Category: DVD

Blu-ray Rezension: „Willard“

Von , 13. Juni 2018 09:59

Willard Stiles (Bruce Davison) ist ein 27-jähriger, ebenso stiller, wie zurückgezogener Mann, der noch immer bei seiner nicht minder problematischen Mutter (Elsa Lancaster) in einer Villa lebt, welche auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Zudem gibt es im Garten der Villa ein Rattenproblem. Als Willard von seiner Mutter aufgefordert wird, sich um dieses Problem zu kümmern, entwickelt er eine etwas ungesunde Faszination für die pelzigen Nager. Besonders die beiden intelligenten Ratten Sokrates und Ben haben es ihm angetan, und bald schon verbindet Mensch und Nager eine tiefe Freundschaft. Im Berufsleben läuft es für Willard allerdings weniger gut. Er arbeitet in der Firma seines verstorbenen Vaters, welche diesem aber bereits vor Jahren von Mr. Martin (Ernest Borgnine) abgenommen wurde. Mr. Martin duldet Willard zwar in seiner Firma, lässt aber kaum eine Möglichkeit aus, um ihn zu demütigen. Als Willards Rattenfamilie immer größer wird, und er nicht mehr weiß, wie er sie füttern kann, schmiedet er einen Plan, um sich mit Hilfe seiner vierbeinigen Freunde Geld zu beschaffen…

Willard“ war 1971 der Überraschungs-Hit im amerikanischen Kino und gilt als Wegbereiter des Tierhorrorfilms, der in den 70ern so richtig ins Rollen kam und mit „Der weiße Hai“ seinen Höhepunkt fand. „Willard“s enormer Einfluss und Erfolg verwundert etwas, denn rückblickend entpuppt sich „Willard“ als eher wenig spektakulär. Aber vielleicht liegt dies auch daran, dass sich die Sehgewohnheiten doch stark geändert haben und vor allen Dingen „Willard“s Nachfolger weitaus detailverliebter und brutaler zu Werke gingen. Allerdings sind die Szenen in denen sich gefühlt tausend Ratten aus Willards Keller ergießen wahrlich beeindruckend und dürften bei so manchem Ratten-Phobiker viele schlaflose Nächte verursachen. Generell ist es erstaunlich, was die Ratten-Dompteure hier auf die Beine stellen. Wüsste man es nicht besser, könnte man fast auf CGI tippen, so perfekt verhalten sich die schlecht beleumundeten Nager. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass hier mehr drin gewesen wäre. Denn egal, ob die Ratten nun im Haus hin und her laufen, Türen zernagen oder über Leute herfallen, so richtig bedrohlich und beängstigend wirkt das alles eher weniger.

Besonders die berühmte „Zerreißt ihn“-Szene mit Ernest Borgnine wirkt unfreiwillig komisch, da man deutlich sieht, wie die Ratten in hohen Bogen auf ihn geworfen werden. Und dass es dann nicht zum angekündigten „Zerreißen“ kommt, enttäuscht dann doch ein wenig die Erwartungen. So ist „Willard“ bezüglich seines Horror-Potentials dann doch ein eher harmloser Film. Wo „Willard“ aber punkten kann, ist die Darstellung der Welt in der die Hauptperson lebt und in der ihre Psyche gewaltsam verbogen wird. So ist die größte Horrorszene dann auch jene, in der Willards Mutter (die großartige Elsa Lancaster in einer ihrer letzten Rollen) ihrem Sohn eine Geburtstagsfeier ausrichtet. Da Willard aber keine gleichaltrigen Freunde (geschweige denn Freundinnen) hat, muss er mit den Freunden seiner Mutter feiern. Die dann auch so tun, als seinen sie auf einem Kindergeburtstag und nicht bei einem erwachsenen, 27jährigen Mann. Wie sie da mit ihren Hütchen und Tröten sitzen ist wahrlich gruselig. Wie auch Elsa Lancasters formidable Darstellung der Mutter. Zwischen krankhaftem Behüten, Verlustängsten, egozentrischen „an-sich-binden“ und beginnendem Schwachsinn. Dass solch ein Umfeld nicht zuträglich für ein gesunde geistige Verfassung ist, dürfte jedem klar sein.

Der junge Bruce Davison zeigt dies sehr deutlich. Manchmal allerdings auch überdeutlich, denn er neigt zum Grimassieren und ist häufig einfach zu sehr drüber. Selbstverständlich soll bei der Figur des Willard dieser tiefe Schmerz darüber, dass es ihm verwehrt wird erwachsen zu werden, er von allen Seiten manipuliert, heruntergemacht und unterschätzt wird deutlich werden. Allerdings wählen weder Regisseur Daniel Mann, noch Hauptdarsteller Davison den dezenten Strich, sondern tragen die Farbe mit der ganz groben Rolle auf. Demgegenüber gelingt es dem Profi Ernest Borgnine spielend, jede Szene an sich zu reißen. Denn obwohl sein Mr. Martin ein widerlicher Schmierlappen ist, besitzt er doch dieses übergroße Borgnine-Charisma und viele seiner Entscheidungen sind zwar durchtrieben, aber klug und erst einmal auf den Vorteil der Firma ausgelegt. Und man muss sich fragen, ob man an seiner Stelle nicht den völlig unzuverlässigen Willard – Versprechen an den Vater oder nicht – rausgeworfen hätte. Sondra Locke, die kurze Zeit später zu Clint Eastwoods Muse wurde, hat hier eine nur kleine Rolle, die sie souverän und sympathisch spielt, wobei ihr allerdings nicht viele Möglichkeiten gegeben werden, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Der größte Kritikpunkt ist aber die biedere Regie von Daniel Mann, die recht altbacken wirkt. Die ganze Welt in der „Willard“ spielt, angefangen mit Kostümen und Kulissen, scheint ein paar Jahre älter zu sein, als man beim Produktionsjahr 1971 erwarten würde. So erinnert „Willard“ dann leider allzu häufig an einen Fernsehfilm aus den 60er Jahren.

„Willard“ ist der zweite Titel der neuen Anolis-Reihe „Der phantastische Film“. Wie beim Vorgänger „Mutant – Das Grauen im All“ ist auch „Willard“ eine vorbildliche Veröffentlichung, an der es nichts zu meckern gibt. Vor allem nicht an dem unglaublich klaren und scharfen Bild. Aber auch der Ton ist ausgesprochen sauber und klar. Wobei der englische Originalton etwas kräftiger und vor allem in den Rattenszenen „geräuschvoller“ daher kommt. Als weitere Tonspur kann man einen unterhaltsamen Audiokommentar mit dem Filmhistoriker Nathaniel Thompson (dessen Internet-Blog ich sehr empfehlen kann) und Hauptdarsteller Bruce Davison. Bruce Davison ist auch in einem interessanten 12-minütigen Interview zu sehen. Weiter geht es mit dem US-Trailer, Radiospots, der Super-8-Fassung (16 Minuten), Werberatschläge und Bildergalerie. Das 28-seitiges Booklet enthält Produktionsnotizen, Aushangfotos, sowie die beiden Texte „Die falschen Freunde“ von Ingo Strecker (der mir ausgesprochen gut gefallen hat und all jene Punkte anspricht, die mir auch aufgefallen waren) und „Königreich der Ratten“ von David Renske, mit dessen cool-rotzigen Stil ich allerdings so meine Probleme hatte.

Blu-ray-Rezension: „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“

Von , 6. Juni 2018 22:26

England 1872. In der Nacht vor seiner Hinrichtung wird der zu unrecht des Mordes beschuldigte Dr. Gordon Ramsay (Herbert Rudley) von seinem Kollegen Dr. Thosti (im Original Sir Joel Cadman, gespielt von Basil Rathbone) in der Gefängniszelle besucht. Thosti verabreicht seinem jungen Kollegen eine Droge namens Nind Andhera, Diese bewirkt, dass man in so tiefes Koma fällt, dass man für tot gehalten wird. Cadman nennt diese Droge den „schwarzen Schlaf“. Der vermeintlich tote Ramsay wird Thosti überstellt, der ihn wiederbelebt und zu seinem Assistenten macht. Thosti nimmt Ramasy mit in eine alte Burg, welche ihm als geheimes Labor dient, Hier führt Thosti illegale Experimente an mit Nind Andhera betäubten Opfern durch, die anschließend schwer degeneriert oder stark verstümmelt die Flure der Burg bevölkern. Unter ihnen auch sein einstiger Mentor Dr. Monroe (Lon Chaney Jr.), der nun als grunzendes Wesen Mungo immer wieder über die junge Krankenschwester Laurie (Patricia Blake) herfällt. Oder der stumme Diener Casimir (Bela Lugosi). Als Ramsay hinter die finsteren Geheimnisse Thostis kommt und noch weitere Opfer (u.a John Carradine und Tor Johnson) entdeckt, versucht er, dem Spuk ein Ende zu bereiten…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Mit „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ hat Anolis‘ Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“ einen mehr als würdigen Abschluss gefunden. Und man muss sich die Frage stellen, warum dieser Film nicht weitaus bekannter ist. Wahrscheinlich weil er schon zu seiner Entstehung wie aus der Zeit gefallen schien. Man schrieb das Jahr 1956. Der Rock’N’Roll war geboren, Teenager-Filme übernahmen die Leinwand und wenn schon Horror, dann waren das mutierte Rieseninsekten. Die goldenen Jahre des „Universal-Horrors“ lag mehr als 10 Jahre zurück. Und die Protagonisten dieser Zeit fanden sich in kleinen Gastrollen und ultra-billig produzierten C-Filmen wieder. Und dann waren sie plötzlich alle in diesem Film aus der zweiten Hälfte der 50er Jahre wieder versammelt: Lon Chaney, Bela Lugosi, John Carradine – und natürlich der großartige Basil Rathbone. Während dieser große Mime, der genau zehn Jahre zuvor das letzte Mal in seiner Paraderolle als „Sherlock Holmes“ zu sehen war, gerade als Gegenspieler Danny Kayes in „Der Hofnarr“ ein Comeback erleben konnte, erging es seinen Kollegen weniger gut. Auch in „Die Schreckenskammer des Professor Thosti“ sind sie lediglich Staffage. Leider, denn so ist aus dem großen Horror-Revival nur ein Kuriositätenkabinett geworden, welches belegt, dass die große Zeit dieser wundervollen Darsteller vorbei war.

