Blu-ray-Rezension: “Der Mann mit der Stahlkette“

Des Opiumschmuggels angeklagt wird Teng Piao (Ti Lung) ins Gefängnis gesteckt. Dort gärt es in ihm, den jemand hat ihn betrogen. Irgendwann (dazu weiter unten im Text mehr) kann Teng Piao dem Gefängnis entkommen und hat nur ein Ziel: Den Betrüger zu finden. Dabei handelt es sich um jemanden, der sich Schwarzer Panther nennt und Anführer einer Bande von Mördern ist, die sich „Die sieben Unüberwindlichen“ nennt. Nur weiß Teng Piao nicht, wer sich hinter diesem Namen verbirgt. So macht sich Teng Piao daran, die Identität des Geheimnisvollen zu lüften. Seine Waffe dabei: Die Stahlkette, mit der er einst an seine Zelle gefesselt war…

Willkommen in der Welt des Chu Yuan (oder Chor Yuen, wie er in der englischsprachigen Welt geschrieben wird). Neben Chang Cheh ist er einer der produktivsten Regisseure der Shaw Brothers. Wobei sein Stil sich radikal von dem Chang Chehs unterscheidet. Che ist bekannt für seinen groß angelegten Schlacht-Epen, seine todessehnsüchtigen Männerfreundschaften und schier endlosen Todesballetts (Dinge, die sich sein Assistent John Woo für seine Heroic-Bloodshed-Filme in den 80ern abgeschaut hat). Chu Yuans Filme hingegen gehören häufig zum Genre der „Wuxia“ und spielen in der sogenannten „Martial World“. Die Filme haben fast immer einen phantastischen Touch. Die Kämpfer besitzen durch das intensive Studium der Kampfkunst nahezu übermenschliche Kräfte, und es tauchen häufig auch Magier auf. Zudem ist diese Welt von legendären Kämpfern bevölkert, die häufig sehr exotische Fähigkeiten besitzen. Meistens geht es darum, dass ein mächtiger Kämpfer ausgeschaltet werden soll, damit ein anderer oder eine andere Gruppe mehr Macht erlangt. Man kann diese Filme beinah als Märchenfilme verstehen, denen oftmals eine traumgleiche Stimmung zugrunde liegt, was durch die irrealen Kulissen noch unterstrichen wird. Dies spiegelt sich teilweise auch in „Der Mann mit der Stahlkette“ wieder, auch wenn dieser im Gegensatz zu seinen „Wuxia“ im wahrsten Sinne des Wortes „geerdet“ ist.

Doch die Geschichte um die „Sieben Unüberwindlichen“, einer Bande von Mördern, die alle spezielle Fähigkeiten haben und deren Identität erst nach und nach enthüllt wird, erinnert an das Grundgerüst vieler anderer Chu-Yuan-Filme. Ebenso gelingt es Chu Yuan seinen typischen, artifiziellen Stil, was die Ausleuchtung und die Gestaltung der Räume angeht, hier mit einzubringen. Die Kamera nimmt die Handelnden gerne aus einer leichten Untersicht auf. Die Kulissen sind einerseits fantasie- und detailreich, andererseits deutlich als im Studio errichtet zu erkennen. So entsteht ein klaustrophobischer Eindruck, da hier der Himmel im wahrsten Sinne des Wortes nicht unendlich ist. In der Gestaltung seiner Bilder setzt Chu Yuan auf starke Primärfarben, was fast schon an Mario Bava erinnert, und auf prägnante Kontraste mit viel Schatten. Womit wir wieder bei der oben genannten unwirklich, traumgleichen Stimmung sind, die auch einem Horrorfilm gut zu Gesicht stehen könnte.

