Category: Film

Blu-ray Rezension: „Der schwarze Leib der Tarantel“

Von , 21. Dezember 2016 16:15

der-schwarze-leib-der-tarantelNach einem Streit mit ihrem Ehemann (Silvano Tranquilli) wird die schöne Maria Zani (Barbara Bouchet) von einem geheimnisvollen Unbekannten ermordet. Der Killer benutzt dabei ein lähmendes Gift, bevor er seine Opfer mit dem Messer abschlachtet. Der mit den Ermittlungen beauftragte Inspector Tellini (Giancarlo Giannini) verdächtigt zunächst Ehemann Zani, der jedoch auf eigene Faust nach dem Mörder sucht. Als Zani bei einer Verfolgungsjagd ums Leben kommt und weitere attraktive Damen dem Killer zum Opfer fallen, führt Tellini eine Spur ihn in einen Schönheitssalon, dessen Besitzerin (Claudine Auger) mit den Opfern in Verbindung stand…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

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Der schwarze Leib der Tarantel“ war für mich lange Jahre so etwas wie der heiliger Gral des Giallo-Kinos. Als ich Mitte der 90er Jahre mit zahlreichen Tauschpartner im In- und Ausland in Kontakt stand, und wir uns munter VHS-Kassetten mit griechischen Vollbildfassungen, die mittlerweile fast ihre gesamte Farbigkeit eingebüßt hatten, hin und her schickten, war „Der schwarze Leib der Tarantel“ der einzige „Must-Have“-Giallo, der nirgendwo aufzutreiben war. Weder eine englische, noch eine finnische oder schwedische Kopie. Von einer deutschen Fassung ganz zu schweigen, denn hier lief der Film zwar im Kino, doch seltsamerweise kam es nie zu einer Videoveröffentlichung. Dank des sympathischen Berliner Labels CMV Laservision wurde nun, nach 20 Jahren, dieser Gral nun doch auf meinen heimischen Bildschirm gezaubert. Hat sich das lange Warten gelohnt? Ist „Der schwarze Leib der Tarantel“ eben jenes verschollene Meisterwerk, zu welchem er in meiner Vorstellung mangels Verfügbarkeit reifte? Ein klein wenig Furcht hatte ich schon vor den Antworten auf diese Fragen, als ich die Blu-ray in den Player schob.

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Die Furcht erwies sich allerdings als unbegründet. Es hätte auch schon viel passieren müssen, um einen Giallo, der neben solchen Schönheiten wie Barbara Bouchet (in einer wichtigen, wenn auch leider viel zu kurzen Rolle), Claudine Auger und Barbara Bach, der Musik von Ennio Morricone (und der Hilfe von Bruno Nicolai) und gern gesehen Veteranen wie Silvano Tranquilli und Giancarlo Prete vollends in die Grütze zu fahren. Und Regisseur Paolo Cavara ist auch kein Stümper, sondern hat mit „Das wilde Auge“ einen höchst spannenden und mit viel Experimentierfreude gedrehten Magenschwinger gedreht, der als Schlüsselfilm auf das Genre gelten kann, in dem Cavara große geworden ist: Dem Mondo-Film. Hier hatte Cavara 1962 zusammen mit dem legendären Duo Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi die Filme „Mondo Cane“ und „Alle Frauen dieser Welt“ gedreht, bis er sich im Streit von ihnen trennte, da er mit den Methoden Jacopettis nicht mehr einverstanden war. „Das wilde Auge“ war dann seine Abrechnung mit Jacopetti dem Philippe Leroy als skrupelloser Regisseur das eiskalte Antlitz leiht. Nachdem Kriegsfilm „Ein Atemzug Liebe“ drehte Cavara 1971 diesen Giallo hier, der sich einerseits am Einmaleins des Giallo (so wie er außerhalb Italiens verstanden wird, in Italien selber bedeutet „Giallo“ einfach nur „Krimi“) abarbeite, andererseits viele Elemente einbringt, welche ungewöhnlich sind und dem Film seine ganz eigene Note geben.

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Zu den typischen Giallo-Elementen gehört natürlich der Mörder im schwarzen Regenmantel und Lederhandschuhen, der sich eine möglichst makabere und sadistische Mordmethode ausgedacht hat, um seine Opfer ins Jenseits zu befördern. Welche dann auch sehr explizit gezeigt wird. Ferner ein Score mit einer einprägsamen Melodie, ein recht abstruses Motiv des Killers, viele Verdächtige und wunderschöne Frauen, die gerne auch mal blank ziehen. Andererseits konzentriert sich Paolo Cavara aber auch untypischerweise auf die Polizeiarbeit und stellt mit Giancarlo Giannini einen Schauspieler in den Vordergrund, der sich mit seinem samtenen, immer etwas traurig-scheu guckenden Augen und der schmächtigen Gestalt so gar nicht in die Reihe harter und selbstbewusster italienischer Kommissare stellen lässt, die sonst die Leinwand bevölkern. Auch von den typischen Giallo-Helden der frühen 70er wie George Hilton oder Anthony Steffens ist Giannini weit entfernt. Bei seinem Anblick denkt man viel mehr an die blumigen Titel der Lina-Wertmüller-Filme, die ihn bekannt machten. Wie „Mimi – in seiner Ehre gekränkt“.

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Zudem rückt Paolo Cavara die ebenso modern, wie fremdartig wirkende Architektur der Randgebiete Roms in den Vordergrund. Eine Verfolgungsjagd endet auf dem Dach eines futuristisch anmutenden Büro-Industrie-Komplexes, der allein aufgrund seines kühl-futuristischen Designs der Szene einen beinahe schon irrealen Anstrich gibt. Auch, dass das Privatleben des ermittelnden Kommissars, sein Hadern mit dem Beruf und der Welt so weit in den Vordergrund gerückt wird, sieht man nicht alle Tage in einem klassischen Giallo. Es macht den Inspector Tellini sehr menschlich und sympathisch. Und das Zusammenspiel mit der sehr lebendigen Stefania Sandrelli als Frau Tellini injiziert dem ansonsten eher düsteren und harten Film eine leichte, amüsante Note, welche die beiden Figuren gleichzeitig auch eine liebenswerte Natürlichkeit verleiht. Umso härter trifft den Zuschauer die finale Konfrontation mit dem Killer, in der Frau Tellini in Todesgefahr gerät. Wie man überhaupt sagen muss, dass Cavara hier wert auf eine genaue Figurenzeichnungen legt. Auch Silvano Tranquilli als betrogener und mordverdächtiger Ehemann oder die großartige Rossella Falk als Erpressungsopfer wird weitaus mehr Tiefe und Vielschichtigkeit als üblich zugestanden.

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„Der schwarze Leib der Tarantel“ ist ein spannender und sehr gut gemachter Giallo, der sich zwar vornehmlich an den Konventionen des Genres abarbeitet, gleichzeitig aber auch überraschende und untypische Elemente einbringt.

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Das Bild der Blu-ray mag nicht den allerhöchsten Ansprüchen einiger Technik-Fetischisten genügen, ist aber für meine Augen vollkommen akzeptabel. Für diese Veröffentlichung hat CMV die alte Kinotonspur aufgetrieben, die sehr sauber und klar klingt. Wer mag kann auch auf die englische Synchronisierung wechseln, die der deutschen Sprachfassunallerdings qualitativ unterlegen ist. Für die Extras wurde das 15-minütig Interview mit Lorenzo Danon, dem Sohn des Produzenten Marcello Danon, aus der amerikanischen und italienischen Veröffentlichung übernommen. Ganz neu ist ein 5-minütiges Interview mit Pietro Cavara, dem Sohn des Regisseurs. Über den Audiokommetnar von Thorsten Hanisch und Andrea Sczuka wurde in diversen Foren schon viel Böses geschreiben. Inhaltlich verweise hier einmal dezent auf eben diese Diskussionen (kann man googeln) und erwähne hier nur, dass die technische Umsetzung recht mies geworden ist. Scheinbar wurde eine schlechte Skype-Verbindung genutzt.

