Category: Filmtagebuch

DVD-Rezension: “Das 10. Opfer”

Von , 6. April 2012 17:32

Die Welt der Zukunft. Es gibt keine Gewalt oder Kriege mehr. Wer einen Kick braucht, kann sich bei der „Großen Jagd“ bewerben. Die große Jagd ist ein staatlich organisiertes und sanktioniertes Spiel, bei dem sich jeweils zwei vom Computer ausgesuchte Menschen jagen und töten. Dabei ist jeder Mitspieler 5x Opfer und 5x Jäger. Wer alle 10 Runden überlebt, wird mit Reichtümern überhäuft. Aber das passiert sehr selten. Der Jäger hat dem Opfer gegenüber den Vorteil, dass er alles über seine Beute weiß. Das Opfer wiederum hat keine Ahnung, wer sein Jäger sein könnte. Nachdem die Amerikanerin Caroline Meredith (Ursula Andress) ihre 9. Jagd erfolgreich absolviert hat, wird ihr von einem großen Tee-Konzern das finanziell sehr reizvolle Angebot gemacht, die Tötung ihres 10. Opfers live als TV-Werbespot mit zu übertragen. Caroline nimmt an. Als Opfer wird ihr der Italiener Marcello Poiletti (Marcello Mastroianni) zugelost. Dieser hat gerade erfolgreich seine 6. Jagd vollendet, Geldsorgen und Ärger mit Frau und Geliebter. Nichtsdestotrotz ist er nicht begeistert von der Idee, sich so einfach abknallen zu lassen.

1965 drehte Elio Petri diesen futuristischen Thriller. Er basiert auf einer frühen Kurzgeschichte von Robert Sheckley: „The Seventh Victim“. Diese nimmt bereits Handlungselemente seiner weitaus berühmteren Novelle „The Prize of Peril“ vorweg, welche später u.a. dem deutschen Kult-TV-Film „Das Millionenspiel“ als Inspirationsquelle diente.

Petris Film legt den Schwerpunkt ganz auf den bitteren Zynismus der Geschichte. Wenn immer wieder wild schießende Jäger und Opfer durch das Bild laufen, erkennt man zudem deutlich, dass Petri der Sinn nach einer überzogenen Satire und weniger nach einem spannungsgeladenen Actionfilm stand. In einer Szene wird gar ein Jäger von dem Kellner eines exklusiven Clubs (in dem Jagdverbot herrscht) wie ein ungezogener Junge am Ohr gezogen. Dies erinnert dann sehr Pythonesque Absurditäten und könnte auch von einem Terry Gilliam stammen.

In der Welt, in der „Das 10. Opfer“ spielt, hat scheinbar die Pop-Art der 60er Jahre die Weltherrschaft übernommen und dementsprechend besteht das Dekor des Films auch aus den feuchten Träumen eines Carnaby-Street-Nostalgikers. Überhaupt kann man nicht über „Das 10. Opfer“ schreiben, ohne auf dieses grandiose, minimalistische Design einzugehen. Mit nur einigen sorgfältig platzierten Requisiten entsteht eine zeitlose Welt, die einerseits futuristisch, andererseits wunderbar nach 60er Jahre aussieht. Kleider in schreienden Farben in einer formal strengen, schwarz-weißen Kulisse oder anders herum. Auch das sehr geschmackssichere Kostümdesign kann man gar nicht genug loben. Ursula Andress in ihrem rückfreien, pinken Kleid, welches die Fantasie des Zuschauers anheizt ohne etwas zu zeigen. Und dann Marcello Mastroianni in seinem schwarzen Anzug, mit der großen Sonnenbrille und den blondierten Haaren. Jede Einstellung mit ihm kann man sich als Bild ausdrucken und als Anleitung zum Cool sein an die Wand nageln. Und über Ursula Andress nicht zuletzt durch die „Austin Powers“-Filme ikonisierten, silbernen Pistolen-BH, braucht man kein Wort mehr zu verlieren.

Elio Petris Film ist vollgestopft mit ätzenden Kommentaren zum damals aktuellen Zeitgeschehen. So verdingt sich Marcello des Geldes wegen nebenbei als Guru einer Gruppe Sonnenanbeter, die er Caroline gegenüber mit sarkastischen Kommentaren überzieht. Marcellos Eltern leben versteckt hinter einer Wand seines Hauses, da in der Zukunft alte Menschen überflüssig werden und vom Staat „entsorgt“ werden. Laut Caroline ist diese Praxis in den USA gang und gebe, woraufhin Marcello erwidert, dass die Italiener halt ein sentimentales Völkchen wären und hier fast alle ihre Eltern irgendwo im Haus verstecken würden.

Das Zusammenleben der Menschen in dieser zwar stylischen, aber unmenschlichen Welt ist ganz und gar gefühlskalt. Heiraten ist nicht mehr als ein Sport oder eine gesellschaftliche Konvention. Da ist dann auch die 18. Hochzeit nichts Ungewöhnliches mehr. Man lebt zusammen, aber nicht miteinander. Auch die grausame „große Jagd“ ist den Bewohnern der Zukunft ziemlich egal und für die Beteiligten lediglich eine sehr gute Einnahmequelle. Wer nicht an der großen Jagd teilnimmt, ignoriert sie oder nimmt die Tötungen als Unterhaltungsroutine in speziellen Clubs regungslos zur Kenntnis.

