. September 2018 19:40

Der ehemalige Geheimagent und jetzige Privatdetektiv Lee Barrett (George Maharis) wird von seinen ehemaligen Arbeitgebern reaktiviert, um sie bei einem geheimnisvollen Fall zu unterstützen. In einem streng geheimen Labor inmitten der Wüste wurde der Sicherheitschef ermordet, und der führende Wissenschaftler Dr. Baxter ist verschwunden. Bald schon findet Barrett heraus, dass Baxter ebenfalls ermordet und ein tödliches Gas, welches die Erde innerhalb weniger Monate komplett entvölkern könnte, gestohlen wurde. Bald schon geht der erste Warnung ein. Der geheimnisvolle Dieb des todbringenden Gases droht, dieses einzusetzen, falls das Geheimlabor nicht zerstört werden würde. Bei einer Machtdemonstration des Unbekannten, gibt es in Florida kurz darauf die ersten Toten…

Dass „Geheimagent Barrett greift ein“ in der Reihe „Phantastische Klassiker“ erscheint, ist etwas irreführend. Denn obwohl der Film mit seinem Killergas, das es schaffen würde, den gesamten Planeten zu entvölkern, ein Sci-Fi-Element besitzt, ist er im Grunde doch „nur“ eine klassische Agentengeschichte ala James Bond. Wie immer muss der unser Held versuchen, einen Superschurken davon abzuhalten, die Weltherrschaft zu übernehmen. Wobei es in diesem im Falle eine ziemlich leere und einsame Welt wäre. Von daher ist es durchaus verständlich, dass der deutsche Verleih damals, auf dem Höhepunkt der Bonditis, den Originaltitel „Der Satanskäfer“ durch ein dynamisches „Geheimagent Barrett greift ein“ ersetzte. Wobei genannter Barrett kein klassischer Geheimagent, sondern eher ein Freelancer ist, der schon lange nicht mehr für die Regierung arbeitet, da er dort durch fortwährende Insubordination auffällig wurde. Nichtsdestotrotz werden sein Rat und Mithilfe von seinen ehemaligen Vorgesetzten nun dringend benötigt. Besonders rebellisch verhält sich unser Held im Folgenden allerdings nicht, sondern macht einen eher braven Eindruck.

Dieser brave Eindruck mag auch an Hauptdarsteller George Maharis liegen. Ein hierzulande eher unbekanntes Gesicht, welches außer gutem Aussehen (er war 1973 Nacktmodell im „Playgirl“) leider nicht besonders viel Charisma mitbringt und es trotz des behaupteten Hanges, immer wieder seinen eigenen Kopf durchzusetzen zu müssen, an Ecken und Kanten vermissen lässt. Die anderen Schauspieler wie Richard Baseheart, Dana Andrews und Anne Francis (die beiden letzteren unsterblich durch ihre Erwähnung im Kult-Song „Science Fiction/Double Feature“) verhalten sich ganz so, wie ihre Figuren: Die agieren sehr professionell und präzise. Allerdings hat man bei keinem das Gefühl, er würde weitaus mehr als als eben nur seinen Job machen. Diese Professionalität färbt positiv auf die handelnden Figuren ab. Denn auch dies verrichten schnörkellos und ohne viel Aufhebens ihren Job, was der Handlung ein gewisses Tempo und angenehm gradlinige Dynamik gibt. Sie hat aber auch zur Folge, dass niemand wirklich nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

Professionell und schnörkellos ist auch John Sturges Regie. Man merkt zwar – was auch in dem sehr informativen Booklet näher ausgeführt wird – dass Sturges nicht wirklich bei der Sache war, und sein Interesse schon bei seinem nächsten Projekt lag. Aber Sturges ist nun einmal ein talentierter Profi, der auch mit halber Kraft einen anständigen Film hinbekommt. Viele kleine Mängel lassen sich sicherlich auch auf das niedrige Budget schieben. So wirkt der Film an vielen Stellen so, als ob weitaus größere, aufwändigere Szenen geplant worden seien, dafür dann aber kein Geld zur Verfügung stand. So musste man scheinbar vor Ort „kleine Lösungen“ improvisieren. So fällt gleich zu Beginn auf, dass davon gesprochen wird, wie übel die Leichen zugerichtet sind. Diese werden aber nie gezeigt oder auch nur visuell angedeutet. Tatsächlich sieht man bis weit nach der Hälfte des Filmes keinerlei Tote, sondern nur die Reaktion derjenigen, die die Toten entdecken. Das kann natürlich als narratives Element genutzt werden, um den Horror in den Köpfen der Zuschauer zu formen – wirkt hier aber tatsächlich allein den Umständen geschuldet. Auch dass ständig von einer globalen Bedrohung geredet wird, der Film aber fast ausschließlich in einem überschaubaren Wüstenabschnitt spielt, erweckt mehr den Eindruck eines Kammerspiels und weniger einer Großproduktion, wie es noch Sturges vorangegangenen Erfolge „Gesprengte Ketten“ oder „Die glorreichen Sieben“ waren. Wenn die tödlichen Konsequenzen eines ersten Einsatzes des Killergases gezeigt werden, so sind dies auch nur aus weiter Distanz aufgenommene kleine, schwarz-weiße Fernsehbilder, die ebenso gut einen Stau zeigen könnten.