Filmbuch-Rezension: Christian Keßler “Das versteckte Kino“

Von , 19. Dezember 2016 13:26

verstecktekinoEr hat es wieder getan. Nachdem er seinen Leser zweimal in kurzer Folge „Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“ geliefert hat, hat Christian Keßler nun „Das versteckte Kino“ ins grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit geholt. Der Aufbau des Buches gleicht seinen beiden Vorgängern, der Ton ist aber ein anderer. Während in „Wurmparade auf dem Zombiehof“ und „Der Schmelzmann in der Knochenmühle“ viel Liebe über die Filme aus dem unteren Videothekenregal ausgeschüttet wurde, ist es hier vor allem Respekt, der bei den Vorstellungen der Film überwiegt. Und während bei „Wurmparade“ und „Schmelzmann“ eigentlich klar ist, warum die dort vorgestellten Filme keinen Platz in der „normalen“ Filmgeschichte gefunden haben, so ist es bei den Filmen, über die Christian Keßler in „Das versteckte Kino“ schreibt, doch höchst verwunderlich, dass das Gros bis heute nicht im goldenen Rahmen in der Hall of Fame der Cinephilie hängen.

Ausnahmen bestätigen hier die Regel. Filme wie „Heathers“, „Die Frau mit der 45er Magnum“ oder „Johnny zieht in den Krieg“ dürften jedem Filmfreund, der etwas weiter über den Tellerrand schaut, durchaus geläufig sein. Hier nimmt sich Christian Keßler einfach das Recht des Hausherren heraus, auch über Filme zu schreiben, auf die die selbstgewählte Kategorie „verstecktes Kino“ nicht zu 100% zutrifft. Der Großteil der Filme sind allerdings wirklich weit weniger bekannt. Manche erzeugen irgendwo weit hinten in der Erinnerung einen Wiederhall, wie „Die Chorknaben“, „Joe“ oder „Wo is‘ Papa?“. Andere sind ganz aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden wie „Marjoe“, „The Groove Tube“ oder „Alabama’s Ghost“.

Hier darf man Christian Keßler sehr dankbar dafür sein, dass er sie aus dem dunklen-feuchten Schatten der Filmgeschichte an die Sonne zerrt. Oder man verflucht ihn, weil es mitunter recht schwer ist, einer (legalen) Kopie dieser Werke Herr zu werden, um sich in den heimischen vier Wänden selbst von ihren Vorzügen zu überzeugen. Was bei diesem Buch verwundert ist ein neuer Ton bei Christian Keßler. Wurde es in den vorherigen Veröffentlichungen peinlichst vermieden, Filme zu erwähnen, die der Autor nicht mag, so nimmt er hier kein Blatt vor den Mund. Etwas, was insbesondere „The Breakfast Club“ zu spüren bekommt. Ferner haben sich zwei kleine, wenn auch belanglose Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen, auf die ich hier aber nicht eingehen will, da sie für den Kontext vollkommen unwichtig sind. Ich erwähne es hier auch nur, weil sie mich in dem Moment doch sehr irritiert haben.

Aber das soll nicht davon ablenken, dass Christian Keßler mit „Das versteckte Kino“ ein großer Wurf gelungen ist. Das Buch macht einen noch reiferen Eindruck als die – ebenfalls sehr empfehlenswerten – „Trashfilm“-Bücher. Der unverwechselbare Keßler-Groove ist hier etwas zurückhaltender und der Ernsthaftigkeit vieler der hier vorgestellten Filme angemessen. Aber trotzdem spürt man in jeder Zeile, dass ihm dieses Buch eine Herzensangelegenheit ist und wie sehr es ihn wurmt, dass die hier besprochen Filme bisher nicht den ihnen eigentlich zustehen Platz in der Filmgeschichte einnehmen konnten. Warum auch immer. Umso wichtiger ist diese wundervolle Missionarstätigkeit der Liebe.

Christian Keßler “Das versteckte Kino – Die besten Filme,von denen Sie niemals gehört haben!, Martin Schmitz Verlag, 336 Seiten, € 18,80

Blu-ray-Rezension: „Demon – Dibbuk“

Von , 17. Dezember 2016 12:49

demon-dibbukDer in England aufgewachsene Piotr (Itay Tiran) reist nach Polen, um dort Zaneta (Agnieszka Zulewska), die Schwester seines besten Freundes Jasny (Tomasz Schuchardt)  zu heiraten. Als Hochzeitsgeschenk hat Zanetas Vater (Andrzej Grabowski) dem jungen Paar ein heruntergekommenes Landhaus vermacht. Als Piotr dort einen Grube für einen Swimming Pool ausheben will stößt er auf ein menschliches Skelett. In der Nacht vor der Hochzeit wird er von der Vision einer jungen Frau in einem weißen Kleid heimgesucht. Am Tag der Hochzeit scheinen diese Vorkommnisse zunächst vergessen zu sein. Die zahlreichen Gäste sprechen dem Wodka literweise zu, es wird Getanzt und Gefeiert, was das Zeug hält. Da fällt es kaum auf, dass Piotr plötzlich anfängt, sich seltsam zu benehmen…

Bei seinem kurzen Lauf durch deutsche Kinos konnte „Demon – Dibbuk“ leider kaum Zuschauer in die Kinosäle ziehen. Was vielleicht an seinem unglücklichen Verleihtitel „Eine Hochzeit in Polen“ lag. Dieser provoziert Assoziationen mit sommerlichen Feelgood-Komödien aus Frankreich. Wer mit diesen Erwartungen ins Kino gegangen ist, dürfte gehörig vor den Kopf gestoßen worden sein. Nein, sommerlich leicht ist hier nichts. Der Film ist durchweg düster und auch seine komischen Momente, die es durchaus gibt, sind am Ende doch nur ein Ausdruck menschlicher Unzulänglichkeiten und lassen das Geschehen vollends in die Katastrophe laufen. Doch auch wer den Originaltitel, der tatsächlich auch in der polnischen Originalfassung „Demon“ lautet, kennt, wird davon auf eine falsche Fährte gelockt. Denn ein waschechter Horrorfilm ist „Dibbuk“ nun auch nicht. Zwar gibt es ein-zwei nette Erschrecker, aber „Dibbuk“ legt es nicht darauf an, Angst und Schrecken zu verbreiten. Zumindest nicht auf die direkte Art und Weise. Erschreckend ist hier nur die menschliche Natur.

Als ich „Dibbuk“ sah, fühlte ich mich stark an einen anderen Film erinnert, denn ich vor längerer Zeit sah, nämlich „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“ (OT: Wesele) von Wojciech Smarzowski aus dem Jahre 2004. Tatsächlich schienen einige Szenen geradezu identisch zu sein. Die große Hochzeitsgesellschaft, das ausgelassene, exzessive Feiern und die überbordende, alkoholgeschwängerte Ausgelassenheit der Hochzeitsgäste, während im Hintergrund alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann. Und wie die Anstrengungen der Brauteltern, dass davon niemand etwas mitbekommt, immer absurderer Formen annehmen. Sind es in „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“ eine Leiche, eine Lebensmittelvergiftung und ein gestohlenes Auto, welches die Hochzeit in eine einzige Katastrophe zusteuern lässt, ist es hier ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit und die Besessenheit des Bräutigams, welche unbedingt verschwiegen werden muss.