Besonders traurig ist der Anblick Lugosis, der gerade von einem Drogenentzug zurück gekommen war und durch die Gänge schleicht, als könne er keinen Fuß mehr vor den anderen setzten. Schwerfällig und mit hängenden Schultern ist er nur noch ein Schatten jenes Schauspielers, der 36 Jahre zuvor die Frauen als Dracula in Ohnmacht fallen ließ. Selbst bei seinem letzten Auftritt für Ed Wood in „Plan 9 From Outer Space“ wirkte er ein wenig fitter. Leider sollte „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ Bela Lugosis letzter echter Auftritt in einem Film werden. Für „Plan 9“ nutzte Wood dann Probeaufnahmen mit dem Kult-Schauspieler. Auch seinen Kollegen geht es wenig besser. Lon Chaney hat als monströser Mungo zwar etwas mehr zu tun – was sich allerdings auf das Erschrecken und Würgen junger Frauen beschränkt. John Carradine und Tor Johnson (der ein Jahr zuvor eine ähnliche Rolle in Ed Woods „Bride of the Monster“ spielte, in dem Bela Lugosi den Mad Scientist gab) kann man eher unter “Statisten“ verbuchen. Dafür glänzt der großartige Basil Rathbone als Sir Joel Cadman. So heißt die Figur zumindest in der Originalfassung. Wieso man Cadman in der deutschen Fassung zu „Professor Thosti“ machte, wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben.

Rathbone ist brillant als verblendeter und verbissener Chirurg, der für den Erfolg seiner Arbeit über Leichen geht. Zwar wird hier seine durch einen Tumor ins Koma gefallene Frau als Motiv für seinen skrupellosen Wissens- und Tatdrang angeführt, doch man spürt zu jeder Zeit, dass Cadman/Thosti auch ohne diese zusätzliche Motivation das Skalpell gewetzt hätte. Er nimmt hier bereits die ebenso aristokratische, wie von Ehrgeiz und dem Wunsch Gott zu spielen zerfressene Dr.-Frankenstein-Figur vorweg, die Peter Cushing in den Hammer-Filmen unsterblich machen sollte. Rathbone kontrolliert jede seiner Szenen. Er ist das absolute Zentrum dieses Filmes und mischt die coole Arroganz seines Sherlock Holmes mit dem tragischen Sadismus seines Richard in „Der Henker von London“. Die Schauspieler um ihn herum geben eine gute und durchaus überzeugende Figur im Rahmen der Möglichkeiten des Drehbuchs ab. Denn natürlich sind sie zu allererste zweckmäßige Stereotypen. Mit einer großen Ausnahme: Akim Tamiroff als Odo, der dem Professor stets neue Subjekte für seine Forschung zuführt. Tamiroff legt seinen Odo irgendwo zwischen Witzfigur und eiskalten Soziopath an. Immer wieder schwankt er zwischen diesen Extremen, lässt aber auch bei seinem untertänigsten, schleimigsten Heranwalzen durchblicken, dass hier jemand lauert, dem sämtliches menschliche Mitgefühl abgeht. Dass Odo ein Sinti&Roma ist, stößt heute natürlich etwas auf, da Tamiroff auch sämtliche Vorurteile und Klischees gegenüber den Sinti&Roma bedient. Das muss aber wohl im zeitlichen Kontext gesehen werden. In den 50er Jahren gehörten diese Karikaturen zum Standard, ohne dass jemand darüber nachdachte, was solche Darstellungen für eine Volksgruppe bedeutete.

Eine besondere Erwähnung verdient die Musik von Les Baxter, der hier seinen ersten Horrorfilm-Soundtrack vorlegt und dies mit viel Kraft und Gespür für dramatisch-unheimliche Untermalung. In den 60ern sollte er dann Roger Cormans ersten Poe-Verfilmungen vertonen und besonders berüchtigt dafür werden, dass er die Scores für die US-Versionen zahlreicher italienischer Horrorfilm schrieb, mit denen dann leider die wunderbaren Kompositionen der Original-Komponisten ausgetauscht wurden. In Szene gesetzt wurde „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ von einem Veteranen des guten, alten Universal-Horrors. Der gebürtige Wiener Reginald Le Borg hatte am Beginn seiner Karriere zahlreiche Horrorfilme mit Lon Chaney inszeniert. So die populäre Inner-Sanctum-Serie, wie auch “The Mummy’s Ghost”. Er war also eine gute Wahl, um einen Film zu drehen, welcher sich ganz dem Geist dieser alten Filme verschrieben hat. Der wirkt, als wäre er Anfang der 40er irgendwo im Archiv der Universal vergessen worden und dann mehr als ein Jahrzehnt später doch noch aufgeführt worden. Allein die deutlich gealterten Stars verraten, dass “Die Schreckenskammer des Professor Thosti” tatsächlich erst 1956 geöffnet wurde. Die wienerische Herkunft Le Borgs ist wahrscheinlich auch dafür verantwortlich, dass Le Borg in die recht klassische Inszenierung immer wieder expressionistische Sprenkel einfließen lässt. Wie in der beeindrucken Szene in der der tot geglaubte Gordon in seinem Sarg erwacht und sich mühsam aufrichtet. Aber wie mag der Film wohl damals auf das Publikum gewirkt haben? Für uns heute, verwischt es irgendwie, ob ein Film nun 70 oder 60 Jahre alt ist. Damals müssen zwischen den aktuellen Filmen der Saison und einem altmodisch inszenierten Grusler mit Mad-Scientist-Einschlag bereits Welten gelegen haben. Aus heutiger Sicht reiht er sich jedenfalls gut in die Reihe der Universal-Filme der 30er und 40er Jahre ein, und nicht zwischen den Jack-Arnold- und Ray-Harryhausen-Produktionen.

“Die Schreckenskammer des Professor Thosti” ist ein sympathischer, irgendwie aus der Zeit gefallener Film, der zu seiner Entstehungszeit 1956 schon hoffnungslos altmodisch gewirkt haben muss. Trotzdem unterhält der preisgünstige Gruseler ganz famos, auch wenn seine Alt-Stars wie Lugosi und Chaney sich mit Mini-Rollen begnügen müssen. Dafür ist es ein Genuss Basil Rathbone als Mad Scientist zu sehen.

„Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ ist ein sehr guter Abschluss hat Anolis‘ Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“. Nicht nur der recht rare Film passt vorzüglich, auch die Präsentation muss einmal mehr lobend erwähnt werden. Das Schwarz-Weiß-Bild ist sehr klar und frei von Schäden. In der Originalfassung klingt die Tonspur sehr sauber und gut abgemischt. Vor allem die Musik kommt hervorragend zur Geltung. Die alte deutsche Kinosynchro klingt demgegenüber leicht blechern, ist jedoch mit sehr guten Sprechern besetzt (u.a. Sigfried Schürenberg als Basil Rathbone). Bei den Extras wurde auch hier wieder alles gegeben. Es gibt einen informativen und anekdotenreichen Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Volker Kronz. Laut der Webseite Evel Ed soll sich auch noch eine halbstündige Einleitung für internationale Käufer von Kronz und Giesen auf der Scheibe befinden. Diese habe ich allerdings nicht gefunden, und sie wird auch sonst wo nicht erwähnt.Neben dem US- und Deutsche Kinotrailer („Der Film mit dem Pfiff!“) ist auch wieder eine „Trailers from Hell“-Episode mit Joe Dante und die Werberatschläge mit auf der Disk. Zusätzlich ist noch eine sogenannte „Deutsche Grindhousefassung“ im 4:3-Format (welches das korrekte zu sein scheint), mit Kratzern, Laufstreifen, Schmutz und dem alten deutschen Verleihvorspann in die Veröffentlichung inkludiert. Und letztendlich findet sich noch ein ausführliche, 32-seitige Booklet mit jeweils einer Filmvorstellung von Ingo Strecker und einer von Uwe Sommerlad in der Packung. Da beide unabhängig voneinander über den Film schreiben (es scheint beide hätten den Auftrag bekommen und am Ende hat Anolis nicht ein Booklet-Text ausgewählt, sondern beide zusammengepackt) gibt es ein paar Dopplungen, aber das macht im Rausch der Details und infos gar nicht aus.

Blu-ray-Rezension: Zwei Filme von G.W. Pabst

Von , 27. April 2018 15:58

Westfront 1918

Der Film erzählt von vier Infanteristen – der Bayer (Fritz Kampers), der Student (Hans-Joachim Moebis), Karl (Gustav Diessl) und der Leutnant (Claus Clausen) – die in den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges in Frankreich gemeinsam an der Westfront kämpfen…

Anmerkung: Alle Screenshots von „Westfront 1918“ und „Kameradschaft“ stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

In diesem Jahr jährt sich das Ende des Ersten Weltkrieges zum 100sten Mal. Ein guter Zeitpunkt, um G.W. Pabsts Anti-Kriegsfilm „Westfront 1918“ in restaurierter Form auf den deutschen Heimkinomarkt zu bringen. Zuvor war der Film bereits auf einer nicht ganz optimalen DVD erhältlich, nun aber kann man Pabsts Werk in restaurierter Form und in HD bewundern. „Westfront 1918“ ist Pabsts erster Tonfilm, und er weiß das Medium für sich zu nutzen. Auffällig seine Entscheidung in „Westfront 1918“ keine Musik einzusetzen. Der ganze Soundtrack besteht aus den Dialogen und den bedrohlichen Geräuschen an der Front. Für heutige Seh- bzw. in diesem Falle Hörgewohnheiten ist das erst einmal gewöhnungsbedürftig. Die Schauspieler sprechen so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Da wird kein Dialekt glatt gebügelt, was beispielsweise zur Folge hat, dass man das harte Bayrisch eines Fritz Kampers‘ tatsächlich nur schwer verstehen kann. Oder französische Dialoge nicht künstlich „eingedeutscht“ werden.

Dies alles trägt aber zum Realismus des Filmes bei. Teilweise glaubt man, hier zeitgenössische Aufnahmen aus den Schützengräben vor sich zu haben. Es gibt keine heroische Musik, kein ohrenbetäubendes DTS 5.1. Höllenfeuer. Nichts, was man heute von einem Kriegsfilme – die ja auch immer verkappte Actionfilme sind – erwarten würde. Pabst beobachtet seine Figuren, wie sie sich in dem Albtraum Krieg verhalten und was dieser Krieg aus ihnen macht. Dabei entscheidet er sich gegen eine einzige Identifikationsfigur, sondern folgt – wie der vollständige Untertitel „Vier von der Infanterie“ schon ankündigt – vier ganz unterschiedliche Charaktere. Am ehesten könnte noch „der Student“ als unser Wegweiser durch die Hölle fungieren. Wird ihm doch eine kleine Liebesgeschichte mit einem französischen Mädchen gegönnt. Doch „der Student“ wird auch als Erster Opfer des Krieges. Unheroisch und dreckig wird er niedergemacht. Noch nicht einmal seinen Tod in einem schlammigen Drecksloch bekommen wir zu sehen. Sein Tod geschieht nebenbei, ist unwichtig. So wie der Tod des Paul in dem zeitgleich entstandenen „Im Westen nichts Neues“, der in den USA wenige Tage nach der deutschen Premiere von „Westfront 1918“ startete und in Deutschland erst sechs Monate später in die Kinos kam.