Zwischen Marcello und Caroline aber scheint sich so etwas wie eine Liebesgeschichte zu entwickeln. Aber für echte Liebe sind sie beide einfach schon zu abgestumpft. So imitieren sie eher alte Rituale, als echte Gefühle zu entwickeln. Dazu würde auch das extrem gallige Ende passen, wenn der Film doch nur Minuten eher aufhören würde. Leider versäumt Petri es, einen tiefschwarzen, bösen Schlusspunkt zu setzen und so läuft der Film noch etwas weiter.

Das nun folgende Finale ist aber völlig unpassend zur Aussage und den Regeln des Films. Zudem überdreht es die Komödie bis zum Slapstick und verrät so die zuvor geschaffene Stimmung. Vielleicht wollte Petri hier zeigen, dass das Aufkeimen menschlicher Wärme alle Regeln bricht und diese Welt auf den Kopf stellt. Möglicherweise hat er deshalb dieses Ende bewusst wie einen Fremdkörper inszeniert. Vielleicht wurde es ihm aufgezwungen. So oder so ist es schade.

Das Bild der Bildstörung-DVD ist sehr gut, auch wenn es am Anfang einige kurze Mal bei Kameraschwenks etwas wackelt. Das Bildformat ist 1,85:1 und anamorph. Der Ton liegt auf Deutsch und Italienisch jeweils in DD 2.0 Mono vor. Als Extras gibt es den deutschen und italienischen Trailer, die alternative deutsche Anfangssequenz und ein 11-seitges Booklet mit einem umfangreichen und höchst informativen Essay von Oliver Nöding. Highlight ist aber eine abendfüllende Dokumentation über Marcello Mastroianni aus dem Jahre 2006: „Marcello: A Sweet Life“.

Wie bei „Gandu – Wichser“ liegt der Limited Edition wieder eine Soundtrack-CD (68:39 Minuten, 22 Tracks) bei, die auch den Song „Spiral Waltz“ von Mina in gleich drei Versionen (englisch, italienisch und instrumental) enthält. Ein wahrhaft teuflischer Ohrwurm. Der Score von Piero Piccioni (u.a. „Camille 2000“) bewegt sich zwischen 60er Italo-Lounge und Modernem Jazz. Für den Liebhaber des Italo-Kinos der 60er und 70er ist er – ebenso wie der Film – unverzichtbar.

DVD-Rezension: “Cheyenne – This Must Be The Place”

Von , 2. April 2012 21:46

Der 50-jährige Ex-Goth-Sänger Cheyenne hat sich vor 20 Jahren vollkommen aus dem Musikgeschäft zurückgezogen, als zwei Jungendliche seine Texte zu wörtlich nahmen und sich umbrachten. Seitdem lebt er mit seiner Frau (einer Feuerwehrfrau) ein eintöniges Leben in einer schloßartigen Villa in Dublin. Obwohl schon lange nicht mehr im Geschäft, schminkt er sich noch immer jeden Tag, trägt dunkle Klamotten und hochtoupierte, pechschwarze Haare. Eines Tages erhält er die Nachricht, dass sein Vater (mit dem er 30 Jahre nicht mehr gesprochen hatte) in seiner Heimat, den USA, im Sterben liegt. Cheyenne macht sich gleich auf den Weg, aber bei seiner Ankunft ist der Vater bereits verstorben. Cheyenne erbt die Aufzeichnungen seines Vaters, der scheinbar sein Leben lang einen Mann namens Aloise Lange jagte, der Lagerwärter in Auschwitz war und ihn dort misshandelt haben soll. Cheyenne begibt sich auf eine Reise quer durch die USA, um die Arbeit seines Vaters zu einem Ende zu führen…

Wer, angesichts der großen Ähnlichkeit, die der fabelhafte Sean Penn in der Titelrolle mit The-Cure-Sänger Robert Smith hat, auf einen 80er-Jahre Musikfilm gehofft hat, wird schwer enttäuscht sein. Nicht nur hört man den ganzen Film über keine einzige Note der Band “Cheyenne and the Followers”. Auch ertönt bis auf Iggy Pops “The Passenger” und David Byrne mit einer Big-Band-Version des Talking Heads-Klassikers “This Must Be the Place” kein Musikstück aus der Zeit, in der Cheyennes fiktive Band ihren Karrierehöhpunkt hatte. Die 80er sind hier genauso tot, wie das Innere des Protagonisten.

Der Film ist eine ganz klassische Roadmovie-Geschichte, bei der die Reise den Protagonisten letztendlich zu sich selbst führt. Durch seine gedehnte Langsamkeit, die die melancholische Lethargie der Hauptperson widerspiegelt, erinnert der Film stark an Jim Jarmuschs “Broken Flowers” oder David Lynchs “Straight Story“, die erste in Dublin spielende halbe Stunde wiederum an Sofia Coppolas exzellenten “Somewhere“. Wie dort spürt, man auch hier die große Blase, in der sich der einstmals gefeierte Cheyenne vor sich hin lebt. Zwei Dinge zeichnen “Cheyenne” aus: Die wunderbare Fotografie von Luca Bigazzi und der schöne Score von Ex-Talking Heads-Chef David Byrne (weit weg von “Talking Heads” Wahnsinn und mit starken Americana-Einflüssen). Insbesondere in den in den USA spielen Szenen, die Bigazzi in ein goldenes Licht taucht und ikonischen Bildern illustriert, verleihen dem Film im Zusammenspiel mit Byrnes Soundtrack eine magische Atmosphäre, durch die sich der Zuschauer gemeinsam mit Cheyenne treiben lassen kann.

