Blu-ray-Rezension: “Junge Mädchen zur Liebe gezwungen“

Nach einem blutigen Überfall hat das flüchtige Bankräuber-Trio Aldo, Walter (in der deutschen Fassung in Mario umbenannt) und Nino eine Autopanne und sucht Zuflucht in einem einer luxuriösen Strandvilla. In diese haben sich Schwester Cristina und ihre jungen Schützlingen aus einem katholischen Internat zurückgezogen, um für ein Theaterstück proben und sich auf das Abitur vorzubereiten. Als die drei Gewaltverbrecher in die Villa eindringen, sind die Mädchen diesen vollkommen ausgeliefert.

Dass filmArt beschlossen hat, den Film „La Settima Donna“ unter seinem reißerischen Kinotitel „Junge Mädchen zur Liebe gezwungen“ mit einem an Sadiconazista-ähnlichen Cover zu veröffentlichen, mag eine kalkulierte Marketing-Entscheidung sein. Im Jahre 2022 schlägt einem diese allerdings etwas auf den Magen. Wobei natürlich klar ist, dass der Film bei seiner deutschen Kinoveröffentlichung vor 38 Jahren ebenfalls genauso beworben wurde. Vor vielen Jahren durfte ich diese (gekürzte) Fassung sogar von 35mm auf der großen Leinwand bewundern und erinnere mich noch, dass ich aufgrund des Titels auf das Schlimmste gefasst war. Am Ende fand ich ihn aber eher harmlos – was damals sicherlich an den gekappten Gewaltspitzen und der falschen Erwartungshaltung gelegen haben könnte. Und was ich heute auch nicht mehr nachvollziehen kann. Mehr dazu weiter unter.

Spannenderweise scheint die Kinofassung aber gar nicht die Erste gewesen zu sein, die in Deutschland zu sehen war. Glaubt man den Angaben in der OFDb erschien 1983 (also fünf Jahre nach Herstellung des Filmes) auf VHS eine ungekürzte Fassung bei Action Video unter dem Titel „Verflucht zum Töten“ mit eben jenem Cover, welches nun die neu erschienene Blu-ray ziert. Die gekürzte Kinofassung kam unter dem neuen Titel „Junge Mädchen zur Liebe gezwungen“ ein Jahr später auf die Leinwand. Ohne Plakat, bzw. einem Plakat welches marktschreierisch verkündete „Da für diesen sehr harten Film das Filmplakat verboten wurde, kann der Verleih nur dieses Schriftplakat zur Verfügung stellen“. Ferner wird behauptet, der Film beruhe auf „dem gleichnamigen Bestsellerroman von Ettore Sanzo“. Was natürlich beides ein wenig geschummelt ist. Immerhin ist Sanzo aber eine reale Person, nämlich der Drehbuchautor. Und „verboten“ war nichts, aber sehr wohl indiziert. Und zwar das Video „Verflucht zum Töten“ und das schon seit Dezember 1983. Wahrscheinlich stammt daher der Einfall, den Film unter neuem Titel und völlig ohne Bildwerbematerial am 30. November 1984 in die Kinos zu bringen. Genützt hat es nichts. Als er dann später in dieser gekürzten Form mit dem neuen Titel nochmals bei einem anderen Anbieter auf VHS erschien, wurde diese Fassung ebenfalls indiziert.

Doch zurück zum Film selber. Dieser segelt natürlich im Fahrwasser von Vorgängern wie „Last House on the Left“ (dt. „Mondo Brutale“) oder den ebenfalls von Ettore Sanzo geschrieben „L’ultimo treno della notte“ (dt. „Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien“), der in den USA als „The New House on the Left“ vermarktet. Folgerichtig besitzt „Junge Mädchen zur Liebe gezwungen“ auch den englischen Alternativtitel „The Last House on the Beach“. Wer nun ein billigen, sich rein auf spekulative Gewalt konzentrierenden Rip-Off erwartet liegt falsch. „Junge Mädchen zur Liebe gezwungen“ entpuppt sich als intelligenter und spannender Home-Invasion-Thriller, der nebenbei auch einige Fragen nach Glauben und männlicher Niedertracht behandelt. Regisseur Francesco Prosperi (weder verwandt noch verschwägert mit dem sehr ähnlich klingenden Mondo-Regisseur Franco Prosperi) ist ein alter Veteran, der bereits bei Mario Bava als Regieassistent dabei war. Er versteht sein Handwerk und das sieht man „Junge Mädchen zur Liebe gezwungen“ auch an, der preisgünstig, aber nicht billig daher kommt.