Danach ist es Karl, dem Pabst durch das Kriegsgräuel folgt. Karl darf für drei Wochen in die Heimat zurückkehren. Hier wird er mit den dramatischen Auswirkungen des Krieges konfrontiert, den dieser vernichtet nicht nur die Männer an der Front, sondern auch die Seelen der Daheimgeblieben. Lange Schlange vor der knappen Essensausgabe, Frauen, die die verzweifelte Mutter eines gerade Gefallen anschnauzen, sie solle sich ans Ende der Schlange stellen. Mitleid habe niemand, schließlich hätten sie alle Söhne im Krieg verloren. Karls Mutter kann ihren Sohn nicht umarmen, da sie sonst den wertvollen Platz in der Schlange aufgeben würde. Karls Frau geht mit einem Fleischer ins Bett, denn „er bringt doch immer etwas zu essen mit“. Szenen, die an Pabst „Die freudlose Gasse“ erinnern.

In den Kriegsszenen konzentriert sich Pabst ganz auf die beklemmende Atmosphäre. Besonders blutige Szenen, wie heute Usus, gibt es kaum. Umso mehr wirkt das Ende des Filmes, der dann in einem behelfsmäßigen Hospital, welches symbolträchtig in einer zerstörten Kirche eingerichtet wurde, wie ein Abstieg in die Hölle. Hier findet man die versehrten Soldaten, die voller Panik realisieren, dass sie keine Beine mehr haben. Sterbende, schwer Verwundete. Überforderte Ärzte, Wahnsinnige. Hier gibt es dann kein Freund und feind mehr. Deutscher oder Franzose. Hier sind sie alle gleich, zerbrochen unter demselben Leid. Allesamt Kanonenfutter, hüben wie drüben. Erschreckende, eindrückliche Bilder die ihren Höhepunkt darin finden, dass Pabst und sein genialer Kameramann Fritz Arno Wagner das Gesicht eines Sterbenden allein durch die Beleuchtung in einen Totenschädel verwandeln, während neben ihm „der Feind“ auf der Suche nach etwas Trost und menschlicher Nähe dessen Hand hält. Hier erreicht der Film eine intensive Meisterlichkeit, die sich tief das Gedächtnis des Betrachters einfrisst. Es ist kein Wunder, dass der pazifistische Film mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten umgehend verboten wurde.

Kameradschaft


In der französischen Zeche Thibault nahe der deutsch-französischen Grenze kommt es zu einem schweren Grubenunglück. Mehr als 600 Bergleute werden verschüttet. Als die Bergleute auf der deutschen Seite davon erfahren, fordert der Kumpel Wittkopp (Ernst Busch) kann die deutschen Kollegen auf , den französischen Kumpels umgehend zur Hilfe zu kommen. Er stellt einen Rettungstrupp zusammen und erhält die Erlaubnis von der Direktion nach Frankreich zu fahren, um dort zu helfen. Die Männer fahren mit ihren LKWs über die Grenze und lassen sich auch von den Zollbeamten, die zu spät informiert wurden, nicht aufhalten…

Der ein Jahr später entstandene Film „Kameradschaft“ ist die Weiterführung von „Westfront 1918“. Auch hier geht es um den Konflikt zwischen den Franzosen und der Deutschen, der nach dem verheerenden Krieg noch immer von Vorurteilen und tiefem Misstrauen geprägt ist. Aber auch um die Menschlichkeit. Davon, dass doch alle gleich sind („Kumpels sind Kumpels“), egal auf welcher Seite der Grenze sie leben. Und dass die „einfachen Menschen“ dies begriffen haben (ähnlich wie in „Westfront 1918“, wo am Ende alle im demselben Hospital vor sich hin vegetieren und sterben), aber immer wieder zum Spielball der Regierungen werden.

Wie „Westfront 1918“ ist „Kameradschaft“ ein Appell an das Miteinander und gegen Vorurteile und Hass. Der Film beruht auf dem realen Grubenunglück, welches sich im Jahre 1906 in der Zeche der Compagnie de Courrières im nordfranzösischen Kohlerevier in der Nähe der Stadt Lens, unweit der belgischen Grenze ereignete. Bei diesem waren 1400 Arbeiter unter Tage eingeschlossen gewesen. 1099 kamen um. Damals eilte eine deutsche Rettungsmannschaft aus Dortmund nach Frankreich, um mit dem geeigneten Gerät den Rettern vor Ort zu helfen. Pabst versetzt diese Grundgeschichte in die Gegenwart von 1931. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen wird immer noch von dem 13 Jahre zurückliegenden Krieg bestimmt. Es herrscht Misstrauen und Ablehnung. Zwei Kinder (ein französisches, ein deutsches) spielen mit Murmeln. Doch schon bald kommt es zum Streit. Der französische Junge hätte gemogelt, meint das deutsche Kind. Das französische meint wütend, der Deutsche wolle ihn übervorteilen. Arbeitslose deutsche Arbeiter suchen in Frankreich Arbeit, werden aber an der Grenze abgewiesen. Es gäbe ja kaum genug für die Franzosen.

Drei deutsche Minenarbeiter wollen sich in Frankreich amüsieren, scheitern aber an der Sprachbarriere. Als der eine ein französisches Mädchen zum Tanz auffordern will, lehnt dieses ab, weil es müde ist Sie bittet ihren Freund dies zu erklären, weil er ein wenig „allmand“ spricht. Der deutsche Arbeiter versteht nur „allmand“ und ist außer sich, weil er glaubt, die Französin würde ihm den Tanz nur verweigern, weil er Deutscher sei. Dieser Konflikt führt beinahe zu einer Schlägerei, doch glücklicherweise hat der Arbeiter einen besonnen Freund dabei, der ihn aus der unangenehmen Situation herausführt. Später wird ein französischer Arbeiter seinen deutschen Retter fast erwürgen, weil er von einem Kriegstrauma eingeholt wird und in dem Deutschen einen gegnerischen Soldaten sieht.

All dies zeigt Pabst ohne Wertung. Sein Herz schlägt weder auf der deutschen, noch auf der französischen Seite – sondern für die Menschen an sich. Dementsprechend werden die Deutschen auch nicht als strahlende Helden gezeigt, die „den Franzosen“ mal zeigen, wie man es macht. Sondern als normale Leute, die einfach nur helfen wollen. Die nicht die Glorie des Heldentums suchen, sondern einfach professionell ans Werk gehen. „Ein Kumpel ist ein Kumpel“. Konsequenterweise wird die Geschichte von beiden Seiten her gleichberechtigt gezeigt, und die Franzosen sprechen französisch, die Deutschen sprechen deutsch. Neben seiner ebenso pazifistischen, wie humanistischen Grundierung, hat „Kameradschaft“ aber auch auf der rein visuellen Seite sehr viel zu bieten. Mit seinem kongenialen Kameramänner Fritz Arno Wagner und Robert Baberske begibt sich Pabst tief in die Stollen des Minensystems. Man spürt die Klaustrophobie, die allgegenwärtige Bedrohung. Man wähnt sich tief unter Tage. Es ist kaum zu glauben, dass Pabst nicht vor Ort, sondern in von Erno Metzner and Karl Vollbrecht entworfenen Kulissen agierte. Mit seiner extrem expressionistischen Ausleuchtung, schufen Pabst und Wagner/Baberske starken Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Jede Einstellung für die Galerie, aber jederzeit auch immer im Dienst des Films.

Pabsts Schauspieler rekrutieren sich zu gleichen teilen aus deutschen, wie französischen Darstellern. Am Ende stehen zwei flammende Reden für ein freundschaftliches, ja „kameradschaftlichen“ Miteinander. Eine euphorisch geschmettert von dem französischen Bergmann, der fast seinen Retter umgebracht hätte, die andere nüchterner, aber nicht weniger eindringlich auf deutsch von Wittkop, dem Kumpel, der die Rettungsaktion initiierte. Dass tief unter Tage bereits wieder neue Mauern gezogen werden, damit „alles seine Ordnung hat“, ist ein finsterer Vorgeschmack auf das, was sich zwei Jahre später in Deutschland ereignen soll. Mit dem Wissen, dass trotz aller Hoffnung, sich das Grauen und der Hass des vergangenen Krieges auf das grausamste wiederholen sollte, möchte man nur noch sein Haupt in den Händen wiegen und weinen. Und aufmerksam sein, ob 2018 nicht das neue 1931 ist.

Zur Veröffentlichung: Zunächst die gute Nachricht: Die neue Veröffentlichung von Atlas Film mit der 2014 durch die Deutsche Kinemathek in Kooperation mit dem BFI National Archive und dem CNC erstellte Restaurierung der beiden Filme schlägt die bisherige DVD-Veröffentlichung durch die Ufa um Längen! Unglaublich, was hier noch bei Bild und Ton herausgeholt werden konnte. Siehe Bildvergleich am Ende dieses Artikels. Auch sehen die beiden Mediabooks, die den Film jeweils auf Blu-ray und DVD enthalten und mit einem schönen Booklet mit mit originalen, historischen Dokumenten und Informationen zur Geschichte des jeweiligen Films enthalten, sind ausgesprochen hübsch geworden. Die schlechte Nachricht: Im Gegensatz zu dem bereits vor knapp einem Jahr in England erschienen 3-fach-Set, welches beide Filme zusammen auf einer Blu-ray, sowie jeweils einzeln auf einer DVD enthielt, besitzt die deutsche Variante keinerlei Extras. Auf die in der britischen Variante enthaltenen jeweils ungefähr viertelstündigen Einführung durch Jan-Christopher Korak wird also leider verzichtet. Das ist sehr schade und trübt ein wenig die Freude darüber, dass diese beiden Meisterwerke endlich auch in ihrem Heimatland in einer vernünftigen Form vorliegen.