Allerdings muss man beim Drehbuch einige Abstriche machen. Der Film wirkt merkwürdig ausgefranst. Es scheint fast so, als ob er aus einer noch sehr viel längeren Fassung zusammengestutzt worden wäre und Regisseur Paolo Sorrentino (Il Divo – Der Göttliche) dabei vergessen hätte, einige durch die Kürzungen redundant gewordene Erzählstränge zu tilgen. Wenn Cheyenne z.B. ein geliehener Pick-Up in Flammen aufgeht, wird eine Szene eingeblendet, die den von dem Wagen besessenen Besitzer zeigt, der Cheyenne ziemlich angsteinflößend damit droht ihn umzubringen, wenn dem Wagen etwas passiert. Nun wartet man den Rest des Filmes darauf, dass der Mann noch einmal auftaucht, aber er verschwindet genauso aus der Handlung, wie eingige andere interessante Nebencharaktere. Überhaupt bleibt es rätselhaft, warum dieser Mann – der keinem professionellen Dienst traut – gerade einer nicht wirklich vertrauenerweckenden Gestalt wie Cheyenne, seinen über alles geliebten, kostbaren Wagen in die Hand gibt. Und warum leiht sich Cheyenne den Wagen, wo doch mehr als einmal erwähnt wird, dass er sich keine finanziellen Sorgen machen muss?

Nicht nur hier schwächelt das Drehbuch. So wird mit der Mutter einer jungen Freundin Cheyennes ein Charakter eingeführt, der nie wirklich erklärt wird. Doch Paolo Sorrentino deutet immer wieder darauf hin, wie wichtig Maries Mutter für die Handlung und vor allem den Schluss des Filmes ist. Nun gehöre ich wahrlich nicht zu den Leuten, die fordern, dass in einem Film alles erklärt werden muss. Ganz im Gegenteil. Aber wenn dem Zuschauer schon suggeriert wird, dass das Verständnis eines Charakters wichtig ist für das Verständnis der Handlung, dann sollte man schon etwas deutlicher werden und den Zuschauer nicht mit vage Andeutungen auf eine eventuell falsche Fährte locken.

Sorrentinos größtes Verbrechen ist es aber, die grandiose Frances McDormand so sträflich zu vernachlässigen. Ihre Figur hat so viel Potential und Frances McDormand platzt nur so vor Spielfreude und Charisma, da ist es mehr als enttäuschend, wenn sie nach einer halben Stunde und nur sehr wenigen Szenen aus dem Film verschwindet. So ist es dann alleine an Sean Penn, den Film zu tragen. Und dies gelingt ihm ganz famos, denn unter der Maske des antriebslos-friedlichen, mit einer stockenden, sanften Stimme redenden und immer leicht abwesend scheinen Cheyenne, lugt bei Penns Darstellung ab und zu auch innere Wut und tiefe Verzweiflung hervor. Zwar sieht Sean Penn, mit seiner Schminke und den gewaltigen Haaren, wie ein Robert-Smith-Double aus, er legt seine Rolle von Gang und Sprechweise aber mehr wie Ozzy Osbourne an, so wie man ihn aus der Doku-Soap “The Osbournes” kennt. Hier empfiehlt es sich, den Film in der Originalfassung zu schauen, da die deutsche Synchronisation zwar gut ist, aber Penns beeindruckendes Schauspiel nur unzulänglich wiedergeben kann.

Die DVD liefert ein durchschnittliches, anamorphes Bild in 2,35:1, englische und deutsche Tonspur in 5.1., sowie deutsche Untertitel. Als Extras gib es 32 Minuten Interviews mit vielen Beteiligten (allerdings nicht mit Sean Penn, der in allen Interviews immer hoch gelobt wird), die allerdings nicht viel Erhellendes zu Tage fördern, sowie den Trailer.

Die Kauf-DVD erscheint am 5. April.

DVD-Rezension: “Gandu – Wichser”

Von , 31. März 2012 16:29


Ein junger Mann, der sich „Gandu“ (Wichser) nennt, träumt davon als Rapper groß rauszukommen und seinem Armenviertel zu entkommen. Allerdings fehlt ihm dazu die Energie, denn wenn er nicht in einem Internet-Cafe daddelt oder sich verpixelte japanische Pornos ansieht, hängt er lieber mit seinem neuen Kumpel Rikscha herum und zieht sich mit diesem alle möglichen Drogen rein. Nachdem sie eines Tages mit einer uralten Droge experimentiert haben, scheint sich Gandus Leben plötzlich zu verbessern. Er hat das erste Mal Sex und eine bekannte Rap-Gruppe will ihn als Support-Act…

Gandu – Wichser“ hat alle Stärken und Schwächen eines Debütfilms. Regisseur „Q“ (mit bürgerlichen Namen Kaushik Mukherjee) hatte vor „Gandu – Wichser“ zwar bereits einen Low-Budget- Film namens „Bishh“ gedreht. Mit diesem hielt er sich aber noch an die Konventionen bengalischer Filme (indem er z.B. trotz eines sexuellen Themas keine Liebesszenen zeigte). In „Gandu – Wichser“ sprengt Q alle Fesseln und schuf einen ganz persönlicher Film, ohne irgendeine Schere im Kopf. Gedreht für gerade einmal eine Handvoll Rupien auf einer kleinen Canon 7D HD-Kamera, die allerdings Bilder liefert, die nach sehr viel mehr aussehen. Das schwarz-weiß-Bild im Breitwandformat ist gestochen scharf und mit harten Kontrasten. Wobei die Frage bleibt, ob ein „schmutzigerer“ Look nicht die Lebenssituation Gandus besser wiedergegeben hätte. So sind die Bilder fast schon zu schön.

