DVD-Rezension: „Schöner Gigolo, armer Gigolo“

Paul Ambrosius von Przygodski (David Bowie) kehrt nach dem 1. Weltkrieg zurück nach Berlin. Dort hat seine Mutter das elterliche Haus in eine Pension verwandelt und geht in einem Türkischen Bad arbeiten, um über die Runden zu kommen. Paul selber versucht es auch in einigen Berufen, scheitert allerdings immer wieder. Erst als Gigolo findet er seine Bestimmung…

David Bowie mag diesen Film überhaupt nicht und sagte über ihn „Oh well, we’ve all got to do one [bad movie] and hopefully I’ve done mine now.“. Dabei macht er eine durchaus gute Figur als Sohn einer preußischen Militärfamilie. Das Problem ist nur, dass seine Figur Paul Ambrosius von Przygodski vom Drehbuch und Regisseur David Hemmings ziemlich allein gelassen wird. Eine echte Entwicklung ist nicht zu erkennen, auch wenn die Handlung sich über mehrere Jahre zieht. Paul ist das Produkt einer Erziehung, die Wert auf preußische Tugenden legt. Darum ist er auch glücklich beim Militär, wo er aufgrund seiner Abstammung und seines Rangs ein gewisses Ansehen genießt, und wo er Befehle ausführen kann. Gut aussehen und keine Initiative entwickeln, das ist das Leben, welches wie für Paul gemacht ist. Nach dem Krieg ist er dementsprechend entwurzelt und treibt durch das wilde Berlin, welches von der ersten Depression nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg zu einem brodelnden Nachtleben und wilden Ausschweifungen findet. Dabei kommt auch Pauls eher kindlicher Charakter immer mehr zum Vorschein. Zu Beginn versucht er sich in mehreren Jobs, schaut mit großen erstaunten Augen auf eine Welt, die er nicht so recht versteht. Klappen tut es nirgendwo, was auch an seinem generellen Desinteresse liegt. Erst als Gigolo findet er sich zurecht. Wieder muss er nur gut aussehen und keine eigene Initiative zeigen, um Ansehen (bei den älteren Damen und seinen Kollegen, aber immerhin) zu gewinnen. In vielen Kritiken zum Film wird hervorgehoben, dass Bowies Schauspiel hier noch nicht ausgereift, ja amateurhaft wirken würde. Was nicht unbedingt stimmt. Bowie passt schon in die Rolle des schönen Gigolos und gibt sich Mühe die schauspielerischen Hürden zu überwinden. Allerdings muss man zugeben, dass man Bowie, durch und durch Engländer, nicht unbedingt den preußischen Offizier abnimmt. Oder den Berliner Jungen.

Zudem wirkt der Film uneinheitlich und an manchen Stellen überhastet. Letzteres mag daran liegen, dass er ursprünglich 142 Minuten lief, dann aber von Hemmings auf 101 Minuten hinunter geschnitten wurde. Die deutsche Fassung unterscheidet sich gerade beim Beginn von der englischsprachigen Fassung und läuft sogar nur 95 Minuten. Die Kürzungen merkt man immer wieder, denn der Film fühlt sich an wie der Zusammenschnitt einer Serie. Immer wieder wird zum Winter des jeweiligen Jahres die Jahreszahl eingeblendet. Doch zwischen zwei Wintern liegen im Film manchmal nur wenige Minuten. Zwischen den Jahren verschwinden ganze Handlungsstränge und Figuren. Zum Beispiel in einer Szene in der mehr als nur angedeutet wird, dass Hauptmann Kraft und Paul eine homosexuelle Beziehung eingehen. Doch im nächsten Schnitt ist wieder ein Jahr vergangen und Kraft zunächst aus der Handlung verschwunden. Man erfährt jedoch beiläufig, dass die Beiden scheinbar dieses Jahr miteinander verbracht haben. Was vorgefallen ist, wie sie es verbracht haben und warum Paul nun wieder allein ist, dies wird der Fantasie des Zuschauers überlassen. Manchmal vergehen laut Einblendung mehrere Jahre bis sich zwei Personen wiedersehen, was dann aber auch nicht wirklich thematisiert wird. Das verwirrt erst einmal und lässt den Film unvollständig wirken.

Die oben angesprochene Uneinheitlichkeit mag man auch Hemmings Inszenierung ankreiden. Manchmal verliert er sich in absurdem Slapstick, der den Film eindeutig in der Farce verortet. Dann wieder inszeniert er sehr ernsthaft und mit Hang zum großen Drama. Manchmal gelingen großartige Szenen (zum Beispiel, wenn Curd Jürgens den nackten Bowie in der Badewanne überrascht), dann wird es wieder albern (leider fast alle Szene mit Kim Nowak) oder schlicht belanglos. Hätte sich Hemmings dazu durchgerungen, den Film von Anfang an als absurde Komödie anzulegen, wäre das Ergebnis runder und vielleicht sehr viel interessanter geworden. Immerhin verleiht Hemmings seinem Film eine bittere und kompromisslose Pointe, die man so nicht kommen sieht. Und die einer schwarzen Komödie durchaus gut zu Gesicht gestanden und dort eine noch größere Wirkung hätte entfalten können.

Das Aufgebot an Schauspieler ist schlicht überwältigend. Neben Bowie und Hemmings (noch solch ein typischer Brite, der hier allerdings einen deutschen Nazi spielt), haben wir wie gesagt Kim Nowak, Curd Jürgens, Sidney Rome, Maria Schell, Werner Pochath und Erika Pluhar. Bis auf Sydne Rome leider alle in teilweise so kleinen Rollen, dass man mehr von einem Cameo sprechen kann. Dies gilt insbesondere für den größten Star des Filmes: Die legendäre Marlene Dietrich, welche mit 77 Jahren noch einmal aus dem Ruhestand kam, um hier mitzuspielen. Sie hat nur zwei Szenen und wenn man darauf achtet, merkt man deutlich, dass diese separat gefilmt wurden und sie keinerlei Kontakt zu ihrem Mitspieler David Bowie hatte. Tatsächlich nahm man ihre Szenen in einem Studio in Paris auf, während die mit Bowie in Berlin gedreht wurden. Die Dietrich versteckt ihr Gesicht hinter einem Schleier und viel Make-Up. Sie wirkt dadurch auf eine merkwürdige Weise jung, aber auch sehr fremd. Ja sogar unnatürlich, bzw. man das Gefühl nicht loswird, dass hier eine Schönheitschirurg Hand angelegt hat. Trotzdem versprüht sie noch eine ziemliche Präsenz und wenn sie am Ende das Titellied „Just a Gigolo“ singt, ist man doch froh sie hier noch ein letztes Mal erleben zu dürfen.

Die Pidax-Veröffentlichung hat zwei Versionen des Filmes an Bord. Einmal die etwas kürzere deutsche Kinofassung (95 Minuten) und einmal die längere englische Fassung (101 Minuten). Erstere nur mit deutschem Ton, letztere nur auf Englisch. Neben inhaltlichen Unterschieden (in der englischen Fassung ist der Beginn in Sepia gehalten, in der deutschen Fassung in Farbe, der Schnitt ist auch anders) fällt vor allem der qualitative Unterschied des Bildes auf. Die deutsche Fassung hat ein befriedigendes Bild, während die englische Fassung deutlich schlechter ist. Als einziges Extras gibt es einen sehr kurzen Ausschnitt eines Interviews mit Kameramann Charly Steinberger, in dem er erzählt wie die Dreharbeiten mit Marlene Dietrich waren.

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