Vergleich der alten Ufa-DVD (links) und der neuen DVD aus dem Mediabook:

Westfront 1918

 

 

 

 

 

 

Kameradschaft

 

 

 

 

Blu-Ray-Rezension: „Good Time“

Von , 17. April 2018 22:08

Ein gerade auf Bewährung entlassener Ex-Sträfling Connie Niklas (Robert Pattinson) will sich um seinen geistig behinderten Bruder Nick kümmern. Allerdings verwickelt diesen prompt in einen Bankraub, woraufhin Nick geschnappt wird. Connie versucht daraufhin ihn irgendwie aus dem Knast zu bekommen, was aber nicht klappt. Als Connie dann erfährt, dass Nick mittlerweile in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, will er ihn daraus entführen. Und von da an geht so ziemlich alles schief…

Good Time“ wird gerne mal mit Nicolas Winding Refns „Drive“ verglichen. Was natürlich ein ziemlicher Unsinn ist und vollkommen auf die falsche Fährte führt. Wobei es durchaus auf den zweiten Blick Gemeinsamkeiten gibt, aber nicht jene, welche die Marketing-Leute herbei schreiben wollen. Ja, in beiden Filmen gibt es eine Farbdramatugie, die in kräftigen Neon-Farben schwelgt und auch der Synthie-Soundtrack klingt hübsch Retro. Doch die eigentliche Schnittstelle ist es, dass beide Filme Neo-Noirs sind, welche sich nicht um die großen, spektakulären Coups kümmern, sondern Geschichten aus der Unterschicht des Verbrechens, von den kleinen Kriminellen und nicht den großen Bossen erzählen. Und von den Gefühlen, die man nicht zulassen sollte und die unweigerlich zu falschen Entscheidungen und in finaler Konsequenz zum Untergang führen. Wobei dem von Robert Pattinson eindrucksvoll gegen den Strich gespielten Connie, die Intelligenz und coole Skrupellosigkeit der von Ryan Gosling gespielten Figur vollkommen abgeht.

Connie Niklas agiert rein aus dem Bauch hinaus. Er macht sich keine große Gedanken über die Folgen seines Handelns, und ob er damit Andere ins Verderben stürzt. Er ist beseelt von dem Glauben, das Richtige zu tun, plant nicht großartig voraus und versucht Probleme im Moment zu lösen, ohne an die Auswirkungen zu denken. Was zu einer Serie katastrophaler Fehlentscheidungen führt. In einem Film der Coen Brothers, die ein ähnliche Feld bestellen, würde dies höchstwahrscheinlich zu einer sehr schwarzen Komödie mit ätzendem Humor führen. Die Safdie-Brüder betonen im Interview zwar, dass auch sie ihren Film als schwarze Komödie sehen, gehen in der Praxis aber weitaus ernsthafter zu Sache. Zwar steckt ihr Drehbuch ebenfalls voller aberwitzig-skurriler Einfälle, doch zum Lachen oder zumindest Schmunzeln ist einem nicht zumute. Was allerdings fehlt ist eine gewisse Tragik, die einen Sympathien für die Hauptfigur hegen lassen. Connie ist in erster Linie eine gewaltiger und gewalttätiger Egoist, dem die Konsequenzen seines Handelns für andere ziemlich egal ist. Allein sein Bruder Nick bedeutet ihm etwas. Allerdings besitzt er keinerlei Empathie für dessen Situation und eine feste Überzeugung, was für Nick das Beste ist. Dass er Nick damit auf direktem Wege in den Knast bringt, wo dieser kaum eine Überlebenschance hat, sieht er auch nicht im Geringsten als sein Fehler. Sondern als unglücklichen Zustand, den es zu korrigieren gilt.

„Good Time“ lebt vor allem von seinen hervorragenden Schauspielern, Robert Patinson ist sehr überzeugend als Connie, und man könnte sich am Ende keine bessere Besetzung für die Rolle vorstellen. Ebenfalls hervorzuheben ist die großartige Jennifer Jason Leigh, die eine wundervolle Vorstellung als Connies völlig verpeilte Geliebte abliefert. Doch in den Schatten werden alle von Co-Regisseur Benny Safdie gestellt, der Connies zurückgeblieben Bruder Nick spielt. Dies tut er so natürlich und bewegend, dass man den Eindruck bekommen kann, hier wäre tatsächlich ein Schauspieler mit mentalem Handiacap gecastet worden. Zumindest in der Originalfassung. In der deutschen Fassung klingt seine verwaschen-vernuschelte Sprache weit weniger realistisch. Man erschreckt sich förmlich, wenn im Bonus-Bereich der BluRay Benny Safdie sich als aufgeweckter, gutaussehender und fröhlicher Interview-Partner entpuppt. Nick ist dann auch die Seele des Films. Der Motor für Connies unüberlegte und impulsiven Aktionen. Und eine Figur von tiefer Traurigkeit und Tragik. Wunderbar fangen die Safdie-Brüder dies in einer zu herzen gehenden und zutiefst ambivalenten Schlussszene ein, die einem auch durch die kongeniale Musikbegleitung durch Oneohtrix Point Never (alias Daniel Lopatin) mit Iggy Pop noch lange im Gedächtnis bleibt, wenn man den Rest des Filmes schon nur noch schemenhaft erinnert.

Das Bild der Ascot Elite-BluRay ist durchgehend gut. Satte Farben dort wo sie von den Regisseuren intendiert wurden und eine durchgehend angenehme Schärfe. Beim Ton fällt wieder eine unangenehme Mischung aus Effekten und Dialogen auf. Letztere sind deutlich leiser leiser als die Effekte, was dazu führt, dass man den Anlage lauter einstellt und die Effekten einen dann senkrecht auf dem Sofa stehen lassen. Wobei man fairerweise sagen muss, dass dies in der deutschen Tonspur nicht ganz so drastisch ausfällt. Dafür ist die deutsche Synchro dem o-Ton deutlich unterlegen. Insbesondere was Benny Safdies Nick angeht. Überhaupt verliert der Film in der deutschen Bearbeitung einiges von seinem schonungslosen Realismus. Als Extras sind zwei kurze Interviews enthalten. Einmal mit Hauptdarsteller Robert Pattinson (5 Minuten) und dann mit den beiden Regisseuren (6 Minuten). Insbesondere das zweite ist trotz der Kürze sehr informativ ausgefallen.

Blu-ray-Rezension: „Entertainment/The Comedy“

Von , 11. April 2018 17:38

Ein namenloser Stand-Up-Comedian (Gregg Turkington ) befindet sich auf einer kleinen Tournee durch den Südwesten der USA. Er spielt in Gefängnissen, auf Privatparties und kleinen Clubs. Seine unlustig-geschmacklosen Auftritte enden regelmäßig in der Beschimpfungen des Publikums, was ihm auch schon mal handfesten Ärger einbringt. Jenseits der Bühne treibt er antriebslos durch den Tag, trifft Menschen mit denen er aber zu keiner Kommunikation fähig ist und spricht abends seiner Tochter Maria auf den Anrufbeantworter. Sie hofft er am Ende der Tour treffen zu können.

Wenn es einen irreführenden Titel gibt, dann ist es „Entertainment“ für Rick Alversons vierten Film. Ähnlich wie in Paul Wellers großartigen The-Jam-Song „That’s Entertainment“ ist „Unterhaltung“ hier nur zutiefst sarkastisch zu begreifen. Oder aber als Deckmantel für eine tief darunter liegende Traurigkeit und bodenlose Verzweiflung. „Entertainment“ folgt einer innerlich durch und durch toten Figur, die im Abspann des Filmes nur „The Comedian“ genannt wird. Gespielt wird der Comedian von Gregg Turkington, der im wahren Leben die Bühnenfigur „Neill Hamburger“ erfunden hat, welche mit dem Comedian des Films identisch ist. Wie uns das gelungene und aufschlussreiche Booklet dieser aktuellen „Bildstörung“-Veröffentlichung lehrt, gehört „Neil Hamburger“ zu der Bewegung des Anti-Humors. Einer in den USA spätestens seit Andy Kaufman recht populären Humor-Gattung, die darauf abzielt, dem Publikum absichtlich die Pointe vorzuenthalten und gerade den schlechten Auftritt und misslungene Witze zelebriert.

Im Film bekommen die schrecklichen Auftritte des Comedians aber noch eine andere Bedeutung. Nur durch sie tritt er mit der Außenwelt in engeren Kontakt, lässt (wenn auch negative) Gefühle zu. Nutzt seine Rolle, um seinen Hass, seinen Ekel und seine Verzweiflung in die Welt heraus zu schreien. Kurzzeitig etwas zu spüren, was sich irgendwie wie Lebendigkeit anfühlt. Seine Witze sind nicht nur vollkommen unkomisch, sondern beleidigend, unglaublich geschmacklos und aggressiv. Aber man sieht seine Augen aufblitzen, die Adern anschwellen und in der Tat so etwas wie Leben in diesem zerstörten Mann, dessen Seele zu nahezu keiner Regung mehr fähig ist. Jemand, der sich vollkommen aufgegeben hat und wie eine Zombie durch eine ebenso abweisende, wie kalte Welt streift. An seinen Auftrittsorten irgendwo in der schroffen und kargen Mojave-Wüste, einem Spiegelbild seiner Seele, schließt er sich Touristengruppen an, die bizarre Flugzeugfriedhöfe oder Geisterstädte besichtigen. Dabei ist er aber nie Teil der Gruppe, sondern selbst hier jemand, der sich nur am Rand und darüber hinweg bewegt. Als er von zwei YouTubern um ein Interview mitten in der Wüste gebeten wird, sagt er erst zu, rennt dann aber davon, bevor die Jungs ihr Equipment aufgebaut haben. Selbst eine Zufallsbekanntschaft in einem Hotel endet nicht mit trauter Zweisamkeit, sondern gemeinsamen Starren aus dem Fenster.

Alverson stellt seinen Protagonisten dabei in wundervoll komponierte Bilder, welche teilweise an das Werk von Roy Anderson erinnern. Noch so ein großer Melancholiker und gnadenloser Beobachter menschlicher Einsamkeit. Erst ein schockierendes Erlebnis, welches auch den Zuschauer aus der Bahn wirf, schafft es einen Riss in seinem versteinerten Inneren zu erzeugen, welcher dann plötzlich aufbricht und in einem verzweifelten Ausbruch endet. Ob dieser aber zu einer Katharsis oder der deprimierende Einsicht führt, dass das eigene Leben leer und sinnlos ist, verrät Averson nicht.

Rick Alverson ist mit „Entertainment“ ein ebenso beeindruckender, wie todtrauriger und deprimierender Film gelungen. Dass Averson zu den interessantesten Stimmen des US-amerikanischen Indie-Films gehört, scheint sich herum gesprochen zu haben. Für „Entertainment“ konnte er große Namen gewinnen, die vollkommen in ihren Rollen aufgehen. Der wie immer großartige John C. Reilly spielt den jovialen Cousin, der zwar eine riesige Orangenplantage sein eigenen nennt, aber keinerlei echte Empathie für sein Gegenüber aufbringen kann. Tye Sheridan, der gerade in Steven Spielbergs Big-Budget-Extravaganza „Ready Player One“ die Hauptrolle spielt, gibt hier einen derben Clown, der im Vorprogramm des Comedian auftritt, ebenso geschmacklos agiert, aber damit mit sich vollkommen im Reinen ist. Und Michael Crae, der Scott Pilgrim, der gegen die Welt gekämpft hat, spielt einen unsicheren Stricher.