Während „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“ als Komödie begann, die immer finsterere Töne anschlug, so ist „Dibbuk“ zunächst einmal recht humorlos, gönnt sich aber mit erhöhtem Alkoholpegel einige launige Einsprengsel. Die große Ähnlichkeit zwischen „Dibbuk“ und „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“ ist kein Zufall. Beide Filme sind von einem berühmten polnischen Stück „Wesele“ (dt. „Hochzeit“) inspiriert, welches Ende des 19. Jahrhunderts von Stanisław Wyspiański geschrieben wurde und eine Hochzeit beschreibt, die als Metapher für das polnische Volk gedacht ist. Andrzej Wajda hat es bereits 1973 verfilmt. Und wie die Hochzeit (polnisch: Wesele) in dem Film 2004 dann eine Allegorie auf die Korruption im Land darstellt, ist es in „Dibbuk“ die unterdrückte Vergangenheit, in der es auch polnische Bürger waren, die im zweiten Weltkrieg ihre jüdischen Nachbarn an die Nazi verraten oder kurzerhand selber umgebracht haben, um an ihren Grund und Boden zu kommen. Ein düsteres Kapitel, dass in den letzten Jahren in vielen polnischen Film thematisiert wurde. Allen voran in dem kraftvoll-depremierenden „Poklosie“.

Regisseur Marcin Wrona zeigte in „Dibbuk“ ein großes Talent eindringliche, ebenso drastische, wie poetische Bilder zu schaffen. Sein Selbstmord mit nur 42 Jahren, kurz nach Beendigung des Filmes, reißt eine große Lücke in die Reihe der vielversprechenden, jungen polnischen Filmemachern. In der Rolle des Bräutigams glänzt der Israeli Itay Tiran, der zuvor neben eigen israelischen, auch in deutschen Produktionen zu sehen war. Es gelingt ihm, die Rolle des Besessenen immer auf der Messerschneide zwischen beunruhigend und lächerlich zu halten. Denn, dass Piotr von einem weiblichen Geist besessen ist und mit hoher Stimme auf jiddisch redet, könnte auch schnell ins Alberne umschlagen. Tut es aber nicht. Ebenso muss man Agnieszka Zulewska in der zunächst sehr undankbaren Rolle der Braut Zaneta ein großes Kompliment aussprechen. Anfangs ist sie eher ein Ausstattungsstück, welches in dem Drama keine besondere Rolle zukommt, außer eben die Braut zu sein. Doch dann entwickelt sie sich in der zweiten Hälfte immer mehr zu einem eigenständigen Charakter, der die Handlung vorantreibt und vor allem auch Stärke zeigt. Eine Veränderung, die man ihr zunähst nicht zugetraut hätte.

„Dibbuk“ nutzt die Metapher der „Hochzeit“/“Wesele“, um ein Polen zu zeigen, welches sich strikt weigert, die eigene Vergangenheit und die Verbrechen an den Juden aufzuarbeiten. Im Gegenteil, es hat sich nichts geändert und die Seelen der Opfer können nicht auf Vergebung und Ruhe hoffen. Toll gefilmt und treffend besetzt ist „Dibbuk“ aber weder die vom deutschen Kinotitel „Eine Hochzeit in Polen“ suggerierte Komödie, noch der im internationalen Titel „Demon“ anklingende Horrorfilm, sondern ein dunkler und deprimierender Film, der sich mit einem finsteren Kapitel der polnischen Geschichte und die Unfähigkeit sich dieser zu stellen, beschäftigt.

Die Blu-ray aus dem Hause Donau Film weißt ein sehr gutes Bild und einen guten Ton auf. Insbesondere wenn der regen einsetzt, drückt man unwillkürlich auf Pause, um zu sehen, ob draussen ein Unter herrscht oder das aus den Lautsprechern kommt. Weitere Effekte werden aber nur sehr sparsam eingesetzt. Die polnische Originalfassung ist zu bevorzugen, da die Figuren Polnisch, Englisch und Jiddisch reden. Dieses Sprachgewirr versucht die  deutschen Fassung ebenfalls wiederzugeben, allerdings werden hier die in Englisch gesprochenen Passagen nicht nochmal übersynchronisiert, so dass man hier dann die Originalstimmen der Schauspieler mit deutschen Untertiteln hört. Deren echte Stimmen unterscheiden sich allerdings teilweise sehr stark von ihren Synrchonstimmen in der  eher schwachen  deutschen Sprachfassung.  Ärgerlich ist zudem, dass es bis auf Trailer keine weiteren Extras gibt.

DVD-Rezension: „Der Student von Prag“

Von , 13. Dezember 2016 16:57

student-von-prag_Prag, um 1820: Balduin (Paul Wegener) ist der „beste Fechter und wildeste Student“ der Stadt. Sein exzessiver Lebensstil hat ihn allerdings in den Bankrott getrieben. So nimmt er das Angebot des geheimnisvollen Scapinelli (John Gottowt) an, diesem für hunderttausend Goldgulden sein Spiegelbild zu verkaufen. Mit dem Geld versucht er dann, die Komtesse Margit Schwarzenberg (Grete Berger) zu erobern. Die in ihn verliebte Lyduschka (Lyda Salmonova) lässt er dafür links liegen. Etwas, was sich bald rächen soll…

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Der Student von Prag“ gehört zu jenen Stummfilmen, die ich wohl am Häufigsten gesehen habe. Dies in unterschiedlichen Fassungen und an den unterschiedlichsten Orten. Zuletzt bei der TV-Ausstrahlung der restaurierten Fassung 2014 auf Arte. Eben jene findet sich auch auf der vorbildlichen Doppel-DVD, die vom Filmmuseum München herausgebracht wurde. Wenn man dem sehr informativen Booklet Glauben schenken kann, sorgte eben diese Fassung auch für viel Streit hinter den Kulissen. So ging Wilfried Kugel, der als Rechteinhaber des Hanns-Heinz-Ewers-Nachlasses offensichtlich maßgeblich an der Restaurierung beteiligt war, im Zorn, da er mit der musikalischen Orchestrierung durch Bernd Thewes, sowie mit der langsameren Laufgeschwindigkeit nicht einverstanden war. Das Ende vom Lied war dann, dass Wilfried Kugel die Aufführung der Arte-Restauration untersagte. Auf der Doppel-DVD finden sich aber nun zwei Versionen des Filmes. Die für Arte hergestellte Fassung mit einem Orchesterscore und einer verlangsamten Laufgeschwindigkeit, sowie die scheinbar von Kugel bevorzugte, etwa schneller Fassung mit einem Piano-Score. Die Musik selber wurde 1913 von Josef Weiss für den Film komponiert. Es handelt sich hierbei also um eine zeitgenössische Originalmusik. Neben diesen beiden Versionen, kann man sich noch die US-amerikanische, nur 41 Minuten dauernde Fassung ansehen, welche bis vor Kurzem noch die einzige auf DVD Verfügbare war.

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Rätselhaft bleibt, wer letztendlich „Der Student von Prag“ inszeniert hat. Während die DVD den Autoren Hanns Heinz Ewers als alleinigen Regisseur aufführt, hatte ich den Film immer seinem Hauptdarsteller Wegener – der später den berühmten „Der Golem, wie er in die Welt kam“ drehen sollte zugeordnet. In manchen Quellen taucht auch der dänische Regisseur Stellan Rye auf. In der IMDb wird er neben Wegener als Co-Regisseur geführt. Wie dem auch sei, „Der Student von Prag“ war ein Meilenstein der Filmgeschichte. Trotz seiner sehr frühen Entstehungszeit.1913 war das Kino ja gerade mal 18 Jahre alt und technisch revolutionäre Filme wie „Die Geburt einer Nation“, der ja als Beginn des modernen Kinos gilt, waren auch noch zwei Jahre entfernt. Natürlich hat „Der Student von Prag“ noch viel Theaterhaftes, vor allem bei den Sets, die sehr eindeutig als Bühnen erkennbar sind. Doch es wurden auch schon viele Außenaufnahmen an Originalschauplätzen im alten Prag verwendet. Auch die Kameratricks sind noch heute höchst beeindruckend. Die Aufnahmen in denen Balduin mit seinem bösen Ich konfrontiert wird, müssen dem Publikum damals ähnlich den Atem haben stocken lassen, wie die revolutionären CGI-Effekten in „Terminator 2“ oder „Jurassic Park“ den Zuschauern Anfang der 90er Jahre.