Das Anliegen Qs, zu zeigen wie sich die Frustration und Wut der Jugendlichen aufbaut und ihre Umgebung ihnen keine sinnvolle Perspektive anbietet, wird vor allem durch die zornigen Rap-Texte Gandus transportiert. Wie im klassischen Bollywoodfilm (den „Gandu – Wichser“ zwar immer wieder zitiert, der aber von diesem mit seiner bunten, heilen Welt doch meilenweit entfernt ist), dienen die Musik- und Gesangseinlagen dazu, die Innenwelt des Protagonisten sichtbar zu machen. Gandus treibende, mitreißende Mischung aus Rap und Punk, lässt aber auch seine Aggression und Wut unmittelbar aus dem Film auf den Zuschauer überspringen. Dankenswerterweise hat Bildstörung seiner Limited Edition einen 39:54 minütige Soundtrack CD mit 9 Tracks beigelegt.

Auf der anderen Seite macht Q aber auch den Fehler, den fast jeder junge Filmemacher begeht, wenn er ganz frei seine ersten Filme, die ja fast immer auch Herzensangelegenheiten sind, drehen kann. Er will einfach zu viel auf einmal und stopft den Film voll mit filmischen Kabinettstückchen. Da wird die Handlung für kurze Interviews unterbrochen (eine Technik, die scheinbar vom großartigen japanischen Avantgarde-Klassiker „Pfahl in meinem Fleisch“ inspiriert ist), es werden Texte wie bei Godard eingeblendet, das Bild in zwei oder mehr Teile gespalten, eine Szene plötzlich knallbunt und der Regisseur greift auch einmal plötzlich höchstpersönlich ins Geschehen ein. Besonders störend ist Verwendung von Hardcore-Szenen (Masturbation und oraler Sex werden onscreen gezeigt), da diese nicht unbedingt für die Handlung notwendig sind, sondern offensichtlich nur aus Gründen der Provokation eingebaut. In dem ebenfalls auf der DVD zu findenden „Making-Of“ spricht Q davon, dass „Baise-Moi“ von Virginie Despentes zu seinen Lieblingsfilmen gehört. Und ebenso, wie die Hardcore-Szenen dort zu gewollt und aufgesetzt wirkten, ist es auch bei „Gandu – Wichser“ der Fall.

Trotzdem ist „Gandu“ ein interessanter Film, wenn auch aufgrund seiner vielen formalen Sperenzien nicht der harte Magensschwinger, der er hätte sein können. Dafür ist er einfach zu verspielt und selbstverliebt. Es bleibt aber spannend, wie es zukünftig mit dem Regisseur Q weitergeht.

Die DVD aus dem Hause Bildstörung besticht durch eine wie immer liebevolle Aufmachung und interessante Extras. Neben einem informativen 15-seitigen Booklet mit Texten Filmjournalisten Jochen Werner (Splatting Image, Deadline, Schnitt u.a.), findet sich hier auch ein interessanter Text von Martin Gobbin (Blogville). Kernstück ist aber ein 30-minütiges Making-Of, welches nicht nur die Dreharbeiten dokumentiert, sondern auch aktuelle Interviews mit allen Beteiligten und Ausschnitte der „Gandu“-Vorführung auf der Berlinale 2011. Dabei kommt Regisseur Q allerdings nicht besonders sympathisch, sondern recht narzisstisch rüber. Vor allem erfährt man aber interessante Details über die Dreharbeiten, bei denen die Filmcrew aus Geldmangel Wohnungen der Schauspieler und Freunden benutzte, sowie erhellende Hintergründe zur Entstehung der Filmidee.

Überraschenderweise bleibt der Film Bollywood auf die Weise treu, dass Hauptdarsteller Anubrata Basu nicht selber die Raps vortrug, sondern in den Musikszenen Regisseur Q höchstpersönlich die „Stimme“ von Gandu war. Nach den Dreharbeiten ging Q dann auch als Rapper „Gandu“ auf Tournee, wovon ein weiteres 10-minütiges extra erzählt. Zwei Episoden über den Berlinale-Besuch (quasi die „Extended Version“ der diesbezüglichen Szenen aus dem Making Of), ein Musikvideo und zwei kurze Werbeclips zur „Gandu“-Tournee runden diese gelungene Veröffentlichung ab.

Rezension: “Zorn der Titanen”

Von , 30. März 2012 19:34

„Alles fliegt Dir um die Ohren“ war der Titel eines späten Italo-Westerns von 1981, der – in 3D gedreht – ein großer Erfolg in den USA war und dort eine kleine 3D-Renaissance auslöste. Sein Trick dabei: Ständig wurden irgendwelche Sachen Richtung Kamera geworfen, geschossen oder gespuckt. Pures Rummelplatz-Kino also.

„Alles fliegt Dir um die Ohren“ beschreibt auch sehr schön den neuen Film „Zorn der Titanen“.  Während der erste Teil „Kampf der Titanen“ (das Remake des alten Ray-Harryhausen-Stop-Motion-Klassikers „Clash of the Titans“) noch aufgrund miserabler, nachträglicher 3D-Konvertierung fast der frühe Sargnagel des neuen 3D-Booms war, scheinen die Macher der Fortsetzung nun aus ihren früheren Fehlern gelernt zu haben. „Zorn der Titanen“ wurde von vornherein in 3D gedreht und vor allem auch konzipiert. Ich hatte mich ja schon bei „John Carter“ gefragt, warum man den 3D-Effekt nicht nachhaltig einsetzt, wenn man schon in 3D dreht. Hier wird er eingesetzt… und wie! Ständig fliegen Gesteinsbrocken oder Feuerbälle auf den Zuschauer zu. Die Pranken der Monster scheinen aus dem Bild zu greifen oder Harpien direkt in den Zuschauerraum zu krachen. Ganz nach den Motto: Wenn schon 3D, dann aber richtig. Sogar die ältesten 3D-Tricks aus den 50er Jahren werden recycelt, wenn einmal die Speere aus der Leinwand ragen. War die 3D-Technik in „Hugo Cabret“ sorgfältig, kunstvoll und ganz im Dienste einer wundervollen Geschichte eingesetzt, sind sie hier die einzige Attraktion des Filmes. Wie oben beschrieben: Rummelplatz-Kino im besten Sinne des Wortes. Die Handlung bleibt dabei zweitrangig.