Wunderbarerweise hat Bildstörung nicht nur „Entertainment“, sondern auch dessen direkten Vorgänger „The Comedy“ mit auf seine Veröffentlichung gepackt. War war der Titel „Entertainment“ schon eine gnadenlose Übertreibung, so führt einen auch „The Comedy“ auf die falsche Fährte. Es sei denn, man assoziiert den Titel mit Dantes göttlicher Komödie und den Besuch der Höllenkreise. „The Comedy“ handelt von Swanson (Tim Heidecker) und seinen Freunden. Reiche und gelangweilte Hipster, die außer kindischen Spielen, aus dem Ruder laufenden Parties und sich selbst nicht viel im Kopf haben.

Ist der Comedian aus „Entertainment“ innerlich tot, so ist Swanson vollkommen leer. Diese Leere versucht er zu füllen, indem er entweder auf Konfrontation mit anderen geht und ihnen böse, ganz und gar unkomische Streiche spielt – oder in Rolle eines anderen schlüpft. Eines Menschen, der in der sozialen Leiter weiter unter ihm steht. So gibt er sich spontan als Gärtner aus und beteiligt sich kurz an schweißtreibender Gartenarbeit, überredet einen Taxifahrer ihm seinen Wagen gegen eine große Geldsumme zu überlassen, um selber Taxifahrer zu spielen oder heuert als Tellerwäscher in einem Diner an. Zwischendurch beleidigt er andere oder zieht in grotesken Dialogen mit einem schmierigen Immobilen-Menschen („Entertainment“s Gregg Turkington) über Minderheiten und Obdachlose her. Seine Freunde sind auch nicht besser. Keiner von ihnen scheint ein Leben zu haben. Wenn sie sich treffen, ist das Ziel Exzess. Oder sie picken sich den Schwächsten in ihrer Gruppe heraus, um ihn zu erniedrigen. Oder alles beides.

Warum sollte man sich also für 93 Minuten diese Arschlöcher ansehen? Weshalb an einem Typen interessiert sein, der sich unverhohlen mit faschistischen Sozialdarwinismus begeistert und sich quasi per Stand, also dem Geld seines Vaters, für etwas besseres hält. Der sich daraus das Recht ableitet, sich alles herausnehmen zu dürfen? Weil Averson unter der abstoßenden Oberfläche, hinter der Fassade dieses Typen, dessen weit aufgeknöpfte Hemd sich über die Wampe spannt, der immer in viel zu kurzen Shorts herum läuft, etwas spürbar macht.

Für Swanson kann man eigentlich nur Verachtung und Wut übrig haben. Aber Averson macht in diesem Swanson auch immer wieder diese große, todtraurige Leere fühlbar und wirft sie auf den Zuschauer zurück. Und der fühlt ein Teil davon vielleicht auch in sich selbst. Nur so kann man auch Szenen wie jene ertragen, in der Swanson ungerührt mit einer undefinierbaren Mischung aus Desinteresse und Faszination eine junge Frau beglotzt, die während einer gerade beginnenden Liebesnacht einen heftigen epileptischen Anfall erleidet (wobei Averson offen lässt, ob Swanson diesen nicht vielleicht bewusst herbeigeführt hat), ohne Swanson ins Gesicht spucken zu wollen. „The Comedy“ ist ein Film, den man nicht mögen will, nicht mögen kann. Der einen aber noch lange beschäftigt mit der Frage: Steckt vielleicht ein Teil von Swansons auch in mir?

Unter den vielen kleinen Filmlabels, die immer wieder hochspannende Filme der Öffentlichkeit zugänglich machen und viel Liebe und Mühe in ihre Veröffentlichungen stecken, ragt Bildstörung schon immer hervor. Der Ruf, das deutsche Criterion oder zumindest das Pendant der britischen Mastrs of Cinema-Reihe zu sein, wird Bildstörung gar nicht gerecht, da die Filmauswahl sogar noch mutiger erscheint, als bei den internationalen Kollegen. So wurden in der Vergangenheit so vollkommen unterschiedliche Filme – Czech New Wave, Aleksey Germans „Es ist schwer ein Gott zu sein“, Zbynek Brynychs fast vergessener „Die Weibchen“, aber auch kontroverses wie die großen Jodorowsky-Filme, Walerian-Borowczyk-Werke oder Agustí Villarongas „Im Glaskäfig“ herausgebracht. Was diese Filme eint? Dass sie durch die Bank hochklassige und hochspannende Filme sind, die zeigen, wozu mutiges, kompromissloses und innovatives Kino fähig war und heute noch ist. Obwohl der Hauptoutput in den 60er und 70er Jahren liegt, bringt Bildstörung aber auch immer wieder brandaktuelle Filme, wie kürzlich auch Nikias Chryssos‘ wunderbaren „Der Bunker“, die sich nahtlos in die Reihe einfügen. Und dies immer in höchster Qualität. Das Bild der „Entertainment“-BluRay ist messerscharf und von großer Schönheit. Auch aus „The Comdey“ wurde das Optimum herausgeholt. Der Ton liegt bei beiden Filmen lediglich in Englisch vor, dafür können.jeweils deutsche Untertitel zugeschaltet werden. An Extras gibt es bei „Entertainment“ 16 Minuten mit Deleted Scenes (optional mit deutschen Untertiteln) und den Trailer. „The Comedy“ kann demgegenüber mit einem Audiokommentar mit Regisseur Rick Alverson und Hauptdarsteller/Co-Autoren Tim Heidecker aufwarten. Daneben gibt es ebenfalls Deleted Scenes (20 Minuten) und den Trailer. Sehr schön ist auch das 16-seitige Booklet mit interessanten und informativen Texten von Caveh Zahedi und Thorsten Hanisch geworden.

„Blutiger Zahltag“ ist noch einmal bei filmArt erschienen

Von , 7. April 2018 11:05

In filmArts Giallo-Edition ist ein als neuster Titel „Blutiger Zahltag“ erschienen. Allerdings nicht als Teil der Reihe, sondern ohne Nummerierung als Stand-Alone. Wo man die Nummer 8 erwartet hätte, prangt lediglich das Produktionsjahr 1977. Aus gutem Grunde, denn hierbei handelt es sich um eine Neuverpackung der alten Koch-Media-DVD. Diese war bisher nur in der „Koch-Media-Giallo-Collection Teil 2“ zusammen mit „The Child – Eine Stadt wird zum Albtraum“ und „In the Fold of the Flesh“ enthalten. Schon damals gab es Kritik, da „Blutiger Zahltag“ bereits in Deutschland erhältlich war. Allerdings nur in gekürzter Form, lediglich mit deutschem Ton und im falschen Bildformat. Ebenso zeigten sich jetzt wieder einige potentielle Käufer enttäuscht, dass der aktuelle Giallo von filmArt keine neue Veröffentlichung, sondern ein alter Bekannter sei. Zudem wieder nur auf DVD und nicht als Bluray-Update. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich und klug, dass filmArt den Titel außerhalb der Reihe laufen lässt und sich vor allem an diejenigen wendet, die aus welchem Grund auch immer, nicht zur „Koch-Media-Giallo-Collection Teil 2“ greifen wollten oder noch wollen. Da sich inhaltlich an der Veröffentlichung nichts geändert hat (einziger Unterschied ist ein wirklich voluminöses, 24-seitiges „tenebrarum“-Booklet von Martin Beine), verweise ich hier auf meine Review der Koch-Media-DVD.

Blu-ray-Rezension: „Die Rache des Paten“

Von , 4. April 2018 06:35

Es gibt Dinge, die gehen selbst der ehrenwerten Gesellschaft zu weit. Wie das schmuggeln von Drogen in toten Kinderkörpern. Die großen Mafiabosse beschließen daher ein Exempel zu statuieren. Auf ihr Geheiß wird der Killer Tony Aniante (Henry Silva) entsandt, um Don Ricuzzo Cantimo (Fausto Tozzi), der hinter diesen ehrlosen Aktionen steckt, und seinen Clan zu vernichten. Zunächst macht sich Tony daran, Don Ricuzzo und dessen Rivalen Don Turi (Mario Landi) gegeneinander auszuspielen. Als das dieser Plan aber durchkreuzt wird, schleicht er sich bei Don Ricuzzo und dessen nymphomaner Ehefrau (Barbara Bouchet) ein…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der italienischen Langfassung auf der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Die Rache des Paten“ ist einer jener unfassbaren Filme aus Italien, die man sehen muss, um zu glauben, dass es sie wirklich gibt. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit Andrea Bianchis „Mafia-Western“. Damals noch in grausamen Vollbild, welches dem Film noch einmal eine Extra-Portion schmuddeliger und billiger erscheinen ließ. Mit großen Augen und offenem Mund sah ich gebannt zu, was für ein Feuerwerk Herr Bianchi hier abfackelte. Heute wäre dies nur noch in Form augenzwinkernder Parodien möglich. Damals war es blutiger Ernst, wenn Henry Silva auf die Dampfwalze steigt oder die Gürtelschnalle schwingt. Überhaupt Silva. Gibt es eine idealere Besetzung für den Antihelden Tony Aniante? Silva hat immer dieses unterschwellig bedrohliche, ja fast schon unheimliche an sich. Seine kleinen, schwarzen Augen, die sich förmlich durch die Leinwand brennen. Das versteinerte Gesicht, auf dem geschrieben scheint: „Leg dich nicht mit mir an“. Silva lächelt in diesem Film nicht einmal. Würde er es tun, fiele man vor Schrecken sicherlich vom Stuhl.