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Hauptdarsteller Paul Wegener war bei den Dreharbeiten bereits 39 Jahre, was man ihm auch ohne weiteres ansieht. Daher ist er nicht gerade die Idealbesetzung für den jungen Studenten, aber darüber lässt sich leicht hinweg sehen. Nimmt man als Maßstab, dass das Schauspiel der Akteure 1913 noch sehr theatralisch war, nimmt sich Wegener sogar recht zurück. Vor allem, wenn man ihn mit seinem Gegenspieler, den von dem Österreicher John Gottowt gespielten Scapinelli, vergleicht. Gottowt legt seinen Scapinelli allerdings recht übertrieben an und wirkt wie ein fleischgewordener Springteufel, was aber wiederum durchaus zu seiner Rolle passt. Hanns Heinz Ewers Drehbuch ist ganz der schwarzen Romantik verschrieben, in der Nachfolge eines E.T.A. Hoffmann, den der damals enorm erfolgreiche Autor fanatischer Romane (wie „Der Zauberlehrling“ und „Alraune“) auch als Vorbild bezeichnete. Damit kommt ihm auch die Ehre zuteil mit seiner Faust-ischen Geschichte einer der ersten deutschen Horrorfilme, ja Horrorfilme generell, zu sein. Zwar wirkt „Der Student von Prag“ aus heutiger Sicht hier und dort etwas holprig, aber zieht man den Umstand in Betracht, dass sich hier unerfahrene Filmemacher (egal, ob nun Ewers, Wegener oder Rye hauptsächlich Regie führten – alle drei hatten vor 1913 noch keinen Film gedreht) an einem noch sehr jungen Medium versuchten, dann ist das Ergebnis schlichtweg enorm.

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„Der Student von Prag“ ist ein Meilenstein der Filmgeschichte und liegt nun erstmals in seiner vollständigsten und schönsten Form auf DVD vor. Hanns Heinz Ewers Geschichte des Studenten Balduin bedient sich frei bei Elementen aus der „Faust“-Geschichte, ebenso wie bei Edgar Allen Poe und E.T.A. Hoffmann. Das der Film teilweise noch etwas unfertig und unfokussiert wirkt (wie eine für die Handlung nicht wichtige, sehr in die Länge gezogene Fuchsjagd)  liegt daran, dass hier noch mit dem jungen Film experimentiert wurde und die Filmemacher noch über keine keine große Erfahrung mit dem Medium hatten. Die Trickeffekte sind aber auch heute noch überzeugend.

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Die Edition Filmmuseum hat mit der Veröffentlichung von „Der Student von Prag“ mal wieder eine tolle Arbeit hingelegt, die vollkommen Zurecht mit dem Willy-Haas-Preis für bedeutende internationale Publikationen zum deutschsprachigen Film bzw. zum Film in Deutschland prämiert wurde. Wie oben bereits beschrieben, liegt der Film auf zwei Scheiben in drei verschiedenen Versionen vor, die sich in Musik, Vorführgeschwindigkeit (und im Falle der US-Version auch in Länge) unterscheiden. Ferner wurde als Bonus noch der Kurzfilm „Die ideale Gattin“ (16 Minuten) beigelegt, bei dem wiederum Hanns Heinz Ewers zusammen mit einem gewissen Marc Henry Regie führt und ein junger Ernst Lubitsch eine kleine Nebenrolle spielt. Ansonsten spielen in dieser kurzen burlesken Komödie noch Grete Berger und Lyda Salmonova mit, die ja beide auch beim „Student von Prag“ dabei sind. Das informative Booklet enthält u.a Texte von Ewers über das Kino und eine Erklärung zu den unterschiedlichen Versionen. Im CD-Rom-Teil (ja, so etwas gibt es noch) findet man das Originalskript, das Programmheft, Werbematerial und noch einiges mehr.

DVD-Rezension: „Desierto – Tödliche Hetzjagd“

Von , 1. Dezember 2016 20:56

desiertoDer Mexikaner Moises (Gael García Bernal) versucht heimlich über Grenze in die USA zu gelangen. Doch kurz vor der Grenze, mitten im Niemandsland, gibt der Truck der Schleuserbande plötzlich seinen Geist auf. So muss sich eine Gruppe illegaler Immigranten zu Fuß durch die unwirtliche Wüste schlagen. Doch kaum haben sie die Grenze passiert, werden sie von einem Scharfschützen (Jeffrey Dean Morgan) aufs Korn genommen, der es sich zum Ziel gesetzt hat, keine Mexikaner in „sein Land“ zu lassen…

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Nachdem er gerade noch mit seinem Vater Alfonso das Drehbuch zu dessen Hit „Gravity“ geschrieben, realisierte der Mexikaner Jonás Cuarón nun im Alleingang seinen zweiten Spielfilm. Bei „Desierto“ handelt es sich um eine kleine, unaufwändige Produktion, die der typischen, schnörkellosen Narrative eines klassischen B-Western folgt. Zwei Personen auf der Flucht, ein Jäger, die ebenso beeindruckende, wie feindliche Umwelt. Mehr braucht Cuarón nicht für seinen Film. Dass die Gruppe um Protagonist Moises (get it?) zunächst noch größer ist, dient allein dazu, einerseits die tödliche Entschlossenheit seines Gegners zu bestätigen, und andererseits genug Figuren zu haben, die den Stellvertretertod für den im Zentrum des Filmes stehenden Moises sterben können. Eine größere charakterliche Zeichnung wird der Beute des skrupellosen Jägers nicht zugestanden. Allerdings hält sich Jonás Cuarón auch bei seinen drei Protagonisten diesbezüglich stark zurück, was dem Film durchaus gut tut. Von Moises und Adela erfahren wir nur das allernötigste. Moises war bereits einmal in Amerika gewesen, ist hier aber durch unglückliche Umstände mit dem Gesetz in Konflikt geraten und abgeschoben worden. Nun will er zurück zu seiner Familie, die sich noch immer in Amerika aufhält. Adela wurde von ihren Eltern sanft gezwungen über die Grenze zu gehen, um im gelobten Land USA ein besseres Leben zu haben.

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Mehr muss man auch nicht wissen. Weitere Informationen hätten den sehr kompakten Filme nur zerredet und künstlich in die Länge gezogen. Es tut gut, dass Jonás Cuarón hier ökonomisch vorgegangen ist und alles überschüssige Fett abgeschnitten hat. Von seinem Antagonisten Sam gibt er sogar noch weniger preis. Weder Motivation, noch Hintergründe der Figur werden erklärt. Aus seinen Handlungen kann man ableiten, dass er Ausländer hasst und sein Land vor ihnen „verteidigen“ will. Auch, dass er eine tiefe Abscheu vor Autoritäten hat und für ihn „sein Land“ nicht mehr sein Land ist. Mit diesen Voraussetzungen hätte Sam auch gut als unmenschliche, gefühlskalte Killermaschine inszeniert werden können. Doch Cuarón geht zusammen mit seinem hervorragenden Schauspieler Jeffrey Dean Morgan einen anderen Weg. Trotz seiner verabscheuungswürdigen, unentschuldbaren Grausamkeiten, ist Sam doch nie ein entmenschlichter Bösewicht, der mit der stumpfen Effizienz eines Slashers oder der diabolischen Intelligenz eines (Film)-Serienmörders oder Superschurken vorgeht. Sam bleibt immer Mensch und gerade das macht einen so fassungslos. Das Böse ist keine schier übermenschliche Kraft, sondern ein schwitzender Typ aus Fleisch und Blut, der aus irgendwelchen verqueren Gründen glaubt, das Recht auf seiner Seite zu haben und etwas „Gutes“ zu tun. Das erschreckt gerade in den heutigen Zeiten sehr viel mehr, als ein unheimlicher Butzemann.