Perseus hat sich als Fischer in einem kleinen Dorf aus dem Heldengeschäft zurückgezogen. Als sich allerdings sein Onkel Hades und sein Halbbruder Ares zusammentun, um gegen den Willen von Göttervater Zeus und Onkel Poseidon, den Ur-Gott Kronos aus seinem Gefängnis befreien wollen, sieht sich Perseus gezwungen sein altes Schwert auszugraben und wieder in den Kampf zu ziehen. Als Subtext geht es – wir sind in einem US-Film – darum, dass Väter ihre Söhne nicht verstehen und andersherum. Erst wenn Väter ihre Söhne akzeptieren und die Söhne nicht mehr aufbegehren, wird alles gut.

Die Götter werden fast durch die Bank weg von gestandenen britischen Schauspielern gespielt. Wobei Liam Neeson als Zeus und Ralph Finnes als Hades ihren Stiefel ohne große Anstrengungen runter spielen. Einzig der nicht zu erkennende Bill Nighy als Hephistos gibt ordentlich Dampf. Dem Helden leiht, wie schon im ersten Teil, Sam Worthington (Avatar, Terminator: Salvation) seine muskulöse Figur. Hier noch einmal der Vergleich zu „John Carter“. Während Taylor Kitsch dort ziemlich pathetisch und humorfrei auftrat, zeigt Worthington erfrischende Anflüge von Selbstironie. Und da er ab der Hälfte des Filmes quasi die Halbgötter-Version des schwitzenden Bruce Willis im blutigen Unterhemd gibt, wirkt er auch realer und sympathischer als der Mars-Soldat.

Überhaupt ist „Zorn der Titanen“ nicht übertrieben ernsthaft, sondern macht nie einen Hehl daraus, was er ist: Großes Kasperle-Theater für große Jungs. Und dies auf so unterhaltsame Weise, dass seine  99 Minuten wie im Fluge vergehen.  Ich mag mir aber nicht ausmalen, wie der Film wohl ohne 3D auf dem heimischen Bildschirm wirkt. Nein, dieser Film ist nun wirklich nur für 3D und die große Leinwand gemacht.  Dabei fällt auch positiv auf, dass das Bild nicht – wie bei „John Carter“ – so übertrieben scharf und damit lebloser und flacher wirkt, sondern weitaus filmischer und damit auch lebendiger. Der bewusst bombastische Soundtrack und die zahlreichen, die 3D Effekte unterstützenden – Soundeffekte kommen auf der Bremer IMAX-Anlage sehr druckvoll rüber.

Wer also auf Spektakel  und technisch anspruchsvollen Trash steht, der sollte sich jetzt auf den Weg ins Kino machen und nicht warten bis der Film für das Heimkino erhältlich ist.

Rezension: “John Carter – Zwischen zwei Welten”

Von , 11. März 2012 18:57

Als im Jahre 1995 mit „Toy Story“, der erste voll computeranimierte Film der Produktionsfirma Pixar, in die Kinos kam, verweigerte ich mich diesem mit dem Argument „Da kann ich ja gleich ein Computerspiel angucken“. Als ich dann später überredet wurde, mir den Film auf Video anzusehen, war ich mehr als erstaunt. Entgegen meiner Befürchtungen war das kein abgefilmtes Computerspiel, sondern eine wirklich witzige Geschichte, deren Charaktere so liebevoll und tiefgründig gezeichnet waren, dass man schnell vergaß, dass sie nur aus Bits und Bytes bestanden.  Seitdem kann ich es kaum erwarten  bis der nächste Pixar-Film heraus kommt. Einer der Köpfe hinter „Toy Story“ war  Andrew Stanton, welcher nicht nur die Drehbücher zu fast allen Pixar-Filmen  mitschrieb, sondern auch bei den großen Erfolgen „Das große Krabbeln“, „Findet Nemo“ und vor allem dem in der ersten Hälfte schlichtweg grandiosen „Wall-E“ das Regie-Zepter schwang. 2012 sitze ich in „John Carter“, seiner ersten „Realfilm“- Regiearbeit, und sehe mich in allen Vorurteilen  bestätigt, die ich „Toy Story“ gegenüber hatte. Keine echten Charaktere, nur Schauwerte, keine Tiefe, keine Emotionen. Alles glatt, klinisch, tot. Was ist nur mit Andrew Stanton passiert? Wo sind seine Fähigkeiten geblieben, spannende und lebhafte Geschichten zu erzählen? Davon findet sich in „John Carter“ nichts mehr. Es reiht sich ein Klischee an das andere. Jede Szene glaubt man schon mal irgendwo  nicht viel anders, aber sehr viel besser gesehen zu haben. Die Darsteller agieren tatsächlich wie seelenlos animierte Figuren aus einem Computerspiel und sind dazu verdammt, Sätze aus dem großen Buch der hohlen Phrasen rezitieren. Ich wunderte mich, dass die Darsteller ihre Sprüchlein mit so großem Ernst aufsagen. Ich hätte bei diesen vor Pathos triefenden Plattitüden wahrscheinlich laut losgeprustet. Gerade hier liegt auch eins der Hauptprobleme des Filmes: Er ist komplett ironiefrei. Dabei hätte die mittlerweile fast 100 Jahre alte Geschichte ein wenig Humor ganz gut vertragen können. Aber so bleibt alles Ganze altbacken und gnadenlos ernsthaft, auch wenn die Dialoge beinahe wie Parodien wirken.

