Blu-ray-Rezension: „Graf Zaroff – Genie des Bösen“

Von , 13. November 2019 09:19

Der junge amerikanische Großwildjäger Rainsford (Joel McCrae) findet sich nach einem Schiffsbruch auf einer geheimnisvollen Insel wieder. Zuflucht findet er in einer alten Festung, in welcher der russische Graf Zaroff (Leslie Banks) sein Refugium hat. Überrascht muss Rainsford feststellen, dass er nicht Zaroffs einziger Gast ist. Die schöne Eve (Fay Wray) und ihr alkoholkranker Bruder Martin (Robert Amstrong) sind ebenfalls nach einem Schiffbruch hier gestrandet. Zaroff selber entpuppt sich als fanatischer Jäger, der – wie er selbst sagt – sich auf das gefährlichste Tier der Welt spezialisiert hat. Bald schon dämmert Rainsford, was oder vielmehr wer damit gemeint ist…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Es ist schon eine etwas undankbare Aufgabe, wenn man über einen Film schreibt, den jeder Filmliebhaber kennt (oder zumindest kennen sollte). Was soll man schreiben, was nicht schon bekannt ist? Dass „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ aka „The Most Dangerous Game“ quasi ein “Abfallprodukt” der weitaus größeren Produktion “King Kong” ist, mit der er sich nicht nur die Dschungel-Kulissen, sondern auch Darsteller, Produzenten und Hauptregisseur teilt. Dass die Dreharbeiten zeitgleich – sozusagen nach Feierabend – zu “King Kong” stattfanden? Oder dass der Film unzählige andere Filme inspirierte, die ihn mehr oder weniger offen kopierten, In beinahe jedem Jahrzehnt gab es „Menschenjagd-Filme“, in denen dekadente Jäger ihr menschliches Wild jagten. In den 90ern waren Van Damme in John Woos „Harte Ziele“ oder Ice-T in „Surviving the Game“ die bedauernswerten, aber ziemlich wehrhaften Opfer einer solchen Treibjagd. In den 80ern gab es den australischen „Turkey Shot“. In den 70ern „Open Season“ In den 2000ern wurden in Japan Schüler aufeinander losgelassen, die sich gegenseitig jagen mussten („Battle Royale“) und wahrscheinlich ließ sich auch Robert Sheckly von „The Most Dangerous Game“ zu seinen Kurzgeschichten „The Seventh Victim“ und „The Prize of Peril“ inspirieren, auf denen wiederum die Filme „Das 10te Opfer“, „Kopfjagd – Preis der Angst“ oder das legendäre „Das Millionenspiel“ entstanden. Selbst Jess Franco verfilmte 1974 mit „La Comtesse perverse“ seine Version der Geschichte und nannte die Antagonistin dann auch „Gräfin Zaroff“. Diese Liste könnte noch lange fortgeführt werden. „The Most Dangerous Game“ war die Blaupause und hält sich auch heute noch besser oder zumindest genauso gut, wie seine Nachfolger.

Dass „The Most Dangerous Game“ auch 2019 noch so frisch wirkt, liegt einerseits an seiner angenehmen Kürze, die sich gar nicht erst die Zeit nimmt, um sich mit irgendetwas anderem als der schlanken Handlung auseinanderzusetzen. Dementsprechend ist auch das Tempo, welches „The Most Dangerous Game“ an den Tag legt. Eine kurze Exposition, dann das Zusammentreffen aller wichtigen Figuren in Zaroffs unheimlichen Schloss – und schon geht die Treibjagd los, die dann auch flott und mit viel Gespür für Timing umgesetzt wird. Es folgt ein schnelle Finale und ehe der Zuschauer Zeit zum Luftholen hat, ist der Film schon vorbei. Mit einer Länge von gerade mal 63 Minuten ist „The Most Dangerous Game“ ein typischer B-Film. Ursprünglich lief er mal 10 Minuten länger, doch allzu grausame Szenen in Zaroffs Trophäenraum ließen der Legende nach die Testzuschauer reihenweise den Kinosaal verlassen, was zu Kürzungen führte. Trotzdem ist der Film für seine Entstehungszeit recht gewagt, da der berüchtigte Hays-Code damals noch nicht verpflichtend war. Mit dem „großen Bruder“ “King Kong“ hat er neben den oben aufgeführten Überschneidungen vor allem auch die einzigartige Atmosphäre gemeinsam, welche die Dschungelszenen in diesem wie jenem Film auszeichnet und unvergesslich macht. Eine permanent düster-bedrohliche Stimmung, die aus dem Dschungel ein gefährliches Albtraumland macht, in dem alles passieren kann. Und welche beide Filme ziemlich klar im Horrorgenre verankert.