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Die Schwächen des Filmes bestehen in den Klischeefallen, in die er immer wieder tappt. Natürlich ist Hauptdarsteller Gael García Bernal ein guter bis sehr guter Schauspieler. Natürlich verkörpert er den verzweifelten Helden glaubwürdig und man fiebert gerne mit ihm mit. Doch Bernal ist eben auch immer ein netter Junge. Prädestiniert für den freundlichen, sich immer wieder für die Anderen einsetzender Kumpel. Während sein Gegenspieler Sam durchaus ambivalente Gefühle hervorbringt (in einem anderen Film hätte er auch gut und gerne ein cooler, abgeklärter Westernheld sein können), so ist Moises eindeutig als ein Guter ohne große Ecken und Kanten gezeichnet, wodurch seine Figur auch flach und langweilig ist. Und wenn er dann doch einmal überraschend aus seinem engen Rollenbild ausbricht, dann kann man fest davon ausgehen, dass er seinen Egoismus umgehend korrigiert und doch gleich wieder seiner Mit-Flüchtenden hilfreich zur Seite steht. Zudem nervt es, dass dem todsicheren Schützen Sam, der es ohne große Anstrengung schafft aus einem Kilometer Entfernung seinem armen Opfer durch das Auge zu schießen, urplötzlich seine eiskalte Präzision verliert, wenn er auf den Helden anlegt. Da trifft er dann aus zwei Metern Entfernung kein Scheunentor mehr. Natürlich wäre der Film zu ende, wenn Sam nicht immer wieder unter diesem eklatanten Mangel an Zielwasser leiden würde. Doch so spielt der Film derart vehement mit dem „Zufall“, dass es durchaus ärgerlich ist.

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Neben den nominellen Hauptdarstellern spielt in „Desierto“ die beeindruckende Naturkulisse eine wichtige Rolle. Die Wüste, die mächtigen, bizarr geformten Felsen, die Kakteenfelder. Sie lassen das Grenzgebiet zu Mexiko zu einem bedrohlichen, ausserweltlichen Ort werden, in welchem der Mensch nichts zu suchen hat. Eine Hölle, mit welcher der tödliche Jäger förmlich verschmilzt, und die wie ein Teil seiner offensichtlich gestörten und absonderlichen Psyche wirkt. All dies wird von Damia Garcias hervorragender Fotografie eindrucksvoll festgehalten. Sie sorgt zusammen mit der großartigen, immer weiter vorwärtstreibenden Musik von Woodkid (die hätte ich gerne auf CD) für ein spannendes, optisch wie akustisch eindrucksvolles Erlebnis. Nicht nur deshalb ist die Wahl Mexikos, gerade „Desierto“ in das Oscar-Rennen um den besten fremdsprachigen Film zu schicken, nachvollziehbar. Der andere Grund dürfte ein kräftiger Seitenhieb auf die Pläne des frisch gekürten Präsidenten Trumps sein, Mexikaner notfalls mit einer unüberwindbaren Mauer daran zu hindern, in „sein geliebtes Land“ einzudringen.

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Ein spannender, optisch und akustisch eindrucksvoller Film mit einem interessanten, von Jeffrey Dean Morgan sehr physisch gespielten Antagonisten, welcher allerdings unter allzu vielen vermeidbaren Klischees leidet und einen vielschichtigeren Helden hätte gebrauchen können.

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Wie eigentlich immer bei Ascot elite ist das Bild für eine DVD sehr gut. Das Bild so scharf, dass man auch bei dingen die in weiter Entfernung sind Details sieht. Auch der Ton weiß zu überzeugen und gerade das Zusammenspiel zwischen Geräuschen, Dialogen und der tollen Filmmusik überzeugt. Gar nicht berzeugt leider mal wieder die Bonus-Sektion. dann hier gibt es bis auf den Trailer nichts zu sehen.

Blu-ray-Rezension: „Scherzo Diabolico“

Von , 16. November 2016 20:48

scherzo-diabolicoDer Angestellte Aram (Francisco Barreiro) ist wirklich nicht zu beneiden. Sein Vorgesetzter (Jorge Molina) lässt ihn ständig Überstunden machen, doch ohne, dass Aram dafür irgendeine Anerkennung in Form einer Beförderung oder mehr Lohn bekäme. Dafür darf er sich dann Zuhause regelmäßig von seiner unzufriedenen Ehefrau runter putzen lassen. Eines Tages entführt Aram scheinbar ohne weiteren Grund ein junges Mädchen (Daniela Soto Vell) und hält es in einer abgelegenen Lagerhalle gefangen. Während das psychisch labile Mädchen dabei durch die Hölle geht, scheint sich Arams Leben tatsächlich zum Besseren zu wenden…

Aus Mexiko kommen derzeit viele spannende Genrefilme. Gerade erst sorgt „We Are the Flesh“ für Kontroversen zwischen Jubel und Abscheu. Einer der neuen Wilden aus Mexiko ist Adrián García Bogliano, dessen hochinteressanter „Here Comes the Devil“ erst kürzlich auch eine Deutschland-Veröffentlichung erfuhr. Ein an die paranoiden Terrorstreifen der 70er Jahre gemahnender Horrorfilm, der auch als intensive Allegorie auf das Erwachsenwerden der eigenen Kinder funktioniert. Auch sein neuer Film „Scherzo Diabolico“ hat nun den Sprung über den großen Teich geschafft. Hierzulande wird er von seinem Label Donau Film allerdings ziemlich aggressiv als Rape ’n Revenge mit Schulmädchen vermarktet. So darf sich die Darstellerin des entführten Mädchens, Daniela Soto Vell, auf dem Backcover der DVD im Lolita-Look und lasziv mit einem Lollypop im Mund, an der Kette winden. Ob das ein potentielles SM-Klientel anlocken soll? Auf jeden Fall ist diese Bewerbung natürlich mal wieder ziemlicher Quatsch.

Tatsächlich beginnt „Scherzo Diabolico“ zunächst als eher ruhiger Thriller. Aram, vermutlich ein Angestellter in einer großen Kanzlei, hat – aus welchen Gründen auch immer – ein Mädchen entführt. „Rape“ kommt aber Gottseidank nicht vor. Allerdings merkt man schon, dass Aram sich daran aufgeilt, die Arme zu erniedrigen. Auch wenn er sich nach erledigter Aufgabe erst einmal kräftig übergeben muss. Boglianos Stärke zeigt sich darin, dass er nicht alles ausformulieren muss. So bleibt beispielsweise die Frage, was er da eigentlich genau beruflich macht, unbeantwortet. Obwohl man den Eindruck gewinnt, dass er in einer Rechtsanwaltskanzlei arbeitet, könnte es auch eine mafiöse Organisation sein. Oder vielleicht eine staatliche Stelle. Der Interpretation sind Tor und Tür geöffnet, ohne dass dieses Vage die Handlung stören würde. Es sorgt aber dafür, dass der Zuschauer in eine permanente Spannung versetzt wird. Auch wird zunächst jede Information dazu verweigert, was Arams Beweggründe sind, das Mädchen zu entführen und gefangenzuhalten. So kann man sich dann auch bei jeder Begegnung zwischen dem im Grunde sympathischen Aram und dem zunehmend aggressiver und panischer reagierenden Mädchen nicht wirklich sicher sein, was passieren – und wer der Leidtragende sein wird.

Zunächst beschränkt sich Bogliano darauf, das Leben seiner Hautfigur zu zeigen. Dieses spielt sich zwischen seinem immer fordernder auftretenden Chef, seiner keifenden Ehefrau, den routinemäßigen Treffen mit einer Prostituierten und dem Beginn einer Affäre mit der Sekretärin ab. Das alles wird ganz unaufgeregt, in seinem Ton beinahe schon ganz nah an einer schwarzen Komödie dran, gezeigt. Allerdings versäumt es Bogliano bei aller Zurückhaltung nicht, stets auch beunruhigenden Untertönen mitschwingen zu lassen. Was durch den effizienten und tief ins Ohr dringenden Soundtrack von Sealtiel Alatriste noch verstärkt wird. Aber auch die vielen wundervollen Stücke mit klassischer Musik, die mit einem rasiermesserscharfen Gespür für den richtigen Ton ausgesucht wurden, tragen zu dieser dispersiven Wahrnehmung bei.