Trotz all dieser kleinen Mängel und einer etwas übertriebenen Länge von 114 Minuten kommt bei „Geheimagent Barrett greift ein“ nicht groß Langeweile auf. Was an der routinierten, gradlinigen Regie durch Action-Spezialist John Sturges liegt, die sich nicht lange mit Nebensächlichkeiten aufhält. Auch sorgt die Musik des jungen Jerry Goldsmith für die richtige Stimmung. Und in der Szene, in der Barrett in das Labor geht und einen Hamster dabei hat,um zu prüfen, ob der Raum noch kontaminiert ist oder nicht, ist von Sturges unglaublich spannend inszeniert worden. Der Rest des Filmes ist angenehm gemütlich und lässt Erinnerungen an die guten alten Zeiten hochkommen, als Filme wie „Geheimagent Barrett greift ein“ noch regelmäßig Samstags um 22:20 Uhr in der ARD liefen.

Die Bildqualität der Anolis-Bluray verdient die Höchstnote. Kristallklar und messerscharf. Besser geht es meiner Meinung nach nicht. Auch der Ton ist sowohl in der deutschen, wie auch in der englischen Originalfassung vollkommen klar. Ob man jetzt die Originalfassung oder die gelungene deutsche Kinosynchro bevorzugt, bleibt jedem selbst überlassen. Wobei angemerkt werden muss, dass George Maharis in der deutschen Fassung von Gert Günther Hoffmann gesprochen wird, der Figur also ein gehöriges Bond-Flair mitgegeben wird, welches in der Originalfassung in dieser Form fehlt. Nachdem ich bei den letzten Anolis-Veröffentlichungen das Booklet kritisiert habe, freue ich mich diesmal über einen sehr informativen Text, der von Mike Siegel stammt. Davon gerne mehr. Ferner sind als Bonus enthalten: Ein Audiokommentar von Prof. Dr. Stiglegger, Trailer, Radiospots, Werberatschläge und eine Bildgalerie. Auf der beigelegten DVD findet man eine „Grindhouse-Fassung“ des Filmes. D.h. eine unbearbeitete Variante des Hauptfilms inklusive zeitgenössischer Trailer und Kinowerbung (!). Eine sehr schöne Idee, die ich gerne öfter sehen würde.

Blu-ray Rezension: „Ben“

Von , 7. August 2018 21:17

Die Ratte Ben hat die Ereignisse aus „Willard“ überlebt und ist mit seinem Volk in die Stadt geflohen. Der 8-jährige Danny (Lee Montgomery), ein Außenseiter mit einem lebensgefährlichen Herzfehler, entdeckt Ben und freundet sich mit der Ratte an. Diese dankt es Danny, indem sie ihn vor einem größeren Jungen schützt, der ihn gängelt. Auf der Suche nach einem neuem Lebensraum geraten Ben und seine Ratten immer wieder mit Menschen aneinander. Leider gehen diese Begegnungen häufig tödlich für die Zweibeiner aus., was schnell die Polizei auf den Plan ruft. Diese will die bedrohlichen Nager natürlich umgehend vernichten. Kann Danny seinen neuen besten Freund und dessen Familie vor dem Zugriff der Staatsmacht schützen?