Der ehemalige Kavalleriesoldat John Carter (gespielt von Taylor Kitsch, der hier versucht auf den Spuren von Eastwood oder Nero zu wandeln, dabei aber leider aussieht wie ein blasser „Twilight“-Schönling mit aufgeklebten Bart) hat im Bürgerkrieg seine Frau und sein Kind verloren.  Das hat ihn zu einem ziemlich grantigen Goldsucher mit Problemen gegen Autoritäten werden lassen. Daher landet er bald in einem Militärknast. Von dort kann er schnell wieder fliehen, gerät bei der Flucht allerdings in eine geheimnisvolle Höhle, wo er nicht nur mit einem geheimnisvollen fremden zusammenstößt, sondern mit Hilfe eines Amuletts auf den Mars gebeamt wird. Dort wird er von echsenhaften (Verwandte von Jar Jar Binks?) Kriegern  gefunden und quasi adoptiert. Aber das ist nur der Anfang seiner Abenteuer, die ihn bald in einen Krieg zwischen zwei menschlichen Lebensformen (die beiden ein Faible für altrömische Uniformen haben) verwickelt. Die Guten haben eine schöne Prinzessin (Lynn Collins), die Bösen nur  Dominic West. Natürlich verliebt sich Carter in die Prinzessin und bekämpft mit ihr zusammen den von Dominic West gespielten Sab Than (ausgesprochen wie Sa-Tan). Andersherum hätte ich das weitaus innovativer gefunden…  Wie dem auch sei, der Ausgang der Story ist so vorhersehbar, wie langweilig.

Natürlich sind die computergenierten Special Effects auf dem allerneusten Stand der Technik  und wirken perfekt. Was aber auch ein wenig an Charme kostet. Aber das mag Geschmackssache sein. Es ist allerdings ärgerlich, dass der Film kaum etwas aus seinen 3D-Effekten macht. Die meiste Zeit besteht der dreidimensionale Effekt darin, dass in Dialogszenen die eine Person im Vordergrund und die andere im Hintergrund steht. Die Kampf- und Schlachtszenen sind seltsam unspektakulär und relativ schnell vorbei. Hier will weder Dramatik, noch eine gewisse Wucht aufkommen. Zudem wird auch hier die dritte Dimension kaum genutzt. Letztendlich hätte der Film in normalen 2D auch nicht anders gewirkt. Dies ist insbesondere Schade, wenn man z.B. bei „Hugo Cabret“ gesehen hat, welch eine großartige Wirkung ein imaginativer Umgang mit 3D haben kann. Auch der vor dem Film gezeigte Trailer zu „Warth of the Titans“ hatte eindrucksvoll gezeigt, wie man es besser macht.  Mir ist leider nicht bekannt, ob der Film in 2D gedreht und erst nachträglich umgewandelt wurde. Es erscheint mir fast so.  Über die Projektion im Bremer „IMAX“ lässt sich nichts Schlechtes sagen. Die Bilder sind kristallklar und trotz 3D ausreichend hell. Auch der Ton ist vorbildlich, wenn der Film auch nicht besonders viel Gebrauch von Surround-Effekten macht und der Ton eher frontal von vorne kommt. Um noch einmal den schon zuvor angesprochen „Wrath of the Titans“-Trailer anzusprechen, dort pfefferte einen der Sound von überall um die Ohren, dass es fast schon etwas zu viel des Guten war. Zudem in einer Lautstärke, der einem eindrucksvoll zeigte, was es heißt  „aus dem Sitz geblasen zu werden“. Davon eine Priese hätte dem lahmen „John Carter“ gut getan.

Frohes neues Jahr… und weiter geht’s!

Von , 6. Januar 2011 19:55

Ich hoffe alle meine Leser sind gut ins neue Jahr gekommen.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten mich wieder im tristen Alltag zurechtzufinden, hat mich das Hamsterrad jetzt wieder :(

Für das neue Jahr habe ich mir für das “Filmforum Bremen” so einiges vorgenommen. Aber da man über ungelegte Eier noch nicht sprechen soll, verkneife ich mir dies auch hier. Lasst Euch einfach mal überraschen, wenn es soweit ist.

Den Jahreswechsel habe ich im Ausland verbracht und es nach 17 Jahren geschafft, endlich mal wieder die Cinémathèque française zu besuchen. Ich kannte nur die alte Cinémathèque nahe Trocadéro und war nun in der neuen Cinémathèque in Bercy. Ein beeindruckendes Gebäude, aber den Charme und vor allem die bewegte Geschichte der alten Cinémathèque spürt man hier leider gar nicht mehr. Natürlich habe ich auch nach den Überresten der alten Cinémathèque gesucht, aber da hat mir mein Gedächtnis böse Streiche gespielt. Zwar habe ich etwas gefunden, von dem ich sicher war, das es der alte Eingang war – die Recherche Zuhause hat mir aber gezeigt, dass das höchstens ein abgelegener Nebeneingang war. Schade, hätte ich mich doch mal vorher informiert.