Im letzten Drittel seines Filmes wartet Bogliano dann mit einem recht gelungenen Plot-Twist auf, den man sich als erfahrener Vielgucker sicherlich schon hat kommen sehen, der aber nicht aufgesetzt und in seinen Konsequenzen durchaus logisch daherkommt. Von hier aus hätte es Bogliano dann viele interessante Wege gegeben, die Handlung fortzuführen. Er entscheidet sich aber für die Blutwurst und bricht damit den Ton des Filmes zugunsten eines recht drastischen Gematsches, welches Gorehounds sicherlich zufrieden und zu Jubelschreien hinreißen wird. Im Gesamtkontext wirkt das große Finale allerdings wie ein Fremdkörper. Ein ähnliches Problem bestand schon bei „Here Comes the Devil“, als Bogliano bei einer Mordszene kurzzeitig alle Gäule durchgingen, die Szene sich dadurch aber nicht schockierend, sondern sich unangenehm selbstzweckhaft anfühlte. In „Scherzo Diabolico“ lässt er nun eine der Hauptfiguren plötzlich – oder zumindest unter einem sehr dünnen Vorwand – in einen mörderischen Racheengel mit fast schon übernatürlichen Fähigkeiten mutiert. Das wirkt dann alles recht erzwungen und will nicht so recht zum restlichen Film passen. Das ist dann halt nur banaler Splatter. Schade. Dafür ist das Ende dann aber hübsch konsequent geworden.

Während sich Adrián García Bogliano sich zunächst die Zeit nimmt, seinen Film und die Figur des Aram ruhig und unaufgeregt aufzubauen, haut er im letzten Dritten vielleicht etwas zu kräftig auf den Putz. Da kippt dann sein cleverer und von einer gewissen Leichtigkeit geprägter Thriller in eine deftige Schlachtplatte, welche vielleicht die einen jubeln und die anderen sich die Hand vor die Stirn schlagen lassen.

Die Blu-ray besitzt ein sehr ordentliches Bild. Nur am Anfang stört ein leichtes Ruckeln, was aber auch am Ausgangsmaterial (einen Drohnenflug) liegen kann. Ansonsten beseht kein Grund zum Meckern. Der Ton ist sehr effektiv eingesetzt und nutzt alle Lautsprecher. Besonders schön ist dies bei den klassischen Klavierstücken, welche sehr voll und voluminös klingen. Die deutsche Synchro ist eher „na ja“, hier ist der O-Ton definitiv zu bevorzugen. Auf einer weiteren Tonspur befindet sich der (englische) Audiokommentar, allerdings ohne Untertitel. Neben einem Musikvideo, gibt es noch drei Featurettes. In „A Diabolical Joke“(25 Minuten) erzählt der Kameramann sehr interessant und detailreich von seiner Arbeit. In „Behind Every Weak Man“ stellen die weiblichen Darstellerinnen den Film und ihre Rollen vor und in „The Mephisto Waltz“ berichtet Sealtiel Alatriste davon, wie es dazu kam, dass er den Soundtrack komponieren durfte.

DVD-Rezension: „Ausgeburt der Hölle“

Von , 10. November 2016 20:38

ausgeburtEine außerirdische Intelligenz will im Alleingang die Erde erobern. Dazu will es zunächst die Gedanken der Tiere und der nicht ganz so klugen Menschen kontrollieren. Sein Raumschiff geht in der Ödnis der kalifornischen Wüste nieder. Dort hält sich die Familie Kelley gerade so mit ihrer Dattelplantage über Wasser. Besonders die Frau des Hauses, Carol (Lorna Thayer) leidet unter der schlechten Lage und der Einsamkeit so weit draußen. Ihr Frust entlädt dabei sich immer wieder an der Tochter Sandra (Dona Cole). Und dann gibt es noch „Er“, ein stummer Farmarbeiter (Leonard Tarver) der in einem Schuppen lebt. Bald schon kommt es zu unerklärlichen Vorfällen: Die Tieren greifen die Menschen an! Als der Nachbar der Kelleys seiner Kuh zum Opfer fällt, versucht Familienvater Allan Kelley (Paul Birch) Hilfe zu holen…

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Ausgeburt der Hölle“ ist eine jener 50er-Jahre-Billig(st)-Produktionen, die Roger Cormans Ruf als einfallsreicher und effizienter Produzent festigten. Der Film macht große Versprechungen – laut Originaltitel soll er von einer „Bestie mit einer Million Augen“ handeln – die natürlich nie eingehalten werden. Die titelgebende „Ausgeburt der Hölle“ stellt sich als niedliche Puppe heraus, die keine 50cm groß ist. Die „Millionen Augen“ als telepathische Fähigkeiten, die sich aber nur auf Tiere und geistesschwache Menschen anwenden lässt. So fällt „Ausgeburt der Hölle“ dann prinzipiell mehr in die Rubrik Tierhorror, auch wenn hier nur Vögel (fast immer offscreen), eine Kuh, ein Hund und der merkwürdige Typ im Schuppen unter den Einfluss einer teuflischen, außerirdischen Intelligenz fallen. Dabei kann man dann erleben, dass Kühe sich wahrlich nicht besonderes für Grusel und Schrecken eignen. Ebenso wenig wie Hunde, die freudig mit dem Schwanz wedeln, wenn sie angeblich Menschen bedrohen.

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Das fehlende Budget merkt man an allen Ecken und Enden. Dass der sinistere Außerirdische als Ausgangspunkt für seine Invasion keine Großstadt, sondern ein gottvergessenes Fleckchen Erde irgendwo im Niemandsland wählt, ermöglicht es Corman und seinen „Einmal und nie wieder“-Regisseur David Kramarsky – von Haus aus eigentlich Produzent – das Ganze als Kammerspiel mit sehr reduziertem Personal zu drehen. Die Darsteller bemühen sich dann auch redlich, die dünne Geschichte und die teilweise haarsträubenden Dialoge mit einem souveränen Ernst zu füllen. Allerdings lässt sie dabei das von Tom Filer verfasste Drehbuch ein ums andere Mal im Stich. So wird die Mutter zunächst als frustrierte Ehefrau mit eifersüchtigem Hass auf die Tochter eingeführt, nur um diesen potentiell spannenden Konflikt schnell wieder zu vergessen. Der Vater darf das Hohelied auf die amerikanischen Familienwerte anstimmen und dass er seine Frau und Tochter allein mit einem unheimlichen Kerl, der der Tochter heimlich nachstellt und in seinem Schuppen unzählige Pin-Up-Poster anstarrt, zurücklässt, ist auch weniger glaubhaft.

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Doch um Glaubhaftigkeit geht es hier auch gar nicht, sondern um Ökonomie. Und wie hier mit den nicht vorhandenen Mitteln umgegangen wird, nötigt einem doch einigen Respekt ab. Auch wenn das Resultat eher komisch als gruselig geraten ist. Die schönste Innovation ist es da sicherlich, dass das unheimliche Funkeln in den Augen der unter Einfluss stehenden Tiere, durch einfaches Zerkratzen des Filmmaterials entstand. Und dass der Höhepunkt der außerirdischen Bedrohungsszenarien – ein Angriff tausender Vögel auf einen Pick-Up-Truck – einfach nur erzählt, aber nicht gezeigt wird. Das muss man sich auch erst einmal trauen. Trotz seiner kurzen Spielzeit von nur 75 Minuten muss man „Ausgeburt der Hölle“ allerdings auch einige Längen attestieren, die daraus resultieren, dass man die Zeit mit Elementen des Familiendramas strecken wollte, was leider gar nicht funktioniert.