Das Verwirrende an „Die Rache des Paten“ ist, dass wir Silvas Tony Aniante als klassischen Antihelden ala Eastwoods Fremden ohne Namen annehmen sollen. Wie eben jener bewegt er sich schlau und überlegen zwischen zwei Verbrecher-Clans und spielt diese gegeneinander aus. Eastwood ist zwar ein cooler und skrupelloser Typ, hat aber unter der meterdicken Stahlschale ein gutes Herz, wenn es um die Armen und Wehrlosen geht. Bei Tony Aniante ist es scheinbar ähnlich. Schließlich will er spontan einem jungen Pärchen zur Flucht und in ein besseres Leben verhelfen. Aber gleichzeitig ist Tony auch ein psychopathischer Sadist, der seine Opfer nicht nur erschießt, sondern auch verstümmelt und der ohne echtes Motiv eine Frau so brutal verprügelt, dass man sie danach kaum wiedererkennt. Der in der bekanntesten Szene des Filmes, den Verführungsversuch des Mafiaboss-Lieblings damit beantwortet, dass er sie förmlich in eine blutige Schweinehälfte hinein fickt. Seine Worte dabei „Wir machen es so, wie ich will“ und ihr erschrockenes Gesicht bei der Penetration geben auch Auskunft über seine speziellen Vorlieben. Was die „Helden“ von Bianchis Filmen häufiger mal auszeichnet (siehe auch die „Schlusspointe“ des Schmier-Giallo „Die Nacht der blanken Messer“). Von Bianchis spätere Ausflüge in das horizontale Filmgewerbe mal ganz abgesehen.

Bianchi geht mit seinen Figuren nicht gerade zimperlich um. Generell gibt es kaum einen Sympathieträger. Vielleicht das junge Romeo-und Julia-Paar. Doch ganz ungebrochen ist es auch nicht. So lässt die junge Dame ohne mit der Wimper zu zucken ihren Schutzbefohlenen, den verkrüppelten Sohn ihres Chefs, zurück, um sich mit einem der Schläger der Gegenseite zu vergnügen. Da wundert es nicht, dass Bianchi ihnen auch jede Hoffnung versagt. Der von Fausto Tozzi mit viel Energie und Charisma gespielte Ricuzzo Cantimo hört sich gerne detailliert die Sexabenteuer seiner Ehefrau (einer Ex-Prostituierten) an, um in Fahrt zu kommen. Die Tochter von Don Turi ist halbwahnsinnig. Alle anderen sind willfährige Helfershelfer, die für ihren Job mit Blei entlohnt werden. Allein Don Turi Scannapieco ist so etwas wie eine Vaterfigur, auch wenn er natürlich gleichzeitig auch ein skrupelloser Drogendealer ist. Gespielt wird der Patriarch übrigens von Mario Landi. Jener Mann, der mit seinen Filmen „Giallo a Vencia“ und „Patrick lebt!“ den guten Bianchi an Schmierig- und Verkommenheit noch um ein vielfaches übertraf. Was man angesichts von „Die Rache des Paten“ kaum glauben kann.

Aufgrund der Drehbücher, die nach dem Motto „Alles oder nichts“ verfahren und dabei eine Unglaublichkeit an die nächste Reihen, dem oftmals kaum existierenden Budget und der früher leider suboptimalen Präsentation seiner Werke im Heimkinobereich, eilt Andrea Bianchi kein besonders guter Ruf voraus. Sieht man nun aber beispielsweise „Die Rache des Paten“ in voller wunderbarer Breitwand, muss man ihm allerdings zugute halten, dass er ein guter und versierter Handwerker war, der seine Filme durchaus kompetent in Szene setzte. Das „Problem“ besteht nur darin, dass er nicht wirklich das Geld zur Verfügung hat, großes Kino zu zelebrieren. Was man an der lächerlichen Puppe, die das tote Kind in „Die Rache des Paten“ darstellen soll (wobei ich in diesem Falle durchaus dankbar, bin dass dieser Effekt nicht im geringsten realistisch aussieht) oder die Matsch-Watteköpfe der Zombies in „Die Rückkehr der Zombies“ sieht. Bianchi kaschiert dies aber mit einer unglaublichen Schöpfkelle an „Zu viel“. Seien es die oben bereits angesprochenen Szenen mit Silva, einer wunderschönen, aufregenden Barbara Bouchet, die sich erst lasziv den Körper mit Milch einreibt und dann später beim Essen Fellatio mit einer Banane vollführt. Oder der verkrüppelte Sohn des einen Mafios, welcher in etwa so alt aussieht wie seine Mutter (in „Die Rückkehr der Zombies“ nutzt Bianchi einen erwachsenen Kleinwüchsigen, um ein kleines Kind darzustellen). So entsteht kein Gourmet-Menü, aber eine deftige Currywurst mit viel, viel Ketchup.

„Die Rache des Paten“ ist mit seiner unfassbaren Mischung aus schmierigem Sex und blutiger Gewalt einer der großen Höhepunkte des sonnendurchfluteten Bahnhofskinos italienischer Machart. Wer der „Rache des Paten“ das erste Mal begegnet kann mit großen Augen und heruntergefallener Kinnlade eigentlich nur Fan dieser wahnsinnigen und wilden Filmen werden – oder die Scheibe in den Müll werfen und schleunigst duschen.

„Die Rache des Paten“ ist nach „Milano Kaliber 9“ und „Der Berserker“ der nächste Knaller in der Polizieschi-Reihe des Hauses filmArt, nachdem diese davor einen kleinen Durchhänger hatte. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Giallo-Reihe ebenso entwickeln wird. Die Bildqualität ist recht gut und das Bild der Langfassung hat eine schöne körnige Schärfe, die sehr nach Kino aussieht. Neben dieser um einige kurze Dialoge erweiterten und insgesamt ungefähr eine Minute längere Version, ist auch die etwas kürzere Internationale Exportfassung mit an Bord, die außerhalb von Italien als Basis für alle anderen Veröffentlichungen diente. Auch diese sieh gut aus, hier wurden allerdings etwas mehr Filter eingesetzt, um ein glatteres Aussehen hinzubekommen. Als Tonspuren sind der deutsche Synchronton, der englische und natürlich der italienische mit dabei. Die Stellen der Langfassung für die kein deutscher Ton vorliegt, werden auf italienisch mit deutschen Untertiteln abgespielt. Freude macht das 8-seitiges Booklet zum Film von Christian Kessler. Als weitere Extras sind noch der lange, und qualitativ sehr gut aussehende italienische und ein sehr kurzer amerikanischer Teaser-Trailer dabei. Als Easter-Egg gibt es noch die amerikanische Titelsequenz. Und wer das Motiv auf dem Cover nicht mag, kann dieses umdrehen und erhält ein alternatives Artwork.

DVD-Rezension: „Shaolin – Warteliste des Todes“

Von , 27. März 2018 20:51

Chang Sheng (John Liu) lebt friedlich als erfolgreicher Geschäftsmann und Besitzer einer Kung Fu Schule. Doch der böse Fang Keng (Philipp Ko) greift mit seinen Leuten die Schule an und zerstört Chang Shengs Geschäft. Cheng Sheng stellt sich dem Feind, der das Duell nicht überlebt. Dummerweise hat Fang Keng einen genauso bösen Bruder (nochmal Philipp Ko), der nun auf Rache sinnt. Eines Tages taucht ein junger Kämpfer Shu Keng (Stephen Tung Wai) auf, der von Chang Sheng dessen wundersamen „magischen Stoss-Tritt“ erlernen will. Zwar weigert sich Chang Sheng, Shu Keng zu unterrichten, doch dieser nistet sich schon bald bei Chang Sheng und dessen Gefolgsleuten ein. Gehört dies etwa zu einem perfiden Plan, um Rache für den Tod von Fang Keng zu nehmen?

Shaolin – Warteliste des Todes“ ist einer jener schön bekloppten Titel, die den unzähligen Kung-Fu-Kloppern von den deutschen Verleihern für die Auswertung in den Bahnhofskinos verpasst wurden. International firmiert er unter „Wu Tang Magic Kick“, was nicht nur knackiger klingt, sondern auch besser zum Film passt. Denn die Beinarbeit des Hauptdarstellers John Liu ist wahrlich magisch und alleine schon einen Blick wert. Der Taiwaner Liu erlernte schon klein auf die Kunst des chinesischen Kung Fu, gewann Meisterschaften und entwickelte später seinen ganz eigenen Stil mit Namen „Zen Kwan Do“, einer Mischung aus traditionellen Kung Fu und Taekwondo. Seine Kampfkünste brachten ihn Anfang der 70er Jahre zum taiwanischen Film, wo er ab 1976 zum Star aufgebaut wurde. Zwischen 1977 und 1979 war er in elf Filmen zu sehen. 1981 gründete sein eigenes Filmstudio , welches allerdings nach einigen Flops schon 1982 Pleite ging. Lui ging dann nach Paris, um dort sein Zen Kwan Do zu propagieren und verabschiedete sich bis auf wenige kleine Ausnahmen vom Filmgeschäft.

Als Demonstration seiner unglaublichen „magischen Stoßtritte“ eignet sich „Warteliste des Todes“ vorzüglich. Die zahlreichen Kampfszenen, die nur ab und zu durch Handlung unterbrochen werden, sind sehr energiegeladen und rau in Szene gesetzt. Die Kamera ist immer nah am Geschehen, was dem ganzen noch einmal eine ganz eigene, brutal-realistische Qualität gibt, gerät aber trotzdem nicht ins Wackeln und ermöglicht dem Zuschauer einen guten Überblick über das geschehen. Etwas, was die Kameramann heute scheinbar schon verlernt haben oder was in den meisten aktuellen Actionfilmen im angeblich dynamisierenden Schnitt zerstört wird. Hier kann man 90 Minuten dabei zusehen, wie sich die Gegner kunstvoll verprügeln und wie unglaublich flexible vor allem John Liu war. Um den Film zu genießen, muss man allerdings auch einen Faible für Zooms haben. Gegen das Zoom-Feuerwerk, welches hier abgebrannt wird, wirkt ein Jess Franco regelrecht lethargisch.

Wie viele Taiwanische Produktionen kann man „Warteliste des Todes“ ansehen, dass nicht besonders viel Budget zur Verfügung stand. Die Darsteller sind in der Mehrzahl unbekannt und wirken mit ihren wilden Perücken und Bärten wie von der Straße geholt. Neben Liu kennt man Philipp .. aus Hongkong, der hier eine Doppelrolle spielt und mit seinen gewaltigen Augenbrauen und dem schlechten Haarteil derartig billig aussieht, dass es eher wie eine Parodie wirkt. Aber darauf kommt es ja auch nicht an, denn die Kämpfe zwischen ihm und Liu befinden sich auf hohem Niveau. Was man vom Drehbuch nicht behaupten kann, welches eine recht einfallslose, überraschungsfreie Standard-Geschichte erzählt, die aber mit einem hohen Maß an Enthusiasmus und Action gut kaschiert wird.