Die Cinémathèque française

Das aktuelle Programm der Cinémathèque française

Was DVDs angeht ist Frankreich übrigens Paradies und Hölle zugleich. So viele tolle Filme in wunderbaren Editionen, die in Deutschland entweder gar nicht oder nur in suboptimaler Form erhältlich sind. Da läuft einem solange das Wasser im Munde zusammen, bis man die DVD umdreht und feststellt, dass der Ton ausschließlich auf Französisch ohne Untertitel vorliegt. Wer (wie ich) also nur ein paar Brocken Schul-Französisch kann, bricht dabei in Tränen aus. Ich hätte so viele Lücken schließen können, habe letztendlich aber nur zwei Filme von Jacques Demy (Les parapluies de Cherbourg und Les demoiselles de Rochefort, beide mit englischen Untertiteln) mitgenommen. Ersteren gibt es auch in einer schönen deutschen Ausgabe bei Kinowelt – und wie ich jetzt gesehen habe, zu fast identischem Preis. Ach ja, und eine DVD-Box mit den 1914er Keystone-Filmen von Charlie Chaplin habe ich auch gekauft. Damit habe ich Chaplin jetzt endlich komplett. Die Keystone-Filme gab es ja zuvor zum größten Teil nicht auf DVD, und wenn dann nur in katastrophaler Verfassung. Die DVDs sind auch auf Deutsch und werden sicherlich bald als Arte-Edition erscheinen. Zumindest kann man schon als Option “Deutsch” auswählen und bekommt dann den bekannten “Arte Stummfilm Edition”-Vorspann. Einziger Wermutstropfen – das schöne Booklet ist (natürlich) komplett auf französisch.

Ein Schock bekam ich, als ich Montag wieder nach Hause kam und den Weser Kurier aufschlug. Im Feuilleton wurden die kulturellen Highlights für 2011 aufgelistet. Und welche Highlights wurden dort im Ressort Film aufgeführt? Pirates of the Caribean 4, Harry Potter 8, Transformers 3 usw. Kein neuer Arononfsky, keine Coen Brothers… um nur mal die jetzt bald anlaufenden Filme zu nennen. Von dem für Ende Mai angekündigten neuen Film von Lars von Trier mal ganz zu schweigen. Mann, mann, mann…

Filmtagebuch: “Filmforum Bremen” unterwegs – 52. Nordische Filmtage in Lübeck, Tag 3+4

Von , 12. November 2010 21:49

Mein dritter Tag bei den 52. Nordischen Filmtagen begann recht spät. Nachdem ich bereits ein arbeitsreiche Woche und den wenigen Schlaf der letzten beiden Nächte in den Knochen hatte, legte ich erst einmal eine Kinopause ein. Diese nutzte ich dann, um bei mittlerweile bestem Wetter mit meiner Frau noch ein wenig durch Lübeck zu streifen und einen halbwegs “echten” Urlaubstag zu genießen. Allerdings nur bis zum späten Nachmittag. Da zog es mich dann auch schon wieder mit Macht in den dunklen Kinosaal zurück.

Als ersten Film des Tages hatte ich mir den finnischen Film „Lappland-Odyssee“ ausgesucht. Obwohl ich wieder einmal eine dreiviertel Stunde vor Filmbeginn da war, konnte ich mich nur ans Ende einer bereits recht langen Schlange von Wartenden einreihen. Trotzdem war ich guter Hoffnung, denn vor mir sah ich relativ wenige Besucher mit dem beinahe schon obligatorischen blauen Bändchen um den Hals, von dem ein Festivalausweis baumelte. Und ich sollte recht behalten. Diesmal gab es keine Probleme ins Kino zu kommen.

Vorweg gab es aber noch den Kurzfilm „Mein Vater aus Pappe“, der leider nicht in der IMDb eingetragen ist. Schade, denn der Film ist wirklich gut. Hier muss sich der neue Freund der Mutter gegen den Vater ihres 8-jährigen Sohnes durchsetzen. Dumm nur, dass dieser nicht aus Fleisch und Blut ist, sondern ein mannshoher Supermann-Pappaufsteller. Natürlich wird alles gut, aber der Weg zum Happy End ist sehr humorvoll und voller Herzenswärme.

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Filmtagebuch: “Filmforum Bremen” unterwegs – 52. Nordische Filmtage in Lübeck, Tag 2

Von , 11. November 2010 19:54

Und weiter geht’s mit meinem Bericht über die 52. Nordischen Filmtage in Lübeck.

Mein zweiter Tag begann mit einer kleinen Enttäuschung. Eigentlich wollten meine Frau und ich an diesem Morgen gemeinsam in die Vormittagsvorstellung gehen. Nun, wer geht schon an einem Freitagmorgen um11:00 Uhr ins Kino, dachte ich mir und kümmerte mich deshalb nicht im Vorfeld um eine Karte für sie. Ein böser Fehler, denn die Antwort auf diese Frage lautete: viele. Die Vorstellung war bereits ausverkauft und so musste ich meine besser Hälfte allein in der Kälte stehen lassen.

Für mich selber war es auch nicht einfach in die Vorstellung zu kommen, denn die Dame vor mir bekam die letzte Akkreditierten-Karte und so stand auch ich ohne Ticket da. Nach einem kurzen Enttäuschungsausbruch, machte ich der sehr freundlichen jungen Dame am Eingang klar, dass ich den Film unbedingt sehen wollte (sonst wäre auch mein eh schon fragiler „Guck-Plan“ hoffnungslos in sich zusammengebrochen) und dafür auch auf der Treppe Platz nehmen würde. Sie sah mich erstaunt an, ließ mich dann aber mit einem Schulterzucken in den Kinosaal schlüpfen.