Ben“ schließt direkt an seinen Vorgänger an, den Überraschungserfolg „Willard“ (Rezension hier). Während der Vorspann läuft, sehen wir noch einmal Willard Stiles durch die Familien-Villa ziehen und seinen missglückten Versuch, der bösen Ratte Ben und ihrer vielköpfigen Rattenschar den Garaus zu machen. Dann schwenkt die Ansicht nach außen und wir sehen beinahe andächtig die gaffende Menge vor Willards Haus stehen. Mitten unter ihr Beth Garrison mit ihrer Tochter Eve und den jungen Sohn Danny. Als sich das Familientrio letztlich abwendet und nach Hause geht, folgen Kamera und Film ihnen, denn diese Drei sollen das neue Zentrum dieser Fortsetzung werden. Erinnerte „Willard“ noch eine TV-Produktion der 60er Jahre, sind wir bei „Ben“ im typischen B-Film der 70er angekommen. Alles wirkt eine Nummer kleiner und billiger. Um dieses Manko zu übertünchen, erzählt der Film noch einmal in Grundzügen dieselbe Geschichte wie der Vorgänger, diesmal jedoch gespickt mit mehr Sensationsgeheische. Musste man bei „Willard“ lange warten, bis die Ratten in Aktion treten, so machen sie hier gleich zu Anfang kurzen Prozess mit einem Polizisten, der die Stiles-Villa durchsucht.

Diese Szene fasst dann aber gleich auch alle Schwächen der Produktion zusammen. Während der Polizist hysterisch kreischt und sich in unmögliche Postionen krümmt, weilen die paar Ratten, die man ihm auf den Rücken gesetzt hat, dort sehr friedlich und nahezu bewegungslos. Wären es Hunde, würden sie wahrscheinlich noch mit dem Schwanz wedeln. Hinzu kommen Effekte aus der Steinzeit, wenn scheinbar einige attackierende Ratten auf den Film gezeichnet wurden. Beim eher unbeholfen dargestellten Todeskampf fließt auch kein Blut, selbst wenn später behauptet wird, die Leiche sei grauenvoll zugerichtet worden. Alle Ratten-Attacken in „Ben“ folgen diesem Muster. Wenn man nicht gerade eine Rattenphobie hat, wirkt das Ganze eher niedlich, statt furchteinflössend. Ganz besonders jene Szene, in der die Ratten sich in einem Fitnessstudio breit machen, was dazu führt, dass die Statistinnen sich alle gegenseitig mit hysterischen Panikattacken zu überbieten versuchen.

Eine weitere eher unglückliche Entscheidung war es, den Jungen Danny zum neuen Protagonisten zu machen. Zwar schlägt sich Lee Montgomery in seiner zweiten Filmrolle sehr gut und wenn man nicht auf Kinder im Film allergisch reagiert, kann man ihn tatsächlich mögen. Doch Drehbuch (oder Regie) verdammen Danny dazu, gewollt „witzige“ und furchtbare Lieder zu singen, und übertrieben fröhlich mit Marionetten zu hantieren. Alles was auf der einen Seite an Sympathie für den kindlichen Protagonisten aufgebaut wird, wird durch solche Szenen hinten wieder eingerissen. Immerhin stimmt die Chemie zwischen Lee Montgomery und Meredith Baxter, denn beiden nimmt man tatsächlich ab, Bruder und Schwester zu sein und sich umeinander zu sorgen. Rosemary Murphy als immer besorgte und trotzdem seltsam abwesende Mutter hat dagegen einen schweren Stand, füllt sie doch nur Klischees aus. Und dann noch gerade solche, die besonders stark auf die Nerven gehen.

Ohne Klischees kommt auch die Darstellung der Polizisten nicht aus, deren angestrengte „Good Cop/Bad Cop“-Routine nahe am Rande der Parodie angesiedelt ist. Joseph Campanella spielt das immer zornige Steingesicht Cliff Kirtland, Kaz Garas seinen sanften Untergeben Joe Greer, welcher seinem Chef in einem Akt der totalen Unterwerfung zu gerne die Zigarette anzünden würde. Als dritter im Bunde gesellt sich Arthur O’Connell hinzu, der hier mit überraschend langen Haaren auftaucht und den einen oder anderen trockenen Spruch zum Besten geben darf. O’Connell ist ein zuverlässiger Schauspieler aus der zweiten Reihe (den man u.a. aus dem Elvis-Filme „Die wilden Weiber von Tennessee“ und „Ein Sommer in Florida“ oder Otto Premingers Meisterwek „Anatomie eines Mordes“ kennt) und gleichzeitig der bekannteste Name im Cast. Dass er aber höchsten zwei Drehtage gehabt haben dürfte, deutet auf das geringe Budget hin, welches für „Ben“ zur Verfügung stand.