Der großartige Ti Lung präsentiert sich einmal mehr als wandlungsfähigster Schauspieler der klassischen Shaw-Brothers-Ära. Sehr häufig als elegante Autoritätsperson eingesetzt, ist er hier zunächst kaum wiederzuerkennen. Und das liegt nicht nur an seinem Dreitagebart und dem Schlapphut, der auf einer ungewohnt buschigen Frisur sitzt. Lung geht wieder ganz in der Rolle des eher abgerissen daherkommenden, von Rachegefühlen getriebenen „Mann mit der Stahlkette“ auf. Und eben jene Stahlkette weiß er auch perfekt in seine ohnehin tadellose Kampfkunst zu integrieren. Als Mitspieler wurde ihm Tony Liu zur Seite gestellt, der hier eine Rolle spielt, die eigentlich Ti Lungs langjährigem Partner David Chiang auf dem Leib geschrieben ist. Ein ständig gutgelaunter, modisch gekleideter, aber auch geheimnisvoller Mann, der Ti Lung im Kampf ebenbürtig ist. Nun bring Tony Liu sichtbar nicht die Fähigkeiten mit, es im Kampf mit Ti Lung aufzunehmen, weshalb ihm das Drehbuch eine schier magische Kunst des Messerwerfens unterstellt. Was wiederum an die Wuxia erinnert, wo die Figuren hauptsächlich durch ihre Kunstfertigkeit an ihren Waffen definiert werden. Wenn Liu Yung aber trotzdem mal zu den Handkanten greifen muss, merkt man, dass er dabei durch einen raffinierten Schnitt unterstützt wird.

Auf der Seiten der Bösen haben nicht alle der sieben Mörder die Chance, echte Persönlichkeit zu entwickeln. Dafür ist der schwer opiumabhängige, lokale Gangsterboss Zhou Bai eine sehr interessante Figur geworden, bei der man sich nie wirklich sicher ist, ob er nur ein skrupelloser Geschäftspartner des mysteriösen Schwarzen Leoparden ist, oder doch weit mehr Fäden im Hintergrund spinnt, als man auf den erste Blick denken mag. Jason Pai Piao spielt ihn mit viel sinisterem Charisma und Präsenz. Pai Piao kam erst Ende der 70ern zu den Shaw Brothers, nachdem er zuvor bei anderen Produktionsfirmen kleinere Rollen spielte. Bei den Shaw Brothers spielte er vor allem Autoritätspersonen, aber ein wirkliche bekannter Name wurde er hier leider auch nie. Was angesichts seines bemerkenswerten Auftritts in „Der Mann mit der Stahlkette“ ein wenig verwunderlich und auch schade ist.

Die deutsche Synchronfassung weicht etwas vom Original ab, was gleich bei der ersten Texteinblendung offensichtlich wird. Während Teng Piao in der deutschen Fassung wegen Mordes verurteilt wurde und nach nur fünf Jahren aus dem Straflager geflohen ist, wurde er im Original eigentlich wegen Opiumschmuggel verurteilt und nach fünfzehn (!) Jahren entlassen. Ti Lung hat zudem eine recht unpassende Synchronstimme. Zwar hat Ti Lung (leider) in jedem Film eine andere Stimme (er wurde u.a. von so unterschiedlichen Sprechern wie Sascha Hehn, Heiner Lauterbach, Thomas Danneberg oder Wolfgang Hess (!) gesprochen), aber Hartmut Reck wirkt für die Rolle einfach zu alt. Tony Liu wird von Elmar Wepper gesprochen, der sonst häufig David Chiang spricht, was aber sehr gut passt, da wie oben angesprochenen, Lius Rolle stark an Chiang erinnert. Norbert Gastell spricht nicht nur Schurken Jason Pai Piao, sondern auch mit verstellter Stimme (die dann mehr nach seiner Paradesprechrolle Homer Simpson klingt) den Wirtshausbesitzer. Was sehr verwirrt, da beide hintereinander auftreten. Ich meine seine Stimme sogar noch an anderen Stellen vernommen zu haben.

Mit der Nummer 11 der Shaw-Brothers-Collector’s-Edition hat filmArt wieder ein kleines Juwel der Gattung auf den deutschen Markt gebracht. Über die Bildqualität kann man wie gewohnt nicht meckern. Die deutsche und die Originaltonspur (obwohl überall von Kantonesisch geschrieben wird, handelt es sich um Mandarin) sind gut und angenehm zu hören. Hier gibt es deutsche sowie englische Untertitel. Das Booklet bietet den kompletten deutschen Aushangfotosatz des Films, die Extras eine Bildergalerie, eine Trailershow und den Originaltrailer. Auch die gekürzte deutsche Kinofassung kann in HD abgespielt werden. Und es gibt ein Wendecover mit dem deutschen Kinoplakat.

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