Interessant ist zuerst einmal die Zusammensetzung des Bankräuber-Trios. Nino (Stefano Cedrati) und Walter (Flavio Andreini) sind schon aufgrund der Besetzung gleich als dümmlicher Triebtäter und sadistischer Psychopath zu erkennen. Ihr bedrohliches Auftreten ruft keinerlei Überraschung hervor. Demgegenüber ist der engelsgleiche Blondling Ray Lovelock als Aldo scheinbar fehlbesetzt (er spielt zwar in „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ (Rezension hier) eine ähnlich „schwierige“ Rolle, ist sonst aber auf Frauen- und sonstige Helden abonniert). Er scheint „der Gute“ in der Bande zu sein. Der nette Junge, der einfach in schlechte Gesellschaft geraten ist. Und so benimmt er sich gegenüber den bedrohten Frauen in diesem Film auch. Er heuchelt Verständnis, verlässt sich ganz auf sein gutes Aussehen und darauf, dass die Frauen ihm sowieso irgendwann verfallen sind, wenn er sie ein wenig in diese Richtung manipuliert. Prosperi spielt das Spiel mit der Erwartung zunächst mit, dann hinterlässt er immer mehr kleine Hinweise, dass die Sache etwas komplexer ist als gedacht. In einer wunderbaren Szene legt er dann ganz die Karten auf den Tisch. Während Aldo Mitleid erheischend davon berichtet, wie er unschuldig in den fatalen Bankraub verwickelt wurde, wird jener noch einmal gezeigt. Waren die Gesichter der Bankräuber in der Eröffnungsszene noch verborgen, sieht man nur ganz deutlich, wer was beim Überfall zu verantworten hat. Und die Bild-Ton-Schere geht hier doch gewaltig auseinander. Der Verdienst Prosperis liegt darin, dass die Frauen nicht klischeemäßig auf Aldos sonnige Art hereinfallen und sich ihm an den Hals werfen, sondern im grandiosen Finale im wahrsten Sinne zurückschlagen und den von sich selbst überzeugten Macho zurechtstutzen. Eine Szene, die vielleicht Quentin Tarantino zum Ende von „Death Proof“ inspiriert hat.

Die zweite spannende Figur ist die der Nonne Schwester Cristina (überzeugend gespielt von der großartigen Florinda Bolkan) deren Beruf(ung) erst nach der Hälfte des Filmes aufgedeckt wird. Vorher scheint scheint sie einfach die erwachsene Begleiterin der minderjährigen (naja) Mädchen zu sein. Interessant ist vor allem die Art und Weise wie Cristina gezeigt wird. Als eine Nonne, die eben nicht ihren Habit trägt, und sich mit ihren Schützlingen auf einer Ebene und nicht von oben herab verhält. Eher wie die ältere Freundin, nicht die klerikale Respektsperson. Ich kenne mich in der katholischen Kirche nicht besonders aus, doch ist mir bisher nicht bekannt gewesen, dass sich Nonnen so verhalten, bzw. auf das Habit verzichten. Ist Cristina besonders progressiv? Setzt sie sich über die Weisungen der Kirche hinweg? Einmal erwähnt sie, dass sie vor ihrer Zeit als Nonne durchaus körperliche Freuden genossen hätte. Was ist ihre Geschichte? Als sie einen der Eindringlinge förmlich hinrichtet, nimmt sie vorher ihr Kreuz ab und verwahrt es in einem Schrank. Bricht sie hier endgültig mit der Kirche? Und wenn sie am Ende voller Zorn fast schon hysterisch versucht sich den Ring vom Finger zu ziehen – tut sie dies aus Enttäuschung gegenüber eines Gottes, der zulässt, dass so viel Grausames geschieht? Oder verwandelt sie sich hier wie ihre Schützlinge in eine rasende Bestie, die gleiches mit gleichem vergelten will – was ihr Glaube aber nicht zulässt? Viele Fragen, viel spannender Interpretationsspielraum.

Ein weiterer interessanter und sehr effektiver Ansatz Francesco Prosperis ist es, vieles nicht bis zum Letzten auszuspielen und mit der Kamera drauf zu halten. Bei den schlimmsten Gewalttaten konzentriert sich die Kamera ganz auf die schmerzverzerrten, angsterfüllten Gesichter und vor Schrecken weit ausgerissenen Augen, statt die Grausamkeiten in allen Details auszuwalzen. Was die Identifikation mit den Opfern fördert und diese Szenen ganz besonders unangenehm machen. So spielt sich das meiste dann im Kopf des Betrachters ab. Und Prosperi findet genau die Balance zwischen Zeigen und Imagination, die einem einen Knoten in den Magen dreht. Dazu kommt noch eine gute Besetzung, die aus den jungen Mädchen nicht austauschbares Schlachtvieh macht (wie es in den US-Slashern der 80er Jahre häufig der Fall war), sondern ihnen eigenständige Charaktere gibt. Hier sei vor allem die Amerikanerin Sherry Buchanan lobend erwähnt.

Unterstützt wird dies alle durch einen sehr gelungen Soundtrack von Roberto Pregadio, der auch einen sehr passenden, ziemlich an Bryan Ferrys „Let’s Stick Together“ erinnernden Song beisteuert, der von Ray Lovelock persönlich eingesungen wurde. Außerdem sollte hier die sehr gute Kameraarbeit durch Cristiano Pogany, dessen vierte Arbeit dies erst war, hervorgehoben werden. Für Francesco Prosperi sollte dies leider die letzte bedeutende Arbeit bleiben. Sein Karriere endete fünf Jahre später mit zwei eher durchschnittlichen Barbaren-Filmen. Wer kann, sollte sich allerdings einmal seinen tollen Action-Thriller „Ich heiße John Harris“ von 1966 ansehen, der kürzlich bei Cineploit in Österreich erschien.

Die filmArt-Bluray hat ein sehr gutes Bild. Es gibt eine vom Negativ und Interpositiv restaurierte Fassung und eine unrestaurierte Fassung, die nur vom Interpositiv gezogen wurde. Deutscher und Italienischer Ton liegt einmal gefiltert und einmal ungefiltert vor. Untertitel sind in Deutsch und Englisch dabei. Ein Audiokommentar von Prof. Dr. Stiglegger und ein informatives und ausführliches 16-seitiges Booklet von Heiko Hartmann stellen den Hauptbonus dar. Diverse Trailer und eine sogenannte Flashframe-Montage (8 Minuten), runden die Extras ab.

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