Im Gegensatz zum Vorgänger, bei dem der Außenseiter Willard im Vordergrund stand und die Ratten eher eine Nebenrolle einnahmen, wird diesmal die Ratte Ben in den Fokus herrückt und ihr zudem nahezu übersinnliche Fähigkeiten attestiert. Ben ist schlau, kommuniziert ebenso leicht mit Tausenden von Ratten, wie mit dem Jungen Danny. Ben schmiedet Pläne, kommandiert seine Heerscharen, befreundet sich mit Danny und führt die Polizei an der Nase herum. Das Problem für einen Horrorfilm ist dabei allerdings, dass Ben nicht diabolisch, sondern sympathisch wirkt. Auch wenn die Ratten über die Menschen herfallen, tun sie dies nur zum Selbstschutz. Die Autoren und Regisseur Phil Karlson scheinen auch weniger einen Horrorschocker über Menschen killende Ratten, als vielmehr eine Spartakus-Variante im Sinn gehabt zu haben. So wird Ben zum Heilsbringer der Unterdrückten stilisiert, der sein Volk in eine bessere Zukunft geleiten will. Wenn am Ende die geballte Staatsmacht den Ratten mit Gas und Flammenwerfer den Garaus machen will, fühlt man sich an Bilder aus Filmen über den Holocaust oder Vietnam erinnert.

„Ben“ erscheint direkt nach „Willard“ als dritte Veröffentlichung der neuen „Phantastischen Filmklassiker“ -Reihe aus dem Hause Anolis und als Folge 2 der „Die 70er“-Untergruppe. Allerdings teilt die Veröffentlichung das Schicksal des Films. Im Vergleich zu „Willard“ wirkt sie billiger und kleiner. Dies liegt einerseits an dem Bild, welches scheinbar von einer alten 35mm-Rolle stammt. Da machte „Willard“ einen schärferen, farbenfroheren Eindruck, während „Ben“ dreckiger wirkt und tatsächlich mehr nach alter Kinorolle. Dankenswerterweise wurde aber nicht versucht, diesen Eindruck durch intensive Bildbearbeitung (-verfälschung) glattzubügeln. So passt der Look schon sehr gut zu „Ben“, wird bei Pixelzähler aber sicherlich zu einer kleinen Empörung führen. Auch die Extras fallen eine Nummer kleiner aus. Es gibt einen Audiokommentar mir Hauptdarsteller Lee Montgomery, sowie ein 15-minütiges Interview mit dem sympathischen, nun älteren Herrn. Dazu gibt es deutsches und internationales Werbematerial und diverse Trailern, sowie die deutsche Kinofassung, wobei ich allerdings nicht sagen kann, worin der Unterschied zur „normalen“ Fassung besteht. Das wie immer schön gestaltete, 20- seitige Booklet stammt diesmal allein von David Renske, mit dessen Stil – der sich meiner Meinung nach arg dem Schlefaz-Duktus nähert – ich, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, leider gar nichts anfangen kann. Was soll z.B. das halbseitige Michael-Jackson-Gebashe?

Blu-ray-Rezension: „Der Boxer und der Tod“

Von , 20. Juni 2018 06:38

Durch einen Zufall findet der Hobbyboxer und jetzige KZ-Kommandant Kraft (Manfred Krug) heraus, dass der von ihm zum Tode durch Erschießen verurteilte Häftling Komínek (Štefan Kvietik) ebenfalls einmal Boxer war. Kraft setzt Komíneks Exekution aus, um ihn als Sparringspartner für einen kleinen Übungskampf zu nutzen. Der ausgemergelte und kraftlose Komínek hält allerdings keine Runde durch bevor er auf die Bretter geht. Damit unzufrieden und gelangweilt vom einsamen Training gegen den Sandsack gewährt Kraft Komínek in den nächsten Wochen alle Freiheiten, damit dieser zu Kräften kommt und einen ernsthaften Gegner abgibt. Im Lager sorgt Komíneks privilegierter Status allerdings zunehmend für Spannungen…

Mit „Der Boxer und der Tod“ setzt Bildstörung seine Reihe mit Veröffentlichungen von fast vergessenen Meisterwerken fort, die es verdienen von neuen Generationen entdeckt zu werden. Zudem zeigt Bildstörung auch wieder ein großes Herz für das tschechoslowakische Kino, wo noch zahlreiche Juwelen darauf warten, ausgegraben und auf Hochglanz poliert zu werden. „Der Boxer und der Tod“ ist solch ein Juwel. Der slowakische Film basiert auf einer Kurzgeschichte des polnischen Schriftstellers und Dramaturgen Józef Hen, Der multilinguale Film wurde mit deutschen, slowakischen, tschechischen und polnischen Schauspielern realisiert. Der Autor der Vorlage, Józef Hen, schrieb zusammen mit Drehbuchautor Tibor Vichta und Regisseur Peter Solan das Drehbuch. Gedreht wurde vor Ort in einem 1941 errichteten, ehemaligen jüdischen Arbeitslager nahe der slowakischen Stadt Nováky. Etwas, was man dem Film interessanterweise auch anmerkt. Es liegt ein trister Realismus in der Luft, auch ohne dass man weiß, dass die Kulissen echt sind.