Dort machte ich es mir erst einmal auf den Treppenstufen bequem. Insgeheim spekulierte ich auf die reservierten Jury-Plätze. Denn auch wenige Minuten vor Vorstellungsbeginn, war niemand von der Jury zu sehen. Ein älterer Herr, der neben den „Jury“-Plätzen Platz genommen hatte, meinte er hätte bisher um diese Zeit noch nie jemanden von der Jury im Kino gesehen und die Plätze blieben immer leer. Die Wartezeit nutzte ich, um hier und da ein wenig mit dem netten Service-Personal zu plaudern. Kurz bevor die Lichter ausgingen, konnte doch noch einen leeren Platz für mich gefunden werden. Zwar ganz außen an der Wand und es ragte leicht ein Scheinwerfer ins Bild, aber immerhin war es bequemer als auf der Treppe. Die Jury erschien übrigens nicht mehr.

Vor dem Hauptfilm wurde zunächst der Kurzfilm „The New Tenants“ gezeigt. Dieser in einem New Yorker Apartment spielende Kurzfilm basiert auf einem Drehbuch von Anders Thomas Jensen und hat 2010 den Oscar für den besten Kurzfilm gewonnen. Warum ist mir nicht ganz klar. Die Story ist zwar lustig und makaber (die beiden neuen Mieter erhalten nacheinander Besuch von einigen merkwürdigen Gestalten, die dann auf unterschiedlichste Weise ihr Leben aushauchen), aber nichts Besonderes und er verläuft irgendwie ins Nichts.

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Filmtagebuch: “Filmforum Bremen” unterwegs – 52. Nordische Filmtage in Lübeck, Tag 1

Von , 10. November 2010 21:32

Mit wenigen Tagen Verspätung, hier mein kleiner Bericht über die 52. Nordischen Filmtage in Lübeck.

Diese fanden zwischen dem 03. und 07. November statt. Da ich vorher beruflich eingespannt war, konnte ich erst am Donnerstagabend, also den 04.11.,  zusammen mit meiner Frau anreisen und geriet dabei gleich ein wenig in Stress.

Mein Zug erreichte Lübeck um 18:00 Uhr, das Pressebüro, wo ich meinen Akkrediertungsausweis abholen wollte, schloss aber schon um 19:00 Uhr. Da ich das erste Mal in Lübeck war und keine Ahnung von den Wegstrecken hatte, geschweige denn, wie man das Pressebüro am Besten erreicht, war ich schon etwas skeptisch, ob ich auch alles pünktlich schaffen werde. Aber um 18:20 Uhr stand ich im strömenden Regen vor der Adresse, wo laut eines Lageplans, den ich mir aus dem Internet gezogen hatte, das Pressebüro beheimatet sein sollte. Blöderweise hatte in dieser Lounge-Bar keiner eine Ahnung davon, was ich wollte. Nein, das Pressebüro ist hier nicht und es weiß auch keiner, wo das sein soll. Letztes Jahr, ja, da war hier was. Aber dieses Jahr? Schulterzucken. Also lief ich unverrichteter Dinge durch den Regen zur “Stadthalle” (wie das CineSpace Multiplex hier heißt), dem Hauptveranstaltungsort der Filmtage.

Das CineStar-Kino "Stadthalle" in Lübeck

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Filmtagebuch: “Filmforum Bremen” unterwegs – Filmfestival Warschau Teil 2

Von , 22. Oktober 2010 10:36

Und weiter geht’s mit meinem kleinen Bericht über das 26. Internationale Filmfestival in Warschau.

"Kinoteka" im Kulturpalast am Abend

"Kinoteka" im Kulturpalast am Abend

Mein fünfter Tag begann gleich am frühen Vormittag mit dem argentinischen Animationsfilm “Boogie, the Oily“, der auf einer in seiner Heimat sehr erfolgreichen Comicserie von Roberto Fontanarrosa beruht. Hierin geht es um den Auftragskiller Boogie, der den Zeiten nachtrauert, als er noch in echten Kriegen Menschen abschlachten durfte, der sich in seinem Träumen auch schon mal über grüne Wiesen tänzelnd sieht, mit MG im Anschlag und flüchtende Vietnamesen niedermähend. Boogie tötet alles, was ihm in die Quere kommt: Auch Omas und kleine Hunde. Eines Tages kommt ein neuer Killer in die Stadt und Boogie zeigt ihm erst einmal, wo die Panzerfaust hängt. Mehr Inhalt muss man eigentlich nicht wiedergeben, denn die ist nur Vorwand für eine unglaubliche Ansammlung von Brutalitäten, Menschenverachtung, Sexismus, Rassismus und eiskaltem Zynismus. Die Schraube hierbei so weit überdreht, dass der Film wirklich lustig ist. Zwar fällt es einem schwer sich irgendwie mit der Hauptperson, dem gefühllosen und egozentrischen Killer “Boogie”, zu identifizieren und bei den ersten Geschmacklosigkeiten bleibt einem noch das Lachen im Halse stecken, aber dann gewöhnt man sich sowohl an den bösen und politisch extrem unkorrekten Humor, wie auch an die leicht groteske Animation. Was man “Boogie” vorwerfen kann ist, dass er eigentlich nur ein großer, fieser Witz ist. Und diesen dann 90 Minuten dauern zu lassen, kann auch mal anstrengend werden und hier und da wiederholt sich vieles einfach nur. Andererseits zaubert der Film dann immer wieder einige Szenen aus dem Hut, die wirklich gelungen sind und einem mit staunendem Lachen zurücklassen. Das große, blutige Finale ist dann vielleicht etwas zu sehr over-the-top geraten, aber insgesamt weiß der Film absolut zu unterhalten.

Danach musste ich ein wenig zittern, um eine Karte für die folgende Vorstellung zu bekommen.

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