Wie immer, wenn Kung-Fu-Filme preisgünstig in Taiwan gedreht wurden, stehen auch hier keine großartigen Studiokulissen zur Verfügung, was dem Film aber durchaus zum Vorteil gereicht. Denn so zieht man sich in die wilde Natur des Landes und den tatsächlich vorhanden, beeindruckenden Bauten zurück. Die Eleganz, Schönheit, aber auch Künstlichkeit einer Shaw Brothers Produktion geht einem Film wie „Warteliste des Todes“ völlig ab. Aber gerade hier liegt ja auch ein besonnenerer Reiz. Langweilig ist „Warteliste des Todes“ auch zu keiner Sekunde. Ständig ist etwas los, allein in den ersten acht Minuten kommt es schon zu drei großen Kämpfen. Dazu werden nett verrückte Szenen eingestreut, wie z.B. jene in der John Lius Figur in einem Goldenen Käfig in den Wahnsinn getrieben wird. Und wem trotzdem langweilig ist, der kann ja fröhlich mit raten, aus welchem Western gerade wieder die Musik geklaut wurde.

Zwar folgt die Geschichte von „Shaolin – Warteliste des Todes“ der Standard-Formel für billige Hongkong-Klopper, doch John Lius unglaubliche Fuss-Akrobatik, pausenlose Action mit wilden Kämpfen und die ein oder andere verrückte Idee hieven den Film locker über den Durchschnitt.

Leider ist die neue filmArt-Veröffentlichung kein Ruhmesblatt. Als Grundlage diente dasselbe (schlechte) Ausgangsmaterial wie bei den vorhergehenden Veröffentlichungen durch andere Labels, nämlich ein Digibeta-Tape. Dieses ist laut filmArt die derzeit weltweit einzige Quelle. Immerhin hat filmArt aber den Film erstmals anamorph in Scope auf DVD gebracht und die alte Fassung in 2,35:1 (Letterbox) als (einziges) Extras beigegeben. Das Bild ist aber wirklich unterdurchschnittlich. Nicht besonders scharf, an eine VHS erinnernd und in der linken Bildhälfte taucht ab und zu etwas auf, was wie eine schmale, transparente Säule aussieht und das Bild dahinter verzerrt. Der deutsche Ton ist etwas dünn und leicht dumpf, aber sehr viel besser als die ebenfalls enthaltende sehr dumpfe englische Tonspur. Die Synchro ist solide. Extras gibt es wie gesagt bis auf die nicht-anamorphe Letterbox-Fassung keine. Nicht mal ein Booklet.

Blu-ray-Rezension: „Der 27. Tag“

Von , 15. Februar 2018 21:41

Fünf Erdbewohner werden von einem geheimnisvollen Fremden entführt und in seinem Raumschiff ins All gebracht. Der Fremde (Arnold Moss) erklärt ihnen, dass sein Planet in den nächsten 30 Tagen untergehen wird und sein Volk eine neue Heimat braucht, um zu überleben. Die Wahl fiel auf die Erde. Doch ihre ethischen Grundsätze erlauben es ihnen nicht, einfach so die Erde zu annektieren. Der Fremde übergibt dem amerikanischen Journalisten Jonathan Clark (Gene Barry), der jungen Engländerin Eve Wingate (Valerie French), dem deutschen Wissenschaftler Prof. Klaus Bechner (George Voskovec), dem russischen Soldaten Ivan Godofsky (Azenath Janti) und der chinesischen Bäuerin Su Tan (Marie Tsien) Kapseln in die Hand, die eine Waffe enthalten, mit der sich die Menschheit vernichten könnte, ohne dass die Natur in Mitleidenschaft gezogen wird. Sollten die Menschen innerhalb der nächsten 27 Tage die Kapseln nicht benutzt haben, werden sie unbrauchbar und die Außerirdischen müssen Sterben. Doch die Aliens gehen davon aus, dass sich die aggressive und gewalttätige Menschheit innerhalb der Frist selber vernichten wird. Zurück auf der Erde versuchen die fünf Auserwählten das Erlebte zunächst zu verheimlichen. Doch dann nutzen die Außerirdischen die weltweiten Nachrichtensysteme, um der Menschheit nicht nur von der Waffe zu erzählen, sondern auch die Namen ihrer Besitzer preiszugeben. Das weckt Begehrlichkeiten bei den Mächtigen und schürt die Ängste in der Bevölkerung. Die fünf Erdbewohner werden zu Gejagten…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Der 27. Tag“ ist ein preisgünstiges „Der Tag an dem die Erde stillstand“-Rip-Off. Wie jener Klassiker von Robert Wise bemüht auch dieser Film sich um eine pazifistische Botschaft, kommt aber nicht umhin, trotzdem ordentlich auf den Feind im Osten einzudreschen. Das Land hinter dem Eisernen Vorhang wird als kalte Militärdiktatur gezeigt, deren oberste Befehlshaber schon der Geifer aus dem Maul läuft, wenn sie nur daran denken, mittels außerirdischer Technik die Weltherrschaft erlangen zu können. Das sieht dann auf US-amerikanischer Seite ganz anderes aus. Denn hier sind die Anführer der freien Welt besonnen und um Frieden bemüht. Soweit, so stereotyp, so kalter Krieg. Interessant ist da eher die Zeichnung der „Zivilgesellschaft“. Die arme Bäuerin aus dem maoistischen China opfert ihr Leben für den Frieden, der Sowjetsoldat erduldet die schlimmsten Qualen, um die Vernichtungswaffe nicht in die Hände seiner Vorgesetzten fallen zu lassen – und in den USA formt sich ein mordlustiger Mob, als bekannt wird, dass der Journalist Jonathan Clark eine tödliche Waffe besitzt.

Tatsächlich verbirgt sich hinter „Der 27. Tage“ ein recht interessantes Gedankenspiel. Was passiert, wenn man den untereinander verfeindeten Nationen eine überlegene Waffe in die Hand gibt? Werden sie vernünftig handeln und alles tun, damit diese nicht zum Einsatz kommt? Oder im Gegenteil sich sofort wieder in die Schlacht stürzen und sich gegenseitig vernichten? Der mit anderen Worten: Funktioniert die vielfach und immer wieder beschworene Strategie der Abschreckung? Die Antwort, die „Der 27. Tag“ liefert ist ambivalent. Überlässt man dies „den kleinen Leuten“, dann ist alles paletti. Sobald sich aber die Machthaber einmischen, droht der Weltuntergang. Denn diese sind ebenso machtbesessen wie unbelehrbar. Zumindest, wenn sie aus dem Osten kommen. Keine ganz unproblematische Aussage, bedient sie doch wieder einmal die alte – und auch heute noch aktuelle „Wir gegen die da oben“-Attitüde. Klammert man diesen Aspekt und die Kalte-Krieg-Propaganda aber mal aus, ist die Frage, in wie weit der Mensch bereits zivilisiert genug ist, sich nicht ständig die Köpfe einschlagen zu wollen, auch heute noch (oder gerade heute) sehr interessant.

„Der 27. Tag“ kann nicht mit großen Stars oder spektakulären Massenszenen aufwarten. Oftmals verdichtet sich der Film zum Kammerspiel. Es wird in engen Räumen diskutiert, die Anzahl der Außenaufnahmen minimiert. Und wenn, dann finden diese auf einer menschenleeren Rennbahn statt. Trotzdem versteht der Film es, Spannung aufzubauen, und einen fast die plumpe Kalte-Kriegs-Rhetorik vergessen zu machen. Dazu tragen die soliden Schauspieler bei, die gerade in den pefejt besetzten Nebenrollen einiges an Charisma entwickeln. Dass der Deutsche dabei von einem Tschechen und der Russe wiederum von einem Deutschen gespielt wird, fällt da gar nicht ins Gewicht. Der in Tschechien als  Jiří Wachsmann geborene George Voskovec spielt den deutschen Professor Bechner als sympathischen, höchst intelligenten Menschen. Was durchaus verwundert, waren die Deutschen doch nur wenige Jahre zuvor noch die Bösen Nummer 1 und auch in späteren Filmen häufig von dubioser Gesinnung. Vielleicht hatten die Macher des Films (oder der Autor der mir unbekannten Vorlage) ja die zahlreichen deutschen Wissenschaftler im Sinn, die nach dem 2. Weltkrieg trotz Nazi-Vergangenheit in die USA geholt wurden, um am amerikanischen Raketenprogramm zu arbeiten. Eine Figur wie Bechner ist da sicherlich gut für das Image und macht die zweifelhaften Umstände dieses „Anheuerns“ vergessen.

Der gebürtige Berliner Stefan Schnabel spielt seinen Sowjet-General als kaum kaschierte Stalin-Kopie. Beide besitzen auch eine entfernte Ähnlichkeit, auch wenn bei Schnabel der markante Schnurrbart weggelassen wurde. Vielleicht hatte man erkannt, dass vier Jahre nach Stalins Tod, ein allzu deutlicher Verweis nicht mehr ganz zeitgemäß war. Schnabel genießt es sichtlich seinen General möglichst heimtückisch-schmeichlerisch, aggressiv und größenwahnsinnig anzulegen. Dass er sich dabei oftmals weit über den Rand der Karikatur lehnt, fällt nicht weiter ins Gewicht. Denn auch, wenn „der 27. Tag“ vorgibt philosophische Fragen zu erläutern, bleibt er im Grunde doch ein kleiner Unterhaltungsfilm, der seine pazifistische Botschaft mit einem kräftigen Schuss Sowjet-Bashing anreichert. Da pfeift dann der kalte Krieg durch jede Drehbuch-Ritze.

Das interessanteste Mitglied des Schauspieler-Ensembles ist ebenfalls ein Europäer:  Der adelige Österreicher Friedrich Anton Maria Hubertus Bonifacius Graf von Ledebur-Wicheln, der hier unter seinem Schauspielernamen Friedrich von Ledebur geführt wird. Von Ledebur spielt den sanften Philanthropen Dr. Neuhaus. Ein großer und dadurch etwas tapsig wirkender älterer Herr, der langsam und mit schwerem Akzent spricht, und sich am Ende mit einem Lächeln für das Wohl der Menschheit opfert. Sieht man Von Ledebur hier in seinen altmodisch, etwas muffig wirkenden Anzügen, wie er gutmütig um das Wohl Bechners besorgt ist, kann man kaum glauben, dass er im selben Jahr seinen Durchbruch als Schauspieler in der Rolle des Kannibalen Queequeg in John Huston großartigen „Moby Dick“-Verfilmung hatte. Überhaupt lohnt es sich sehr, sich etwas näher mit dem unglaublichen Leben des Herrn von Ledebur zu beschäftigen, der nicht in Amerika Filme drehte, sondern später noch in zwei deutschen Karl-May-Filmen oder dem Italo-Western „Nobody ist der Größte“ sehen war. Ein rastloser Globetrotter, der sich als erfolgreicher Rodeo Reiter,  Minenarbeiter, Schwimmlehrer, Goldgräber, Tiefseefischer, Butler und vieles anderes mehr war. Eine Verfilmung seines aufregenden Lebens wäre wohl ein mindestens so aufregender Stoff wie „Der 27. Tag“.