Regisseur Peter Solan ist niemand, an den man als erster denkt, wenn es um das Kino der CSSR geht. Da sind seine tschechischen Kollegen wie Miloš Forman, Juraj Herz oder Jiří Menzel sehr viel präsenter. Umso lobenswerter, dass Bildstörung ihn nun wieder entdeckt hat. In dem spannenden Interview welches in den Extras zu finden ist, schwärmt Filmhistoriker Olaf Möller von Solan und seinem Werk, und er lädt dazu ein, sich näher mit dem Werk dieses außergewöhnlichen Regisseurs zu beschäftigen. In „Der Boxer und der Tod“ nutzt Solan einen ebenso minimalistischen, wie präzisen Stil. Da gibt es kein Zierrat. Keine denkwürdigen, besonders aufwändig komponierten Einstellungen. Nichts, was allein dem Auge schmeichelt. Dafür sind seine Bilder unglaublich exakt. Jedes Bild für den Film unverzichtbar und genau auf den Punkt. Und unter den Bildern schafft Solan eine ganze Welt, die sich im Kopf des Zuschauers zusammensetzt. Wenn Komínek zum Kommandanten gerufen wird, kommt er an einem Zaun vorbei, hinter dem eine Gruppe zivil gekleideter Häftlinge wartet. Frauen, Kinder, Alte. Mit ihren Koffern und dem wenigen, was ihnen an Hab und Gut geblieben ist. Kurze Zeit später kommt Komínek wieder an dem Zaun vorbei und die Menschen sind weg. Nur ihre Habseligkeiten liegen verstreut am Boden. Im Hintergrund quillt dicker schwarzer Rauch aus einem Schornstein. Da muss Solan gar nicht das Schicksal der Opfer ausformulieren. In diesen kargen Bildern ist alles gesagt. Und sie hinterlassen einen dicken Knoten im Magen des Zuschauers.

Später wird Solan das Bild der qualmenden Schornsteine noch einmal nutzen. Krafts Ehefrau Helga (Valentina Thielová) lamentiert, wie böse die Menschen doch sein können. Kraft solle das endlich einsehen: „Die Menschen sind so gemein“. Natürlich meint sie damit den Offizier Holder, welcher Intrigen gegen Kraft spinnt und scheinbar dessen Position einnehmen will. Und die Leute Zuhause, die Kraft nicht den Respekt zollen werden, wenn sie von Krafts Verbindung zu Kominek hören. Um Hintergrund verdunkelt sich der Himmel im schwarzen Rauch der armen Seelen, die Kraft in den Tod geschickt hat. Die verbrannten Körper der Kinder, der Frauen, der Schwachen, der Opfer. Vielleicht trägt Solan hier in dieser Szene einmalig etwas dick auf, doch diese grausame Relativierung, dieses Vergessen der Leiden der Opfer und das Bagatellisieren dadurch, dass man seine eigenen, profanen Probleme über das Leben der anderen, der „Fliegen“, wie sie Kraft abwertend nennt, ist ein Thema, welches heute noch aktuell ist. Wenn man sich selber als Opfer stilisiert, weil man keine Arbeit hat und gleichzeitig für den grausamen Tod kleiner Kinder, die hilflos im Mittelmeer ertrinken und deren kleine, leblosen Leiber am Strand angespült werden noch nicht einmal ein Schulterzucken übrig hat. Nein, natürlich hat derjenige, der so reagiert die Kinder nicht eigenhändig ersäuft. Aber auch Krafts Ehefrau hat niemanden in die Gaskammern geschickt. Sie nimmt es aber hin, weil ihr das Leben der anderen nichts wert ist. Weil diese Anderen außerhalb ihrer kleinen Welt, die nur um sich selbst kreist, existieren.