Der noch sehr junge Joel McCrae ist die ideale Verkörperung des aufrechten Amerikaners. Auch wenn er durchaus ein Seelenverwandter Zaroffs ist und sich diesem sicherlich ohne mit der Wimper zu zucken angeschlossen hätte, ginge es darum das letzte lebende Exemplar einer aussterbenden Spezies jagen. Nur die Jagd nach Menschen geht ihm ein wenig zu weit und übersteigt seinen moralischen Horizont. Davon abgesehen brüstet er sich ebenso arrogant mit seinen „Abschüssen“ und Fähigkeiten zum kaltblütigen Töten, wie es auch Zaroff tut. Zaroff erkennt in ihm also zurecht eine verwandte Seele. Der britische Bühnenschauspieler Leslie Banks personifiziert diesen Zaroff perfekt als Mann zwischen Wahnsinn und maßloser Eitelkeit. Zwar ist seine deutsche Synchronstimme sehr gut, doch nur in der Originalfassung kann Banks vollkommen glänzen. Sein arroganter, selbstverliebter und dabei auch leicht tuckiger Ton, der im Original mit einem weit weniger dicken russischen Akzent gesprochen wird, gibt perfekt auch die homoerotische Spannung zwischen ihm und McCrae wieder. Da bedarf es gar nicht der berühmten Szene in der McCrae in eine Art Lederkorsett gesperrt, um zu verstehen, dass Zaroff in ihm mehr als nur einen Kollegen sieht. Banks überaus interessantes Gesicht, welches durch eine halbseitige Lähmung einen unverwechselbaren, bedrohlichen Eindruck bekommt, ist da nur noch die zusätzliche Sahne auf der Torte. Demgegenüber verkommt die schöne Fay Wray fast zur nett anzuschauen Beigabe. Aber nur fast. Gekrönt wird dieses kleine Meisterwerk durch die kongeniale Musik Max Steiners, die wie der Film selber, großen Einfluss auf das Genrekino hatte.

Ein unverzichtbares Meisterwerk, dessen Glanz bis in unsere heutige Zeit strahlt und unzählige Nachfolger inspiriert hat. Die Handlung beschränkt sich auf das Nötigste und rauscht in schlanken 62 Minuten durch, lässt aber trotzdem Freiräume für Interpretation und baut gerade in den beeindruckenden Dschungel-Sets eine unheimlich-morbide Atmosphäre auf.

Die Blu-ray von Wicked Vision präsentiert den Film in der bestmöglichen Qualität. Zwar kommt es hier und dort zu altersbedingten Schäden und kurzen Laufstreifen, aber besser wird man diesen fast 90jährigen Film vermutlich nicht zu sehen bekommen. Zudem machen diese „Mängel“ auch gar nichts aus, denn das Bild ist größtenteils recht scharf. Auch der Ton weiß zu überzeugen. Die deutsche Synchro aus den 70ern ist gut mit vertrauten Sprechern, wobei ich allein aufgrund von Leslie Banks einmaliger Diktion immer die Originaltonspur (welche selbstverständlich mit an Bord ist) vorziehen würde. Bei den Extras bin ich etwas zwiegespalten: Rolf Giesen spricht das Intro, ist bei beiden Audiokommentaren dabei (einmal solo und einmal mit Kai Naumann), darf ein fünfminütiges Videoessay über die Remakes (bei dem er vieles auslässt) und schlussendlich noch ein sechsminütiges über den Film selber einsprechen. Das ist ziemlich viel Rolf Giesen, und ich glaube unterschiedliche Blickwinkel wären hier nicht nur abwechslungsreicher, sondern auch spannender gewesen. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass ich bei vielen seiner Einschätzungen und Kommentaren auch nicht einer Meinung mit ihm bin. Vor allem liegt mir noch immer sein berüchtigter Cronenberg/Himmler-Vergleich im Magen, den er in einem schrecklichen Pamphlet gegen den modernen Horrorfilm 1990 in seinem ansonsten empfehlenswerten Buch „Sagenhafte Welten. Der phantastische Film“ vom Stapel ließ. Dies hat aber nichts mit „The Most Dangerous Game“ zu tun, den er gewohnt kenntnisreich kommentiert, auch wenn sich hier und dort kleine Fehler einschleichen (nein, Steiners Score war nicht der erste durchgängige). Dass es dabei immer wieder zu Wiederholungen kommt, liegt auch in der Natur der Sache. Dass Giesen seine altväterlichen Vorurteile leider bis heute nicht abgelegt hat, merkt man spätestens, wenn er augenzwinkernd (?) feststellt, dass die Jugend von Heute durch die ganzen Killerspiele am PC irgendwann selbst zu kleinen Zaroffs werden. Da schüttelt es einen dann doch wieder – gerade vor dem Hintergrund der aktuellen „Gamer-Debatte“ im Zuge des Verbrechens von Halle. Ein absoluter Lichtblick ist dahingegen das wundervolle Booklet von Clemens G. Williges (sein Text liegt dabei sowohl auf Deutsch als auch in einer englischsprachigen Übersetzung vor). Hier mag ich voreingenommen sein, da ich Clemens als Chefredakteur (und quasi meinem Chef) der 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin kenne. Doch ich muss gestehen, dass mich das Booklet trotzdem sehr angenehm überrascht hat. Meiner Meinung nach, ist das Beste, was Clemens bisher geschrieben hat. Hut ab! Sehr informativ, gut verständlich und gegliedert, und vor allem sehr kurzweilig ohne dabei irgendwelche müde Witzchen zu bemühen, wie man es gerade bei Booklets oftmals vorfindet. Große Klasse. Wie überhaupt die ganze liebevolle Veröffentlichung.

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