„Der 27. Tag“ ist ein kleiner, spannender Unterhaltungsfilm, der allerdings seine pazifistische Botschaft mit einem kräftigen Schuss Sowjet-Bashing anreichert. Trotzdem bietet er ein interessantes Gedankenspiel an, was passieren würde, wenn die angeblich so zivilisierte Menschheit plötzlich eine Superwaffe in die Hand bekäme.

Anolis bleibt sich auch mit der neusten Veröffentlichung in der Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“ treu. Der hierzulande recht unbekannte B-Film wird in seiner bestmöglichen Form präsentiert. Die Blu-ray (eine inhaltsgleich DVD ist ebenfalls mit dabei) besticht mit einem sehr guten Schwarz-Weiß-Bild, welches nicht übermäßig glatt gefiltert wurde und so einen lebendigen, „echten“ Eindruck macht. Der Mono-Ton liegt auf Deutsch und Englisch vor, optional auch mit deutschen Untertiteln. Die deutsche Kinosynchronisation ist sehr gut und mit bekannten Stimmen besetzt. Vorzuziehen ist aber die englische Fassung, die sich bemüht, sprachliche Unterschiede der verschiedenen Nationen herauszuarbeiten und generell etwas „voller“ klingt. Der Veröffentlichung liegt ein zwölfseitiges Booklet bei mit vielen schönen Bildern und einem informativen Text von Ingo Strecker. Wie fast schon üblich gibt es auch wieder zwei Audiokommentare. Der erste ebenfalls von Ingo Strecker, der zusammen mit Bodo Traber näher auf den Film eingeht. Der zweite mit Dr. Rolf Giesen und Volker Kronz, die auch den 50er Jahre Science-Fiction-Film allgemein besprechen. Ansonsten gibt es noch die deutsche Kinofassung mit dem deutschen Vorspann deutschen Textinserts , sowie eine spanische und eine portugiesische Titelsequenz, den amerikanischen und deutschen Kinotrailer, den deutsche Werberatschlag, das US-Pressebuch, drei deutsche Filmprogramme, sowie einer animierten Bildergalerie zum Film.

DVD-Rezension: “Blade of the Immortal”

Von , 27. Januar 2018 14:51

Einst erhielt der Ronin Manji (Takuya Kimura) nach einem gewaltigen Blutbad von der 800 Jahre alten Nonne Yaobikuni „Blutwürmer“, die ihm unsterblich machen und dafür sorgen, dass selbst abgetrennt Gliedmaßen wieder anwachsen. Nach 52 Jahren unsterblichen Daseins ist Manji des Lebens müde. Da bittet ihn die junge Rin Asano (Hana Sugisaki) um Hilfe. Ihr Vater wurde ermordet und ihre Mutter entführt. Nun will sie Rache. Rin ist Manjis kleinen Schwester, die einst durch seine Schuld ums Leben kam, wie aus dem Gesicht geschnitten. So lässt sich Manji widerwillig auf den Auftrag ein. Die Mörder von Rins Vater sind die Mitglieder der Ittō-ryū-Schule unter ihrem Anführer Kagehisa Anotsu (Sōta Fukushi). Bald schon kommt es zur ersten blutigen Konfrontation…

Blade of the Immortal“ ist der 100. Film der großen Wundertüte Takashi Miike. Dieser Jubiläumsfilm gehört sicherlich nicht so zu einen Besten, gibt aber ein gutes Beispiel dafür ab, was man von Miike in seiner gerade mal 25-jährigen Karriere (das ergibt einen Durchschnitt von unglaublichen vier Filmen pro Jahr) erwarten kann. Wie sein ganzes Werk, welches von ernsthaften Dramen zu cartoonhaften Yakuza-Filmen voller überzogener Gewalt, von Kinderfilmen bis zu quietschbunten Computerspiel-Verfilmungen reicht, ist „Blade of the Immortal“ voller Wendungen, was Ton und Erwartung angeht. Das beginnt schon mit seinem Helden, dem unsterblichen Samurai Manji, der in der furiosen, in schwarz-weiß gehaltenen Eröffnungssequenz wie ein Mähdrescher durch die schier endlosen Reihen seiner Gegner pflügt. Später scheint Manji nicht mehr die Notwenigkeit in seiner Kunstfertigkeit zu sehen. Seine Gegner sind ihm allesamt haushoch überlegen und werden von ihm nur besiegt – ja weil er eben unsterblich ist. Eine große Müdigkeit und Egal-Stimmung durchzieht diese Kämpfe. Manji weiß ja, dass er gewinnen wird. Wozu also noch anstrengen? Vielleicht sieht „100-Filme-Mann“ Miike in dem „100-Mann-Mörder“ ja so etwas wie ein Alter-Ego, denn auch Miike kann heutzutage im Schlaf einen typischen „Miike“ inszenieren. Was er, wenn man einen genaueren Blick auf seinen riesigen Output wirf, manchmal vielleicht auch tut. Doch solange immer noch solche Meisterwerke wie beispielsweise „Audition“, „Gozu“, „Big Bang Love, Juvenile A“ oder auch „Hara-Kiri“ (die alle vier nicht unterschiedlicher sein könnten) dabei herauskommen, weiß man, dass die Flamme der Leidenschaft in Miike noch immer lodert und er mit der richtigen Motivation immer wieder Großes zu leisten im Stande ist.

Ähnlich wie bei Manji. Erst der Auftrag eines kleinen Mädchens, welches ihn an seine Schwester erinnert und an ein Trauma, dem er nicht entkommen kann, sorgen dafür, dass er sich wieder in den Kampf schleppt. Seine Unsterblichkeit hat ihn müde werden lassen. Sein unendliches Leben sorgt bei ihm vor allem für Zynismus.Natürlich ist das junge Mädchen seiner vor 50 Jahren ermordeten Schwester wie aus dem Gesicht geschnitten. Anders wäre es wohl kaum möglich gewesen, Manji noch einmal zu motivieren, einen Auftrag zu übernehmen. Doch so wird er noch einmal in einen epischen Konflikt geworfen und bekommt es mit allerlei skurrilen Gegnern zu tun. Während die Geschichte um Manji, trotz des Unsterblichkeits-Kniffs relativ klassisch daherkommt, so atmen die Bösewichter doch durch und durch den Atem einer Comic-Vorlage. Der erste Gegner führt die Köpfe seiner Opfer auf den Schultern spazieren und versteckt sein missgestaltetes Gesicht hinter einer Samurai-Maske. Der Zweite trägt eben jene „Stachel“-Frisur, die so vielen Manga-Figuren zu eigen ist – was einmal mit dem Spitznamen „Igel“ quittiert wird. Und auch die weiteren Antagonisten scheinen direkt aus den Seiten des zugrundeliegenden Mangas gefallen sein. Was Miike die Gelegenheit gibt, in „Blade of the Immortal“ seinen – wenn hier auch eher gedämpften – irrwitzigen Exzessen zu frönen und weniger einen klassischen Samuari-Film ala Kurosawa zu inszenieren.

Eine besondere Figur ist die des Gegenspielers Kagehisa Anotsu. Eine leicht androgyne Figur mit zu schönen Gesichtszügen, um wahr zu sein. Anotsu ist beseelt von einer Mission. Jener nämlich, alle Kampfschulen zu vereinigen. Dummerweise lässt er ein „Nein“ nicht gelten und wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn und damit dem Tode geweiht. Dabei wird Anotsu aber nicht komplett negativ gezeichnet. Er ist kein Irrer, der laut krakeelend und augenrollend seine Feinde kurz und klein macht. Auch kein düsterer Grübler. Im Grunde ist Anotsu die Antithese zu seinen Untergebenen, mit denen es Manji zunächst zu tun bekommt. Wenn er argumentiert wirkt er zunächst einmal ganz vernünftig, und er besitzt auch ein großes, sanftes Charisma, welches die Menschen für ihn einnehmen könnte. Aber gerade dadurch ist er so gefährlich. Denn er ist ein Dogmatiker. Jemand, der sich zum Führer berufen fühlt und keine zweite Meinung gelten lässt. Der ohne Skrupel über Leichen geht, um sein „heiliges“ und damit für ihn gerechtes Ziel zu erreichen. Aber auch jemand, der von einer besseren Welt träumt. Wobei für ihn kein Zweifel daran besteht, was die „bessere“ Welt ist. Wer denkt da nicht an gewisse religiöse Führer, die unter dem Vorwand der „gerechten Sache“ Terror verbreiten. „Kamen Rider“-Star Sōta Fukushi spielt diesen Kagehisa Anotsu mit minimalen Aufwand, aber größter Effektivität. Und er bildet einen Gegenpol zu Manji, der schon lange nicht mehr träumt und dessen einzige Vision darin besteht, endlich seinen Frieden zu finden. Manji will kein Führer sein. Weder für eine Idee, noch für einen anderen Menschen kämpfen. Dass er sich am Ende von der jungen Rin Asano anheuern lässt, hat dann auch mehr mit einem schlechten Gewissen und der Hoffnung zu tun, dass er so den Tod seiner Schwester irgendwie sühnen kann – und vielleicht am Ende endlich Erlösung findet.

Takashi Miikes 100. Film mag nicht sein Bester sein, aber ein hübsche Zusammenfassung seiner bisherigen Karriere. Der mit 136 Minuten und seinem epischen Finale vielleicht etwas zu lang geratener Film, wartet mit eben jenen Überraschungen und – wenn auch hier etwas dezenter als sonst – irrwitzigen Überzeichnungen auf, die für einen Miike-Film typisch sind.

Die Ascot Elite DVD hat ein durchschnittlich gutes Bild. Vordergrunde sind scharf, aber Hintergründe oder Totale wirken ganz leicht pixelig und dadurch ein wenig unscharf. Der Ton ist ausgezeichnet, wobei der japanische Ton realistischer wirkt. In der nicht vollständig überzeugenden deutschen Synchronisation erscheinen die Dialoge etwas zu sehr in den Vordergrund gemischt. Zudem wirken in der Synchronisation einige Figuren stimmlich zu alt, andere zu jung. Bonusmaterial gibt es auf dieser DVD – bis auf den Trailer – leider keins. Hier müsste man auf die deutlich teurre Blu-ray im Steelbook zurückgreifen, die ein fast zwei-stündiges „Making Of“ enthalten soll. Im Menü wird man mit dem extrem nervigen Pop-Rock-Song aus dem Abspann gequält.

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