Solans großer Verdienst und die Stärke seines Films ist es, dass er plumpe schwarz-weiß-Malerei vermeidet. Man kann heute nicht mehr nachvollziehen, was die Besetzung des Lagerkommandanten Kraft durch Manfred Krug damals bedeutete. Heute ist Krug natürlich durch seine zahlreichen Rollen im West-TV eine Marke. Schauspieler und Rollen verschwimmen. Daher ist es erst einmal ein kleiner Schock Krug als Nazi zu sehen. Zumal er den Kraft ebenso jovial, kumpelhaft und präsent anlegt, wie später beispielsweise seinen „Liebling Kreuzberg“. Auch diese gewisse Selbstverliebtheit Krafts, ist in Krugs späteren Rollen auch immer präsent. Da Krug heute aber durchweg positiv besetzt ist, strahlt dies auch auf Kraft ab. Der mitnichten wie ein Monster daher kommt, obwohl er ohne mit den Wimpern zu zucken Erschießungen und Folterungen anordnet. Obwohl klar ist, dass er Kominek in erster Linie als privates Spielzeug hält, um sich immer wieder selbst als ach so großer Boxer zu bestätigen. Trotzdem scheint immer wieder der Mensch (oder vielmehr auch der Typ Manfred Krug, wie wir ihn als TV-Figur kennen) unter der Uniform hervor. Einer, der sich unter anderen Umständen vielleicht tatsächlich mit Kominek hätte befreunden können. Der aber jetzt, mit Uniform und Macht versehen, sich in der Rolle des „Übermenschen“ gefällt. Ebenso ambivalent ist der Deutsch-Slowake Willie gezeigt. Der einerseits scheinbar aufrichtige Sympathien für Kominek hegt, freundlich und lustig daher kommt, ihn aber auch gleichzeitig für seine eigenen Zwecke skrupellos ausnutzt und ihn immer wieder in seine „Schranken“ weißt. Allein Gerhard Rachold als Holder, der typischer intriganter Karriere-Nazi und Józef Kondrat als gütig-verschmitzter polnischer Boxlehrer sind eindeutiger den Seiten Gut und Böse zuzuordnen.

Der slowakische Schauspieler Štefan Kvietik ist das heftig pochende Herz des Filmes. Kvietiks ausdrucksstarkes Gesicht, welches tatsächlich einem Boxer gehören könnte, spiegelt gleichzeitig Verzweiflung und Hoffnung, Resignation und Wut, Furcht und Mut. Sein Kominek wird zunächst getrieben von dem bloßen Impuls zu überleben. Später, wenn er zu Kräften kommt, scheint er förmlich zu erwachen. Mit der Kraft kehrt auch der Tatendrang zurück. Doch immer wieder wird er von der Angst niedergedrückt. Er weiß, er könnte Kraft jederzeit besiegen – trotzdem fügt er sich seinem Schicksal und geht klaglos auf die Matte. Gleichzeitig versucht er im Kleinen etwas zu ändern, wohl wissend, dass seine Möglichkeiten sehr begrenzt sind. Immer wieder versucht er schüchtern in gebrochenen Deutsch so etwas wie eine Beziehung zu Kraft aufzubauen, um diesen ebenso zu nutzen, wie Kraft ihn nutzt. Sich als Individuum und nicht nur als „Fliege“ bemerkbar zu machen. Diese Annäherung fängt Solan in seinem Film sensibel ein. Letztendlich weiß Kominek, dass er nur Überleben kann, wenn er es schafft, dass Kraft ihn als seelenverwandten Sportler in seinen von pathetischen Sportsgeist (Fluchtversuche und Widerstand straft Kraft als „Fouls“ mit tödlichen Konsequenzen ab) und verklärter Boxer-Romantik triefenden Weltsicht wahrnimmt. Nie würde Kominek Kraft als „Freund“ bezeichnen und er weiß auch, dass Kraft ihn nie als Freund, wohl aber als „Sportkameraden“ ansehen würde. Und dass jeder Schritt, jedes Wort, jeder Schlag Kraft dazu bringen kann, Kominek fallenzulassen. Wie Kominek vorsichtig versucht Kraft zu manipulieren, und dabei seinen eigenen Stolz, sein eigenes Grauen, sein eigenes Leid herunterschluckt, liest sich eindrucksvoll in Štefan Kvietik subtilere Darstellung.