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Mehr ein faszinierendes Stück Filmgeschichte als ein wirklich guter Film. „Ausgeburt des Bösen“ ist ein Paradebeispiel für die Ultra-Low-Budget Filme der 50er, für das Schüren von falschen Erwartungen durch Titel und Werbung, sowie der Kunst ohne Geld doch irgendwie einen Film auf die Beine zu stellen. Für den geneigten Filmfreund daher durchaus interessant.

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Der Film ist als Nummer 4 in der Anolis-Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“ erschienen. Die Bildqualität ist erstaunlich gut. Viel besser, als es der Film eigentlich verdient. Was die Extras angeht, so hat Anolis dem Film gleich zwei Audiokommentare spendiert. Einen mit Wicked-Vision-Chef Daniel Peree und Ingo Strecker. Und der zweite mit Dr. Rolf Giesen. Neben der deutschen Kinofassung ist noch die amerikanische Kinofassung enthalten, die sich beide minimal voneinander unterscheiden. Der „Bonus“ der deutschen Fassung ist es vor allem, dass sich hier die leuchtenden Augen der besessenen Tiere finden, welche durch ein zerkratztes Negativ entstanden. Ferner gehören zu den Extras noch eine animierte Bildergalerie mit seltenem Fotomaterial, sowie der deutsche und der amerikanische Trailer zum Film. Ein 16-seitiges Booklet von Ingo Strecker mit vielen Abbildungen und interessanten Hintergrundinformationen runden die Veröffentlichung ab.

Blu-ray-Rezension: “Der Pirat von Shantung”

Von , 2. November 2016 20:46

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Ma Yung Cheng (Cheng Kuan-Tai) ist ein armer Bauernsohn aus der Provinz Shantung, der mit seinem Freund Hsiao Chiang-pei (Cheng Kang-Yeh) nach Shanghai kommt, um hier sein Glück zu machen. Hier geraten sie schnell zwischen die Fronten, denn die Stadt ist zwischen den beiden Gangsterbossen Yang (Nan Chiang) und Tan Sze (David Chiang) aufgeteilt. Der böse Yang nutzt die „vier Meister“, um seinen Teil der Stadt unter der Knute zu halten. Als Ma Yung Cheng einen der Meister besiegt, ist der Konflikt vorprogrammiert. Tan Si hingegen ist ein ehrenvoller Gangster und wird schnell zum Vorbild für Ma. Nachdem Ma ihn mit seinen Kampfkünsten und seiner unerschütterlichen Ehre beeindruckt hat, überlässt ihm Tan Si ein kleinen Teil seines Gebiets. Ma klettert die Gangsterkarriere-Leiter schnell herauf und ist sehr beliebt. Doch Yang schmiedet bereits einen teuflischen Plan, um Ma Yung Cheng und Tan Si für immer loszuwerden.

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

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Mit „Der Pirat von Shantung“ startete Cheng Kuan-Tai seine langlebige Karriere bei den Shaw Brothers. Zuvor auf kleine Neben- und Statistenrollen beschränkt, konnte der hochtalentierte Kämpfer nun in seiner ersten Hauptrolle zeigen, dass er locker einen ganzen Film allein tragen kann. Wobei er hier noch prominente Hilfe in Gestalt von David Chiang bekommt. Dieser spielt die kleine, aber sehr prägnante Nebenrolle eines Gangsterbosses, der dem von Cheng Kuan-Tai gespielten Ma Yung Cheng als Idol und Vorbild dient. Gegenüber dem sehr physischen, bodenständigen Cheng Kuan-Tai, der einen stoischen, rauen Schauspielstil mitbringt, hebt sich David Chiang nicht nur durch seine extrem geschmackvolle Kleidung und ein gewinnbringendes Lächeln hervor. Wenn es daran geht, Füße und Fäuste zu schwingen, so ist es eine Freude beiden zuschauen. Wobei Cheng Kuan-Tais Stil kraftvoller und athletischer wirkt, während Chiang mehr geschmeidig und tänzerisch daherkommt. Für die Rolle des Ma Yung Cheng kann man sich kaum einen besseren als Cheng Kuan-Tai vorstellen, der mit stoischer Wucht und einer gewissen bäuerlichen Naivität durch Shanghai pflügt. Die damals ausgesprochen populären Darsteller David Chiang und Ti Lung wären hier vollkommen fehl am Platze gewesen, Allenfalls Alexander Fu-Sheng könnte man sich noch als „Pirat von Shantung“ vorstellen, aber dessen Zeit war noch nicht gekommen.

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„Der Pirat von Shantung“ war eine der erfolgreichsten Produktionen der Shaw Brothers und legte den Grundstein zu einer ganzen Flut von Filmen, die sich mit Aufstieg und Fall eines Gangsterbosses beschäftigten. Cheng Kuan-Tai selber sollte noch im selben Jahr wieder auf die Straßen von Shanghai zurückkehren, um im Sequel „Der Mann mit der Tigerpranke“ nochmals einen aufstrebenden Gangsterboss zu spielen. Trotz der epischen Dauer von 130 Minuten schafft es der Film, durch ein durchgehend hohes Tempo keine große Längen aufkommen zu lassen. Positiv fällt dabei auf, dass die Story nicht primär dazu dient, einzelne Kampfszenen miteinander zu verbinden, sondern sich diese organisch aus der Handlung ergeben. Was aber nicht heißen soll, dass die Kämpfe nicht spektakulär wären. Besonders in Erinnerung bleibt der exotische Kampf zwischen Cheng Kuan-Tai und dem riesigen Italiener Mario Milano, der schon ein wenig den legendären Fight zwischen Bruce Lee und Kareem Abdula Jaba in „Bruce Lee – Mein letzter Kampf“ vorweg nimmt. Herzstück ist aber das 15-minütge Finale, welches zu den blutigsten, brutalsten und spektakulärsten Schlachtszenen gehört, die je in den Shaw Brothers Studios entstanden sind. Hier spritzt der rote Lebenssaft als ob damit das ganze Studio undekoriert werden sollte. Und Cheng Kuan-Tais Ma Yung Cheng beweist Nehmerqualitäten und Steh-Auf-Mentalität, die ihres Gleichen sucht.

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Regisseur Chang Cheh teilte sich bei diesem Film den Regiestuhl mit Choreograph Hsueh Li Pao (wobei auch der spätere Regiesuperstar John Woo hier als Regieassistent beteiligt war, ebenso wie der später berüchtigte Viel- und Billigfilmer Godfrey Ho). Angeblich schoss Chang Cheh aufgrund seines engen Terminkalenders nur die Nachtszenen, während er die Tagszenen seinem, in den Titeln unerwähnten, Co-Regisseur überließ. Auch wenn dem so sein sollte, „Der Pirat von Shantung“ ist ein echter Chang Cheh geworden. Nicht nur, was das blutige Todesballett und die routiniert-stilsichere Inszenierung angeht. Auch liegt Chang Chehs Fokus wieder mehr auf den Männerfreundschaften, als auf der hastig eingeflochtenden Liebesgeschichte, die sich nie wirklich entwickelt. Was sehr schade ist, denn mit Li Ching hatte man eine gute und charismatische Darstellerin zur Hand. Hier wird sie aber auf den Status eines dekorativen Ausstattungsstückes reduziert. Lediglich in einer Szene, wenn unser Held in einem Bordell zu sehr dem Alkohol frönt und seine Geliebte in eine der dortigen Damen hinein imaginiert, wird überhaupt darauf Bezug genommen, dass sich dort zarte Bande bilden. Sehr viel sorgfältiger wird da die gegenseitige Faszination zwischen Ma Yung Cheng und dem „guten“ Gangster Tan Sze thematisiert, ja romantisiert. Ebenso wie die brüderliche Liebe zwischen Ma Yung Cheng und seinem besten Freund Hsiao Chiang-pei, der von dem auf diese Art von Rollen spezialisierten Kang-Yeh Cheng gespielt wird.