Wieder einmal hat Bildstörung eine absolute Referenzveröffentlichung vorgelegt. Das schwarz-weiße Bild ist gestochen scharf und klar. Der Ton sauber und sehr klar. Im Film wird Deutsch, Slowakisch und Polnisch gesprochen, wobei die slowakischen und polnischen Dialoge deutsch untertitelt werden. Neben der Blu-Ray mit dem Film ist noch eine DVD beigegeben, die randvoll mit fast zwei Stunden an Extras steckt. Den Hauptanteil macht hier ein einstündiges Interview mit Regisseur Peter Solan aus, welches kurz vor seinem Tod im Jahr 2013 aufgenommen wurde. „Die Woche im Film“ ist ein zeitgenössisches Werbe-Featurette. Solans unter die Haut gehender achtminütiger Kurzfilm „Deutschdorf“ aus dem Jahr 1974 zeigt Handkamera-Aufnahmen von Wiesen an einer Autobahn, unterlegt mit Schilderungen der hier stattgefundenen von Tötungen Unschuldiger aus der Perspektive der Täter. In einem 10-minütigen Feature doziert der aus Bratislava stammende Filmwissenschaftler Martin Kaňuch darüber, wie „Der Boxer und der Tod“ den slowakischen Film in den 60er Jahren verändert hat. Sehr gut hat mir ein weiteres, 24-minütiges filmhistorisches Feature gefallen, in dem Olaf Möller (dem ich sowieso stundenlang zuhören könnte) „Der Boxer und der Tod“ und dessen Wirkung analysiert seine und dabei noch einmal die Qualitäten seines Regisseurs herausstellt. Sehr schön fand ich ferner, dass das umfangreiche, 20-seitige Booklet nicht die Inhalte der beiden Features variiert, sondern einen ganz anderen Weg geht. Hier widmet sich der Sportjournalist Martin Krauss dem heute kaum bekannten Themas „Sport in Konzentrationslagern“. Dieses ist mitnichten eine Erfindung solcher Filme wie „Flucht oder Sieg“ oder eben „Der Boxer und der Tod“, sondern ein ganz reales Kapitel der grauenvollen Geschichte der KZs. Er schreibt hier auch nicht nur über Tadeusz Pietrzykowski, auf dessen Leben „Der Boxer und der Tod“ basiert, sondern auch viele andere Boxer, die ein ganz ähnliches Schicksal erlitten. Für uns Bremer dabei besonders interessant das Schicksal von Rukeli „Gipsy“ Trollmanns, dessen Leidensgeschichte der Bremer Filmemacher Eike Besuden als Doku-Drama verfilmt hat.

Blu-ray Rezension: „Willard“

Von , 13. Juni 2018 09:59

Willard Stiles (Bruce Davison) ist ein 27-jähriger, ebenso stiller, wie zurückgezogener Mann, der noch immer bei seiner nicht minder problematischen Mutter (Elsa Lancaster) in einer Villa lebt, welche auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Zudem gibt es im Garten der Villa ein Rattenproblem. Als Willard von seiner Mutter aufgefordert wird, sich um dieses Problem zu kümmern, entwickelt er eine etwas ungesunde Faszination für die pelzigen Nager. Besonders die beiden intelligenten Ratten Sokrates und Ben haben es ihm angetan, und bald schon verbindet Mensch und Nager eine tiefe Freundschaft. Im Berufsleben läuft es für Willard allerdings weniger gut. Er arbeitet in der Firma seines verstorbenen Vaters, welche diesem aber bereits vor Jahren von Mr. Martin (Ernest Borgnine) abgenommen wurde. Mr. Martin duldet Willard zwar in seiner Firma, lässt aber kaum eine Möglichkeit aus, um ihn zu demütigen. Als Willards Rattenfamilie immer größer wird, und er nicht mehr weiß, wie er sie füttern kann, schmiedet er einen Plan, um sich mit Hilfe seiner vierbeinigen Freunde Geld zu beschaffen…

Willard“ war 1971 der Überraschungs-Hit im amerikanischen Kino und gilt als Wegbereiter des Tierhorrorfilms, der in den 70ern so richtig ins Rollen kam und mit „Der weiße Hai“ seinen Höhepunkt fand. „Willard“s enormer Einfluss und Erfolg verwundert etwas, denn rückblickend entpuppt sich „Willard“ als eher wenig spektakulär. Aber vielleicht liegt dies auch daran, dass sich die Sehgewohnheiten doch stark geändert haben und vor allen Dingen „Willard“s Nachfolger weitaus detailverliebter und brutaler zu Werke gingen. Allerdings sind die Szenen in denen sich gefühlt tausend Ratten aus Willards Keller ergießen wahrlich beeindruckend und dürften bei so manchem Ratten-Phobiker viele schlaflose Nächte verursachen. Generell ist es erstaunlich, was die Ratten-Dompteure hier auf die Beine stellen. Wüsste man es nicht besser, könnte man fast auf CGI tippen, so perfekt verhalten sich die schlecht beleumundeten Nager. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass hier mehr drin gewesen wäre. Denn egal, ob die Ratten nun im Haus hin und her laufen, Türen zernagen oder über Leute herfallen, so richtig bedrohlich und beängstigend wirkt das alles eher weniger.

Besonders die berühmte „Zerreißt ihn“-Szene mit Ernest Borgnine wirkt unfreiwillig komisch, da man deutlich sieht, wie die Ratten in hohen Bogen auf ihn geworfen werden. Und dass es dann nicht zum angekündigten „Zerreißen“ kommt, enttäuscht dann doch ein wenig die Erwartungen. So ist „Willard“ bezüglich seines Horror-Potentials dann doch ein eher harmloser Film. Wo „Willard“ aber punkten kann, ist die Darstellung der Welt in der die Hauptperson lebt und in der ihre Psyche gewaltsam verbogen wird. So ist die größte Horrorszene dann auch jene, in der Willards Mutter (die großartige Elsa Lancaster in einer ihrer letzten Rollen) ihrem Sohn eine Geburtstagsfeier ausrichtet. Da Willard aber keine gleichaltrigen Freunde (geschweige denn Freundinnen) hat, muss er mit den Freunden seiner Mutter feiern. Die dann auch so tun, als seinen sie auf einem Kindergeburtstag und nicht bei einem erwachsenen, 27jährigen Mann. Wie sie da mit ihren Hütchen und Tröten sitzen ist wahrlich gruselig. Wie auch Elsa Lancasters formidable Darstellung der Mutter. Zwischen krankhaftem Behüten, Verlustängsten, egozentrischen „an-sich-binden“ und beginnendem Schwachsinn. Dass solch ein Umfeld nicht zuträglich für ein gesunde geistige Verfassung ist, dürfte jedem klar sein.

Der junge Bruce Davison zeigt dies sehr deutlich. Manchmal allerdings auch überdeutlich, denn er neigt zum Grimassieren und ist häufig einfach zu sehr drüber. Selbstverständlich soll bei der Figur des Willard dieser tiefe Schmerz darüber, dass es ihm verwehrt wird erwachsen zu werden, er von allen Seiten manipuliert, heruntergemacht und unterschätzt wird deutlich werden. Allerdings wählen weder Regisseur Daniel Mann, noch Hauptdarsteller Davison den dezenten Strich, sondern tragen die Farbe mit der ganz groben Rolle auf. Demgegenüber gelingt es dem Profi Ernest Borgnine spielend, jede Szene an sich zu reißen. Denn obwohl sein Mr. Martin ein widerlicher Schmierlappen ist, besitzt er doch dieses übergroße Borgnine-Charisma und viele seiner Entscheidungen sind zwar durchtrieben, aber klug und erst einmal auf den Vorteil der Firma ausgelegt. Und man muss sich fragen, ob man an seiner Stelle nicht den völlig unzuverlässigen Willard – Versprechen an den Vater oder nicht – rausgeworfen hätte. Sondra Locke, die kurze Zeit später zu Clint Eastwoods Muse wurde, hat hier eine nur kleine Rolle, die sie souverän und sympathisch spielt, wobei ihr allerdings nicht viele Möglichkeiten gegeben werden, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Der größte Kritikpunkt ist aber die biedere Regie von Daniel Mann, die recht altbacken wirkt. Die ganze Welt in der „Willard“ spielt, angefangen mit Kostümen und Kulissen, scheint ein paar Jahre älter zu sein, als man beim Produktionsjahr 1971 erwarten würde. So erinnert „Willard“ dann leider allzu häufig an einen Fernsehfilm aus den 60er Jahren.

„Willard“ ist der zweite Titel der neuen Anolis-Reihe „Der phantastische Film“. Wie beim Vorgänger „Mutant – Das Grauen im All“ ist auch „Willard“ eine vorbildliche Veröffentlichung, an der es nichts zu meckern gibt. Vor allem nicht an dem unglaublich klaren und scharfen Bild. Aber auch der Ton ist ausgesprochen sauber und klar. Wobei der englische Originalton etwas kräftiger und vor allem in den Rattenszenen „geräuschvoller“ daher kommt. Als weitere Tonspur kann man einen unterhaltsamen Audiokommentar mit dem Filmhistoriker Nathaniel Thompson (dessen Internet-Blog ich sehr empfehlen kann) und Hauptdarsteller Bruce Davison. Bruce Davison ist auch in einem interessanten 12-minütigen Interview zu sehen. Weiter geht es mit dem US-Trailer, Radiospots, der Super-8-Fassung (16 Minuten), Werberatschläge und Bildergalerie. Das 28-seitiges Booklet enthält Produktionsnotizen, Aushangfotos, sowie die beiden Texte „Die falschen Freunde“ von Ingo Strecker (der mir ausgesprochen gut gefallen hat und all jene Punkte anspricht, die mir auch aufgefallen waren) und „Königreich der Ratten“ von David Renske, mit dessen cool-rotzigen Stil ich allerdings so meine Probleme hatte.

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