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„Der Pirat von Santung“ gehört nicht nur zu den erfolgreichsten Filmen des fleißigen Shaw Brothers Studios, sondern katapultierte den bis dahin unbekannten Cheng Kuan-Tai in die erste Liga der Kung-Fu-Stars. Zurecht, denn der Film liefert nicht nur die Blaupause für unzählige Nachahmer, sondern steuert zielsicher und trotz seiner Länge ausgesprochen kurzweilig einem extrem blutigen Finale zu, welches zu den spektakulärsten seiner Gattung gehört.

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Wie immer ist „Der Pirat von Shantung“ in der empfehlenswerten „Shaw Brothers Collector’s Edition“-Reihe als Blu-ray/DVD-Kombo erschienen. Das Bild der Blu-ray lässt keine Wünsche offen. Neben der alten deutschen Kinosynchronisation, ist noch eine 2. deutsche Synchronisation von 2005 mit dabei. Die alte deutsche Kinofassung war damals um satte 40 Minuten Handlung erleichtert worden. Wie das dann aussah, kann man man sich hier ebenfalls anschauen, denn die Kinofassung wurde auf Basis des neuen HD-Masters rekonstruiert und ist auf der Scheibe ebenfalls enthalten. Die Stellen, die damals für die deutsche Kinofassung nicht synchronisiert wurden, werden auf der „Kinofassung-Tonspur“ mit der Zweisynchronisation von 2005 aufgefüllt, was recht irritierend wirkt, da die Unterschiede echt deutlich zu hören sind. Bis auf ein Booklet mit Aushangfotos und Trailern gibt es keine weiteren Extras.

Bericht vom 23. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2

Von , 26. Oktober 2016 20:13

ol16_bAm zweiten Tag in Oldenburg stieß mein Weird-Xperience-Kollege Stefan zu mir und unser ähnlicher Filmgeschmack sorgte dafür, dass wir größtenteils dieselben Vorstellungen besuchten. Den Anfang machte ein walisischer Film im „Studio“. Ein Kino, welches ich bisher nicht kannte, und das seit diesem Jahr in der Kulturetage, gleich neben dem cineK, zu finden ist. Dafür wurde der Raum, in dem sich vor zwei Jahren noch die VIP-Lounge des Filmfestes befand, umgebaut. Man merkt deutlich, dass der sehr geräumige Raum ursprünglich nicht als Kino gedacht war, denn das Kino macht einen ähnlich „improvisierten“ Eindruck wie die Spielstätte im Theaterhof oder in der Exzerzierhalle. Aber die gerade im Gegensatz zur Exzerzierhalle sehr intelligent angebrachten Sitzreihen erlauben nicht nur einen hervorragenden Blick auf die große Leinwand, sondern sind auch sehr bequem. Etwas, was man durchaus zu schätzen weiß, wenn man im „Studio“ drei Filme hintereinander anschaut.

Regisseur Euros Lyn hat mit The Library Suicides seinen ersten Kinofilm realisiert. Vorher hatte er eine „Sherlock„- und diverse „Dr. Who“- und „Daredevil„-Episoden inszeniert. Das merkt man dann auch, da dem Film eine eigene Handschrift fehlt, und er tatsächlich auch stark an eine Folge einer ambitionierten TV-Serie erinnert. Das ist alles sehr professionell gemacht und schön fotografiert, aber sticht dabei nicht wesentlich aus ähnlich gelagerten, kompetent gefilmten Thrillern hervor. Punkten kann „The Library Suicides“ aber mit seinen wirklich lebendigen und liebenswerten Charakteren. Insbesondere Catrin Stewart spielt die optischen identischen, aber charakterlich sehr unterschiedlichen Zwillinge einfach sensationell gut. Aber auch Dyfan Dwyfor als sympathischer, etwas chaotischer Nachtwächter ist absolut liebenswert und lädt den Zuschauer ein, mit ihm mitzufiebern.

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Bericht vom 23. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1

Von , 25. Oktober 2016 20:37

ol16_aWie jedes Jahr, zog es mich auch in diesem September wieder in das schöne Oldenburg. Das mittlerweile 23. Internationale Filmfest rief, und ich folgte dem Ruf nur allzu gerne. Und der Ruf war in diesem Jahr ungewöhnlich laut. Festivalleiter Torsten Neumann war ein schier sensationeller Coup gelungen. Ließen die bisherigen Stargäste des Festivals vor allem cineastisch interessierte Besuchern das Wasser im Munde zusammenlaufen, hatte er diesmal einen absoluten Megastar an die Ems locken können: Nicolas Cage. Böse Zungen werden nun behaupten, dass Herr Cage seine glanzvolle Zeit schon lange hinter sich hätte und nun mit billigen, direkt für das Heimkino produzierten Filmchen seine Brötchen verdienen muss. Diejenigen vergessen allerdings, dass Nicolas Cage mit dem richtigen Regisseur und einem guten Drehbuch noch immer ein grandioser Schauspieler ist. Und die Filme, in denen er dem Affen ordentlich Zucker gibt, sind gerade auch wegen ihm immer noch unterhaltsam. Dieser sehr schöne Text von Thorsten Bruns bringt es gut auf den Punkt. Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

Auf jeden Fall sorgte Cage sowohl für positive, wie auch zumindest diskutierbare Begleiterscheinungen. Positiv sind auf jeden Fall die Schlagzeilen, die das Filmfestival Oldenburg damit auch überregional machte und der daraus resultierende, gewaltige Enthusiasmus in der Stadt. Überall hörte man die Menschen über Cage sprechen, und natürlich machten auch die Filmemacher in den Frage-und-Antwort-Runden immer wieder Bemerkungen über den Superstar. Und vor allem: Die Leute strömten ins Kino! Die Filme mit Nicolas-Cage-Beteiligung waren im Nu ausverkauft. Und das färbte auch auf das restliche Programm ab. Erstmals passierte es mir, dass mein sorgsam zusammengestellter „Guck-Plan“ in sich zusammenbrach, weil die Karten im Vorverkauf alle weg waren. Das war für mich persönlich zwar in diesem Fall negativ, aber für das Filmfest natürlich klasse. Und da ich hier einmal an der Abendkasse noch erfolgreich war und dort auf interessante Alternativen ausweichen konnte, war es am Ende auch gar nicht so schlimm.

Diskutierbar ist die übermächtige Strahlkraft eines Nicolas Cage, die beispielspielweise die nicht minder großartige Amanda Plummer (die eigentlich nirgendwo in der Berichterstattung mehr auftauchte) vollkommen in den Schatten stellte. Und auch der junge französische Filmemacher Christophe Honoré, dem die Retrospektive gewidmet war, bekam dadurch nicht die Plattform, die er verdient hätte. Das ist schade, aber am Ende dürfte die Freude über die gelungene Werbung und die Zuschauerzahlen überwiegen. Wie immer, war ich nur zwei volle Tage anwesend. Freitag und Samstag. Ersteren musste ich noch ganz allein bestreiten, da mein Weird-Xperience-Kompagnon erst am Samstag dazustoßen sollte, und ich am Freitag leider auch sonst kein bekanntes Gesicht erblicken konnte. Also stürzte ich mich zunächst allein ins Getümmel und machte mich auf Richtung Casablanca.

The Noonday Witch von Jiri Sádek ist eine tschechische Psychodrama-Horrorfilm-Melange. Eine alleinstehende Mutter zieht mit ihrer kleinen Tochter in jenes Dorf, aus der ihr Ehemann stammt. Wo sich dieser aufhält, erfährt man zunächst nicht. Die Mutter behauptet ihrer kleinen Tochter gegenüber, er würde zu Ostern zurück kommen. Doch man kann rasch erahnen, dass dies nicht stimmt. Tatsächlich Weiter lesen 'Bericht vom 23. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1'»

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